6. November 2010 von Jennifer Zimmermann

Bekannte Namen betreten «neuland»

Quelle: Lena Eriksson

Quelle: Lena Eriksson

Der Trend hält an: Seit gestern gibt es mit «neuland» ein weiteres Online-Magazin. Wie auch bei «Journal 21» oder «Clack» stehen bekannte Medienfiguren hinter dem Projekt. Was «neuland» neu und anders machen will, erklärt Judith Stofer, eine der Initiantinnen des
Magazins.

Frau Stofer, was hat Sie dazu motiviert, ein neues Webmagazin zu lancieren?

Wir waren nicht mehr mit dem zufrieden, was uns in der traditionellen Medienlandschaft vorgesetzt wird. Uns fehlten die Hintergrundberichte und uns ärgerte die Fülle an Werbung im Internet zusehends. Da wir alle sehr unterschiedliche journalistische Hintergründe mitbringen – sei das TV, Radio oder Print – machten wir uns im Sommer 2009 an die Arbeit mit dem Ziel, ein werbefreies, multimediales Online-Magazin zu schaffen, in welchem wir all unsere Kompetenzen vereinen.

Worin unterscheidet sich «neuland» vom kürzlich lancierten «Journal 21»?

Wir setzen nicht so stark wie das «Journal 21» auf News-Journalismus, sondern schwerpunktmässig auf Kultur. Natürlich schliessen wir aktuelle Themen nicht aus. Unser Fokus der Multimedialität kommt darin zum Ausdruck, dass die Leserinnen und Leser nebst Texten auch Bildreportagen, Tonbeiträge und Dokumentarfilme finden. Dass uns die visuelle Kunst sehr wichtig ist, äussert sich auch darin, dass Kunstschaffende aus dem In- und Ausland eine «carte blanche» erhalten, um unser Cover zu gestalten. Was wir mit dem «Journal 21» gemein haben, ist sicher unser Ziel, gut recherchierte Hintergrundberichte zu liefern und nicht «second hand» zu produzieren.

Wer soll «neuland» lesen und anschauen?

Wir machen unser multimediales Webmagazin für alle, die neugierig und kritisch sind, gerne lesen und sich von dem, was wir bieten, herausfordern lassen wollen.

Alle Inhalte von «neuland» stehen im Internet kostenlos zur Verfügung. Wie finanzieren Sie sich?

Wir sind werbefrei und setzen auf private Geldgeber und Partner. Wie zum Beispiel die Urheberrechtsorganisation Pro Litteris, die an uns geglaubt und uns von Anfang an unterstützt hat. Ausserdem setzen wir auf freiwillige Jahres- und Halbjahresabonnements à 70 beziehungsweise 40 Franken. Mittelfristig hoffen wir so, die freien Journalistinnen, Fotografen und Künstler angemessen entlöhnen zu können.

5. November 2010 von Philippe Wenger

Vulkanleichen zeigen: Darf man das?

„Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.“ Diesen Satz hat jeder Journalist schon viel zu oft und jede Journalistin die einen Fotografen kennt noch viel mehr gehört. Doch manchmal portieren diese „Worte“ menschliches Leid in einem Masse, das schwer zu ertragen ist.

Legendär dazu die Seite 31 des NZZFolio „Bomben“ (Januar 2005), in dem ein Foto den abgerissenen Kopf einer Selbstmordattentäterin zeigt. Nichts für schwache Mägen und doch veranschaulicht dieses Bild das menschliche Leiden hinter den Anschlägen besser als jeder Text.

Der Fall kam – verständlicherweise – vor den Presserat. Dieser stellte sich letztlich hinter die Beschwerdeführer und sah Ziffer 8 der Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten verletzt.

Leichenschau auf blick.ch

Menschen sterben aber gewaltsam nicht nur durch Menschenhand, sondern auch durch die Kräfte der Natur. Wie aktuell auf Java in Indonesien. In der Nacht auf letzten Freitag brach der Vulkan Merapi aus und eine „sengende Gaswolke trieb bis zum 15 Kilometer vom Krater entfernten Dorf Bronggang und verbrannte mindestens 54 Einwohner“, schreibt NZZOnline heute. Dazu präsentieren NZZ Online und Blick.ch eigene Bildstrecken. Der Blick mit Leichen von Menschen und Tieren, die NZZ zeigt nur tote Tiere.

Zur Darstellung von toten Menschen hält der Presserat unter Punkt 8.3 in der Erklärung der Pflichten und rechte der Journalisten folgendes fest: „Untersagt sind sensationelle Darstellungen, welche Menschen zu blossen Objekten degradieren: Als sensationell gilt insbesondere die Darstellung von Sterbenden, Leidenden und Leichen.“

Kämen diese – ästhetischen durchaus ansprechenden – Bilder vor den Presserat, er wäre wohl „not amused“ und Blick.ch scheint sich hier nicht um berufsethische Standards zu scheren. Ein Informationsbedürfnis wird durch die Bilder jedenfalls nicht gedeckt.

5. November 2010 von Mario Rubenzer

Aus dem Beruf: Hansi Voigt

Hansi Voigt war schon in fast jedem Bereich des Journalismus tätig. Er findet, dass man sich als junger Journalist am besten einen Namen macht, wenn man sich gezielt auf ein Gebiet konzentriert.


Was ist die wichtigste Fähigkeit eines Chefredaktors?

Meine Rolle als Chefredaktor bei 20 Minuten Online verstehe ich als die eines Fussballtrainers, der das Ziel verfolgt, die Einzeldisziplin Journalismus zum Mannschaftssport zu machen.

Macht „20 Minuten Online“ Boulevard-Journalismus?

Wir versuchen ein Angebot zu erstellen, das informativ und unterhaltend ist. Dazu muss man die richtigen Erzählformen einsetzen. Die Vermittlung von Inhalten etwa in Quiz-Form oder in Bildformaten ist nichts Schlechtes. Wichtig ist, dass man nicht zu seicht wird sondern die Balance hält.

Wie sinnvoll ist eine Journalistenausbildung?

Ich betrachte die Ausbildung als einen Gradmesser dafür, wie ernst es jemand mit dem Berufswunsch Journalist meint. Das Handwerk beherrschen die meisten Absolventen einer Fachhochschule natürlich noch nicht. Da fehlt die praktische Erfahrung, aber die ergibt sich ja dann. Wichtig ist auch das Netzwerk für die Jungjournalisten, das man sich durch die Ausbildung aufbaut und das den Einstieg ins Berufsleben erst ermöglicht.

Wie kann man sich als junger Journalist heutzutage einen Namen machen?

Man sollte sich, wenn möglich, fokussieren und sich einen Fachbereich zulegen und dort Kompetenz aufbauen. Wer in einer bestimmten Sparte Know-How und ein großes Hintergrundwissen hat, ist sehr gefragt und macht sich mit der Zeit selbst zur Marke.

Hansi Voigt begann seine journalistische Karriere beim Lenzburger Bezirksanzeiger. Nach Zwischenstationen bei Radio und Fersehen machte er ein Volontariat in der Wirtschaftredaktion der Basler Zeitung. Voigt arbeitete lange bei “Cash”, das er als Chefredaktor interimstisch leitete. Nach seiner Zeit dort ging er zum “Beobachter” und gewann dort den Zürcher Journalistenpreis und zweimal das Tischfussballturnier der Jean Frey AG. Seit 2006 ist er bei “20 Minuten Online”, seit 2007 als Chefredaktor.
3. November 2010 von Imelda Stalder

“Blick”, deine Titel

Den Journalismus-Studenten wird drei Jahre lang eingetrichtert, ein Titel solle auf stilvolle Art Aufmerksamkeit erregen, möglichst viele Verben enthalten und nur das versprechen, was danach auch im Artikel geliefert wird. Davon scheint man beim Blick wenig zu halten. Die Faustregel der Produzenten beim Boulevardblatt lautet wohl folgendermassen:  “Am Besten ihr textet im Titel immer etwas mit Sex, Moslems oder wenigstens Mord & Totschlag. Und das egal zu welchen Themen!”.

Eine Auswahl der Titel auf blick.ch vom Mittwoch, 03. November 2010, 11 Uhr:

9-jährige missbraucht, am Tatort lag ein Pornhoheft

…da staunt auch Masturbations-Gegnerin O’Donnell

Spieler von Albaner-Team und Vater hart bestraft

Die scharfe Julia

Zu schlüpfrig für Wasserfilter?

Coming out für die Kinder

Türkte China „Miss World“-Wahl?

Roma aufs Kreuz legen

Frauen wollen nette Typen und Männer stehen auf Sexbomben

Promis zum Tod Alfredos

2. November 2010 von Mario Rubenzer

Informationsmüll im Oktober (Kommentar)

Relevanz? Gleich null. Informationsgehalt? Ebenfalls nicht vorhanden. Wir haben in den Online-Versionen von Schweizer Qualitätszeitungen nach Informationsmüll gesucht – und ihn auch gefunden. Vorhang auf für die fünf schlechtesten Artikel des Monats Oktober.

5. „Das Essen abgeschossen“

Dieses amüsante Video hätte die BAZ online unkommentiert auf Youtube hochladen oder an „Upps die Pannenshow“ weiterleiten können. Es aber auf der Homepage zu publizieren – vor allem mit so viel überflüssigem Begleittext – war wirklich nicht notwendig. Was soll damit ausgesagt werden? Vielleicht, dass Frauen nicht kicken können? Oder etwa, dass Schadenfreude immer noch die schönste Freude ist? Man weiss es nicht. Auch wenn man den Sinn des Beitrags nicht versteht: Wenigstens kann man darüber lachen.

4. „Wen Laubbläser stören, soll uns mal mit Rechen und Besen helfen“

Manche Menschen beschweren sich über den Lärm, der von Laubbläsern verursacht wird. Und die, die mit diesen Geräten arbeiten müssen, fühlen sich dadurch angegriffen und schlagen verbal zurück. Mit diesen zwei Sätzen lässt sich der Inhalt dieses Berichts auf tagesanzeiger.ch zusammenfassen. Der Artikel hat schon fast Talkshow-Charakter, denn er bietet Nörglern und beleidigten Leberwürsten eine Plattform für Unmutsbekundungen und Streit. Was das den Lesern bringt? Nichts, denn nützliche Infos findet man in diesem Artikel keine. Die Moral von der Geschicht: Unbedingt lesen muss man sie nicht.

3. „Heimwehstudenten in Zürich“

Bei diesem Bericht hat man denn Eindruck, er sei er von einem Schulkind geschrieben worden. Es geht eigentlich den ganzen Artikel nur um die Gefühlswelt, die Sprachprobleme, die Freizeitaktivitäten und das Heimweh von Studierenden aus dem Tessin. Dabei hat es sie nicht einmal ins Ausland verschlagen, nein: Sie sind lediglich ein paar hundert Kilometer nach Norden gefahren – in ihrem eigenen Land! Wenn der Journalist das Ziel verfolgt hat, durch seinen Artikel Mitleid für die Tessiner zu erregen, hatte er Erfolg. Wenn er einen interessanten Bericht mit Mehrwert für die Leser verfassen wollte, ist er auf ganzer Linie gescheitert.

2. „Pferdemist sorgt für rote Köpfe“

Dieser Bericht über Pferdemist ist nicht nur viel zu lang, sondern auch stinkend langweilig. Eigentlich hätte sich der Journalist hier auf den zentralen Punkt beschränken können: Pferdemistentsorgung kostet die Gemeinde Geld. Doch anstatt die ganze Sache mit einem bzw. zwei Absätzen abzuhandeln, zieht der Journalist seine Story mit zahlreichen irrelevanten Infos unnötig in die Länge. Passagen wie: „Auf der Eisenbahnbrücke zwischen Allmendingen und Rüfenacht verteilt sich der Mist gar auf einer Länge von fünf Metern. Das Pferd hat hier beim Gehen sein Geschäft gleichmässig erledigt“ sind absolut überflüssig und hätten – so wie unzählige weitere Passagen – bedenkenlos aus dem Text entfernt werden können. Ebenfalls sparen können hätte sich der Mist-Artikel die ausführliche Infobox zur „Lex Pferdeäpfel“ und die (hoffentlich) nicht ernst gemeinte Umfrage: „Ist Pferdemist auf Strassen und Plätzen für Sie auch ein Ärgernis?“ Besser wäre folgende Umfrage gewesen: „Ist dieser Artikel für Sie ein Ärgernis?“ Denn genau das ist er!

1. „Kein Halt – Trotz Verlangen“

Wie vielen Menschen ist wohl im Laufe ihres Lebens der Bus vor der Nase weggefahren? Da gibt es bestimmt tausende. Wer davon ist deshalb in die BZ online gekommen? Mit Ausnahme der Bernerin Maximiliane B. niemand. Diesen Bericht hätte man sich allerdings getrost schenken können, denn die Kernaussage lässt sich auf vier Worte reduzieren: Bus vorbeigefahren, Frau grantig. Natürlich sollte so etwas nicht passieren, aber trotzdem ist es eine Null-Story, weil der Leser keinen Nutzen daraus ziehen kann. Er weiss nach der Lektüre des Berichts bestenfalls, dass er dem Busfahrer in die Augen schauen muss, damit er sicher stehen bleibt. Anders sähe die Sache aus, wenn dieser Vorfall symptomatisch für die öffentlichen Verkehrsbetriebe der Schweiz wäre oder Frau B. durch den versäumten Bus ein erwähnenswerter Schaden entstanden wäre. Aber nichts dergleichen geht aus dem Artikel hervor. Wer einem solch irrelevanten Vorfall einen 3.500 Zeichen umfassenden Bericht widmet, verspottet damit den Berufsstand der Journalisten. Ein absolutes No-Go und zurecht der unnötigste Artikel im Oktober.

Anmerkung: Für all jene, die meine Kritik falsch interpretiert haben: Es handelt sich um einen Kommentar, der keinen Anspruch auf “absolute Wahrheit” erhebt. Zusätzlich sei gesagt, dass es bestimmt noch andere schlechte Artikel im Oktober gab, die es wert gewesen wären, hier zu erscheinen. Bei meiner Auswahl musste ich mich aus Platzgründen auf fünf beschränken. Ich habe jene Beiträge ausgewählt, die mir beim Lesen der Online-Versionen von Schweizer Qualitätszeitungen besonders negativ aufgefallen sind.

Aktuelles Heft:

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