8. September 2010 von Daniel Goldstein
Originalität sieht anders aus als dieser Satz. Nämlich neu und packend, aber solche Qualitäten sind gefährdet, wenn das Momentum zuschlägt. Will heissen: Wenn andere finden, so fühle sich eine flotte Schreibe an, und sie nachzuahmen beginnen. Fakt ist: Ein Ausdruck kann noch so originell zur Welt kommen – breitet er sich aus, so nutzt er sich ab.
Aber der Reihe nach: Hier geht es um Formulierungen, die einst neu waren und – zumindest den Schreibenden – Freude machten. Aufmerksam Lesende merken es, und sofern sie auch Schreibende sind, machen sie es nach. Und so werden die einst originellen Wendungen zuerst zum Gemeinplatz und dann zum Ärgernis. Zumindest für weiterhin aufmerksam Lesende, die spüren, wenn jemand Textbausteine im Kopf hat.
Da staunt man dann nicht mehr Bauklötze, sondern beginnt sich zu fragen, ob dem Verbum delicti vielleicht ein Geburtsfehler anhaftet, der bei häufigem Gebrauch stärker zutage tritt. Und man wird fast immer fündig. «Der Reihe nach» zum Beispiel: Es wird gesetzt, wenn ein Text mit einer heillosen Verwirrung begonnen hat, die die Leserin neugierig machen soll. Manchmal mag das funktionieren, aber Journalismus aus dem Lehrbuch ist es nicht: Der verlangt, dass man von Anfang an Klarheit schafft. «Will heissen»: Dass man den Leser nicht an der (Wunder-)Nase herumführt. Doch wer oder was will da etwas? Offenbar der vorangegangene Satz, aber «Fakt ist»: Ein Satz hat nun mal keinen Willen, er drückt höchstens einen aus, soll also etwas heissen. Und ein Fakt ist schlicht eine Tatsache. Ich habe einmal gelesen, das Fremdwort habe zuerst in der DDR Fuss gefasst. Das muss man ja nicht gerade für einen Geburtsfehler halten, aber eine Bereicherung der deutschen Sprache gibt es hier auch nicht zu feiern.
Ebenso wenig hat es gebracht, «Momentum» und «sich anfühlen» zu importieren, wohl beides aus dem Englischen. «What does it feel like to have the momentum?» Es ist ein schönes Gefühl, wenn man den Schwung für sich hat, sei es in der Politik oder im Sport.
21. August 2010 von Klartext
Du bist auch nicht mehr, was du einmal warst. Denn du bist eigentlich viel mehr, als wir uns je vorzustellen gewagt hätten, was du sein könntest. Wenn wir in den vergangenen Wochen und Monaten auf dein eindeutiges Erscheinen gewartet hatten, dann hat das wohl weniger mit dir selbst zu tun, als mit unseren überkommenen Vorstellungen. Früher, als bekanntlich alles besser war, wussten wir jeweils, sobald die ersten Enten anzuschwimmen kamen: Jetzt bist du wieder da. Heute zielt diese saisonal bedingte Vorfreude ins Leere. Inzwischen gibt es ja Entenkolonien, wo man dich jahrein, jahraus antreffen kann; zum Beispiel feierabends im PendlerInnenverkehr.
Das ganze Jahr ein bisschen Sommerloch bietet auch Vorteile. In der Jahresmitte selbst, wo früher die Leere und ihre grenzwertigen Füllstoffe am deutlichsten sichtbar wurden, gibt es heute auch Gehaltvolles. Debatten, die ihren Namen verdienen, wie gerade eben jene zur Schweiz und ihrer Beziehung zur EU. Sommer ja, aber Loch muss nicht sein. Nur beim Schweizer Fernsehen scheint man den alten Zeiten nachzutrauern und gräbt sich das Sommerloch gleich selbst, wenn es aus freien Stücken schon nicht mehr vorbeikommt. In der Politsendung «Rundschau» wähnt man sich plötzlich bei «Glanz & Gloria», wenn Moderator Urs Leuthard eine gewesene Miss Texas zu den Schauplätzen ihrer Jugend begleitet.
Liebes Sommerloch, du hast es ja eigentlich ganz gut, wenn du nicht nur in dieser Affenhitze die Medien heimsuchen musst und auch in kühleren Monaten mal auf Redaktionsbesuch gehen kannst. Überhaupt tauchst du bisweilen an den überraschendsten Orten auf.
Auf dass wir dir trotzdem nie bei uns begegnen:
Mit sommerlichen Grüssen
Klartext
20. August 2010 von Nick Lüthi
Der Wind drehte schnell. Kaum eine Woche sollte vergehen, bis aus den brisanten Dokumenten belangloses Material wurde. Die hiesigen Medien taten sich sichtlich schwer damit, die Veröffentlichung der Kriegsprotokolle aus Afghanistan und ihre speziellen publizistischen Begleitumstände einzuordnen. Insbesondere die Tatsache, dass drei renommierte Redaktionen sich dafür entschieden hatten, die von der Whistleblower-Plattform Wikileaks zur Verfügung gestellten Dokumente aufzubereiten und die Ergebnisse zu publizieren, sorgte für Verwirrung. Symptomatisch dafür steht Walter Niederberger, US-Korrespondent des «Tages-Anzeigers». In einer ersten Einschätzung konzedierte er «New York Times», «Guardian» und «Spiegel» eine «staatspolitisch verantwortliche Berichterstattung», um nur ein paar Tage später die drei Medien der willfährigen Beihilfe zu bezichtigen; Wikileaks-Chef Julian Assange habe sie «eingespannt». Noch weiter ging Niederbergers Kollege Martin Suter von der «SonntagsZeitung», der die drei Leitmedien gar als «nützliche Idioten» am Werk sah. Wenn es denn so einfach wäre; Wikileaks und seine Kooperation mit professionellen Medien lassen sich nicht einfach aus der Welt kommentieren.
Dass Julian Assange im Fall der Afghanistan-Protokolle auf Redaktionen zuging, ihnen das Material kostenlos zur Sichtung anbot und einen Monat verstreichen liess, bis er das Rohmaterial veröffentlichte, zeugt – anders, als dies nun manche sehen wollen – von einem verantwortungsvollen Vorgehen. Denn die Zeitungen und das Nachrichtenmagazin taten genau das, was ihre Aufgabe als Informationsspezialisten ist: Sie filterten den Datenberg, glichen die Informationen mit früheren Berichten ab, um sie auf ihre Glaubwürdigkeit zu prüfen, und – was die KritikerInnen geflissentlich ausblenden – sie gaben der US-Regierung vor der Veröffentlichung eine Möglichkeit zur Stellungnahme. Sehr zur Freude des Weissen Hauses. Wie der Washington-Korrespondent der «New York Times» berichtet, lobten die Regierungsvertreter bei einem Treffen den sorgfältigen und verantwortungsvollen Umgang der Zeitung mit den sensiblen Dokumenten.
Wikileaks und sein Gründer mögen von einer politischen Mission getrieben sein – gerade deshalb werden sie auch in Zukunft Daten veröffentlichen, die sie zugespielt erhalten. Umso wichtiger wird die Rolle professioneller Redaktionen als Filter zwischen Wikileaks und dem Publikum.
Unsere Linksammlung zu Wikileaks.
19. Juli 2010 von Daniel Goldstein
Bis vor Kurzem hätte ich, nach einer Alternative zu den Nullerjahren gefragt, die Schwurbeljahre vorgeschlagen. Denn ein Blick in die Schweizer Mediendatenbank SMD bestätigt den Eindruck, das Wort «schwurbeln» samt Ableitungen wie Geschwurbel oder Schwurbelei habe mit der Jahrtausendwende seine Sternschnuppenbahn angetreten. Wer neue Sternchen englischer als englisch «shooting stars» nennt, vergisst meistens, dass damit dem Verglühen geweihte Meteoriten gemeint sind.
Dem Schwurbeln am Wörterhimmel schien es tatsächlich so zu gehen: Bis 1999 eine Rarität, schoss es in den nächsten paar Jahren durch den zweistelligen Bereich der jährlichen Fundstellen, um dann allmählich abzuklingen. Doch wen das Wort geärgert hatte, der freute sich zu früh: Vergangenes Jahr erlebte es eine Renaissance, die anhält, mit 39 Nennungen allein in den ersten vier Monaten 2010. Noch sind wir ja im letzten Jahr des ersten Jahrzehnts – mag sein, dass wir «schwurbeln» beim letzten Aufglimmen vor dem Verlöschen sehen.
Dabei ist dieser Ausdruck für gehobenes Geschwätz, Geschwafel oder Schwadronieren gar nicht so übel, auch wenn er die Aufnahme in den Duden bisher nicht geschafft hat. Der kennt nur «schwurbelig, ugs. für schwindelig, verwirrt». Für das Verb, das diesen Zustand bewirkt, muss man schon auf die Brüder Grimm zurückgreifen, deren Wörterbuch «schwurbeln» durchaus enthält – nicht nur für heftiges Wirbeln eines Gewässers oder einer Menschenmenge, sondern auch als «dummes zeug durch einander reden».
Mit dem Schwurbeln (dem Wort, nicht der Sache) können wir leben – aber vielleicht ist wenigstens das Jahrzehnt des «Ungenügens» vorbei. «Unwillig erfahren diese modernen Herren Jedermann das Ungenügen an ihrem Leben», war neulich in einem deutschen Feuilleton zu lesen, und dort möge solches Schwurbeln bleiben. Gewöhnlich bedeutet Ungenügen, jemand genüge Anforderungen nicht, hier aber genügt etwas – das Leben – jemandem nicht, er oder sie empfindet darob Unzufriedenheit, Unbehagen. Das sollte genügen.
23. Juni 2010 von Nick Lüthi
Stiftungen verwalten Geld – viel Geld. Viele Stiftungen verfolgen zudem einen gemeinnützigen Zweck und vergeben entsprechend Mittel. Mit teils namhaften Summen werden notleidende Menschen, kranke Esel, musikalische Talente oder Strafentlassene unterstützt. Um nahezu jede menschliche und tierische Regung kümmert sich eine Stiftung mit dem passenden Zweck. Ausser um den kranken und notleidenden Journalismus. Sonderbar eigentlich. Denn es geht ihm wirklich nicht gut. Kein karitatives Herz scheint bisher entdeckt zu haben, dass auch hier Gutes zu tun und vor allem Geld zu stiften wäre. In Form von Preisen und Auszeichnungen fliesst zwar heute schon viel und bald noch mehr Stiftungsgeld in den Journalismus, allerdings erst nach getaner Arbeit. Dem strukturellen und inzwischen chronischen Finanzierungsproblem verschafft das jedoch keine Abhilfe.
Wieso aber Stiftungsalmosen, wenn es den Markt gibt? Journalismus ist ein Gewerbe wie jedes andere auch. Was nicht rentiert, verschwindet. Medien kommen, Medien gehen. Jedes Volk hat die Medien verdient, die es sich zu leisten bereit ist. – Ein Zyniker, der so argumentiert. Denn Journalismus muss nicht rentieren und kann nicht an den gleichen Massstäben gemessen werden wie die Schraubenproduktion. Nur weil ein Geschäftsmodell, das ein paar Jahrzehnte lang gut funktioniert hat, nun an seine Grenzen stösst, bedeutet das noch lange nicht, dass die damit finanzierte Aufgabe plötzlich obsolet ist. Journalismus erfüllt eine unverzichtbare gesellschaftliche Funktion, egal, wie es auf dem Markt läuft.
Genauso wenig wie man von Kunst und Kultur erwartet, dass sie sich alleine aus dem Markt finanzieren, sollte auch das Gedeihen des Journalismus nicht einzig von seiner kommerziellen Verwertbarkeit abhängen. Nur: Woher kommt das Geld? Womit wir wieder zurück sind bei den Stiftungen. Ganz unbekannt ist das Modell des stiftungsfinanzierten Journalismus nicht. Und man braucht dazu nicht einmal über den Atlantik zu schauen zum gerne zitierten Beispiel von Pro Publica und seiner pulitzerpreisgekrönten Redaktion. Zwar nicht gerade zehn Millionen Dollar, wie sie das Ehepaar Sandler dem unabhängigen Redaktionsbüro jährlich überweist, aber immerhin ein paar Hunderttausend Franken zahlen zwei Stiftungen dem Büro von Wissenschaftsjournalist Beat Glogger für die Produktion der wöchentlichen «Wissen»-Seiten in «20 Minuten». Den beiden Stiftungen Mercator und Gebert Rüf geht es aber nicht primär darum, dem Journalismus unter die Arme zu greifen, sondern – gemäss ihrem Zweck – Wissenschaftskommunikation zu fördern. Was in der Schweiz fehlt, sind Stiftungen, die sich uneigennützig der noblen Aufgabe verschreiben, journalistisches Schaffen zu fördern. Wer geht mit gutem Beispiel voran?
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