23. August 2010 von Helen Brügger

Die Anti-Rothenbühler

Für ihren Uniabschluss hat Sandra Jean den «Matin» unter Peter Rothenbühler kritisiert. Jetzt steht sie selbst an der Spitze der Zeitung und erteilt dem Kurs ihres Vor-Vorgängers eine klare Absage.

Bild: Yvain Genevay

Eine Frau an der Spitze eines Boulevardblatts? Was es in der Deutschschweiz beim «Blick» noch nie gegeben hat, ist in der Westschweiz längst Rea­lität. Auf den «Le Matin»-Chefredaktor Peter Rothenbühler folgte zunächst Ariane Dayer, die neu zur Sonntagsausgabe wechselt; unter der Woche übernimmt Sandra Jean das Steuer. Die junge Frau mit der wilden Mähne kommt von Radio Suisse Romande und hat sich für den neuen Job ausgerechnet mit einer Analyse der Epoche Rothenbühler profiliert. Ihre Abschlussarbeit an der Universität Freiburg machte sie neben ihrem Job als Verantwortliche der morgendlichen Radio-Presseschau. Als der «Matin» vom volkstümlichen Familien­blatt zur Boulevardzeitung mutierte, sass sie «sozusagen in der vordersten Loge» und konnte von dort aus den Übergang von einem «informativen zu einem kommunikativen Journalismus» studieren.

Weg vom Schmuddel-Image
«Peter Rothenbühler hat das blutige ‹fait divers› eingeführt und ist damit ziemlich weit gegangen», sagt die lebhafte Mitdreissigerin, und man merkt, dass solches nicht ihr Bier ist. Promis, Busen, Unglücksfälle und Verbrechen, kurz: die klassischen englischen Tab­loid-Themen, standen bei Rothenbühler im Zentrum – schon unter Ariane Dayer hat die Zeitung zurückbuchstabiert. Und Sandra Jean will offensichtlich das Schmuddelblatt-Image ganz loswerden. Die MitarbeiterInnen setzen grosse Hoffnungen auf die neue Chefin, sie wünschen sich vor allem mehr Inhalt. Erste Signale zeigen in diese Richtung: «Le Matin» deckte auf, wie ein Häftling im Gefängnis von Bochuz in seiner Zelle erstickte, trat die Lawine der Enthüllungen über den Neuenburger Regierungsrat Frédéric Hainard los und brachte eine ehemalige Gefangene zum Reden, die sich wie Hanfbauer Bernard Rappaz über hundert Tage im Hungerstreik befand, bis sie freigesetzt wurde und jetzt auf einen neuen Prozess hoffen kann.
Ariane Dayer und Sandra Jean, die Chefredaktorinnen der beiden «Matin»-Ausgaben, schätzen sich und haben auch einiges gemeinsam: Beide kommen aus dem Wallis, sind Töchter von Journalisten und haben eine Leidenschaft für politischen Journalismus. «Sind Frauen die Zukunft des Journalismus?», fragte «Le Temps» hoffnungsvoll und sah eine «Kulturrevolution» beim «Matin» ausbrechen. Tatsächlich setzen beide Frauen auf mehr Qualitätsjournalismus und mehr Recherche. Und Jean stellt gleich noch eine weitere Kurskorrektur in Aussicht: Rothenbühler hatte den «Matin» aus den Regionen abgezogen, die neue Chefin will die Rolle des orangen Blatts in den Regionen wieder verstärken. «Die Re­gionalzeitungen haben oft nicht genügend Freiheit, kritisch über gewisse Lokalmatadoren zu berichten. Der ‹Matin› muss da ein Gegengewicht bilden», sagt Jean. Nicht infrage stellt sie hingegen den Verzicht auf institutionelle Berichterstattung: «Als Radiojournalistin habe ich lange genug über institutio­nelle Politik berichtet, um zu wissen, dass man sich damit an eine Elite richtet und Themen bearbeitet, die die grosse Mehrheit der Leute in ihrem Alltag nicht berühren.»
Frühere KollegInnen beim Radio sind ein bisschen beunruhigt über Sandra Jeans neuen Job. Sie habe journalistisch und berufsethisch hohe Ansprüche und werde beim «Matin» «ziemlich jong­lieren» müssen. «Jonglieren, weshalb?», gibt Jean die Frage zurück. «Weil eine Boulevardzeitung nicht berufsethischen Regeln folgen kann?!» Erstmals versteht man, weshalb KollegInnen erzählen, es könne schon mal «echt donnern und blitzen» bei ihr. Doch den schönsten Lorbeerkranz windet ihr Roger Jaunin, ein Ehemaliger des «Matin», der heute beim Satiremagazin «Vigousse» arbeitet: «Sie kann zuhören, und sie kommt nicht aus einer geistigen Schule, in der es nur allwissende Chefs und ausführende Schreiberlinge gibt.» Für ihn das grösstmögliche Lob für eine Chefin oder einen Chef.

21. August 2010 von Klartext

Liebes Sommerloch

Du bist auch nicht mehr, was du einmal warst. Denn du bist eigentlich viel mehr, als wir uns je vorzustellen gewagt hätten, was du sein könntest. Wenn wir in den vergangenen Wochen und Monaten auf dein eindeutiges Erscheinen gewartet hatten, dann hat das wohl weniger mit dir selbst zu tun, als mit unseren überkommenen Vorstellungen. Früher, als bekanntlich alles besser war, wussten wir jeweils, sobald die ersten Enten anzuschwimmen kamen: Jetzt bist du wieder da. Heute zielt diese saisonal bedingte Vorfreude ins Leere. Inzwischen gibt es ja Entenkolonien, wo man dich jahrein, jahraus antreffen kann; zum Beispiel feier­abends im PendlerInnenverkehr.
Das ganze Jahr ein bisschen Sommerloch bietet auch Vorteile. In der Jahresmitte selbst, wo früher die Leere und ihre grenzwertigen Füllstoffe am deutlichsten sichtbar wurden, gibt es heute auch Gehaltvolles. Debatten, die ihren Namen verdienen, wie gerade eben jene zur Schweiz und ihrer Beziehung zur EU. Sommer ja, aber Loch muss nicht sein. Nur beim Schweizer Fernsehen scheint man den alten Zeiten nachzutrauern und gräbt sich das Sommerloch gleich selbst, wenn es aus freien Stücken schon nicht mehr vorbeikommt. In der Politsendung «Rundschau» wähnt man sich plötzlich bei «Glanz & Gloria», wenn Moderator Urs Leuthard eine gewesene Miss Texas zu den Schauplätzen ihrer Jugend begleitet.
Liebes Sommerloch, du hast es ja eigentlich ganz gut, wenn du nicht nur in dieser Affenhitze die Medien heimsuchen musst und auch in kühleren Monaten mal auf Redaktionsbesuch gehen kannst. Überhaupt tauchst du bisweilen an den überraschendsten Orten auf.
Auf dass wir dir trotzdem nie bei uns begegnen:

Mit sommerlichen Grüssen
Klartext

20. August 2010 von Nick Lüthi

Löscht meinen Namen!

Immer öfter sehen sich Medien und ihre digitalen Archive mit Forderungen von Personen konfrontiert, die ihre Namen nicht mehr im Kontext früherer Berichterstattung lesen wollen.

Das E-Mail begann zwar recht freundlich, endete aber mit einer klaren Drohung: Wenn ihr meinen Namen nicht aus eurem Archiv auf der Website streicht, dann kriegt ihr es mit meinem Anwalt zu tun. Die anderen Aufforderungen klangen weniger ultimativ, aber ähnlich bestimmt. In den letzten Monaten sah sich KLARTEXT mit drei solchen Löschbegehren konfrontiert; in allen Fällen wollten Figuren aus unserer früheren Berichterstattung nicht mehr an ihre Vergangenheit erinnert werden.

Zweimal gelöscht, einmal stehen gelassen
Im ersten Fall handelte es sich um einen Journalisten, der sich mit dem pub­lizistischen Kurswechsel seines Magazins nicht hatte abfinden wollen und dies in einem Brief an den Verleger öffentlich kundgetan hatte. Daraufhin erhielt er die Kündigung. Neun Jahre später wollte er an diese Affäre nicht mehr erinnert werden. Es sei hinderlich bei der Arbeitssuche.
In einem zweiten Fall verlangte ein ehemaliges Mitglied der Psychosekte VPM und Autor der ihr nahestehenden Publikation «Zeit-Fragen», sein Name sei durch die Initialen zu ersetzen. Er habe sich glaubwürdig und nachvollziehbar von der inzwischen aufgelösten Organisation entfernt.
Beim vorläufig letzten Mal, als KLARTEXT zu einem Eingriff ins Archiv aufgefordert wurde, verlangte ein Protagonist aus der Basler Justizaffäre von 1999, der auch im Mediengeschäft mitmischte, die Anonymisierung seines Namens. Er habe seine Strafe verbüsst und lebe nun in stabilen Verhältnissen.
Zweimal sind wir den Forderungen nachgekommen, in einem Fall haben wir nicht gehandelt, wie ursprünglich verlangt – aus unterschiedlichen Überlegungen. Beim Journalisten, der jahrelang erfolglos eine Stelle gesucht hatte und dabei den Verdacht nicht loswurde, dass er aufgrund seiner Exponierung in der damaligen Affäre auf einer schwarzen Liste stehe, versetzten wir uns in seine Lage und setzten im betreffenden Artikel anstelle seines vollen Namens nur noch die Initia­len. Gleich handelten wir im Basler Fall, wo sich der Betroffene nicht mehr als Rechtsbrecher verewigt sehen wollte. Die Anonymisierung erfolgte hier allerdings unter Berücksichtigung der gängigen Rechtsprechung. Das Resozia­lisierungsziel des Strafrechts erfordere, «dass das dem normalen Lauf der Dinge entsprechende Vergessen eintreten kann», hielt das Bundesgericht 1996 fest. Den Namen des früheren VPM-Mitglieds liessen wir allerdings stehen. Abklärungen ergaben, dass nicht unser Artikel dem Mann die angeblichen Unannehmlichkeiten beschert haben konnte, was dieser auch einsah.
Die leichte Zugänglichkeit archivierter Information weckt Ängste und Begehrlichkeiten. Ereignisse aus der Vergangenheit bleiben mit einem Mausklick greifbar, wo vor zwanzig Jahren noch der Gang in den Archivkeller erforderlich war. Je grösser der Datenbestand, desto stärker die Interventionslust. Das weiss man auch bei der Schweizer Mediendatenbank (SMD). Geschäftsführer Jürg Mumprecht hat in den letzten Jahren eine «massive Zunahme» von Anfragen registriert, die eine Manipulation abgelegter Dokumente verlangen.
Grundsätzlich, sagt Mumprecht, wehre er sich «mit Händen und Füssen» gegen Eingriffe in seine Bestände. Ob das gelingt, entscheiden aber nicht zuletzt die Gerichte, wie in einem hängigen Fall. Hier geht es um eine Person des öffentlichen Lebens, gegen die eine Voruntersuchung eröffnet wurde. Woraufhin viele Medien vom drohenden Strafverfahren gegen diesen Mann berichteten. So weit kam es dann allerdings nicht. Der Staatsanwalt stellte das Verfahren ein. Über die Einstellung berichtete dann nur noch eine einzige Zeitung. Wenn heute jemand in der SMD nach der betreffenden Person sucht, findet man sie mit einer Ausnahme nur als potenziellen Rechtsbrecher erwähnt. Deshalb fordert der Betroffene nun eine nachträgliche Fortschreibung seiner Geschichte in den Artikeln, die nur die Voruntersuchung erwähnt haben. SMD-Geschäftsführer Jürg Mumprecht will von einem solchen Eingriff nichts wissen. Er findet, das sei wenn schon Aufgabe der Redaktionen. «Man stelle sich vor, was das für uns genau heisst, wenn dieser Praxis stattgegeben würde. Wir würden nur noch Artikel neu schreiben. Diese Zeit können wir für Sinnvolleres brauchen.»

Selbstregulierung sinnvoller als Gerichtsentscheide
Das lässt Bruno Glaus nicht gelten. Der Anwalt und Medienrechtsspezialist sieht die SMD klar in der Pflicht, archivierte Texte im gegebenen Fall zu aktualisieren. «Das geschieht im Inte­resse der Medien und ihrer Glaubwürdigkeit», sagt Glaus. Es gehe darum zu verhindern, dass falsche oder unvollständige Informationen im Umlauf blieben. Angesichts der in weiten Teilen der Medien vorherrschenden Unkultur des Abschreibens ein legitimes Begehren, findet Glaus. «Wenn sich hierzu nicht eine Selbstregulierungskultur etabliert, dann braucht es halt Gerichtsentscheide.»
Klar ist schon heute: Mit dem Anwachsen der Datenberge steigen auch die Begehrlichkeiten. Und dem legitimen Bedürfnis nach korrekter Erinnerung müssen die Medien stattgeben. Verbindliche Spielregeln dafür etablieren sie aber besser selbst und ohne Hilfe der Justiz.

20. August 2010 von Nick Lüthi

Lehrbuch und Pflichtstoff

Am Äusseren kann es nicht liegen, dass man zu diesem Buch greift. Sein Umschlag verströmt den Charme eines Lehrbuchs – was das neue Werk von Karl Lüönd gewissermassen auch ist. Und ausser dem Vorwort und einem Autorenporträt steht nichts drin, was man von diesem Chronisten und intimen Kenner der Schweizer Medienindustrie nicht früher schon hätte lesen können. Doch das haben Kolumnensammlungen so an sich. Dennoch, oder gerade deshalb, gehört «Die Macht und die Ehrlichkeit» zur Pflichtlektüre für all jene, die begreifen wollen, weshalb die Medien da stehen, wo sie sich heute befinden. Eine ebenso einfache wie auch einleuchtende Erklärung liefert Lüönd gleich im Titel zum Vorwort: Die Krise sei Folge jahrzehntelang geduldeter Bequemlichkeit und Arroganz. Wie die nachfolgende Textsammlung aus den letzten zehn Jahren zeigt, entspringt diese Diagnose nicht etwa einem unter MedienkritikerInnen weitverbreiteten Defätismus, sondern den Einschätzungen eines nüchternen Beobachters, der die einzelnen Eindrücke zu einem erhellenden Gesamtbild zusammenzusetzen vermag.
Ihr Fett kriegen alle ab. Lüönd redet VerlegerInnen, JournalistInnen und den professionellen KommunikatorInnen ins Gewissen. Er tut dies bedächtig, aber dennoch mit Biss und mit dem ihm eigenen trockenen Humor. Es sind die Lebenslügen einer ganzen Branche, die Lüönd, u.a. Chefredaktor von «Jagd und Natur», zielsicher im Visier hat: Die VerlegerInnen, die meinen, mit weniger Personal bessere Qualität zu liefern, die JournalistInnen, die sich am wohlsten fühlen in der selbst geschaffenen Wirklichkeit und, anstatt solides Handwerk zu liefern, lieber Vorurteile hegen und pflegen. Ein Lehrbuch wäre kein Lehrbuch, wenn da einer nur die Leviten liest. Dass Lüönd befugt ist auszuteilen, beweist er mit brillanten Porträts und Reportagen, in denen er Schlüsselfiguren und -ereignisse der jüngeren Mediengeschichte (be)greifbar darstellt.

Karl Lüönd, «Die Macht und die Ehrlichkeit», Rüegger Verlag, Zürich/Chur 2010.

20. August 2010 von Nick Lüthi

Wikileaks und die Rolle der Medien

Der Wind drehte schnell. Kaum eine Woche sollte vergehen, bis aus den brisanten Dokumenten belangloses Material wurde. Die hiesigen Medien taten sich sichtlich schwer damit, die Veröffentlichung der Kriegsprotokolle aus Afghanistan und ihre speziellen publizistischen Begleitumstände einzuordnen. Insbesondere die Tatsache, dass drei renommierte Redaktionen sich dafür entschieden hatten, die von der Whistle­blower-Plattform Wikileaks zur Verfügung gestellten Dokumente aufzubereiten und die Ergebnisse zu publizieren, sorgte für Verwirrung. Symptomatisch dafür steht Walter Niederberger, US-Korrespondent des «Tages-Anzeigers». In einer ersten Einschätzung konzedierte er «New York Times», «Guardian» und «Spiegel» eine «staatspolitisch verantwortliche Berichterstattung», um nur ein paar Tage später die drei Medien der willfährigen Beihilfe zu bezichtigen; Wikileaks-Chef Julian Assange habe sie «eingespannt». Noch weiter ging Niederbergers Kollege Martin Suter von der «SonntagsZeitung», der die drei Leitmedien gar als «nützliche Idioten» am Werk sah. Wenn es denn so einfach wäre; Wikileaks und seine Kooperation mit professionellen Medien lassen sich nicht einfach aus der Welt kommentieren.
Dass Julian Assange im Fall der Afghanistan-Protokolle auf Redaktionen zuging, ihnen das Material kostenlos zur Sichtung anbot und einen Monat verstreichen liess, bis er das Rohmaterial veröffentlichte, zeugt – anders, als dies nun manche sehen wollen – von einem verantwortungsvollen Vorgehen. Denn die Zeitungen und das Nachrichtenmagazin taten genau das, was ihre Aufgabe als Informationsspezialisten ist: Sie filterten den Datenberg, glichen die Informationen mit früheren Berichten ab, um sie auf ihre Glaubwürdigkeit zu prüfen, und – was die KritikerInnen geflissentlich ausblenden – sie gaben der US-Regierung vor der Veröffentlichung eine Möglichkeit zur Stellungnahme. Sehr zur Freude des Weissen Hauses. Wie der Washington-Korrespondent der «New York Times» berichtet, lobten die Regierungsvertreter bei einem Treffen den sorgfältigen und verantwortungsvollen Umgang der Zeitung mit den sensiblen Dokumenten.
Wikileaks und sein Gründer mögen von einer politischen Mission getrieben sein – gerade deshalb werden sie auch in Zukunft Daten veröffentlichen, die sie zugespielt erhalten. Umso wichtiger wird die Rolle professio­neller Redaktionen als Filter zwischen Wikileaks und dem Publikum.

Unsere Linksammlung zu Wikileaks.

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Ausgabe: 4 | 2010 Die Themen:
  • Heller, der Heftlimacher
  • Service Zukunft mit SR DRS
  • Bilderstreit, nächste Runde