14. Oktober 2011 von Klartext

«Es ist meine verdammte Pflicht vorne hinzustehen»

Bild: Daniel Ammann

Barbara Artmann führt erfolgreich das Schweizer Traditionsunternehmen Künzli Schuhe. Dabei nutzt sie geschickt die Medienaufmerksamkeit, die ihr als weibliche Unternehmerin zuteil wird. Interview: Aline Wüst und Fabian Vogt*

KT: Bei Ihrem ehemaligen Arbeitgeber UBS standen Sie im Hintergrund. Nun repräsentieren Sie Ihre eigene Firma. Stehen Sie gerne in der Öffentlichkeit?

Artmann: Es war zu Beginn eine Umgewöhnung. Auch wenn es für Künzli toll ist, für mich war es seltsam.

KT: Warum seltsam?

Artmann: Es war irritierend. Ich erinnere mich, wie ich nach der Übernahme von Künzli einen Verwaltungsrats- Kollegen um Rat gefragt habe, als die Journalisten jetzt plötzlich alle ein Interview von mir wollen.

KT: Was hat er geantwortet?

Artmann: Er sagte, dass ich mich daran gewöhnen müsse. Ich sei jetzt keine Angestellte mehr, sondern die Gallionsfigur und Inhaberin von Künzli Schuhe. So habe ich begriffen, dass es meine verdammte Pflicht ist, nach vorne zu gehen und die Fragen der Medien zu beantworten.

KT: Den Reaktionen der Öffentlichkeit zufolge, machen Sie das gut.

Artmann: In der Öffentlichkeit zu stehen, ist der Preis, den ich bezahlen muss, um Aufmerksamkeit für Künzli zu bekommen. Ich mach es mittlerweile auch ganz gerne.

KT: Ganz gerne? Das klingt nicht überzeugend.

Artmann: Meine Bekanntheit ist einfach gut für das Geschäft. Sie ist ein Geschenk des Himmels. Ich stehe inzwischen aber auch gerne im Rampenlicht und bemerke, dass ich es gut kann. Die Leute scheinen es zu mögen. Dazu habe ich schon an der Schule gern geschauspielert. Wenn man mir dabei auf die Nase und, viel wichtiger, auf die Schuhe schaut, ist das in Ordnung.

KT: Dermassen auf das Äussere reduziert zu werden, macht Ihnen also nichts aus?

Artmann: Solange niemand schreibt:, “Wie hässlich, was hat denn die Artmann wieder an!”, nein. Aber ich achte schon darauf, was ich trage. Darum erwischt man mich nicht einmal beim Gang zum Bäcker im Jogginganzug, der zu Kommentaren wie “unbeschreibbar angezogen” einladen würde. Das muss halt dann auch so sein.

KT: Sie spielen also ganz bewusst eine Rolle?

Artmann: Es ist eine Rolle, und die fülle ich gern aus. Ja, ich spiele mich ganz bewusst ein Stück weit selber, aber umgekehrt gestaltet die Rolle auch mich.

KT: Künzli und Artmann ist eine Erfolgsgeschichte. Könnten Sie auch mit Misserfolg umgehen?

Artmann: Darüber darf man gar nicht nachdenken, hat mir mal ein guter Chef gesagt. Wenn Künzli zwei miserable Jahresergebnisse vorlegen würde, werden die Medien negativ über die Firma und wohl auch mich berichten. Daran würde ich nicht sterben.

KT: Sie wurden immer wieder gefragt, woher Sie den Mut nahmen Künzli zu kaufen.

Artmann: Stimmt – finde ich gar nicht so mutig. Viele fragten mich auch, ob ich das ganz alleine durchgezogen hätte.

KT: Was antworten Sie?

Artmann: Ich sage dann jeweils, dass mein Freund mir geholfen habe, lehne mich zurück – und lächle.

KT: Damit geben sich die Leute zufrieden?

Artmann: Manche schon. Oder man fragt mich, warum ich jetzt lache. Dann sage ich schon, dass wirklich nur ich dahinterstecke. Das macht die Menschen durchaus auf Rollenklischees aufmerksam.

KT: Werden Sie von den Medien anders behandelt, weil Sie eine Frau sind?

Artmann: Ja klar. Aber das ist gut. Ich bin auch anders, weil ich eine Frau bin. Das ist ein rechter Vorteil. Schliesslich gibt es immer noch weniger Frauen in Kaderpositionen. Das schlägt sich auch in der Anzahl Berichte nieder.

KT: Ärgern Sie sich darüber?

Artmann: Im Gegenteil. Die Gegenpositionen zu Rollenklischees stehen ja dann oft genug im Artikel. So kann ich vielleicht ein bisschen was für die Frauen tun.

KT: Sind Sie eine Kämpferin für Frauenrechte?

Artmann: Jeder hat seinen Missionsbereich, und ich habe schon immer dafür gekämpft, dass Frauen ernst genommen werden – allerdings auf meine persönliche Art. Ich versuche das mit einem Lächeln zu machen, würde ich von Diskriminierung sprechen, käme beim Gegenüber gar nichts an.

KT: Wie meinen Sie das?

Artmann: Wir Frauen sind anders und das ist schön. Solches Gedankengut darf durchaus eine Vorreiterrolle einnehmen. Das spreche ich bewusst aus. Ausdrücke wie Diskriminierung ernten Ablehnung oder Weghören. Heute darf man zugeben, Frauen sind anders. Ich bin sowieso der bunte Hund – und das gern. Jede farbenfrohe Darstellung einer Frau in den Medien hilft der nächsten, nicht mehr die graue Maus spielen zu müssen.

KT: 2009 gewannen Sie den Swiss Award in der Kategorie Wirtschaft. Als Sie von der Nomination hörten, wollten Sie den Preis zuerst gar nicht annehmen. Weshalb?

Artmann: Ich hatte das Gefühl, dass mir der nicht zusteht. Ausserdem kann man doch nicht einen Nicht-Schweizer zum Schweizer des Jahres wählen. Ich befürchtete sogar, dass dies zu viel und vielleicht schädlich werden könne.

KT: Nicht erst seit der Auszeichnung mit dem Swiss-Award sind Sie ein Darling der Medien. Sind Sie wirklich so nett, wie Sie dargestellt werden?

Artmann: Wie man in den Wald ruft, so schallt es heraus. Man kann nicht fürchterlich mit seinem Personal umgehen und sich dann ganz anders in den Medien darstellen. Ich verhalte mich nicht so, weil ich lieb bin, sondern weil ich mir rücksichtsvollem Umgang auch für mich wünsche. Was ich nehmen möchte, muss ich auch geben. Sonst geht das schief, egal wo.

KT: Also stimmt das Bild, dass die Medien von ihnen zeichnen?

Artmann: Ja, es ist ein ehrliches Bild. Aber natürlich weiss ich auch, was ich sagen muss, wenn Journalisten kommen.

KT: Klingt nach einer ausgeklügelten PR-Strategie.

Artmann: Ich sage das, was ich lesen will, aber verstecke trotzdem nichts. Jeder, der ein Interview mit mir macht, hilft Künzli. Dafür möchte ich auch etwas von mir preisgeben. Wenn ich Privates erzähle, mögen es nicht die bestgehüteten Geheimnisse sein, aber Wahres und Offenes.

KT: Haben Sie auch schon Aussagen bereut, die Sie gemacht haben?

Artmann: Ich bin auch schon erschrocken beim Gegenlesen. Aber wer Grenzwertiges sagt, muss nachher auch den Mut haben, es in der Zeitung zu lesen.

KT: Ihr früherer Arbeitgeber hat eine weniger ungetrübte Beziehung zur Presse.

Artmann: Ich glaube, dort geschahen grobe Fehler im Umgang mit der Presse. Gerade wenn etwas passiert, ist es wichtig, dass man das offen zugibt. Wenn ein Unternehmen von den Medien dargestellt werden will, kann es auch schlechte Nachrichten geben. Alles im Leben hat seinen Preis.

* Aline Wüst und Fabian Vogt führten das Interview im Rahmen der Werkstatt «Storytelling» von Barbara Lukesch an der ZHAW, Winterthur.

Barbara Artmann, 49, studierte Betriebswirtschaft und Psychologie. Sie war in diversen Firmen im Marketing- und Finanzsektor tätig, zum Beispiel als Brand Manager bei Procter & Gamble, Consultant bei McKinsey oder als Leiterin Strategische Projekte im Asset Management der UBS. 2004 übernahm die gebürtige Bayerin das Schweizer Traditionsunternehmen Künzli SwissSchuh AG. Artmann führte die Schuhfirma zurück zum Erfolg und wurde dafür im Jahr 2009 mit dem Swiss Award in der Kategorie Wirtschaft ausgezeichnet.

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5. September 2011 von Klartext

«Viele Journalisten sind zu oberflächlich»

Bild: Melanie Duchene/GC

Ciriaco Sforza, Trainer des Grasshopper Club Zürich (GCZ), sprach mit Silvan Gruber und Michael Schifferle über seine Erfahrungen mit Medien, 0815-Fragen und warum er bewusst auf Floskeln zurückgreift.*

KT: Herr Sforza, Sie stehen seit 24 Jahren im Scheinwerferlicht. Können Sie sich ein Leben ohne Medien überhaupt noch vorstellen?

Sforza: Irgendwann sicher. Aber solange ich im Fussballgeschäft tätig bin, gehört die Presse zu meinem Berufsalltag dazu.

KT: Inwiefern hat sich Ihr Umgang mit den Medien in all diesen Jahren verändert?

Sforza: Heute kann ich die Absichten der Journalisten besser einordnen als früher. Mittlerweile weiss ich auch ziemlich genau, wem ich vertrauen kann und wem nicht.

KT: Und?

Sforza: Ich vertraue Journalisten, von denen ich weiss, dass sie seriös arbeiten, ihren Beruf ernst nehmen und den Mut haben, sich ein eigenes Bild zu machen.

KT: Wurden Sie diesbezüglich auch schon enttäuscht?

Sforza: Ja. Aber das sind Erfahrungen, die man machen muss. Denn aus Fehlern lernt man bekanntlich.

KT: Nach dem Europacup-Spiel im vergangenen August gegen Steaua Bukarest, das sie 0:1 verloren, haben Sie einen Journalisten der Sportinformation wegen eines negativen Berichts vor versammelter Delegation verbal attackiert. Haben Sie dabei nicht etwas empfindlich reagiert?

Sforza: Ich habe mich vor meine Mannschaft gestellt, es ging mir nicht um mich. Ich durfte meine Mannschaft nicht kaputtmachen lassen von einem Journalisten, den ich noch nie gesehen hatte – weder an einem Spiel noch an einem Training. Dieser Angriff musste sein. Ich sage immer: ein Journalist darf kritisieren, aber er muss korrekt sein. Und in diesem Fall war er es nicht.

KT: Wäre die Kritik anders ausgefallen, wenn Sie den Journalisten gekannt hätten?

Sforza: Ja, sicher. Aber manchmal muss man sich einfach wehren, sonst machen Journalisten, was sie wollen.

KT: Neben den Schweizer Medien kennen Sie aus Spielerzeiten auch die deutsche und italienische Medienwelt. Wo sehen Sie Unterschiede?

Sforza: In Italien zum Beispiel befassen sich die Journalisten mehr mit Fussball. Sie interessieren sich für Taktik, Einzelspieler, kommende Gegner – sie fragen nach fussballspezifischen Zusammenhängen. Die häufigsten Fragen, die mir in der Schweiz gestellt werden, lauten: „Wie geht ihr mit dem Druck um?“ und, wenn wir verloren haben: „Warum war der Gegner besser.“ Das sind 0815-Fragen. Damit kann ich nichts anfangen.

KT: Ausländische Sportjournalisten sind also kompetenter.

Sforza: Vor allem diejenigen in Italien. Man darf nicht pauschalisieren, überall gibt es bessere und schwächere. Aber im Durchschnitt beschäftigen sich Journalisten aus Italien und Deutschland mehr mit fachlichen Fragen, mit dem Fussball als Spiel.

KT: Was ist der Grund dafür?

Sforza: In diesen Ländern gibt es Fachmagazine. Die „Gazzetta dello Sport“ oder den „Corriere dello Sport“ als Beispiele. Das sind Magazine, die von ihrer Fussball-Berichterstattung leben. Und das merkt man. Diese Journalisten sind vorbereitet, wissen etwas über die Mannschaft und den Trainer, weil sie sich ernsthaft für sie interessieren. Hier ist das – ausser bei einer kleinen Minderheit – nicht der Fall.

KT: Sind die Schweizer Sportjournalisten zu oberflächlich?

Sforza: So ist es. Schweizer Journalisten hacken meistens immer auf der Rangliste herum und schauen kaum auf grundsätzliche Entwicklungen; ich tue das Gegenteil. Auch wenn ich weiss, dass im Fussball in letzter Konsequenz die Resultate zählen, ist es einfach oberflächlich, ausschliesslich auf die Tabelle zu schauen.

KT: Hat das nicht auch damit zu tun, dass der Fussball in besagten Ländern eine grössere Bedeutung hat?

Sforza: Weshalb interessieren sich die Leute in Italien oder Deutschland mehr für Fussball? Auch wegen den Medien. Hätten wir in der Schweiz, vor allem im Fernsehen, eine breitere und bessere Berichterstattung, hätten wir in jedem Super-League-Spiel 2000 bis 5000 Zuschauer mehr.

KT: GC ist nach Luzern Ihre zweite Trainerstation. Was hat sich verändert, seit Sie nicht mehr als Spieler, sondern als Trainer in der Öffentlichkeit stehen?

Sforza: Als Spieler konnte ich mich in erster Linie auf meine Person konzentrieren. Jetzt als Trainer vertrete ich zusätzlich auch noch den Verein und meine Spieler.

KT: Wie bereiten Sie sich auf Pressekonferenzen vor?

Sforza Gar nicht. Ich bin durchaus in der Lage, spontan auf die Fragen der Journalisten zu antworten. Zudem bin ich mir immer bewusst, was ich sage. Auch direkt nach einem hektischen Spiel.

KT: Sind Sie nervös, wenn Sie vor den Journalisten sprechen?

Sforza: Nein. Ich würde auch vor 30 Präsidenten sprechen, ohne nervös zu sein.

KT: Journalisten sagen dennoch, Sie würden sehr oft auf Floskeln zurückgreifen.

Sforza: Das stimmt auch. Die Medien wollen, dass ich Spieler öffentlich in die Pfanne haue. Aber das mache ich nicht. Ich weiss, dass Journalisten fast immer Negatives hören wollen und darf deshalb nicht ins gleiche Horn blasen wie sie. Da setze ich bewusst auf Floskeln.

KT: Aber mit der Mannschaft sprechen Sie Klartext.

Sforza: Natürlich spreche ich die Probleme intern konkret an. Diese sollten aber nicht nach aussen getragen werden. Somit kann ich meine Spieler besser schützen und setze sie nicht noch zusätzlich unter Druck. Der langjährige Bundesligatrainer Volker Finke hat einst gesagt, er habe drei Wahrheiten: seine persönliche, jene gegenüber der Mannschaft und eine gegenüber den Medien. So sehe ich es auch.

KT: Obwohl GC zwischenzeitlich auf dem letzten Tabellenplatz stand, stehen Sie als Trainer kaum in der Kritik. Wieso?

Sforza: Das liegt daran, dass wir als Verein geschlossen auftreten. Ich als Trainer sende Signale nach aussen und zeige, dass ich ruhig bleibe, von unserer Strategie überzeugt bin. Zudem läuft in der Öffentlichkeitsarbeit bei uns nichts ohne unseren Medienchef Eugen Desiderato, der alle Interviews gegenliest. So verhindern wir Falschaussagen.

* Silvan Gruber und Michael Schifferle führten das Interview im Rahmen der Werkstatt «Storytelling» von Barbara Lukesch an der ZHAW, Winterthur.

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8. Juli 2011 von Klartext

«Wir sind ein Stachel im Fleisch»

Koeppel
Bild: Ruben Wyttenbach

Roger Köppel steht als Fels in der Brandung der Medienwelt. Im Dienste der Demokratie verfolgt er unerschütterlich seinen staatskritischen Kurs. Beatrice Peter und Lukas Langhart haben nachgefragt*.

KT: Herr Köppel, warum schwimmen Sie gegen den Strom?

Köppel: Weil ich muss. Es ist die Aufgabe der Zeitung, Gegensteuer zu geben und die Macht zu kritisieren. Ich bin staatskritisch und wirtschaftsfreundlich. Aus dieser Haltung heraus arbeite ich. Das Wichtigste am Journalismus ist die kritische Unabhängigkeit und die Recherche. Ein amerikanischer Chefredaktor sagte mir einmal: Glaube nie Deiner Regierung. Diesem Credo lebe ich nach.

KT: Ein guter Journalist schreibt also immer staatskritisch?

Köppel: Journalisten sollten Nonkonformisten sein. Wer den Mainstream herausfordert, wer gegen den Strom schwimmt, hebt das Niveau der Diskussion. Erstaunlicherweise befinden sich viele Journalisten im Mainstream. Das hat wohl mit Bequemlichkeit zu tun. Ich aber irritiere – weil die Weltwoche sehr kritischen Journalismus verlangt. Und das ist gut so. Ich finde, alle guten Zeitungen sollten irritieren.

KT: Trotzdem wird der Kurs der Weltwoche immer wieder kritisiert, auch von Journalisten.

Köppel: Wir sind ein Stachel im Fleisch. Wenn wir sagen, dass etwas nicht ganz so ist, wie es andere schreiben, wenn wir Missstände aufdecken, ist es selbstverständlich, dass sich Widerspruch regt. Der Widerspruch, manchmal die Empörung, ist gross, weil die Fakten stimmen und die Weltwoche eine wichtige politische Stimme im Land ist. Wer als Erster eine Burg erobert, bekommt am meisten Pech und Schwefel ab. Damit muss man leben.

KT: Versteckt sich hinter dem Anti-Mainstream-Kurs eine Ideologie oder verkauft sich das Blatt damit einfach besser?

Köppel: Ideologien sind weltfremd und menschenfeindlich, weil sie den Menschen unter die Herrschaft von Ideensystemen stellen wollen und die Realität ausblenden. Das ist mir fremd. Selbstverständlich mache ich alles, um die Marke der Weltwoche zu stärken, schliesslich trage ich als Verleger und Eigentümer das alleinige Risiko. Mir schwebt die Weltwoche als das unabhängige Medium der Schweiz vor, welches man konsultiert haben muss, bevor man sich eine Meinung zu einem wichtigen Thema in diesem Land bilden kann.

KT: Wünschen Sie sich mehr Konkurrenz, die ins selbe Horn bläst wie die Weltwoche?

Köppel: Ich bin ein dezidierter Verfechter des Wettbewerbs, aber ich würde schwindeln, wenn ich sagen würde, ich wünschte mir mehr Konkurrenz. Jeder Unternehmer wäre gerne ein Monopolist. Wir sind es zum Glück nicht. Aber wir sind immerhin so erfolgreich, dass uns andere Medien kopieren.

KT: Ist die Weltwoche demnach die beste Zeitung der Schweiz?

Köppel: Das würde ich nie behaupten, aber unser Vorteil ist unsere Unabhängigkeit. Wir können auch schreiben, was andere nicht zu schreiben wagen. Es muss einfach Hand und Fuss haben. Es gibt viele starke Zeitungen und Journalisten in der Schweiz. Ich bewundere zum Beispiel Peter Übersax, den ehemaligen Chefredaktor des Blicks. Vor seinen Leistungen in den 70er und 80er Jahren habe ich grössten Respekt.

KT: Wen bewundern Sie sonst noch?

Köppel: Den Spiegel der frühen sechziger Jahre. Die Zeitung war ein Ärgernis für das deutsche Establishment. Den Linkskurs des Spiegels teile ich nicht, aber die kritische Haltung ist massgebend. Über meine heutigen Kollegen möchte ich mich nicht äussern, da müssen Sie mich als Unternehmer verstehen: Wenn ich dem Klartext schon mal ein Interview geben darf, sollte ich die Weltwoche in den Vordergrund rücken.

KT: Dann also zu Ihnen: Was können Sie besser als die anderen?

Köppel: Sie bringen mich in Verlegenheit. Ich klopfe mir doch nicht öffentlich auf die Schultern. Ich bin breit interessiert und habe Freude an interessanten Argumenten. Ich finde es wichtig, die Leute zu provozieren, sie also in ein Gespräch zu verwickeln.

KT: Da sind Sie doch aber nicht der Einzige.

Köppel: Das würde ich auch nie behaupten. Was mich von anderen unterscheidet, ist meine Sturheit. Wenn ich nach reiflicher Diskussion einen Weg als richtig erkannt habe, setze ich alles daran, dass er auch eingeschlagen wird. Ich glaube, ich kann ein ziemlich unbequemer Chef sein, weil es mir nicht egal ist, was wir schreiben. Zum Glück habe ich exzellente Leute, die damit umgehen können.

KT: Sie treten häufig im Fernsehen auf. Wird Ihnen der Printjournalismus zu langweilig?

Köppel: Nein. Wenn ich vom Fernsehen angefragt werde, stehe ich hin. Man muss seinen Standpunkt ja nicht nur auf einem Blatt Papier vertreten können.

KT: Stehen Sie gerne vor der Kamera?

Köppel: Die Kamera ist ehrlich. Es spielt nicht nur eine Rolle, was ich sage, sondern auch, wie ich es sage. Ich stemple das Fernsehen nicht als Boulevardmedium ab. Das tun vor allem diejenigen, die vor der Kamera nicht so gut rüberkommen.

KT: Sie fühlen sich dem Medium Fernsehen also gewachsen?

Köppel: Ich hatte noch nie Probleme damit, vor Leute zu stehen und etwas zu sagen. Aber ein Fernsehauftritt ist noch anspruchsvoller. Ich habe jedes Mal Lampenfieber. Verhasple ich mich? Verliere ich den Faden? Mache ich mich lächerlich? Es ist jeweils eine grosse Herausforderung.

KT: Sie sind sogar einmal aus den Ferien für eine Talkshow nach Berlin geflogen.

Köppel: Das war einfach eine gute Sendung zu einem guten Thema. Man wird ja nicht jeden Tag nach Deutschland eingeladen. Ich möchte diese Kontakte pflegen.

KT: In der Schweiz haben Sie erreicht, was es als Journalist zu erreichen gibt: Sie sind Verleger und Chefredaktor eines renommierten Blattes und können machen, was Sie wollen. Was nun?

Köppel: Ich hätte mir nie träumen lassen, dass es einmal so weit kommt. Aber ich habe noch nicht das Gefühl, dass ich alles erreicht habe. Im Gegenteil: Ich bin der letzte, der sich selber auf die Schulter klopft. Als Unternehmer ist Zufriedenheit der erste Schritt in den Untergang. Auch die Weltwoche muss noch besser werden.

KT: Würde es Sie nicht reizen, in Deutschland eine Art Weltwoche zu lancieren?

Köppel: Mich reizt alles (lacht). Deutschland würde eine solche Zeitung gut tun. Die Frage ist, ob man Erfolg hat oder einfach Millionen in den Sand setzt. Momentan habe ich keine solchen Pläne, ich konzentriere mich auf die Schweiz. Aber wir werden sehen – lassen Sie sich überraschen.

* Beatrice Peter und Lukas Langhart führten das Interview im Rahmen der Werkstatt «Storytelling» von Barbara Lukesch an der ZHAW, Winterthur.

Umtriebiger Journalist und Unternehmer

Roger Köppel, 46, wuchs im Raum Zürich auf. 1988 startete er seinen journalistischen Werdegang in den Ressorts Sport und Kultur bei der NZZ. 1995 schloss er sein Studium der Politischen Philosophie und Wirtschaftsgeschichte ab. Zwei Jahre später wurde er zum Chefredaktor des Tages-Anzeiger-Magazins berufen, 2000 zum stellvertretenden Chefredaktor des Tages-Anzeigers und 2001 zum Chefredaktor der Weltwoche. Danach leitete er für zwei Jahre die Redaktion der deutschen Tageszei-tung Die Welt, bevor er 2006 als Verleger und Chefredaktor zur Weltwoche zurückkehrte. Roger Köppel ist verheiratet und hat einen anderthalbjährigen Sohn.

16. Juni 2011 von Klartext

«Vor Journalisten gehe ich nicht in die Knie»

Bild: ZVG

Der Satiriker Viktor Giacobbo ist seit zwanzig Jahren im Geschäft. Wie nahe lässt man da Kritik noch an sich heran? Das Gespräch mit Giacobbo über Eitelkeiten, Streitlust und die Wichtigkeit guter Argumente führten Stephan Eisler und Helena Gunsch*.

KT: Herr Giacobbo, warum kommen fast alle Ihre Projekte beim Publikum so gut an?

Giacobbo: Da wüsste ich auch ein paar, die nicht so gut angekommen sind… Aber wenn eines gut ankommt, haben die Leute möglicherweise gespürt, dass es mir selber ebenfalls Spass macht. Wenn ich bei einem Projekt die Lust verliere, höre ich auch wieder auf – das habe ich schon immer so gehalten.

KT: Auf Ihre Sendung Giacobbo/Müller erhalten Sie viel Resonanz. Gemäss einer Glückspost-Umfrage sind Sie sowohl in der Rubrik der beliebtesten wie auch der nervigsten Schweizer jeweils in den Top Ten. Welche Rückschlüsse ziehen Sie daraus?

Giacobbo: Aus dieser lausigen Umfrage ziehe ich überhaupt keine Rückschlüsse. Das ist für Mike und mich bloss ein Anlass, einen Joke darüber zu machen. Natürlich polarisiert eine Sendung wie unsere, aber das muss sie ja auch. Für die einen ist man der Nervigste, für die anderen der Grösste. Beides darf man nicht überbewerten. Aber man muss ein Umfeld haben, das nicht aus derselben Branche kommt, sondern auch aus Leuten besteht, die einem ganz ehrlich sagen: ‚Das war jetzt schwach, was du da gemacht hast. Das hat mir gar nicht gefallen.‘ So bleibt man am Boden.

KT: Werden Sie in den Medien so dargestellt, wie Sie sich das wünschen?

Giacobbo: Ich glaube schon. So gross kümmert mich das aber nicht. Ich bin seit zwanzig Jahren in den Medien und habe von Hymnen bis zum Totalverriss alles erlebt. Irgendwie nivelliert sich das dann. Man muss selber wissen, welche Bedeutung man dem eigenen Image beimessen will. Ich würde niemals etwas im Fernsehen oder auf der Bühne machen, nur um mein Image aufzubessern oder in eine bestimmte Richtung zu lenken.

KT: Eitelkeit ist also ein Fremdwort für Sie.

Giacobbo: Was die Darstellung meiner Person in der Öffentlichkeit betrifft, bin ich tatsächlich nicht eitel. Als Künstler bin ich aber sehr wohl eitel. Ich will gut rüberkommen mit meiner Arbeit. Mike und ich kokettieren in unserer Sendung damit, dass er der Dicke ist und ich der Alte. Wir beziehen uns mit ein und schonen uns nicht. Das spüren die Leute und es trägt wohl zu unserer Glaubwürdigkeit bei. Gerade in der Komik geht es immer um persönlichen Geschmack. Deshalb ist es manchmal egal, ob man gelobt oder verrissen wird.

KT: Muss man ein Weltverbesserer sein, um glaubhaft Satire machen zu können?

Giacobbo: Weltverbesserer wohl nicht gerade. Aber man kann keine Satire machen, wenn es einem egal ist, was auf der Welt geschieht. Man muss einen eigenen Standpunkt haben. Man muss sich auch ein wenig empören oder gar aufregen können. So entstehen die Themen für unsere Sendung.

KT: Welche Absichten verfolgen Sie dabei?

Giacobbo: Satire ist eine Unterhaltungsform, die Aktualitäten als Grundmaterial benützt. Wenn wir Politiker imitieren, finden das selbst Leute, die politisch nicht so gut informiert sind, lustig. Auch wenn sie nicht ganz begreifen, worum es inhaltlich geht. Vor einiger Zeit haben drei Gymnasiastinnen Mike und mich interviewt. Eine davon erzählte, sie habe die Sendung anfangs gar nicht gut gefunden, weil sie nie genau gewusst habe, wovon die Rede sei.

KT: Und Sie konnten sie dazu bekehren, die Nachrichten zu schauen?

Giacobbo: Ich will doch niemanden bekehren. Nein, ihre zwei Kolleginnen haben ihr geraten, Zeitung zu lesen. Darauf sagte sie, sie habe sich wegen unserer Sendung eine Tageszeitung abonniert, die sie seither regelmässig lese. Wenn junge Leute sich unseretwegen für Politik zu interessieren beginnen, ist das eines der schönsten Komplimente, das ich bekommen kann.

KT: Es gibt allerdings auch Leute, die mit Ihrer Ironie nichts anfangen können.

Giacobbo: Es gibt sogar Leute, die unsere Ironie nicht einmal erkennen. Da besteht dann die Gefahr, dass wir missverstanden werden, gerade bei Figuren wie beispielsweise Harry Hasler. Ich musste damals tatsächlich einigen Feministinnen erklären, dass bei Harrys Sprüchen nicht die Frauen die Zielscheibe sind, sondern eben Typen wie er.

KT: Wie gehen Sie mit solchen Leuten um?

Giacobbo: Das ist deren Problem, nicht meines. Wer mit Giacobbo/Müller gar nichts anfangen kann, soll unsere Sendung nicht mehr anschauen. Ganz einfach.

KT: Haben Sie Mühe mit Kritik?

Giacobbo: Überhaupt nicht, aber ich streite gern. Das ist ein Unterschied. Ich mag den Diskurs. Wenn jemand etwas Unausgegorenes sagt, gebe ich gerne zurück. Mir kann jeder direkt sagen, wenn er etwas von mir schlecht gefunden hat. Ich hoffe einfach, dass er für seine Meinung ein paar Argumente hat, die einem Streit standhalten. Dann macht Kritik Spass.

KT: Wo hört bei Ihnen der Spass auf?

Giacobbo: Wenn etwas nicht lustig ist.

KT: Wie definieren Sie lustig?

Giacobbo: Wenn ich etwas an einer Kritik lustig finde oder witzig oder angriffig, macht mir die Kritik Spass, auch wenn sie gegen mich gerichtet ist. Wenn ich allerdings merke, dass der Kritiker mir oder meiner Arbeit gegenüber eine vorgefasste Meinung hat, verliere ich die Lust. Das ist langweilig.

KT: Wie haben Sie gelernt, sich von ungerechtfertigter Kritik nicht aus dem Konzept bringen zu lassen?

Giacobbo: Ich gehe nicht auf die Knie vor Journalisten. Wir kritisieren in unserer Sendung ja auch andere Medien – das unsere sowieso. Manchmal soll und darf Kritik durchaus ungerechtfertigt oder tendenziös sein. Das ist auch weiter nicht schlimm, wenn diese Kritik als persönliche Meinung erkennbar ist, sich nicht hinter ‚Fakten‘ versteckt. Sie muss dann aber zumindest eines sein, nämlich unterhaltend.

*Stephan Eisler und Helena Gunsch führten das Interview im Rahmen der Werkstatt «Storytelling» von Barbara Lukesch an der ZHAW, Winterthur.

Viktor Giacobbo

1952 in Winterthur geboren, arbeitete er nach seiner Lehre als Schriftsetzer als Korrektor, Lektor und Mediendokumentalist bei verschiedenen Medienhäusern. Heute ist er als Autor und Produzent tätig. Zudem spielt er in Filmen (Ernstfall in Havanna, Undercover), moderiert eigene Satiresendungen (Viktors Spätprogramm, seit 2008 Giacobbo/Müller) und steht als Kabarettist auf der Bühne (Sickmen, Erfolg als Chance). Giacobbo wurde insbesondere durch seine Figuren Harry Hasler, Debbie Mötteli und Fredi Hinz populär. Als Letzterer war er 2006 auf Schweizer Tournee mit dem Zirkus Knie. Im Jahr 2000 gründete er das Casinotheater Winterthur, dessen Verwaltungsratspräsident er gleichzeitig ist. Viktor Giacobbo gewann unter anderem schon vier Mal den Prix Walo für seine Engagements im Schweizer Fernsehen. Er wohnt in der Nähe von Winterthur.

29. April 2011 von Klartext

Mitteilung der Herausgeber

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