11. Juli 2007 von Bettina Büsser

“Aber Sie, die Leute sind zufrieden”

Eine Begegnung mit Rolf-Peter Zehnder, Gratiszeitungs-König und Chef über eine Auflage von mehr als 600’000 Exemplaren wöchentlich.

“Nein, Herr Zehnder möchte kein Interview geben”, richtet die Dame am Telefon aus. Er habe kein Interesse daran. Nein, er möchte mit der Journalistin auch nicht sprechen. “Auf Wiederhören.”
“Gerne gebe ich Ihnen ein Interview”, antwortet Rolf-Peter Zehnder einen Tag später, nach einer Interview-Anfrage per
E-Mail: “Mailen Sie mir oder rufen Sie mich an.”
“Der Gratiszeitungs-König”, “ein cleverer Geschäftsmann”, “ein rotes Tuch für die Gewerkschaften”, “der Stadtkönig von Wil”, “ein hemdsärmliger, aber sehr erfolgreicher Druckmensch”, “ein Trittbrettfahrer”, “ein sehr spezieller Verleger”, “ein Patron”, “ein Patriarch”, “einer, der nur auf seine Zahlen schaut”, “ein cleverer Druckmensch” – das hört, wer über Rolf-Peter Zehnder recherchiert.
Einige Fakten: Rolf-Peter Zehnder, in vierter Generation Betreiber der Zehnder-Druckerei im sanktgallischen Wil, hat den von seinem Vater übernommenen Betrieb gewaltig ausgebaut. Er gibt 22 Gratis-Wochenzeitungen in der ganzen Deutschschweiz heraus; die Zehnder-Druckerei druckt nicht nur seine eigenen Produkte, sondern auch “International Herald Tribune” und “Wall Street Journal” für die Schweiz und anderes mehr. Er hat “Metropol” gedruckt und dafür ein neues Druckzentrum im thurgauischen Rickenbach gebaut. Er hätte den “Express” gedruckt, wenn nicht die Tamedia quasi am Vorabend der “Express”-Lancierung “20 Minuten” gekauft und die “Express”-Pläne begraben hätte. Er ist zudem unter anderem Inhaber eines Multiplex-Kinos in Wil, Inhaber von drei Fitnesscentern, von Restaurants und Bars, Arbeitgeber von insgesamt rund 500 Personen und Ex-Hauptsponsor des FC Wil.

Was sind Sie, Herr Zehnder? Unternehmer? Drucker? Verleger?
“Ich komme vom Drucken her”, sagt Rolf-Peter Zehnder, der KLARTEXT in seinem Büro in Wil empfängt. Ein freundlicher, gesprächiger, braungebrannter Mann mit Schnauz, der jünger aussieht als seine 64 Jahre, im Moment handicapiert durch eine Art Schiene am rechten Bein; ein Unfall vor rund einem Jahr, komplizierter Beinbruch: “Dass es so lange dauert, daran bin ich selbst schuld. Ich hatte keine Geduld, habe zu früh wieder belastet. Also hielt es nicht, wurde mehrfach operiert … Jä nu: Es ist der Fuss, es ist nicht der Kopf und nicht der Rücken.”
1963, als 24-jähriger, übernahm Zehnder “vom Bappe” die Druckerei. Der gelernte Setzer hatte nach der Lehre im Ausland gearbeitet, Französisch und Englisch gelernt und eine Handelsschule absolviert. Aus gesundheitlichen Gründen übergab dann sein Vater an den Sohn – und dieser machte bald einmal mehr als nur drucken: “Wir haben bis 1960 die ‚Wiler Zeitung‘ herausgegeben, dann hat sie der Bappe verkauft. Dadurch, dass ich damit aufgewachsen bin, hat es mich einfach gekribbelt, eine Zeitung zu machen.” Im Ausland hatte er Gratis-Wochenzeitungen kennengelernt: “Und deshalb war ich 1963 der Erste, der in der Schweiz Gratiszeitungen gemacht hat. Das hat sich nachher auf 22 Zeitungen ausgedehnt.”

Über Sie wird gesagt: Rolf-Peter Zehnder hat seine Zeitungen, damit seine Druckmaschinen laufen. Stimmt das?
“Das ist, überspitzt gesagt, richtig”, sagt Zehnder. “Im Herzen bin ich Drucker geblieben, bin aber automatisch ins Verlegertum hineingekommen.” Und er ist ein schneller Verleger. Mehrmals, beispielsweise in Luzern und Winterthur, ist er innert kürzester Zeit in eine entstehende Lücke gesprungen und hat eine neue Zeitung eröffnet. “Das ist ja an und für sich unsere Kraft, dass wir innert zwei Wochen eine neue Zeitung auf die Beine stellen können”, sagt er stolz.
Obwohl Zehnder heute, im Gegensatz zu früher, “die Details bei den einzelnen Zeitungen und in der Personalpolitik gar nicht mehr verfolgt”, ist er immer auf dem Laufenden: Er erhält jede Woche die Zahlen aller Zeitungen; dann wird verglichen, mit dem Vorjahresumsatz, mit dem Monatsumsatz, mit den anderen Zeitungen. Die generelle Tendenz sei “sehr gut”; wie schon 2003 lägen seine Zeitungen auch 2004 “weit über Vorjahr”, sagt Zehnder. Wie er das macht? “Gute Verkäufer.” Dazu wiesen die Wochenzeitungen im Vergleich zu den Tageszeitungen einen kontinuerlichen Aufwärtstrend bei der LeserInnen-Bindung aus, was sich in der Disposition der Anzeigenkunden und damit auch im Inseratevolumen niederschlage.
Es ist nicht ganz einfach herauszufinden, wer auf welcher Zehnder-Zeitungsredaktion das Sagen hat. Zwölf Zeitungen, die St. Galler Gruppe, besitzt Zehnder nicht allein, sondern nur zu 50 Prozent (siehe Kasten Seite 26). Sein Partner dort ist Alex Künzle, ebenfalls mit 50 Prozent beteiligt und bei allen Blättern der St. Galler Gruppe Verlagsleiter. Chefredaktor aller zwölf Blätter ist Franz Welte. Und während Zehnder bei “seiner” Zeitung, den “Wiler Nachrichten”, sehr nahe dran ist, entscheidet andernorts beispielsweise der Chefredaktor über Neueinstellungen, wieder andernorts der jeweilige Chefredaktor gemeinsam mit dem “Verlags-Supervisor” der Zehnder-Gruppe, Raphael Bogo.

“Ich gebe teilweise Gegengewicht zum NZZ-Monopol”
Manche RedaktorInnen-Verträge unterschreibt Zehnder persönlich, andere nicht. Und da kommt ihm ein besonderes Beispiel in den Sinn: “Wir haben eine Redaktorin angestellt, deren Mann Gewerkschaftsfunktionär ist und sie eine Sozi. Bei diesem Vertrag ist die Redaktionsleitung zu mir gekommen und hat gesagt: ‚Herr Zehnder, das ist eine Sozialistin.‘ Ich habe gesagt: ‚Ja, und?‘” Ganz normal lief die Anstellung dann doch nicht ab: “Wir haben einfach in den Vertrag genommen, dass sie das linke Gedankengut nicht explizit in die Zeitung hineinbringen dürfe, sondern an und für sich ausgewogen schreiben müsse”, sagt Zehnder, und dass diese Regelung seit mehreren Jahren problemlos funktioniere.
Die “Ausgewogenheit” der Zehnder-Blätter hingegen wird vom lesenden Publikum öfters in Frage gestellt. FDP-Mitglied Rolf-Peter Zehnder nennt seine Blätter klar “bürgerlich”. Und führt diese Einheitlichkeit auf die örtlichen Gegebenheiten zurück: “Wir waren früher total neutral. Aber jetzt haben wir eine andere Aufgabe erhalten.” Denn früher habe es in Wil acht Zeitungen gegeben, heute nur noch eine, die “Wiler Zeitung”. Sie hat mit dem “St. Galler Tagblatt” einen Mantelvertrag; das “St. Galler Tagblatt” wiederum, das auch Radio Aktuell und Tele Ostschweiz betreibt, gehört zur NZZ-Gruppe. “Das Monopol, das heute die NZZ hat, ist gefährlich, das kann man schon sagen. Dadurch haben sie natürlich schon die Möglichkeit, den Bürger zu beeinflussen, massiv. Da gebe ich eben teilweise Gegengewicht”, sagt Zehnder – und argumentiert mit der Monopol-Schiene ähnlich wie Verlegerverbandspräsident Hanspeter Lebrument.

“Lebrument ruft aus, die Gratiszeitungen seien ‚huere Chäsblättli‘”
Allerdings sind sich die beiden nicht eben wohlgesinnt. Als “so ein Chabis von einem Blatt” hat “Südostschweiz”-Verleger Lebrument vor mehreren Jahren Zehnders “Bündner Nachrichten” bezeichnet. Zehnder weiss das noch heute: “Lebrument ruft aus, die Gratiszeitungen seien ‚huere Chäsblättli‘, aber der gleiche Lebrument ist heute Mitbesitzer der ‚Obersee Nachrichten‘, einer Gratis-Wochenzeitung!” Überhaupt habe in den sechziger, siebziger Jahren jeder Verleger “ausgerufen wie ein barer Cheib” über “Wochenchäsblättli vom Zehnder”: “Und nennen Sie mir heute einen Verleger, der nicht einen Anzeiger hat. Es hat jeder einen!”
Nicht jeder aber hat einen “Verlagsredaktor” wie Zehnder. Verlagsredaktor Charly Pichler schreibt eine wöchentliche Kolumne, die in allen Zehnder-Blättern – zusammen mit einem Kreuzworträtsel und einer Beratungsrubrik – auf der “Verlagsseite” abgedruckt werden muss. Fix. Eine Kolumne, die es schon bis vor den Presserat brachte: Pichler hatte im Sommer 2002 einen thurgauischen Asylbewerber namens “Mechmed Z.” beschrieben, der es sich auf Kosten der Schweizer Sozialwerke mit seiner Familie ausserordentlich gut ergehen lasse. Der “Fall Mechmed Z.” tauchte später nicht nur in der “Weltwoche” wieder auf, sondern brachte seinem Autor auch eine teilweise Verurteilung durch den Presserat ein: Zwar konnte dieser, “trotz Zweifel an der Echtheit dieses Falls”, nicht entscheiden, ob Pichler die Geschichte fingiert habe. Sehr wohl aber konnte er entscheiden, dass der Verlagsredaktor in mehreren Punkten gegen die “Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten” verstossen habe.
Er habe das Presserats-Urteil gelesen, sagt Zehnder, und sich entschieden, “nicht zu opponieren”, weil der Informant seines Verlagsredaktors, ein Chefbeamter, aus Selbstschutz um absolute Anonymität gebeten habe, “und die Rüge war ja nicht so wahnsinnig gross”. Pichler schreibe sicher “aggressiv, geht an die Gürtellinie heran”. Aber “rechter als rechts”, wie man ihm nachsage, sei er nicht: “Er deckt die Mängel auf, ist aber, finde ich, relativ objektiv.” Dennoch habe Pichler bei ihm nicht einfach Carte blanche: “Wenn ich merke, jetzt schiesst er übers Ziel hinaus, dann stoppen wir es. Ich habe zwar nicht Zeit dafür, alle seine Artikel zu lesen, aber er legt mir diejenigen, die eine gewisse Brisanz haben, vor.” Bei “schweizerisch interessanten” Themen, zum Beispiel EU oder bilaterale Verträge, müsse Pichler ihm die Texte unterbreiten.

“Die Linie gebe ich natürlich schon vor”
Denn bei “schweizerisch interessanten” Themen und nationalen Abstimmungen strebt der einstige EWR-Gegner und heutige EU- und Bilaterale-Befürworter Zehnder eine “unité de doctrine” in seinen Zeitungen an: “Mein Verlagsredaktor behandelt diese Dinge. Und ich sage den Redaktionen per Mail, in welche Richtung wir gehen.” Bei kantonalen und regionalen Themen hingegen seien die Redaktionen frei in ihrer Haltung – mit Ausnahme der Blätter, die im Kanton St. Gallen erscheinen: “Sonst heisst es doch: In den ‚Wiler Nachrichten‘ ist der Zehnder dafür, in den ‚St. Galler Nachrichten‘ dagegen. Spinnt der? Da muss man doch eine Linie haben, oder? Und diese Linie gebe ich natürlich schon vor.”
Inhaltlich, qualitativ sind Zehnders Zeitungen, sagen wir einmal: sehr unterschiedlich. Manche sind dünn, ziemlich PR-lastig, andere bieten anständiges journalistisches Handwerk. “Ja, sie sind sehr unterschiedlich”, sagt Zehnder, “aber nicht von der Qualität, vom Inhalt, sondern vom Umfang her. Wir haben sehr starke Zeitungen und so genannte Randzeitungen, also Zeitungen, die wir einfach zum Auflagevolumen brauchen. In einem wirtschaftlich schwachen Gebiet ist die Zeitung schwächer, die Redaktion kleiner.”

Stellen Sie auf Ihren Redaktionen nur ausgebildete Journalistinnen und Journalisten an?
“Beides, es kommt darauf an, wer sich meldet, wenn wir die Stellen ausschreiben”, sagt Zehnder, und fügt lachend an: “Ich bin gar kein Gewerkschaftler.”
Das würde ihm auch niemand unterstellen. Im Druckbereich ist Zehnder laut Roland Kreuzer, Comedia-Zentralsekretär Druck, “mittlerweile einer der grössten Nicht-GAV-Betriebe in der Deutschschweiz”. Durch seine Position als wichtiger Arbeitgeber in Wil und Rickenbach könne Zehnder die Arbeitsbedingungen bestimmen. Im Bereich Journalismus lägen die Zehnder-Blätter, so Comedia-Presse-Zentralsekretärin Stephanie Vonarburg, “bei den Arbeitsbedingungen und den Löhnen krass unter GAV und dem Branchenüblichen”: “Comedia betreut mehrere Beratungsfälle von Zehnder- und Ex-Zehnder-Angestellten. Einer davon liegt jetzt beim Gericht.”
“Aber Sie”, sagt Zehnder auf die entsprechende Frage, “die Leute sind zufrieden, alle, die gegangen sind, wollen wieder kommen.” Es gebe sicher mehr als 40 Leute, die seit über 20 Jahren in seinem Betrieb arbeiten würden. “Wenn wir kein guter Betrieb wären, wäre das nicht so.” Die Löhne der RedaktorInnen, so Zehnder, kenne er zwar nicht, er gehe aber davon aus, dass mehr erfüllt werde, als sein müsse. Der hängige Fall vor Arbeitsgericht – es geht um die Bezahlung in der Kündigungsfrist und für geleistete Überstunden – sei ihm nicht bekannt.
Übrigens seien Comedia-GewerkschafterInnen in die Druckerei seines Sohnes gekommen und hätten “den Leuten erzählen wollen, was sie machen müssen wegen des Minimallohns. Alle haben gelacht und gesagt: ‚Sie, liebe Dame, wissen Sie auch, dass wir mehr verdienen als das, was Sie fordern, und dass wir bessere Sozialleistungen haben als das, was Sie erzählen?‘”

Es heisst, Sie seien ein Patron – im Guten wie im Schlechten. Würden Sie das unterschreiben?
“Jaaaa”, sagt Zehnder: Man werde, wenn man selbständig sei und alles auf den eigenen Schultern laste, vielleicht teilweise schon ein Patron, ein Patriarch in manchen Dingen. “Auch in der Familie, das zieht es natürlich mit sich”, fügt er bei: “Früher, als meine Kinder in die Schule gingen, hat keines gesagt, es wolle mal in die Fussstapfen des Vaters treten. Und jetzt habe ich alle drei im Betrieb drin. Also scheint es nicht so schlecht zu sein.”
Zehnder hat drei erwachsene Kinder, zwei Töchter, einen Sohn. Sein Sohn, Andreas-Georges Zehnder, ist seit 2000 Inhaber des Druckbereichs, der Rolf-Peter Zehnder AG, der Zehnder Print AG und der Lithographie-Anstalt AG: “Da wir im Kanton St. Gallen keine Schenkungssteuer mehr haben, habe ich ihm alle Aktien schenken können.” Er und sein Sohn seien übrigens “total verschiedene Typen”, er selbst habe “von der Pieke auf gelernt”, sein Sohn habe in Lausanne studiert und als Ingenieur HTL graphisches Gewerbe abgeschlossen. Die Unterschiede im Werdegang zeigten sich auch in der Geschäftsführung: “Mein Sohn hat eine Kostenstellenrechnung, alles ganz genau. Ich habe immer Pi mal Handgelenk gerechnet, weil ja sowieso das ganze Geschäft über mich gelaufen ist.”

“Ich will sicher mehr und mehr abgeben”
Möglicherweise wird sich mit dem neuen Druckerei-Inhaber auch die Haltung gegenüber den Gewerkschaften ändern. Rolf-Peter Zehnder hat die Gewerkschaften nie empfangen. Vor rund zwei Jahren aber, so Roland Kreuzer, habe er gemeinsam mit der Ostschweizer Comedia-Regionalsekretärin Monika Rohner ein Gespräch mit Andreas Zehnder geführt. Immerhin. Dieser habe gesagt, er werde den GAV studieren. Doch, so Kreuzer, sei nicht zu erwarten, dass sich die Zehnder AG nächstens dem GAV unterstelle: Den Extraprofit in den Bereichen Löhne, Zuschläge und Arbeitszeiten werde Zehnder kaum freiwillig aufgeben.
Den Verlagsbereich führt vorläufig weiterhin Vater Zehnder, heute der “beste Kunde” seines Sohns; die Zehnder-Zeitungen werden selbstverständlich im 2000 neu gebauten Zehnder-Druckzentrum in Rickenbach gedruckt. Und, da Rolf-Peter Zehnder “sicher mehr und mehr abgeben”, will, wird Sohn Andreas über kurz oder lang auch den Verlag übernehmen. Das, so Zehnder, sei mit der Familie abgesprochen. Die weiteren Geschäfte liegen bei den Töchtern: Regula Seiler-Zehnder führt heute schon das Copy- und Schnelldruckcenter, betreut die Restaurants und die Bar; sie wird zudem später die Fitnesscenter übernehmen. Die jüngere Tochter, Felicitas Wittibschlager-Zehnder, führt bereits heute das Multiplex-Kino in Wil.

Herr Zehnder, wie kommt ein Druckunternehmer zu einem Kino, zu Fitnesscenters und Restaurants?
“Wenn Sie eine Zeitung haben, gibt es immer Synergien. Und Sie haben einen relativ grossen Kollegenkreis. Dann kommt einer und fragt: ‚Wir wissen nicht mehr weiter mit unserem Fitnesscenter, wäre das nichts für dich?‘” – so geht das, erklärt Zehnder. Dann kommt eben auch die Stadt Wil mit einem Anliegen: “Als die beiden Kinos in Wil an einen Immobilienhändler verkauft werden sollten, hat mich der Stadtammann gebeten, ob ich sie nicht mit den ‚Wiler Nachrichten‘ kaufen wolle. Also hat sich das so ergeben.” Später sei die Stadt zweimal mit dem Projekt eines Stadtsaals am Stimmvolk gescheitert. Danach, so Zehnder, habe die Stadt ihn angefragt, ob er nicht mit seinen Kinos als Stockwerkeigentümer in den Stadtsaal kommen wolle, und: “In der darauf folgenden Abstimmung wurde der Stadtsaal mit grossem Mehr angenommen.”

Sind Sie der Stadtkönig von Wil, Herr Zehnder?
Zehnder klopft nachdenklich auf den Tisch. “Wüssed Si”, das sei schwierig. Es habe beim Stadtsaal schon geheissen, er, Zehnder, sei der achte Gemeinderat, oder gar, er habe die Gemeinderäte über den Tisch gezogen, aber: “Gschnörr gibt es ja immer.”
Doch, er nehme Einfluss, räumt Zehnder ein. Aber nicht persönlich, eher durch seine “Wiler Nachrichten”, die “das Privileg” hätten, heute lokal stärker zu sein als die hiesige Tageszeitung. Deshalb hätten Gemeindebehörden und Stimmvolk entschieden, ab 2005 neben der “Wiler Zeitung” auch die “Wiler Nachrichten” als offizielles Publikationsorgan der Gemeinde zu berücksichtigen, erzählt Zehnder stolz.
Weniger glücklich ging ein langjähriges Engagement als Sponsor des FC Wil aus. “Als Wiler und als Wiler Zeitungsmacher” sei er in dieses Sponsoring “einfach so hineingewachsen”, sagt Zehnder. Als der FC Wil noch in den unteren Ligen spielte, waren die “Wiler Nachrichten” Leibchen-Sponsor, dafür druckte Zehnder die FC-Wil-Drucksachen. Später, in der höchsten Liga, sei “teilweise natürlich noch Geld geflossen”. Doch dann folgte der Skandal um FC-Wil-Präsident Andreas Hafen, der als UBS-Vizedirektor in St. Gallen gegen 50 Millionen Franken veruntreut hatte, folgten Geschichten und Probleme rund um die ukrainische Investorengruppe, die danach den FC Wil übernahm. Irgendwann waren die negativen Meldungen über den FC Wil zu viel: “Ich musste sagen: Es ist kontraproduktiv für mich, wenn ich mit den ‚Wiler Nachrichten‘ auf den Leibchen bin und in der ganzen Schweiz wird der Verein als Globi-Verein angeschaut.” Zehnder stieg aus.

“Würde ein Jäger etwas aufstellen, was er nicht selbst geschossen hat?”
Er selbst, Präsident der IG St. Galler Sportverbände, ist kein Fussballer, sondern aktiver Schütze – und Jäger. Davon zeugt eine selbst geschossene Schnepfe – “Ja, glauben Sie, ein Jäger würde etwas aufstellen, das er nicht selbst geschossen hat?” – auf dem Schreibtisch in seinem Büro. Jäger betreiben ihren Sport, im Gegensatz zu Fussballern, nicht im Team. Und Zehnder ist auch als Verleger eher allein unterwegs: Mitglied des Verbands Schweizer Presse ist er nicht und pflegt auch sonst keine engen Kontakte zur Verlegerbranche. Mehrere Verleger haben es ihm übel genommen, dass seine neuen Zeitungen oft sehr ähnlich benannt werden wie die örtliche Konkurrenz. In Zürich und im Zürcher Unterland kam es deswegen zu Gerichtsfällen. Im seinem Gebiet, so “Zürcher Unterländer”-Geschäftsleiter Erland Herkenrath, habe Zehnder die “Zürcher Unterländer Woche” auf den Markt gebracht; deren Inserateakquisition habe bei möglichen Kunden den Anschein erweckt, es handle sich um den “Zürcher Unterländer”. “Unlauteres Vorgehen nenne ich das”, sagt Herkenrath und nennt Zehnder einen “Trittbrettfahrer”. Die Sache endete 1999 mit einem Vergleich, die “Zürcher Unterland Woche” änderte ihren Namen.
Darauf angesprochen, weist Zehnder darauf hin, dass die “Zürcher Unterland Woche” zur St. Galler Gruppe der Zehnder-Zeitungen gehört habe, die zur Hälfte Alex Künzle gehöre. Künzle sei für Redaktion und Verkauf zuständig und habe der Zeitung ihren Namen gegeben: “Ich habe erst davon erfahren, als es schon vor Gericht war. Und schliesslich wurde ja nachher der Name geändert.”

“Ich bin eben kein Verbandsheini”
Obwohl Gratiszeitungs-König, ist Zehnder auch nicht Mitglied des Verbands Schweizer Gratiszeitungen (VSGZ). Laut VSGZ-Sekretär Hannes Zaugg gab es Gespräche mit ihm: “Dabei hat sich gezeigt, dass Herr Zehnder eine andere Geschäftsphilosophie vertritt als der Verband. Der Verband legt sehr grossen Wert darauf, dass gewisse Qualitätsregeln eingehalten werden. um gegenüber Lesern und Inserenten die Seriosität zu gewährleisten. Herr Zehnder handhabt solche Kriterien flexibler. Aufgrund dieser Unterschiede hat er entschieden, er passe nicht in unseren Verband.” Zehnder, nach einer möglichen VSGZ-Mitgliedschaft gefragt, schnaubt kurz: “Zuerst muss dieser Verband etwas tun.” Er mache gerne mit, wenn der VSGZ eine Werbekampagne gegen die Stopp-Werbung-Kleber mache, die zeige, “was es die Schweiz an Arbeitsplätzen kostet, dass man die Zeitungen nicht in alle Briefkästen verteilen kann”.
Er sei eben “kein Verbandsheini”, sagt Zehnder. Wie schon sein Vater war er Anfang der 1960er Jahre Mitglied des Schweizerischen Buchdruckermeister-Verbands. Deshalb habe er jeweils seine Aufträge an den Verband melden müssen – und dabei festgestellt, dass der Konkurrent in Wil diese Meldungen erhalten und einfach einen tieferen Preis offeriert habe: “So einen Verband brauche ich nicht. Seither bin ich nicht mehr dabei.”

Letzte Frage, Herr Zehnder: Wie würden Sie Ihren Führungsstil definieren?
“Unorthodox. Ja, unorthodox, würde ich sagen.”

Untertan Pichler

hs./ Die einen nennen ihn eher ironisch Zehnders “Starjournalisten”, andere bezeichen ihn als dessen “Hofschreiber”. Offiziell ist der gebürtige Österreicher Charly Pichler jedoch “Verlagsredaktor Zehnder Zeitungen”. Seine wöchentliche Kolumne ist häufig eine grobschlächtige Abrechnung mit jenen, die ein Mann seines rechten Schlages als Gegner ausgewählt hat und dann als Schmarotzer oder Ähnliches beschimpft. Einmal sind es “vor allem ausländische Frauen, die sich im Sozialstaat Schweiz ohne grössere Anstrengungen” bereichern würden, ein anderes Mal sind es die angeblichen “Terror”-Verhältnisse in Schweizer Strafanstalten (überschrieben mit: “… und der ‚Igor‘ sagt, wo’s langgeht”). Vieles von dem, was Pichler schreibt, könnte ebenso gut in der Parteizeitung der Schweizer Demokraten stehen. Oder auch in Ulrich Schlüers “Schweizerzeit”. Mindestens einmal übernahmen Verfasser eines asylbewerberfeindlichen Flugblattes im Kanton Luzern wortwörtlich einen Pichler-Text.
Zu einiger Bekanntheit hat Pichler jene Geschichte verholfen, deren Inhalt von Markus Schär in die “Weltwoche” gebracht wurde: “Mechmed Z. liebt unsere Gesetze” (siehe Seite 24). Pichler kann aber noch wesentlich direkter werden. Im November 2000 schrieb er beispielsweise: “Diese unselige Gruppierung von Ex-Jugoslawen, die hier ihren Terror ausübt: Gewalt ihr Lebenselixir, Prügel ihre Befriedigung, Provokation ihre Freude und Hass auf alles Schweizerische ihr Antrieb.” Der Text habe auf Weisung der Konzernleitung abgedruckt werden müssen, erklärte damals der Redaktor eines Zehnder-Titels. Wie auch immer, der – zurückhaltend ausgedrückt – diffamierende Satz trug Pichler zwei Anzeigen wegen Widerhandlung gegen die Rassismus-Strafnorm ein. Diese hätten mit “Nichtanhandnahme-Verfügungen” geendet, erklärt Pichler gegenüber KLARTEXT. Doch auf die Frage, wie oft er denn bereits von Zehnder zurückgepfiffen worden sei, will Pichler erst nach Rücksprache mit dem Konzernchef etwas sagen. Und beim zweiten Anruf verweigert er ohne Begründung jedes weitere Gespräch. So viel zur Zivilcourage eines untertänigen Schreibers.

Zehnder-Gruppe:Gratiszeitungen, Druckereien und Freizeitangebote

bbü./ Die Zehnder-Gruppe besteht aus den drei Bereichen Druck (Zehnder Print AG, Rolf-Peter Zehnder AG, Lithographie-Anstalt AG, Copy-Center), Verlag (22 Gratis-Wochenzeitungen, “Active live”, “Schützen-König”, “Schweizer Veteran”) und Freizeit (CINEWIL, Fit Point Restaurant, TC Training Center in St. Gallen, Wil, Rickenbach, Winterthur, Ilge Piano Bar Wil, Hirschen Märwil). Sie beschäftigt laut Rolf-Peter Zehnder insgesamt rund 500 Personen und erreicht einen Jahresumsatz von “etwa zwischen 60 und 80 Millionen Franken”.
Zwölf der 22 Gratiszeitungen – “Aarauer Nachrichten”, “Aargauer Rundschau”, “Appenzeller Rundschau”, “Bodensee Nachrichten”, “Bündner Nachrichten”, “Nachrichten für das Limmattal”, “Rheintaler Bote”, “St. Galler Nachrichten”, “St. Galler Oberland Nachrichten”, “Thurgauer Nachrichten”, “Züri Nachrichten”, “Züri Rundschau” – besitzt Zehnder nur zu 50 Prozent, die anderen 50 Prozent gehören seinem Partner Alex Künzle. Zählt man die übrigen Zeitungen – “Kreuzlinger Nachrichten”, “Luzerner Rundschau”, “Neue Oberaargauer Zeitung”, “Neue Oltner Zeitung”, “Oberthurgauer Nachrichten”, “Schwyzer Woche”, “Weinfelder Nachrichten”, “Wiler Nachrichten”, “Winterthurer Zeitung”, “Zuger Woche” – hinzu, erreichen die Zehnder-Blätter eine Auflage von 625’721 Exemplaren. Seit Herbst 2003 werden die 22 Zehnder-Blätter zusammen mit dem “Schaffhauser Bock”, dem “Singener Wochenblatt” und dem Bülacher “Wochenspiegel” als Werbe-Kombination “NordostCombi” angeboten.

Keine Kommentare zugelassen.

Aktuelles Heft:

EDITO Ausgabe: 4 | 2017
  • Native Advertising I: Wie und wo es getan wird und warum es ein IKEA-Problem gab
  • Native Advertising II: Dennis Bühler und Maurice Thiriet im Streitgespräch
  • Native Advertising III: Medienwissenschaft ist uneins
  • Bericht vom Gericht
  • Bericht aus Mossul
  • und anderes mehr