11. Juli 2007 von Hans Stutz

Schlechte Presse

Verallgemeinernde Aussagen über Minderheiten können schnell Diffamierung sein. Ein aktuelles Beispiel stand unlängst im “Tages-Anzeiger”.

In der Schweiz leben viele Gruppen, deren Sprache, Herkunft, Religion oder sexuelle Präferenz sie zu Minderheiten machen. Wie können sich diese Minderheiten gegen diffamierende Berichterstattung über ihre Gemeinschaft zur Wehr setzen? Die Voraussetzungen sind unterschiedlich. Ein Beispiel lieferte eine im Frühjahr 2004 veröffentlichte Studie. Sie bescheinigte den Schweizer Medien eine fast durchwegs wohlwollende Berichterstattung über jüdische AkteurInnen. Die Schweizer Medien würden “über weite Strecken ein positives, das heisst Empathie förderndes Bild” vermitteln. Auch eine “latente oder manifest bestehende Gefährdung durch Antisemitismus” werde nur selten in Frage gestellt. Die Studie fragte sich sogar, ob in vereinzelten Fällen nicht Kritik an jüdischen Organisationen tabuisiert worden sei. Als Beispiel nannte sie eine in der Schweiz weithin unbeachtet gebliebene Ehrung des italienischen Rechtspolitikers Silvio Berlusconi durch die jüdische Anti Defamation League, kurz nachdem der italienische Premier durch ein Lob auf Mussolini aufgefallen war. Unbestritten ist: Die jüdische Gemeinschaft hat in der Schweiz sowohl Institutionen wie ExponentInnen, die effizient reagieren und diffamierende Äusserungen skandalisieren können.

Muslime haben schlechte Presse
Da haben es die MuslimInnen schon schwerer; nicht einmal die “Weltwoche”-Titelbild-Schlagzeile “Islamische Gefahr” führte zu öffentlichen Reaktionen. Die erwähnte Studie stellt generell fest, dass “muslimische Akteure” vorwiegend als “Täter, aggressiv oder Konflikt(e) fördernd” dargestellt werden. Zwar werde die Täter-Typisierung insofern relativiert, als sie in den meisten Fällen auf “Islamisten” beziehungsweise auf “muslimische Fundamentalisten” bezogen und damit nicht am Kollektiv der Muslime festgemacht werde. Im Gegensatz zu der jüdischen Gemeinschaft verfügt die islamische weder über Organisationen noch ExponentInnen, die in der Öffentlichkeit gegen Hetze auftreten. Und wer sich nicht wehren kann, muss sich offenbar mit schlechter Berichterstattung abfinden.
Wie aber steht es beispielsweise mit jenen LandesbewohnerInnen, die tamilischer Herkunft sind? Es ist ja nun schon bald zwanzig Jahre her, dass der “Blick” Kampagnen gegen “Heroin-Tamilen” führte. Diese Beschimpfung ist inzwischen wieder aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. Kommen nun aber die “Alkohol-Tamilen”? Diese Frage stellt man sich bei der Lektüre des “Tages-Anzeigers” vom 8. Januar. Mehr als die Hälfte der tamilischen Männer in der Schweiz seien Alkoholiker, schreibt Bundeshausredaktorin Verena Vonarburg in einem Artikel über die Sammelaktion der Schweizer TamilInnen für die Tsunami-Opfer, in dem sie den Zwang zur Spende in einer straff organisierten Gemeinschaft anprangert.
Vonarburg stützt ihre Aussagen unter anderem auf eine anonyme Informantin, die die “tamilische Szene” gut kenne. Aber ist sie auch Mitglied der tamilischen Gemeinschaft? Die Informantin sei wirklich eine Tamilin, erklärt Vonarburg auf Anfrage, für jede weitere Stellungnahme verweist sie jedoch an Chefredaktor Peter Hartmeier. Dieser bestätigt, dass der Artikel aggressive LeserInnen-Kritik geernet habe. Doch er stellt sich hinter die Bundeshausredaktorin, “nach meinem jetzigen Kenntnisstand und aufgrund der vorgelegten Recherche-Unterlagen”.

Vorwurf: Ein Tabu wird gebrochen
Der “Tages-Anzeiger”-Artikel habe innerhalb der tamilischen Gemeinschaft eine “grosse Kontroverse” ausgelöst, berichtet die Ethnologin Damaris Lüthi, die zusammen mit zwei Kolleginnen eine Studie über die TamilInnen im Raum Bern erarbeitet hat. Vonarburg rechtfertigt sich gegenüber KritikerInnen mit einem Auszug aus dieser Studie. Damaris Lüthi allerdings relativiert: Ihr Forschungsansatz sei “qualitativ und nicht quantitativ” gewesen. Das heisst, sie resümiert die Aussagen einiger TamilInnen über den Alkoholkonsum in ihrer Gemeinschaft. Da jedoch Alkoholkonsum in der tamilischen Gemeinschaft grundsätzlich ein Tabu ist, bleibt unklar, wann ein Mann als “Alkoholiker” angesehen wird: Es könnte durchaus sein, dass jeglicher Konsum von Alkohol als “Alkoholismus” gilt.
Auch Vonarburgs Vorwurf des Spendenzwanges zugunsten der Tamil Tigers oder einer ihrer Umfeldorganisationen ist nicht neu, konnte aber noch nie belegt werden. Vonarburgs Informantin spricht zwar nur von “Druck”, doch durch die medienübliche Zuspitzung wird daraus im Titel “Zwang zur Spende” und damit ein diffamierender Vorwurf.
Bereits einmal führte ein ähnlicher Vorwurf zu Aufregung und Empörung in der Schweizer Tamilen-Gemeinschaft. Anfang April 1996, kurz nachdem die Schweiz mit Sri Lanka ein Rücknahmeabkommen für abgewiesene AsylbewerberInnen unterzeichnet hatte, titelte die “SonntagsZeitung”: “Gewalt, Tote: Tamilen erpressen Schutzgelder” und fuhr fort: “Wer nicht zahlt, muss um sein Leben fürchten. Die Tamil Tigers gehen bei Schutzgelderpressungen von Landsleuten in der Schweiz wenig zimperlich vor.” Auch damals stützte sich ein Tamedia-Blatt auf anonyme Informanten. Wenige Tage später verhafteten Schweizer Polizisten in einer konzentrierten Aktion insgesamt fünfzehn Tamilen, darunter auch den damaligen Chef der Tamil Tigers in der Schweiz. Dessen Wohnung wurde gar in Anwesenheit einer Kamera-Equipe von “10 vor 10″ gestürmt. Die Strafverfolgungsbehörden waren offensichtlich an grosser Öffentlichkeit interessiert. Die Vorwürfe waren happig: Schutzgelderpressung und Bildung einer kriminellen Vereinigung. Der Schweizer Chef der Tamil Tigers sass dann fast sieben Monate in Untersuchungshaft, bis er nach einem Entscheid des Bundesgerichtes freigelassen wurde. Als rund vier Jahre später die zuständigen Zürcher Untersuchungsbehörden das Verfahren einstellten, erregte dieser Freispruch kaum das Interesse der Medien. Kurze Zeit später verhängte der Bundesrat gegen die Tamil Tigers ein Spendenverbot.

Erfolglose tamilische Interventionen
Auf Vonarburgs Artikel reagierten zwei tamilische Organisationen, doch wurden ihre “Pressemitteilungen” nicht abgedruckt – auch nicht vom “Tages-Anzeiger”. Der druckte dann immerhin einige wenige kritische LeserInnen-Briefe ab. Die Auseinandersetzung ist allerdings für das Tamedia-Flaggschiff noch nicht ausgestanden. Dafür verantwortlich sind nicht ExponentInnen der tamilischen Gemeinschaft in der Schweiz, sondern der Zürcher Journalist und Filmer Erich Schmid, der vor Jahren für kurze Zeit für eine tamilische Organisation arbeitete und vor einigen Jahren einen Dokumentarfilm über einen Tamilen drehte, der von einem Schweizer im Suff zu Tode geprügelt worden war. Schmid hat inzwischen eine Presserats-Beschwerde ausformuliert und suchte bei Redaktionsschluss noch weitere MitunterzeichnerInnen.

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