13. Dezember 2001 von Barbara Heuberger

Gebührenausfall noch nicht kompensiert

SRG SSR idée suisse rechnet mit Einbussen bei den Gebühren und mit sinkenden Werbeeinnahmen. Das öffentlichrechtliche Medienunternehmen beschloss Einsparungen von insgesamt knapp 30 Millionen Franken.

Die SRG muss einmal mehr sparen. Der Grund: Die Einnahmen sinken. Die Télévision Suisse Romande (TSR) prophezeit in ihrem Bulletin von Anfang November für 2002 ein Defizit von rund 72 Mio. Franken für die ganze SRG. Bereits für das laufende Jahr befürchten die Deutschschweizer Radio- und Fernsehgesellschaften einen Rückgang der Werbeeinnahmen von 13 Prozent. Dies ist gegenüber dem Jahr 2000 ein Minus von nahezu 40 Millionen und immerhin noch knapp 20 Millionen unter dem Budget.

Weniger Gebühren
Doch die SRG leidet nicht nur unter den konjunkturbedingten Werbeeinbussen. Anfang Juli entschied der Bundesrat aufgrund eines Bundesgerichtsentscheids, dass BezügerInnen von Ergänzungsleistungen Anspruch haben, von Radio- und Fernsehgebühren befreit zu werden. Ein Entscheid mit Folgen: Mehrere 10’000 Gesuche seien bereits eingegangen, berichtet Josefa Haas, Leiterin der SRG-Unternehmenskommunikation. Die Sozialämter motivieren offensichtlich die Betroffenen dazu, denn so können sie ihre Kassen entlasten. Theoretisch könnten rund 120’000 Personen einen Antrag stellen, was zu Einbussen von rund 50 Mio. Franken bei den Gebühreneinnahmen führen könnte. Aber das ist noch nicht alles. Die Billag AG, zuständig für das Inkasso der Gebühren, hatte einen Zuwachs an Gebührenzahlenden prognostiziert, ein Ziel, das zu optimistisch formuliert war und das nicht erreicht wurde.

Die Folgen für Programm und Personal
Die SRG versucht zwar, den Bund zu Kompensationszahlungen für die eingebüssten RentnerInnen-Gebühren zu bewegen. Grundsätzlich sei man mit dieser Forderung auf Verständnis gestossen, meint Josefa Haas, es gehe nicht an, dass man mit Radio- und TV-Gebühren Sozialpolitik mache. „Komplizierter wird es jedoch bei den Lösungen.“ Daher hat die SRG als zusätzliche Strategie beim Bundesrat eine Erhöhung der Radio- und Fernsehgebühren für Januar 2003 um 5 Prozent beantragt.
Doch ein politischer Entscheid braucht Zeit und folglich beschloss die SRG für das Jahr 2002 Sofortmassnahmen, um nicht in ein Finanzloch zu stolpern. Josefa Haas zu KLARTEXT: „Es handelt sich um punktuelle Massnahmen, die die Marktsituation respektieren und die Programme nicht schwächen, damit die Marktstellung des Unternehmens gehalten werden kann.“ Mit diesen Massnahmen will die SRG 21,5 Mio. Franken bei der nationalen Zentrale und 10 Mio. Franken bei den 7 Unternehmenseinheiten einsparen.

Keine Übertragung der Fussball-WM
Als erste namhafte Massnahme zählt der Verzicht auf den Erwerb der Lizenzrechte für die Fussballweltmeisterschaften 2002 in Japan und Korea; die SRG wird nicht einmal in den News-Sendungen Bilder ausstrahlen. Diese Tatsache werde beim Publikum jedoch überwiegend positiv wahrgenommen, meint Josefa Haas. Zudem fiele eine Übertragung in die Morgenstunden und die Schweiz sei nicht an der WM dabei: Faktoren, die diese Entscheidung erleichtert hätten.
Die regionalen Unternehmenseinheiten der SRG müssen je nach Finanzschlüssel sparen. Die beiden Deutschschweizer Unternehmenseinheiten, also Radio und Fernsehen DRS, betonen, dass es im kommenden Jahr zu keinem Programm- und Personalabbau kommt. Heidi Ungerer, Kommunikationschefin bei Radio DRS: „Das Jahr 2002 ist von subtilen Sparmassnahmen betroffen. Es gibt keine linearen Kürzungen. Es werden in sämtlichen Bereichen Abläufe vereinfacht, um kleinere Einsparungen zu erzielen.“ Auch werde an der Strategie der Schwerpunktbildung nichts geändert, hier seien die Entscheide gefallen.
Und beim Schweizer Fernsehen DRS befand der Verwaltungsrat am 15. November über das neue Budget. Pressechef René Bardet zu KLARTEXT: „2002 kann wie geplant durchgeführt werden – es gibt vorderhand keine Programmkürzungen mit Auswirkungen auf das Personal.“ Gespart werden könne etwa, indem eingekaufte Serien durch Wiederholungen von Eigenproduktionen ersetzt würden. Und, so Bardet weiter: „SF DRS prüft verschiedene Möglichkeiten, auch unter immer schwierigeren wirtschaftlichen Bedingungen seiner seit 10 Jahren geltenden Programmstrategie treu zu bleiben. Im Kern heisst das, dass sich SF DRS weiterhin gegenüber der X-Milliarden schweren deutschen Konkurrenz mit schweizerischen Inhalten profiliert, in den Bereichen Information, Unterhaltung, Kultur und Sport, mit Eigenproduktionen in der Hauptsendezeit.“
Auch die Reihe „Fernsehfilme SF DRS“ wird fortgesetzt. „Uns bereitet höchstens unser Partner, das heisst der Bund, Sorgen“, meint Martin Schmassmann, Redaktionsleiter Fernsehfilm. Dort steht in der kommenden Budgetdebatte im National- und Ständerat für das Jahr 2002 wiederum eine Forderung auf Erhöhung des Filmförderungskredites an. „Sollte hier gestrichen werden, gibt es ernsthafte Probleme“, betont Schmassmann.
Auch in der italienischen Schweiz müssen sowohl das Radio wie auch das Fernsehen Kosten einsparen. RTSI-Direktor Remigio Ratti wehrt im „Corriere del Ticino“ jedoch ab: „Es ist keinerlei Alarm nötig.“ Auch er betont, es gehe kurzfristig ohne Programmabbau.

Westschweiz am stärksten betroffen
Am stärksten trifft es RTSR in der Westschweiz: Dort hätten sie am wenigsten Reserven, erläutert Josefa Haas. Dazu kommt, dass man mit stark sinkenden Werbeeinnahmen rechnet, weil nun Schweizer Werbefenster aus dem nahen Ausland (M6, TF1) in Aussicht stehen (siehe Artikel S. 32).
So kommt es in der Westschweiz beim Fernsehen zu Sofortmassnahmen und zu Programmabstrichen: Gestrichen werden Sendungen wie „Entrez sans sonner“, eine Sendung, die sich am Nachmittag mit Gesellschaftsthemen wie zum Beispiel Arbeitslosigkeit befasst, die Montagabend-Sendung „Confidentiel“ und eine Sitcom, gespart wird auch bei der Unterhaltung, der religiösen Sendung „Signes“ und der eingekauften Sendung „cinéma“. Ebenso fallen die Simultanübersetzungen von „Motorshow“, „NZZ Format“, „Arena“ und „Club“ den Kürzungen zum Opfer. Laut TSR-Direktor Gilles Marchand ist die Situation zwar ernst, aber „man kann nicht von einer Krise sprechen“. Es seien keine Kündigungen beim Personal vorgesehen. Aber ungeschoren kommen die Lohnabhängigen trotzdem nicht davon: Rund 500’000 Franken sollen bei den Prämien für MitarbeiterInnen eingespart werden.
Auch das Westschweizer Radio muss sparen, allerdings – so die Einschätzung seines Direktors Gérard Tschopp in „Le Temps“ – weniger drastisch. Ein Projekt zur Weiterentwicklung des zweiten Programms Espace 2 wird gestrichen und die Beiträge für den Salon du livre werden reduziert.
Für das Jahr 2002 scheinen die Sparmassnahmen verkraftbar und wenig Auswirkung auf das Programm zu haben. Dies wird selbst in der Westschweiz betont. Wenn die Suppe überhaupt so heiss gegessen wird, wie aufgetischt. SSM-Zentralsekretär Stephan Ruppen relativiert denn auch: „Unsere Forderung nach Lohnsummenerhöhung beträgt 4 Prozent; die Verhandlungen laufen noch. Usanzgemäss zeichnet die SRG dunkle Wolken am Finanzhimmel, wir hingegen relativieren ihre Prognosen.“ Ruppens Einschätzung: „Einerseits wird der Verlust der Gebühreneinnahmen nicht 50 Mio. Franken betragen und andererseits übertreibt die SRG die Verluste aus der Werbung.“
In der Tat ist es schwierig einzuschätzen, wie viele RentnerInnen mit Anspruch auf Ergänzungsleistungen überhaupt einen Antrag auf Gebührenerlass stellen werden. Und was die Werbeeinnahmen betrifft, gibt es unterschiedliche Prognosen. Publisuisse-Direktorin Ingrid Deltenres Einschätzungen sind vorsichtig: „Die Buchungseröffnungen für das Jahr 2002 zeigten Ende Oktober eine relativ grosse Zurückhaltung.“ Aus anderen seriösen Quellen ist jedoch zu erfahren, dass das 1. Quartal 2002 gut angelaufen sei.
Angesprochen auf die unterschiedlichen Einschätzungen bei der Berechnung der Einnahmen, meint Josefa Haas: „Wir hoffen natürlich, dass die Gewerkschaft Recht behält und die Konjunktur bald wieder besser wird. Doch unsere Kalkulation ist aufgrund der sich heute präsentierenden Indikatoren bei der Werbung und den Gebühren realistisch.“

Die Probleme kommen 2003
Denn die Aussichten sind auch weiterhin schlecht. Simone Meyer von der SRG-Unternehmenskommunikation zu KLARTEXT: „Da wir 2002 mit einem beträchtlichen Defizit rechnen und auch die Verschuldung höher sein wird, ist es klar, das im Verlaufe von 2002 weitere Sparmassnahmen beschlossen werden.“ Die schwerwiegenden Fragen stehen also für 2003 und die folgenden Jahre an. Sollte es nämlich nicht gelingen, für die Gebührenausfälle Kompensationszahlungen vom Bund zu erhalten oder sollte der Konjunkturabschwung bei der Werbung kein vorübergehendes Phänomen sein, stehen im übernächsten Jahr grosse Probleme an. Das sieht auch Stephan Ruppen so. Doch er ist überzeugt, dass die Kompensationen kommen werden, da der Entscheid des Bundesrates sozialpolitisch zwar richtig, die Finanzierung jedoch ordnungspolitisch komplett falsch sei. So oder so: In allen SRG-Unternehmenseinheiten wird bereits heute an Strategien gearbeitet, sollten schwerere Zeiten kommen. Sicher ist, dass es dann nicht mehr ohne Programm-, resp. Personalabbau gehen wird.

Aktuelles Heft:

EDITO Ausgabe: 4 | 2017
  • Native Advertising I: Wie und wo es getan wird und warum es ein IKEA-Problem gab
  • Native Advertising II: Dennis Bühler und Maurice Thiriet im Streitgespräch
  • Native Advertising III: Medienwissenschaft ist uneins
  • Bericht vom Gericht
  • Bericht aus Mossul
  • und anderes mehr