9. September 2009 von Nick Lüthi
Alle sind sie Gewinner, immer. Sobald irgendwo eine Auflagen- oder Leserstatistik auftaucht, bemühen sich Medienunternehmen nach Kräften, nur jene Zahlen zu präsentieren, die sie in einem möglichst vorteilhaften Licht erscheinen lassen. Genau so hat das gestern auch die Basler Zeitung getan: «Basler Zeitung legt an Reichweite zu», verkündete das Schrumpfblatt auf Seite 3. Dumm nur, dass weder die aktuelle Leserzahl, noch der behauptete Aufwärtstrend stimmt. Im ersten Fall steht die BaZ besser da als sie selbst behauptet; nicht 168’000 Leute lesen heute die Zeitung, sondern 169’000. Die Entwicklung hingegen ist klar negativ. Nicht zugelegt, sondern 2000 Leser verloren hat das Blatt im Vorjahresvergleich. Vor fünf Jahren waren es sogar noch 224’000 Leser. Damit resultiert seit 2004 ein Verlust von einem Viertel der einstigen Leserschaft. Alles klar?!
9. September 2009 von Bettina Büsser
Die “Kinder-Tagesschau”, die SF diese Woche ausstrahlt, löst viele Diskussionen aus: Darf man das? Sollen, wie Grönemeyer einst sang, sowieso die “Kinder an die Macht”, wie etwa Newsnetz-LeserInnen fordern? Oder muss man sich heftig darüber ärgern, wie es andere tun?
Peter Studer, der frühere SF-Chefredaktor und Presseratspräsident, hat sich auf Radio1 ebenfalls zum Thema vernehmen lassen. Er fand die “Kinder-Tagesschau” zwar “super”, möchte aber lieber eine spezifisch für die Kinder gedachte “Tagesschau” einführen, auf Dauer und früher am Tag. Denn, so Studer, wer die 18 Uhr-”Tagesschau” einschalte, wolle nicht erfahren, wofür der Nationalrat da sei beziehungsweise was eine Aktie sei. Kann sein, Herr Studer – bloss: Wer sich hie und da Stammtischdiskussionen und andere Polit-Talks anhört (oder über Miss Schweiz-Kandidatinnen-Tests liest), fragt sich schon, ob es nicht besser wäre, in jeder “Tagesschau” zu erklären, wie das politische System Schweiz funktioniert oder wie denn das nun geht mit den Aktien.
Bei einem weiteren Einwand Studers kann man nur hoffen, dass ihn möglichst viele Medienunternehmer gehört haben: “Eigentlich”, so Studer, “ist Journalismus etwas sehr, sehr Anspruchsvolles. Es hat jetzt fast ein bisschen kinderleicht ausgesehen.” Damit, Herr Studer, haben Sie zweifellos Recht. Doch der Zeitgeist (und die wirtschaftliche Situation) führen offenbar dazu, dass mehr das “kinderleicht” als das “anspruchsvoll” betont wird. Wie sonst könnte es sein, dass Verlage bekannt geben, dass sie künftig mit weit weniger JournalistInnen eine viel bessere Zeitung machen werden?
Peter Studer zur Kinder-Tagesschau auf Radio 1
28. August 2009 von Nick Lüthi
Wie die beiden Branchendienste persoenlich.com und Kleinreport heute melden, muss Martin A. Senn nach weniger als zwei Monaten als gemeinsamer Bundeshaus-Ressortleiter von Tages-Anzeiger und Bund bereits wieder den Hut nehmen. Er habe gewusst, dass er sich auf ein «Hochrisikoprojekt» einlasse, kommentiert Senn seinen unfreiwilligen Abgang gegenüber Kleinreport. Redaktoren, die den Vorgang aus der Nähe beobachten konnten, bestätigen die komplizierte Struktur dieser neuen Scharnierfunktion zwischen den Zeitungen in Bern und Zürich. «Das konnte nicht funktionieren, und Martin war nicht der geeignete Mann für diesen Posten», sagen sie. Zudem sei er die Sache «unsensibel» angegangen. Offenbar drohte die Situation zu eskalieren. Mehrere Mitarbeitende in den Inland-Ressorts der beiden Zeitungen hätten gedroht abzuspringen, wenn Senn den Posten nicht räume. Am Schluss blieb der Tagi-Chefredaktion nicht mehr viel anderes übrig, als den Stein des Anstosses zu entfernen.
24. August 2009 von Bettina Büsser
Es beginnt ganz harmlos: „Damit wir unsere Personaldatenbank im Sinne der Datenschutzbestimmungen korrekt führen können, sind wir auf Ihre Unterstützung angewiesen“ schreibt die „Basler Zeitung“ in einem Brief an Freie JournalistInnen und Freie FotografInnen – unter dem Titel „Personaldaten für selbständige und gelegentliche freie Redaktionsmitarbeitende“. Doch diese sollen nicht bloss ihre persönlichen Daten angeben und – man fragt sich wozu? – eine Kopie des Personenausweises oder der Identitätskarte beilegen, sondern gleich noch eine Vertrag unterschreiben, der sie einiges kosten wird.
Erstens wurde der Internet-Zuschlag von fünf Prozent, den die baz bisher bezahlt hat, gestrichen. Und vor allem sollen die Freien unterschreiben, dass sie ihre Mehrfach-Nutzungsrechte abtreten: Die Basler Zeitung Medien können die Werke der Freien künftig nicht nur innerhalb des Medienhauses verwenden, sondern auch an Dritte weitergeben. Geld dafür gibt’s für die Freien nicht, auch wenn, sagen wir mal, eine grössere Reportage weiterverkauft wird, denn „Die Übertragung der Nutzungsrechte durch diesen Vertrag ist im vereinbarten Honorar angemessen berücksichtigt und damit vollumfänglich abgegolten“ (Vertrag Journis) beziehungsweise „Wird das Bild als Teil eines Gesamtpakets (baz-Reportage, Hintergrund, Bericht etc.) oder einer ganzen Zeitungsseite zusammen mit einem BaZ-Text an einen Dritten weiterverkauft, erfolgt keine zusätzliche Abgeltung an den BaZ-Fotografen/dioe BaZ-Fotografin“ (Vertrag FotografiInnen).
So werden die ja keineswegs üppigen und zunehmend schrumpfenden Freien-Honorare, die heutzutage weit herum bezahlt werden, nochmals verringert. Besonders hart dürfte es Freie treffen, welche die BaZ wie auch die „Aargauer Zeitung“ beliefern – die beiden Zeitungen haben kürzlich einen „kostenneutralen Austausch von Inland-, Kultur- und Service-Artikeln“. Was dann im Klartext bedeutet: Vorher bezahlten beide Abnehmer, nach dem neuen Vertrag kann alles via BaZ laufen – zum halben Preis. Comedia wie auch die vereinigung fotografischer gestalterInnen (vfg) raten, den Vertrag vorerst nicht zu unterschreiben.
31. Juli 2009 von Helen Brügger
Die rund 3500 Exemplare von «Le Figaro», die für die Westschweiz bestimmt sind, werden ab November auf der Druckerei des Walliser «Nouvelliste» gedruckt. Auch Magazinbeilagen des französischen Blattes könnten im Wallis gedruckt werden. Die SDA-Meldung tönt völlig unspektakulär, aber sie hat es in sich. Denn der Deal zwischen dem «Figaro» und dem «Nouvelliste» ist das Resultat einer Annäherung zwischen «Le Nouvelliste» und Philippe Hersant, der in der Schweiz namentlich die Zeitungen «La Côte», «L’Impartial» und «L’Express» besitzt.
Was aber hat Philippe Hersant mit dem «Figaro» zu tun? Nun, Philippe Hersant ist einer der Erben des französischen Pressemagnaten Robert Hersant. Das Imperium des «papivore» (Zeitungsfressers) wurde bei dessen Tod in zwei Teile gesplittet. Ein Teil ging an Philippe Hersant, der seine Eroberungsfeldzüge seither auf die Schweiz ausgeweitet hat, der andere Teil, darunter das Flaggschiff «Le Figaro», an weitere Erben; diese wiederum haben an den französischen Rüstungsindustriellen und Sarkozy-Freund Serge Dassault weiterverkauft.
Der Deal zwischen dem rechtsbürgerlichen «Figaro» und dem erzkonservativen «Nouvelliste» ist dank Philippe Hersant zustandegekommen. Und dieser scheut sich offensichtlich nicht, Schützenhilfe aus Frankreich anzufordern, wenn es für das Aufrollen der Westschweizer Medienlandschaft nützlich ist. Denn nicht wahr, man gehört ja schliesslich fast zur gleichen Familie. Politisch gesehen sowieso.
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