24. März 2011 von Klartext

Gezähmte Medien von Wikileaks entlarvt

Wikileaks ist die logische Reaktion auf die grassierende Steuerung der Nachrichten über «eingebettete» JournalistInnen. Diese stehen nun auch entlarvt da. Sie jammern im Chor mit Machthabenden und DiplomatInnen. Andere Medienleute haben den Wert von Wikileaks rasch erkannt. Von Niklaus Ramseyer

Davon haben JournalistInnen bisher kaum je zu träumen gewagt: Hunderttausende zuvor sorgsam geheim gehaltener Dokumente stehen ihnen plötzlich zur Verfügung. Sie können damit Propaganda und Lügen der Mächtigen aufdecken. Der Mächtigen der USA etwa, einer «Weltmacht, die noch vor Kurzem glaubte, sie könne als einzige verbliebene Supermacht die Welt regieren», wie der «Spiegel» vermerkt.
Die fünf Zeitungen «The Guardian», «Le Monde», «Der Spiegel», «El Pais» und «The New York Times», die von der Netzplattform Wikileaks mit der Dokumentenfülle vorab bedient wurden, nutzen diese Chance. Und sie gehen damit verantwortungsvoll um: Sie berichten über den Maulwurf, den US-Diplomaten im Büro des deutschen Aussenministers Guido Westerwelle als «Quelle» angezapft haben. Die dreiste Ausspionierung von UNO-DiplomatInnen thematisieren sie ebenso wie die Gräueltaten der Besatzungstruppen in Irak und Afghanistan. Sie publizieren die wahren Zahlen der meistens zivilen Opfer dieser Kriege – allein im Irak über 100’000 Tote.

Quelle kritisiert – statt Übel thematisiert
Für erstaunlich viele andere Medien waren jedoch weder diese Machenschaften noch das unrechtsstaatliche Vorgehen der USA gegen die mutigen Enthüller zentrales Thema. Sie stellten vielmehr sofort die Motive der Whistleblower und ihre Quellen infrage: «Darf man das publizieren?»
Auch in der Schweiz. Da bezichtigte etwa Peter Haffner im «Magazin» Wikileaks des «politischen Vandalismus». Der «SonntagsBlick» warnte vor einem «Angriff auf die Demokratie». Kurt W. Zimmermann, früher einmal Manager beim «Tages-Anzeiger», drosch in der «Weltwoche» auf die Whistleblower ein: «Enttäuschte, Gutmeinende und Durchgeknallte aller Art». In der WOZ mutmasste Ruedi Widmer, Wikileaks werde womöglich eine «Diktatur begünstigen».
Und überall der Einwand, es sei doch alles «schon irgendwie bekannt» gewesen. Gefolgt von der Prophezeiung, bald werde Wikileaks das Intimste einzelner Privatpersonen ins Netz stellen. Zimmermann meinte, Neues über den «Hund von Tante Nelly». Die WOZ sah gar Scheidungsakten via Wikileaks im Netz.
Dabei geht es Wikileaks gerade nicht um Privates kleiner Leute. Im Gegenteil: Es steht als elektronischer Briefkasten kleinen Leuten offen, die militärischen, politischen oder wirtschaftlichen Mächtigen auf die Schliche und hinter ihre üblen Machenschaften gekommen sind.
Einer hat die Bedeutung dieser neuen Möglichkeit sofort erkannt: Daniel Ellsberg. «Wikileaks ist wichtig und es wird in Zukunft noch wichtiger», sagt der Mann mit Erfahrung als weltberühmter Whistleblower. Ellsberg hatte 1971 mit der Weitergabe der «Pentagon Papers» an Zeitungen den geheimen Bombenkrieg der USA in Vietnam entlarvt. Damals gab es noch viele kritische Reporter und JournalistInnen, die Missstände und Gräueltaten aufdeckten. Noch heute behaupten einzelne Politiker und Militärs, die US-Army habe den Vietnamkrieg nicht im Regenwald am Mekong verloren, sondern im Blätterwald «an der Heimfront» – eben der kritischen Medienleute wegen.
Und gegen diese Leute gingen und gehen sie vor: Die Kriegsherren haben die unabhängige Berichterstattung aus Kriegsschauplätzen inzwischen fast gänzlich ausgeschaltet. Seit die «neue Nato» mit dem Segen der UNO von Somalia über Irak bis nach Afghanistan weltweit Kriege führt, berichten fast nur noch «eingebettete» JournalistInnen über Kampfhandlungen. Sie stolpern den Generälen in Panzerwesten über die Schlachtfelder hinterher und geben getreulich weiter, was ihnen die Medienoffiziere diktieren. Ulrich Tilgner ist eine der wenigen überlebenden Ausnahmen, die diese traurige Regel bestätigen.

Zurechtgebogene Sprache
Die ultimative Frage «Are you with us, or with the terrorists?» lässt die so bequem eingebetteten Medienleute davor zurückschrecken, auch mal die Gegenseite unvoreingenommen zu erkunden – und dabei etwa ein Kind zu fotografieren, das nackt vor den Brandbomben der «Friedenstruppen» flieht.
Und die Einbettung geht viel weiter als nur bis zu einseitigen Berichten aus internationalen Feldlagern. Sie erfasst und korrumpiert auch die Sprache, die von Tausenden von Kommunikationsfachleuten in öffentlichen und privaten Chefetagen laufend zurechtgebogen und abgeschliffen wird: Von «Angriff» oder «Besatzung» ist da kaum mehr die Rede. Von «Krieg» erst recht nicht. Es gibt fast nur noch «Sicherheitskräfte» und «Friedenssoldaten». Wer Widerstand leistet gegen Besatzungstruppen, wird als «Terrorist» gebrandmarkt und so publizistisch schon mal vernichtet. «Die Wahrheit stirbt im Krieg zuerst», hiess es früher. Jetzt ist sie schon tot, lange bevor der erste Schuss fällt: Die JournalistInnen übernehmen willig die Propagandasprache der Kriegsmächte, in die sie sich «einbetten» lassen.
Wikileaks ist eine logische Reaktion auf diese Anbiederung der Medien an die Macht. Was Wunder, dass Ellsberg sagt: «Ich habe 40 Jahre lang darauf gewartet.» Und: Er habe «grösste Hochachtung» vor dem Soldaten Bradley Manning, der im Verdacht steht, Wikileaks mit Dokumenten bedient zu haben. Ellsberg stellt fest, gegen ihn selbst seien die Machthaber in Washington 1971 ganz ähnlich vorgegangen wie gegen Manning, der nun im Kerker schmort. Und er kritisiert: Dieselben US-Behörden, die sonst Transparenz predigten und Whistleblower rühmten, gingen nun brutal gegen diese vor.

Wikileaks als «Lügendetektor»
Auch solche Verlogenheit hilft Wikileaks entlarven. Der prominente Zürcher Radiomann Roger Schawinski nennt die Plattform darum knapp und klar einen «Lügendetektor». Er widerspricht all jenen, die meinen, das breite Publikum sei mit den Originaldokumenten überfordert. Er hat recht: Nur dank Wikileaks konnte das Gerede des Bundesrates über die «humanitäre Tradition der Schweiz» bei der Aufnahme der im US-Gefängnis gefolterten Uiguren als Bluff entlarvt werden. Ohne Druck der US-Diplomatie hätte sich die Schweizer Regierung um diese zwei Gefolterten aus Guantanamo ebenso wenig geschert wie um Millionen andere Folteropfer.
Wenn im Schweizer Radio der «Diplomatic Correspondent» Fredy Gsteiger aus Saudi-Arabien berichtet, die dortigen Machthaber seien bereit, sich gegen Angriffe des Iran zu «verteidigen», kann jetzt der kritische Hörer im Internet selbst zu den Quellen gehen und nachprüfen, wie es wirklich ist. Nämlich umgekehrt: Nicht der Iran bläst zum Angriff auf die Ölscheichtümer, sondern die Ölscheichs drängen die USA zum Angriff auf den Iran.
Ernsthafte Medienleute begrüssen solche Kontrollmöglichkeiten. Über jene KollegInnen, die im Chor mit Machthabenden und DiplomatInnen gegen Wikileaks und gegen Transparenz polemisieren, schütteln sie den Kopf: «Die Internetplattform macht im grossen Stil, was jeder gute Journalist seit Langem etwas stiller tut», stellt etwa Urs Paul Engeler in der «Weltwoche» fest. «Die Website enthüllt dabei den Machtcharakter der Information.» Das sieht auch Christian Dorer, Chefredaktor der «Aargauer Zeitung», so. Denn: «Das Vertuschen, Verwedeln und Wegschauen übernehmen mehr als genug andere.» Die Heerscharen professioneller KommunikatorInnen nämlich. Die bekannte Westschweizer Journalistin Joëlle Kuntz schreibt, Wikileaks mache «aus der Information ein Instrument der Gerechtigkeit». Urs P. Gasche stellt klar: «Wikileaks kann Menschenleben retten.» Und auch er zitiert Ellsberg: «Die Lügen und Vertuschungen der Regierungen sind das Problem – nicht das Aufdecken der Wahrheit.»

Niklaus Ramseyer ist freier Journalist im Bundeshaus.

  1. Einverstanden, mit einer Ausnahme: Müsste im Bezug auf Wikileaks mittlerweile nicht die Vergangenheitsform verwendet werden?

  2. [...] hier den Originalbeitrag weiterlesen: 15 – Gezähmte Medien von Wikileaks entlarvt « Klartext – Das Schweizer … [...]

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