14. Mai 2009 von Nick Lüthi

«Kahlschlag ist heftig und zynisch»

Bild Mark BalsigerDer «Bund» ist gerettet. Tamedia hat sich dagegen entschieden, die kleinere seiner beiden Tageszeitungen in Bern einzustellen. Gleichzeitig baut das Zürcher Verlagshaus beim «Bund» 19 Vollstellen ab. Gegen das drohende Ende des 160-jährigen Traditionstitels haben sich im letzten halben Jahr ein überparteiliches Komitee und seine rund 16’000 Mitglieder engagiert. Mark Balsiger, der das Komitee ins Leben rief, nimmt Stellung zum heutigen Entscheid von Tamedia.

Klartext: Was ist grösser, die Freude über den Erhalt der Zeitung oder die Enttäuschung über den massiven Stellenabbau?

Mark Balsiger: Meine ersten Gedanken galten den Kolleginnen und Kollegen beim «Bund» wie beim «Tages-Anzeiger», die entlassen werden. Im Herzen bin ich immer noch Journalist und werde es auch bleiben. Dieser Kahlschlag ist vor allem deswegen heftig und zynisch, weil Tamedia unlängst einen Reingewinn von 106 Millionen Franken ausweisen konnte. Der Glanz von Tamedia basiert aber nicht nur auf dem unbestreitbaren Können der Verlagsmanager, sondern auch auf der guten Arbeit der Redaktionen. Auf Bern bezogen bin ich erleichtert. Denn bis zum Schluss blieb die Gefahr einer Vollfusion zwischen «Bund» und «Berner Zeitung» nicht gebannt.

In welchem Masse, glauben Sie, haben die Aktivitäten des Komitees zu diesem Ergebnis beigetragen?

Balsiger: Als wir Anfang Dezember unsere Strategie festlegten, gingen wir davon aus, dass Tamedia vor allem zwei Reaktionen fürchtet: Erstens den Verlust von vielen Abonnements in Bern und zweitens einen koordinierten Widerstand gegen die Einstellung des «Bund». Mit dem schnellen Aufbau eines grossen und prominent besetzten Komitees konnten wir den Widerstand praktisch von Beginn an bündeln. Das dürfte seine Wirkung in Zürich nicht verfehlt haben. Insgesamt war das Komitee sicher einer von mehreren Faktoren, die Tamedia zum nun getroffenen Entscheid gebracht hat.

Tamedia schreibt, dass sie «zur künftigen Unterstützung des ‘Bund’» mit Institutionen und Unternehmen in Kontakt treten wolle, die sich im Komitee engagiert haben. Was könnte das bedeuten?

Balsiger: Ich vermute, dass Tamedia das Komitee als Ganzes, wie auch die Unternehmen einzelner Mitglieder einbinden möchte.

Auch finanziell einbinden?

Balsiger: Tamedia wird sich wohl Hoffnungen machen, dass das klare Bekenntnis von vielen Persönlichkeiten für den «Bund» auch in Werbefranken umgemünzt werden kann. Diesen Punkt müssen wir mit Vorsicht angehen. Unser Ziel war und ist es, dafür zu sorgen, dass im Grossraum Bern zwei unabhängige Tageszeitungen erhalten bleiben. Es kann aber nicht unsere Hauptaufgabe sein, dem grössten Schweizer Verlagshaus Werbegelder zuzuhalten.

Der «Bund» erscheint ab Herbst neu strukturiert als Juniorpartner des «Tages-Anzeigers». Die Wochenendbeilage der «Kleine Bund» verschwindet. Ist das noch der «Bund», für den Sie sich eingesetzt haben?

Balsiger: Meine persönlichen Hoffnungen sind gross, dass der «Neue Bund», wie ich ihn nenne, noch besser wird als der heute erscheinende. Schlicht deswegen, weil mit dem «Tages-Anzeiger» die grösste Zeitungsredaktion der Schweiz als Kooperationspartner auftritt. Ich habe eine starke emotionale Verbindung mit dem «Kleinen Bund». Auf einer Weltreise in den 1990er-Jahren habe ich zwölf Ausgaben des «Kleinen Bunds» mit mir rumgetragen und pro Monat ein Exemplar gelesen. Das war für mich jeweils für ein paar Stunden eine Brücke zurück in die Schweiz. Der Genuss war umso grösser, den «Kleinen Bund» aus Bern am Lago Atitlan in Guatemala oder in Christchurch in Neuseeland in einem Pub zu lesen. Dass die Samstagsbeilage nun verschwindet, ist ein unsensibler Entscheid, der Zehntausende von Leserinnen und Lesern schmerzen wird. Der «Kleine Bund» hat immer wieder journalistische Perlen geliefert.

  1. Roland Kreuzer sagt:

    Tamedia stellt Profit vor Arbeit und Qualität
    Mit dem Streichen von rund 80 Vollzeitstellen setzt Tamedia seine Strategie des maximalen Profits fort. Das Terminator-Duo Supino-Kall füllt die Taschen der Aktionäre, die Beschäftigten und die Qualität der Medien bleiben auf der Strecke.
    106 Mio. Reingewinn 2008 (die Aktionäre steckten 2008 42 Mio. in die eigene Tasche!), 226 Mio. für die Übernahme von Edipresse: Und für den Erhalt von Stellen und Qualitätszeitungen soll kein Geld da sein?
    Es stimmt zwar, dass bisher die Werbeinnahmen 2009 wegen der Krise sanken (2008 sind sie jedoch gestiegen!), es stimmt auch, dass es Verschiebungen von Geldern zu TV und Online-Medien gibt. Nur erreichten diese Verschiebungen niemals ein Ausmass, wie uns die Tamedia-Bosse zur Rechtfertigung der Entlassungen weismachen wollen: In den letzten 3 Jahren floss stabil ca. ein Drittel der Werbegelder in die Tages- und Wochenzeitungen, Online-Medien kommen gerade auf 2-4%. Was sich am meisten verschoben hat sind die absurden Profiterwartungen der Medienbesitzer und ihrer Manager! Wieso soll das Vermitteln von Information 15-20% Profit abwerfen? Es gibt keinen gesellschaftlich relevanten Grund, der dies rechtfertigen würde.
    Kall offenbarte seinen “Medientraum”, indem er kurzum Google und Facebook zu Konkurrenten der Qualitätszeitungen erklärte: Inserate verkaufen ohne journalistische Leistung!
    Demokratische Regeln (und ein GAV!) für Medien sind nötiger denn je, denn sie sind zu wichtig, als dass wir sie den Mechanismen des Profits überlassen dürften.

  2. Ich denke das ist eh nur ne Modeerscheinung.

  3. bill eggenschwiler sagt:

    Die Zeitung muss nicht neu erfunden werden. Die Redaktionen sollten sich auf die uralten Regeln des Journalismus besinnen, die da sagen: Information, Tiefgang und Verifikation der Veröffentlichung.

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