3. Mai 2010 von Helen Brügger

Operation «Montana»

Die SDA hat mitgeholfen, den Konkurrenten AP aus dem Weg zu räumen. Mehr als eine Verschnaufpause wird ihr die Monopolstellung kaum bringen.

Ende Januar gaben die Schweizerische Depeschenagentur SDA und der Deutsche Depeschendienst DDP ihre Zusammenarbeit bekannt. Als Folge davon liess DDP das zuvor akquirierte Büro von AP Schweiz fallen. Damit steht die SDA als Monopolagentur in der Schweizer Medienlandschaft. So erhofft sie sich, abgesprungene Kunden zurückzugewinnen.
Offenbar fürchtete die SDA, aus dem Markt gedrängt zu werden, und deshalb handelte sie. «Wettbewerb ist in der Regel nur in deutlich grösseren Märkten als in CH auf Dauer möglich», steht in einem internen Dokument, das KLARTEXT vorliegt. Sein Titel: «Montana, Abschied vom Sonderfall CH». Als «Sonderfall» bezeichnet die SDA die Tatsache, dass in der kleinräumigen Schweiz mehrere Agenturen tätig sind; «Montana» will diesen lästigen Zustand beenden. Das Dokument ging am 25. Januar 2010 an die Verwaltungsräte der SDA. Also zu einem Zeitpunkt, als dem Opfer der Operation, der Agentur AP, noch vorgegaukelt wurde, sie habe eine Zukunft. Das mehrsprachige Angebot verteuere den Basisdienst der SDA um jährlich drei Millionen Franken, heisst es im Dokument. AP Schweiz habe aggressivere Preisgestaltungsmöglichkeiten, weil sie diese Sprachensolidarität nicht mittragen müsse. Die Zahl der Kunden, die zwei Agenturen abonnierten, nehme stetig ab. Die Trennung zwischen Erst- und Zweitagentur verschwinde zusehends zulasten der SDA.

«War wirtschaftlich notwendig»
Nun gibt es AP nicht mehr. Doch die SDA wird nicht glücklich damit. Allenthalben hagelt es Kritik an dem Deal: Im Nationalrat wird die Schaffung des Monopols kritisiert, die Wettbewerbskommission will Genaueres wissen. «Wir haben nie eine Monopolstellung angestrebt», versichert der angegriffene SDA-Chef Bernard Maissen. Der Deal sei «eine wirtschaftliche Notwendigkeit» gewesen. Maissen findet es unglaubwürdig, «wenn die Medien sich für mehrere Agenturen starkmachen, selbst aber nur eine abonnieren». Er weist darauf hin, dass mehrere Verleger nur AP abonniert hätten, sich aber auf Internet gratis bei den SDA-Meldungen bedienen würden. Die SDA habe keine Wahl gehabt, ausser sie hätte sich auf einen langjährigen Abnützungs- und Konkurrenzkampf einlassen wollen, der bedeutende finanzielle Mittel abgezogen hätte.
Maissen betont, der Vorwurf des möglichen Missbrauchs einer Monopolstellung gehe ins Leere: «Unsere Besitzer sind die Verleger, und die sind auch unsere Kunden. Das bedeutet, dass bei uns die Kunden die Preise festlegen!» Tatsächlich stellen sieben Verleger den Verwaltungsrat der Agentur, die ihnen als gemeinsames Unternehmen gehört. Es sind dies Hans Heinrich Coninx (Tamedia), Albert Noth («Liberté»), Gérard Tschopp (SRG), Hanspeter Lebrument («Südostschweiz»), Eric Hoesli (Edipresse), Albert Stäheli (NZZ) und Matthias Hagemann (ex BaZ).
Die Angestellten der Nachrichtenagentur teilen die Argumente Maissens. Ein Mitarbeiter bezeichnet die Situation unverblümt als «wirtschaftlich notwendig, aber publizistisch Scheisse». Er ärgert sich darüber, dass nun «alle auf der SDA herumhacken». Schliesslich sei der Entscheid von den Verlegern gefällt worden, und es sei an ihnen, dafür geradezustehen. Das Problem der Verleger sei «ein rein wirtschaftliches statt publizistisches Denken». Dabei wäre es im Interesse ihrer Redaktionen, zwei Agenturen als Quellen zu haben. Nun fürchtet der Kollege politischen Druck. «Man wird uns die Monopolstellung jedes Mal um die Ohren schlagen, wenn wir aus journalistischen Gründen entscheiden, über dieses oder jenes Ereignis nicht zu berichten.»

Welsche pfeifen auf die SDA
Unter Druck geraten könnte die SDA auch anderweitig, wie ein drastisches Beispiel in der Westschweiz zeigt. Dort hat die Hersant-Gruppe mit ihren Tageszeitungen «La Côte» , «L’Impartial» und «L’Express» beschlossen, mit der von ihr seit langem umworbenen Walliser Zeitung «Le Nouvelliste» eine gemeinsame überregionale Redaktion unter einheitlicher Leitung zu schaffen, auch wenn das Projekt im Wallis auf Widerstand stösst. Mit dabei ist auch das «Journal du Jura» in Biel. Die fünf Zeitungen produzieren künftig in ihren Redaktionen nur Regionalinformationen. Noch ist nicht entschieden, ob die gemeinsame Redaktion an einem Ort zusammengezogen wird oder dezentral bleibt. Als weitere Folge dieser Kooperation verzichten die beteiligten Redaktionen auf die Dienste einer Agentur. Das SDA-Abonnement sei auf Ende Jahr gekündigt worden, bestätigt Nicolas Willemin, Chefredaktor von «L’Express». «Wir überlegen uns, das Geld in den Aufbau eines eigenen Teams für einen direkt auf unsere Bedürfnisse zugeschnittenen Dienst zu stecken, der uns Exklusives liefern kann.»

Zu wenig für die Kleinen getan
Willemin wirft der SDA vor, nicht genügend auf die Bedürfnisse von kleinen Regionalzeitungen einzugehen, sondern vor allem – unter dem Einfluss des Grossaktionärs Tamedia-Edipresse – die Bedürfnisse von Gratis- und Grosszeitungen abzudecken. «Die gros­sen Zeitungen brauchen den Basisdienst der SDA, für alles andere leisten sie sich eigene Recherchen und Analysen. Das können wir nicht.»
Willemin ist sich bewusst, dass das Projekt riskant ist, vor allem für die nationalen Nachrichten und die Nachrichten aus andern Landesteilen. Dieser Brückenschlag zwischen den Landesteilen ist eine der Kernfunktionen der SDA, den nur sie garantieren kann. Wie ernst das Westschweizer Projekt zu nehmen ist, ist deshalb schwer zu beurteilen: Handelt es sich um einen Druckversuch zur Durchsetzung von Rabatten? Oder ist es ein willkommener Vorwand, sich durch die Hintertür aus dem nationalen Kontext zu verabschieden und die nationale Info auf ein Minimum zu reduzieren?
Wie auch immer: Mit der Operation «Montana» will die SDA abtrünnige Kunden – zum Beispiel die NLZ-Gruppe sowie die «Aargauer Zeitung» – zurückgewinnen. Die Zukunftssicherung, glaubt die SDA gemäss «Montana», gelinge dadurch, «dass 100 Prozent des CH-Marktes wieder SDA-Kunden sein werden». Das könnte sich als Wunschdenken entpuppen. Denn prominente Abtrünnige sind zwar im Moment zur SDA zurückgekehrt, halten sich aber für die Zukunft alle Optionen offen. Dies bestätigen sowohl Stefan Ragaz, stellvertretender Chefredaktor der «Neuen Luzerner Zeitung», als auch Christian Dorer, Chefredaktor der «Aargauer Zeitung». Ragaz prüft verschiedene Optionen. Neben der Zusammenarbeit mit der SDA «auf der Grundlage eines neuen, auf die Bedürfnisse einer abonnierten Tageszeitung zugeschnittenen» Angebots kommt für ihn das Abonnieren einer ausländischen Nischenagentur infrage. Oder auch eine eigene Lösung, «allenfalls zusammen mit Partnerzeitungen». Wen wunderts, dass Dorer ebenfalls an Alternativen «zusammen mit anderen Zeitungen» herumdenkt.

Eine öffentlich-rechtliche SDA?
Wenn Kleinverleger keine Wahl mehr zwischen SDA und billigerer AP haben, kann sie das in finanzielle Schwierigkeiten bringen und einen Konzentrationsprozess auslösen. Oder dann macht das Beispiel aus der Westschweiz Schule: Zeitungsverlage schliessen sich zusammen und stellen in mehr oder weniger abenteuerlicher Manier eigene, agenturähnliche Dienste auf die Beine. Beide Entwicklungen können für die SDA zum Albtraum werden, weil sie Kunden verliert, statt gewinnt. Und für den Zusammenhalt zwischen den Landesteilen wäre es ein nicht absehbarer Schaden, weit dramatischer, als es bisher die Schliessung von SDA-Büros in der Westschweiz war.
In diesem Kontext gewinnt ein Vorstoss von SP-Nationalrat Hans-Jürg Fehr an Bedeutung. Der frühere Verleger der «Schaffhauser AZ» schlägt in einer Interpellation an den Bundesrat vor, aus der SDA «ein Element des publizistischen Service public» zu machen, sie in ein «öffentlich-rechtliches Unternehmen mit staatlicher Konzession» zu verwandeln und mit einem erweiterten Leistungsauftrag zu versehen. Hans-Jürg Fehr geht mit Nicolas Willemin einig, dass die SDA für Klein- und Regionalzeitungen mehr bieten muss. Ein erweiterter Leistungsauftrag könne etwa bedeuten, dass die SDA JournalistInnen ausbilde oder einen Pool von investigativen JournalistInnen aufbaue, der im Auftrag der «Kleinen» recherchiere. «Ich weiss aus eigener Erfahrung, wie viele heisse Storys in einer Region nie zustande kommen, weil die Recherchen als zu aufwendig eingeschätzt werden», sagt Fehr.
Könnte die Zukunft der SDA in einer Konzession ähnlich der SRG und einem Service-public-Auftrag liegen? Maissen zeigt sich offen für die Idee, weil die Agentur mit ihrem mehrsprachigen Dienst bereits Service-public-Leistungen erbringe, die der Markt nicht trage. «Was ich allerdings nicht will, ist ein Aktionär Eidgenossenschaft, der uns inhaltlich dreinredet!»
Durch den «Abschied vom Sonderfall» allein ist die SDA jedenfalls noch nicht aus dem Schneider. Auch die vorgesehene Kapitalerhöhung muss erst noch finanziert werden. Sie kostet gemäss «Montana» die Kleinigkeit von acht Millionen.

3. Mai 2010 von Nick Lüthi

Keystone: Mehr als nur Bilder

Keystone ist auch eine PR-Agentur – ein nicht unproblematisches Geschäftsmodell. Reibungsloser funktioniert die Expansion in den Video-Bereich.

Nur wer sich wandelt, überlebt. Ein Motto, das sich derzeit manches Me­dienunternehmen zu eigen macht und entsprechend handelt. So auch Key­stone. Neben ihrem Stammgeschäft positioniert sich die nationale Bildagentur verstärkt im PR-Bereich. Ihr bisher auf PR-Bilder spezialisiertes Tochterunternehmen Photopress berät neu Firmen und Privatpersonen in Kommunikationsangelegenheiten.
Unabhängiger Bildjournalismus und Public Relations unter demselben Dach können sich durchaus vertragen. Allerdings gibt es Schnittstellen, die Befürchtungen wecken. So vertreibt Keystone Bilder ihrer PR-Tochter Photopress zusammen mit den Pressebildern über ihren Newsdienst. Deshalb ist der JournalistInnenverband Impressum im Februar mit einer Beschwerde an den Presserat gelangt: Das Geschäftsmodell verunmögliche es dem Publikum, «die Glaubwürdigkeit der Information einzuschätzen». Der Entscheid des Presserats steht noch aus. Eine Recherche der Freiburger Tageszeitung «La Liberté» hatte dieses Vorgehen der nationalen Bildagentur prominent problematisiert. Konkret ging es um Aufnahmen vom Ski-Weltcup in Cortina. Ein freier Fotograf war im Auftrag von Photopress unterwegs, den Weltcup-Sponsor Emmi vorteilhaft ins Bild zu rücken. Diese PR-Aufnahmen hat Keystone dann zusammen mit den journalistisch motivierten Sportsujets über Satellit seinen Kunden in die Redaktionen gesandt.

Wer trägt die Verantwortung?
Keystone-Geschäftsführer Jann Jenatsch versteht die Empörung um die Werbebilder nicht. Er findet die Beschwerde geradezu kleinlich angesichts der Tatsache, wie leichtfertig heute Bildredaktionen PR-Bilder oder sogenannte Handouts im redaktionellen Teil zeigen. «Dagegen sind die Photopress-Bilder, zumal sie klar als solche gekennzeichnet sind, geradezu eine Bagatelle», sagt Jenatsch. Von einer besseren Kennzeichnung, etwa mit einem farbigen Warnhinweis, hält der Agenturchef wenig. Der Hinweis «Photopress» in der Autorenzeile sowie die versal gesetzte Warnung «Commercial image» reichten vollauf. «Dafür verantwortlich, dass ein bestimmtes Bild in einer Zeitung erscheint oder auf eine Webseite kommt, bleibt immer noch die Redaktion oder die Bildredaktion, und nicht die Agentur», gibt der Keystone-Chef zu bedenken.
In den Augen der KritikerInnen macht es sich der Agenturchef mit dieser Argumentation zu leicht. Trojanische Bilder seien das, die den Redaktionen gezielt untergejubelt werden sollten. Tatsächlich empfiehlt Photopress seinen Kunden, die ihre Anlässe von der PR-Agentur ablichten lassen, Motive, mit denen die Chancen auf redaktionelle Verwertung steigen. «Wenn eine Firma darauf besteht, dass wir die Scheckübergabe zeigen, dann tun wir das selbstverständlich, schliesslich zahlen sie dafür. Aber wir weisen gleichzeitig darauf hin, dass es auch andere Möglichkeiten zur Inszenierung gibt», sagt Jenatsch, der in seiner Funktion als Keystone-CEO auch die Geschicke von Photopress verantwortet.
Photopress erwirtschaftet heute zehn Prozent des Umsatzes von Key­stone. Und man will mit diesem Geschäftsbereich weiterwachsen. «Wie übrigens auch mit dem Bereich Pressebild, der weiterhin unser mit Abstand stärkstes Standbein ist», präzisiert Jenatsch. Der Wunsch nach Wachstum rührt von zwei Seiten her. Zum einen stellen die beiden Besitzer Austria Presseagentur APA und Schweizerische Depeschenagentur SDA nach dem Kauf von Key­stone Ende 2007 klare Renditeforderungen. Man spricht von zehn Prozent des Jahresumsatzes. Damit wollen APA und SDA den Kaufpreis refinanzieren. Nicht zuletzt deshalb sah sich Keystone im letzten Herbst gezwungen, acht Stellen zu streichen. «Entlassungen, die eigentlich nicht nötig gewesen wären, denn Keystone ist ein gesundes Unternehmen, wären da nicht die überrissenen Forderungen von APA», sagt ein Keystone-Mitarbeiter, der seinen Namen an dieser Stelle nicht lesen will. CEO Jenatsch drückt sich etwas diplomatischer aus, bestätigt aber den Sachverhalt.
Auf der anderen Seite sieht sich Keystone von den Zeitungsverlagen mit der Forderung nach günstigeren Konditionen konfrontiert – bei gleichbleibenden Leistungsansprüchen. Ein Druck, dem die Bildagentur in der Tarifgestaltung punktuell nachgibt, aber als Gegenleistung eine langfristige Bindung der Kunden einfordert. «Ein Deal, der für beide Seiten aufgeht», kommentiert Jenatsch.

Bedürfnis nach Bewegtbildern
Dem Druck von Besitzern und Kunden kann Jenatsch auch Positives abgewinnen: «Wir müssen uns bewegen und können uns dem Strukturwandel nicht entziehen, der auch vor den Agenturen nicht Halt macht.» Deshalb bewegt sich Keystone verstärkt in Richtung Video. Im Online-Bereich besteht ein grosses, bisher nur schlecht befriedigtes Bedürfnis nach bewegten Bildern. «Wir verstehen uns nicht als Konkurrenz zum Fernsehen», sagt Jenatsch. In einem ersten Schritt dreht ein Teil der Keystone-FotografInnen am Schauplatz eines Ereignisses auch eine kurze Videosequenz, die den Sehgewohnheiten im Netz gänzlich Genüge tut. Für den Keystone-CEO steht das verstärkte Video-Engagement stellvertretend für die Strategie seines Unternehmens. Generell gehe es heute darum, «noch präziser zu schauen, was der Markt verlangt, und die entsprechenden Produkte anzubieten». Und der Markt verlangt neben Bild und Video eben auch PR-Dienstleistungen.

16. November 2009 von Klartext

Sie schreibt und schreibt und schreibt

Bild: Marc Latzel

Bild: Marc Latzel

Auch elf Jahre nach ihrer Pensionierung strotzt Margrit Sprecher vor Schaffensdrang. Trotzdem, sagt sie, falle ihr das Schreiben bis heute nicht leicht. Jungen KollegInnen empfiehlt sie, sich zu spezialisieren.

KLARTEXT: Sie sind eben von einem längeren Aufenthalt aus Irland zurückgekommen – waren Sie in den Ferien oder haben Sie gearbeitet?
Margrit Sprecher: Ich habe als Ghostwriterin gearbeitet. Das Buch, eine Biografie, wird ohne meinen Namen erscheinen. Ich habe es sehr genossen, zur Abwechslung nicht eine eigene Arbeit zu schreiben, sondern bei einem fremden Werk die anonyme Hebamme zu spielen. Dazu kamen noch ein paar kleinere Artikel.

KT: Arbeiten Sie eigentlich gleich viel wie früher, als Sie Redaktorin waren?
Sprecher: Beinahe, denn es gibt nichts Spannenderes. Das Schreiben selbst ist zwar eine Höllenqual, und die Mühe wird auch nach vielen Berufsjahren nicht kleiner, im Gegenteil. Aber in unserem Beruf können wir in jedes Milieu eintauchen, das uns interessiert, alles aus erster Hand erfahren und jeden Menschen, von dem wir schon immer wissen wollten, wie er wirklich ist, kennenlernen und Fragen stellen, die wir uns als Privatpersonen nie zu stellen trauten. Und schliesslich können wir wieder gehen und haben nichts mehr mit diesem Menschen zu tun.

KT: Das ist auch eine gewisse Oberflächlichkeit.
Sprecher: Diese Oberflächlichkeit gibt es natürlich. Wobei die Oberfläche, wenn sie präzis ausgeleuchtet ist, natürlich auch ihren Reiz hat. Wir müssen uns wohl an solche Momentaufnahmen gewöhnen, denn mehr als eine Stunde Zeit für ein Interview bekommen wir kaum mehr – manchmal sind es sogar nur zwanzig Minuten. Früher standen uns die Interview­partner oft einen ganzen Tag oder noch länger zur Verfügung. Dieser Luxus verführte mich anfangs dazu, mich völlig unvorbereitet in ein Interview zu stürzen. Nach dem Motto: Irgendwas wird schon herauskommen. Oft klappte das sogar. Man konnte das Gespräch ohne Fragenkatalog fliessen lassen, wo immer es hinwollte, und entdeckte ganz neue Seiten an Prominenten. Heute ist das nicht mehr möglich, heute musst du schon in der ersten Minute wissen, was du willst und wohin du willst.

KT: Journalismus ist vergänglich. Hat es Sie nie gereizt, Literatur zu schreiben?
Sprecher: Ich liebe Vergängliches. Journalismus sollte Journalismus bleiben. Wir sind keine verkannten Schriftsteller, wir schreiben für den Tag. Deshalb finde ich es auch problematisch, wenn Reportagen in Büchern erscheinen. Häufig sieht man erst dann, wie zeitgebunden sie sind.

KT: Aber in letzter Zeit sind zwei Bücher von Ihnen erschienen.
Sprecher: Es waren eigentlich zwei grosse Reportagen, deren Umfang jedes Magazinformat gesprengt hätte. Die Idee zum SVP-Buch stammte vom Fotografen Fabian Biasio. Wir wollten jenes Drittel der Schweizer porträtieren, das SVP wählt und das niemand wirklich kennt. Stets ist nur von Blocher, Mörgeli, Brunner die Rede. Wie aber sieht das Fussvolk aus? Was bewegt die Leute, in diese Partei einzutreten? Wir sind in der ganzen Schweiz herumgereist, ohne Auto notabene, von Wohnung zu Häuschen, von Essecke zu Essecke – alle SVPler haben Essecken und eine Schale mit Obst auf dem Tisch. Wir haben entdeckt, dass viele ein persönliches Erlebnis in die Partei getrieben hat: Sie fanden vielleicht eine Busse ungerecht oder verloren vor Gericht einen Prozess. Sie heirateten eine Ausländerin, die sich scheiden liess, oder wurden von einem Invaliden ausgetrickst. Und sehr viele SVPler suchen schlicht die Wärme einer Familie: In dieser Partei bleibt niemand allein, wie in einer Sekte. Man verbringt gemeinsam den Sonntag, isst und trinkt gut und reichlich miteinander, und kranke Parteimitglieder werden im Spital besucht. Alle waren entsetzlich nett zu uns und haben uns «B’haltis» mitgegeben für den langen Weg zurück in die Stadt. Das machte es nachher, beim Schreiben, schwierig, wieder die nötige Distanz zu finden.

KT: Haben Sie mit den Leuten auch politisch diskutiert?
Sprecher: Dann hätte ich fünfzig Mal das gleiche Interview mit den gleichen Argumenten und Gegenargumenten schreiben müssen – eine eher öde Sache. Wir machten ihnen von Anfang an klar, dass es uns um sie persönlich geht, dass sie sich so darstellen können, wie sie sich selbst sehen, und dass sie ihr Porträt lesen und korrigieren können. Das war schon deshalb nötig, weil die meisten uns gegenüber zuerst sehr misstrauisch eingestellt waren. Ein SVP-Mitglied empfindet die Schweizer Medien als durchwegs links und feindlich. Auf die gleiche Weise gehe ich übrigens auch an meine andern Interviews heran: Ich bin nur der Spiegel, der das Bild wiedergibt, das mein Interviewpartner von sich selbst hat.

KT: Sie haben ja in Ihrem letzten Buch DRS 2 gespiegelt. Das gab einen ziemlichen Aufruhr. Würden Sie das Buch auch heute noch schreiben?
Sprecher: Die Folgen stören mich überhaupt nicht – lieber solche als gar keine. Und eigentlich zeigt der Wirbel ja nur, dass es mir gelungen ist zu zeigen, was ich zeigen wollte: die unheilvolle Wechselwirkung zwischen DRS 2 und seinem Publikum. Wie die Radiocrew, überspitzt gesagt, in die erpresserischen Fänge ihrer Hörerschaft geraten ist und viel Geld dafür ausgibt, deren Geschmack und Bedürfnisse zu befriedigen. Trotzdem würde ich das Buch nicht mehr schreiben: Ein Jahr meines Lebens in dieses Projekt zu investieren, das war zu viel Aufwand.

KT: Sie haben ja ausser über DRS 2 in letzter Zeit auch sonst viel über Medien geschrieben, etwa zwei grosse Porträts von Martin Kall und Hans­peter Lebrument.
Sprecher: Das ist reiner Zufall. Ich plane nichts. Wenn ein Thema auf mich zukommt und mich inte­ressiert, dann mache ich es. Beim DRS-2-Buch freilich schlug ich erst etliche Kolleginnen und Kollegen vor, die mir geeigneter schienen, denn ich verstehe nichts von Radio. Doch es war, so sagte man mir, just mein Blick von aussen, der sie interessierte. Kall und Lebrument habe ich porträtiert, weil ich Mit-Herausgeberin des «Schweizer Journalist» bin und denke, als Herausgeberin muss man einmal im Jahr selbst einen Artikel schreiben.

KT: Müssen Sie?
Sprecher: Nein, natürlich nicht. Aber ich kann mir meine Interviewpartner selbst aussuchen, und das macht es spannend. Kall interessierte mich, weil es in den Archiven praktisch nichts über ihn gibt. Während des Interviews – auch nur eine Stunde – hatte er einen Stapel von ausgedruckten Papieren vor sich liegen, in denen alles über mich stand. Und ich hatte nichts über ihn (lacht). Das Lebrument-Porträt zu schreiben, war für mich als Bündnerin natürlich ein besonderes Vergnügen.

KT: War es einfach?
Sprecher: Wie alle Patriarchen ist Lebrument so von sich selbst überzeugt, dass er glaubt, man könne ihn gar nicht unvorteilhaft darstellen. Ausserdem ist er es gewöhnt, dass die Leute das schreiben, was ihm passt. Als ihn Kollegen später auf mein Porträt ansprachen, behauptete er, er habe es gar nicht gelesen.

KT: Ihre erste Stelle als Journalistin hatten Sie bei der «Elle», dann kamen Sie zur «Weltwoche», wo Sie unbedingt arbeiten wollten. Wofür stand die «Weltwoche» damals?
Sprecher: Sie stand für mich vor allem für das Weltläufige, Liberale. Bei einer Frauenzeitschrift sind die Themen naturgemäss eng gesteckt. Bei der «Weltwoche» wurde die ganze Welt zur Bühne. Wer hier schrieb, wurde ernst genommen und nicht nur unter der Coiffeurhaube gelesen.

KT: Sie sind dort in eine Männergesellschaft gekommen und mussten das neue Ressort «Leben heute», das Sie leiteten, verteidigen. Wie haben Sie erreicht, was Sie sich gewünscht haben?
Sprecher: Es war wirklich eine reine Männerzeitung, und als Frau konnte ich praktisch unter dem Radar durchschlüpfen. Ich bin gar nie richtig ins Visier vom damaligen Chefredaktor Hans O. Staub geraten, das war mein Glück. Freilich kam ich auch hier von den Frauenthemen nicht los. Denn geholt hatte man mich, weil die «Weltwoche» damals kaum Leserinnen hatte und das Blatt einen Bund brauchte, der speziell den weiblichen Geschmack bediente – weiche Themen, ein bisschen Mode, ein bisschen Kochen, dazu Gesellschaft. Weil die Chefredaktion vermutlich unsern Bund gar nie richtig las, entwickelten wir ziemlich rasch ein Eigenleben nach unserem Geschmack.

KT: Ressortleiterin war die einzige Leitungsfunktion, die Sie je hatten. Weshalb?
Sprecher: Ich wollte nie eine Leitungsfunktion haben, sondern immer auf der Macherseite bleiben. Ein Ressort mit vier Leuten wie bei «Leben heute» war eine ideale Grösse. Ein Ressortleiter hat ungefähr die gleiche Stellung wie der Korporal im Militär: Er hat sein eigenes Schlafzimmer, muss nicht im Mannschaftsraum schlafen, hat eine gewisse Freiheit, ist aber doch nicht verantwortlich fürs Ganze. Wir arbeiteten damals mit vielen freien Mitarbeitern. Etliche heutige Stars schrieben damals ihren ersten Artikel bei uns. Das war schön.

KT: Während Ihrer «Weltwoche»-Zeit wurden Sie auch als Gerichtsreporterin bekannt. Was hat Sie an der Gerichtsberichterstattung gereizt?
Sprecher: Es ist die bequemste journalistische Form, die man sich denken kann: Man erhält alles Wissenswerte in der Anklageschrift geliefert, sitzt komfortabel in der ersten Reihe, muss keine Fragen stellen, und der Angeklagte entblättert sich von allein. Mehr Drama in so kurzer Zeit gibt es nirgendwo. Vor allem aber hat mich die Gerichtsberichterstattung interessiert, weil es sie vor zwanzig Jahren gar nicht gab. Die Gerichtsreporter schrieben mehr oder weniger die Anklageschrift des Staatsanwalts ab und stellten das Urteil dazu. Meine Ambition war, zu zeigen, dass sich der Angeklagte oder die Angeklagte nicht gross von uns Nichtkriminellen unterscheidet. Vielfach hatten sie nur das Pech, in eine falsche Familie hineingeboren zu sein und zur falschen Zeit am falschen Ort zu stehen. Ich habe die Gerichtsberichterstattung als Sozialkritik empfunden.

KT: Sie haben sehr lange bei der «Weltwoche» gearbeitet, nach der Pensionierung dann als freie Mitarbeiterin. Vor vier Jahren machten Sie einen klaren Schnitt und sagten: «Für ein SVP-Parteiblatt schreibe ich nicht mehr.» Dennoch sind seither Texte von Ihnen in der «Weltwoche» erschienen.
Sprecher: Das Porträt von Martin Kall, das in der «Weltwoche» erschienen ist, haben sie aus dem «Schweizer Journalist» übernommen. Und ich pflege keine Feindschaft zur «Weltwoche». Im Gegenteil, ich bewundere Roger Köppel: Die Leserzahlen sinken, und er bleibt bei seinem Kurs.

KT: Was bedeuten Ihnen die vielen Preise und Auszeichnungen, mit denen Ihre Arbeit im Laufe des Berufslebens honoriert wurde?
Sprecher: Nach jeder Preisverleihung stand ich unter einem Bestätigungsdruck, der sich leider auch in Schreibhemmungen ausdrückte: Bin ich noch so gut wie im prämierten Text? Dabei weiss ich selbst nur zu gut aus den Jurys, in denen ich mitmache, dass keinesfalls immer der beste Text gewinnt und dass sehr viel Zufall mitspielt, ob jemand einen Preis bekommt oder nicht. Das Lob ist also relativ, weshalb man sich nicht allzu viele Gedanken darüber machen sollte.

KT: Sie sind Jury-Mitglied des Zürcher Journalistenpreises. Da gab es eine Kontroverse um Da­niel Hug und Charlotte Jacquemart von der «NZZ am Sonntag», die 2007 für ihre Recherchen im Fall Thomas Matter/Swissfirst ausgezeichnet wurden. Aufgrund heutiger Erkenntnisse würden die beiden wohl nicht mehr prämiert. Sollte man ihnen den Preis aberkennen?
Sprecher: Diese Frage ist ganz schwierig zu beantworten. Grundsätzlich gilt: Die Jury kann nicht jeden der rund 200 eingereichten Artikel von einem Anwalt juristisch auf seine Hieb- und Stichfestigkeit prüfen lassen. In diesem konkreten Fall verliessen wir uns zudem darauf, dass es sich um einen NZZ-Text handelte, deren Wirtschaftsteil für seine Seriosität bekannt ist. Viel schlimmer aber als einen womöglich zu Unrecht behaltenen Preis finde ich die Folgen für die Jury. In Zukunft wird sie grössere Zurückhaltung bei brisanten Themen zeigen, um spätere Schwierigkeiten zu vermeiden. So droht die Gefahr, dass der Mut investigativer Journalisten nicht mehr in jedem Fall belohnt wird.

KT: Ihre Texte erscheinen heute in der «Zeit», im «NZZ Folio», im «Bund» oder in der WOZ: Bieten Sie die Texte an oder erhalten Sie Aufträge?
Sprecher: Die Redaktionen kommen auf mich zu. Manchmal mit einem vorgegebenen Thema wie eben das «NZZ-Folio», das für sein «Lehrling»-Heft einen Lehrling suchte, der es auch ohne Hochschulstudium ganz nach oben geschafft hat. So entstand das Porträt von Philippe Gaydoul. Häufiger kommt die Frage: Schreibst du wieder mal was für uns? Dann liegt es an mir, ein Thema zu suchen. Das ist nicht nur ein Vorteil. Denn wenn man schon so lange im Beruf ist wie ich, hat man fast alle Themen schon mal gemacht und das Gefühl des «déjà lu» überkommt einen leicht.

KT: Sie sind privilegiert. Junge Kolleginnen und Kollegen, die im freien Journalismus Fuss fassen wollen, hören von Redaktionen nur noch, dass kein Geld vorhanden sei.
Sprecher: Wir sind zur Austauschware geworden. Es ist entwürdigend, wie mit den Jungen umgegangen wird. Ihre Artikel werden zusammengestrichen oder, noch schlimmer, der bestellte Text erscheint nie und wird auch nicht bezahlt. Das beschädigt das Wichtigste, das man in unserem Beruf haben muss: Selbstvertrauen. Der beste Ratschlag, den ich jungen Kolleginnen und Kollegen geben kann: Versucht euch zu spezialisieren, auf irgendeinem Gebiet Fachmann oder Fachfrau zu werden, wo ihr nicht so leicht eliminiert werden könnt.

KT: Sie selbst sind aber Allrounderin geblieben.
Sprecher: Ich habe mich über die Formen spezialisiert, mit Porträts und Reportagen. Bei den Themen habe ich mich nie festgelegt. Man hat einfach mehr vom Beruf, er wird spannender, wenn man heute ins CERN nach Genf gehen kann, morgen zu einem Sexualforscher und übermorgen an eine Bundesratswahl. Dagegen kann ich keine Leitartikel schreiben und tue mich wahnsinnig schwer mit Kolumnen. Ich brauche den Anstoss von aussen, muss etwas sehen, damit mir etwas dazu einfällt.

KT: Gibt es ein Thema, über das Sie gerne und mit Herzblut schreiben?
Sprecher: Ja, über die Palästinenser. Aber solche Geschichten kann man heute nirgendwo unterbringen, die Angst der Zeitungen, als antisemitisch zu gelten, ist zu gross. Zwei, drei Mal habe ich über Bauern im Westjordanland geschrieben und auch bei ihnen gewohnt. Ich habe mitverfolgt, wie die Bagger der israelischen Besatzungsmacht ihre Olivenbäume umwarfen und die Mauer, die sie von ihren Orangenhainen trennte, immer höher wurde. Die Israeli öffnen das Tor zum Bewässern oder Ernten höchstens einmal in der Woche und sagen nie im Voraus, wann.

KT: Woher kommt Ihr Interesse an diesem Thema?
Sprecher: Wenn ich Zeugin derartigen Unrechts werde, wenn ich sehe, wie ein Volk systematisch gedemütigt und schikaniert wird …

KT: Das gibt es auch anderswo auf der Welt. Die Palästinenser sind nicht die einzigen unterdrückten Menschen.
Sprecher: Natürlich, aber der ganze Kulturkreis ist uns so nahe. In Israel leben Leute wie wir, viele kommen aus Europa, teilen unser Gedankengut. Israel ist eine Demokratie. Deshalb stört mich das umso mehr.

KT: Sie haben Ihre ersten Artikel auf der Schreibmaschine geschrieben, heute arbeiten Sie mit Computer und Internet. Was ist dabei die grösste Veränderung?
Sprecher: Es ist natürlich wunderbar, dass man heute in Sekundenschnelle Textblöcke verschieben und korrigieren kann. Andererseits: Jeder am Computer geschriebene Text sieht so tadellos und glatt aus, dass du denkst, er sei auch tadellos. Zum Recherchieren geh ich aber praktisch nie ins Netz. Was ich dort finde, ist mir irgendwie zu durchgekaut.

9. November 2009 von Nick Lüthi

«Fast wie Parasiten»

Zerrbild oder Realität?

Zerrbild oder Realiät?

Das Publikum verliert das Vertrauen in die JournalistInnen, weil es kein Bild davon hat, was Journalismus genau ist und was nicht.

Wer sich als Journalist outet in einem Kreis von Menschen, die selbst nicht in den Medien tätig sind, darf weder mit Bewunderung noch mit Wertschätzung für seinen Berufsstand rechnen. Keine Respektbezeugung für den uneigennützigen Aufklärer im Dienste von Gesellschaft und Demokratie. Höchstens ein knappes Aha – so einer bist du also, ein Wahrheitsverdreher. «Voreingenommen, faul, grössenwahnsinnig und mässig schlau» seien 96 Prozent der JournalistInnen, twitterte die Schriftstellerin Sibylle Berg unlängst und nannte damit die wichtigsten Vorurteile beim Namen. Mit «schlecht gekleidet» und «dem Alkohol zugeneigt» liesse sich das Sündenregister weiter ergänzen. Wagt es ein Journalist dann noch, um Verständnis zu werben für die schwierigen Umstände, in denen sich die Branche und speziell die Medienschaffenden heute befinden, reizt dies den gemeinen Medienkonsumenten erst recht: Bequemes Pack, geschieht denen nur recht, und weshalb bitte sollte es ausgerechnet den verwöhnten, gut verdienenden JournalistInnen besser ergehen als anderen Berufsleuten, die unter der Wirtschaftskrise leiden? Etwas weniger emotional, aber deswegen nicht minder grundsätzlich, kann die Kritik, wie kürzlich gehört, so lauten: «Journalisten mag ich nicht. Die sind irgendwie so passiv. Ein Manager ist aktiv, der tut etwas. Journalisten dagegen leben von anderen, beobachten sie nur und tun selber nichts. Fast wie Parasiten.» – Den bedenklichen Befund gibts nicht nur als Ansammlung spontaner und zufällig aufgeschnappter Äusserungen, sondern auch schwarz auf weiss und in Zahlenform.

Keine Chance gegen Piloten
Dass es mit dem Vertrauen der Bevölkerung in die Berufsgruppe der JournalistInnen tatsächlich nicht weit her ist, zeigt seit acht Jahren die europaweit durchgeführte Konsumentenstudie von Reader’s Digest. Über 70 Prozent der rund tausend befragten SchweizerInnen bringen den JournalistInnen gar kein oder nur geringes Vertrauen entgegen, wie die Untersuchung in diesem Jahr ergab. Damit liegen sie auf dem wenig schmeichelhaften Platz 15 von insgesamt 19 abgefragten Berufsgruppen. Obenaus schwingen die Piloten, sie haben auf dem Spitzenplatz die Feuerwehrleute abgelöst.
Für die Schweizer JournalistInnen gibt es immerhin zweierlei Trost. Erstens liegen sie mit ihren schwachen Vertrauenswerten immer noch leicht über dem Durchschnitt ihrer KollegInnen in anderen Ländern Europas, zweitens befinden sich hinter ihnen auf der Liste noch die FinanzberaterInnen, AutoverkäuferInnen, Fussballer und PolitikerInnen. Zudem sind die Aussagen insofern mit Vorsicht zu geniessen, als dass die obsiegenden Piloten, Feuerwehrleute und ÄrztInnen den Menschen meist sehr direkt erfahrbar Gutes tun, während JournalistInnen in der Regel nur indirekt – medial vermittelt eben – den Zugang zum Publikum finden.
Was diese tiefen Vertrauenswerte­ bedeuten, wird erst klar, wenn zusätzlich auch noch die Erwartungen der Bevölkerung an den Journalismus erfasst werden. Bei keiner andern Berufsgruppe sind die Erwartungen im Verhältnis so hoch und das Vertrauen­ so gering. Mit fatalen Konsequenzen: «Aus Sicht der Bürger wird der Journalismus seiner gesellschaftlichen Rolle nicht hinreichend gerecht und enttäuscht die Bevölkerung in ihren Erwartungen erheblich.» Zu diesem Befund kommen Wolfgang Donsbach von der Uni Dresden und seine MitautorInnen in der aktuellen Studie «Entzauberung eines Berufs. Was die Deutschen vom Journalismus erwarten und wie sie enttäuscht werden». Die Befunde der Studie sind insgesamt besorgniserregend und dürften in ähnlichem Masse auch auf die Verhältnisse in der Schweiz zutreffen.
Enttäuscht zeigen sich die Befragten vor allem von den Tugenden und Charaktereigenschaften der JournalistInnen. Man wünscht sich Fleiss und Ehrgeiz, Toleranz, Rücksichtnahme, Unabhängigkeit in den Redaktionsstuben. Stattdessen findet eine Mehrheit, wie Donsbach zugespitzt formuliert, JournalistInnen seien «zugunsten der eigenen Interes­sen gegenüber anderen rücksichtslos und egozentrisch und haben damit viel mehr Macht, als ihnen eigentlich zusteht». So verwundert es denn auch nicht, wenn eine Mehrheit der Befragten JournalistInnen für mächtiger als PolitikerInnen hält und das wiederum nicht gut findet.

Das Problem hat einen Namen: Medienverdrossenheit
Sicher, Medienschaffende eignen sich ideal als Blitzableiter. Schon in der Antike galt: Der Überbringer schlechter Nachrichten wird geköpft. Gründe für die vernichtenden Reaktionen sind auf zwei Seiten zu suchen. Zum einen hat das Publikum wenig Ahnung davon, wie der Medienbetrieb funktioniert. Das fördert Vorurteile und Zerrbilder. Ein Grund für die aktuelle Vertrauenskrise sei der Umstand, «dass es der Bevölkerung mittlerweile an einer klaren Vorstellung fehlt, was Journalismus ist und was nicht», liess sich Professor Donsbach bei Veröffentlichung der Studie im vergangenen Mai zitieren. Zum anderen tragen JournalistInnen mit ihrer täglichen Arbeit selbst zum negativen Image bei. Unethisches Verhalten, sei es bei der Darstellung von Opfern, dem fehlenden Respekt vor der Privatsphäre, aber auch der Hang zu Boulevard, wo doch das Publikum «mehr sachliche Substanz verlangt», prägen das negative Image der JournalistInnen.
Was tun? Wolfgang Donsbach sieht an zentraler Stelle eine Medienverdrossenheit, die als solche benannt und erkannt werden soll, nicht anders als bei der Politikverdrossenheit. Gegensteuer geben sollen die Redaktionen, die nicht alle Gemeinplätze über die Sensationsgier des Publikums glauben sollten. Weiter, so Donsbach, seien Schulen und LehrerInnen gefordert, die einen wichtigen Beitrag zur Mediensozialisation leisten könnten. Und last, but not least sei der Medienjournalismus gefragt, «der bisher in der Branche noch recht stiefmütterlich behandelt wird».

Wolfgang Donsbach et al.: «Entzauberung eines Berufs. Was die Deutschen vom Journalismus erwarten und wie sie enttäuscht werden». UVK Konstanz, 2009.

9. November 2009 von Bettina Büsser

Journalisten in der Schweiz: Klima-Problem

JournalistInnen in der Schweiz finden ihre Arbeit abwechslungsreich. In der Regel verdienen sie gut – trotzdem sind sie unzufrieden.

Wer genau sind eigentlich die Journalistinnen und Journalisten in der Schweiz, was tun sie und warum? Eine noch unveröffentlichte Studie* gibt Auskunft. Mitautor Vinzenz Wyss hat KLARTEXT einen ersten Blick in die Ergebnisse gewährt. Da dieselbe Umfrage schon vor zehn Jahren durchgeführt wurde, lassen sich auch Vergleiche auf der Zeitachse anstellen. «Sehr stabil», ist Wyss’ Hauptfazit. Doch dort, wo sich Veränderungen zeigen, gibt es dafür interessante Erklärungen. Etwa beim Alter: Die JournalistInnen sind älter geworden. Vor zehn Jahren waren die meisten 31 bis 35 Jahre alt, heute 36 bis 40. Wyss erklärt das so: «Früher hatten die Leute, die in die PR gingen, einen journalistischen Hintergrund. In der politischen PR ist das noch so, in der Wirtschafts-PR hingegen braucht es sie nicht mehr, sie sind zu kritisch, zu wenig anpassungsfähig. So ist ein Weg, der vom Journalismus wegführt, versperrt, die Leute bleiben im Journalismus.»
Nach wie vor arbeitet eine Mehrheit der JournalistInnen für Zeitungen und Zeitschriften. Und weiterhin ist eine deutliche Mehrheit der Berufsleute männlich; der Frauenanteil liegt knapp über einem Drittel. Klassisch sind die Arbeitsbereiche: In Tages- und Lokalzeitungen, wo vor allem Politik, Wirtschaft und Sport wichtig sind, liegt der Frauenanteil unter dem Durchschnitt. In Wochen- und Sonntagszeitungen, Illustrierten und Zeitschriften hingegen ist er überdurchschnittlich; hier geht es ja zusätzlich um Unterhaltung, People und Lifestyle. «Die Klischeevorstellungen werden schön bestätigt», findet Wyss. Bei den SRG-Sendern hingegen liegen die Frauenanteile über dem Durchschnitt, denn die SRG hat sich selbst eine Frauenquote verordnet.
Fast die Hälfte der JournalistInnen verfügt über einen akademischen Abschluss, allerdings nicht unbedingt auf einem naheliegenden Gebiet wie Publizistik oder Medienwissenschaft. Irgendeine journalistische Ausbildung – von Praktikum bis Hochschule – haben mehr als 80 Prozent der Befragten absolviert. Fast jeder sechste Medienschaffende hat sich das nötige Fachwissen autodidaktisch «on the job» angeeignet. Auffällig auch: Die Zahl derjenigen, die über ein Volontariat in den Beruf eingestiegen sind, nahm im Vergleich zur letzten Studie ab. «Es ist offenbar weniger klar, dass es Plätze in Medienunternehmen gibt, wo Leute den Beruf in der Praxis lernen können», kommentiert Wyss. «Das sehe ich als Deprofessionalisierung.»

Wenig Zeit für Recherche
Die meisten der Befragten verdienten zwischen 4000 und 8000 Franken im Monat. Allerdings wurden die Daten der aktuellen Studie vor der Wirtschaftskrise erhoben; wahrscheinlich sieht die Lohnstatistik heute anders aus. Anders als vor der Krise würden heute vermutlich auch die Antworten zur Berufszufriedenheit ausfallen – obwohl bereits bei der Befragung, die Ende 2007 und Anfang 2008 durchgeführt wurde, rund 40 Prozent der Befragten angaben, sie seien unzufrieden mit der Arbeitsplatzsicherheit. Diese Zahl dürfte nach den Entlassungen in nahezu jedem Medienunternehmen weiter gestiegen sein. Als «abwechslungsreich» bezeichneten fast alle Befragten ihren Beruf, doch fast ein Drittel war unzufrieden mit der Zeit, die für Recherchen bleibt. Und: Zwei Drittel der Befragten zeigten sich bereits vor fast zwei Jahren «unzufrieden» mit dem «Klima in der Medienbranche».
Das Berufsverständnis ist über die Jahre stabil geblieben: Eine gros­se Mehrheit der JournalistInnen sieht sich weiterhin als neutrale BerichterstatterInnen. Eine etwas kleinere Gruppe sieht sich als AnalytikerIn, KritikerIn und KommentatorIn. Weniger genannt werden publikumsorientierte Rollen wie RatgeberIn, DienstleisterIn und AnimatorIn. Ganz am Ende stehen ökonomische Rollenbilder wie InformationsunternehmerIn, VermarkterIn. «Als ‹Vermarkter› benennen sich nur Gratiszeitungs-Journalisten», merkt Wyss an.
Ähnlich sieht es auch bei der Frage aus, wovon sich JournalistInnen beeinflussen lassen. Am häufigsten genannt werden Einflüsse wie die eigenen Vorstellungen über Journalismus, erwartete Vorlieben des Publikums und redaktionelles Selbstverständnis. Dahinter – und immer noch von einer Mehrheit genannt – liegen KollegInnen, andere Medien, Freunde und Bekannte. Nur Minderheiten zählen Publikumsforschung, betriebswirtschaftliche Interessen, gesellschaftliche Akteure und die Werbewirtschaft zu den wichtigen Einflüssen auf ihre Arbeit. Auffällig dabei: MitarbeiterInnen von Gratiszeitungen und von SRG-Fernsehstationen nennen «betriebswirtschaftliche Interessen» weit häufiger als die übrigen Befragten. Und fast die Hälfte der Gratiszeitungs-JournalistInnen bezeichnet die Werbewirtschaft als wichtigen Einfluss. «Es fragt sich, was das längerfristig bedeutet», sagt Wyss. «Gerade bei Gratiszeitungen arbeiten viele junge Leute. Wenn sie im Unternehmen so sozialisiert werden, werden sie dieses Element im Berufsbild auch später für selbstverständlich halten.»

* Die Studie «Journalisten in der Schweiz» erscheint voraussichtlich im Frühling 2010.

Mirko Marr, Vinzenz Wyss, Roger Blum, Heinz Bonfadelli: «Journalisten in der Schweiz. Eigenschaften, Einstellungen, Einflüsse». Reihe Forschungsfeld Kommunikation, Bd. 13, Konstanz, UVK Medien, 2001.

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