26. März 2002 von Klartext

Problem erkannt

Die Berner Tageszeitung “Der Bund” gerät immer mehr unter Druck von der “Berner Zeitung”. Ohne Seniorverleger Werner H. Stuber sucht eine Arbeitsgruppe nach einem Weg, das Familienunternehmen weiterzuführen.

c76e2232017f097a305272c27054f3a3″Wer zur ,offenen Gesellschaft’ steht, für
den kann Zukunft nicht einfach Schicksal bedeuten, unabänderliches. Vielmehr
bleibt die Zukunft, auch die der Presse,
grundsätzlich offen. Sie ist gestaltbar.”
Peter Ziegler, Chefredaktor “Der Bund”

An der Effingerstrasse 1 in Bern steht ein stolzes Haus. Doch seit geraumer Zeit kreisen böse Geister darum, sie tuscheln und sie zischeln und sie streuen böse Gerüchte aus, und kreisend um den schmucken Turmbau ist auch schon der Totenaar gesichtet worden. Und all die wohlriechenden Worte des Hausherrn vermögen die Kreaturen nicht zu vertreiben, stets kehren sie zurück und versetzen jene im Haus in Unruhe, gar in Schrecken.
Das Haus hat einen Namen: “Bund Druck und Verlag AG”. Die Gerüchte aber reden vom baldigen Verkauf, von der Fusion, ja vom schieren Ende des Unternehmens. Und der Hausherr Werner H. Stuber, Verleger von Beruf und Berufung, dementiert in loser Folge das zweifellos völlig unhaltbare Gerede.
Sein neustes Dementi musste er nun gar gegen den Chefredaktor der eigenen Zeitung richten, der im Werbeblatt “persönlich” festgestellt hatte, der Verlegerssohn Hans C. könne nicht für das Unternehmen sprechen, dies könne nur sein Vater. Ohne die selbstverständlich ganz und gar unhaltbare Behauptung Peter Zieglers auch nur zu streifen, erklärte Seniorverleger Stuber im nächstfolgenden “persönlich”-Heft, seine beiden im “Bund”-Verlag angestellten Söhne könnten im Gegenteil sehr wohl in dessen Namen sprechen.
Ein Widerspruch? Ziegler, der Desavouierte, sonst wortreich, bleibt verschlossen. Immerhin: Gegenüber KLARTEXT lässt er es nicht bei einem “absolutely no comment” bewenden, sondern wünscht in der letzten Novemberwoche gleich noch “frohe Festtage und ein gutes Neujahr”. Knapp bleibt auch der vom Vater rehabilitierte Juniorverleger Hans C. (30): “Wir sagen nichts”. Nur sein Bruder Werner E. (30) ist sich sicher: “Herr Ziegler hat sich schlicht geirrt.” Von Vater Stuber (61) war keine Bekräftigung des Dementi erhältlich – er weilte zur Kur im Ausland.
So bleibt die Hoffnung mancher “Bund”-Angestellter vorerst unerfüllt, die Stuber-Söhne möchten bald ihrer Posten im Betrieb – sie leiten die Druckzentren in Bern-Bümpliz und an der Effingerstrasse – enthoben werden. Denn kaum jemand beim “Bund” hat nicht schon ihre Führungsfähigkeiten angezweifelt oder traut ihnen als sechster Generation der Familie Stuber zu, die Existenz des Unternehmens und damit der Zeitung im zunehmenden Konkurrenzkampf zu sichern.
Dabei sieht die wirtschaftliche Zukunft des “Bund” gar nicht rosig aus. Optimistisch geblieben sind in dieser Hinsicht eigentlich nur noch die “Bund”-Werbetexte (“Viele Blätter fallen – wir steigen”). Nicht nur Probleme wie die ineffiziente Raumbewirtschaftung oder das Defizit der Akzidenzdruckerei plagen den Verlag, sondern auch der gewaltige Druck der erfolgreichen “Berner Zeitung” (BZ), die bis heute massiv Leserinnen und Leser zulegt, während die Vergleichszahlen beim “Bund” deutlich rückläufig sind. Selbst die Inserateflaute hat die BZ im ersten Halbjahr 1991 weniger getroffen als den “Bund” (geschätzte Verluste: rund 2,5 Millionen Franken).
Wieviel Vertrauen die Söhne beim Vater geniessen, welches genau ihre Minderheitsanteile am Aktienkapital der Familiengesellschaft sind, ist nur gerüchteweise bekannt. Fest steht: Bis heute sitzen sie in der Geschäftsleitung, nicht aber im Verwaltungsrat. Und auffällig ist, dass in der Arbeitsgruppe, die seit eineinhalb Jahren Modelle für eine neue Betriebsstruktur prüft, nicht der Vater, wohl aber die Söhne vertreten sind, obwohl Werner H. erklärtermassen Verwaltungsratspräsident und Verleger bleiben soll.
“Die Arbeitsgruppe ist eine Spielwiese für die Junioren, während der alte Stuber die Zügel in der Hand behält”, spottet ein “Bund”-Kenner. Dagegen spricht immerhin, dass im Reformteam nicht nur Chefredaktor Ziegler, zwei Vertreter der Redaktion und einer der Technik mitarbeiten, sondern – zeitweise – auch der Medienberater Franz A. Zölch sowie ein Experte der Treuhandfirma “Atag”. Auf ihren Bericht dürften nicht nur die Angestellten des “Bund”, vom Unternehmen bislang auf Info-Diät gesetzt, gespannt sein. Da selbst der Termin der Veröffentlichung geheim ist, müssen sie sich aber für den Moment mit den Wörtern begnügen, die der Chefredaktor am “1. Berner Medientag” ans Publikum richtete: “Das Problem”, verkündete er, sei “komplex”, “enorm” und “international”, vor allem aber sei es “erkannt”, und “an der Lösung wird gearbeitet”. Und schliesslich: “Probleme sind auch Chancen”.
Die “Bund”-Redaktion ist jedenfalls von den wohlklingenden Verlautbarungen und anglophilen Mottos ihres Chefs (“just making newspaper”) bislang kaum beruhigt worden. Auch sein Hohelied des guten Journalismus (“gepflegte Sprache, Quellensicherheit, korrekte Kommas, interessante Inhalte”) scheint sie noch nicht ausreichend erquickt zu haben. Zwar freuen sich alle an grossen Narrenfreiheiten und journalistischen Nischen. Doch dahinter steckt die permanente Sorge um den Arbeitsplatz – in einem Betrieb, der nicht Mitglied im Zeitungsverlegerverband ist und keinen Hausvertrag, sondern nur individuelle Arbeitsverträge kennt. Entsprechend paternalistisch ist das Betriebsklima: Für einen guten Artikel schüttelt einem schon mal der Verleger anerkennend die Hand, dafür wird in schlechten Zeiten Buch geführt über den Zeilenausstoss der Redaktorinnen und Redaktoren.
Sicher ist eines: Das Schicksal des “Bund” entscheidet nicht Verleger Stuber, sondern letztlich der Anzeigenmarkt. Dort zeichnet sich eine zunehmend heftigere Konkurrenz zwischen dem Inserateriesen “Publicitas” (“P”) und den sich – etwa als “Swiss Combi” – zusammenschliessenden Eigenregiezeitungen ab. Auf dem Platz Bern stehen sich modellhaft der “Bund” als ältestes “P”-Pachtblatt und die “Berner Zeitung” als “Swiss Combi”-Mitbegründerin gegenüber. Der “Bund” bleibt dabei auf die “P” angewiesen: Als Eigenregie-Zeitung müsste er sich ausgerechnet mit seiner stärksten Konkurrenz verbünden – etwa mit der BZ, Leaderin im Raum Bern, oder mit der NZZ, die im Gegensatz zum “Bund” den Anspruch einlöst, eine nationale Qualitätszeitung bürgerlicher Ausrichtung zu sein. Mithin ist es also die “P”, die langfristig ein Interesse am Überleben des “Bund” hat, will sie den Inseratemarkt Bern nicht aufgeben.
Die Gründung der gemeinsamen Holding mit dem Westschweizer Verlagshaus “Edipresse SA” zeigt nun, dass die “P” auch zu neuartigen Lösungen bereit ist, um ihre Marktposition abzusichern. Konkret: Die “Tribune de Genève”, bisher im Besitz der “P”, soll mit dem verlegerischen Potential der “Edipresse” saniert werden.
Parallelen zum “Bund” sind nicht zu übersehen. Zwar hat die “P” hier keinerlei Kapitalanteile, doch stützt sie den Verlag seit Jahren mit beträchtlichen Betriebsdarlehen, die nach Angaben von Georg von Csernatony, Mitglied der “P”-Generaldirektion, bisher immer pünktlich und zu marktgerechten Zinsen zurückbezahlt wurden. Der Rolle der Hausbank des Berner Verlages überdrüssig, könnte die “P” aber eines Tages – die Wetten auf den Zeitpunkt sind frei – eine Partnerschaft nach Westschweizer Vorbild fordern.
Ein solches Szenario ist nach von Csernatony zwar “für den Moment abwegig”, doch weist er für die Zukunft vielsagend auf die allein bestimmende Verlegerfamilie Stuber hin: “Wir können niemanden zu seinem Glück zwingen.”
An möglichen Helferinnen unter den Deutschschweizer Zeitungsverlagen fehlte es der “P” nicht. Im Vordergrund stehen die “Vogt-Schild AG” (“Solothurner Zeitung” mit Kopfblättern im Oberaargau) und die “Basler Zeitung” (“BaZ”).
Das Solothurner Unternehmen prüft offensichtlich Expansionsmöglichkeiten, nachdem es sich dieses Jahr “zusammen mit einem Ostschweizer Verlag” für den “Jean-Frey-Verlag” interessierte. Gegen die BZ hat es in der Bewerbung um die Übernahme des “Burgdorfer Tagblattes” den kürzeren gezogen (KLARTEXT 5/90 und 2/91). Partner des “Bund” war es bereits bei der unglückseligen, angeblich von der “P” angeregten Herausgabe der Wochenbeilage “Diagonal”, seit November 1990 druckt es für den “Bund” die Radio-TV-Beilage “Mini-Tele” (in “Ringier”-Lizenz). Dieses Jahr publizierten beide Zeitungen eine gemeinsame Wirtschaftsbeilage, für 1992 ist eine weitere zum Thema EG geplant. Bruno Frangi, Bereichsleiter Tageszeitungen und geschäftsführender Chefredaktor, wehrt sich auch nicht gegen das Szenario einer weitergehenden Kooperation mit dem “Bund”: “Wir müssen offen sein. Eine kleine ,Kriegskasse’ haben wir jedenfalls.”
Die “BaZ” hat keinen direkten Draht zum “Bund”, dafür ist die “P” zu 20 Prozent am “BaZ”-Aktienkapital beteiligt. Für Direktor Peter Sigrist ist eine Verbindung mit dem “Bund” als “Grossrisiko” zur Zeit “kein Stichwort”: “Als Verlag wollen wir dort bleiben, wo wir stark sind.” Gleichzeitig warnt er: “In den nächsten fünf Jahren wird in der Pressebranche alles möglich.”

20. März 2002 von Klartext

Wussten Sie, dass …

… sich vier von fünf freischaffenden Journalistinnen und Journalisten politisch links der Mitte einstufen;
… jeder dritte Beitrag in den Printmedien von Freien stammt;
… Freie im Durchschnitt knapp 3500 Franken im Monat verdienen;
… trotz Rezession die Auftragslage für Freie nach Auffassung der Redaktionen praktisch stabil geblieben ist?
Zu diesen und zahlreichen weiteren Aussagen ist Franz Hänecke in seiner Studie “Problemfeld Freier Journalismus” gekommen*. Um die Situation der Freien aus eigener Sicht und aus der Perspektive der Redaktionen zu beurteilen, lancierte das Seminar für Publizistikwissenschaft der Universität Zürich zwei Umfragen, die von über 450 Freischaffenden und über 60 Redaktionen beantwortet wurden.
Soziale Unsicherheit und schlechte Verdienstmöglichkeiten galten als die wichtigsten Nachteile des freien journalistischen Schaffens, wurden für viele jedoch aufgewogen durch Vorteile wie persönliche Unabhängigkeit, mehr Freiheiten bei der Gestaltung der Arbeitszeit und bei der Themenwahl. Die Mehrheit der Befragten würde unter anderem aus diesen Gründen nicht mit einer Vollzeitstelle auf einer Redaktion tauschen.
Sind Freie wirklich frei, oder handelt es sich um eine für die Verleger angenehm flexible journalistische Reservearmee? Auf diese brennende Frage folgt keine eindeutige Antwort – eine Folge der komplexen Situation.
Nichts Neues also? Die Studie beansprucht, ein Stück weit “terra incognita” betreten zu haben, was insofern stimmt, als sie neben der Auswertung der umfassenden Fragebogen auch reichlich Quellen aus Gewerkschafts- und Verlegerseite in die Einschätzung der Situation einbezogen und erstmals systematisch ausgewertet hat.
Lesenswert neben den sehr ausführlichen Umfrage-Resultaten ist auch Häneckes chronologischer Überblick über die Entwicklung des Gesamtarbeitsvertrags seit 1919 – detailliert von 1989 bis zum Herbst 1993.

* Frank Hänecke: “Problemfeld Freier Journalismus. Ergebnisse aus Befragungen von Freien und Redaktionen”, Diskussionspunkt 26. Seminar für Publizistikwissenschaft der Universität Zürich, 1994, 00 Seiten, Fr. 00.00.

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