22. Februar 2011 von Daniel Goldstein

Was erzählen wir heute?

«Ich glaube, der Sinn der Literatur liegt nicht darin, dass Inhalte vermittelt werden, sondern darin, dass das Erzählen aufrechterhalten wird.» Ob die Literaturwelt diese Einschätzung Peter Bichsels teilt oder nicht: Heute verhalten sich viele Medienschaffende so, als gälte der Satz auch für den Journalismus. Noch kaum eine Journalistengeneration ists her, da wars gerade umgekehrt: Inhalte zu vermitteln, war das A und O, erzählen war geradezu verpönt.
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21. Dezember 2010 von Helen Brügger

Drei Lektionen für “Tamipresse”

Der Zürcher Medienkonzern Tamedia organisiert für seine MitarbeiterInnen Französisch- und Deutschkurse. KLARTEXT gratuliert Tamipresse zu dieser verdienstvollen Initiative! Wir möchten mithelfen, die interkulturelle Kompetenz wenigstens der Deutschschweizer Kader des nationalen Medienhauses zu steigern und haben uns deshalb bei den renommiertesten EthnologInnen, den angesagtesten Persönlichkeiten von Pro Specie Rara sowie den bekanntesten ExpertInnen für Biodiversität umgehört, welche Schlüsselbegriffe schon in den ersten drei Französischlektionen vorkommen sollten, damit zusammenwächst, was zusammengehört. Hier das Ergebnis unserer Recherchen.

Lektion 1: Der Röstigraben heisst auf Französisch in Anlehnung an den Eisernen Vorhang bekanntlich rideau de roesti – ein kleiner, aber signifikanter Unterschied, insbesondere psychologisch gesehen. Die Romands werden Ihnen sicher gerne erklären, was der Unterschied zwischen einem Graben und einem Vorhang ist, wenn Sie mit ihnen bei einem Glas Wein schmolitz machen.

Lektion 2: Faire schmolitz kann jedoch leicht scheitern, wenn Sie vergessen, dass die Romands es auf den Tod nicht ausstehen können, als Welsche bezeichnet zu werden. Hingegen verpassen sie keine Gelegenheit, uns als beschränkte Totos, ungehobelte Köbis, ungeschlachte Gertrudes oder unerträgliche staufifres zu bezeichnen, die mit einer einzigen Absicht in die Westschweiz kommen: poutzer les emplois. Achtung vor sprachlichen Missverständnissen! Poutzer les emplois bedeutet nicht etwa Reinlichkeit am Arbeitsplatz, sondern dass Sie im Sinn haben, die Arbeitsplätze carrément wegzuputzen. Was so etwas wie eine kollektive fixe Idee der Romands ist, wenn sie uns in ihrer Sprachregion antreffen.

Lektion 3: Bestellen Sie deshalb nie einen Romand ohne triftigen Grund (mindestens eine Kündigungsdrohung) nach Zürich, denn das bedeutet für ihn eine Tortur, umschrieben mit aller manger de la vache enragée, Synonym für einen Kulturschock und mindestens sieben kommende magere Jahre. Trinken Sie stattdessen mit ihm in Lausanne einen schlouk renversé – die einzige Art, wie unsere leichtfüssigen confédérés unsern bain de pied genannten Milchkaffee goutieren. Und: Zeigen Sie nie Ihren Ärger, wenn er Sie trotz allen Entgegenkommens immer noch für einen ehrgeizigen grimpion hält, plus stramm halt und deshalb besser für die Karriereleiter geeignet.

Wenn Sie sich an diese Grundregeln halten, werden die Romands Ihnen in kurzer Zeit gruezi sagen und auch schnell lernen, was ein Excel-Sheet ist.

21. Dezember 2010 von Thomas Knellwolf

Ein Tag im Leben eines Ausgeschlossenen

Gerichtsberichterstatter Thomas Knellwolf, Bildmitte. Bild: zVg

Thomas Knellwolf, “Tages-Anzeiger”- und “Bund”-Reporter, schildert für KLARTEXT seine Erlebnisse und Beobachtungen beim Kachelmann-Prozess, den er als einziger Journalist aus der Schweiz komplett abdeckt.
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11. November 2010 von Klartext

Verklemmtes Verhältnis zum Erzählen

Michael Haller, Bild: zVg Nur wer bereit ist zum Zuhören, Staunen und Entdecken, kann die ungeheure Gestaltungskraft der Sprache angemessen ausschöpfen. Für das journalistische Paradeformat der Reportage eine unverzichtbare Voraussetzung. Ein Essay von Michael Haller

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8. September 2010 von Daniel Goldstein

Textbausteine im Kopf

Originalität sieht anders aus als dieser Satz. Nämlich neu und packend, aber solche Qualitäten sind gefährdet, wenn das Momentum zuschlägt. Will heissen: Wenn andere finden, so fühle sich eine flotte Schreibe an, und sie nachzuahmen beginnen. Fakt ist: Ein Ausdruck kann noch so originell zur Welt kommen – breitet er sich aus, so nutzt er sich ab.
Aber der Reihe nach: Hier geht es um Formulierungen, die einst neu waren und – zumindest den Schreibenden – Freude machten. Aufmerksam Lesende merken es, und sofern sie auch Schreibende sind, machen sie es nach. Und so werden die einst originellen Wendungen zuerst zum Gemeinplatz und dann zum Ärgernis. Zumindest für weiterhin aufmerksam Lesende, die spüren, wenn jemand Textbausteine im Kopf hat.
Da staunt man dann nicht mehr Bauklötze, sondern beginnt sich zu fragen, ob dem Verbum delicti vielleicht ein Geburtsfehler anhaftet, der bei häufigem Gebrauch stärker zutage tritt. Und man wird fast immer fündig. «Der Reihe nach» zum Beispiel: Es wird gesetzt, wenn ein Text mit einer heillosen Verwirrung begonnen hat, die die Leserin neugierig machen soll. Manchmal mag das funktionieren, aber Journalismus aus dem Lehrbuch ist es nicht: Der verlangt, dass man von Anfang an Klarheit schafft. «Will heissen»: Dass man den Leser nicht an der (Wunder-)Nase herumführt. Doch wer oder was will da etwas? Offenbar der vorangegangene Satz, aber «Fakt ist»: Ein Satz hat nun mal keinen Willen, er drückt höchstens einen aus, soll also etwas heissen. Und ein Fakt ist schlicht eine Tatsache. Ich habe einmal gelesen, das Fremdwort habe zuerst in der DDR Fuss gefasst. Das muss man ja nicht gerade für einen Geburtsfehler halten, aber eine Bereicherung der deutschen Sprache gibt es hier auch nicht zu feiern.
Ebenso wenig hat es gebracht, «Momentum» und «sich anfühlen» zu importieren, wohl beides aus dem Englischen. «What does it feel like to have the momentum?» Es ist ein schönes Gefühl, wenn man den Schwung für sich hat, sei es in der Politik oder im Sport.

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