20. März 2012 von Klartext

EDITO+KLARTEXT Nr. 1/2012

Die neueste EDITO+KLARTEXT-Nummer ist erschienen – u.a. mit einem Portrait von Nancy Wayland Bigler, der neuen Vorsteherin der Abteilung Radio und Fernsehen beim Bakom, einem Einblick in die rechtskonservative Medien Vielfalt Holding, einem Bericht über den Einsatz des Arbeitsinspektorats auf Redaktionen und einem Interview mit dem langjährigen freien Journalisten Hanspeter Guggenbühl

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14. Oktober 2011 von Klartext

«Es ist meine verdammte Pflicht vorne hinzustehen»

Bild: Daniel Ammann

Barbara Artmann führt erfolgreich das Schweizer Traditionsunternehmen Künzli Schuhe. Dabei nutzt sie geschickt die Medienaufmerksamkeit, die ihr als weibliche Unternehmerin zuteil wird. Interview: Aline Wüst und Fabian Vogt*

KT: Bei Ihrem ehemaligen Arbeitgeber UBS standen Sie im Hintergrund. Nun repräsentieren Sie Ihre eigene Firma. Stehen Sie gerne in der Öffentlichkeit?

Artmann: Es war zu Beginn eine Umgewöhnung. Auch wenn es für Künzli toll ist, für mich war es seltsam.

KT: Warum seltsam?

Artmann: Es war irritierend. Ich erinnere mich, wie ich nach der Übernahme von Künzli einen Verwaltungsrats- Kollegen um Rat gefragt habe, als die Journalisten jetzt plötzlich alle ein Interview von mir wollen.

KT: Was hat er geantwortet?

Artmann: Er sagte, dass ich mich daran gewöhnen müsse. Ich sei jetzt keine Angestellte mehr, sondern die Gallionsfigur und Inhaberin von Künzli Schuhe. So habe ich begriffen, dass es meine verdammte Pflicht ist, nach vorne zu gehen und die Fragen der Medien zu beantworten.

KT: Den Reaktionen der Öffentlichkeit zufolge, machen Sie das gut.

Artmann: In der Öffentlichkeit zu stehen, ist der Preis, den ich bezahlen muss, um Aufmerksamkeit für Künzli zu bekommen. Ich mach es mittlerweile auch ganz gerne.

KT: Ganz gerne? Das klingt nicht überzeugend.

Artmann: Meine Bekanntheit ist einfach gut für das Geschäft. Sie ist ein Geschenk des Himmels. Ich stehe inzwischen aber auch gerne im Rampenlicht und bemerke, dass ich es gut kann. Die Leute scheinen es zu mögen. Dazu habe ich schon an der Schule gern geschauspielert. Wenn man mir dabei auf die Nase und, viel wichtiger, auf die Schuhe schaut, ist das in Ordnung.

KT: Dermassen auf das Äussere reduziert zu werden, macht Ihnen also nichts aus?

Artmann: Solange niemand schreibt:, “Wie hässlich, was hat denn die Artmann wieder an!”, nein. Aber ich achte schon darauf, was ich trage. Darum erwischt man mich nicht einmal beim Gang zum Bäcker im Jogginganzug, der zu Kommentaren wie “unbeschreibbar angezogen” einladen würde. Das muss halt dann auch so sein.

KT: Sie spielen also ganz bewusst eine Rolle?

Artmann: Es ist eine Rolle, und die fülle ich gern aus. Ja, ich spiele mich ganz bewusst ein Stück weit selber, aber umgekehrt gestaltet die Rolle auch mich.

KT: Künzli und Artmann ist eine Erfolgsgeschichte. Könnten Sie auch mit Misserfolg umgehen?

Artmann: Darüber darf man gar nicht nachdenken, hat mir mal ein guter Chef gesagt. Wenn Künzli zwei miserable Jahresergebnisse vorlegen würde, werden die Medien negativ über die Firma und wohl auch mich berichten. Daran würde ich nicht sterben.

KT: Sie wurden immer wieder gefragt, woher Sie den Mut nahmen Künzli zu kaufen.

Artmann: Stimmt – finde ich gar nicht so mutig. Viele fragten mich auch, ob ich das ganz alleine durchgezogen hätte.

KT: Was antworten Sie?

Artmann: Ich sage dann jeweils, dass mein Freund mir geholfen habe, lehne mich zurück – und lächle.

KT: Damit geben sich die Leute zufrieden?

Artmann: Manche schon. Oder man fragt mich, warum ich jetzt lache. Dann sage ich schon, dass wirklich nur ich dahinterstecke. Das macht die Menschen durchaus auf Rollenklischees aufmerksam.

KT: Werden Sie von den Medien anders behandelt, weil Sie eine Frau sind?

Artmann: Ja klar. Aber das ist gut. Ich bin auch anders, weil ich eine Frau bin. Das ist ein rechter Vorteil. Schliesslich gibt es immer noch weniger Frauen in Kaderpositionen. Das schlägt sich auch in der Anzahl Berichte nieder.

KT: Ärgern Sie sich darüber?

Artmann: Im Gegenteil. Die Gegenpositionen zu Rollenklischees stehen ja dann oft genug im Artikel. So kann ich vielleicht ein bisschen was für die Frauen tun.

KT: Sind Sie eine Kämpferin für Frauenrechte?

Artmann: Jeder hat seinen Missionsbereich, und ich habe schon immer dafür gekämpft, dass Frauen ernst genommen werden – allerdings auf meine persönliche Art. Ich versuche das mit einem Lächeln zu machen, würde ich von Diskriminierung sprechen, käme beim Gegenüber gar nichts an.

KT: Wie meinen Sie das?

Artmann: Wir Frauen sind anders und das ist schön. Solches Gedankengut darf durchaus eine Vorreiterrolle einnehmen. Das spreche ich bewusst aus. Ausdrücke wie Diskriminierung ernten Ablehnung oder Weghören. Heute darf man zugeben, Frauen sind anders. Ich bin sowieso der bunte Hund – und das gern. Jede farbenfrohe Darstellung einer Frau in den Medien hilft der nächsten, nicht mehr die graue Maus spielen zu müssen.

KT: 2009 gewannen Sie den Swiss Award in der Kategorie Wirtschaft. Als Sie von der Nomination hörten, wollten Sie den Preis zuerst gar nicht annehmen. Weshalb?

Artmann: Ich hatte das Gefühl, dass mir der nicht zusteht. Ausserdem kann man doch nicht einen Nicht-Schweizer zum Schweizer des Jahres wählen. Ich befürchtete sogar, dass dies zu viel und vielleicht schädlich werden könne.

KT: Nicht erst seit der Auszeichnung mit dem Swiss-Award sind Sie ein Darling der Medien. Sind Sie wirklich so nett, wie Sie dargestellt werden?

Artmann: Wie man in den Wald ruft, so schallt es heraus. Man kann nicht fürchterlich mit seinem Personal umgehen und sich dann ganz anders in den Medien darstellen. Ich verhalte mich nicht so, weil ich lieb bin, sondern weil ich mir rücksichtsvollem Umgang auch für mich wünsche. Was ich nehmen möchte, muss ich auch geben. Sonst geht das schief, egal wo.

KT: Also stimmt das Bild, dass die Medien von ihnen zeichnen?

Artmann: Ja, es ist ein ehrliches Bild. Aber natürlich weiss ich auch, was ich sagen muss, wenn Journalisten kommen.

KT: Klingt nach einer ausgeklügelten PR-Strategie.

Artmann: Ich sage das, was ich lesen will, aber verstecke trotzdem nichts. Jeder, der ein Interview mit mir macht, hilft Künzli. Dafür möchte ich auch etwas von mir preisgeben. Wenn ich Privates erzähle, mögen es nicht die bestgehüteten Geheimnisse sein, aber Wahres und Offenes.

KT: Haben Sie auch schon Aussagen bereut, die Sie gemacht haben?

Artmann: Ich bin auch schon erschrocken beim Gegenlesen. Aber wer Grenzwertiges sagt, muss nachher auch den Mut haben, es in der Zeitung zu lesen.

KT: Ihr früherer Arbeitgeber hat eine weniger ungetrübte Beziehung zur Presse.

Artmann: Ich glaube, dort geschahen grobe Fehler im Umgang mit der Presse. Gerade wenn etwas passiert, ist es wichtig, dass man das offen zugibt. Wenn ein Unternehmen von den Medien dargestellt werden will, kann es auch schlechte Nachrichten geben. Alles im Leben hat seinen Preis.

* Aline Wüst und Fabian Vogt führten das Interview im Rahmen der Werkstatt «Storytelling» von Barbara Lukesch an der ZHAW, Winterthur.

Barbara Artmann, 49, studierte Betriebswirtschaft und Psychologie. Sie war in diversen Firmen im Marketing- und Finanzsektor tätig, zum Beispiel als Brand Manager bei Procter & Gamble, Consultant bei McKinsey oder als Leiterin Strategische Projekte im Asset Management der UBS. 2004 übernahm die gebürtige Bayerin das Schweizer Traditionsunternehmen Künzli SwissSchuh AG. Artmann führte die Schuhfirma zurück zum Erfolg und wurde dafür im Jahr 2009 mit dem Swiss Award in der Kategorie Wirtschaft ausgezeichnet.

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