«Wie man in den Wald ruft, so schallt es heraus»
In Deutschland siezen ihn die JournalistInnen, in der Schweiz lässt Ottmar Hitzfeld die Medienleute näher an sich ran. Wie der Trainer der Schweizer Fussballnationalmannschaft das perfekte Verhältnis von Nähe und Distanz zu den Medien fand.
Klartext: Ottmar Hitzfeld, in Ihrer Biografie ist zu lesen, dass Sie als Jugendlicher zu scheu waren, um als Messdiener in der Kirche zu helfen. Wie lernten Sie, mit dem öffentlichen Interesse an Ihrer Person umzugehen?
Ottmar Hitzfeld: Das war ein kontinuierlicher Prozess, der schon zu meiner Zeit als Fussballer angefangen hat. Man ist nervös, wenn man die ersten Interviews gibt, und weiss noch nicht, auf was man achten muss. Das Wichtigste ist aber, aus den eigenen Fehlern zu lernen. Ich habe immer selbstkritisch über meine Auftritte nachgedacht. Mit der Zeit entwickelte ich ein Feeling für Aussagen und Gespräche. Je mehr man solche Interviews gibt, desto mehr entwickelt man sich.
KT: Hatten Sie nie Medientraining?
Hitzfeld: Nein, ich bin Autodidakt. Ich analysiere meine Auftritte selber, überlege mir, was ich noch verbessern kann. So kann ich immer etwas dazulernen. Für mich ist der Respekt der Menschen untereinander immer sehr wichtig. Darum war ich nie beleidigend, weder zu Spielern noch zu Reportern.
KT: Worauf legen Sie im Umgang mit den Journalisten Wert?
Hitzfeld: Ich hatte immer Respekt vor den Journalisten; das macht sich bezahlt. Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus. Ich habe im Gegenzug aber auch einen gewissen Respekt von den Journalisten verlangt.
KT: Sie kennen die deutsche Medienlandschaft genauso gut wie die schweizerische. Wo sehen Sie im Sportjournalismus Unterschiede?
Hitzfeld: In Deutschland wird mit härteren Bandagen gekämpft. Die Boulevardpresse ist umfangreicher. Neben der «Bild»-Zeitung gibt es in jeder grösseren Stadt Boulevardmedien, die sich überschlagen. Die Umgangsformen sind härter, teilweise gnadenlos.
KT: Sind in Deutschland die Journalisten hartnäckiger?
Hitzfeld: Nein, das denke ich nicht. Der Druck auf die Journalisten ist in Deutschland aber viel grösser. Es gibt mehr Konkurrenz, die Auflagen müssen einfach stimmen. Dafür habe ich Verständnis. Jeder macht nur seinen Job.
KT: Hat man es in der Schweiz als Trainer einfacher mit den Medien?
Hitzfeld: Nicht unbedingt. In der Schweiz habe ich die Journalisten ein wenig näher an mich herangelassen. Die meisten kannte ich ja schon aus meiner Zeit als Spieler in der Schweiz. In Deutschland bin ich mit allen Journalisten per Sie. Das macht es einfacher, weil die Distanz automatisch gegeben ist.
KT: Sie haben einmal gesagt, dass es heutzutage als Trainer wichtiger sei, ein guter Kommunikator zu sein als ein Fachmann. Was genau meinten Sie damit?
Hitzfeld: Viele Trainer scheitern an der Kommunikation. Gerade wenn es schlecht läuft, können sie sich nicht wehren. Wer gut kommuniziert, kann die Medien auch als Sprachrohr nutzen.
KT: Haben sich die Medien während Ihrer Karriere verändert?
Hitzfeld: Ihr Verhalten hat sich gewaltig verändert. Das Medieninteresse ist enorm gestiegen. Früher gab es noch nicht diese Hektik. Die Journalisten müssen schneller arbeiten und jeder will immer der Erste sein, der die Neuigkeiten hat. In der heutigen Zeit bleibt nichts mehr geheim.
KT: Der tägliche Umgang mit den Medien erfordert heute also mehr Kraft als früher?
Hitzfeld: Wenn die Kommunikation jemandem Probleme bereitet, kann dabei tatsächlich viel Kraft und Energie vergeudet werden. Mir macht der Umgang mit den Medien Spass. Es stellen sich immer wieder neue Herausforderungen, die ich bewältigen muss.
KT: Beim FC Bayern München waren Sie lange Trainer. Wie sind Sie in dieser Zeit mit dem medialen Dauerdruck fertiggeworden?
Hitzfeld: Ich bin von der Schweiz via Dortmund zu den Bayern gegangen. In Dortmund habe ich mich an den Druck, der von der Bundesliga und den deutschen Medien ausgeht, gewöhnen können. Auf den Wechsel nach München war ich damit gut vorbereitet.
KT: Wie stark hat das Powerplay der Medien Ihre Entlassung bei Bayern München 2004 beeinflusst?
Hitzfeld: Ich habe mir selber die Messlatte bei Bayern sehr hoch gelegt. Ich habe mit Bayern fast alles gewonnen. Wenn du dann nur Zweiter wirst, ist das bei den hohen Erwartungshaltungen ein Misserfolg. Die Medien merkten, dass es im Verein kriselte. Da hatte ich schon verloren.
KT: Drei Jahre später beendeten Sie Ihre zweite Amtszeit bei den Bayern freiwillig. Die Aussage von Karl-Heinz Rummenigge, «Fussball ist keine Mathematik», fand in den Medien lautes Echo. Rummenigge kritisierte mit diesem Satz Ihre Taktik und Trainer-Mentalität grundlegend. Beeinflussten die Reaktionen der Medien Ihren Entscheid, 2007 bei Bayern aufzuhören?
Hitzfeld: Den Ausspruch von Rummenigge fand ich sehr respektlos. Selbstverständlich hat auch die Presse einen grossen Wirbel um die Aussage verursacht, ich nahm das jedoch nicht persönlich. Wir hatten bis zu jenem Zeitpunkt eine starke Saison gespielt. Ich fragte mich: Was kommt für eine Aussage, wenn wir die Saison nur auf dem zweiten Tabellenplatz beenden? Also entschied ich mich aufzuhören.
KT: Sie haben sich einmal mit einem Felsen in der Brandung verglichen, an dem alle Journalistenfragen abprallen. Gab es trotzdem Momente, in denen dieser Fels ins Wanken geraten ist?
Hitzfeld: Als junger Trainer las ich jeden Satz über mich und nahm vieles zu ernst. Je älter ich geworden bin, umso klarer wurde mir, dass es nicht so wichtig ist, was Journalisten schreiben. Die Leute wissen oft bereits am nächsten Tag nicht mehr, was sie in der Zeitung gelesen haben. Man darf sich selbst nicht zu wichtig nehmen.
KT: Sie haben auch die andere Seite des Journalismus kennen gelernt. Unter anderem waren Sie beim Sportsender Premiere als Experte tätig.
Hitzfeld: Als Trainer habe ich mich oft über die vielen Kritiker geärgert, die in den Niederlagen immer nur das Negative sahen. Ich wollte es einmal anders machen. In meiner Expertenfunktion bei Premiere konnte ich auch die positiven Komponenten einer Niederlage aufzeigen.
KT: Haben Sie als Trainer von diesen Erfahrungen profitiert?
Hitzfeld: Ich glaube ja. Beim Fernsehen lernte ich, mich klarer auszudrücken. Als Kritiker muss man auch eher Klartext reden und treffender sein. Das hat mir geholfen.
KT: Was wünschen Sie sich von einem guten Sportjournalisten?
Hitzfeld: Insbesondere bei der Nachbetrachtung von Spielen wünsche ich mir manchmal, dass die Journalisten genauer hinschauen. Ein seriöser Journalist sollte erst selbst nachforschen und recherchieren, bevor er ein Urteil über einen Menschen fällt. Sich stets ein eigenes Bild machen.
Das Gespräch führten Simon Jäggi und Florian Brauchli am 15. Oktober, nach dem entscheidenden WM-Qualifikationsspiel der Schweiz gegen Israel, im Swissôtel in Basel. Jäggi und Brauchli studieren an der ZHAW in Winterthur Journalismus.