7. September 2010 von Klartext

Bild: Vanessa Püntener
Ringiers Zeitschriften kennen keine Krise. Dafür verantwortlich ist Urs Heller. Der ehemalige Journalist, unter anderem als Chefredaktor der «Schweizer Illustrierten», weiss als oberster Heftlimacher von Ringier, wie man bunt bedrucktes Papier verkauft. Gespräch: Bettina Büsser und Nick Lüthi
KLARTEXT: Das Publikum Ihrer Zeitschriften ist mehrheitlich weiblich. «Glückspost»-Chefredaktorin Béatrice Zollinger sagte in einem Interview: «Als Frau versteht man schon besser, was andere Frauen wollen.» Sie als Mann – geht das?
Urs Heller: Ich kompensiere meine Männlichkeit mit sehr vielen Frauen in den Führungsfunktionen. Bei den Zeitschriften ist der Chefredaktor der «Schweizer Illustrierten», Nik Niethammer, eigentlich unser Quotenmann, «Glückspost», «Bolero» und «SI Style» werden von Frauen geleitet.
KT: Weshalb sind Frauen gute Heftlikäuferinnen?
Heller: Frauen sind treu; wenn sie sich einmal mit einer Zeitschrift identifiziert haben, bleiben sie dabei. Auf der ganzen Welt haben die meisten Zeitschriften eine eher weibliche Leserschaft. Es gibt ein paar Nachrichtenmagazine für die Männer, aber sonst … Wir hatten ja in der Schweiz «Facts», doch das Projekt wurde zum Flop, und zwar nicht, weil die Redaktion das Heft nicht gut genug gemacht hat. Der Markt wollte den Titel einfach nicht.
KT: Auf dem Lesermarkt sieht die Bilanz Ihrer Titel etwas durchzogen aus.
Heller: Wir können nicht klagen. Die «Glückspost» hat das erfolgreichste Jahr aller Zeiten hinter sich, im Leser- und im Anzeigenmarkt. Bei der SI stimmen Reichweite, Franken und Rappen perfekt; beim Kioskverkauf haben wir leichte Einbussen. Bei «SI Style» haben wir 450’000 Leserinnen, 100’000 mehr als die «Annabelle», dazu 100’000 Abos, eine Rekordzahl in der Schweiz. Wir könnten jederzeit noch mehr in den Markt bringen, aber wir haben uns für «SI Style» eine ideale Grösse von 400’000 Leserinnen vorgenommen. Die haben wir erreicht. Deshalb haben wir etwas Marketingdruck weggenommen.
KT: Bei der SI gab es Ende 2008 einen Chefredaktorenwechsel von Dominic Geisseler zu Nik Niethammer. Dominic Geisseler war nicht ganz ein Jahr im Amt – hatte das mit den schlechten Zahlen zu tun?
Heller: Geisseler kriegt jetzt eine Schlüsselfunktion bei der «SonntagsZeitung», er wird einen tollen Job machen. Ein paar Dinge sind bei uns nicht ideal gelaufen, er und die Redaktion haben sich nicht gerade zum Dream-Team zusammengefunden.
KT: Sie haben diesen Wechsel zum Anlass genommen, einige Dinge bei der SI zu verändern.
Heller: Es waren keine dramatischen Veränderungen. Die SI muss ein People-Magazin sein, ein schweizerisches Magazin, nicht nur ein zürcherisches. Man muss wahrscheinlich eher einen roten Teppich weniger und einen Schwingerkönig mehr bringen, man muss auch beachten, was im Fernsehen ankommt. Nik Hartmann wandert mit einem müden, alten Hund über die Berge und wird damit zum Publikumsliebling! Wenn der Schweizer wählen kann zwischen einem «Big Brother»-Star und Nik Hartmann, dann will er offenbar den Nik. Der ist echter.
KT: Bauen Sie auch eigene Lieblinge auf?
Heller: Ja, im Idealfall sind wir Frühentdecker und dann Begleiter durch alle Lebensphasen. Der Prototyp ist wahrscheinlich Martina Hingis, die im SI-Mietwagen in Australien an ihr erstes Grand-Slam-Turnier reiste und später als Nummer eins im Tennis immer noch nett zu uns war. Man sieht sich auch heute noch. Sie ist eigentlich das Vorbild für eine faire Zusammenarbeit zwischen einem Star und der SI. Ein weiterer Fall ist Ottmar Hitzfeld. Mit ihm habe ich schon gepokert, als ich ein blutjunger Journalist und er beim FC Luzern Mittelstürmer war. Auch später war Ottmar sehr grosszügig zu uns, die einzige Homestory, die es je von ihm gab, ist bei uns erschienen. Das sind Beziehungen, die man pflegen muss.
KT: Ist das Chefsache: Sie haben diese Kontakte und pflegen sie?
Heller: Ich bin 30 Jahre im Geschäft. In dieser Zeit sind gute Kontakte entstanden. Natürlich erwarte ich von einem SI-Chefredaktor, dass er die wichtigsten Player in der Schweiz persönlich kennt, ihre Handynummer hat, dass er sie anrufen kann und das Telefon abgenommen wird. Sonst wäre er am falschen Platz. People-Journalismus bedeutet, dass man Zugang zu diesen Leuten hat und von ihnen etwas Besonderes erhalten kann: Wir wollen die wichtigsten Schweizer treffen, wenn sie daheim sind, wenn sie joggen, wenn sie in den Ferien sind. Im Urkonzept der SI steht: «Wir zeigen die Prominenten dort, wo sie sich am wohlsten fühlen. Sicher nicht in ihrem Büro.»
KT: Werden diese Kontakte innerhalb der SI-Familie weitergegeben?
Heller: Eigentlich sollte schon jeder Titel für sich schauen, es braucht einen gewissen Konkurrenzkampf. Die «Glückspost» brachte in der letzten Zeit einige erstaunliche People-Geschichten, welche die SI nicht hatte.
KT: Hat deshalb die «Glückspost» letztes Jahr so gut abgeschnitten?
Heller: Der wichtigste Grund ist die überragende Chefredaktorin. Ich kenne kaum jemanden, der so nahe an ihren Leserinnen und Lesern ist wie Béa Zollinger. Sie versteht ihre Leserinnen und Leser und die Themen, die sie interessieren. Kommt dazu, dass die Gattung «Yellow Press» in Krisenzeiten selten leidet. Man hat dann irgendwie Lust auf diese «Glückspost»-Welt. Das einzige echte Problem der «Glückspost» ist: Sie wird im Werbemarkt unterschätzt, weil man in der Zürcher Werbeagenturen-Szene die «Glückspost» zu wenig liest.
KT: Das Image der Leserinnen ist wahrscheinlich: eher alt, eher wenig Geld.
Heller: Man darf die Altersklasse 50 plus nicht unterschätzen: Diese Leute haben Geld, und sie wollen es ausgeben. Mein Hobby ist es ja, am Kiosk zu stehen und zu schauen, wer was kauft. Ich sehe, wer die «Glückspost» kauft: Diesen Frauen geht es bestens.
KT: Wie nahe sind Sie an den Redaktionen dran?
Heller: Ich habe einen guten Draht zu den Redaktionen. Bei der SI besteht ein sehr enger Kontakt. Bei «SI Style» habe ich mich bewusst zurückgezogen, damit Sabina Diethelm, die neue, sehr begabte Chefredaktorin, den nötigen Freiraum findet. Doch ich sehe noch immer jedes Titelbild. Ich bin von Beruf ja Journalist und erst später ins Verlagsgeschäft eingestiegen. Das hilft mir bei meiner Arbeit.
KT: Wieder vermehrt journalistisch arbeiten möchten Sie nicht?
Heller: Ich habe für Ringier immer neue Magazine entwickelt, das ist Journalismus pur. Vorher habe ich so viel geschrieben, hatte Super-Jobs als «Blick»-Sportchef, «SonntagsBlick»-Chef, SI-Chef, ich konnte mich schon austoben. Wenn ich heute Lust habe zu schreiben, schreibe ich. Es gibt immer irgendwo Bedarf.
KT: Haben Sie irgendwelche neuen Magazine im Köcher?
Heller: Eine ganze Schublade voll. Wir haben ja bei Ringier ein recht eigenwilliges System bei Neulancierungen. Wer eine Idee hat, muss sie auch umsetzen. Nur so funktionierts. Und wir haben einen coolen Verleger, der lieber seinen Mitarbeitern als den externen Beratern und Marktforschern vertraut. Bei «SI Style» dauerte es nur sechs Monate von der ersten Idee bis zum Start. Ausserdem haben wir Mini-Redaktionen. Ich bin ein Verfechter der Idee, dass man relativ klein beginnt. Später kann man es sich erlauben auszubauen. Dafür haben wir bei den Magazinen fast niemanden entlassen, wir haben in der ganzen Krise insgesamt nur 60 Stellenprozent abgebaut.
KT: Wo genau sehen Sie Potenzial für ein neues Magazin?
Heller: Es gibt zum Beispiel neue Familienformen, die nicht bedient werden. Es gibt Mütter, die mit Arbeit, Haushalt und Kinderbetreuung jonglieren und trotzdem einen guten Job machen. Ein modernes Familienmagazin, das diese Gruppe abdeckt, gibt es nicht. Noch ist nichts spruchreif, doch auch dieses Konzept liegt griffbereit in der Schublade.
KT: Und die SI könnte wie bei «SI Style» oder «SI Grün» als Startrampe dienen?
Heller: Das ist eine Möglichkeit. Voraussetzung ist, dass das Thema zur SI passt. Neue Magazine müssen im Leser- und im Werbemarkt erfolgversprechend sein. Nur dann darf man an den Start.
KT: Wenn man weiss, was Sie persönlich gerne mögen – Golf, Zigarren, gutes Essen – dann ist es erstaunlich, dass Sie ein Feeling für das SI-Publikum haben.
Heller: Ich mag unsere Leser, und ich gehe gerne unter die Leute. Ich staune, wie wenige Verlagsleute und Chefredaktoren das tun. Mich trifft man nicht nur im Zürcher Opernhaus oder im KKL, sondern auch im Fussballstadion und am Schwingfest, auf einer Tribüne voller Menschen, von denen statistisch gesehen jeder Vierte eines meiner Magazine liest. Ich will wissen, wer beim Eishockey und beim Skifahren der Star ist. Wahrscheinlich bin ich der mediale Entdecker von Dominique Gisin. Eine Frau, die sich am Knie siebenmal verletzt hat und trotzdem weiterfährt, später Physik studieren und am CERN arbeiten will, die super Klavier und Orgel spielt, finde ich spannend. Damit kann ich gut in die Redaktion kommen und fragen: Weshalb haben wir eigentlich keine Gisin-Geschichte?
KT: Wenn Sie als Verlagschef mit einer solchen Idee kommen, ist Ihr Vorschlag der Redaktion dann Befehl?
Heller: Ich habe ja auch ein bisschen Erfolg gehabt in meinem Leben. Man glaubt mir, dass ich weiss, wer bei den Lesern ankommt und wer nicht.
KT: Haben Sie auch schon auf die falschen Figuren gesetzt?
Heller: Mein grösster Flop war Ernesto Bertarelli und die Alinghi. Ich hätte nie gedacht, dass sich in der Deutschschweiz kein Schwein dafür interessiert. Unsere Alinghi-Geschichten blieben am Kiosk bleischwer liegen. Aber das kann passieren. Es ist wichtig, unter die Leute zu gehen. Ich ermuntere meine Leute dazu, mit den Personen, über die sie schreiben, steten Kontakt zu halten. Unsere Artikel entstehen ja mehrheitlich aus Kontakten, aus dem Bauch heraus oder aus Begeisterung, weil man auf jemanden setzt. DJ Bobo haben wir entdeckt, den Kickboxer Andy Hug ebenfalls.
KT: Sie sind nah dran an den Stars. Manchmal zu nah, wie eine Rüge des Presserats zeigt: SI-Reporterin Isabel Teuwsen hat unautorisiert ein Gespräch mit einer Bekannten von Schriftsteller Martin Suter zum Tod von dessen Sohn verwendet.
Heller: Presserat? Gibts den noch? Wir nehmen den Entscheid zur Kenntnis, zerknirscht sind wir nicht. In diesem Fall war allen Beteiligten klar, dass Frau Teuwsen von Beruf Journalistin ist und dass sie die Aussagen verwenden wird. In zwanzig Jahren SI ist dies wohl der erste Presserat-Entscheid gegen uns.
KT: People-Journalismus findet sich heute nicht mehr nur in Magazinen wie der SI, sondern in fast allen Medien.
Heller: Für uns ist das ein Ansporn, noch besser zu arbeiten und die Rolle als Entdecker von Stars noch besser zu spielen. Die anderen können das auch, es gibt auch hervorragende People-Geschichten in Tageszeitungen. Wir haben den Vorteil, dass wir länger an den Geschichten arbeiten und sie dann grösser und mit besseren Bildern ins Blatt bringen können.
KT: Online hat die SI in ein umfassendes Portal investiert. Rechnet sich das?
Heller: Bei der Online-Strategie sind auch wir bereit, ein bisschen Geld zu verlieren. Aber ich glaube, man muss es tun. Online gehört erstens zu unserem Titel, zweitens zur Ausbildung von jungen Journalisten. Noch im August werden wir die Ersten sein, die auf dem iPad eine Applikation mit einem Mehrwert anbieten.
KT: Die «SI Style» mit ihrem jungen Publikum verfügt im Netz nur über eine bessere Visitenkarte. Weshalb?
Heller: Wir haben für die SI-Magazine einen gemeinsamen Online-Auftritt. Mit «SI Style» gehen wir direkt aufs iPad. Zeitschriften eignen sich perfekt dafür.
KT: Sie besitzen selbst ein iPad?
Heller: Das ist bei uns Pflicht. Ich bin natürlich kein Freak und brauche einen hohen Betreuungsaufwand. Hab ichs mal kapiert, machts mir echt Spass.
KT: Verdient man Geld mit dem iPad?
Heller: Ich habe mal gesagt, dass ich mich pensionieren lasse, sobald mit Online mehr Geld gemacht wird als mit Print. Aber diese Wette gilt nicht mehr, ich möchte ja nicht arbeiten, bis ich hundert Jahre alt bin. Ich erwarte aber, dass die Einnahmen aus dem Online-Bereich stetig wachsen und dass wir irgendeinmal zu einer Vollkostenrechnung übergehen können.
KT: Sie sind neben allen Aufgaben rund um Ihre Titel auch Chefredaktor von «Gault Millau». Welchen Anteil an Ihrer Arbeit macht das aus?
Heller: Jetzt ist es gerade etwas hektisch, weil das Buch in die Endphase geht. Doch es beansprucht in erster Linie meine Freizeit. Ich habe nun mal Freude am Essen, darum bin ich vor Urzeiten auch Tester geworden und habe später den Job von Silvio Rizzi geerbt. «Gault Millau» ist übrigens das Einzige, was ich mache, das kein Geschäft ist. Wenn wir da mit ein paar Franken im Plus rauskommen, sind schon alle zufrieden.
KT: Ringier hat unter Marc Walder eine neue Strategie: Events und Unterhaltung sollen neu eine gewichtige Rolle spielen. Wie betrifft das Ihre Abteilung?
Heller: Wir verkaufen unsere angestammte Ware, nämlich kluge journalistische Geschichten, zu billig. Also müssen wir uns nach neuen Einnahmequellen umsehen. Events und Ticketing passen da sehr gut. Dank unserer Beteiligung an Good News müssen wir ja nicht bei Null beginnen. Unsere Leser werden von dieser Strategie profitieren.
KT: Sie sehen kein Problem darin, dass Ihnen der Konzertveranstalter einen Promi ins Blatt drückt?
Heller: Die einzelnen Titel haben völlige Freiheit zu sagen, was sie interessiert und was nicht. Eine Kooperation erleichtert den Zugang zu den Stars.
KT: Da sind viele «Beziehungsdelikte» möglich. Welche Rolle hat der Verlag, welche die Redaktion – und wo ist die Grenze dazwischen?
Heller: Dass Verlag und Redaktion nichts miteinander zu tun haben sollten, ist eine Vorstellung aus dem letzten Jahrhundert. Wenn es jemandem im Haus gelingt, einen Weltstar zu einer Geschichte zu überreden, ist es doch wurst, ob es ein Journalist ist, ein Event-Veranstalter oder ein Verlagsmensch.
KT: Wie sieht es denn bei Kontakten zu guten Inseratenkunden aus? Die finden es ja sicher auch toll, wenn sie mal im redaktionellen Teil vorkommen.
Heller: Chefs von grossen Firmen sind meistens spannende Figuren. Wer Erfolg hat, ist für uns grundsätzlich eine Geschichte wert – ob er Anzeigenkunde ist oder nicht.
KT: Wollen die Leute während einer Wirtschaftskrise überhaupt Geschichten über erfolgreiche Menschen lesen? Wie macht man in Krisenzeiten heitere Heftli?
Heller: Indem man Leute zeigt, die es trotzdem packen, oder auf krisenresistente Themen wie Sport und Show ausweicht. Heile Welt allein funktioniert nicht. Schicksalsgeschichten gehören ins Blatt, vorzugsweise solche mit einem Happy End.
Das Gespräch fand am 21. Juli in Zürich statt.
Urs Heller: Ein Ringier-Urgestein
Seit fast 40 Jahren arbeitet Urs Heller im Verlagshaus Ringier. Zurzeit bekleidet der Luzerner den Posten des Geschäftsführers Zeitschriften und ist in dieser Funktion auch Mitglied der Geschäftsleitung von Ringier Schweiz. Damit trägt er die Verantwortung für die «Schweizer Illustrierte» (SI) – samt ihren Sonderheften und den in den letzten Jahren gegründeten Tochterblättern «SI Style», «SI Grün» und «Goal» – sowie für «Glückspost» und «Bolero». Im Herbst kommt möglicherweise die Schweizer Ausgabe des in Deutschland äusserst erfolgreichen Magazins «Landlust» dazu. Man führe Gespräche mit dem Verlag. Doch der definitive Entscheid stehe noch aus, sagte Heller im KLARTEXT-Gespräch.
Als Chefredaktor leitete Heller die SI, wie später auch «SI Style» und «Goal» nach deren Lancierung, sowie in früheren Jahren den «SonntagsBlick». Beim «Blick» war Heller Sportchef. Sport beschäftigt den Heftlimacher auch in seiner Freizeit: Er spielt Golf und besucht regelmässig die Fussballspiele des FC Luzern. Ebenfalls unter Freizeit bucht der Gourmet Heller seinen Job als Chefredaktor von «Gault Millau» ab.
23. August 2010 von Helen Brügger
Für ihren Uniabschluss hat Sandra Jean den «Matin» unter Peter Rothenbühler kritisiert. Jetzt steht sie selbst an der Spitze der Zeitung und erteilt dem Kurs ihres Vor-Vorgängers eine klare Absage.

Bild: Yvain Genevay
Eine Frau an der Spitze eines Boulevardblatts? Was es in der Deutschschweiz beim «Blick» noch nie gegeben hat, ist in der Westschweiz längst Realität. Auf den «Le Matin»-Chefredaktor Peter Rothenbühler folgte zunächst Ariane Dayer, die neu zur Sonntagsausgabe wechselt; unter der Woche übernimmt Sandra Jean das Steuer. Die junge Frau mit der wilden Mähne kommt von Radio Suisse Romande und hat sich für den neuen Job ausgerechnet mit einer Analyse der Epoche Rothenbühler profiliert. Ihre Abschlussarbeit an der Universität Freiburg machte sie neben ihrem Job als Verantwortliche der morgendlichen Radio-Presseschau. Als der «Matin» vom volkstümlichen Familienblatt zur Boulevardzeitung mutierte, sass sie «sozusagen in der vordersten Loge» und konnte von dort aus den Übergang von einem «informativen zu einem kommunikativen Journalismus» studieren.
Weg vom Schmuddel-Image
«Peter Rothenbühler hat das blutige ‹fait divers› eingeführt und ist damit ziemlich weit gegangen», sagt die lebhafte Mitdreissigerin, und man merkt, dass solches nicht ihr Bier ist. Promis, Busen, Unglücksfälle und Verbrechen, kurz: die klassischen englischen Tabloid-Themen, standen bei Rothenbühler im Zentrum – schon unter Ariane Dayer hat die Zeitung zurückbuchstabiert. Und Sandra Jean will offensichtlich das Schmuddelblatt-Image ganz loswerden. Die MitarbeiterInnen setzen grosse Hoffnungen auf die neue Chefin, sie wünschen sich vor allem mehr Inhalt. Erste Signale zeigen in diese Richtung: «Le Matin» deckte auf, wie ein Häftling im Gefängnis von Bochuz in seiner Zelle erstickte, trat die Lawine der Enthüllungen über den Neuenburger Regierungsrat Frédéric Hainard los und brachte eine ehemalige Gefangene zum Reden, die sich wie Hanfbauer Bernard Rappaz über hundert Tage im Hungerstreik befand, bis sie freigesetzt wurde und jetzt auf einen neuen Prozess hoffen kann.
Ariane Dayer und Sandra Jean, die Chefredaktorinnen der beiden «Matin»-Ausgaben, schätzen sich und haben auch einiges gemeinsam: Beide kommen aus dem Wallis, sind Töchter von Journalisten und haben eine Leidenschaft für politischen Journalismus. «Sind Frauen die Zukunft des Journalismus?», fragte «Le Temps» hoffnungsvoll und sah eine «Kulturrevolution» beim «Matin» ausbrechen. Tatsächlich setzen beide Frauen auf mehr Qualitätsjournalismus und mehr Recherche. Und Jean stellt gleich noch eine weitere Kurskorrektur in Aussicht: Rothenbühler hatte den «Matin» aus den Regionen abgezogen, die neue Chefin will die Rolle des orangen Blatts in den Regionen wieder verstärken. «Die Regionalzeitungen haben oft nicht genügend Freiheit, kritisch über gewisse Lokalmatadoren zu berichten. Der ‹Matin› muss da ein Gegengewicht bilden», sagt Jean. Nicht infrage stellt sie hingegen den Verzicht auf institutionelle Berichterstattung: «Als Radiojournalistin habe ich lange genug über institutionelle Politik berichtet, um zu wissen, dass man sich damit an eine Elite richtet und Themen bearbeitet, die die grosse Mehrheit der Leute in ihrem Alltag nicht berühren.»
Frühere KollegInnen beim Radio sind ein bisschen beunruhigt über Sandra Jeans neuen Job. Sie habe journalistisch und berufsethisch hohe Ansprüche und werde beim «Matin» «ziemlich jonglieren» müssen. «Jonglieren, weshalb?», gibt Jean die Frage zurück. «Weil eine Boulevardzeitung nicht berufsethischen Regeln folgen kann?!» Erstmals versteht man, weshalb KollegInnen erzählen, es könne schon mal «echt donnern und blitzen» bei ihr. Doch den schönsten Lorbeerkranz windet ihr Roger Jaunin, ein Ehemaliger des «Matin», der heute beim Satiremagazin «Vigousse» arbeitet: «Sie kann zuhören, und sie kommt nicht aus einer geistigen Schule, in der es nur allwissende Chefs und ausführende Schreiberlinge gibt.» Für ihn das grösstmögliche Lob für eine Chefin oder einen Chef.
19. Juli 2010 von Klartext

Bild: zvg
Klaus Heer, früher Radioredaktor, heute prominenter Paartherapeut, scheut den direkten Kontakt zu Medienschaffenden. Den Boulevardmedien gibt er Auskunft, obwohl er sie verabscheut; nur Homestorys gibt es keine. Gespräch: Verena Wehrle und Jeanette Herzog
Klartext: Dieses Interview wollten Sie zunächst telefonisch führen. Woher kommt Ihre Zurückhaltung gegenüber dem persönlichen Kontakt mit den Medienschaffenden?
Klaus Heer: Das persönliche Gespräch irritiert mich. Ich hatte kürzlich ein zweistündiges Interview mit einem «Beobachter»-Journalisten – aber am Telefon. Das Gespräch war sehr gut. Da sitze ich dann an meinem Pult, kein Mensch stört mich, und ich kann mich gut konzentrieren.
KT: Fühlen Sie sich von den Journalisten bedrängt?
Heer: Eher gefordert, manchmal auch etwas überfordert. In meinem beruflichen Alltag stelle ja ich die Fragen.
KT: Es ist also schwieriger für Sie, Antworten zu geben, als Fragen zu stellen?
Heer: Auf jeden Fall. Antworten zu müssen, empfinde ich als herausfordernd, weil ich immer die Angst im Nacken habe, ich könnte mich blamieren. Im Grunde läuft alles darauf hinaus, der öffentlichen Schmach zu entgehen.
KT: Hatten Sie denn schon mal eine richtig blamable Erfahrung mit den Medien?
Heer: Eine wirklich peinliche Erfahrung verdanke ich der «Schweizer Illustrierten». Ich hatte ein Interview zum Thema «Mann sein» autorisiert. Kurz darauf sah ich einen Kiosk-Aushang, Riesenbuchstaben: «Klaus Heer: Die Schweizer Männer sind Schlappschwänze». Das hatte ich nie gesagt. Ich habe daraufhin den Chefredaktor angerufen und gesagt, dass sie so etwas mit mir nicht machen könnten. Das war gar nicht lustig.
KT: Was haben Sie daraus gelernt?
Heer: Ich bin vorsichtiger und misstrauischer im Umgang mit den Medien geworden.
KT: Dennoch scheinen Sie zu fast jedem Thema etwas beisteuern zu können. Fehlen Ihnen nie die Worte?
Heer: Gelingt es mir nicht, dumme Fragen gescheit zu beantworten, sage ich lieber nichts.
KT: Gibt es oft dumme Fragen?
Heer: Sehr oft.
KT: Warum beantworten Sie dumme Fragen?
Heer: Ich mache mir einen Spass daraus, kluge und zutreffende Antworten zu suchen. Das ist für mich ein Sport.
KT: Sie setzen aber auch Grenzen. So haben Sie es abgelehnt, mit TeleZüri eine Homestory zu machen.
Heer: Homestorys im Fernsehen sind mir viel zu aufdringlich, zu brutal. Da herrschen Produktionsbedingungen, die ich als bedrohlich empfinde.
KT: Inwiefern bedrohlich?
Heer: Kürzlich habe ich eine Aufnahme gemacht mit dem «NZZ-Format». Die Situation war prekär für mich: Das Team kam in meine Praxis, verdunkelte das Zimmer und richtete die Scheinwerfer auf mich. Sie haben mich auf einen Stuhl gesetzt und die Kamera starrte mir ins Gesicht. Die NZZ-Journalistin war zwar sehr angenehm, aber wenn ich nur Statements produzieren muss, bin ich nahezu unfähig. Ich habe es lieber interaktiv, das ist anregender. Ich bin ein Meister des Dialogs und ein Stümper des Statements.
KT: Zu Homestorys in Zeitschriften wären Sie bereit?
Heer: Nein, schon lange nicht mehr. Früher habe ich mal etwas mit der «Schweizer Illustrierten» gemacht. Das gibt es heute nicht mehr.
KT: Warum nicht?
Heer: Die Leute, die ich gern habe, schätzen das nicht. Ausserdem ist es mir selbst peinlich. Wenn ich die «Schweizer Illustrierte» durchblättere – es gibt ja noch schlimmere Hefte –, empfinde ich Scham.
KT: Haben Sie generell Mühe mit den Boulevardmedien, obwohl gerade dort die meisten Ihrer Interviews erscheinen?
Heer: Ich habe es sehr gut mit den Boulevardmedien, aber nur, weil ich misstrauisch und pingelig bin. Ich will jeweils den ganzen Text und nicht nur meine Zitate sehen. Da bin ich unerbittlich.
KT: Sie sitzen am längeren Hebel.
Heer: Ich weiss einfach, dass man alles Gesagte bis zum letzten Moment zurückziehen kann. Da helfen mir meine Erfahrungen als Journalist.
KT: Gibt es Medien, mit denen Sie nicht zusammenarbeiten würden?
Heer: (überlegt lange) Wenn es inhaltlich machbar ist, würde ich selbst für die «Glückspest» etwas machen.
KT: «Glückspest»?
Heer: Ja, «Glückspest». Denn jedes Mal wenn ich diese Zeitschrift anschaue, fühle ich mich peinlich berührt.
KT: Gibt es andere Medien, auf die Sie so stark reagieren?
Heer: Die Fernsehsendung «Swiss Date» ist auch so etwas furchtbar Peinliches. Das widert mich genussvoll an.
KT: Was ist daran so peinlich?
Heer: Dass die Medien Menschen dazu bringen, sich so extrem zu prostituieren. Diese Menschen zeigen sich von ihrer entwürdigendsten Seite – ohne dass sie es merken. Nur damit sie zu einem Medienauftritt kommen.
KT: Schauen Sie oft Fernsehen?
Heer: Nein, ich habe keinen Fernseher. Das ist eine Zeitvernichtungsmaschine. Das geht für mich gar nicht. Es interessiert mich nicht.
KT: Lesen Sie auch keine Zeitschriften?
Heer: Ich schaue mir lediglich alle paar Wochen in meinem Fitnessstudio eine Hochglanzzeitschrift an, weil ich wieder einmal so richtig angeekelt sein will.
KT: Wie informieren Sie sich denn?
Heer: Mit dem iPhone. Dort lese ich den «Bund» und den «Tages-Anzeiger». Ich habe gar nicht so viel Zeit für den Konsum von Medien. Abgesehen vom Radio, das ist mein bevorzugtes Medium. Aber das kann ich ja via iPhone als Podcast auf dem Nachhauseweg hören.
KT: Bei Radio DRS gab es doch mal eine höchst unerfreuliche Geschichte …
Heer: … das war 1992. Der damalige Radiodirektor Andreas Blum mochte mich und meine Sendungen nicht. Das war wirklich keine schöne Geschichte. Ich musste schliesslich gehen.
KT: Wie war das für Sie? Radio war Ihre Leidenschaft.
Heer: Das war ein Schlag für mich. Aber ein segensreicher Schlag, der bewirkt hat, dass ich meine symbiotische Liebe zum Radio loswurde. Aus eigener Kraft wäre ich diesem Sog nie entronnen. Der Rausschmiss ermöglichte es mir, Neues anzufangen.
KT: Machen Sie manchmal auch richtig gute Erfahrungen mit den Medien?
Heer: Ja, viele gute Erfahrungen. Zum Beispiel hat mir ein Journalist der «Weltwoche» kürzlich sehr viel Freiheit gelassen. Wir produzierten sogar die Fragen gemeinsam.
KT: Wie ist Ihr Verhältnis zu den Journalisten?
Heer: Ich habe es fast immer gut mit den Journalisten. Ich glaube, Sie mögen mich. Sie müssen mich ja auch nicht anschauen, wir telefonieren nur.
Bauernsohn, Therapeut, Bestsellerautor
1943 in der Innerschweiz als Bauernsohn geboren, studierte Klaus Heer in Hamburg und Bern Psychologie und bildete sich später zum Psycho- und Paartherapeuten weiter. In den 35 Jahren, in denen er nun schon praktiziert, wurde er, was Liebe, Partnerschaft und Sexualität betrifft, zu einer Kapazität. Er schrieb den Bestseller «Ehe, Sex und Liebesmüh – Eindeutige Dokumente aus dem Innersten der Zweisamkeit» sowie «Wonneworte – Lustvolle Entführung aus der sexuellen Sprachlosigkeit» und «Paarlauf – Wie einsam ist die Zweisamkeit?» Klaus Heer lebt und arbeitet in Bern, er hat eine Familie mit zwei erwachsenen Töchtern.
24. Juni 2010 von Klartext

Bild: Tres Camenzind
Kaum hat Christoph Bauer die Stelle als CEO bei den AZ Medien angetreten, entlässt er schon Personal. Doch der junge Chef glaubt an seine Medien. Erfolgreich überleben könne man aber nur mit konsequenter Ausrichtung auf den Lokaljournalismus. Gespräch: Bettina Büsser und Nick Lüthi
KLARTEXT: Die AZ Medien haben eben bekannt gegeben, dass in Redaktionen und Verlagen 25 Stellen abgebaut werden.
Christoph Bauer: Wir haben Ende März den Abbau von 30 Stellen angekündigt und nun konkret kommuniziert, was geschieht. Wir bauen nur 25 Stellen ab. Wir haben sechs Kündigungen ausgesprochen, das ist für die Betroffenen natürlich sehr schwierig. Aber ansonsten haben wir diese Massnahme recht fair durchführen können, mit Frühpensionierungen, Pensenreduktionen, mit 15 offenen Stellen, die wir nicht mehr besetzen.
KT: Wie ist die Stimmung im Haus?
Bauer: Wenn es konkret wird, reagieren alle verhalten, es wird schon auch mal Unmut geäussert. Aber die Stimmung ist nach meinem Empfinden jetzt wieder sehr gut. Wir haben einen sehr transparenten Austausch mit der Betriebskommission, es war für alle einsichtig, dass die Massnahmen in der aktuellen Situation des Unternehmens richtig sind. Der soziale Frieden im Unternehmen ist intakt und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ziehen auf beeindruckende Art und Weise mit. Unser Problem war: Wie können wir diese 25 Stellen ohne Leistungsabbau bei unseren Produkten abbauen? Also haben wir Prozesse umgestellt. Dafür haben wir Projekte zur Prozessüberprüfung durchgeführt, und die Leute wussten, dass daraus ein Stellenabbau resultieren wird.
KT: 2009 wurden 65 Stellen abgebaut, 2008 waren es 30. Sie sagen, es gibt keinen Leistungsabbau – wo ist die Grenze? In den «Visionen» der AZ Medien steht: «Die publizistische Qualität unserer Medien lassen wir uns etwas kosten.»
Bauer: Das tun wir auch. Der grosse Stellenabbau hat nicht in den Redaktionen stattgefunden. Wenn wir über Sparmassnahmen diskutieren, schauen wir die Redaktionskapazitäten ganz zuletzt an. Das tue ich in Abstimmung mit dem Verleger, aber das ist auch meine persönliche Haltung. Ich komme von der kommerziellen Seite, aber für mich ist Content unsere erste Kernkompetenz, die Nummer eins, daraus entsteht die Wertschöpfung.
KT: Peter Wanner hat in einem Interview gesagt, bei der Übernahme von Vogt-Schild seien die AZ Medien von der Krise «auf dem falschen Fuss erwischt» worden.
Bauer: Könnte man sich den Zeitpunkt für eine Übernahme aussuchen, würde man sie sicher nicht mitten in der grössten Werbekrise tätigen. Wir haben im letzten Jahr im Werbemarkt einen Einbruch von 40 Millionen Franken erlitten. Doch es war richtig, die Gelegenheit zu packen, als wir gefragt wurden, ob wir Interesse an Vogt-Schild hätten. Der Mittelland-Zeitung-Verbund bestand ja anfänglich aus mehreren kleineren Kooperationspartnern. Das Konzept mit dezentral komplett selbstständig agierenden Unternehmen ist ökonomisch nicht mehr machbar. Nun konsolidieren wir: Redaktionen und Vermarktung müssen dezentral organisiert sein, alles andere kann zentral an unserem neuen Hauptsitz stattfinden. Durch diese Konsolidierung konnten wir den Hauptteil der Einsparungen tätigen, die wir vornehmen müssen.
KT: Was haben Sie seit Ihrem Stellenantritt Anfang Jahr strategisch entschieden?
Bauer: Das sind viele Punkte, deren Auswirkungen wir noch nicht in der Öffentlichkeit sehen. Einer davon ist, dass wir unsere Geschäftsmodelle und unseren Medienverbund neu ausrichten. Wir sind heute sehr printlastig, das werden wir auch bleiben. Doch der Treiber des Journalismus muss Online sein. Das bedeutet nicht einfach «Online first», sondern: Von welchem Medium aus beginne ich zu denken, um eine Tageszeitung zu machen? Das ist ein Kulturwandel. Wir haben jetzt einen Newsroom, es ist kein Sparmodell.
KT: Das sagen alle.
Bauer: Es ist wirklich so, fragen Sie die Redaktion. Im Newsroom gibt es auch nicht eine Redaktion für alle Medien, es ist ein Raum, in dem die verschiedenen Redaktionen zusammenarbeiten – Print, Online und auch unser Regionalfernsehen. Das funktioniert wunderbar.
KT: Die Print-Journalisten und -Journalistinnen werden jetzt auch für Online geschult. Das bedeutet, dass man das Medium Online mit den bestehenden Leuten intensiver bespielen will.
Bauer: Ja, zum Teil. Aber es geht nicht darum, dass alle Journalisten unbedingt alle Medien bedienen müssen. Im Gegenteil, wir suchen sogar Kontrapunkte, denn im Newsroom bestimmt Online ein extrem hohes Tempo. Wir setzen einen Gegenpol, mit Leuten, die nicht in diesen Produktionsrhythmus eingebunden sind. Es geht grundsätzlich darum, dass wir anerkennen, dass das schnellste interaktive Medium heute das Internet ist. Wir müssen Online und auch die mobilen Geräte gedanklich zuerst bedienen. Zeitungen sind heute multimedial. Das ist unsere erste Handlungsebene.
KT: Und die zweite?
Bauer: Die zweite Ebene ist der schon erwähnte Zusammenschluss zu den AZ Medien als Mediengruppe mit Hauptstandort und verschiedenen dezentralen Standorten. Die dritte Ebene schliesslich ist die Unternehmenskultur. Wir arbeiten gemeinsam mit den Mitarbeitern aktiv daran, innerhalb der nächsten drei bis fünf Jahre eine Kultur zu schaffen, von der man sagen kann: Wir wissen, wofür AZ Medien steht, und wir sind stolz, hier zu arbeiten.
KT: Das alles klingt nach einem grossen Umbau. Wurde vor Ihrer Zeit zu wenig gemacht?
Bauer: Nein. Peter Wanner hat als CEO sehr unternehmerisch, sehr erfolgreich und dynamisch ausgehend vom «Badener Tagblatt» eine der grössten Mediengruppen der Schweiz gebaut. Das ist eine wahnsinnige Leistung. Jetzt steht die Plattform zur Verfügung, und eine neue Generation Management mit anderen Schwerpunkten kann das Unternehmen weiterentwickeln.
KT: AZ-Medien-Mitarbeitende waren vor Ihrem Stellenantritt skeptisch, ob Peter Wanner loslassen kann. Wie ist es heute – spüren Sie seinen Atem im Nacken?
Bauer: Viele, die Peter Wanner seit Jahren aus beruflichen Begegnungen kennen, haben mir gesagt: Wir sind gespannt, ob er loslassen kann. Er hat sehr, sehr gut losgelassen. Mittlerweile ist es so, dass ich ihm manchmal eine Woche lang hinterherlaufe, weil ich Informationen von ihm brauche. Wir diskutieren über Kapazitäten und Priorisierung, aber er überlässt mir das operative Geschäft.
KT: Stichwort Online: Peter Wanner ist ohne Internet aufgewachsen, Sie stammen aus der Internet-Generation. Gibt es da einen Generationenkonflikt
Bauer: Ich hatte zwar mit neun Jahren meinen ersten Commodore 64, doch ich bin nicht mit der ständigen Verfügbarkeit von Informationen über verschiedene Endgeräte aufgewachsen. Aber ich bin eigentlich über das Internet ins Mediengeschäft gekommen. Es ist jedoch keine technische, sondern eine publizistische Diskussion, wenn wir darüber sprechen, was wir online tun sollen. Davon versteht Peter Wanner sehr viel. Nach meiner Überzeugung müssen wir dafür sorgen, dass wir online das erfüllen, was wir heute in den Printmedien erfüllen. Wir können die lokal-regionale Berichterstattung mit einem respektablen Mantelteil auch online bieten. Die Frage nach dem Geschäftsmodell ist allerdings noch völlig ungeklärt.
KT: Das ist der Punkt, der allen Angst macht.
Bauer: Es ist nun mal so: Der Kommerz ist nachgelagert. Das war auch in der alten Welt so: Ich muss bei einer Zeitung zuerst einmal Leser haben, bevor ich anfangen kann, Werbung darin zu verkaufen. Wenn wir im Internet unsere Kompetenzen richtig einsetzen, können wir Marktplätze besetzen. Ob wir damit Geld verdienen, wissen wir noch nicht. Wir müssen jedoch die gesamte Medientastatur spielen. Dafür brauchen wir die besten, talentiertesten Journalisten. Es ist relativ einfach, schnell mal was online oder mobile zu stellen, und es ist relativ anspruchsvoll, einmal am Tag zu erklären: Was ist passiert und was bedeutet das für morgen? Deshalb bin ich davon überzeugt, dass Tageszeitungen überleben werden.
KT: Auf Papier gedruckt?
Bauer: Für mich ist «Tageszeitung» ein journalistisches Format, das einordnet, gewichtet, erklärt. Ob es gedruckt wird oder nicht, ist eine komplett andere Frage. Die gedruckte Zeitung ist ja eigentlich ein wahnsinniges Geschäftsmodell: Wir bewegen jeden Tag 120 Tonnen Papier durch die halbe Schweiz.
KT: Die gedruckte Zeitung ist aber ein Produkt, für das die Leute zu bezahlen bereit sind.
Bauer: Das ist die grosse Frage: Zahlen die Leute, weil sie ein physisches Produkt auf Papier haben oder zahlen sie für die Aufbereitung der Information?
KT: Eine Darstellungsform, die dem bedruckten Papier nahekommt, sind Tablets, Stichwort iPad.
Bauer: Ich durfte 2002/2003 eines der ersten E-Paper in der Schweiz lancieren. Das ist bis heute eigentlich kein Internet-Produkt, sondern eine digitale Zeitung. Man müsste sie eigentlich auf einem rollbaren Folien-Bildschirm lesen können. Und in diesem Bereich bewegt sich einiges. Jetzt ist neu der iPad da und auch weitere Anbieter sind aktiv. Ich denke, hier liegt ein grosses Potenzial.
KT: Auf dem iPad wie im Netz überhaupt stehen redaktionelle Angebote in Konkurrenz zu kostenlosen und beliebten Angeboten wie Facebook oder Wikipedia. Wie kann man da für Inhalte Geld verlangen?
Bauer: Wenn es eine Chance gibt, dann ist es die lokal-regionale Berichterstattung. Nationale und internationale Themen können im Internet nur wenige Medienmarken kostenpflichtig anbieten. Daher konzentrieren wir uns auf lokale und regionale Berichterstattung. Wenn wir einen Weg finden, das kostenpflichtig zu machen, dann bin ich der Erste, der das tun wird. Wichtig ist daher die publizistische Vorgabe: Wir wollen wieder raus in die einzelnen Ortschaften und dort mit noch mehr Aussenredaktionen präsent sein.
KT: Mit dem ganzen Medienverbund, mit Zeitungen, Radio, Fernsehen und Internet sind Sie schon heute in einer starken Position im Mittelland.
Bauer: Das ist die Darstellung auf dem Reissbrett. Die Konkurrenz ist immens. Dazu gibt es im lokalen Bereich eine sehr vielfältige Welt von lokalen Anzeigern, die sehr, sehr ordentliche Jobs machen. Die sind nah dran an der Bevölkerung und deren Problemen. Für die Bürger in einem Dorf oder einer Kleinstadt sind sie oft die erste Referenz.
KT: Heisst das auch, dass Sie weitere Kleinanzeiger zukaufen wollen?
Bauer: Wir haben schon 14 solcher Anzeiger, und das funktioniert sehr gut. Einige übernehmen die Funktion einer Tageszeitung, andere haben eher Marktplatzfunktion. Zurzeit sind wir daran, diese Titel strategisch zu entwickeln. Dort sehe ich ein gutes Potenzial, auch online. Wir haben auch die Absicht, weitere zu kaufen.
KT: Dazu verfügen Sie über das nötige Kleingeld?
Bauer: Die AZ Medien sind finanziell sehr gesund. Auch wenn das andere gerne anders sehen würden. Wegen des anhaltenden Umsatzrückgangs haben wir noch mal ein schwieriges Jahr. Aber wir wollen jetzt ein wesentlich besseres Ergebnis ausweisen, was wir auch erreichen werden.
KT: Ist der «Sonntag» ein rentables Geschäft?
Bauer: Nein, noch nicht. Aber es geht hier nicht um viel Geld, das wir investieren. Neue Medien zu lancieren, ist ein risikoreiches Geschäft. Man muss die Bereitschaft haben, einem solchen Projekt gegen alle Widrigkeiten der Konjunktur mindestens fünf Jahre Zeit zu geben, um zu erfahren, ob es funktioniert. Die Redaktion zeigt, wie man mit wenig Ressourcen eine tolle Sonntagszeitung machen kann, die zu reden gibt. Jetzt müssen wir schauen, dass wir ausserhalb unserer Kernleserschaft weitere Kunden gewinnen.
KT: Wie entwickeln sich Radio und Fernsehen?
Bauer: Radio Argovia hat ein schwebendes Konzessionsverfahren, weshalb ich hierzu keine Auskunft geben kann. Was aber bei der Revision des Radio- und Fernsehgesetzes und dessen Anwendung während der letzten Konzessionierungsphase passiert ist, ist einer Demokratie unwürdig. Radio 32 in Solothurn ist eine Erfolgsgeschichte: kleines Marktgebiet, gut verankert, funktioniert sehr gut. Und in Tele M1 haben wir jetzt investiert, obwohl es für elektronische Medien in der Schweiz keine Investitionssicherheit mehr gibt. Man darf auf keinen Fall länger planen als auf zehn Jahre, so lange, wie die Konzession gültig ist. Tele M1 ist finanziell betrachtet ein schwieriges Thema.
KT: Trotz der 2,3 Millionen Franken an Gebührengeldern, die jährlich fliessen?
Bauer: Wenn wir diese nicht hätten, müssten wir uns ernsthaft überlegen, ob wir den Sender besser schliessen sollten. Aber Tele M1 macht einen tollen Job und ist erfolgreich bei den Zuschauerzahlen. Auch kommerziell schöpft Tele M1 das regionale Potenzial gut aus. Wir halten also mit Sicherheit an Tele M1 fest, auch wenn es kein Geschäft ist.
KT: Bei den Tageszeitungen haben Sie die Bundzahl von 4 auf 2 geändert. Eine Sparmassnahme?
Bauer: Das geschah nicht aus wirtschaftlichen Gründen. Wir produzieren den gleichen Umfang wie vorher. Ob 2 oder 4 Bunde ist eine produktionstechnische Frage, aber auch ein wichtiges psychologisches Signal. Im ersten Bund wollen wir eine Berichterstattung anbieten, die über das hinausgeht, was eine normale Regionalzeitung anbietet. Unsere Abonnenten sollen nicht unbedingt zusätzlich noch NZZ oder «Tages-Anzeiger» lesen müssen. Der zweite Bund ist die Regional- und Lokalzeitung, unser Kerngeschäft. Der Wert für das Abonnement kommt primär aus dem zweiten Bund, publizistisch liefern wir ein Komplettpaket mit dem Mantel. Wir wollen diesen Weg wieder konsequenter gehen.
KT: Wie sieht es bei den Tageszeitungen mit Kooperationen ausserhalb des Mittelland-Zeitung-Verbundes aus? In der Branche heisst es ja immer, alle reden mit allen.
Bauer: Solange das so ist, geschieht gar nichts. Wenn es mal ruhig wird, dann wird es interessant. Wir waren immer offen für Kooperationen, die Diskussion ist im Moment nicht mehr aktuell.
KT: «Aargauer Zeitung» und «Basler Zeitung» tauschen weiterhin Artikel aus?
Bauer: Ja, das ist aber kein grosses Thema, da geht es nicht um viel Geld. Wir schauen das sehr pragmatisch an. Das machen die Chefredaktoren untereinander aus.
KT: Wo sind Kooperationen sonst noch sinnvoll?
Bauer: Wenn wir wirklich mal über das Internet diskutieren wollen, dann ist es sinnvoll, wenn mehrere Verleger zusammengehen. Was die Verlage mit den Rubrikeninseraten erlebt haben, wollen sie nicht noch einmal erleben. Ich denke, da findet in den Verwaltungsräten und Geschäftsleitungen nun doch ein Veränderungsprozess statt. Im Moment ist man aber noch in der Phase des Verteilkampfs. Die Konsolidierung des Schweizer Markts wird noch etwa drei Jahre dauern. Das sind die alten Verteilkämpfe. Dann stehen mal die Grundstrukturen. Ich kann mir vorstellen, dass danach wirklich relevante Diskussionen aufkommen, wie man in dieser kleinen Schweiz einträgliche Internet-Geschäftsmodelle aufbauen kann.
KT: Wie sieht Ihre Zukunft aus? Ihre Karriere wird wohl nicht im Aargau enden.
Bauer: Bah, vielleicht hört sie ja ganz auf. Vielleicht kriegen wir so Krach, das der Verwaltungsrat mich entlässt … Wenn man in der Schweiz irgendwo rausfliegt, ist die Karriere in der Regel vorbei.
KT: Oder man geht nach Deutschland.
Bauer: Ich habe immer wieder Angebote aus Deutschland erhalten, aber meine Frau und ich leben sehr bewusst in der Schweiz. Auch wenn man mir das vielleicht nicht abnimmt: Ich habe mich nie nach Karrierezielen orientiert, sondern immer das gemacht, von dem ich geglaubt habe, dass ich mit guten Leuten zusammenarbeiten und etwas verändern kann. Ich habe immer gesagt, bis 40 mache ich solche Jobs, dann mache ich was ganz anderes. Zum Beispiel einen Lehrauftrag an der Uni und daneben habe ich einen Bootsverleih. Für die nächsten Jahre habe ich allerdings eine tolle Aufgabe vor mir, die mir sehr viel Freude bereitet.
KT: Wie lange bleiben Sie im Aargau?
Bauer: Fünf Jahre ist für mich eine gute Perspektive. Vorher zu gehen, wäre verantwortungslos. Man kann nichts Nachhaltiges entwickeln. Man muss ein Unternehmen so aufstellen, dass die wichtigen Themen von einzelnen Personen unabhängig funktionieren.
KT: Werden die AZ Medien in fünf oder zehn Jahren weiterhin ein Familienunternehmen sein?
Bauer: Die AZ Medien haben das Potenzial, selbstständig zu bleiben, und die Kinder von Peter Wanner haben grosses Interesse am Geschäft. Für Peter Wanner ist klar, dass es mit mir jetzt eine Übergangslösung gibt, vielleicht kommt nach mir noch ein weiterer angestellter CEO. Die AZ Medien werden auch in der nächsten Generation von der Hauptaktionärsfamilie Wanner geführt sein.
Das Gespräch fand am 3. Juni in Aarau statt.
Medien-Allrounder mit steiler Karriere
Christoph Bauer (39) arbeitet seit Anfang Jahr als CEO der AZ Medien in Aarau. Bauer ist damit der erste angestellte Geschäftsleiter des Unternehmens von Peter Wanner, der bisher die AZ Medien selbst geführt hatte. Der promovierte Betriebswirt mit einer Dissertation zu «Tageszeitungen im Kontext des Internets» begann seine berufliche Laufbahn bei Bertelsmann in Deutschland, bevor er 2001 in die Schweiz kam als Marketingleiter der NZZ. Die letzten fünf Jahre arbeitete Bauer bei Ringier, zuerst für die Multimediaplattform Cash, später in der Ringier-Geschäftsleitung, wo er zuständig war für die Wirtschaftsmedien und danach für New Media. Daneben unterrichtete er Medienmanagement und Medienmarketing an der Universität Zürich. Im Verband Schweizer Presse war Bauer unter anderem aktiv im Departement Werbemarkt.
17. Mai 2010 von Bettina Büsser

Bild: Margareta Sommer
Mehr als 25 Jahre lang war Balz Bruppacher Chefredaktor von AP Schweiz. Jetzt ist alles vorbei, die Agentur aufgelöst und abgewickelt – und der 60-Jährige will wissen, wer dabei die Fäden gezogen hat.
Er räumt auf. In seinem Büro in Bern stapeln sich auf dem Fenstersims leere Ordner, auf dem Pult und dem Sofa liegen Aktenstapel. «Ich ordne, sortiere aus, werfe fort», sagt Balz Bruppacher. Das ist momentan sein Job. Denn der Chefredaktor von AP Schweiz ist zwar noch im Amt – aber ohne Redaktion.
Und er wartet auf seine Entlassung. Dass ihn seine neuen Arbeitgeber weiterbeschäftigen wollen, wie sie angegeben haben, glaubt er nicht. «Ausserdem haben sie mich wirklich aufs Schlimmste angelogen und können ja nicht im Ernst glauben, ich hätte im Sinn, für sie weiterzuarbeiten», sagt Bruppacher. «Sie», das sind die Besitzer des Deutschen Depeschendienstes DDP. Die Nachrichtenagentur übernahm im Dezember 2009 die AP GmbH in Frankfurt, die Deutschland, Österreich, die Schweiz sowie einen Teil von Osteuropa mit Agenturmeldungen bedient hatte. AP Schweiz war seit ihrer Gründung eine Zweigniederlassung dieser AP GmbH in Frankfurt, wurde also mit dem Verkauf Teil von DDP. Ende Januar verkaufte DDP der Schweizerischen Depeschenagentur SDA die Lizenz für das deutschsprachige DDP-Produkt, im Gegenzug hat sich die SDA dafür «ausbedungen, dass DDP den Schweizer Dienst auf den frühestmöglichen Zeitpunkt einstellt», wie Bruppacher trocken feststellt. Damit hat sich die SDA ihrer Konkurrentin AP Schweiz entledigt.
Die Angriffs- und Expansionslüge
Doch zuerst, im Dezember 2009, signalisierte DDP den Schweizer AP-Leuten, es werde einen Ausbau geben. Mitte Januar, erinnert sich Bruppacher, war er mit DDP-Geschäftsführer Franz Maurer bei Kunden in der Schweiz unterwegs, «und er sagte ihnen, dass wir die SDA angreifen wollen». Ausserdem hatte Bruppacher einen Monat vorher den zweiten DDP-Geschäftsführer Martin Vorderwülbecke in Frankfurt getroffen: «Bei uns war eine Stelle vakant, und weil die AP weltweit einen Einstellungsstopp ausgesprochen hatte, konnte ich sie nicht besetzen. Vorderwülbecke sagte mir zu, dass ich sie besetzen könne. Man sagte mir dann vonseiten DDP, ich solle im Inserat in einem Satz erwähnen, dass DDP in der Schweiz expandiere.»
Doch dann kam der 28. Januar. Eine Redaktionssitzung von AP Schweiz war angesagt, auch DDP-Geschäftsführer Franz Maurer hatte sich dafür angemeldet – Bruppacher holte ihn auf dessen Wunsch am Flughafen in Zürich ab. Und erfuhr im Zug nach Bern: kein Ausbau, keine Offensive, stattdessen Kündigung für die gesamte Belegschaft, rund 20 Personen, Festangestellte und feste Freie. Als Bruppacher in der Redaktion in Bern eintraf, hatte die SDA den Deal zwischen DDP und SDA bereits bekannt gegeben, seine MitarbeiterInnen hatten schon erfahren, dass sie alle ihre Stelle verlieren würden.
«Ich stand ein bisschen unter Schock»
Entsprechend war die Stimmung auf der Redaktion, als Bruppacher und Maurer eintrafen. «Später hat mich jemand gefragt, ob ich in diesem Moment nicht Lust gehabt habe, dreinzuschlagen», erzählt Bruppacher. Aber so etwas, das wird im Gespräch mit ihm schnell klar, liegt ihm gar nicht. Ausserdem war Bruppacher, obwohl er «ein bisschen unter Schock stand», nach wie vor der Chefredaktor: «Ich habe meinen Leuten sofort gesagt: Passt auf, wenn ihr jetzt gleich aus Protest die Arbeit niederlegt, gebt ihr denen einen Vorwand, euch fristlos zu entlassen.» Ansonsten, erinnert er sich, habe er kaum etwas gesagt: «Ich habe nur interveniert, als Maurer sagte, der Dienst rentiere nicht. Das ist einfach falsch, wir haben AP in den letzten fast 30 Jahren sicher einen zweistelligen Millionenbetrag überweisen können, für das, was wir weltweit von ihnen übernommen haben.»
Die DDP-Besitzer hat das wohl nicht besonders beeindruckt. Die beiden, Peter Löw und Martin Vorderwülbecke, haben in verschiedenen Unternehmen zusammengearbeitet. 2007 charakterisierte das deutsche «Handelsblatt» die Firma Arques Industries AG, in der beide Vorstandsvorsitzende waren, mit Sätzen wie: «Löw und Vorderwülbecke nennen ihr Geschäft ‹börsennotierter Turn-around-Spezialist›. Die Unternehmen, die Arques kauft, verbindet in der Regel nur eins: dass es ihnen nicht gut geht und sie billig zu haben sind. (…) Arques, das ist Sanierung aus dem Baukasten.»
«Das ist eine Welt, über die man manchmal liest und manchmal schreibt, doch wenn man es selber erlebt, ist es anders», sagt Bruppacher, lacht ein bisschen und fügt an, vielleicht sei er im Umgang mit DDP zu naiv gewesen. Das ärgert ihn und lässt ihn weiterhin Fragen stellen: Wann haben DDP und SDA ihre Verhandlungen aufgenommen? Was ist mit den Exklusivitätsrabatten, welche die SDA jenen Kunden gewährt hat, die nicht auch noch AP als Zweitagentur abonnierten? Warum hat ihm während der Verhandlungen zwischen SDA und DDP niemand einen Tipp gegeben? Wer war die treibende Kraft hinter dem Deal – die SDA-Führung oder die Verleger als Besitzer der Nachrichtenagentur? Weil Bruppacher Journalist ist, will er Antworten auf diese Fragen, motiviert auch durch Ärger und Frust: «Ich bin masslos wütend, immer noch.»
Bruppacher hat mittlerweile gehört, dass beispielsweise die journalistischen Leitungen der Deutschschweizer SRG-Programme und der Tamedia-Medien – beide Unternehmen sind im SDA-Verwaltungsrat vertreten – nicht konsultiert wurden, als es darum ging, dass die SDA ihre einzige Konkurrentin AP mithilfe von DDP aus dem Markt wirft. Und hat erfahren, dass seine frühere Arbeitgeberin AP wusste, was DDP plante. Aus internen Papieren zum Deal ist zudem ersichtlich, dass die SDA für die Abwicklung von AP Schweiz 250’000 Franken an DDP bezahlt. Und dass es bereits im Oktober Kontakte gab zwischen SDA und DDP. Damit konfrontiert, ringt der ansonsten redegewandte Bruppacher nach Worten. Dass die SDA diesen Papieren zufolge – Lizenzkosten inbegriffen – 12 Millionen an die DDP bezahlen wird, kommentiert er kurz mit: «Damit könnte ich etwa vier Jahre lang meine Redaktion finanzieren.»
Am Anfang DDP, am Ende DDP
Ausgerechnet bei der damaligen Schweizer Niederlassung von DDP hat Bruppachers journalistische Karriere begonnen: Nach dem Volkswirtschaftstudium in St. Gallen absolvierte er dort ein Volontariat. 1981 verliessen alle MitarbeiterInnen DDP Schweiz, um gemeinsam AP Schweiz zu gründen. 1984 wurde Bruppacher AP-Chefredaktor. «Er war Herz und Seele des Ladens», charakterisiert ihn ein langjähriger Mitarbeiter, «ein Nachrichtenprofi, mit allen ‹Wässerli› gewaschen, der sein Handwerk beherrscht, Humor hat und Leute motivieren kann. Er konnte auch mit der ‹Geisle chlöpfe›, aber er hat es selten getan.»
Dieses «Geisle chlöpfe» irritiert Balz Bruppacher offensichtlich, er denkt länger darüber nach: «‹Geisle chlöpfe› vielleicht in dem Sinn, dass ich an Redaktionssitzungen und in meinen ‹Hirtenbriefen› an die Redaktion jeweils stark betont habe, wie wichtig es ist, dass wir nicht nachlassen dabei, schnell zu sein, fix zu reagieren und selbstverständlich, wie die Agenturregel sagt, dabei nicht falsch zu sein.» Sein Ziel sei es immer gewesen, von seinen Leuten nicht mehr zu verlangen als von sich selbst. So hat der Agentur-Chefredaktor jeweils Meldungen «heruntergerattert» und Wochenenddienst geleistet wie alle anderen AP-Leute.
Bruppacher hat während seiner AP-Zeit einige «interessante Stellenangebote» von Zeitungen erhalten. «Doch wieso sollte ich einen Job aufgeben, mit dem ich eigentlich sehr zufrieden bin?» Seine Zufriedenheit basierte darauf, dass er eine «vernünftige Arbeit» in «grösstmöglicher Unabhängigkeit» machte, ohne Druck von Verlegern oder Inserenten: «Wir mussten nur unser Produkt erfolgreich verkauften. Und das taten wir.» Schwergefallen sei ihm die Arbeit einzig, wenn es Probleme mit dem Personal gegeben habe.
Zukunft als freier Journalist
«Wir bei den Agenturen sind ein bisschen die Unterhunde der Branche», sagt Bruppacher, aber gestört hat ihn das nie. Und es war ihm nur allzu recht, dass der Job als Agentur-Chefredaktor nicht zu Auftritten an People-Events verpflichtet. Seine Frau, erzählt er, hätte gewisse Einladungen gerne angenommen, doch sie habe akzeptiert, dass er nicht hingehen wolle. Überhaupt habe seine Frau, seine Familie viel Verständnis für seine Arbeit gezeigt: «Man kann nie richtig ausklinken, wenn man an den News klebt. Es gibt schon Situationen, in denen ich am Abend oder am Wochenende nicht mehr zu viel zu gebrauchen bin.» Und während er über seine Arbeit erzählt, fällt Bruppacher in die Gegenwartsform, wie schon oft während des Gesprächs. Dass AP Vergangenheit ist, ist für den Moment vergessen.
Doch Bruppacher, der im Sommer 60 wird, muss sich jetzt um seine Zukunft kümmern. DDP wird ihm kündigen, darauf wartet er. Danach würde er gerne weiter über Wirtschaftsthemen schreiben, wie er es in all den AP-Jahren getan hat, spezialisiert auf «den Schnittpunkt zwischen Wirtschaft und Politik». Am liebsten als Freier: «Ich konnte in den letzten 29 Jahren journalistisch selber entscheiden, musste nicht nach einer Pfeife tanzen. Ich möchte es, wenn es irgendwie geht, auch jetzt vermeiden.»
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