5. Juli 2010 von Nick Lüthi

Viel Geld für guten Journalismus

Auszeichnungen für journalistische Leistungen gibt es in der Schweiz zuhauf. Was aber fehlt, ist ein Leitpreis, der Schweizer Pulitzer sozusagen. Mit dem «Diamant» soll sich das ändern. Kritische Stimmen finden, Journalismus liesse sich sinnvoller fördern als mit solchen Preisen.

Obwohl es eigentlich auf der Hand liegt, fällt der Name Pulitzer nie. Vielleicht aus Ehrfurcht, vielleicht, weil der Vergleich mit der Mutter aller Medienpreise hinkt oder weil man sich nicht mit ihm messen möchte, bevor die «Diamanten» erstmals vergeben worden sind. Zumindest beim Preisgeld brauchen die Preisstifter den Vergleich nicht zu scheuen. 20’000 Franken erhält jeder «Diamant»-Preisträger, beim Pulitzer sind es «nur» 10’000 Dollar. Finanziell spielt die neue Auszeichnung in der obersten Liga. Kein Wunder, schliesslich steht hinter dem «Diamant» die potente Stiftung Reinhardt von Graffenried, mit elf Millionen Franken dotiert von Charles von Graffenried und Erwin Reinhardt, den beiden ehemaligen Mehrheitseignern der Berner Espace Media.
Beim «Diamanten» handelt es sich im Kern um den bisherigen BZ-Preis für Lokaljournalismus. Dieser wurde im vergangenen Jahr zum letzten Mal verliehen. Nun wird alles neu. Neben Presse und Fotografie werden zukünftig jedes Jahr auch Arbeiten aus den Bereichen Radio, TV und Online prämiert. «Berner Zeitung» und Espace Media respektive Tamedia haben mit dem Preis nichts mehr zu tun. «In der Vergangenheit war die Nähe zu einem Medienunternehmen oftmals ein Problem», sagt Guido Albisetti, Präsident der Stiftung. Auf dem Medienplatz Bern etwa habe der «Bund» die Auszeichnungen lange Zeit totgeschwiegen, weil er nicht für die Konkurrenz werben wollte, «es sei denn, ein ‹Bund›-Journalist oder -Fotograf sei ausgezeichnet worden», erinnert sich Albisetti.
Von der neu gewonnenen Unabhängigkeit erhofft man sich eine grös­sere Resonanz in der Öffentlichkeit. «Im Zentrum soll schliesslich der Lokaljournalismus stehen, die Königsdisziplin der Branche, und nicht die Stiftung», erklärt Franziska von Weis­senfluh, Geschäftsführerin der Fondation Reinhardt von Graffenried. Anders als beim BZ-Journalismuspreis wird Charles von Graffenried nicht mehr ans Rednerpult treten. «Die beiden Stifter halten sich bewusst im Hintergrund.» Von Weissenfluh, langjährige «Berner Zeitung»-Geschäftsleiterin, ist nicht mehr länger im Medienbereich tätig und tritt in ihrer Funktion bei der Stiftung als Privatperson auf.
Nur allzu oft dienen Auszeichnungen im Medienbereich als Werbeträger für den Preisstifter. So sind in der Schweiz rund die Hälfte aller Journalismuspreise von Unternehmen oder Verbänden finanziert. Stephan Russ-Mohl, Medienwissenschaftler in Lugano, findet, solche «PR-Veranstaltungen» schadeten dem Ansehen der unabhängigen Preise. Dabei erwähnt er das Beispiel der «New York Times», wo die Chefredaktion Vorgaben macht, um welche Auszeichnungen sich die RedaktorInnen bewerben dürfen.
Bei einer Preissumme von total 110’000 Franken stellt sich automatisch die Frage, welche Wirkung die «Diamant»-Preise auf den immer wieder als kritisch beschriebenen Zustand des heimischen Journalismus entfalten werden. Kein Zweifel: Die einzelnen PreisträgerInnen erhalten einen hübschen Zustupf. Ob sie diesen allerdings in weitere journalistische Projekte stecken oder – durchaus berechtigterweise – einfach auf den Malediven verprassen, ist alleine ihnen überlassen. Nachhaltigkeit sieht anders aus.

«Preise sind zynisch»

«Das viele Geld würde man sinnvollerweise in längerfristige Projekte oder in Redaktionen investieren», findet Vinzenz Wyss, Professor für Journalistik in Winterthur. Und Wyss geht noch einen Schritt weiter, wenn er Journalismuspreisen in der heutigen Zeit einen «zynischen Charakter» unterstellt: «Man feiert oft, was eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte, und alle wissen genau, dass sich solcher Journalismus unter normalen Bedingungen nicht mehr finanzieren lässt.»
Franziska von Weissenfluh weiss aus eigener Erfahrung, wie es um den Journalismus steht. Schliesslich hat sie als Verlagschefin einige Male bei «Bund» und «Berner Zeitung» den Rotstift angesetzt und Personal abgebaut. Umso wichtiger findet sie, dass trotz schwierigen Zeiten JournalistInnen eine besondere Wertschätzung erfahren: «Besonders der Lokaljournalismus, der sich nicht durch Agenturen oder mit Synergien ersetzen lässt, hat mehr Aufmerksamkeit verdient.»


27. April 2010 von Bettina Büsser

«Bei mir muss echt etwas laufen»

BaZ-Verleger Martin Wagner; Bild: BaZ/Mischa Christen

Die neuen Besitzer Tito Tettamanti und Martin Wagner wollen bei der «Basler Zeitung» «etwas bewegen und umsetzen». Ihr Vorbild dafür heisst Ringier: Auch in Basel will man im Unterhaltungsbereich wachsen.

Wird die «Basler Zeitung» (BaZ) so bald wie möglich gewinnbringend weiterverkauft? Oder auf einen rechtsnatio­nalen Kurs gebracht? Diese beiden Fragen stellte man sich auf der BaZ-Redaktion, als bekannt wurde, wer die Basler Zeitung Medien (BZM) gekauft hat: Investor Tito Tettamanti und Medienanwalt Martin Wagner.
«Wir steigen sicher langfristig ein», betont Martin Wagner gegenüber Klartext auf die Frage, ob ein schneller Weiterverkauf zu erwarten sei. «Es sind keinerlei Verkaufsabsichten da, wir wollen das Tageszeitungsmodell in unserer Medienlandschaft erhalten, rentabel machen und die Gruppe weiterentwickeln.» Wagner ist nun Verwaltungsratspräsident der BZM-Gruppe und BaZ-Verleger; er hat seine bisherige Tätigkeit in der Anwaltskanzlei «nahezu» eingestellt: «Alles ist auf meine Partner übertragen, nur Constantin Medien, Axel Springer Schweiz und die ‹Weltwoche› sowie einige ausgewählte Mandanten betreue ich weiter.»
Und wie sieht es mit der ideologischen Motivation aus? «Wenn Tito Tettamanti und ich von Medienvielfalt sprechen, sprechen wir von Meinungsvielfalt. Es müssen verschiedene Meinungen zum Ausdruck kommen», sagt Wagner. Gebe die BaZ «allen» eine Plattform, tue es ihm nicht weh, «wenn auch Meinungen vertreten werden, die nicht mir entsprechen». Wagner fordert aber von der BaZ-Redaktion eine «positive Grundhaltung» gegenüber Basel, den Behörden, Institutionen und Menschen in Basel, eine «wirtschaftsfreundlichere Note»: «Man muss sich überlegen, wer hier Arbeitgeber in der Region ist, wer etwas für die Erhaltung der Region tut. Diese Leistungen wurden mir in der Vergangenheit viel zu wenig beleuchtet. Man muss nicht in jeder Situation von einer Verschwörung ausgehen.»
Die BaZ-Redaktion hört die Meinung ihres neuen Verlegers via Chefredaktor Matthias Geering; er gehört der Konzernleitung an. Dort, so Wagner, «sieht der Chefredaktor, was im Werbe- und Lesermarkt, was im Unternehmen geschieht. An den Konzernleitungssitzungen gibt es auch regelmässig eine Blattkritik; er hört von der Konzernleitung, was gut war und was nicht gut war.»

Redaktion reagiert gelassen
Auf Rückmeldungen über die politische Ausrichtung ist die Redaktion vorbereitet – schon länger. Ende Januar hatte nämlich Christoph Blocher bei «Teleblocher» darüber sinniert, dass es «schade» wäre, wenn die NZZ die BZM übernähme, da so «Monopole in der Meinungsbildung» entstünden. Prompt kursierte das Gerücht, Blocher wolle die BaZ übernehmen, was in der Redaktion zu Diskussionen Anlass gab. «Vieles war schon diskutiert», ist zu hören. «Darum war die Reaktion auf die Übernahme durch Tettamanti und Wagner nicht so heftig.» Überhaupt werde Wagner die Zeitung ja wohl kaum an der Basler Bevölkerung, «unseren LeserInnen», vorbei nach rechts positionieren.
Offenbar ist die Stimmung auf der Redaktion pragmatisch, was auch mit der Vorgeschichte zu tun hat: «Seit Jahren wird gespart, Verleger Hagemann hat das Unternehmen nur noch abgewickelt», sagt ein Mitarbeiter. «Es braucht jemanden, der weiss, was er mit der Zeitung will. Dann ist es mir egal, wo er politisch steht.»
Auf alle Fälle hat Wagner ein neues Finanzierungsmodell: «Wir wollen die Tageszeitung qualitativ hoch stehend halten, deshalb muss ich mir daneben andere Ertragsquellen erschliessen. Wir haben eine wertvolle Dachmarke, Basler Zeitung Medien, unter dieser Dachmarke können x andere Aktivitäten laufen, die Erträge generieren. Es braucht zusätzliche Standbeine.» Ein Standbein soll dabei der Bereich Entertainment sein. Für Wagner ist die Entertainment-Strategie von Ringier «wegweisend»: «Ich würde es willkommen heissen, wenn Ringier mit uns im Bereich ‹Ticketcorner› und ‹Goodnews› kooperieren würde.»

«Wir wollen nicht fusionieren»
Darüber führt Wagner mit Ringier bereits Gespräche. Ansonsten sucht er nach «Synergiepartnern»: «Wir wollen nicht fusionieren, nicht verkaufen, sondern die Tageszeitung in der Region so stärken, dass wir in Basel die ‹local news coverage› perfekt beherrschen. Dann muss man uns als Partner auf Augenhöhe akzeptieren.»
Eine mögliche Partnerschaft sieht Wagner etwa mit Constantin Film, deren Chef Bernhard Burgener neu im BZM-Verwaltungsrat sitzt: «Wir können gemeinsam mit Constantin Film neue Zielgruppen erschliessen. Wenn Sie einen Kinofilm auf den Markt bringen und mit einem Grossverteiler oder einem Markenartikelhersteller werbemässig zusammenarbeiten, entsteht grosses Synergiepotenzial. Das möchte ich mir für die Dachmarke Basler Zeitung Medien erschliessen. Damit erreicht man auch eine stärkere Bindung zu den Kunden im Werbemarkt.»
Doch was bedeutet das für die BaZ? Darf dieser Film trotzdem negativ besprochen werden? Wagner lacht: «Ich kann nicht verhindern, dass im Kulturmagazin der BaZ jemand einen Film nicht gut findet. Das ist Meinungswettbewerb, damit kann ich leben.» Dass der redaktionelle Teil der Zeitung für Werbung benutzt wird, ist für Wagner kein Thema: «Wenn der Leser merkt, dass er für die Werbewirtschaft instrumentalisiert wird, ist die Zeitung tot. Manche Verleger haben das Tageszeitungsmodell gefährdet. Sie haben gespart, den echten Journalismus verdrängt und die Zeitungen am Schluss noch auf die Werbewirtschaft ausgerichtet. Damit sind sie völlig unattraktiv geworden.»
Eine Position, welche die BaZ-MitarbeiterInnen wohl gerne hören. Ebenso wie Wagners Einschätzung, dass er angesichts der aktuellen Zahlen «derzeit keine Notwendigkeit» sehe, Redaktionsstellen abzubauen. Das bedeutet allerdings nicht, dass nun ruhige Zeiten auf die BaZ zukommen: Wagner gilt als jemand, der schnell denkt, gerne schnell agiert. Er sei «eher der Typ Simultan-Blitzschachspieler», bei dem man befürchten müsse, er suche sich etwas Neues, wenn er sich langweile, ist über Wagner zu hören. Diese Angst, so Wagner, sei «berechtigt»: «Bei mir muss echt etwas laufen. Und es muss eine Erfolgsgeschichte werden. Auch Tettamanti erwartet von mir, dass wir etwas bewegen und umsetzen.»

8. März 2010 von Bettina Büsser

Warum die Verleger online kein Geld verdienen

Hoffnung oder Albtraum? Apple-Chef Steve Jobs mit dem Tablet-Computer iPad.

Es bleibt ein Kreuz mit dem Internet: Zeitungsverlage haben in der Vergangenheit kein Rezept gefunden, online Geld zu verdienen, und werden es trotz iPhone-Hype auch in Zukunft schwer damit haben.

Es ist schon erstaunlich. Jahrelang war es bei Zeitungsverlagen quasi in Stein gemeisselt: Online-Angebote müssen gratis sein, weil das im Internet eben so ist. Punkt. Nun aber reden Verleger auf nationalen und internationalen Kongressen und Treffen darüber, dass journalistische Beiträge auch im Internet etwas wert sind und Geld einbringen sollen.
Weshalb kamen die Verlage nicht früher auf diese Idee? «Die Diskussion wird sehr vom wirtschaftlichen Umfeld geprägt», sagt ein Online-Fachmann aus der Medienbranche. «Heute sagt man aus wirtschaftlicher Not, Content müsse kosten, vor zwei Jahren hiess es: Im Netz herrscht die neue Gratismentalität, der Werbemarkt bezahlt es ja.» Um auf dem Werbemarkt zu punkten, braucht es aber in erster Linie Reichweite, also möglichst viele BenutzerInnen. Diese Masse erreicht man am einfachsten mit Gratisangeboten, so die simple Überlegung.
Doch nun steckt der Werbemarkt in der Krise – und online hat er schon früher die Verlegerträume nicht erfüllt. Zwar freuen sich MedienkonsumentInnen über die Gratisangebote, doch die Werbekunden reagieren weiterhin zurückhaltend: Trotz Krise fliesst immer noch am meisten Geld in Zeitungen und Zeitschriften. Vom gesamten Werbeaufkommen machen Zeitungen und Zeitschriften mehr als 50 Prozent aus, während Online-Werbung gerade mal einen Anteil von fünf Prozent erreicht.*

Verlage wollen Kunden kennen
Die Gratismentalität im Internet kam den Verlagen auch aus technischen Gründen gelegen. Denn lange Zeit fehlte es an praktikablen Abrechnungsmöglichkeiten; es war relativ komplex, Rappenbeträge ohne aufwendige Registrationsprozesse einzukassieren.
Zwar existieren mit ClickandBuy oder Paypal schon seit Jahren Lösungen zur Verrechnung von Kleinstbeträgen, die in anderem Kontext auch rege genutzt werden. Doch bei all diesen Systemen gibt es einen Nachteil, der die Verlage zusätzlich gebremst hat: Ein Kunde, der seinen Zeitungsartikel mit Paypal zahlt, bleibt gegenüber dem Verlag anonym. Die Verlage wollen jedoch die Kundenhoheit nicht aus der Hand geben. Nach Einschätzung des Experten werden sie aber nicht darum herumkommen: «Ein Online-Bezahlsystem müsste breit und pragmatisch sein, mit mehreren Abrechnungsmöglichkeiten, via Kreditkarte, via Telefonie, via Systeme wie Paypal. Momentan gibt es sogar Inkassoinstitute, die eine Lösung auf Rechnung anbieten wollen, da die Schweizer so kreditwürdig und zuverlässig sind.»
Denkbar wäre, dass sich Schweizer Zeitungsverleger nach dem Motto «gemeinsames Problem, gemeinsame Lösung» auf ein Konzept einigen könnten. Schlägt der Verband Schweizer Presse so etwas vor? «Empfehlungen für Online-Bezahlsysteme haben wir bisher nicht abgegeben, und wir werden es auch nicht tun», sagt Catherine Müller, Rechtskonsulentin des Verbands Schweizer Presse und Mitglied der Fachgruppe Online des Verbands. Natürlich beschäftige man sich im Verband und in Arbeitsgruppen «seit einem guten Jahr sehr ernsthaft» mit der Thematik rund um «paid content» und Vergütungen von Online-Leistungen. Aufgabe des Verbands sei es, am Ball zu sein und für die Diskussion eine Plattform zu bieten: «Dabei gibt es einerseits gemeinsame Interessen der Verlagshäuser, andererseits eine gewisse Konkurrenz zwischen ihnen. Auch für kleine und mittlere Verlagshäuser, die sich weniger Aufwand leisten können, ist es aber wichtig, dass der Verband sich mit diesen Themen beschäftigt und entsprechende Veranstaltungen durchführt.» Kurz: Ein gemeinsamer Ansatz ist aus Konkurrenzgründen unwahrscheinlich – wie sollen Verlage zusammenarbeiten, wenn die einen die anderen eigentlich gerne aufkaufen würden?

Apple und das Prinzip Hoffnung
Beflügelt vom Hype um das iPhone und den jüngst angekündigten Tablet-Computer iPad aus dem Hause Apple setzen Verlage derzeit grosse Hoffnung in die Zahlungsbereitschaft des Publikums über den mobilen Internetzugang. Wer solche Geräte nutzt, ist sich bereits gewohnt, Geld zu bezahlen für manche Funktionen und Dienste – selbst für solche, für die er an einem Heimcomputer keinen Rappen ausgeben würde. Andersherum betrachtet kommt allerdings der Pferdefuss zum Vorschein: Mit iPhone, iPad und allen anderen internetfähigen Mobilgeräten kann man auch ganz normal das Internet nutzen, und damit die kostenfreien Angebote der Verlage. «Man wird sich in diesem Zusammenhang überlegen müssen, wie man mit den freien Online-Angeboten umgeht», sagt Rechtskonsulentin Müller.

«Blick» setzt auf das iPhone
Dennoch setzen die grossen Schweizer Verlage auf kostenpflichtige Angebote für das iPhone. So will die «Blick»-Gruppe von Ringier noch im ersten Quartal 2010 eine entsprechende Applikation für das iPhone anbieten. «Deren Inhalte müssen sich qualitativ vom gratis verfügbaren Online-Content auf der ‹Blick›-Webseite abheben. Über die genaue Preisgestaltung können wir aber noch nichts sagen. Klar ist, dass wir konkurrenzfähig sein müssen», sagt Ringier-Sprecher Stefan Hackh. Damit bleibt unklar, ob nur einmalig für die «Blick»-Applikation bezahlt werden muss oder ob wiederkehrend ein Abobetrag fällig wird.
Auch Tamedia will den Zug mit der Zahlungsbereitschaft für mobile Anwendungen nicht verpassen, legt den Fokus allerdings anders als die Konkurrenz. «News werden kostenlos bleiben», sagt Tamedia-Sprecher Christoph Zimmer. Die Medienbranche müsse nun den Mut haben, Neues auszuprobieren. Damit spricht Zimmer die TV-Applikation von «20 Minuten» an, die trotz ihres vergleichsweise hohen Preises vom Publikum gut aufgenommen und rege gekauft wurde. «Dieses Angebot zeigt, dass die Leute bereit sind, für einen klar erkennbaren Mehrwert Geld auszugeben. Bislang gab es keine Live-TV-Applikation für das iPhone.»
Diese Aussage sollte nur ein paar Tage gültig bleiben, bis auch Zattoo seine Online-TV-Applikation auf dem iPhone zugänglich machte. Der Vorsprung mit dem exklusiven Mobil-TV-Angebot von «20 Minuten» war dahin. So schnell kann der Wind drehen in der schönen neuen Online-Welt; nichts ist hier in Stein gemeisselt.

… dann soll eben Google zahlen

nil./bbü./ Wenn das Publikum im Internet nicht zahlen will, dann sollen es eben jene tun, die ihr Geld mit der Weiterverwertung von Medieninhalten verdienen, finden die Verleger – Suchmaschinen zum Beispiel und allen voran Google. In Deutschland haben die Verleger im vergangenen Sommer ein Gesetz gefordert, das ihre Leistungen im Internet besser schützt. Ein ähnliches Leistungsschutzrecht forderte in der Schweiz auch der Solothurner FDP-Nationalrat Kurt Fluri in einer Interpellation, in der es unter anderem heisst: «Ist der Bundesrat bereit, neben dem bestehenden Urheberrechtsschutz ein neu zu schaffendes Leistungsschutzrecht für Produzenten von Online-Newsangeboten (insbesondere Newsportale der Verleger) ins Urheberrechtsgesetz aufzunehmen?» In seiner Antwort zeigte sich der Bundesrat in dieser Frage zurückhaltend bis ablehnend. Von diesem Bescheid wenig beeindruckt ist man beim schweizerischen Verlegerverband. «Wir sind in diesem Bereich bereits mit konkreten Vorarbeiten beschäftigt», sagt Verbandsjuristin Catherine Müller.

8. März 2010 von Bettina Büsser

Expansion über den Berg

Nach dem Vorbild der «Jungfrau Zeitung» im Berner Oberland entsteht im angrenzenden Ob- und Nidwalden ein neue «Mikrozeitung». Sie will sich als Alternative zu den Lokalausgaben der «Neuen Luzerner Zeitung» positionieren.

Zeitungsverleger Urs Gossweiler aus Brienz im Berner Oberland ist begeistert. Was er seit Jahren angestrebt hat, soll im nahen Nid- und Obwalden Realität werden: die erste «Mikrozeitung» neben Gossweilers eigener «Jungfrau Zeitung». «Dort, wo die Leute vor 700 Jahren begriffen haben, dass man aus der Adelsknechtschaft heraus ein neues Staatskonstrukt entwickeln muss, haben die Leute heute auch begriffen, dass man ein neues Medienkonstrukt entwickeln muss», schwärmt der Berner Oberländer Verleger; es sei für ihn «eine Riesenehre».

Online gratis, Papier kostet
Wie die «Jungfrau Zeitung» soll sich die «Obwalden und Nidwalden Zeitung» (ONZ) auf lokale und regionale Themen konzentrieren: «Sie erscheint online, mit einem Format für Handy und iPhone, und zweimal wöchentlich kommt sie als Printausgabe. Wir gehen davon aus, dass die Printausgabe trotz des Gratis-Online-Angebots abonniert wird. Denn die Zeitung wird so lokal sein, dass die Leute gewisse Artikel aufbewahren oder auf Papier lesen wollen», sagt Marlène Wirthner-Durrer, Vizepräsidentin der Obwalden und Nidwalden Zeitung AG und Präsidentin der Gesellschaft Nidwaldner Volksblatt. Diese setzt sich für die Lokal- und Regionalmedien in Nidwalden ein, zuletzt für das «Nidwaldner Wochenblatt», das letzten Sommer eingestellt wurde. «Nun nehmen wir wieder einen Anlauf», sagt Wirthner-Durrer.
Bei dem neuen Anlauf dachte man diesmal über Nidwalden hinaus – bis nach Obwalden. Dort präsentiert sich die Mediensituation zwar ähnlich, aber ein gemeinsames Vorgehen ist nicht selbstverständlich: Die beiden Halbkantone verstehen sich aus sehr langer Tradition, die mindestens bis in die Zeit der Helvetischen Republik Ende des 18. Jahrhunderts zurückreicht, nicht besonders gut. So scheiterte denn auch Ende des 20. Jahrhunderts der Versuch, ein gemeinsames Spital für Ob- und Nidwalden einzurichten. «Natürlich gibt es eine Rivalität zwischen den beiden Kantonen», sagt Wirthner-Durrer. «Die Zusammenarbeit zwischen ihnen hat nicht immer gut funktioniert. Doch bisher haben wir positive Rückmeldungen, von beiden Seiten.»
Nach dem ersten Anstoss ging es ziemlich schnell: Die Gesellschaft Nidwaldner Volksblatt und Unternehmer aus Obwalden trafen sich im November mit Urs Gossweiler, innert vierzehn Tagen war eine erste Nullnummer bereit, mitsamt Website und Mobile-Channel. «Alles war da», kommentiert Gossweiler. «Wir wussten, dass wir gut sind, aber das hat uns selbst etwas überrascht.» Noch im letzten Jahr wurde eine Aktiengesellschaft gegründet; im Verwaltungsrat sind neben Wirthner-Durrer der Obwaldner Unternehmer Thomas Gasser, der Nidwaldner Rechtsanwalt Armin Durrer und Urs Gossweiler. Zwischen der ONZ AG und der Gossweiler Media AG wurde eine Lizenzvereinbarung unterzeichnet.

Keine Mehrheitsaktionäre
Momentan arbeitet der frühere Redaktionsleiter des NLZ-Kopfblatts «Neue Nidwaldner Zeitung», Werner Flury,­ an einer zweiten Nullnummer, die Mitte Februar in alle Haushalte Ob- und Nidwaldens verteilt wird. «Damit machen wir die Leute auf das Projekt aufmerksam und suchen weitere Aktionäre», sagt Wirthner-Durrer. Denn das bisherige Kapital von 105’000 Franken­ soll auf drei Millionen Franken anwachsen. «Es wird für Investitionen, aber auch für die Anlaufphase­ gebraucht werden, damit die ONZ sich mit der nötigen Ruhe auf dem Markt einführen kann», erklärt Gossweiler, der auch von der geplanten Struktur schwärmt: «Man will keinen Aktionär,­ der mehr als 250’000 Franken Kapital zeichnet, also keine Mehrheitsaktionäre. Und der einzige publizistische Einfluss, den die Verleger nehmen können, ist die Auswechslung des Chefredaktors.» Nach einem Chefredaktor wird im Moment gesucht. Die ONZ AG ist laut Wirthner-Durrer «im Auswahlverfahren», doch definitiv entscheiden könne man eigentlich erst, wenn feststehe, dass das Aktienkapital zusammenkomme. Dafür hat man sich bis Ende März Zeit gegeben.
Die Redaktion wird mit acht Vollzeitstellen dotiert, dazu kommen Freie; Standort der Redaktion ist Alpnach. Ein Verkaufsteam muss ebenfalls aufgebaut werden, denn die ONZ soll in Eigenregie vermarktet werden. «Das komplette Team wird am ersten April zusammen sein, am Abend des 22. April werden Online- und Mobile-Channel bereitstehen und am 23. April erscheint die erste gedruckte Zeitung», sagt Urs Gossweiler – und denkt gleich weiter: «Die Zielsetzung ist natürlich, dass die Geschichte über Ob- und Nidwalden hinaus weitergeht. Daran hat auch die ONZ Interesse. Denn je mehr multimediale lokale Plattformen eine Lizenz haben, je mehr Lizenzgebühren in die Entwicklungsabteilung nach Brienz fliessen, desto schneller und besser wird das System weiterentwickelt.»
Doch zuerst müssen die Ob- und NidwaldnerInnen zeigen, ob ihnen eine Alternative zu den Lokalausgaben der «Neuen Luzerner Zeitung» wirklich drei Millionen Franken wert ist. «Ich bin nicht sicher», sagt eine Nidwaldner Medienbeobachterin. «Aber es hat zumindest Leute mit Geld hier – schliesslich sind wir steuergünstig.»

5. März 2010 von Helen Brügger

Fusionsnachwehen

Ein Urteil des Bundesgerichts und offene Strukturfragen machen dem frisch fusionierten Westschweizer Radio und Fernsehen RTS zu schaffen.

Gilles Marchand, Direktor des frisch fusionierten Westschweizer Radios und Fernsehens RTS, sucht nach Worten, um das Urteil des Bundesgerichts zu qualifizieren, das im Streit zwischen dem französischen Sender M6 und dem Westschweizer Fernsehen entschieden hat, und sagt schliesslich: «Enttäuschend und beunruhigend.» Nach acht Jahren Hin und Her ist die Sache nun definitiv: M6 darf in der Westschweiz sowohl Programme als auch ein Werbefenster verbreiten, ohne dass der Sender damit Exklusiv-Ausstrahlungsrechte der SRG verletzt. Die Werbeeinnahmen des Schweizer Fensters von M6 werden auf brutto 50 Millionen Franken geschätzt, die den einheimischen Medien entgehen. Und nach dem Urteil könnte auch der mächtige französische Privatsender TF1 versucht sein, mit einem Schweizer Werbefenster über die Grenze zu grasen.
Für Gilles Marchand ist klar, dass das nicht ohne Folgen bleibt. «Zunächst bedeutet die Konkurrenz aus Frankreich einen starken Druck auf die Werbepreise, der auch die Lokalsender betrifft.» Weiter könnte es zu einem Transfer der Werbung in Richtung ausländische Werbefenster kommen – «in einer Höhe, die ich vorderhand noch nicht beziffern kann, die aber auch die Printmedien in Mitleidenschaft zieht».
Marchand fühlt sich als Rufer in der Wüste: «Ich versuche seit Jahren ohne grossen Erfolg, Privatsender und Verleger auf die Gefahr aufmerksam zu machen. Ich fürchte, dass die Verleger den Umfang des Problems erst erkennen, wenn sie direkt betroffen sind.» Noch weiss man bei RTS nicht, wie es nach dem Urteil aus Lausanne weitergeht: «Wir prüfen mit unseren Juristen weitere Schritte.» Sicher ist, dass die SRG in Zukunft die Rechtsinhaber von Sendungen und Serien «auf den exklusiven Charakter unserer Verträge aufmerksam machen» will. Dies vor allem, was die Übertragungsrechte im Sport betreffe.
Das Urteil aus Lausanne ist ein harter Schlag für die frischgebackene RTS, die sich in den nächsten fünf Jahren gerne auf den heiklen Umbau zum konvergenten Medium konzentriert hätte. Zwar bleiben die Haupt­standorte Lausanne und Genf erhalten. Auch können Radio und Fernsehen weiter auf eine eigene Chefredaktion zählen. «Wir haben das Projekt eines Newszentrums studiert, aber aus Kostengründen darauf verzichtet – es hätte mehr als zwanzig Millionen Franken gekostet.» Bleibt noch die Frage der übergeordneten Newsleitung, an der sich Bedenken wegen eines Verlusts der publizistischen Vielfalt festmachen. Nachdem Fernsehdirektor Marchand zum Direktor von RTS erkoren wurde, erwartete man die Nomination von Radio-Chefredaktor Patrick Nussbaum zum Nachrichtenchef des fusionierten Unternehmens.

Eine glückliche Wahl
Doch Marchand hat eine überraschende Karte ins Spiel um die Newsleitung gebracht: den abtretenden Chefredaktor der Zeitung «Le Temps» (vgl. Seite 27). Jean-Jacques Roth gilt als unabhängig und konsensfähig, kommt von aussen und kann nicht der Parteilichkeit zugunsten des einen oder andern Mediums verdächtigt werden. Eine glückliche Wahl, wie die zurückhaltenden Reaktionen aus Politik und vonseiten des Personalverbandes SSM zeigen: Man werde Roth nach seinen Taten beurteilen, lautete der allgemeine Tenor. Roth selbst versichert, dass er seine Aufgabe nicht in der Tagesaktualität, sondern im strategischen Bereich sehe und sich «als Hüter der Vielfalt» verstehe.
«Für uns sind nicht Personen das Problem, sondern Strukturen», sagt SSM-Sekretärin Valérie Perrin. Die Personalvertretungen von Radio und Fernsehen sind sich einig: Die Medienkonvergenz sei bisher nichts als eine Leerformel. Sie verdächtigen Marchand, durch die Fusion vor allem eine «kritische Masse» erreichen zu wollen, die sozialverträglichere Restrukturierungen erlaubt. Das sieht Marchand anders: Dank der Konvergenz werde man effizienter ins Programm investieren und trotz schwierigerem Werbeumfeld an Qualität, Einfluss und Durchschlagskraft gewinnen.

Alle fühlen sich schlecht vertreten
Ob Marchand recht hat oder nicht, wird die Zukunft zeigen. Im Moment herrscht sowohl beim Radio als auch beim Fernsehen ein Malaise. In Lausanne bemängelt man, dass nur drei Leute in der achtköpfigen Direktion vom Radio kommen, zudem seien die inhaltlich wichtigen Posten alle von Fernsehleuten besetzt. Umgekehrt heisst es beim Fernsehen, in der RTS-Direktion sässen zu wenig Leute, die etwas vom Fernsehmachen verstehen würden – selbst Gilles Marchand interessiere sich primär für Verbreitungskanäle, nicht für das Medium Fernsehen. Marchand hält dem entgegen, dass er sein neues Unternehmen nicht mit «Trägern des einen oder andern Kittels» aufbauen wolle. Seine Wahl sei durch die Kriterien «Kompetenz, Alchemie und Gleichgewicht» bestimmt. Ausserdem komme sein Führungsteam mehrheitlich «aus den Bereichen Programm oder Inhalt».
Dass die Chemie im neuen Führungsgremium stimmt, ist wichtig für Marchand. Denn er will sich auf ein «pragmatisch und effizient zusammenarbeitendes Team mit einem gemeinsamen Projekt» abstützen. Doch genau dies kritisiert ein Insider: «In der RTS-Leitung sitzt niemand, der Gilles Marchand entgegentreten kann. Das macht das Projekt Konvergenz zum Projekt Marchand.»

Aktuelles Heft

Ausgabe: 4 | 2010 Die Themen:
  • Heller, der Heftlimacher
  • Service Zukunft mit SR DRS
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