13. Dezember 2010 von Imelda Stalder

Radionachrichten zwischen reiner Lehre und besserem Verständnis

Quelle: jukon.net

RadiohörerInnen können sich nur an einen Bruchteil der Nachrichten erinnern, die sie gehört haben. Das liegt massgeblich daran, wie die Beiträge präsentiert werden. Trotz dieser Erkenntnis sträuben sich bei Radio DRS Redaktoren dagegen, ihre Nachrichten verständlicher aufzubauen.

Heute werden die Nachrichten bei Radio DRS nach dem Pyramidenmodell präsentiert. Was heisst: An der Spitze kommt das Neuste, gegen Schluss folgten die Zusatz- und Hintergrundinformationen. Doch das Modell ist nicht unumstritten: “Es nimmt keine Rücksicht auf das vorhandene Vorwissen der Hörer, findet Thomas Kropf, Nachrichtenredaktor bei Radio DRS. “Um verständlich zu sein, müssen neue Informationen an vorhandenes Wissen angeknüpft werden”, sagt Kropf weiter.

Pyramide führt zu Verstehensstau
Mit dem Pyramidenmodell komme es beim Hörer zu einem “Verstehensstau”. Das bedeutet, der Hörer versteht schon zu Beginn der Nachricht die Informationen nicht und muss sich diese bis zum Schluss merken, um dann erst zusammen mit der Hintergrundinformation, quasi die Auflösung zu erhalten. Das ist oft gar nicht möglich, gerade weil die Menschen das Radio als Begleitmedium nutzen und nicht immer aktiv zuhören.

Beim Hörer “andocken”
Doch es gibt Alternativen zum Pyramidenmodell. Zum Beispiel das Andockmodell, das Thomas Kropf entwickelt hat.  Dieses folgt der Regel, dass am Vorwissen der Hörer „angedockt“ wird, damit man sofort versteht, wovon die Nachricht handelt. Erst an zweiter Stelle folgen die neuen Informationen, so angeordnet, dass ein lückenloses Verständnis möglich ist.

Anders als das Pyramidenmodell zwinge das Andockmodell die Redaktoren, sich Gedanken über das Vorwissen des Publikums zu machen und welche Vermittlungsform die wirksamste sein könnte, so Kropf. Bei Radio DRS sieht man das Andockmodell nicht gern.

Widerstand gegen das „Geschichten erzählen“
Je nach Chefredaktion von Radio DRS wurde es toleriert oder nicht. Auch gab es Zeiten, als die beiden Modelle problemlos nebeneinander existieren konnten. Verblüffend sei aber, so Kropf, dass die Einwände gegen das Andockmodell meistens von gestandenen Journalisten kommen.

„Der Einwand ist oft, dass man schlicht und einfach so keine Nachrichten mache, die mache man eben anders“, sagt Kropf. Den Kritikern seien “angedockte” Meldungen eher zu „moderativ“, das seien mehr „Geschichten“ als Nachrichten. Nachrichtenleute seien eben weder ModeratorInnen noch GeschichtenerzählerInnen. Und das, obwohl eine Lizentiatsarbeit von Gita Topiwala deutlich zeigt, dass Radiohörer es sehr schätzen, wenn an ihrem Vorwissen angeknüpft wird, da so die Nachrichten viel nachhaltiger sind.

Beurteilen Sie selbst!
Die Studie von Gita Topiwala ging der Frage nach, ob das Andockmodell zur Verständlichkeit in Radionachrichten beitragen könnte. Sie untersuchte anhand von zwei Tonbeispielen, bei welchem Modell die Nachrichten besser verständlich sind. Das Ergebnis im Grossen und Ganzen: Nachrichten, die nach dem Andockmodell formuliert wurden, können sich die Hörer besser merken.

Versuchen Sie es selbst: Nachfolgend finden sich zwei Tonbeispiele mit einem Nachrichtenbeitrag. Das eine funktioniert nach dem klassischen Pyramiden-, das andere nach dem Andockmodell. Hören Sie das erste Tonbeispiel und versuchen Sie sich zu erinnern was Sie gehört haben. Dann machen Sie dasselbe beim zweiten Beispiel und beurteilen selbst.

  1. Alexandra sagt:

    Das Problem, weshalb viele Hörer die Nachricht nicht verstehen, liegt nur bedingt am Pyramidenmodell, viel mehr hat auch in den Radio-Redaktionen die Ressourcenknappheit Einzug gehalten. So bleibt den Redaktoren häufig schlicht zu wenig Zeit eine Nachricht sorgfältig nach dem Pyramidenprinzip aufzubauen. Es wird gepfuscht. Darüberhinaus ist es eine Herausforderung, schwierige Meldungen nach dem Pyramiden-Modell aufzubauen. Schliesslich sind mangelnde Ausbildung und Ressourcen also viel eher die Gründe, weshalb die Nachricht nicht verstanden wird und kann damit nur bedingt auf das Pyramidenmodell zurückgeführt werden.

  2. J.Zimmermann sagt:

    Mir liegt das Andockmodell eindeutig viel besser! Gerade das Anknüpfen bei Bekanntem und Transportieren von Emotionen – also das “Geschichten erzählen” – erleichtern mir das Verstehen erheblich.

    Das würde auch mit dem Übereinstimmen, was wir an der ZHAW im Fach Storytelling gelernt haben: «Storytelling: Gestaltung und Deutung eines Kommunikationsangebots als Story, als Geschichte, mit dem Ziel, Erinnerungen, Bilder und Emotionen zu wecken, Aufmerksamkeit zu lenken, Verstehen und Sinn zu erzeugen» (https://home.zhaw.ch/~ped/ML/SKRIPTEN/SKRIPT_PS_PERRIN.pdf).

    Durch das Erzählen von Geschichten sollen also wenn möglich Emotionen geweckt werden und die bestimmen massgeblich darüber, wie gut wir einer Geschichte folgen können oder ob wir ihr überhaupt erst unsere Aufmerksamkeit schenken.

  3. Mario sagt:

    Ich bin ja der Meinung, dass man nicht sagen kann, dass nur das eine oder das andere richtig ist. Es gibt Nachrichten, die man nach dem Kropf’schen Andock-Modell aufbauen muss, um maximale Verständlichkeit und Wirkung zu erreichen. Genauso gibt es aber auch Nachrichten, die man ruhig nach dem Pyramidenmodell aufbauen kann, weil sie trotzdem einfach verstanden werden. Es kommt immer darauf an, wie bekannt das Thema ist bzw. wie präsent es zuvor schon in den Medien war. Schade, dass viele Journalisten das Andock-Modell einfach aus Prinzip ablehnen…

    PS: Schöne Hörbeispiele ;)

  4. [...] This post was mentioned on Twitter by Anne-Regula Keller, THE TRIGGER. THE TRIGGER said: Radiohörer erinnern sich nur an einen Bruchteil der Nachrichten,die sie hören. Grund:Die Präsentation der Beiträge.http://bit.ly/hyJJ0A #drs [...]

  5. Lukas Bertschi sagt:

    Ob das Andock-Modell oder das Pyramiden-Modell besser geeignet ist, muss Fall für Fall entschieden werden können. Es ist kaum vorstellbar, das ein bekanntes Radio eines der beiden Modelle einfach verbietet. Wo bleibt da der Sinn?

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