20. August 2010 von Nick Lüthi

Löscht meinen Namen!

Immer öfter sehen sich Medien und ihre digitalen Archive mit Forderungen von Personen konfrontiert, die ihre Namen nicht mehr im Kontext früherer Berichterstattung lesen wollen.

Das E-Mail begann zwar recht freundlich, endete aber mit einer klaren Drohung: Wenn ihr meinen Namen nicht aus eurem Archiv auf der Website streicht, dann kriegt ihr es mit meinem Anwalt zu tun. Die anderen Aufforderungen klangen weniger ultimativ, aber ähnlich bestimmt. In den letzten Monaten sah sich KLARTEXT mit drei solchen Löschbegehren konfrontiert; in allen Fällen wollten Figuren aus unserer früheren Berichterstattung nicht mehr an ihre Vergangenheit erinnert werden.

Zweimal gelöscht, einmal stehen gelassen
Im ersten Fall handelte es sich um einen Journalisten, der sich mit dem pub­lizistischen Kurswechsel seines Magazins nicht hatte abfinden wollen und dies in einem Brief an den Verleger öffentlich kundgetan hatte. Daraufhin erhielt er die Kündigung. Neun Jahre später wollte er an diese Affäre nicht mehr erinnert werden. Es sei hinderlich bei der Arbeitssuche.
In einem zweiten Fall verlangte ein ehemaliges Mitglied der Psychosekte VPM und Autor der ihr nahestehenden Publikation «Zeit-Fragen», sein Name sei durch die Initialen zu ersetzen. Er habe sich glaubwürdig und nachvollziehbar von der inzwischen aufgelösten Organisation entfernt.
Beim vorläufig letzten Mal, als KLARTEXT zu einem Eingriff ins Archiv aufgefordert wurde, verlangte ein Protagonist aus der Basler Justizaffäre von 1999, der auch im Mediengeschäft mitmischte, die Anonymisierung seines Namens. Er habe seine Strafe verbüsst und lebe nun in stabilen Verhältnissen.
Zweimal sind wir den Forderungen nachgekommen, in einem Fall haben wir nicht gehandelt, wie ursprünglich verlangt – aus unterschiedlichen Überlegungen. Beim Journalisten, der jahrelang erfolglos eine Stelle gesucht hatte und dabei den Verdacht nicht loswurde, dass er aufgrund seiner Exponierung in der damaligen Affäre auf einer schwarzen Liste stehe, versetzten wir uns in seine Lage und setzten im betreffenden Artikel anstelle seines vollen Namens nur noch die Initia­len. Gleich handelten wir im Basler Fall, wo sich der Betroffene nicht mehr als Rechtsbrecher verewigt sehen wollte. Die Anonymisierung erfolgte hier allerdings unter Berücksichtigung der gängigen Rechtsprechung. Das Resozia­lisierungsziel des Strafrechts erfordere, «dass das dem normalen Lauf der Dinge entsprechende Vergessen eintreten kann», hielt das Bundesgericht 1996 fest. Den Namen des früheren VPM-Mitglieds liessen wir allerdings stehen. Abklärungen ergaben, dass nicht unser Artikel dem Mann die angeblichen Unannehmlichkeiten beschert haben konnte, was dieser auch einsah.
Die leichte Zugänglichkeit archivierter Information weckt Ängste und Begehrlichkeiten. Ereignisse aus der Vergangenheit bleiben mit einem Mausklick greifbar, wo vor zwanzig Jahren noch der Gang in den Archivkeller erforderlich war. Je grösser der Datenbestand, desto stärker die Interventionslust. Das weiss man auch bei der Schweizer Mediendatenbank (SMD). Geschäftsführer Jürg Mumprecht hat in den letzten Jahren eine «massive Zunahme» von Anfragen registriert, die eine Manipulation abgelegter Dokumente verlangen.
Grundsätzlich, sagt Mumprecht, wehre er sich «mit Händen und Füssen» gegen Eingriffe in seine Bestände. Ob das gelingt, entscheiden aber nicht zuletzt die Gerichte, wie in einem hängigen Fall. Hier geht es um eine Person des öffentlichen Lebens, gegen die eine Voruntersuchung eröffnet wurde. Woraufhin viele Medien vom drohenden Strafverfahren gegen diesen Mann berichteten. So weit kam es dann allerdings nicht. Der Staatsanwalt stellte das Verfahren ein. Über die Einstellung berichtete dann nur noch eine einzige Zeitung. Wenn heute jemand in der SMD nach der betreffenden Person sucht, findet man sie mit einer Ausnahme nur als potenziellen Rechtsbrecher erwähnt. Deshalb fordert der Betroffene nun eine nachträgliche Fortschreibung seiner Geschichte in den Artikeln, die nur die Voruntersuchung erwähnt haben. SMD-Geschäftsführer Jürg Mumprecht will von einem solchen Eingriff nichts wissen. Er findet, das sei wenn schon Aufgabe der Redaktionen. «Man stelle sich vor, was das für uns genau heisst, wenn dieser Praxis stattgegeben würde. Wir würden nur noch Artikel neu schreiben. Diese Zeit können wir für Sinnvolleres brauchen.»

Selbstregulierung sinnvoller als Gerichtsentscheide
Das lässt Bruno Glaus nicht gelten. Der Anwalt und Medienrechtsspezialist sieht die SMD klar in der Pflicht, archivierte Texte im gegebenen Fall zu aktualisieren. «Das geschieht im Inte­resse der Medien und ihrer Glaubwürdigkeit», sagt Glaus. Es gehe darum zu verhindern, dass falsche oder unvollständige Informationen im Umlauf blieben. Angesichts der in weiten Teilen der Medien vorherrschenden Unkultur des Abschreibens ein legitimes Begehren, findet Glaus. «Wenn sich hierzu nicht eine Selbstregulierungskultur etabliert, dann braucht es halt Gerichtsentscheide.»
Klar ist schon heute: Mit dem Anwachsen der Datenberge steigen auch die Begehrlichkeiten. Und dem legitimen Bedürfnis nach korrekter Erinnerung müssen die Medien stattgeben. Verbindliche Spielregeln dafür etablieren sie aber besser selbst und ohne Hilfe der Justiz.

24. Juni 2010 von Helen Brügger

Nackte Tatsachen bei Vigousse

Die Wochenzeitung «Vigousse» beschreibt sich selbst als «kritisch, politisch unkorrekt, unbotmässig, selbstironisch» – und trifft damit den Nerv des Publikums. Von einem kleinen Medienwunder aus der Romandie.

Romantisch gelegen ist die Redaktion von «Vigousse»* nicht. Am Rande des Bahnhofparkings in Lausanne haben findige Bauherren zwecks Gewinnoptimierung einige Mehrzweckräume eingebaut. Zwischen Fitnesscenter und Sprachschule für Wallstreet-Englisch nistet «Vigousse», ein seltener Vogel, der seit Anfang Januar die Romands in Atem hält. Die kleine satirische Zeitung ist vom bekannten ehemaligen «Le Matin»-Zeichner Barrigue (vgl. Klartext 3/2008) lanciert worden, zusammen mit einer Gruppe von FreundInnen, ohne jede Unterstützung ausser durch eine enthusiastische LeserInnengemeinde. «Vigousse» ist sowohl ein Satiremagazin, gemacht von vier erfahrenen Medienprofis und sieben regelmässigen, teilweise ganz jungen MitarbeiterInnen, als auch das Tummelfeld für vierzehn CartoonistInnen. Micheline Calmy-Rey musste am eigenen Leib erfahren, dass auch Frauen mit ätzender Feder zeichnen können: Die provokative Karikatur der nackten Bundesrätin (siehe unten), geschaffen von der jungen Cartoonistin Coco, hat landesweit für Schlagzeilen gesorgt. Quasi als Entschuldigung, hat Vigousse auch den restlichen Bundesrat kurzerhand entblösst.


Jede Woche ein Knüller, heisst die Devise. Es sind Geschichten von unten, die der Redaktion zugetragen werden. Storys vom alltäglichen Machtmissbrauch, die selten in die Spalten einer Zeitung kommen. Etwa die erbauliche Geschichte der Lausanner Firma Job Profile, die im Auftrag der Arbeitslosenkasse das Profil von Arbeitssuchenden evaluiert und sie als billige PraktikantInnen in einem Unternehmen platziert, dessen Präsident gleichzeitig Besitzer von Job Pro­file ist. Oder die schöne Geschichte aus einem Walliser Gefängnis, dessen Insassen regelmässigen Ausgang geniessen, mit dem kleinen Nachteil, dass sie in den Weinbergen, Aprikosenpflanzungen oder Privatgärten ihrer Wärter arbeiten müssen – sehr zu deren Vorteil, denn für den Lohn der Knackis, 3.30 Franken die Stunde, kommen die SteuerzahlerInnen auf.

Dank Subskription zum Erfolg
Mit null Franken Eigenkapital, knapp 6000 Abonnementen, im Schnitt 3000 am Kiosk verkauften Exemplaren und rund anderthalb Seiten Werbung pro Nummer hat «Vigousse» nach sechs Monaten ein prekäres finanzielles Gleichgewicht erreicht. Möglich ist dieses kleine Wunder dadurch geworden, dass das «Vigousse»-Team auch bei der Abowerbung auf ein Vorgehen «von unten» gesetzt hat. Dank persönlichen Beziehungen und einer Facebook-Kampagne konnte «Vigousse» schon mit 3500 AbonnentInnen starten. Sie haben ihr Jahresabonnement im Voraus bezahlt, auf das Risiko hin, dass «Vigousse» zum Flop wird und das Geld verloren ist. «Die Leute haben uns vertraut», sagt Barrigue einfach.
Dieses Vertrauen ist wichtig, wenn die Leute ihre kleinen und grossen Sorgen, die sich zum journalistischen Knüller entwickeln können, der Redaktion anvertrauen. Sie tun es, «weil sie spüren, dass wir ihre Sprache sprechen», sagt Patrick Nordmann. Der ehemalige Moderator beim Westschweizer Radio und Texter für die «Lucky-Luke»-Comics ist neben Barrigue einer der Pfeiler von «Vigousse». Der Dritte im Bund ist Laurent Flutsch, regelmässiger Gast bei humoristischen Radiosendungen, von Beruf Archäologe und Museumsdirektor, der die verschiedenen Schichten der Aktualität ebenso gekonnt aufgräbt wie eine prähistorische Fundstelle. Roger Jaunin, ein Ehemaliger des «Matin», der gleich wie Barrigue eines Tages nicht mehr zum immer schneller wechselnden neuen Erscheinungsbild der Zeitung passte, sowie Monique Reboh, Produzentin von Unterhaltungssendungen bei Radio und Fernsehen, gehören ebenfalls zur Kernredaktion. Sie alle arbeiten teils haupt-, teils nebenamtlich bei «Vigousse»; mehr als eine Vollzeit- und einige Teilzeitstellen liegen zurzeit nicht drin.
Bei einem solch hochkarätigen Team ist klar, dass sich Chefredaktor Barrigue nicht als Chef aufspielen kann. Er versucht es auch gar nicht. Die Männerbande witzelt an der Redaktionssitzung wild drauflos, amüsiert beobachtet von Monique Reboh, die gelernt hat, ihre Jungs an der langen Leine zu lassen. Geschlotet wird, wie es zu alten Zeiten in allen Redaktionen üblich war, und auch eine Weinflasche kreist: Es ist 17 Uhr, ein langer Arbeitsabend bis 23 Uhr steht an, und der spritzige Weisse mundet selbst aus Plastikbechern, wenn er in dieser intellektuell knisternden Ambiance und mit dieser Mischung aus Humor und gegenseitiger Zuneigung serviert wird.

«Wir sind im Widerstand!»
Hat «Vigousse» eine redaktionelle Linie? «Kritisch, politisch immer inkorrekt, unbotmässig, selbstironisch», versucht Barrigue eine Definition. Links, das ist klar, bei «Vigousse» fürchtet man weder Gott noch Kaiser. Auch Parteien, die sich sowieso allesamt der Wirtschaftsmacht verkauft haben, liebt man nicht besonders: «Wir sind im Widerstand, unsere Zeitung ist ein Akt des Widerstands!», sagt Barrigue. Offensichtlich hat das Magazin damit ein Bedürfnis entdeckt, eine «Marktnische», wie man im PR-Jargon sagen würde. Andere Satiremagazine sind nach kurzer Zeit eingegangen, etwa die wunderschöne, aber viel zu intellektuelle Zeitschrift «Saturne» von Ariane Dayer. «Vigousse» hingegen spricht die Sprache des Volkes, deftig, saftig, hart, provokativ.
Das kann auch schon mal zu Reaktionen und Prozessdrohungen führen, doch «Vigousse» hat einen Anwalt, den umstrittenen Charles Poncet, der zurzeit Ghadhafi-Sohn Hannibal gegen die Schweiz vertritt. Politisch steht der nun alles andere als links, doch Provokateure, ob links, ob rechts, gesellen sich offensichtlich gern. «Poncet ist ein Freund», sagt Barrigue, damit ist das Thema für ihn erledigt.
Die Stunde der Wahrheit kommt für «Vigousse» Ende Jahr, wenn die Abonnemente erneuert werden müssen. «Vigousse» hofft auf eine Erneuerungsrate von 80 Prozent: «Lachen schafft Bindungen!», sagt Nordmann. Die Beziehung zwischen «Vigousse» und seinem Publikum sei nicht kommerziell, sondern emotional. Solche Bindungen aufzubauen sei nur möglich, «wenn wir die Leserinnen und Leser ernst nehmen und sie das auch spüren». Nordmann will wissen, wie es denn eigentlich dem «Nebelspalter», der ältesten humoristischen Zeitschrift der Welt, gehe, von dem man in der Westschweiz nur sein phänomenales Alter von 133 Jahren kennt: Humor und Satire sind leider fast unmöglich zu übersetzen.

Für «Vigousse» schreibt nicht jeder
Für KennerInnen der französischen Medienlandschaft ist klar: «Vigousse» situiert sich gekonnt zwischen der intellektuellen Satire des für seine Enthüllungen gefürchteten «Canard enchaîné» und dem volkstümlicheren, auch mal mit dem Zweihänder dreinhauenden «Charlie Hebdo». In der kleinen Westschweiz muss ein Satiremagazin beide Publika ansprechen – und vor allem muss es sich als Magazin für die ganze Westschweiz positionieren. Die Anforderung ist noch nicht ganz erfüllt, das Magazin hat MitarbeiterInnen in allen Kantonen ausser im Jura. Dort wird nach einem «Vigousse»-kompatiblen Korrespondenten gesucht. Denn für das Barrigue-Blatt schreibt nicht, wer will: Es gibt einen hauseigenen Stil, schräg, knirschend, und die MitarbeiterInnen müssen sich gefallen lassen, dass die Redaktion ihre Texte auch mal umschreibt. «Der Zustand der Welt ist so dramatisch, dass wir lieber darüber lachen, als vor Kummer zu sterben», sagt Barrigue zum Abschied. «Plutôt en rire que d’en mourir.» Das schenkt «Vigousse» seinem Publikum jede Woche: das Lachen als schöpferischen, befreienden Akt.


10. Mai 2010 von Nick Lüthi

«Wir sind dort, wo es brennt»


Programmkritik Telebärn: Was geschieht eigentlich mit den Gebührenmillionen?

Seit 1995 bestrahlt TeleBärn als zweitgrösstes Regionalfernsehen der Schweiz die Kantone Bern sowie Teile Freiburgs und Solothurns mit seinem Programm. Neben dem allabendlich in Eigenregie produzierten Nachrichten- und Sportbulletin sowie eigenen Talksendungen übernimmt der Sender zahlreiche Magazinformate von anderen Privaten. Ein Grossteil der Sendungen wird im Stundentakt wiederholt. Seit seiner Gründung hat TeleBärn noch kein Betriebsjahr mit schwarzen Zahlen abgeschlossen. Dennoch hat die sonst sehr kostenbewusste Espace Media (heute: Tamedia) den Sender am Leben erhalten. Nicht zuletzt wegen der Aussicht auf Millionen aus dem Gebührentopf, die TeleBärn inzwischen aufgrund des Gebührensplittings im geltenden Radio- und Fernsehgesetz ausgeschüttet erhält.

KLARTEXT kritisiert: Wo bleibt das Profil?

TeleBärn hat in den letzten 15 Jahren ein paar unvergessliche Sendeminuten in die Stuben gebracht. Leider liegen diese Glanzpunkte des bernischen Fernsehschaffens weit zurück in der Vergangenheit. Etwa die urkomische «Seva Game-Show», wo der spätere Swiss-Date-Moderator Joël Gilgen auf einer selbstgebastelten Spielwand auf Anweisung von zwei KandidatInnen ein Foto aufdeckte. Auch an Pornosternchen Laetitia erinnern wir uns gerne, wie sie ein Erotikmagazin moderierte, das nicht nur aus Werbetrailern für Rammelfilme bestand. TeleBärn hatte einmal Charakter, vielleicht nicht den besten, aber immerhin ein Profil mit Ecken und Kanten. Das sucht man heute vergeblich.
Immer stärker orientiert sich das Privatfernsehen an internationalen Standards – allerdings nur bei Studioästhetik und Layout-Elementen: glatte Oberfläche und Möchtegern-CNN. Was Machart und Themenwahl des Programms angeht, spielt das Berner Tamedia-TV ein paar Ligen tiefer: Verkehrsunfälle als Aufmacher, Jöö-Schnüfi-Meldungen in den Nachrichten, bei anderen Privatsendern eingekaufte Magazinformate; alles irgendwie beliebig und austauschbar. Einzig das Sportmagazin und die volkstümliche Sendung «Musigstubete» schaffen es, eine gewisse Unverwechselbarkeit und lokalkolorierte Kernigkeit ins Programm zu bringen.
Dass ein Regional-TV keine StarreporterInnen und Moderationskanonen auf die Lohnliste kriegt, sondern meist EinsteigerInnen, kann man ihm nicht vorwerfen. Doch auch bei den treuen Seelen, die seit Jahr und Tag vor der Kamera stehen, gewinnt man nicht eben den Eindruck, dass sie die Qualität des Programms signifikant zu heben vermögen. Apropos: Was bewirken eigentlich die 2,2 Millionen Franken an Gebührengeldern, die TeleBärn nun jährlich von Gesetzes wegen in die Qualität von Personal und Programm investieren muss?

Programmleiter Patrick Teuscher reagiert:

Die Live-«Wahlkiste» zu den Berner Regierungs- und Grossratswahlen von Ende März, mit ersten exklusiven Hochrechnungen schon um 14.00 Uhr, zeigt: TeleBärn liefert über Stunden ein Programm, das keine Sekunde an die Anfänge erinnert. Was am Wahltag hinter den Kulissen des Berner Rathauses läuft, spricht Bände: Das Schweizer Fernsehen will kurzfristig den von TeleBärn verpflichteten Politologen Adrian Vatter nachverpflichten. Es klappt nicht. Auch bei den Wahlinterviews steht SF hinten an. Das zeigt, wie sich TeleBärn in der Region aus dem Schatten des Schweizer Fernsehens löst. Dass Verkehrsunfälle bei TeleBärn ein Topthema sein können, hat damit zu tun, dass TeleBärn dort ist, wo es brennt. Und die Bilder dazu hat.
Die News haben an Qualität zugelegt. Sie sind kürzer, knackiger, schneller. Das neue TeleBärn-Info wird in Zukunft einen neuen Weg gehen: mehr Hintergrund, mehr Tiefgang, mehr Menschen.
Alles in Butter beim Regionalfernsehen? Mitnichten! Es ist ein offenes Geheimnis, dass Qualität kostet. Die Sendeminute darf – trotz Gebührengeldern – nur einen Bruchteil dessen kosten, was ein nationaler Sender ausgeben kann, wenn er seine Moderatorinnen nach Mumbai auf Reportage schickt. Aus Kostengründen fristet die zweite halbe Stunde bei TeleBärn noch ein stiefmütterliches Dasein. Die heutige Lösung funktioniert so: Jeder Regionalsender produziert ein Magazin, das auch für einen anderen interessant ist. So lassen sich Programme austauschen. Es ist ein Spagat zwischen «Wie lokal darf die Sendung sein?» und «Wie national muss sie sein?».
Dank den Gebührengeldern – daran darf man TeleBärn in Zukunft messen – geniessen die Videojournalisten eine bessere Ausbildung, sie recherchieren besser, produzieren besser, realisieren bessere Beiträge: Das Programm wird insgesamt besser. Zurück zu den Wurzeln ist keine Option. Mit dem verstärkten Bedürfnis nach Lokalberichterstattung wird das Profil von TeleBärn in Zukunft geschärft.

26. April 2010 von Nick Lüthi

Wie schlecht ist DRS 1?

Radiodirektor Rechsteiner: «Es sind schwerwiegende Vorwürfe»; Bild: SR DRS

Radiodirektor Iso Rechsteiner sieht sich von einer amtlich verordneten Programm-Analyse zu Unrecht kritisiert. Radio DRS, Medienwissenschaft und Bakom müssen sich für zukünftige Untersuchungen noch finden.

Die Aufregung hat sich in der Zwischenzeit etwas gelegt. Aber Radiodirektor Iso Rechsteiner spricht weiterhin von einem «Imageschaden», den die wissenschaftliche Analyse des Programms von DRS 1 angerichtet habe. Rechsteiner sieht das Programm zu Unrecht kritisiert: «Es sind schwerwiegende Vorwürfe, und die können wir so nicht auf uns sitzen lassen.» Der Radiodirektor stösst sich vor allem am Vorgehen der ForscherInnen, so zum Beispiel an ihrer Definition von Information: «Die verschiedensten Sorten von Wortbeiträgen erfasst die Studie in einer einzigen Kategorie.» Nun lasse sich aber eine Moderationsstrecke im Nachmittagsprogramm schlecht mit einem Nachrichtenbeitrag im «Echo der Zeit» vergleichen. In solchen methodischen Mängeln vermutet Rechsteiner den Grund, weshalb die Kritik am Programm von DRS 1 so hart ausgefallen ist.
Und in der Tat: Wer die Ergebnisse der Programm-Analyse liest, ohne sich im Detail mit der Forschungsanlage vertraut gemacht zu haben, gewinnt den Eindruck, hier werde schweres Geschütz aufgefahren. Der Sender betreibe «schwerwiegende Informationsunterlassung», indem häufig die Quellen der Nachrichten verschwiegen würden. Bei der Berichterstattung über Politik verlasse sich DRS 1 «in eklatanter Weise auf gouvernementale Informationsquellen», und schliesslich lasse die Ausgewogenheit zu wünschen übrig, da «in den meisten Fällen» nur eine Perspektive oder Meinung gezeigt werde. Vorwürfe, die man weder in den betroffenen Redaktionen noch an der Radiospitze auf sich sitzen lassen will.

Der Quellenstreit
«Man stelle sich vor, wie umständlich ein Nachrichtenbulletin klingen würde, wenn jedes Mal die Quelle genannt würde», gibt ein Radioredaktor zu bedenken. Anders als in der Zeitung, wo sich das Agenturkürzel elegant ans Textende setzen lasse, gebe es diese Möglichkeit beim Radio nicht. Wertvolle Sekunden würden draufgehen, wenn jedes Mal floskelhaft erwähnt werden müsste: «Wie Agence France Presse und die Deutsche Presseagentur übereinstimmend berichten, …». Das sieht auch Iso Rechsteiner so. Er geht zudem von einem mündigen Publikum aus, das selbst mitdenkt: «Während der Parlamentssession brauchen wir wahrlich nicht bei jedem Bericht aus dem Bundeshaus darauf hinzuweisen, woher dieser nun stammt.»
Praktisch und pragmatisch betrachtet, mag der langjährige Journalist und heutige Radiodirektor zwar recht haben. Geht es aber nach den Regeln der Kunst und den Maximen der Berufsethik, dann ist der Fall klar: Eine Quelle gehört in jedem Fall genannt. Das sieht auch der Medienwissenschaftler René Grossenbacher so, der im Auftrag des Bundesamts für Kommunikation (Bakom) das Radioprogramm analysiert hat und an dessen Befunden man sich nun bei DRS reibt. «Wenn es diese Norm gibt, dann sollte man sich auch daran halten», findet Grossenbacher.
Für unberechtigt halten die Radioleute auch die Kritik am fehlenden Einbezug eines zweiten Blickwinkels. Diese Diagnose sei nur deshalb zustande gekommen, weil auch Wortbeiträge wie etwa die Anmoderation eines Musikstücks von der Studie miterfasst worden seien. «Es ist doch ziemlich praxisfern, an die Moderationsbeiträge dieselben Massstäbe anzulegen wie an eine Nachrichtensendung», findet ein Radioredaktor.

Methoden waren bekannt
Beim Bakom, das die wissenschaftliche Untersuchung der Radioprogramme in Auftrag gegeben hat, zeigt man sich einigermassen erstaunt ob dieser Kritik an den Forschungsmethoden. «Der SRG war genau bekannt, wie die Studien zustanden kommen, und sie konnte sich im Vorfeld auch dazu äussern», sagt Jost Aregger, Forschungsverantwortlicher im Bakom. Da aber keinerlei methodische Einwände gemacht worden seien, mute es nun etwas seltsam an, solche Kritik zu vernehmen. Offenbar gibt es Abstimmungsprobleme bei der SRG. Rechsteiner sagt denn auch, dass er die Thematik möglicherweise unterschätzt habe und den Informationsfluss in Zukunft verbessern wolle.
Bei aller Irritation ist man sich doch allenthalben einig, dass es im Kern um die Verbesserung der Programmqualität gehen sollte und wissenschaftliche Analysen dafür grundsätzlich als geeignetes und sinnvolles Instrument taugen. Auch Radiodirektor Rechsteiner pflichtet dem bei und will nun auch nicht weiter an den Methoden herummäkeln. Im Gegenteil: «Es gibt durchaus Punkte, bei denen wir nicht zuletzt aufgrund der Ergebnisse der Programm­-Analyse handeln wollen.» Etwa bei der Migrationsthematik. Da zeige die Studie zu Recht auf, dass Radio DRS zu wenig mache. Bei der Berichterstattung aus den lateinischen Landesteilen, die in der Untersuchung auch bemängelt wurde, hat Radio DRS bereits gehandelt und entsprechende Sendungen geschaffen. «Wenn es Mängel gibt», so Rechsteiner, «dann wäre ich der Letzte, der sagt, dass man die nicht beheben soll.»
Dass es zu Friktionen und Missverständnissen gekommen ist, überrascht eigentlich nicht. Denn diese Form der Programmbegleitforschung ist neu und kam erst mit dem revidierten Radio- und Fernsehgesetz in die Gänge. Profitieren sollte am Ende das Publikum, indem es für seine Gebührengelder ein hochstehendes Programm geboten erhält. Von allen Seiten wird denn auch eine grosse Offenheit signalisiert, was die künftige Zusammenarbeit angeht. Radiodirektor Rechsteiner sieht auf keiner Seite bösen Willen: «Aber wir müssen uns noch finden.»

Näher am Programm forschen
Finden müssen sich die Vertreter von Radio DRS, Bakom und Forschung auch in Sachen Forschungsmethoden, wie die Verstimmungen nach der Publikation der Programm-Analyse gezeigt haben. Das Radio würde es bei zukünftigen Untersuchungen lieber sehen, wenn entlang ihrer Programmstruktur geforscht wird, um so auch Aussagen über die Leistung einzelner Sendungen zu ermöglichen. Beim Bakom, das die Forschung in Auftrag gibt, versteht man zwar dieses Bedürfnis, aber es gehe bei der Radio-Analyse um eine Aussensicht, die sich eben nur bedingt mit der Binnenoptik des Radios überschneide, gibt Bakom-Forschungschef Jost Aregger zu bedenken. Um genau solche Fragen geht es nun bei Gesprächen zwischen Bakom und Radiodirektion.
Ein Ziel hat die Veröffentlichung der Studienergebnisse bereits erreicht: Über die Programmqualität von Radio DRS wird öffentlich diskutiert. Von einem «Imageschaden», wie ihn Radiodirektor Rechsteiner vermutet, kann indessen nicht die Rede sein. Im Gegenteil: Wer sich der Kritik stellt, dem gebührt – gerade im ansonsten kritik­resistenten Medienbetrieb – zuerst einmal Respekt.

18. Februar 2010 von Nick Lüthi

Kollektiv investigativ

Die Deutschschweiz sei Brachland für investigativen Journalismus, finden Dominique Strebel («Beobachter»), Martin Stoll («SonntagsZeitung») und Monica Fahmy («Blick»). Sie wollen bessere Bedingungen für tiefschürfende Recherchen schaffen.

Erst dank kollektiver Anstrengung liess sich die Geschichte fertig erzählen: Jahrelang hatten JournalistInnen auf Granit gebissen, bis sich eines Tages Redaktoren von «Wochenzeitung» und mehreren Tageszeitungen nach einer Versammlung der JournalistInnengewerkschaft SJU an einen Tisch setzten und gemeinsam einen Plan ausheckten, ja ein regelrechtes Drehbuch für die Recherche schrieben: Wer fragt wann wen? Wie lässt sich verhindern, dass sich X mit Y abspricht? Wann konfrontieren wir die Hauptakteure mit den Ergebnissen? Die WOZ gab den Startschuss, die anderen Zeitungen zogen nach. Die generalstabsmässig geplante und auch so durchgeführte Operation führte zum Ziel, der Parteispendenskandal des Kantons Bern kam ans Licht, die Justiz übernahm und verurteilte einen involvierten Regierungsrat zu einer bedingten Gefängnisstrafe. Das war 1986.
Solche Glanzleistungen kollektiver Recherchearbeit über Redaktionsgrenzen hinweg gab es seither nur noch selten, erst recht nicht zu Themen von internationalem Interesse. «Mir fehlen die richtig grossen Scoops», meint Dominique Strebel. Was hierzulande nach Enthüllung aussehe, sei meistens eine «gesteckte Geschichte». «Beobachter»-Redaktor Strebel ist überzeugt, dass es in der Schweiz noch einige dunkle Winkel auszuleuchten gäbe: «Die Gleichung ‹kleines Land – kleine Skandale› geht nur bedingt auf.» Gerade der Banken- und Finanzplatz sowie internationale Organisationen und Sportverbände böten reichlich Potenzial für Enthüllungen.
Die Einschätzung teilt er mit Kollege Martin Stoll von der «SonntagsZeitung». Doch die beiden gefallen sich nicht im üblichen Lamento, im Stil von: Früher war alles besser und der Beruf geht sowieso vor die Hunde. Die beiden Journalisten schlagen vor, das vorhandene Recherche-Know-how in der Deutschschweiz zu bündeln und zielgerichteter einzusetzen. Vorbilder gibt es einige. Die Mutter aller Standesorganisationen von Hardcore-RechercheurInnen ist die im Nachgang zu den Watergate-Enthüllungen von Woodward und Bernstein gegründete IRE (Investigative Reporters and Editors) in den USA. Auch das Netzwerk Recherche in Deutschland entwickelte sich seit seiner Gründung vor neun Jahren zur ersten Anlaufstelle für die Hartnäckigsten der Branche. Ganz so hoch zielen Stoll und Strebel nicht. «Wir stehen ganz am Anfang», ist den beiden bewusst. Doch bei Null beginnen müssen sie trotzdem nicht.

«Kein Idealistenklub»

Mit Swissinvestigation.net gibt es in der Westschweiz bereits eine Plattform für investigativ arbeitende JournalistInnen. Heute haben sich dort schon mehr als fünfzig Berufsleute in das öffentliche Verzeichnis eingetragen und so einen ersten Schritt zur Vernetzung getan. Im Rahmen der Global Investigative Journalism Conference von Ende April in Genf planen Strebel und Stoll zusammen mit der «Blick»-Journalistin Monica Fahmy nun, eine Deutschschweizer Sektion von Swissinvestigation.net zu gründen. «Es wird sicher kein Idealistenklub werden», gibt sich Dominique Strebel pragmatisch. «Wer bei uns mitmacht, erwartet einen konkreten Nutzen.» Zum Beispiel in Form von bereitgestellten Standardformularen und Musterbriefen, etwa für die Einsicht in amtliche Dokumente gemäss Öffentlichkeitsgesetz. Im Zentrum steht aber eine Vernetzung, die über die informellen Kontakte hinausgeht, wie sie JournalistInnen seit je untereinander pflegen, und die hilft, einander in heiklen und aufwendigen Recherchesituationen den Rücken zu stärken. Schliesslich soll es künftig wieder vermehrt möglich sein, redaktionsübergreifend dickere Bretter zu bohren, als dies die Arbeitsbedingungen im real existierende Journalismus normalerweise zulassen.
Dass die drei ReporterInnen ausgerechnet im Rahmen des Genfer Branchentreffens den Organisationsversuch anpacken, dafür gibt es gute Gründe. Vom Besuch früherer Konferenzen weiss Martin Stoll, wie beflügelnd ein solches Zusammentreffen mit Gleichgesinnten wirken kann: «Du kommst da raus mit Elan und weisst, weshalb du Journalist bist, wenn du siehst, dass andere gleich ticken.»

Aktuelles Heft

Ausgabe: 4 | 2010 Die Themen:
  • Heller, der Heftlimacher
  • Service Zukunft mit SR DRS
  • Bilderstreit, nächste Runde