24. März 2011 von Klartext

Gezähmte Medien von Wikileaks entlarvt

Wikileaks ist die logische Reaktion auf die grassierende Steuerung der Nachrichten über «eingebettete» JournalistInnen. Diese stehen nun auch entlarvt da. Sie jammern im Chor mit Machthabenden und DiplomatInnen. Andere Medienleute haben den Wert von Wikileaks rasch erkannt. Von Niklaus Ramseyer
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21. März 2011 von Bettina Büsser

«Swiss Papers» von Wikileaks

Stell dir vor, die NZZ erhält rund 5800 «Swiss Papers» aus dem Wikileaks-Fundus – und wird nicht von allen Seiten bestürmt, wann sie die daraus gewonnenen Informationen veröffentlichen werde. Genau dies ist geschehen. «Es entsteht der Eindruck, der Hype um Wikileaks sei ein bisschen verflogen», sagt dazu NZZ-Nachrichtenchef Luzi Bernet, der die Dokumente mit einem Team von fünf bis sieben JournalistInnen ausgewertet hat: «Ausserdem sind die Dokumente zwar interessant und relevant, ergeben aber keine unglaublichen News. Wir haben etwas mehr erwartet.»
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15. September 2010 von Bettina Büsser

«Heal the World» mit Radio DRS

DRS 1 als Zukunftslabor: In einer Sendereihe mit aufwändigen Live-Produktionen bringt das Radio Publikum und ExpertInnen zusammen und lässt sie über Fragen der Sicherheit, Gesundheit und Energie diskutieren; so geht Service public.

Bild: SR DRS

Vor dem «Centre de Culture» in St. Imier wehen drei lange, weisse Fahnen. Hier macht an diesem Donnerstag ein ausserordentliches und ehrgeiziges DRS-1-Projekt Station:«Mit DRS 1 i d’Zuekunft». Zehnmal in diesem Jahr sendet DRS 1 einen ganzen Tag lang zu einem Themenbereich, der für Gegenwart und Zukunft der Schweiz prägend ist, von «Wirtschaft – Geld – Arbeit» über «Sicherheit», «Tradition und Moderne» bis «Mobilität und Verkehr». Das Publikum von «Mit DRS 1 i d’Zuekunft» wird zum jeweiligen Thema von ExpertInnen informiert, kann aber – nach guter Schweizer Tradition – auch selbst mitreden: via Telefon, via Mail und in einer «Zukunftswerkstatt». Und das tut es auch.
«Das Thema Zukunft hat uns besonders gereizt, weil wir ja vor allem über Gegenwart und Vergangenheit sprechen», sagt Christoph Gebel, Programmleiter von DRS 1/DRS Musikwelle. Nachdem man das DRS-1-Programm in den letzten Jahren intensiv renoviert habe, habe man bei der Planung für 2010 festgestellt, dass nun «die Kapazität für ein gros­ses, strukturbrechendes Programmprojekt» vorhanden sei.
Die sorgfältige Arbeit des «Zuekunfts»-Teams für dieses «grosse» Projekt zeigt sich schon bei der Auswahl der Sendeorte. Sie sind in der ganzen Deutschschweiz verteilt, nicht nur in den Agglomerationen, denn schliesslich lebt das DRS-1-Publikum zu einem guten Teil ausserhalb der grossen Städte. Und der Ort wird passend zum Thema gewählt; über «Sicherheit» etwa wurde in der interkantonalen Polizeischule im luzernischen Hitzkirch diskutiert, über «Gesundheit» im appenzellischen Teufen. Ebenso passend ist es, dass dieser «Zuekunfts»-Tag in St. Imier stattfindet: Oberhalb des Orts finden sich auf dem Mont Crosin ein Windenergie-Zentrum, auf dem Mont Soleil ein Solarkraftwerk – und das Tagesthema lautet «Energie – Umwelt – Rohstoffe».

«Diskussion ist okay, Herumschreien nicht»
Vor dem «Centre» und beim Empfang stehen drei Securitas-Leute. Nicht etwa, um Publikumsmassen zu kanalisieren, denn der Ansturm von DRS-1-HörerInnen, welche die Live-Sendung vor Ort verfolgen wollen, hält sich den ganzen Tag über in Grenzen. Sondern, wie einer von ihnen sagt, um zu reagieren, wenn es Probleme gebe: «Diskussion ist okay, Herumschreien nicht», fasst er die Devise zusammen.
Nach den 9-Uhr-Nachrichten beginnt die Sendung. Nachrichten und eingespielte Musik werden sie den ganzen Tag umrahmen, der ganz normale DRS-1-Rahmen eben. Zentrum des restlichen Programms ist zwischen 9 und 17 Uhr der Saal des «Centre de Culture», wo die DRS-1-MitarbeiterInnen ihr Equipment aufgebaut haben: Am «Online»-Tisch arbeiten zwei Personen, am «Produzenten»-Tisch unterhalten sich Edith Gillmann und Daniel Hitzig, bei den vier Mitarbeitern im Bereich «Technik» werden Leitungen gecheckt. Davor stehen zwei Tischchen, an denen Moderator Thomy Scherrer in den Papieren mit seinen Moderationstexten blättert.
Scherrer ist an diesem Tag die Drehscheibe zwischen «drinnen» und «draussen». «Drinnen», im Saal, interviewt er die Experten, vom Historiker mit Schwerpunkt Erdöl über den früheren Leiter des ETH-Zentrums für Energiepolitik und Ökonomie bis zum Fachmann für Alternativenergien. Und von «draussen» kommen verschiedene Einspielungen, vor allem aber immer wieder Live-Schaltungen: zu Reporterin Daniela Huwyler, die auf dem Mont Crosin die Montage einer Windturbine verfolgt, und zu Reporterin Christine Hubacher, die im oberen Stock des «Centre» die «Zukunftswerkstatt» begleitet.
Die «Zukunftswerkstatt» bildet quasi einen Gegenpol zu den ExpertInnen im Studio: Hier diskutieren zehn Publikums-ExpertInnen, DRS-1-HörerInnen, die sich gemeldet haben und unter dem Aspekt, ein möglichst breites Meinungsspektrum abzudecken, ausgewählt wurden. Begleitet von Reporterin Hubacher und Patrick Frey, Schauspieler und Verleger, der als «Dr. Future» eine Art Gruppenleiter- und Zusammenfasserfunktion einnimmt, tagt die Gruppe am Vormittag hinter geschlossenen Türen. «Es ist wichtig, dass sie in Ruhe diskutieren und Ideen entwickeln können, ohne dass jemand von aussen sie hört», sagt Dora Amhof, publizistische Tagesverantwortliche und Projektleiterin von «Mit DRS 1 i d’Zuekunft», später: «Diesmal ging es sehr lebendig zu und her.»
Wie «lebendig» erzählt Frey im Interview während der Sendung: Es werde «heftig» diskutiert zum Thema AKW, unter den ZukunftswerkstättlerInnen gebe es «Eiferer, Prediger, Dozenten und schon fast Sektierer». Er, Frey, habe manche davon «durch schiere Lautstärke» stoppen müssen. «Diskussion ist okay, Herumschreien nicht» – die Devise der Securitas-Leute vor dem Eingang lässt sich in der «Zukunftswerkstatt» offenbar nur schwer durchsetzen. Dass genau nach dem Interview mit Frey der Michael-Jackson-Song «Heal the World» gespielt wird, entlockt dem einen oder anderen Anwesenden ein Lächeln.

Zu wenig französische Chansons
Das Publikum wächst zwischenzeitlich auf gegen zwanzig Personen an, mehrheitlich ältere Leute, vor allem Paare, sowie Familien mit Kindern. Jedesmal, wenn eine der Gratisführungen zum Solarkraftwerk auf dem Mont Soleil startet, schrumpft die Zahl der ZuhörerInnen massiv. Zu den treuesten Saal-Sitzern gehören an diesem Tag ausgerechnet zwei französisch sprechende Rentner, schliesslich befinden wir uns im Berner Jura. Der eine versteht Deutsch und dolmetscht halblaut für seinen Begleiter, was ihnen den einen oder anderen «Pssst»-Blick einbringt. Der Dolmetschende ist unzufrieden: Gerade heute, wo ausnahmsweise aus der Romandie gesendet werde, beschwert er sich, würden nur englisch- und deutschsprachige Musikstücke gespielt. Er vermisst französische Chansons. Als dann – endlich – am späten Nachmittag Michael von der Heide mit seinem «Voisin Inconnu» eingespielt wird, reagiert er nicht. Liegt es an von der Heides Französisch?
Die HörerInnen an den Geräten zu Hause kümmern sich derweil weniger um die Musik. Sie reagieren auf das Thema Energie, mit E-Mails und Telefonanrufen. Produzent Daniel Hitzig fasst den ganzen Tag über immer wieder zusammen, zitiert, leitet Fragen weiter. Volkes Stimme wird in ihrer ganzen Breite gehört: Hitzig erwähnt auch jene Zuhörerin, die findet, das Energieproblem solle gelöst werden, indem die Bevölkerung in der Dritten Welt sterilisiert werde. Andere suchen nach Möglichkeiten, Energie zu sparen, geben Tipps und Ideen weiter. Ein Schreiner will wissen, weshalb das Restholz in den Wäldern nicht zum Heizen gebraucht wird – er selber mache das so. Andere, die Solarpanels aufstellen wollen, kritisieren die Haltung von Gemeinden und Elektrizitätswerken. AKWs und mögliche CO2-Reduktionen beschäftigen viele, einige reagieren heftig auf die Idee, die Preise für Strom massiv zu erhöhen. Die Palette der Reaktionen reicht von Kleinstanliegen bis zu grossen Grundsatzaussagen, kurz: Das DRS-1-Publikum denkt mit, arbeitet mit an wichtigen Zukunftsthemen, motiviert durch DRS 1 – das ist Service public. «Der Service public ist unser Grundauftrag, nicht auf Knopfdruck, sondern immer. Bei Projekten wie diesen ist er natürlich besonders wahrnehmbar», sagt Programmleiter Christoph Gebel.

Am Schluss ein Buch
Die Ideen, Visionen und Vorschläge, die in den zehn «Mit DRS 1 i d’Zuekunft»-Tagen zusammenkommen, werden laut Gebel im Netz und auch in einem Buch veröffentlicht: «Ausserdem überlegen wir uns, in der letzten Sendung die Resultate aller Veranstaltungen Leuten aus Politik, Medien und Bildungswesen zu übergeben.» So wird aus den «Zuekunfts»-Tagen eine Bevölkerungsbefragung.
Mit einfliessen werden auch die Ideen der «Zukunftswerkstatt» in St. Imier. Nach der Mittagspause, als ein Augenschein im oberen Stock möglich ist, herrscht dort ein «gschaffiges» Klima: Die acht Teilnehmer und zwei Teilnehmerinnen arbeiten in drei Gruppen je an einem Themenbereich. Später werden sie die entsprechenden Fragen an die drei Nachmittagsgäste stellen, an die grünliberale Ständerätin Verena Diener, den wirtschaftsliberalen Publizisten Beat Kappeler und Patrick Hofstetter, Leiter Klimapolitik des WWF. Die Resultate ihrer Diskussionen, ihre Ideen für eine Energiezukunft stellen sie dann zum Abschluss des «Zuekunfts»-Tages vor.
Am Ende verabschiedet sich Produzent Daniel Hitzig von den DRS-1-HörerInnen mit den Worten: «Wenn jetzt bei Ihnen zu Hause die Diskussion weitergeht, in der Familie, am Arbeitsplatz, abends in der Beiz, ist das eigentlich das, was wir gewollt haben.»
Das dürfte gelungen sein.

20. August 2010 von Nick Lüthi

Löscht meinen Namen!

Immer öfter sehen sich Medien und ihre digitalen Archive mit Forderungen von Personen konfrontiert, die ihre Namen nicht mehr im Kontext früherer Berichterstattung lesen wollen.

Das E-Mail begann zwar recht freundlich, endete aber mit einer klaren Drohung: Wenn ihr meinen Namen nicht aus eurem Archiv auf der Website streicht, dann kriegt ihr es mit meinem Anwalt zu tun. Die anderen Aufforderungen klangen weniger ultimativ, aber ähnlich bestimmt. In den letzten Monaten sah sich KLARTEXT mit drei solchen Löschbegehren konfrontiert; in allen Fällen wollten Figuren aus unserer früheren Berichterstattung nicht mehr an ihre Vergangenheit erinnert werden.

Zweimal gelöscht, einmal stehen gelassen
Im ersten Fall handelte es sich um einen Journalisten, der sich mit dem pub­lizistischen Kurswechsel seines Magazins nicht hatte abfinden wollen und dies in einem Brief an den Verleger öffentlich kundgetan hatte. Daraufhin erhielt er die Kündigung. Neun Jahre später wollte er an diese Affäre nicht mehr erinnert werden. Es sei hinderlich bei der Arbeitssuche.
In einem zweiten Fall verlangte ein ehemaliges Mitglied der Psychosekte VPM und Autor der ihr nahestehenden Publikation «Zeit-Fragen», sein Name sei durch die Initialen zu ersetzen. Er habe sich glaubwürdig und nachvollziehbar von der inzwischen aufgelösten Organisation entfernt.
Beim vorläufig letzten Mal, als KLARTEXT zu einem Eingriff ins Archiv aufgefordert wurde, verlangte ein Protagonist aus der Basler Justizaffäre von 1999, der auch im Mediengeschäft mitmischte, die Anonymisierung seines Namens. Er habe seine Strafe verbüsst und lebe nun in stabilen Verhältnissen.
Zweimal sind wir den Forderungen nachgekommen, in einem Fall haben wir nicht gehandelt, wie ursprünglich verlangt – aus unterschiedlichen Überlegungen. Beim Journalisten, der jahrelang erfolglos eine Stelle gesucht hatte und dabei den Verdacht nicht loswurde, dass er aufgrund seiner Exponierung in der damaligen Affäre auf einer schwarzen Liste stehe, versetzten wir uns in seine Lage und setzten im betreffenden Artikel anstelle seines vollen Namens nur noch die Initia­len. Gleich handelten wir im Basler Fall, wo sich der Betroffene nicht mehr als Rechtsbrecher verewigt sehen wollte. Die Anonymisierung erfolgte hier allerdings unter Berücksichtigung der gängigen Rechtsprechung. Das Resozia­lisierungsziel des Strafrechts erfordere, «dass das dem normalen Lauf der Dinge entsprechende Vergessen eintreten kann», hielt das Bundesgericht 1996 fest. Den Namen des früheren VPM-Mitglieds liessen wir allerdings stehen. Abklärungen ergaben, dass nicht unser Artikel dem Mann die angeblichen Unannehmlichkeiten beschert haben konnte, was dieser auch einsah.
Die leichte Zugänglichkeit archivierter Information weckt Ängste und Begehrlichkeiten. Ereignisse aus der Vergangenheit bleiben mit einem Mausklick greifbar, wo vor zwanzig Jahren noch der Gang in den Archivkeller erforderlich war. Je grösser der Datenbestand, desto stärker die Interventionslust. Das weiss man auch bei der Schweizer Mediendatenbank (SMD). Geschäftsführer Jürg Mumprecht hat in den letzten Jahren eine «massive Zunahme» von Anfragen registriert, die eine Manipulation abgelegter Dokumente verlangen.
Grundsätzlich, sagt Mumprecht, wehre er sich «mit Händen und Füssen» gegen Eingriffe in seine Bestände. Ob das gelingt, entscheiden aber nicht zuletzt die Gerichte, wie in einem hängigen Fall. Hier geht es um eine Person des öffentlichen Lebens, gegen die eine Voruntersuchung eröffnet wurde. Woraufhin viele Medien vom drohenden Strafverfahren gegen diesen Mann berichteten. So weit kam es dann allerdings nicht. Der Staatsanwalt stellte das Verfahren ein. Über die Einstellung berichtete dann nur noch eine einzige Zeitung. Wenn heute jemand in der SMD nach der betreffenden Person sucht, findet man sie mit einer Ausnahme nur als potenziellen Rechtsbrecher erwähnt. Deshalb fordert der Betroffene nun eine nachträgliche Fortschreibung seiner Geschichte in den Artikeln, die nur die Voruntersuchung erwähnt haben. SMD-Geschäftsführer Jürg Mumprecht will von einem solchen Eingriff nichts wissen. Er findet, das sei wenn schon Aufgabe der Redaktionen. «Man stelle sich vor, was das für uns genau heisst, wenn dieser Praxis stattgegeben würde. Wir würden nur noch Artikel neu schreiben. Diese Zeit können wir für Sinnvolleres brauchen.»

Selbstregulierung sinnvoller als Gerichtsentscheide
Das lässt Bruno Glaus nicht gelten. Der Anwalt und Medienrechtsspezialist sieht die SMD klar in der Pflicht, archivierte Texte im gegebenen Fall zu aktualisieren. «Das geschieht im Inte­resse der Medien und ihrer Glaubwürdigkeit», sagt Glaus. Es gehe darum zu verhindern, dass falsche oder unvollständige Informationen im Umlauf blieben. Angesichts der in weiten Teilen der Medien vorherrschenden Unkultur des Abschreibens ein legitimes Begehren, findet Glaus. «Wenn sich hierzu nicht eine Selbstregulierungskultur etabliert, dann braucht es halt Gerichtsentscheide.»
Klar ist schon heute: Mit dem Anwachsen der Datenberge steigen auch die Begehrlichkeiten. Und dem legitimen Bedürfnis nach korrekter Erinnerung müssen die Medien stattgeben. Verbindliche Spielregeln dafür etablieren sie aber besser selbst und ohne Hilfe der Justiz.

24. Juni 2010 von Helen Brügger

Nackte Tatsachen bei Vigousse

Die Wochenzeitung «Vigousse» beschreibt sich selbst als «kritisch, politisch unkorrekt, unbotmässig, selbstironisch» – und trifft damit den Nerv des Publikums. Von einem kleinen Medienwunder aus der Romandie.

Romantisch gelegen ist die Redaktion von «Vigousse»* nicht. Am Rande des Bahnhofparkings in Lausanne haben findige Bauherren zwecks Gewinnoptimierung einige Mehrzweckräume eingebaut. Zwischen Fitnesscenter und Sprachschule für Wallstreet-Englisch nistet «Vigousse», ein seltener Vogel, der seit Anfang Januar die Romands in Atem hält. Die kleine satirische Zeitung ist vom bekannten ehemaligen «Le Matin»-Zeichner Barrigue (vgl. Klartext 3/2008) lanciert worden, zusammen mit einer Gruppe von FreundInnen, ohne jede Unterstützung ausser durch eine enthusiastische LeserInnengemeinde. «Vigousse» ist sowohl ein Satiremagazin, gemacht von vier erfahrenen Medienprofis und sieben regelmässigen, teilweise ganz jungen MitarbeiterInnen, als auch das Tummelfeld für vierzehn CartoonistInnen. Micheline Calmy-Rey musste am eigenen Leib erfahren, dass auch Frauen mit ätzender Feder zeichnen können: Die provokative Karikatur der nackten Bundesrätin (siehe unten), geschaffen von der jungen Cartoonistin Coco, hat landesweit für Schlagzeilen gesorgt. Quasi als Entschuldigung, hat Vigousse auch den restlichen Bundesrat kurzerhand entblösst.


Jede Woche ein Knüller, heisst die Devise. Es sind Geschichten von unten, die der Redaktion zugetragen werden. Storys vom alltäglichen Machtmissbrauch, die selten in die Spalten einer Zeitung kommen. Etwa die erbauliche Geschichte der Lausanner Firma Job Profile, die im Auftrag der Arbeitslosenkasse das Profil von Arbeitssuchenden evaluiert und sie als billige PraktikantInnen in einem Unternehmen platziert, dessen Präsident gleichzeitig Besitzer von Job Pro­file ist. Oder die schöne Geschichte aus einem Walliser Gefängnis, dessen Insassen regelmässigen Ausgang geniessen, mit dem kleinen Nachteil, dass sie in den Weinbergen, Aprikosenpflanzungen oder Privatgärten ihrer Wärter arbeiten müssen – sehr zu deren Vorteil, denn für den Lohn der Knackis, 3.30 Franken die Stunde, kommen die SteuerzahlerInnen auf.

Dank Subskription zum Erfolg
Mit null Franken Eigenkapital, knapp 6000 Abonnementen, im Schnitt 3000 am Kiosk verkauften Exemplaren und rund anderthalb Seiten Werbung pro Nummer hat «Vigousse» nach sechs Monaten ein prekäres finanzielles Gleichgewicht erreicht. Möglich ist dieses kleine Wunder dadurch geworden, dass das «Vigousse»-Team auch bei der Abowerbung auf ein Vorgehen «von unten» gesetzt hat. Dank persönlichen Beziehungen und einer Facebook-Kampagne konnte «Vigousse» schon mit 3500 AbonnentInnen starten. Sie haben ihr Jahresabonnement im Voraus bezahlt, auf das Risiko hin, dass «Vigousse» zum Flop wird und das Geld verloren ist. «Die Leute haben uns vertraut», sagt Barrigue einfach.
Dieses Vertrauen ist wichtig, wenn die Leute ihre kleinen und grossen Sorgen, die sich zum journalistischen Knüller entwickeln können, der Redaktion anvertrauen. Sie tun es, «weil sie spüren, dass wir ihre Sprache sprechen», sagt Patrick Nordmann. Der ehemalige Moderator beim Westschweizer Radio und Texter für die «Lucky-Luke»-Comics ist neben Barrigue einer der Pfeiler von «Vigousse». Der Dritte im Bund ist Laurent Flutsch, regelmässiger Gast bei humoristischen Radiosendungen, von Beruf Archäologe und Museumsdirektor, der die verschiedenen Schichten der Aktualität ebenso gekonnt aufgräbt wie eine prähistorische Fundstelle. Roger Jaunin, ein Ehemaliger des «Matin», der gleich wie Barrigue eines Tages nicht mehr zum immer schneller wechselnden neuen Erscheinungsbild der Zeitung passte, sowie Monique Reboh, Produzentin von Unterhaltungssendungen bei Radio und Fernsehen, gehören ebenfalls zur Kernredaktion. Sie alle arbeiten teils haupt-, teils nebenamtlich bei «Vigousse»; mehr als eine Vollzeit- und einige Teilzeitstellen liegen zurzeit nicht drin.
Bei einem solch hochkarätigen Team ist klar, dass sich Chefredaktor Barrigue nicht als Chef aufspielen kann. Er versucht es auch gar nicht. Die Männerbande witzelt an der Redaktionssitzung wild drauflos, amüsiert beobachtet von Monique Reboh, die gelernt hat, ihre Jungs an der langen Leine zu lassen. Geschlotet wird, wie es zu alten Zeiten in allen Redaktionen üblich war, und auch eine Weinflasche kreist: Es ist 17 Uhr, ein langer Arbeitsabend bis 23 Uhr steht an, und der spritzige Weisse mundet selbst aus Plastikbechern, wenn er in dieser intellektuell knisternden Ambiance und mit dieser Mischung aus Humor und gegenseitiger Zuneigung serviert wird.

«Wir sind im Widerstand!»
Hat «Vigousse» eine redaktionelle Linie? «Kritisch, politisch immer inkorrekt, unbotmässig, selbstironisch», versucht Barrigue eine Definition. Links, das ist klar, bei «Vigousse» fürchtet man weder Gott noch Kaiser. Auch Parteien, die sich sowieso allesamt der Wirtschaftsmacht verkauft haben, liebt man nicht besonders: «Wir sind im Widerstand, unsere Zeitung ist ein Akt des Widerstands!», sagt Barrigue. Offensichtlich hat das Magazin damit ein Bedürfnis entdeckt, eine «Marktnische», wie man im PR-Jargon sagen würde. Andere Satiremagazine sind nach kurzer Zeit eingegangen, etwa die wunderschöne, aber viel zu intellektuelle Zeitschrift «Saturne» von Ariane Dayer. «Vigousse» hingegen spricht die Sprache des Volkes, deftig, saftig, hart, provokativ.
Das kann auch schon mal zu Reaktionen und Prozessdrohungen führen, doch «Vigousse» hat einen Anwalt, den umstrittenen Charles Poncet, der zurzeit Ghadhafi-Sohn Hannibal gegen die Schweiz vertritt. Politisch steht der nun alles andere als links, doch Provokateure, ob links, ob rechts, gesellen sich offensichtlich gern. «Poncet ist ein Freund», sagt Barrigue, damit ist das Thema für ihn erledigt.
Die Stunde der Wahrheit kommt für «Vigousse» Ende Jahr, wenn die Abonnemente erneuert werden müssen. «Vigousse» hofft auf eine Erneuerungsrate von 80 Prozent: «Lachen schafft Bindungen!», sagt Nordmann. Die Beziehung zwischen «Vigousse» und seinem Publikum sei nicht kommerziell, sondern emotional. Solche Bindungen aufzubauen sei nur möglich, «wenn wir die Leserinnen und Leser ernst nehmen und sie das auch spüren». Nordmann will wissen, wie es denn eigentlich dem «Nebelspalter», der ältesten humoristischen Zeitschrift der Welt, gehe, von dem man in der Westschweiz nur sein phänomenales Alter von 133 Jahren kennt: Humor und Satire sind leider fast unmöglich zu übersetzen.

Für «Vigousse» schreibt nicht jeder
Für KennerInnen der französischen Medienlandschaft ist klar: «Vigousse» situiert sich gekonnt zwischen der intellektuellen Satire des für seine Enthüllungen gefürchteten «Canard enchaîné» und dem volkstümlicheren, auch mal mit dem Zweihänder dreinhauenden «Charlie Hebdo». In der kleinen Westschweiz muss ein Satiremagazin beide Publika ansprechen – und vor allem muss es sich als Magazin für die ganze Westschweiz positionieren. Die Anforderung ist noch nicht ganz erfüllt, das Magazin hat MitarbeiterInnen in allen Kantonen ausser im Jura. Dort wird nach einem «Vigousse»-kompatiblen Korrespondenten gesucht. Denn für das Barrigue-Blatt schreibt nicht, wer will: Es gibt einen hauseigenen Stil, schräg, knirschend, und die MitarbeiterInnen müssen sich gefallen lassen, dass die Redaktion ihre Texte auch mal umschreibt. «Der Zustand der Welt ist so dramatisch, dass wir lieber darüber lachen, als vor Kummer zu sterben», sagt Barrigue zum Abschied. «Plutôt en rire que d’en mourir.» Das schenkt «Vigousse» seinem Publikum jede Woche: das Lachen als schöpferischen, befreienden Akt.


Aktuelles Heft:

EDITO Ausgabe: 3 | 2017
  • Philipp Cueni beschimpft zum Abschied das Publikum
  • Oliver Meiler erklärt die «Chronaca nera»
  • Pascal Hollenstein begründet die grauen Seiten in «Luzerner Zeitung» und «Tagblatt
  • Elsbeth Gugger hofft, dass der «Correspondent» nicht das Vorbild der «Republik» ist
  • Etienne Jornod erhält einen Brief
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