1. März 2010 von Nick Lüthi

Editorial: Tickerisierung des Journalismus

Bild: Manu Friederich

Je schneller, desto aktueller: Was Radio und Fernsehen mit der Möglichkeit zur Liveübertragung recht ist, kann dem Journalismus im Netz nur billig sein. Und billig ist er, dieser moderne­ Echtzeitjournalismus, der vorzugsweise­ als sogenannter Live-Ticker in Erscheinung tritt. Was bei der Berichterstattung über Sportveranstaltungen sinnvoll sein kann, nämlich nüchtern Abschnittszeiten, Zwischenresultate oder Spielzüge im Telegrammstil zu vermelden, ohne die Sportfans mit halbgaren Analysefragmenten zu langweilen, nimmt andernorts dadaistische Züge an: Live-Ticker zum Jungfernflug des Militärtransporters A400M, Live-Ticker von der Medienkonferenz des Bundesrats, Live-Ticker zu Sarkozys Rede am WEF, Live-Ticker hier, Live-Ticker dort. Kein Ereignis ist mehr sicher vor journalistischem Hilfspersonal, dessen Fähigkeiten sich darin erschöpfen, möglichst schnell runterzutippen, was es gerade hört und sieht, das Textschnippsel mit einer Zeitmarke zu versehen und raus in die weite Welt zu blasen – hier rein, dort raus, und meist nicht einmal fehlerfrei.
Nun ist der Ticker keine neue Erfindung, sondern gehört zur Grundausstattung einer Nachrichtenredaktion. Agenturen liefern seit jeher einen permanenten Newsfluss, doch käme es niemandem in den Sinn, diesen ungefiltert dem Publikum zuzumuten. Sogar journalistisch ambitionslose Gratiszeitungen leisten immerhin den Aufwand der Auswahl. Mit der Tickerisierung des Online-Journalismus wird nun gleichsam unverdautes Rohmaterial dem Publikum auf den Bildschirm «gekötzelt». – «13.56 Uhr: Das Flugzeug wird wieder kleiner. Es befindet sich auf einer letzten Schlaufe. 14.00 Uhr: Das Flugzeug befindet noch 11 nautische Meilen entfernt. Es ist bereits zu sehen.» – Vollends absurd erscheint das Tun dann, wenn das Ereignis gleichzeitig via Radio oder TV live übertragen und damit das Publikumsbedürfnis, direkt mitverfolgen zu können, was geschieht, ungleich besser befriedigt wird. Das Instantgeschreibsel bietet gegenüber den audiovisuellen Medien keinerlei Mehr-, sondern nur einen Minderwert.
Es bleibt zu hoffen, dass sich diese relative junge Darstellungsform von selbst überleben wird, sobald die naive Begeisterung für das technisch Machbare – schaut her, wir sind live dabei! – nachlässt und die dafür verschwendeten Ressourcen wieder in die Kernaufgaben des Journalismus investiert werden: weniger Reflexe, mehr Reflexion.

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