6. Januar 2010 von Bettina Büsser

Wann glaubt Lebrument an “unsere Zeitungen”?

 Alle Jahre wieder versammelt sich die Medienbranche zur Dreikönigstagung. Und alle Jahre wieder – seit er Präsident des Verbands Schweizer Presse ist – hält dann Hanspeter Lebrument eine Rede, aus der gerne zitiert wird. Das war an dieser Dreikönigstagung nicht anders. Lebrument erzählte vom Verlegerkongress in Interlaken, an dem eine “Masochistenschar” von Verlegern, Chefredaktoren, Publizisten und Anzeigenchefs die Rede von Bundesrat Ueli Maurer beklatscht habe: Maurer habe erstens die Wichtigkeit der Medien für den demokratischen Staat betont, zweitens gesagt, die Medien erfüllten ihre Aufgabe schlecht, drittens kund getan, dass er nicht höre, schaue und lese, was die Medien bringen, und – viertens – dafür tosenden Applaus geerntet. Wie, fragte Lebrument, hätte wohl ein Bauernpublikum auf eine entsprechende Maurer-Rede reagiert, wenn er über die Landwirtschaft dasselbe gesagt hätte: Eure Produktion ist wichtig für diesen Staat, aber was ihr liefert, ist ungeniessbar, und ich esse es nicht.
Ein hübscher Vergleich. Es kam noch besser. “Wir müssen zeigen, dass es sich lohnt, unsere Medien zu nutzen und dafür zu bezahlen”, sagte Lebrument  und rief zu einer “Offensive” gegen die “Glaubwürdigkeitskrise” der Medien auf. Eine Krise, die nach Lebrument offensichtlich auch auf dem eigenen Mist gewachsen ist: “Wir halten die Qualität unserer Produkte für ungenügend, wir bringen unseren Partnern bei, dass wir schlechte Arbeit leisten, unser Branchenmarketing zielt darauf, Inserenten vom Inserieren und Leser vom Abonnieren abzuhalten.” Wenn Lebrument auch nicht klar spezifizierte, wer nun dieses “wir” ist – zumindest ein Teil dieses “wir” müssen ja wohl die Verleger sein. Und damit gehören auch sie zu denen, denen er vorwarf: “Wir glauben nicht an unsere Zeitungen.”
Bloss: Es ist noch kein Jahr her, dass Lebrument in einem Interview mit “Le Temps” sagte, die abonnierten Tageszeitungen führten derzeit einen “existentiellen Kampf um das Überleben”, weil “wir nicht mehr sicher sind, dass die Tagespresse wirklich eine Zukunft hat”. Spricht so einer, der im Gegensatz zur Branche “an unsere Zeitungen” glaubt? Oder glaubt er je nach Anlass mehr oder weniger? Man wüsste es zu gerne.

  • Tags:

Kommentar schreiben

Aktuelles Heft

Ausgabe: 4 | 2010 Die Themen:
  • Heller, der Heftlimacher
  • Service Zukunft mit SR DRS
  • Bilderstreit, nächste Runde