19. Juli 2010 von Klartext
Nun steht es fest: Tamedia hat im Rahmen der Massenentlassung beim Tags-Anzeiger im Mai 2009 dem Präsidenten der Personalkommission missbräuchlich gekündigt. Eine entsprechende Klage des Journalisten Daniel Suter gegen seine frühere Arbeitgeberin ist vom Arbeitsgericht Zürich gutgeheissen worden, teilt die Mediengewerkschaft Comedia mit. Das Gericht hat Suter eine Entschädigung von drei Monatslöhnen zugesprochen. Mit dem Urteil, so Comedia weiter, werde eine drei Jahre alte Rechtsprechung des Bundesgerichts relativiert. Das Zürcher Arbeitsgericht komme mit diesem Urteil wieder zurück zum eigentlichen Wortlaut des Gesetzes, das die Arbeitnehmervertreter während ihrer Amtsdauer unter besonderen Kündigungsschutz stelle.
14. Juli 2010 von Nick Lüthi
Wie bringt man Leser dazu im Internet für publizistische Leistungen zu bezahlen? Eine letztlich alte Diskussion ist zum Thema der Stunde avanciert. Nach Jahren der Rat- und Ergebnislosigkeit kommt endlich Bewegung in die Geschichte, weil nicht mehr länger heisse Luft in Form von Spekulationen und Absichtserklärungen herumgefächelt werden, sondern Fakten geschaffen wurden.
Auf der einen Seite des Spektrums, bei den alten Giganten der Medienwelt, hat der alte Murdoch ernst gemacht und bietet seine Times in London seit Anfang Monat nur noch gegen Bares zur Lektüre an. Ein Experiment mit ungewissem Ausgang, bei dem der Wunsch Pate des Gedankens war. Was die Nutzer von der Bezahlschranke halten, machten sie mit ihrem Klickverhalten deutlich. Der Zugriff auf thetimes.co.uk sank rapide, während sich Konkurrenten wie etwa der Guardian, die ihre Inhalte weiterhin kostenlos und frei verlinkbar anbieten, zulegen konnten. Wieviele ehemalige Times-Leser zur Gratiskonkurrenz gewechselt haben, ist nicht bekannt. Es dürften aber einige sein. Womit denn auch klar wird, dass das Modell mit den Bezahlschranken nur dann nachhaltig funktioniert, wenn die ganze Branche mitzieht und dem Leser keine Alternative mehr lässt. So weit wird es aber nie kommen, alleine schon deshalb, weil etwa die Onlineangebote von Gratiszeitungen und öffentlichem Rundfunk kostenlos bleiben und in etwa das Gleiche bieten, wie die Bezahltitel im Netz.
Auf der anderen Seite des Spektrums kommt Flattr langsam aber sicher in Fahrt. Vor allem Blogs, aber auch einzelne Zeitungen in Deutschland nutzen den neuen auf freiwilliger Spende basierenden Bezahldienst, um ihre Online-Publizistik in bare Münze zu verwandeln und haben damit zum Teil bereits beachtliche Beträge erzielt. So hat die Berliner Tageszeitung im Juni knapp 1000 Euro «erflattert» – für Artikel nota bene, die im Netz frei verfügbar und nicht hinter einer Bezahlschranke versteckt sind. Ausserdem befindet sich Flattr in der Testphase und kann erst auf Einladung genutzt werden, was natürlich die Hoffnung weckt, dass dereinst im Regelbetrieb noch höhere Summen gespendet werden.
Interessant an Flattr ist weniger das Modell an und für sich, das im aktuellen Stadium noch mit etlichen Mängeln behaftet ist und Fragen (etwas solchen nach dem Datenschutz) unbeantwortet lässt, sondern die rege Debatte, die der neue Dienst auszulösen vermochte. Nahezu alle, die für ihre Publikation Flattr verwenden, kommentieren rege, weshalb sie das tun. Und ebenso jene, die bewusst auf diese Form von Online-Spenden verzichten, wie etwa Alpha-Blogger Sascha Lobo. So warnen die Skeptiker vor Blogger-Inzest. Dass quasi in einem geschlossenen Kreis unter Bloggern Geld herumgeschoben wird, nach dem Motto: flatterst du mir, so flattere ich dir; mit dem unschönen Nebeneffekt, dass stärker frequentierte Angebote mehr einheimsen, als schwächere und somit die Kleinen die Grossen finanzieren, die auch anderweitig zu Geld kommen könnten. Wer dagegen am Ende seiner Artikel mit einem Flattr-Button die hohle Hand hinhält, sieht erst einmal das Geld, das da plötzlich kommt. Für die meisten zwar nur ein kleines Zubrot, für ambitionierte Autoren aber durchaus ansehnliche Beträge, die bereits jetzt fliessen. Offenbar haben viele nur darauf gewartet, bis endlich ein System kommt, mit dem sich Mikrobeträge so simpel wie nun eben bei Flattr vergeben lassen. Wer auf der anderen Seite als Leser Geld zu verteilen hat, liest Texte konzentrierter, die er am Ende der Lektüre geldwert honorieren kann, findet Jörn Kabisch von der Berliner Wochenzeitung Freitag, die unter ihren Artikeln im Netz auch den Flattr-Button platziert hat.
Wie sich Flattr weiter entwickeln wird, welche Beträge erst fliessen, wenn alle Zahlungswilligen und nicht nur eine Testgruppe zugelassen sind, lässt sich heute kaum abschätzen. Gemessen am Erfolg der ersten Monate kann man allerdings davon ausgehen, dass dieses Online-Bezahlmodell seinen Platz finden wird. Nicht zuletzt deshalb, weil diejenigen, die es anwenden, öffentlich und kontrovers darüber diskutieren.
20. Juni 2010 von Bettina Büsser
“Rudolf Matter wird Direktor für Radio und Fernsehen” – so titelt heute die “NZZ am Sonntag”. Zwar wird der SRG-Verwaltungsrat den “Superdirektor” von SF und SR DRS (eine Kandidatin gab es offenbar nicht) erst morgen Montag wählen. Doch NZZaS-Redaktor Francesco Benini weiss schon Tage zuvor, wie die Wahl enden wird: Radio-Chefredaktor Matter macht das Rennen.
Gut, es liesse sich vielleicht mutmassen, der andere starke Kandidat, SF-Direktor Ueli Haldimann, habe nach der Wahl von Roger de Weck zum SRG-Generaldirektor keine Chance – schliesslich wird beiden das Attribut “links” angehängt, und zweimal “links” ist offenbar vielen viel zu viel “links”. Doch Benini weiss es schon ganz sicher, aus “zuverlässigen Quellen”.
Obwohl wir bisher immer davon ausgegangen sind, in der Schweiz seien Wahlen erst entschieden, wenn sie auch stattgefunden haben, müssen wir also entweder Beninis tolle Kontakte in den Verwaltungsrat der SRG Deutschschweiz, welche den Kandidaten vorgeschlagen hat, bewundern. Oder uns besorgt fragen, wie sehr auch die NZZaS dem mid-risk-Journalismus frönt. Bis das bekannt ist, bleibt noch etwas Zeit – zum Beispiel, um das KLARTEXT-Interview mit Rudolf Matter nachzulesen.
19. Mai 2010 von Klartext
Ein Thema dominiert heute die Kommentarspalten in den Schweizer Zeitungen: Die Wahl Roger de Wecks zum neuen SRG-Generaldirektor. Die meisten Chefredaktoren und Kommentatoren begrüssen den Entscheid, einen Journalisten an die Spitze der SRG zu setzen, warnen aber vor überrissenen Erwartungen an den neuen Radio- und Fernseh-Chef.
Artur K. Vogel (Bund): «Es ist eine Freude, dass ein Journalist SRG-Chef wird und nicht ein altgedienter Politiker oder ein wendiger Strippenzieher.»
Urs Helbling (Blick): «Die Wahl von Roger de Weck ist mutig, nicht ohne Risiko. Aber sie könnte zur Sternstunde für die SRG werden.»
Christian Dorer (Aargauer Zeitung): «Dass jetzt jedoch von rechts bereits Kritik wegen seiner politischen Einstellung kommt, ist deplatziert.»
Rainer Stadler (Neue Zürcher Zeitung): «Seine persönliche linksliberale Meinung ist sein gutes Recht. Aber als Repräsentant einer SRG, die sich überparteilich verhalten muss, bietet er so Angriffsflächen in den medienpolitischen Auseinandersetzungen.»
Michael Hug (Berner Zeitung): «Als Erneuerer hat sich de Weck bisher nicht hervorgetan. Vielmehr als Verteidiger eines verstaubten Qualitätsbegriffs, dem das Publikum abhanden kommt.»
David Sieber (Südostschweiz): «Wie sein Vorgänger Armin Walpen wird auch de Weck in erster Linie für eine Gebührenerhöhung kämpfen. Im derzeitigen politischen Klima ein unmögliches Unterfangen.»
Kari Kälin (Neue Luzerner Zeitung): «Winkt der Bundesrat die von der SRG angestrebte Gebührenerhöhung nicht durch, muss sich de Weck als Sanierer, Sparer, ja möglicherweise sogar als Stellenabbauer bewähren. Dazu scheint der intellektuelle Mann ziemlich ungeeignet.»
Res Strehle (Tages-Anzeiger): «Dass er sein Amt gleich mit einer Sparvorgabe antritt, ist eine besondere Herausforderung. Gelingt sie, wird de Wecks SRG zum ermutigenden Zeichen für die ganze Schweizer Medienlandschaft.»
Christian Mensch (Basler Zeitung): «Walpens Art, wichtige Partner wie die Politik oder auch private Medien vor den Kopf zu stossen, statt einmal bloss zuzuhören, hat tiefe Kratzer im Ansehen der SRG hinterlassen.»
Peter Hartmeier (Thurgauer Zeitung): «Walpen hinterlässt eine finanziell aus dem Ruder laufende, politisch angeschlagene SRG: de Weck steht deshalb vor der schwierigsten Aufgabe seines Berufslebens.»
Stefan Schneiter (Zürichsee-Zeitung): «Roger de Weck, sicher kein Anhänger seichter Sendeinhalte à la ‘Deal or no deal’, muss für Radio und Fernsehen zeitgemässe, neue Unterhaltungssendungen finden.»
18. Mai 2010 von Nick Lüthi

Bild: SRG/zvg
Damit hatte niemand gerechnet. Auf Armin Walpen folgt Roger de Weck als SRG-Generaldirektor. Heute Nachmittag hat der Verwaltungsrat den Publizisten und ehemaligen Chefredaktor von Tages-Anzeiger und Zeit zum neuen Generaldirektor von Schweizer Radio und Fernsehen gewählt. Roger de Weck tritt seine Stelle am 1. Januar 2011 an.
Die Wahl kommt einigermassen überraschend, drehte doch der Name de Wecks nicht auf dem Kandidatenkarussell mit. Als Interessenten für den Posten bekannt waren lediglich Hanspeter Rohner (Publigroupe) und Filippo Leutenegger (FDP). Den Namen des von den Medien als Mister X gehandelten dritten Manns vermochten die zuständigen Gremien der SRG und andere Insider bis zur Wahl geheim zu halten. Auch wenn der nun Gewählte für den Posten durchaus valabel erscheint, so bleibt dem Wahlprozedere etwas Unwürdiges anhaften. Dass es sich eine Institution, die massgeblich von ihrem Publikum finanziert wird, leisten kann, eine Chefwahl à la Papstkür zu inszenieren, wirft ein bezeichnendes Licht auf die SRG. Man wird den Verdacht nicht los, dass es sich um ein abgekartetes Spiel handelt: Rohner und Leutenegger werden als Schiessbudenfiguren verheizt, während die Deweckianer ihren Mann still und im Geheimen in Stellung fahren.
Aktuelle Kommentare