5. Juli 2010 von Bettina Büsser

Online liebt den Boulevard

Politik in der Zeitung, Boulevard auf der Website: Viele Medien haben kein einheitliches Markenprofil. Das sei riskant, sagt ein Medienwissenschaftler.

«Ich würde ihnen raten, ein einheitliches Konzept für Print und Online zu entwickeln. Sonst setzen sie die Glaubwürdigkeit, die sie im Print über Jahre aufgebaut haben, aufs Spiel und gefährden ihre Medienmarke» – diesen Tipp gibt der Medienwissenschaftler Patrick Rademacher den Zeitungsverlegern. Rademacher hat für seine Dissertation «Politische Inhalte im Internet» am Institut für Pub­lizistikwissenschaft und Medienforschung der Uni Zürich anhand zweier Volksabstimmungen von 2008, der «Einbürgerungsinitiative» und der «Unternehmenssteuerreform», den Internet-Kommunikationsprozess zwischen politischen AkteurInnen, Medien und StimmbürgerInnen angeschaut. Dabei hat er auch untersucht, welche Rolle die Medien bei der politischen Online-Information spielen, sowie ChefredaktorInnen und wirtschaftliche Verantwortliche der wichtigsten Medien in der Deutschschweiz und der Romandie zu den On- und Offline-Auftritten ihrer Produkte befragt.
Die Resultate dieser Expertenbefragungen sind brisant: Im Vergleich mit ihren Zeitungen findet in den Online-Auftritten derselben Medien eine «Entpolitisierung» statt. «Die Verantwortlichen sagen: Politische Inhalte sind uns zwar schon wichtig, jedoch im klassischen Angebot mehr als im Online-Angebot», erklärt Rademacher. «Im Internet haben Ressorts mit Softnews, also People, Vermischtes und Sport, eine grössere Bedeutung als offline, offline hat Politik eine grössere Bedeutung.» Einen möglichen Grund dafür sieht Rademacher in der «Publikumsresonanz», die online mit Klicks gemessen werden kann. Sie führt in Versuchung, den Online-Auftritt «softnewsiger» zu gestalten als den Offline-Auftritt. Gemäss Rademachers Befragungen lassen sich aber graduelle Unterschiede zwischen den einzelnen Mediengattungen feststellen: «Bei den Verantwortlichen der Service-public-TV-Nachrichten spielt Politik auf beiden Kanälen eine wichtige Rolle. Bei Boulevard- und Gratiszeitungen hingegen ist Politik weder on- noch offline zentral. Am stärksten sind die Differenzen bei den Regionalzeitungen: Sie versuchen deutlich, online den Fokus auf Softnews zu richten. Auch bei den Qualitätszeitungen – dazu rechne ich NZZ, ‹NZZ am Sonntag›, ‹SonntagsZeitung› und ‹Le Temps› – gibt es einen Widerspruch. Denn die Verantwortlichen betonen zwar die wichtige Rolle der Politik, spricht man sie jedoch konkret auf ein politisches Thema wie eine Volksabstimmung an, geht ihre Zustimmung deutlich nach unten.»

Einer Zerreissprobe ausgesetzt

Hinter diesen Differenzen vermutet Rademacher eine «Trial and Error»-Strategie beim Online-Auftritt: «Es wird viel ausprobiert, dahinter steckt jedoch keine übergreifende Markenstrategie. Denn für einen einheitlichen Markenauftritt müsste man sicherstellen, dass die Marke über alle Kanäle hinweg die gleichen Schwerpunkte setzt.» Tut man das nicht, so befürchtet Rademacher, leidet mittelfristig die Medienmarke: Eine Marke, die im Print für die NutzerInnen für Qualitätsjournalismus und seriöse politische Information steht, online hingegen mehr auf Softnews und Boulevard setzt, ist einer Zerreissprobe ausgesetzt. «Wenn man im Internet um jeden Preis die Klicks steigert, wird das Markenprofil verwässert oder gar aufgelöst. Ein einheitlicher Markenauftritt ist jedoch ausschlaggebend, um mittelfristig Erfolg zu haben.»
Um diesen Erfolg zu haben, müssen Schweizer Medienunternehmen nicht nur auf die Marke, sondern auch auf den Markt schauen. Denn im Bereich politische Information haben sie online Konkurrenz. Das zeigt Rademachers Auswertung aller Treffer einer Internet-Suchmaschine zu den beiden Volksabstimmungen: Nur ein Viertel der Treffer stammten von Medien, die übrigen von politischen AkteurInnen und Organisationen. Bei Studien in anderen Ländern, so Rademacher, lag der Anteil der Medien bei rund der Hälfte der Treffer. Ausserdem überschätzen die MedienvertreterInnen offenbar ihren Einfluss: Gefragt, wer bei der politischen Online-Information ihre Konkurrenten seien, gaben sie vor allem andere Zeitungen oder SRG-Angebote an. Anders die NutzerInnen: Sie nannten zwar die Sites von Tageszeitungen als wichtige Quelle von politischen Inhalten – ebenso wichtig waren ihnen aber auch Online-Dienste wie Bluewin oder Goo­gle News. «Die Medienunternehmen», so Rademachers Fazit, «scheinen diese starke Konkurrenz noch gar nicht gross wahrzunehmen.»

Die Dissertation ist im Rahmen des vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten nationalen Forschungsschwerpunkts «Challenges to Democracy in the 21st Century» entstanden und erscheint im Oktober 2010 im Herbert von Halem Verlag.


18. Februar 2010 von Nick Lüthi

Leistung gegen Gebühren

Bakom-Direktor Martin Dumermuth. Bild: Bakom.

Alle sollen zahlen: Martin Dumermuth, Direktor des Bundesamts für Kommunikation, zu den Folgen eines Systemwechsels bei den Radio- und Fernsehgebühren.

Klartext: Der Bundesrat schlägt anstelle­ der geräteabhängigen Empfangsgebühr eine allgemeine Me­dienabgabe vor. Wird dieser radikale Wechsel je kommen?
Martin Dumermuth: Das ist heute schwierig abzuschätzen, denn wir stehen erst ganz am Anfang eines langen Prozesses. Ein allfälliger Systemwechsel bräuchte eine Gesetzesänderung und könnte kaum vor 2015 erfolgen. Mit unserem Bericht haben wir nun einen ersten Schritt gemacht und aufgezeigt, wie man der technologischen Entwicklung gerecht werden könnte.

KT: Weshalb taugt das aktuelle System nicht mehr?
Dumermuth: Die geräteabhängige Gebühr entspricht nicht mehr der technologischen Realität beim Rundfunkempfang. Die Nutzung von Programmen ist nicht mehr an spezielle Geräte gebunden, sondern kann mit jedem Computer erfolgen. Das heutige System ist zu einem Zeitpunkt entstanden, als es nur SRG-Programme gab. Mit der Gebühr bezahlte man für deren Empfang. Heute schauen die Leute mehrheitlich ausländische TV-Programme. Die Konstruktion eines Nutzungsentgelts ist unter diesen Umständen schon lange eine Fiktion.

KT: Die allgemeine Medienabgabe legitimieren Sie mit Service-public-Leistungen von SRG und Privaten, die der Allgemeinheit zugutekommen, also auch jenen, die kein Schweizer Radio und TV konsumieren. Da muss aber klarer definiert werden, was Service public ist.
Dumermuth: Diese Diskussion müssen wir ohnehin verstärkt führen. Denn der Service public ist letztlich der Kern des Systems – des neuen und des alten. Schon heute sind die SRG und die mit Gebühren unterstützten Privatsender verpflichtet, einen Leistungsauftrag zu erfüllen und Rechenschaft darüber abzulegen. In Zukunft müssen diese Anstrengungen noch verstärkt werden. Denn wenn die allgemeine Gebührenpflicht mit dem Service public der Sender legitimiert wird, wächst damit auch ihre Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit.

KT: Nun liegt der Ball beim Parlament. Was tun die Räte mit dem Bericht des Bundesrats und seiner Empfehlung für die neue Medienabgabe?
Dumermuth: Das Parlament hat den Bericht verlangt und wird ihn diskutieren. Entscheiden die Räte, das System zu wechseln, können sie entweder den Bundesrat beauftragen, eine Gesetzesrevision vorzubereiten, oder sie werden selber aktiv, beispielsweise mit einer parlamentarischen Initiative.

KT: Der grösste Widerstand gegen­ eine allgemeine Abgabe kommt vom Gewerbe. Viele Unternehmen müssten neu Gebühren zahlen.
Dumermuth: Heute besteht beim Gewerbe eine hohe Quote an Schwarzsehern und -hörern. Deshalb sieht es danach aus, als ob mit dem neuen System auf einen Schlag ganz viele Firmen neu gebührenpflichtig würden, dabei wären sie es heute schon. Das ist aber nicht das Problem der Unternehmen, sondern der Billag, die hier in der Vergangenheit zu wenig kontrolliert hat. Das Bakom hat nun die Billag beauftragt, verstärkt aktiv zu werden.

KT: Das wird den Unmut des Gewerbes nicht gerade verkleinern.
Dumermuth: Im Hinblick auf einen allfälligen Systemwechsel suchen wir mit dem Gewerbe die Diskussion. Man kann sich tatsächlich fragen, ob im neuen System beispielsweise ein Lädeli bezahlen muss, wenn dessen Besitzer bereits als Privatperson eine Medienabgabe bezahlt hat. In solchen Fällen sollte es möglich sein, die gewerbliche Abgabe zu erlassen.

KT: In der Kritik steht beim heutigen System die Inkassostelle Billag. Mit dem Bericht entsteht der Eindruck, die Billag habe gute Chancen, auch in Zukunft das Geld einzutreiben.
Dumermuth: Grundsätzlich sind wir der Meinung, dass auch beim künftigen System sehr viel für eine zentrale Inkassostelle spricht. Da aber bei einer flächendeckenden Abgabe die Inkassostelle nur noch das Geld eintreiben und nicht mehr Schwarzhörer und -seher aufspüren muss, werden sich vermutlich mehr Interessenten für die Durchführung dieser Aufgabe finden als bisher. Daher erwarte ich bei der nächsten Ausschreibung einen grösseren Wettbewerb, bei dem die Billag nur eine unter vielen Bewerberinnen sein wird.

KT: Ein Inkasso über die Steuern steht nicht mehr zur Diskussion?
Dumermuth: Unsere Abklärungen bei den Steuerbehörden haben ergeben, dass deren Verwaltungskosten selbst gegenüber dem Aufwand, den die Billag verrechnet, um einiges höher liegen. Aber der Bundesrat hat uns beauftragt, ein Inkasso via Steuern noch einmal vertieft abzuklären.

KT: Mit dem neuen Modell würden die Gebühren pro Haushalt um hundert Franken billiger. Wie kommen Sie auf diesen Betrag?
Dumermuth: Das ist ein theoretischer Maximalbetrag, wenn alle Haushalte und Gewerbebetriebe nach dem neuen System zahlen würden. Wir wollen aber zum jetzigen Zeitpunkt nicht zu stark ins Detail gehen, denn das System bedarf der Konkretisierung. Wir zeigen bloss eine mögliche Stossrichtung auf.

15. April 2009 von Helen Brügger

Wenn Medien trennen

Die Sprachregionen der Schweiz driften auseinander und die Medien spielen dabei eine bedeutende Rolle, besagt eine aktuelle Studie.

Herbst 2004, vor der Abstimmung über die erleichterte Einbürgerung: Das Schweizer Fernsehen SF präsentiert das Abstimmungsthema mit dem Bild eines Schweizer Passes in der Hand des Moderators und der Aussage, wonach bei positivem Abstimmungsausgang mit einer Zunahme der Einbürgerungen zu rechnen sei. Das Westschweizer und das Tessiner Fernsehen hingegen thematisieren die Folgen der erleichterten Einbürgerungen für ausländische BewohnerInnen der Schweiz. Dies ist ein Beispiel von vielen, das die Soziologin Ruth Hungerbühler untersucht hat.
Die an der Universität von Lugano forschende Wissenschaftlerin hat jüngst eine Studie abgeschlossen, die die zunehmenden Unterschiede zwischen den politischen Identitäten in den Landesteilen untersucht. Ihr Fazit: „Die Sprachregionen driften auseinander und die Medien spielen dabei eine Rolle.“ Untersucht hat sie die Berichterstattung über Einbürgerung und Mutterschaftsversicherung in den letzten 25 Jahren in je einer Forums- und einer Boulevardzeitung aus den drei Landesteilen: „Tages-Anzeiger“ und „Blick“, „24 Heures“ und „Matin“, „Corriere del Ticino“ und „La Regione“. Das überraschende Resultat: Es gibt mehr Gemeinsamkeiten zwischen Zeitungen aus der gleichen Sprachregion, als es sie zwischen den Zeitungen gleicher Gattung über die Sprachgrenze hinweg gibt.
So wurden beispielsweise Ängste und Argumente, die bestimmte Eigenschaften der AusländerInnen ins Zentrum rückten, in „Blick“ und „Tages-Anzeiger“ drei- bis viermal häufiger thematisiert als in den Zeitungen der andern Landesteile. „Den grössten Unterschied verursacht das Reden über alles, was an Ausländern als anders oder fremd angesehen wird, sowie über Befürchtungen und Ängste, die sich an eine Gleichberechtigung der Ausländer knüpfen“, stellt die Studie fest.
Verstärkt wird dieses Auseinanderdriften durch die Tendenz zum Boulevard, dem auch die Qualitätszeitungen nicht widerstehen konnten – und sie geht historisch gesehen einher mit dem Aufstieg der rechtspopulistischen Bewegung der SVP. „Medien und Rechtspopulismus sind in dieser Zeit eine Symbiose eingegangen“, sagt Hungerbühler gegenüber Klartext. „Für die Medien sind rechtspopulistische Argumente schon deshalb tendenziell interessant, weil sie polarisieren und damit eine Konfliktstruktur schaffen, was im Kampf um Aufmerksamkeit in der zugespitzten Konkurrenzsituation eine günstige Voraussetzung für Beachtung schafft.“
Die Soziologin sieht trotz des „ziemlich fortgeschrittenen Auseinanderdriftens“ keine Gefahr für den Zusammenhalt der Landesteile. Hingegen führe es zu einer kulturellen Verarmung, „weil man sich die Chancen für einen Austausch verbaut“. Hungerbühlers Studie diente deshalb als wissenschaftlicher Beleg für die Notwendigkeit eines gemeinsamen Kulturkanals der vier sprachregionalen Fernsehprogramme der SRG, wie ihn der scheidende Direktor des Rätoromanischen Fernsehens angedacht hatte. Die SRG-Spitze hat der Idee inzwischen eine klare Absage erteilt.
Und was hält Hungerbühler – mit Blick auf die auseinanderstrebenden sprachregionalen Identitäten – vom Kauf von Edipresse durch die Zürcher Tamedia? Die Soziologin macht sich keine Sorgen: „Der sprachregionale Bezug geht kaum verloren, weil er ein Verkaufsargument ist.“ ≠

Studie zum Herunterladen unter: http://liip.to/studie

15. Februar 2009 von Roger Blum

Bedenklicher Befund

Das Unbehagen ist diffus, die Urteile oft pauschal: Irgendetwas stimmt nicht mit unseren Medien. Roger Blum, Professor für Medienwissenschaft und UBI-Präsident, nennt sie beim Namen, die sieben Defizite, an denen das schweizerische Mediensystem krankt.

Keine Frage: Die Schweiz ist gut mit Medien versorgt. Die Qualität des Journalismus ist in diesem Land im Grossen und Ganzen gut. Es gibt zwar Rudeljournalismus und eine gewisse Uniformität der Meinungen, aber immerhin stets alternative Stimmen. Es gibt rot-grün regierte Städte, in denen nach links tendierende Medien den Regierenden dienen, statt sie zu kontrollieren, aber der harte Medienwettbewerb gibt Gegenpositionen stets eine Chance. Die Themen der Zeit werden gespiegelt. Und dennoch weist das schweizerische Mediensystem Defizite auf – sieben an der Zahl:

1. Akteure verhalten sich „schizophren“
Im schweizerischen Mediensystem machen die gleichen Akteure mit dem einen Arm die geballte Faust und mit dem andern die hohle Hand. Die schweizerischen Medienunternehmer verbitten sich im Bereich der Presse, jedenfalls mehrheitlich, jegliche staatliche Finanzspritze (von der Posttaxenverbilligung einmal abgesehen), lassen sich aber im Bereich von Radio und Fernsehen grosszügig via Staat von den Steuerzahlenden durch Gebührengelder subventionieren. Während sie im Printbereich auf den freien Markt und Wettbewerb schwören, akzeptieren sie im Radio- und Fernsehbereich, dass Bundesrat Moritz Leuenberger die Verbreitungsgebiete definiert und dass der Staat ihnen Auflagen macht. Das ist inkonsequent und opportunistisch. Wären sie konsequent, hätten sie den von Nationalrat Andreas Gross angestossenen und von der einen Parlamentskammer zunächst gutgeheissenen, aber schliesslich gescheiterten Verfassungsartikel „Medien und Demokratie“ nicht bekämpfen dürfen.

2. Der publizistische Wettbewerb stirbt
In der Mehrheit der Kantone erscheint sprachregional nur noch eine Tageszeitung mit ausgebautem Regionalteil und eigenständigem überregionalem Teil. Zwar gibt es überall Alternativen und Ergänzungen durch Lokalblätter, durch das Radio, durch das Internet. Aber die politische Analyse und der politische Kommentar sind ein Privileg der abonnierten Tageszeitung geblieben, und wenn es von ihr jeweils nur eine gibt, fehlt die zweite, die andere Stimme. Einen lebhaften publizistischen Wettbewerb kennen wir eigentlich nur noch in den acht Kantonen Zürich, Bern, Schwyz, Solothurn, Baselland, Graubünden, Tessin und Genf, einen beschränkten in den vier Kantonen Basel-Stadt, Appenzell Innerrhoden, Thurgau und Waadt. Dabei leidet vor allem die Berichterstattung über die kantonale Politik. Denn nationale und internationale Themen werden auch von Sonntagszeitungen, vom Fernsehen der SRG und von Gratiszeitungen aufgegriffen, kantonale hingegen erst, wenn sie landesweites Aufsehen erregen und skandalisiert werden können. Dies bedeutet, dass die jeweiligen Monopolzeitungen darüber entscheiden, ob und wie über kantonale Politik, über kantonale Kultur, über gesellschaftliche und ökonomische Vorgänge im Kanton berichtet wird. Die betroffenen Kantone drohen zu medialen Wüsten zu werden.

3. Medien verleugnen das „Andere“
Die einzelnen Sprachregionen der Schweiz sind zwar gut mit Medien versorgt, aber die Sprachräume leben medial Rücken an Rücken. In der Deutschschweiz nimmt man von der Kultur der Suisse romande oder der Svizzera italiana, von ihren gesellschaftlichen Problemen, von ihrem Alltagsleben zu wenig Notiz, und umgekehrt ist es ebenso. Die Medien spiegeln die je andere Kultur nicht resolut. Zwar gibt es KorrespondentInnen für die anderen Sprachregionen, die eine wichtige Brückenbauer-Funktion erfüllen, aber nur wenige Deutschschweizer Medien verfügen über eine Aussenstelle in Lausanne, Genf oder Lugano, die wenigsten Westschweizer Medien haben jemanden in Zürich sitzen, und wenn, dann erhalten diese KorrespondentInnen nicht täglich Raum, um den anderen Landesteil hinreichend darzustellen und zu erklären. Es fehlt eine Zeitung, die konsequent Texte aus dem anderen Landesteil übersetzt, es fehlt ein TV-Kanal, der über die Sprachgrenzen hinweg sendet im Stil eines Arte. Das gleiche Problem stellt sich gegenüber den ImmigrantInnen: Die Medien nehmen sie in ihren guten und schlechten Seiten zu wenig wahr, spiegeln sie zu wenig als Teil eines multikulturellen Landes und leisten sich teilweise sogar noch die Dreistigkeit, selbst Nachrichten an Radio und Fernsehen in Dialekt zu vermitteln.

4. Systematische Medienkritik fehlt
Neben den Banken, der Exportwirtschaft, dem Staat samt Polizei, der Armee und den Gerichten gehören die Medien zu den Institutionen mit der meisten Macht. Es ist daher unverständlich, dass die Medien sich selber so wenig problematisieren. In den Redaktionen wird oft argumentiert, man überschätze sich selbst, wenn man glaube, die Medien interessierten das Volk. Diese Schlussfolgerung ist falsch: Das Volk interessiert sich sehr wohl für Institutionen, die die Macht haben, Themen zu setzen, Ängste zu schüren, Angeschuldigte fertigzumachen, PolitikerInnen in Zugzwang zu bringen. Das Volk will durchaus mehr wissen über die Mechanismen der Nachrichtenselektion, des Rudeljournalismus und der Medienwirkung. Darüber erfährt man aber in Schweizer Medien wenig. Das Schweizer Fernsehen hatte früher einen „Medien-Club“. Es gibt ihn nicht mehr. Zeitungen wie der „Tages-Anzeiger“, der „Bund“, „Le Temps“, die „Neue Luzerner Zeitung“ oder das „St. Galler Tagblatt“ haben ihre festen Medienseiten abgeschafft. Die aktuellen Medien, die sich noch dem Medienjournalismus widmen, darunter die NZZ, die „Mittelland Zeitung“ oder das Radio der italienischen Schweiz, sind nur zum Teil kritisch. Gäbe es keine Medienmagazine wie „Klartext“ oder die nun mit Impressum zusammenspannende ehemalige SSM-„Gazette“, aber auch medienkritische Weblogs wie medienspiegel.ch, man müsste von einer grossen Einöde sprechen. Einen wirklich kritischen Ansatz verfolgt Kurt W. Zimmermann in der „Weltwoche“, der in der Regel sehr gut dokumentiert ist. Er schloss aber zu sehr von sich auf andere, als er die fast 12’000 Artikel, die in einem Jahr über das Schweizer Fernsehen erschienen (darunter viele nette Sende-Vorschauen), zum Beweis nahm, es gebe genügend Medienkritik. Wenn die Medien sich nicht gegenseitig beobachten und kritisch beschreiben, dann erfüllen sie ihre gesellschaftlichen Funktionen nicht.

5. Die Medien vertuschen das Eigene
Die Hauptaufgabe der Medien ist es, zu publizieren, nicht zu verschweigen. Die Medien stellen Öffentlichkeit her. Sie haben wenig Mühe, vertrauliche Dokumente zu publizieren, aus nicht-öffentlichen Sitzungen zu berichten oder Vorfälle aus dem Privatbereich Prominenter an die Öffentlichkeit zu zerren. Bei all dem ist die Hemmschwelle gering, selbst wenn Anwälte mit Prozessen drohen. Die Medien sind aber seltsam intransparent, wenn es um die eigenen Angelegenheiten geht. Sie machen zum Beispiel Redaktionsdiskussionen über heikle Themen nicht öffentlich. Sie erläutern nicht, warum die Redaktion in einem schwierigen Fall nicht weiter recherchiert oder eben trotzdem. Sie entschuldigen sich nicht öffentlich, wenn sie jemanden zu Unrecht skandalisiert haben. Die „New York Times“ machte es vor: Als sie gewahr wurde, dass ihre Unterstützung des Irak-Krieges falsch war und dass sie sich gegenüber der Administration von George W. Bush allzu unkritisch verhalten hatte, entschuldigte sie sich auf einer ganzen Zeitungsseite. Auch die Selbstverständlichkeiten sind zu wenig publik: Bei den meisten Radios und Fernsehsendern in der Schweiz sucht man auf den Websites vergeblich nach der Adresse des Ombudsmanns; die meisten Zeitungen geben nicht an, wie und wo man sich beschweren kann. Oft ist das Impressum kaum auffindbar, nicht vollständig. Es wird nicht klar, wer wofür zuständig ist. Und kein Medium publiziert bis jetzt die Interessenbindungen der Redaktionsmitglieder und der KorrespondentInnen. All das aber gehört zur Transparenz, die die Medien bei anderen Institutionen unentwegt einfordern.

6. Die Medien treiben Skandalisierungen voran
Die Gratiszeitungen und die Sonntagszeitungen haben die Boulevardisierung des Journalismus verstärkt: Auf dem Boulevard erregen nur Sensationen Aufmerksamkeit, die marktschreierisch angepriesen werden können. Auch in der Schweiz scheinen daher Redaktionen immer mehr zwischen den beiden Polen „Kein Thema“ oder „Skandal“ zu entscheiden. Skandalisiert werden vor allem Personen, erinnern wir uns bloss an die Kopp-Affäre, den Fall Regli, die Affäre Nyffenegger, die Affäre Bellasi, die Affäre Jagmetti, die Affäre Aliesch, die Borer-Affäre, die Affäre Matter/Swiss First Bank, die Affäre Holenweger, den Fall Nef. Die Skandalisierung besteht darin, dass ein Verhalten im Konflikt steht mit den gesellschaftlichen Normvorstellungen und deshalb moralisch angeprangert werden kann. Bei einer Skandalisierung lassen die Medien die Berichterstattung eskalieren, indem sie ihre Enthüllungen und ihre moralischen Bezichtigungen von Tag zu Tag steigern und damit die öffentliche Empörung anheizen. Nun gibt es in der Tat Skandale, die diese Behandlung verdienen und bei denen die Empörung gerechtfertigt ist. Es gibt andere, bei denen zwar ein erheblicher Verdacht besteht, wo sich aber hinterher zeigt, dass die Verfehlungen nicht derart gravierend waren. In solchen Fällen neigen die Medien dazu, zu schweigen und den Fall nicht neu aufzugreifen, um der geschädigten Person zumindest vor den Augen der Öffentlichkeit Genugtuung widerfahren zu lassen. Und: Es wäre besser, die Medien würden die Themen primär problematisieren statt skandalisieren.

7. Die Geschichtslosigkeit wächst
Am 13. Mai 1958 putschte sich General Charles de Gaulle mit Hilfe französischer Truppen in Algerien erneut an die Macht. Dieser Tag begrub die 4. Republik; er bedeutete den Übergang zur 5. Republik und stellte somit eine wichtige Zäsur dar. Am 13. Mai 2008, 50 Jahre danach, war darüber jedoch in keiner einzigen Zeitung nur eine Zeile zu lesen. Die Medienschaffenden verlieren zunehmend das Bewusstsein für Geschichte. Sie denken nicht mehr in historischen Dimensionen, sondern nur noch in tagesaktuellen, etwa nach dem Motto: „Welche Sau treiben wir denn heute durchs Dorf?“ Die grossen Linien der Entwicklungen, die wichtigen Brüche und Umbrüche verlieren an Bedeutung zugunsten von saftigen Geschichten, die sich gut „verkaufen“. Nur wer die grossen historischen Linien kennt, kann vergleichen. Und wer vergleichen kann, kann analysieren. Die Analyse aber ist eine der Hauptaufgaben eines kontextbewussten Journalismus. Wenn sie verloren geht, erhalten die Menschen nur noch Fast Food. Und dann sind sie zwar „overnewsed, but underinformed“. ≠

* Prof. Dr. Roger Blum leitet das Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Bern und ist seit 2008 Präsident der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen (UBI).

22. Oktober 2007 von Helen Brügger

Verlust des Stallgeruches

„Es bleibt nicht mehr viel von unserem Radio in Genf“, seufzt ein Mitarbeiter von Radio Lac. Entgegen den Versprechungen des neuen Besitzers, des französischen Geschäftsmannes Hugues de Montfalcon, verliere Radio Lac seinen genferischen Charakter.

Vor einem Jahr kaufte das in Rouge FM umbenannte Lausanner Radio Framboise die Genfer Lokalradiostation Lac auf. Rouge FM gehört dem französischen Geschäftsmann Hugues de Montfalcon, von dem seine Konkurrenz spöttisch sagt, er verwechsle Radio mit Supermarkt. Am Deal beteiligt war auch der Verlag Edipresse, der seinen Aktienanteil an Radio Lac auf 25 Prozent aufgestockt hat und nicht ausschliesst, in einem weiteren Schritt auch ins Aktienkapital von Rouge FM einzutreten. Diesen Sommer nun sind die beiden Radios fusioniert worden. Das heisst, es gibt eine gemeinsame Redaktion für das Lausanner Rouge FM und das Genfer Radio Lac. Die technischen Infrastrukturen wurden in Lausanne konzentriert, ein Teil der Sendungen von Radio Lac wird aus Lausanne ausgestrahlt.

Intervention der Genfer Regierung
In Genf sprach man von Verlagerung, ja gar Zerschlagung von Radio Lac; der neue Besitzer wurde für eine Stellungnahme vor die Genfer Regierung zitiert. Doch Frédéric Piancastelli, Direktor der beiden Radios, beruhigt: Radio Lac behalte seinen „stark genferischen Charakter“, auch würden beide Standorte beibehalten. Je nach Bedarf werde entweder von Lausanne oder von Genf aus gesendet, was sowohl für Radio Lac wie auch für Rouge FM gelte. Je ein Team von kaufmännischen Angestellten verkaufe in Lausanne und Genf sämtliche Produkte der Gruppe. Und das Genf-spezifische Informationsangebot von Radio Lac sei sogar noch vergrössert worden. Entlassungen seien keine ausgesprochen worden, wohl aber hätten einige Angestellte gekündigt.

Besitzer kritisiert „Protektionismus“
Radio Lac hat eine besondere Geschichte. Unter der Führung von Radiogründer Gérard Schoch herrschte im Radio eine familiäre Atmosphäre, der Ehemalige bis heute nachtrauern. Das Radio war auch Partner von Radio Suisse Romande RSR. Eine gemeinsame Redaktion produzierte Genfer Lokalinfos, die parallel auf Radio Lac und auf dem vierten RSR-Sender Option Musique ausgestrahlt wurden. Das redaktionelle Angebot, das RSR anstelle eines Regionaljournals ausstrahlte, sollte die französische Konkurrenz der von Frankreich aus sendenden Kommerzkette von NRJ/Nostalgie in Schach halten. Damit ist es inzwischen vorbei: Nach dem Aufkauf von Radio Lac hatte RSR die Zusammenarbeit auf Ende 2006 gekündigt. Denn der Service public kann es sich nicht leisten, mit einer Gruppe zusammenzuarbeiten, deren Besitzer gegen den „Protektionismus“ der Schweizer Medienlandschaft wettert und ankündigt, Rouge FM werde zur direkten Konkurrenz des ersten Programms von Radio Suisse Romande ausgebaut.
„Für einen Radiomacher aus Frankreich sind die 60 Kilometer zwischen Lausanne und Genf nicht dasselbe wie für uns“, sagt ein Ehemaliger von Radio Lac. Er spielt auf die kulturellen und soziologischen Unterschiede zwischen dem urbanen, internationalen Kanton Genf und dem noch immer stark bäuerlich geprägten Kanton Waadt an. Und er zweifelt angesichts dieser Mentalitätsunterschiede zwischen dem Waadtländer und dem Genfer Publikum, ob das Business-Modell des neuen Besitzers aufgehen könne.

Kein Problem für BAKOM
Und was sagt Mitbesitzerin Edipresse dazu? „No comment, wir sind Minderheitsaktionäre“, erklärt der zuständige Philippe Jendret. Auch das Bundesamt für Kommunikation Bakom sieht kein Problem: Das Programm habe vielleicht eine etwas „andere Farbe“ erhalten, entspreche aber weiterhin der Konzession, sagt Bakom-Mitarbeiter Yan Lehmans. Die Herausbildung von drei grossen privaten Radiogruppen am Genfersee (vgl. Übersicht Seite 40) entspreche einer „ausgewogenen Konkurrenzsituation“. ?

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