3. Mai 2010 von Helen Brügger

Operation «Montana»

Die SDA hat mitgeholfen, den Konkurrenten AP aus dem Weg zu räumen. Mehr als eine Verschnaufpause wird ihr die Monopolstellung kaum bringen.

Ende Januar gaben die Schweizerische Depeschenagentur SDA und der Deutsche Depeschendienst DDP ihre Zusammenarbeit bekannt. Als Folge davon liess DDP das zuvor akquirierte Büro von AP Schweiz fallen. Damit steht die SDA als Monopolagentur in der Schweizer Medienlandschaft. So erhofft sie sich, abgesprungene Kunden zurückzugewinnen.
Offenbar fürchtete die SDA, aus dem Markt gedrängt zu werden, und deshalb handelte sie. «Wettbewerb ist in der Regel nur in deutlich grösseren Märkten als in CH auf Dauer möglich», steht in einem internen Dokument, das KLARTEXT vorliegt. Sein Titel: «Montana, Abschied vom Sonderfall CH». Als «Sonderfall» bezeichnet die SDA die Tatsache, dass in der kleinräumigen Schweiz mehrere Agenturen tätig sind; «Montana» will diesen lästigen Zustand beenden. Das Dokument ging am 25. Januar 2010 an die Verwaltungsräte der SDA. Also zu einem Zeitpunkt, als dem Opfer der Operation, der Agentur AP, noch vorgegaukelt wurde, sie habe eine Zukunft. Das mehrsprachige Angebot verteuere den Basisdienst der SDA um jährlich drei Millionen Franken, heisst es im Dokument. AP Schweiz habe aggressivere Preisgestaltungsmöglichkeiten, weil sie diese Sprachensolidarität nicht mittragen müsse. Die Zahl der Kunden, die zwei Agenturen abonnierten, nehme stetig ab. Die Trennung zwischen Erst- und Zweitagentur verschwinde zusehends zulasten der SDA.

«War wirtschaftlich notwendig»
Nun gibt es AP nicht mehr. Doch die SDA wird nicht glücklich damit. Allenthalben hagelt es Kritik an dem Deal: Im Nationalrat wird die Schaffung des Monopols kritisiert, die Wettbewerbskommission will Genaueres wissen. «Wir haben nie eine Monopolstellung angestrebt», versichert der angegriffene SDA-Chef Bernard Maissen. Der Deal sei «eine wirtschaftliche Notwendigkeit» gewesen. Maissen findet es unglaubwürdig, «wenn die Medien sich für mehrere Agenturen starkmachen, selbst aber nur eine abonnieren». Er weist darauf hin, dass mehrere Verleger nur AP abonniert hätten, sich aber auf Internet gratis bei den SDA-Meldungen bedienen würden. Die SDA habe keine Wahl gehabt, ausser sie hätte sich auf einen langjährigen Abnützungs- und Konkurrenzkampf einlassen wollen, der bedeutende finanzielle Mittel abgezogen hätte.
Maissen betont, der Vorwurf des möglichen Missbrauchs einer Monopolstellung gehe ins Leere: «Unsere Besitzer sind die Verleger, und die sind auch unsere Kunden. Das bedeutet, dass bei uns die Kunden die Preise festlegen!» Tatsächlich stellen sieben Verleger den Verwaltungsrat der Agentur, die ihnen als gemeinsames Unternehmen gehört. Es sind dies Hans Heinrich Coninx (Tamedia), Albert Noth («Liberté»), Gérard Tschopp (SRG), Hanspeter Lebrument («Südostschweiz»), Eric Hoesli (Edipresse), Albert Stäheli (NZZ) und Matthias Hagemann (ex BaZ).
Die Angestellten der Nachrichtenagentur teilen die Argumente Maissens. Ein Mitarbeiter bezeichnet die Situation unverblümt als «wirtschaftlich notwendig, aber publizistisch Scheisse». Er ärgert sich darüber, dass nun «alle auf der SDA herumhacken». Schliesslich sei der Entscheid von den Verlegern gefällt worden, und es sei an ihnen, dafür geradezustehen. Das Problem der Verleger sei «ein rein wirtschaftliches statt publizistisches Denken». Dabei wäre es im Interesse ihrer Redaktionen, zwei Agenturen als Quellen zu haben. Nun fürchtet der Kollege politischen Druck. «Man wird uns die Monopolstellung jedes Mal um die Ohren schlagen, wenn wir aus journalistischen Gründen entscheiden, über dieses oder jenes Ereignis nicht zu berichten.»

Welsche pfeifen auf die SDA
Unter Druck geraten könnte die SDA auch anderweitig, wie ein drastisches Beispiel in der Westschweiz zeigt. Dort hat die Hersant-Gruppe mit ihren Tageszeitungen «La Côte» , «L’Impartial» und «L’Express» beschlossen, mit der von ihr seit langem umworbenen Walliser Zeitung «Le Nouvelliste» eine gemeinsame überregionale Redaktion unter einheitlicher Leitung zu schaffen, auch wenn das Projekt im Wallis auf Widerstand stösst. Mit dabei ist auch das «Journal du Jura» in Biel. Die fünf Zeitungen produzieren künftig in ihren Redaktionen nur Regionalinformationen. Noch ist nicht entschieden, ob die gemeinsame Redaktion an einem Ort zusammengezogen wird oder dezentral bleibt. Als weitere Folge dieser Kooperation verzichten die beteiligten Redaktionen auf die Dienste einer Agentur. Das SDA-Abonnement sei auf Ende Jahr gekündigt worden, bestätigt Nicolas Willemin, Chefredaktor von «L’Express». «Wir überlegen uns, das Geld in den Aufbau eines eigenen Teams für einen direkt auf unsere Bedürfnisse zugeschnittenen Dienst zu stecken, der uns Exklusives liefern kann.»

Zu wenig für die Kleinen getan
Willemin wirft der SDA vor, nicht genügend auf die Bedürfnisse von kleinen Regionalzeitungen einzugehen, sondern vor allem – unter dem Einfluss des Grossaktionärs Tamedia-Edipresse – die Bedürfnisse von Gratis- und Grosszeitungen abzudecken. «Die gros­sen Zeitungen brauchen den Basisdienst der SDA, für alles andere leisten sie sich eigene Recherchen und Analysen. Das können wir nicht.»
Willemin ist sich bewusst, dass das Projekt riskant ist, vor allem für die nationalen Nachrichten und die Nachrichten aus andern Landesteilen. Dieser Brückenschlag zwischen den Landesteilen ist eine der Kernfunktionen der SDA, den nur sie garantieren kann. Wie ernst das Westschweizer Projekt zu nehmen ist, ist deshalb schwer zu beurteilen: Handelt es sich um einen Druckversuch zur Durchsetzung von Rabatten? Oder ist es ein willkommener Vorwand, sich durch die Hintertür aus dem nationalen Kontext zu verabschieden und die nationale Info auf ein Minimum zu reduzieren?
Wie auch immer: Mit der Operation «Montana» will die SDA abtrünnige Kunden – zum Beispiel die NLZ-Gruppe sowie die «Aargauer Zeitung» – zurückgewinnen. Die Zukunftssicherung, glaubt die SDA gemäss «Montana», gelinge dadurch, «dass 100 Prozent des CH-Marktes wieder SDA-Kunden sein werden». Das könnte sich als Wunschdenken entpuppen. Denn prominente Abtrünnige sind zwar im Moment zur SDA zurückgekehrt, halten sich aber für die Zukunft alle Optionen offen. Dies bestätigen sowohl Stefan Ragaz, stellvertretender Chefredaktor der «Neuen Luzerner Zeitung», als auch Christian Dorer, Chefredaktor der «Aargauer Zeitung». Ragaz prüft verschiedene Optionen. Neben der Zusammenarbeit mit der SDA «auf der Grundlage eines neuen, auf die Bedürfnisse einer abonnierten Tageszeitung zugeschnittenen» Angebots kommt für ihn das Abonnieren einer ausländischen Nischenagentur infrage. Oder auch eine eigene Lösung, «allenfalls zusammen mit Partnerzeitungen». Wen wunderts, dass Dorer ebenfalls an Alternativen «zusammen mit anderen Zeitungen» herumdenkt.

Eine öffentlich-rechtliche SDA?
Wenn Kleinverleger keine Wahl mehr zwischen SDA und billigerer AP haben, kann sie das in finanzielle Schwierigkeiten bringen und einen Konzentrationsprozess auslösen. Oder dann macht das Beispiel aus der Westschweiz Schule: Zeitungsverlage schliessen sich zusammen und stellen in mehr oder weniger abenteuerlicher Manier eigene, agenturähnliche Dienste auf die Beine. Beide Entwicklungen können für die SDA zum Albtraum werden, weil sie Kunden verliert, statt gewinnt. Und für den Zusammenhalt zwischen den Landesteilen wäre es ein nicht absehbarer Schaden, weit dramatischer, als es bisher die Schliessung von SDA-Büros in der Westschweiz war.
In diesem Kontext gewinnt ein Vorstoss von SP-Nationalrat Hans-Jürg Fehr an Bedeutung. Der frühere Verleger der «Schaffhauser AZ» schlägt in einer Interpellation an den Bundesrat vor, aus der SDA «ein Element des publizistischen Service public» zu machen, sie in ein «öffentlich-rechtliches Unternehmen mit staatlicher Konzession» zu verwandeln und mit einem erweiterten Leistungsauftrag zu versehen. Hans-Jürg Fehr geht mit Nicolas Willemin einig, dass die SDA für Klein- und Regionalzeitungen mehr bieten muss. Ein erweiterter Leistungsauftrag könne etwa bedeuten, dass die SDA JournalistInnen ausbilde oder einen Pool von investigativen JournalistInnen aufbaue, der im Auftrag der «Kleinen» recherchiere. «Ich weiss aus eigener Erfahrung, wie viele heisse Storys in einer Region nie zustande kommen, weil die Recherchen als zu aufwendig eingeschätzt werden», sagt Fehr.
Könnte die Zukunft der SDA in einer Konzession ähnlich der SRG und einem Service-public-Auftrag liegen? Maissen zeigt sich offen für die Idee, weil die Agentur mit ihrem mehrsprachigen Dienst bereits Service-public-Leistungen erbringe, die der Markt nicht trage. «Was ich allerdings nicht will, ist ein Aktionär Eidgenossenschaft, der uns inhaltlich dreinredet!»
Durch den «Abschied vom Sonderfall» allein ist die SDA jedenfalls noch nicht aus dem Schneider. Auch die vorgesehene Kapitalerhöhung muss erst noch finanziert werden. Sie kostet gemäss «Montana» die Kleinigkeit von acht Millionen.

3. Mai 2010 von Nick Lüthi

Keystone: Mehr als nur Bilder

Keystone ist auch eine PR-Agentur – ein nicht unproblematisches Geschäftsmodell. Reibungsloser funktioniert die Expansion in den Video-Bereich.

Nur wer sich wandelt, überlebt. Ein Motto, das sich derzeit manches Me­dienunternehmen zu eigen macht und entsprechend handelt. So auch Key­stone. Neben ihrem Stammgeschäft positioniert sich die nationale Bildagentur verstärkt im PR-Bereich. Ihr bisher auf PR-Bilder spezialisiertes Tochterunternehmen Photopress berät neu Firmen und Privatpersonen in Kommunikationsangelegenheiten.
Unabhängiger Bildjournalismus und Public Relations unter demselben Dach können sich durchaus vertragen. Allerdings gibt es Schnittstellen, die Befürchtungen wecken. So vertreibt Keystone Bilder ihrer PR-Tochter Photopress zusammen mit den Pressebildern über ihren Newsdienst. Deshalb ist der JournalistInnenverband Impressum im Februar mit einer Beschwerde an den Presserat gelangt: Das Geschäftsmodell verunmögliche es dem Publikum, «die Glaubwürdigkeit der Information einzuschätzen». Der Entscheid des Presserats steht noch aus. Eine Recherche der Freiburger Tageszeitung «La Liberté» hatte dieses Vorgehen der nationalen Bildagentur prominent problematisiert. Konkret ging es um Aufnahmen vom Ski-Weltcup in Cortina. Ein freier Fotograf war im Auftrag von Photopress unterwegs, den Weltcup-Sponsor Emmi vorteilhaft ins Bild zu rücken. Diese PR-Aufnahmen hat Keystone dann zusammen mit den journalistisch motivierten Sportsujets über Satellit seinen Kunden in die Redaktionen gesandt.

Wer trägt die Verantwortung?
Keystone-Geschäftsführer Jann Jenatsch versteht die Empörung um die Werbebilder nicht. Er findet die Beschwerde geradezu kleinlich angesichts der Tatsache, wie leichtfertig heute Bildredaktionen PR-Bilder oder sogenannte Handouts im redaktionellen Teil zeigen. «Dagegen sind die Photopress-Bilder, zumal sie klar als solche gekennzeichnet sind, geradezu eine Bagatelle», sagt Jenatsch. Von einer besseren Kennzeichnung, etwa mit einem farbigen Warnhinweis, hält der Agenturchef wenig. Der Hinweis «Photopress» in der Autorenzeile sowie die versal gesetzte Warnung «Commercial image» reichten vollauf. «Dafür verantwortlich, dass ein bestimmtes Bild in einer Zeitung erscheint oder auf eine Webseite kommt, bleibt immer noch die Redaktion oder die Bildredaktion, und nicht die Agentur», gibt der Keystone-Chef zu bedenken.
In den Augen der KritikerInnen macht es sich der Agenturchef mit dieser Argumentation zu leicht. Trojanische Bilder seien das, die den Redaktionen gezielt untergejubelt werden sollten. Tatsächlich empfiehlt Photopress seinen Kunden, die ihre Anlässe von der PR-Agentur ablichten lassen, Motive, mit denen die Chancen auf redaktionelle Verwertung steigen. «Wenn eine Firma darauf besteht, dass wir die Scheckübergabe zeigen, dann tun wir das selbstverständlich, schliesslich zahlen sie dafür. Aber wir weisen gleichzeitig darauf hin, dass es auch andere Möglichkeiten zur Inszenierung gibt», sagt Jenatsch, der in seiner Funktion als Keystone-CEO auch die Geschicke von Photopress verantwortet.
Photopress erwirtschaftet heute zehn Prozent des Umsatzes von Key­stone. Und man will mit diesem Geschäftsbereich weiterwachsen. «Wie übrigens auch mit dem Bereich Pressebild, der weiterhin unser mit Abstand stärkstes Standbein ist», präzisiert Jenatsch. Der Wunsch nach Wachstum rührt von zwei Seiten her. Zum einen stellen die beiden Besitzer Austria Presseagentur APA und Schweizerische Depeschenagentur SDA nach dem Kauf von Key­stone Ende 2007 klare Renditeforderungen. Man spricht von zehn Prozent des Jahresumsatzes. Damit wollen APA und SDA den Kaufpreis refinanzieren. Nicht zuletzt deshalb sah sich Keystone im letzten Herbst gezwungen, acht Stellen zu streichen. «Entlassungen, die eigentlich nicht nötig gewesen wären, denn Keystone ist ein gesundes Unternehmen, wären da nicht die überrissenen Forderungen von APA», sagt ein Keystone-Mitarbeiter, der seinen Namen an dieser Stelle nicht lesen will. CEO Jenatsch drückt sich etwas diplomatischer aus, bestätigt aber den Sachverhalt.
Auf der anderen Seite sieht sich Keystone von den Zeitungsverlagen mit der Forderung nach günstigeren Konditionen konfrontiert – bei gleichbleibenden Leistungsansprüchen. Ein Druck, dem die Bildagentur in der Tarifgestaltung punktuell nachgibt, aber als Gegenleistung eine langfristige Bindung der Kunden einfordert. «Ein Deal, der für beide Seiten aufgeht», kommentiert Jenatsch.

Bedürfnis nach Bewegtbildern
Dem Druck von Besitzern und Kunden kann Jenatsch auch Positives abgewinnen: «Wir müssen uns bewegen und können uns dem Strukturwandel nicht entziehen, der auch vor den Agenturen nicht Halt macht.» Deshalb bewegt sich Keystone verstärkt in Richtung Video. Im Online-Bereich besteht ein grosses, bisher nur schlecht befriedigtes Bedürfnis nach bewegten Bildern. «Wir verstehen uns nicht als Konkurrenz zum Fernsehen», sagt Jenatsch. In einem ersten Schritt dreht ein Teil der Keystone-FotografInnen am Schauplatz eines Ereignisses auch eine kurze Videosequenz, die den Sehgewohnheiten im Netz gänzlich Genüge tut. Für den Keystone-CEO steht das verstärkte Video-Engagement stellvertretend für die Strategie seines Unternehmens. Generell gehe es heute darum, «noch präziser zu schauen, was der Markt verlangt, und die entsprechenden Produkte anzubieten». Und der Markt verlangt neben Bild und Video eben auch PR-Dienstleistungen.

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