11. Juli 2007 von GastautorIn

Interviews autorisieren lassen? Nicht grenzenlos!

Immer wieder greifen Interviewte beim Gegenlesen massiv in den Text ein. Sind JournalistInnen der Quasi-Zensur ihrer GesprächspartnerInnen schutzlos ausgeliefert? Von Peter Studer, Rechtsanwalt und Präsident des Presserats.

Bundeshaus-Reporterin Susanne Windlin legte einen schockierenden Katalog selbst erlebter Fälle vor, in denen sie sich von Interviewgebern oder deren “Kommunikationsberatern” erpresst fühlte (KLARTEXT 3/2003). Da wollten Interviewgeber einzelne Worte in den vorgelegten Texten ausgewechselt haben, Fragen hinzufügen, Antworten streichen – und drohten im Weigerungsfall mit “Rückzug” des Interviews. Alles unter dem Stichwort des “Autorisierens” eines Interviews. Ist die Journalistin den Macken der Interviewgeber tatsächlich schutzlos ausgeliefert?

BESTEHT ÜBERHAUPT EIN UNABWEISBARER ANSPRUCH AUF GEGENLESEN? Um welche Textsorten geht es? Der Presserat unterscheidet zwei Typen: Hier die formellen, meist ausführlichen “gestalteten Interviews”; dort die meist nur als Zitat in einem Bericht aufscheinenden, kurzen “Recherche-Interviews”. Bei gestalteten Interviews muss die publikationsreife Textversion dem Interviewgeber vorgelegt werden – auch ohne besonderes Verlangen1. Der Interviewgeber darf aber keine Korrekturen anbringen, die sich völlig vom geführten Gespräch – das ja meist auf Tonband gespeichert ist – entfernen. Erst recht kann er nicht Fragen streichen oder neue Fragen einfügen.
Dieses Obligatorium des Gegenlesens macht unter den Gesichtspunkten der Informationsqualität und der Fairness durchaus Sinn. Erstens dauert das formelle Interview in der Regel so lange, dass auf der bereitgestellten Halbseite, Seite oder Doppelseite nur eine stark geraffte Zusammenfassung Platz hat. Zweitens wird in jedem Falle “übersetzt”: von der gesprochenen Umgangssprache – meist Mundart – in die verbindlichere und von Verlegenheitsbrocken gereinigte Schriftsprache. In diesem Prozess können aber auch wichtige Elemente und Nuancen der gesprochenen Version untergehen. Das gilt umso mehr, wenn der Fachmann über sein Gebiet Auskunft gibt und der fragende Journalist Laie ist. Unter fairen Leuten wird man sich rasch einigen können, da ja alles “gesagt” war, wie das Tonband beweist. Unbedingten Korrekturanspruch hat der Interviewgeber, wenn ihm in der Hitze des Gefechts ein Zahlen- oder Datenfehler oder gar eine Ehrverletzung gegenüber Dritten herausgerutscht ist. Er muss nicht hinnehmen, dass das in der gedruckten Version “verewigt” wird.
Etwas anders liegen die Dinge bei Recherche-Interviews. Hier verlangt der Presserat nur, dass sich Medienleute mit Zeitungstitel, Ziel und Form des Recherchevorhabens vorstellen. Kennen sich die Partner bereits, kann das Gegenlesen entfallen. Besteht der Auskunftgeber aber darauf, ist ihm ohne Wenn und Aber das vorzulegen, womit er in direkter oder indirekter Rede zitiert werden soll. Keinesfalls unterbreitet die Journalistin jedoch einen ganzen kontroversen Recherchetext, da dieser ja meist noch geenläufige Zitate anderer Personen enthält, die dann unter Druck geraten könnten.

UND WIE VERHÄLT ES SICH MIT DEM GEFÜRCHTETEN “ABSTIMMEN” DES TEXTES, DAS SICH MANCHE INTERVIEWGEBER UND IHRE INFORMATIONSCHEFS IM VORAUS AUSBEDINGEN? Falls der “Berater” des Interviewgebers eine massiv umgeschriebene, inhaltlich bis zur Unkenntlichkeit veränderte und ergänzte Version zurückschickt, soll die Redaktion zunächst einen Abdruck verweigern1. Referenzpunkt ist ja jetzt nicht mehr “das Gesagte”, sondern das, was der Interviewte aus eigenen Motiven publiziert haben möchte. Der Charakter des Interviews, das eine prickelnde Provokation zur Selbstdarstellung sein sollte, ist verfehlt; es resultiert nur noch Tarnung für “Spin”. Bleibt es dabei, mag die Redaktion den Vorgang rund um das nun ungedruckt bleibende Interviewvorhaben ihren Lesern in sachlicher indirekter Rede mitteilen2.
Meist kommt es vorher aber zu einem zähen Aushandeln, da ja beide Seiten das Interview eigentlich gedruckt sehen wollen. Einigen sich beide Seiten auf eine Version, so ist diese ohne Rückgriff auf den “Urtext” zu publizieren (Presserats-Fall “Cottier c. ‚Facts‘”, vgl. Kasten). Es steht der Redaktion aber frei, in einem Kasten den bewältigten Konflikt knapp und sachlich zu resumieren – das dient der Transparenz zuhanden der Leserschaft (TA-Interview mit Andres Leuenberger, vgl. Kasten).

KÖNNEN DER INTERVIEWGEBER UND SEIN ANWALT BIS KURZ VOR DER PUBLIKATION MIT RÜCKZUG DES INTERVIEWS DROHEN? WIE SIEHT DIE RECHTSLAGE AUS? Immer noch gibt es Anwälte, die das “Recht am eigenen Wort” anrufen und auf jederzeitigen Widerruf eines Interviews pochen; und es gibt Journalisten, denen darob der Angstschweiss ausbricht. Vielleicht lassen sich auch noch – vor allem an Landtribunalen – Einzelrichter finden, die sogar ohne Anhörung der Redaktion ein entsprechendes “superprovisorisches” Publikationsverbot erlassen: Weil der Anwalt des Interviewgebers “Dringlichkeit”, drohenden “besonders schweren Nachteil” und “offensichtliches Fehlen eines öffentlichen Interesses” “glaubhaft macht” (Art. 28 c Abs. 2, Art. 28 d Abs. 3 ZGB). Dass der Richter im Zeitalter von Telefon, E-Mail und Fax eine Redaktion “superprovisorisch” gar nicht mehr kontaktiert, sollte allerdings absolute Ausnahme sein2.
Meldet sich aber der Anwalt oder der Richter mit einem Verbotsvorhaben, kann die Redaktion einwenden: Unbestritten ist das “Recht am eigenen Wort” eine Facette der Persönlichkeit (Art. 28 ZGB). Ebenso unbestritten aber macht der Interviewgeber einen ersten grossen Schritt an die Öffentlichkeit, wenn er sich mit Medienleuten für ein gestaltetes Interview zusammensetzt. Er willigt damit ein, sein “Recht am eigenen Wort” im Hinblick auf die beabsichtigte Publikation einzuschränken (“Einwilligung des Verletzten”, Art. 28 Abs. 2 ZGB) – immer unter dem Vorbehalt, dass zusätzliche Abmachungen eingehalten werden. Allermindestens darf der Inhalt des Gesagten, der nun beim Journalisten deponiert wird, zuhanden einer weiteren Öffentlichkeit verwendet werden. Den “Restbestand” des Rechts am eigenen Wort respektiert der Journalist, indem er bloss eine Zusammenfassung in indirekter Rede publiziert. Dies scheint mir ein praktikabler und fairer Weg zu sein, wenn auch die Rechtswissenschaft – soweit sie sich überhaupt dazu äussert – unterschiedlich darüber denkt.
Nun ist es an den Journalisten, vor dem Interview auf der klaren Abmachung zu bestehen, dass Abänderungen nur im Rahmen des gesprochenen Inhalts gemäss Bandaufzeichnung möglich sind. Das unterlassen sie oft zu ihrem eigenen Schaden; Auslegungskonflikte unter Zeitdruck – “aber so war das Gegenlesen natürlich nicht gemeint!” – sind dann sehr mühsam (vgl. Kasten Leuenberger/”Tages-Anzeiger”). Eindeutige Aussagefehler können in jedem Fall korrigiert werden. Aber “Abstimmungen” ausserhalb des ursprünglichen Wortlauts liegen einfach nicht drin. Die Journalistin soll geltend machen, das sei die Branchenusanz und Empfehlung des Presserats1.
Schweizer Gerichtsurteile zu dieser so wichtigen Praxisfrage sind mir nicht bekannt. Anders in Deutschland. Der bekannte deutsche Prominentenanwalt Matthias Prinz schreibt in seinem eher medienkritischen Standardwerk “Medienrecht”: Widerruf der Einwilligung sei nur zulässig, wenn sich seit der Einwilligung die Umstände so gravierend verändert hätten, dass das Persönlichkeitsrecht des Interviewgebers eben doch verletzt wäre. Prinz zitiert deutsche Gerichtsurteile. Denkbar: Parlamentarier X. hat sich im Interview klar gegen den alliierten Einmarsch im Irak ausgesprochen; nach einem unmittelbar anschliessenden Besuch vor Ort ist er jetzt anderer Meinung als noch auf dem Tonband; er mag eine Inhaltskorrektur verlangen.

EIN ORIGINELLER VORSCHLAG: DIE “LE MONDE”-FORMEL. Letztes Jahr teilte der Ombudsmann (“Médiateur”) eine neue Regelung für “Le Monde” mit. Gestaltete Interviews ohne Vermerk seien vom Interviewgeber nicht gegengelesen worden; andernfalls heisse es “gelesen und gebilligt” oder “gelesen und ergänzt”. Das schafft zweifellos ein Höchstmass an Transparenz, verlangt der Leserschaft aber einiges ab. Viel gewonnen wäre schon mit der oben skizzierten Schweizer Praxisempfehlung, die sich konsequent gegen die in Deutschland und hier grassierenden “Abstimmungen” wendet, ohne berechtigte Korrekturen aufgrund des “Gesagten” völlig auszuschliessen.

RECHERCHE-INTERVIEWS: WER KENNT DIE “GROUND RULES”? In Fortbildungskursen fällt mir immer wieder auf, dass die “Ground Rules”, unter denen das Recherchegespräch stattfinden sollte, weder bei Medienleuten noch bei Mediensprechern der Institutionen und Unternehmen bekannt sind. Der Presserat hat sie 1996 so definiert1: Klar und optimal ist “on the record”; der Informant steht mit Namen und Position zu seiner Aussage. “Off the record” bedeutet, dass keine genaue Zuschreibung im Blatt stehen darf; wie der Informant benannt wird, ist im voraus genau festzulegen (“ein hoher Beamter des Aussenministeriums”, “ein enger Vertrauter des Parteichefs” usw.). “On background” schliesst die Zuschreibung der Quelle überhaupt aus (“wie verlautet …”, “Der Redaktion wurde zugetragen, dass …” usw.)2.

1) Schweizer Presserat, www.presserat.ch; Erklärung der Pflichten und Rechte der Schweizer Journalistinnen und Journalisten; zugehörige “Richtlinie” 4.5.; Stellungnahme 1/96
Vademekum, Leitfaden zu den Stellungnahmen des Presserats, Interlaken, 2. A. 2002
2) Peter Studer /Rudolf Mayr von Baldegg, “Medienrecht für die Praxis”,
2. A. Zürich 2001, S. 51 ff

Keine Kommentare zugelassen.

Aktuelles Heft:

EDITO Ausgabe: 1 | 2017
  • Cannabis macht "Denver Post" froh
  • "L'Hebdo"-Einstellung schockt Romandie
  • Vertrauensfrage beschäftigt JournalistInnen
  • Project R wird Briefempfänger
  • "LandLiebe" präsentiert die schönste Schweiz
  • und anderes mehr