29. Februar 2008 von Nick Lüthi
Das politische Programm vom neuen «Blick» ist erschreckend beliebig, wie uns der «Scheff» heute verrät: «Unsere Welt ist funky: Wir kaufen im Globus und in der Migros, wir finden mal die SP im Recht und mal die SVP. Die absoluten Wahrheiten sind uns etwas abhanden gekommen.»
28. Februar 2008 von Nick Lüthi
Hartnäckig hält sich der Mythos, wonach alle, sofern sie nur über einen Internetzugang verfügten, als Journalisten arbeiten könnten – und damit den ausgebildeten Berufsleuten in den Medien ernsthaft das Leben schwer machen. Bürgerreporter, Citizen Journalists, User Generated Content werden bis heute wahlweise als Bedrohung oder Ergänzung für die Massenmedien herumgeboten. Um auf der sicheren Seite zu stehen, überlegen viele Verlage krampfhaft, wie sie die Amateure ins Boot holen können.
Doch wozu der Aufwand? Erstens hat sich die Frage nach dem Umgang mit Amateurmaterial schon immer gestellt. TV und Presse veröffentlichen Amateurbilder seit es Fotoapparat und Videokamera gibt und Leserbeiträge finden sich in Zeitungsspalten seit den Anfängen der gedruckten Presse. Zweitens macht es einen grossen Unterschied, ob jemand nebenher publizistisch tätig ist oder sich vollberuflich der Informationsbeschaffung und -verarbeitung widmen kann. Profis und Amateure spielen nicht ohne Grund in verschiedenen Ligen.
Aber, und jetzt kommt das grosse Aber: Bei der bisherigen Debatte zur Bedeutung der Amateurberichterstattung lag der Fokus stets auf den Journalisten als Inhalteproduzenten; der mit dem Handy filmt und die auf dem Computer tippt. Hierfür sei Entwarnung gegeben. Nur punktuell und bei ganz spezifischen Fragen werden die Citizen Journalists als originäre Berichterstatter eine ernsthafte Konkurrenz für professionelle Medienschaffende.
Wenn von den Amateuren aber Gefahr droht, dann als Verbreiter und Verteiler von Inhalten. Wer hat nicht schon einen Zeitungsartikel von einer Webseite kopiert und an Freunde per E-Mail weitergeleitet, oder im eigenen Blog auf die brillante Reportage hingewiesen? Dazu braucht es kein Fachwissen, keine besonderen Fähigkeiten. Klick – und ein jeder spielt ein bisschen Redaktor. Hier haben die Massenmedien einen ungleich schwereren Stand gegenüber den Amateuren als bei der Inhalteproduktion.
Neben Zeitung, TV- oder Radioprogramm gibt es heute unzählige neue Wege im Internet, wie journalistische Inhalte zum Publikum finden. Ob via E-Mail, in öffentlichen Linksammlungen, auf Aggregationsplattformen oder in Blogs, überall finden sich heute Verweise auf Beiträge aus Presse und Rundfunk. Da diese Entwicklung nicht aufzuhalten ist, können sich die Massenmedien immer stärker auf ihre Rolle als Inhalteproduzenten konzentrieren. Mit der Verbreitung brauchen sie sich nur noch dahingehend zu befassen, als dass sie die journalistischen Gefässe so aufbereiten müssen, damit sie sich auf möglichst vielen Kanälen verbreiten lassen.
Für den einzelnen Journalisten heisst dies dann zum Beispiel, dass er nicht mehr für die Titelseite schreiben muss (im Internet gibt es keine Titelseite), sondern stärker auf das Zielpublikum fokussieren kann. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der Link zu diesem Beitrag möglichst breit herumgeboten wird; was finanziell wiederum interessant ist, weil so die Anzahl der Augen steigt, denen der Verlag Werbung zeigen kann.
27. Februar 2008 von Nick Lüthi
«Und schon gar nicht dürfen Journalisten, die sich mit Medienausweisen oder einschlägigen Aufträgen vorstellen, ohne Prüfung stundenlang an der Berufsausübung gehindert werden.» Das schreibt Peter Studer, Jurist und langjähriger Präsident des Presserats, in der aktuellen Ausgabe des Jusletter zur Verhaftung eines WoZ-Journalisten vor einer Anti-WEF-Demonstration in Bern. Mit der Berner Kantonspolizei geht Studer hart ins Gericht. Von verhältnismässigem Handeln keine Spur. Am Gesetz liege das nicht, sondern an der Polizeipraxis, folgert Studer. Die Kritikpunkte im einzelnen:
- Die Notwendigkeit einer mehrstündigen Polizei-«Obhut» zwecks Feststellung der Identität sei dann fraglich, wenn – wie der Festgenommene behauptet – die Polizei ihn mit Namen angesprochen hat.
- Studer bezweifelt, dass die Polizei abgewogen habe zwischen der «journalistischen, grundrechtlich geschützten Berichterstattung» und der Möglichkeit, dass der Journalist die öffentliche Sicherheit gefährden könnte.
- Die Teilnahme an einer unbewilligten Demonstration scheidet gemäss Studer als Grund für die Verhaftung aus, da es sich dabei «höchstens um eine Ordnungswidrigkeit» handele. Belangt werden könnten die Organisatoren, nicht aber die Teilnehmer.
- Landfriedensbruch kommt ebenfalls nicht in Frage, da es an der verhinderten Demonstration gar nicht erst zu einem solchen gekommen sei, geschweige denn hätte der Journalist «an einer allfälligen gewaltbereiten Zusammenrottung teilnehmen können», da er sich im Moment der Verhaftung erst auf dem Weg zur Kundgebung befunden hatte.
UPDATE: Berichte zum Thema heute in «Bund» und WoZ.
26. Februar 2008 von Nick Lüthi
Weshalb so aufgeregt? Entschieden ist ja noch gar nichts. Doch Peter Hartmeier, Chefredaktor am Tages-Anzeiger, macht sich bereits jetzt die grössten Sorgen um die Zukunft von TeleZüri. Eingesetzt hat der aktuelle Nervositätsschub, nachdem sich die Schaffhauser Regierung öffentlich dafür ausgesprochen hatte, die Fernsehkonzession für die Region Zürich-Nordostschweiz sei Tele Top und nicht Tamedias TeleZüri zu erteilen «Ein fundamentaler Fehlentscheid, mit dem sich Schaffhausen von Zürich isoliert», polterte Hartmeier am letzten Samstag in einem Gastbeitrag für die Schaffhauser Nachrichten.
Weshalb äussert sich dazu eigentlich Hartmeier und nicht jemand vom direkt betroffenen TeleZüri? Nur weil der Tagi-Chef in Schaffhausen lebt und sich deshalb zu einer Stellungnahme besonders berufen fühlt (oder: von Norbert Neininger gerufen wurde), kann er sich des Konzernjournalismus-Vorwurfs schlecht erwehren. Zumal er in der gleichen Sache bereits bei früherer Gelegenheit übermotiviert und abseits der gebotenen Neutralität zugunsten von TeleZüri in die Tasten gehauen hatte.
Wie klein ist die Welt, in der Peter H. lebt? Weltuntergangsstimmung, weil TeleZüri keine Konzession erhalten könnte? Was Hartmeier wohlweislich verschweigt: Schaffhausen verkäme keinesweges zu televisionärem Brachland, wenn der Tamedia-Sender nicht mehr länger das Privileg einer Konzession geniessen könnte. Mit Tele Top würde zudem ein Sender mit einem überzeugenden Leistungsausweis künftig die Nordostschweiz versorgen.
Und: Entscheiden wird nicht die Schaffhauser Regierung, sondern Medienminister Leuenberger auf Grundlage der eingereichten Konzessionsgesuche. Die Stellungnahmen der Kantone dienen dabei lediglich als Entscheidhilfe. Ebenso wenig wird Hartemeiers Lobbying matchenscheidend sein, aber sicher auch nicht förderlich für einen positiven Konzessionsentscheid.
Dass Leuenberger im Umgang mit den Medien auch den Bauch mitentscheiden lässt, wissen wir spätestens seit dem emotionalen Auftritt vom letzten Donnerstag. Und TeleZüri, das den Ausraster im Gegensatz zum Schweizer Fernsehen gezeigt hatte und auch in der Vergangenheit nicht eben zimperlich mit Leuenberger umging, steht bei diesem nicht hoch im Kurs. Das müsste auch Hartmeier wissen. Wenn er nun trotzdem den Empörten gibt, der Schaffhauser Regierung Realitätsverlust vorwirft, gleichzeitig auf den Bundesrat hofft, der sich für die «bessere Lösung» entscheiden möge, könnte der Schuss nach hinten losgehen.
25. Februar 2008 von Nick Lüthi
In einer Woche ist es so weit: Mit einem «Blick Feuerwerk» genannten Event stellt Ringier sein rundumerneuertes Boulevardflaggschiff vor. Im Vorfeld wurde viel spekuliert, prognostiziert, interpretiert. Vor vier Monaten wagte ich folgende Prognose zum neuen «Blick»:
So viel ist heute klar: Boulevard ist passé. Während Michael Ringier zögerlich am Begriff festhält und gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“ auf die Frage, ob „Blick“ ein Boulevardblatt bleibe, ausweichend mit einem „Ja, aber …“ antwortet, bringt es Daniel Pillard, Chef von Ringier Schweiz, im KLARTEXT-Interview auf den Punkt: Heute sei in der Schweiz Boulevard nur noch minus „Sex and Crime“ möglich. Also ohne die beiden konstituierenden Elemente des Genres. Damit verkommt Boulevard definitiv zur Leerformel, an der die Ringier-Chefs aus Nostalgie oder Marketinggründen vorläufig noch festhalten.
So einfach liegen die Dinge wohl doch nicht. «Blick» bleibt Boulevard. Was gerüchteweise schon länger kursierte, scheint nun bestätigt: Das Seite-3-Girl kommt zurück und auch der Blick-Käfer. Das wusste zumindest der ehemalige «Blick»-Autor Kurt-Emil Merki gestern in der Aargauer Sonntagszeitung zu berichten. Politisch begibt sich die Boulevardzeitung, will Merki wissen, auch wieder dorthin, wo sie einst herkam – und vor allem: erfolgreich war. Irgendwo rechts von der Mitte.
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