2. November 2010 von Mario Rubenzer

Informationsmüll im Oktober (Kommentar)

Relevanz? Gleich null. Informationsgehalt? Ebenfalls nicht vorhanden. Wir haben in den Online-Versionen von Schweizer Qualitätszeitungen nach Informationsmüll gesucht – und ihn auch gefunden. Vorhang auf für die fünf schlechtesten Artikel des Monats Oktober.

5. „Das Essen abgeschossen“

Dieses amüsante Video hätte die BAZ online unkommentiert auf Youtube hochladen oder an „Upps die Pannenshow“ weiterleiten können. Es aber auf der Homepage zu publizieren – vor allem mit so viel überflüssigem Begleittext – war wirklich nicht notwendig. Was soll damit ausgesagt werden? Vielleicht, dass Frauen nicht kicken können? Oder etwa, dass Schadenfreude immer noch die schönste Freude ist? Man weiss es nicht. Auch wenn man den Sinn des Beitrags nicht versteht: Wenigstens kann man darüber lachen.

4. „Wen Laubbläser stören, soll uns mal mit Rechen und Besen helfen“

Manche Menschen beschweren sich über den Lärm, der von Laubbläsern verursacht wird. Und die, die mit diesen Geräten arbeiten müssen, fühlen sich dadurch angegriffen und schlagen verbal zurück. Mit diesen zwei Sätzen lässt sich der Inhalt dieses Berichts auf tagesanzeiger.ch zusammenfassen. Der Artikel hat schon fast Talkshow-Charakter, denn er bietet Nörglern und beleidigten Leberwürsten eine Plattform für Unmutsbekundungen und Streit. Was das den Lesern bringt? Nichts, denn nützliche Infos findet man in diesem Artikel keine. Die Moral von der Geschicht: Unbedingt lesen muss man sie nicht.

3. „Heimwehstudenten in Zürich“

Bei diesem Bericht hat man denn Eindruck, er sei er von einem Schulkind geschrieben worden. Es geht eigentlich den ganzen Artikel nur um die Gefühlswelt, die Sprachprobleme, die Freizeitaktivitäten und das Heimweh von Studierenden aus dem Tessin. Dabei hat es sie nicht einmal ins Ausland verschlagen, nein: Sie sind lediglich ein paar hundert Kilometer nach Norden gefahren – in ihrem eigenen Land! Wenn der Journalist das Ziel verfolgt hat, durch seinen Artikel Mitleid für die Tessiner zu erregen, hatte er Erfolg. Wenn er einen interessanten Bericht mit Mehrwert für die Leser verfassen wollte, ist er auf ganzer Linie gescheitert.

2. „Pferdemist sorgt für rote Köpfe“

Dieser Bericht über Pferdemist ist nicht nur viel zu lang, sondern auch stinkend langweilig. Eigentlich hätte sich der Journalist hier auf den zentralen Punkt beschränken können: Pferdemistentsorgung kostet die Gemeinde Geld. Doch anstatt die ganze Sache mit einem bzw. zwei Absätzen abzuhandeln, zieht der Journalist seine Story mit zahlreichen irrelevanten Infos unnötig in die Länge. Passagen wie: „Auf der Eisenbahnbrücke zwischen Allmendingen und Rüfenacht verteilt sich der Mist gar auf einer Länge von fünf Metern. Das Pferd hat hier beim Gehen sein Geschäft gleichmässig erledigt“ sind absolut überflüssig und hätten – so wie unzählige weitere Passagen – bedenkenlos aus dem Text entfernt werden können. Ebenfalls sparen können hätte sich der Mist-Artikel die ausführliche Infobox zur „Lex Pferdeäpfel“ und die (hoffentlich) nicht ernst gemeinte Umfrage: „Ist Pferdemist auf Strassen und Plätzen für Sie auch ein Ärgernis?“ Besser wäre folgende Umfrage gewesen: „Ist dieser Artikel für Sie ein Ärgernis?“ Denn genau das ist er!

1. „Kein Halt – Trotz Verlangen“

Wie vielen Menschen ist wohl im Laufe ihres Lebens der Bus vor der Nase weggefahren? Da gibt es bestimmt tausende. Wer davon ist deshalb in die BZ online gekommen? Mit Ausnahme der Bernerin Maximiliane B. niemand. Diesen Bericht hätte man sich allerdings getrost schenken können, denn die Kernaussage lässt sich auf vier Worte reduzieren: Bus vorbeigefahren, Frau grantig. Natürlich sollte so etwas nicht passieren, aber trotzdem ist es eine Null-Story, weil der Leser keinen Nutzen daraus ziehen kann. Er weiss nach der Lektüre des Berichts bestenfalls, dass er dem Busfahrer in die Augen schauen muss, damit er sicher stehen bleibt. Anders sähe die Sache aus, wenn dieser Vorfall symptomatisch für die öffentlichen Verkehrsbetriebe der Schweiz wäre oder Frau B. durch den versäumten Bus ein erwähnenswerter Schaden entstanden wäre. Aber nichts dergleichen geht aus dem Artikel hervor. Wer einem solch irrelevanten Vorfall einen 3.500 Zeichen umfassenden Bericht widmet, verspottet damit den Berufsstand der Journalisten. Ein absolutes No-Go und zurecht der unnötigste Artikel im Oktober.

Anmerkung: Für all jene, die meine Kritik falsch interpretiert haben: Es handelt sich um einen Kommentar, der keinen Anspruch auf “absolute Wahrheit” erhebt. Zusätzlich sei gesagt, dass es bestimmt noch andere schlechte Artikel im Oktober gab, die es wert gewesen wären, hier zu erscheinen. Bei meiner Auswahl musste ich mich aus Platzgründen auf fünf beschränken. Ich habe jene Beiträge ausgewählt, die mir beim Lesen der Online-Versionen von Schweizer Qualitätszeitungen besonders negativ aufgefallen sind.

  1. Diva de Ville sagt:

    @ Klartext: Hihihi, ich krugle mich krumm vor Lachen. Dieser präpotente Jüngling ist also Euer neuer Medienkritiker und Haussatiriker?
    http://monsignorerubi.wordpress.com/

    Very funny, indeed. Das ist der beste Witz der letzten zehn Monate.

    Weder lustig noch klug noch interessant finde ich hingegen der Inhalt des Artikels «Informationsmüll im Oktober (Satire)». Präziser: Es ist der dümmste Artikel den ich bislang im November gelesen habe. Und die ersten Tage des Novembers waren bereits reich an dummen Artikeln.

    Nein, ich bin nicht persönlich betroffen und ich kenne auch keinen der blossgestellten Journalisten persönlich. Ich habe an eine Medienzeitschrift bloss den Anspruch, dass Kritik intelligent formuliert und Satire geistreich ist. Intelligenz und Geist sucht man in diesem Artikel jedoch vergebens.

    Dem jungen Herrn empfehle ich, sich zuerst in Selbstkritik zu üben, bevor er seinen Gedankenmüll über andere kippt.

    Und dem Klartext empfehle ich, die Zusammenarbeit mit Herrn Rubenzer nochmals zu überdenken, respektive aufzuschieben bis er ein bisschen gereifter ist. Es kann doch nicht sein, dass Ihr Euch von nun an auf diesem pubertären Niveau eines sich massiv selbstüberschätzenden Praktikanten bewegt, oder doch? Dann würdet Ihr mich sehr enttäuschen.

  2. Mario Rubenzer sagt:

    @Diva de Ville:
    http://www.youtube.com/watch?v=KwcdVIdtOqY&feature=related

    Sie haben gelacht: Ziel erreicht :)

    PS: Danke, dass Sie Werbung für mich machen.

  3. Bettina Büsser sagt:

    Zur Information:

    26. Oktober 2010 von Klartext

    In eigener Sache: Studierende übernehmen

    Wie regelmässige Leserinnen und Leser von klartext.ch unschwer bemerkt haben dürften, wird seit ein paar Wochen an dieser Stelle rege publiziert. Eine der wenigen Redaktionen, die nicht ab- sondern ausbaut? Jein. Für den redaktionellen Zuwachs verantwortlich sind Studierende der ZHAW, die im Rahmen ihrer Journalismusausbildung das Modul «Medienjournalismus» belegen. Unser Ziel ist es, unter der Leitung von Nick Lüthi, dem bisherigen Chefredaktor des Medienmagazins Klartext, hier auf klartext.ch medienkritische Beiträge zu verfassen. Ob uns dies gelingt, beurteilen Sie.
    Teilen Sie uns Ihre Meinung mit. Wenns schnell gehen soll mit ein paar Klicks bei dieser Umfrage. Haben Sie ausführliche Rückmeldungen, Anmerkungen oder Kritik zu einzelnen Artikeln, so zögern Sie nicht und tun Sie Ihre Meinung im Kommentarfeld unter dem betreffenden Beitrag kund.

    http://www.klartext.ch/?p=10636#comments

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