9. März 2009 von Bettina Büsser

Presse-Marketing?

Wenn Kurt W. Zimmermann in seiner letzten “Weltwoche”-Kolumne im Zusammenhang mit der Übernahme von Edipresse durch Tamedia schreibt, Tamedia sei “das einzige grössere Unternehmen weltweit, das heute noch derart besessen auf Zeitungen setzt. Das ist darum erstaunlich, weil die Zeitungskrise die Branche derzeit tödlich trifft” – dann denkt man sich, klar, der Mann ist Kolumnist und muss ja dezidiert auftreten, abgesehen davon, dass die Tamedia-Strategie bei ihm oft nicht so gut wegkommt.
Wenn hingegen Hanspeter Lebrument in seiner Funktion als Präsident des Branchenverbands “Schweizer Presse” im Interview mit “Le Temps” sagt, die abonnierten Tageszeitungen führten derzeit einen “existentiellen Kampf um das Überleben”, weil “wir nicht mehr sicher sind, dass die Tagespresse wirklich eine Zukunft hat” – dann fragt man sich einfach nur. Kann man sich den Präsidenten der Zahnpasta-Branche vorstellen, der in einem Interview sagt: “Wir sind uns nicht mehr sicher, ob unsere Produkte gegen Karies nützen”?
Eigentlich würde man meinen, Funktion eines Branchenverbandes sei es, das eigene Produkt positiv darzustellen (das kennen wir als Journis ja – wie sie reagieren, wenn sie finden, ihr Produkt werde nicht gut genug dargestellt). Als Branchenpräsident Presse könnte man zum Beispiel darauf hinweisen, dass die neun grössten Schweizer Bezahl-Tageszeitungen nach der letzten Zählung gemeinsam 1,45 Millionen Exemplare Auflage erreichen, was ja nicht nichts ist.
Die KonsumentInnen, also LeserInnen, würden es sicher gerne hören. Sie müssen ja bereits damit leben, dass ihnen in ihren Zeitungen mitgeteilt wird, die Zukunft liege im Internet und nicht im Print (oder den “Holzmedien” wie smarte Blogger den Print-Bereich nennen). Angesichts dessen muss man sich als Tageszeitungs-LeserIn langsam ziemlich retro und veraltet vorkommen. Und so möchte ja niemand sein.
Überdies: Wenn mich der Tierarzt darauf hinweist, dass mein Büsi krank ist und wohl nicht mehr lange zu leben hat, löst das automatisch die Frage aus, ob ich die Kosten für Futter und Medikamente nicht besser einspare – und das todgeweihte Tier einschläfern lasse.

  • Tags:
  1. Sosicles sagt:

    Schon bemerkenswert, diese Journalistinnen und Journalisten: Wenn ein normaler Unternehmensvertreter oder sein Medeinsprecher etwas schöner schreibt, dann ist das pfui: Er soll bitte schön nicht die Medien manipulieren. Und wird von den Journis dafür arg in den Senkel gestellt: böse, böse PR.

    Geht es um den eigenen Brotkorb, gelten diese Regeln plötzlich nicht mehr, und Herr Lebrument wäre gemäss Frau Büsser verpflichtet, wider besseres Wissen die Printmedien in den Himmel zu loben. Die panische Reaktion von Frau Büsser, ein extremer Fall von Double Standards, beweist eigentlich wunderschön, wie recht Herr Lebrument hat…

  2. Bettina Büsser sagt:

    Keine Panik: Ich habe weder gefordert, dass Herr Lebrument schönt, noch dass er Print “wider besseres Wissen in den Himmel lobt”. Ich habe bloss darauf hingewiesen, dass zB die Abo-Zahl der (grossen) Tageszeitungen doch nicht nichts ist und dass sich die Branche, die vor allem über Werbeeinnahmen nachdenkt, auch Gedanken über ihre eigentlichen KonsumentInnen, die LeserInnen machen könnte. Das erwarte ich auch von einem Zahnpasta-Branchenvertreter.

Kommentar schreiben

Aktuelles Heft

Ausgabe: 4 | 2010 Die Themen:
  • Heller, der Heftlimacher
  • Service Zukunft mit SR DRS
  • Bilderstreit, nächste Runde