15. Oktober 2009 von Nick Lüthi

Die Kleinste mit dem Grössten

Nun also auch noch der «Bund». Nach Tages-Anzeiger, NZZ und Blick hat sich auch der «Bund» in Bern neu einkleiden lassen. Anders als bei den drei Zeitungen aus Zürich wird rund um den Relaunch des Berner Traditionsblatts kein grosses Aufheben gemacht; eine gewisse Relaunch-Müdigkeit scheint sich über die Branche zu legen. Doch ein genauerer Blick auf den Neustart in Bern lohnt sich allemal. Zuerst einmal, weil die kleinste der vier neugestalteten Titel den vergleichsweise grössten Schritt und Schnitt gemacht hat auf der Suche nach einer Erfolgsformel für das Überleben als abonnierte Tageszeitung. Die Zeitung erscheint seit heute rundumerneuert, sowohl was Form, als auch Struktur angeht, ohne dabei ihre Tradition zu verraten. Am stärksten fällt dabei das vierte Faszikel auf, das neu als «Der kleine Bund» figuriert und damit die Tradition der gleichnamigen Samstagsbeilage weiterführt, die zugunsten des «Magazins» eingestellt wurde, das künftig auch dem «Bund» beigelegt wird. Anders als bei Tages-Anzeiger, NZZ und Blick dürfte es beim «Bund» einiges länger dauern, bis man sich an die Neuerungen gewöhnt hat – was aber als gutes Zeichen zu werten wäre. Denn jede Neugestaltung, die das Publikum schon nach ein paar Tagen nicht mehr als solche wahrnimmt, hat nichts gebracht ausser Kosten. So weit ein positiver, hoffnungvoller Blick auf Berns neue alte Zeitung.

Ein zweiter Blick auf den «Bund»-Relaunch zeigt ein anderes, ein weniger schönes Bild; es zeigt den wenig souveränen Umgang mit der jüngsten Geschichte des eigenenen Blatts. Bereits gestern haben Chefredaktor Artur K. Vogel und Tamedia-VR-Präsident Pietro Supino das neue Produkt angepriesen, heute hat es ihnen Verleger Charles von Graffenried gleichgetan. Vogel schaffte es immerhin in einem Nebensatz zu erwähnen, weshalb der Neustart erforderlich wurde: Weil zwanzig Journalistinnen und Journalisten entlassen wurden und nur dank einer engen Kooperation mit dem Zürcher Tages-Anzeiger die Zeitung scheinselbständig überleben kann. Auf eine offizielle und öffentliche Verabschiedung, sowie eine Würdigung ihrer Verdienste im eigenen Blatt warten die Entlassenen weiterhin (und wohl vergeblich). Gestern hätte sich dazu die Chance geboten. Stattdessen konnte man in der Beilage zum Relaunch nur lesen, wer alles an der neuen Zeitung mitgearbeitet hat.

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