19. Juli 2010 von Klartext

Er will sich in den Medien nicht blamieren

Bild: zvg

Klaus Heer, früher Radioredaktor, heute prominenter Paartherapeut, scheut den direkten Kontakt zu Medienschaffenden. Den Boulevardmedien gibt er Auskunft, obwohl er sie verabscheut; nur Homestorys gibt es keine. Gespräch: Verena Wehrle und Jeanette Herzog

Klartext: Dieses Interview wollten Sie zunächst telefonisch führen. Woher kommt Ihre Zurückhaltung gegenüber dem persönlichen Kontakt mit den Medienschaffenden?
Klaus Heer: Das persönliche Gespräch irritiert mich. Ich hatte kürzlich ein zweistündiges Interview mit einem «Beobachter»-Journalisten – aber am Telefon. Das Gespräch war sehr gut. Da sitze ich dann an meinem Pult, kein Mensch stört mich, und ich kann mich gut konzentrieren.

KT: Fühlen Sie sich von den Journalisten bedrängt?
Heer: Eher gefordert, manchmal auch etwas überfordert. In meinem beruflichen Alltag stelle ja ich die Fragen.

KT: Es ist also schwieriger für Sie, Antworten zu geben, als Fragen zu stellen?
Heer: Auf jeden Fall. Antworten zu müssen, empfinde ich als herausfordernd, weil ich immer die Angst im Nacken habe, ich könnte mich blamieren. Im Grunde läuft alles darauf hinaus, der öffentlichen Schmach zu entgehen.

KT: Hatten Sie denn schon mal eine richtig blamable Erfahrung mit den Medien?
Heer: Eine wirklich peinliche Erfahrung verdanke ich der «Schweizer Illustrierten». Ich hatte ein Interview zum Thema «Mann sein» autorisiert. Kurz darauf sah ich einen Kiosk-Aushang, Riesenbuchstaben: «Klaus Heer: Die Schweizer Männer sind Schlappschwänze». Das hatte ich nie gesagt. Ich habe daraufhin den Chefredaktor angerufen und gesagt, dass sie so etwas mit mir nicht machen könnten. Das war gar nicht lustig.

KT: Was haben Sie daraus gelernt?
Heer: Ich bin vorsichtiger und misstrauischer im Umgang mit den Medien geworden.

KT: Dennoch scheinen Sie zu fast jedem Thema etwas beisteuern zu können. Fehlen Ihnen nie die Worte?
Heer: Gelingt es mir nicht, dumme Fragen gescheit zu beantworten, sage ich lieber nichts.

KT: Gibt es oft dumme Fragen?
Heer: Sehr oft.

KT: Warum beantworten Sie dumme Fragen?
Heer: Ich mache mir einen Spass da­raus, kluge und zutreffende Antworten zu suchen. Das ist für mich ein Sport.

KT: Sie setzen aber auch Grenzen. So haben Sie es abgelehnt, mit TeleZüri eine Homestory zu machen.
Heer: Homestorys im Fernsehen sind mir viel zu aufdringlich, zu brutal. Da herrschen Produktionsbedingungen, die ich als bedrohlich empfinde.

KT: Inwiefern bedrohlich?
Heer: Kürzlich habe ich eine Aufnahme gemacht mit dem «NZZ-Format». Die Situation war prekär für mich: Das Team kam in meine Praxis, verdunkelte das Zimmer und richtete die Scheinwerfer auf mich. Sie haben mich auf einen Stuhl gesetzt und die Kamera starrte mir ins Gesicht. Die NZZ-Journalistin war zwar sehr angenehm, aber wenn ich nur Statements produzieren muss, bin ich nahezu unfähig. Ich habe es lieber interaktiv, das ist anregender. Ich bin ein Meister des Dialogs und ein Stümper des Statements.

KT: Zu Homestorys in Zeitschriften wären Sie bereit?
Heer: Nein, schon lange nicht mehr. Früher habe ich mal etwas mit der «Schweizer Illustrierten» gemacht. Das gibt es heute nicht mehr.

KT: Warum nicht?
Heer: Die Leute, die ich gern habe, schätzen das nicht. Ausserdem ist es mir selbst peinlich. Wenn ich die «Schweizer Illustrierte» durchblättere – es gibt ja noch schlimmere Hefte –, empfinde ich Scham.

KT: Haben Sie generell Mühe mit den Boulevardmedien, obwohl gerade dort die meisten Ihrer Interviews erscheinen?
Heer: Ich habe es sehr gut mit den Boulevardmedien, aber nur, weil ich misstrauisch und pingelig bin. Ich will jeweils den ganzen Text und nicht nur meine Zitate sehen. Da bin ich unerbittlich.

KT: Sie sitzen am längeren Hebel.
Heer: Ich weiss einfach, dass man alles Gesagte bis zum letzten Moment zurückziehen kann. Da helfen mir meine Erfahrungen als Journalist.

KT: Gibt es Medien, mit denen Sie nicht zusammenarbeiten würden?
Heer: (überlegt lange) Wenn es inhaltlich machbar ist, würde ich selbst für die «Glückspest» etwas machen.

KT: «Glückspest»?
Heer: Ja, «Glückspest». Denn jedes Mal wenn ich diese Zeitschrift anschaue, fühle ich mich peinlich berührt.

KT: Gibt es andere Medien, auf die Sie so stark reagieren?
Heer: Die Fernsehsendung «Swiss Date» ist auch so etwas furchtbar Peinliches. Das widert mich genussvoll an.

KT: Was ist daran so peinlich?
Heer: Dass die Medien Menschen dazu bringen, sich so extrem zu prostituieren. Diese Menschen zeigen sich von ihrer entwürdigendsten Seite – ohne dass sie es merken. Nur damit sie zu einem Medienauftritt kommen.

KT: Schauen Sie oft Fernsehen?
Heer: Nein, ich habe keinen Fernseher. Das ist eine Zeitvernichtungsmaschine. Das geht für mich gar nicht. Es interessiert mich nicht.

KT: Lesen Sie auch keine Zeitschriften?
Heer: Ich schaue mir lediglich alle paar Wochen in meinem Fitnessstudio eine Hochglanzzeitschrift an, weil ich wieder einmal so richtig angeekelt sein will.

KT: Wie informieren Sie sich denn?
Heer: Mit dem iPhone. Dort lese ich den «Bund» und den «Tages-Anzeiger». Ich habe gar nicht so viel Zeit für den Konsum von Medien. Abgesehen vom Radio, das ist mein bevorzugtes Medium. Aber das kann ich ja via iPhone als Pod­cast auf dem Nachhauseweg hören.

KT: Bei Radio DRS gab es doch mal eine höchst unerfreuliche Geschichte …
Heer: … das war 1992. Der damalige Radiodirektor Andreas Blum mochte mich und meine Sendungen nicht. Das war wirklich keine schöne Geschichte. Ich musste schliesslich gehen.

KT: Wie war das für Sie? Radio war Ihre Leidenschaft.
Heer: Das war ein Schlag für mich. Aber ein segensreicher Schlag, der bewirkt hat, dass ich meine symbiotische Liebe zum Radio loswurde. Aus eigener Kraft wäre ich diesem Sog nie entronnen. Der Rausschmiss ermöglichte es mir, Neues anzufangen.

KT: Machen Sie manchmal auch richtig gute Erfahrungen mit den Medien?
Heer: Ja, viele gute Erfahrungen. Zum Beispiel hat mir ein Journalist der «Weltwoche» kürzlich sehr viel Freiheit gelassen. Wir produzierten sogar die Fragen gemeinsam.

KT: Wie ist Ihr Verhältnis zu den Journalisten?
Heer: Ich habe es fast immer gut mit den Journalisten. Ich glaube, Sie mögen mich. Sie müssen mich ja auch nicht anschauen, wir telefonieren nur.

Bauernsohn, Therapeut, Bestsellerautor

1943 in der Innerschweiz als Bauernsohn geboren, studierte Klaus Heer in Hamburg und Bern Psychologie und bildete sich später zum Psycho- und Paartherapeuten weiter. In den 35 Jahren, in denen er nun schon praktiziert, wurde er, was Liebe, Partnerschaft und Sexualität betrifft, zu einer Kapazität. Er schrieb den Bestseller «Ehe, Sex und Liebesmüh – Eindeutige Dokumente aus dem Innersten der Zweisamkeit» sowie «Wonneworte – Lustvolle Entführung aus der sexuellen Sprachlosigkeit» und «Paarlauf – Wie einsam ist die Zweisamkeit?» Klaus Heer lebt und arbeitet in Bern, er hat eine Familie mit zwei erwachsenen Töchtern.


14. Juli 2010 von Nick Lüthi

Zum Zahlen zwingen oder freiwillig spenden

Wie bringt man Leser dazu im Internet für publizistische Leistungen zu bezahlen? Eine letztlich alte Diskussion ist zum Thema der Stunde avanciert. Nach Jahren der Rat- und Ergebnislosigkeit kommt endlich Bewegung in die Geschichte, weil nicht mehr länger heisse Luft in Form von Spekulationen und Absichtserklärungen herumgefächelt werden, sondern Fakten geschaffen wurden.

Auf der einen Seite des Spektrums, bei den alten Giganten der Medienwelt, hat der alte Murdoch ernst gemacht und bietet seine Times in London seit Anfang Monat nur noch gegen Bares zur Lektüre an. Ein Experiment mit ungewissem Ausgang, bei dem der Wunsch Pate des Gedankens war. Was die Nutzer von der Bezahlschranke halten, machten sie mit ihrem Klickverhalten deutlich. Der Zugriff auf thetimes.co.uk sank rapide, während sich Konkurrenten wie etwa der Guardian, die ihre Inhalte weiterhin kostenlos und frei verlinkbar anbieten, zulegen konnten. Wieviele ehemalige Times-Leser zur Gratiskonkurrenz gewechselt haben, ist nicht bekannt. Es dürften aber einige sein. Womit denn auch klar wird, dass das Modell mit den Bezahlschranken nur dann nachhaltig funktioniert, wenn die ganze Branche mitzieht und dem Leser keine Alternative mehr lässt. So weit wird es aber nie kommen, alleine schon deshalb, weil etwa die Onlineangebote von Gratiszeitungen und öffentlichem Rundfunk kostenlos bleiben und in etwa das Gleiche bieten, wie die Bezahltitel im Netz.

Auf der anderen Seite des Spektrums kommt Flattr langsam aber sicher in Fahrt. Vor allem Blogs, aber auch einzelne Zeitungen in Deutschland nutzen den neuen auf freiwilliger Spende basierenden Bezahldienst, um ihre Online-Publizistik in bare Münze zu verwandeln und haben damit zum Teil bereits beachtliche Beträge erzielt. So hat die Berliner Tageszeitung im Juni knapp 1000 Euro «erflattert» – für Artikel nota bene, die im Netz frei verfügbar und nicht hinter einer Bezahlschranke versteckt sind. Ausserdem befindet sich Flattr in der Testphase und kann erst auf Einladung genutzt werden, was natürlich die Hoffnung weckt, dass dereinst im Regelbetrieb noch höhere Summen gespendet werden.

Interessant an Flattr ist weniger das Modell an und für sich, das im aktuellen Stadium noch mit etlichen Mängeln behaftet ist und Fragen (etwas solchen nach dem Datenschutz) unbeantwortet lässt, sondern die rege Debatte, die der neue Dienst auszulösen vermochte. Nahezu alle, die für ihre Publikation Flattr verwenden, kommentieren rege, weshalb sie das tun. Und ebenso jene, die bewusst auf diese Form von Online-Spenden verzichten, wie etwa Alpha-Blogger Sascha Lobo.  So warnen die Skeptiker vor Blogger-Inzest. Dass quasi in einem geschlossenen Kreis unter Bloggern Geld herumgeschoben wird, nach dem Motto: flatterst du mir, so flattere ich dir; mit dem unschönen Nebeneffekt, dass stärker frequentierte Angebote mehr einheimsen, als schwächere und somit die Kleinen die Grossen finanzieren, die auch anderweitig zu Geld kommen könnten. Wer dagegen am Ende seiner Artikel mit einem Flattr-Button die hohle Hand hinhält, sieht erst einmal das Geld, das da plötzlich kommt. Für die meisten zwar nur ein kleines Zubrot, für ambitionierte Autoren aber durchaus ansehnliche Beträge, die bereits jetzt fliessen. Offenbar haben viele nur darauf gewartet, bis endlich ein System kommt, mit dem sich Mikrobeträge so simpel wie nun eben bei Flattr vergeben lassen. Wer auf der anderen Seite als Leser Geld zu verteilen hat, liest Texte konzentrierter, die er am Ende der Lektüre geldwert honorieren kann, findet Jörn Kabisch von der Berliner Wochenzeitung Freitag, die unter ihren Artikeln im Netz auch den Flattr-Button platziert hat.

Wie sich Flattr weiter entwickeln wird, welche Beträge erst fliessen, wenn alle Zahlungswilligen und nicht nur eine Testgruppe zugelassen sind, lässt sich heute kaum abschätzen. Gemessen am Erfolg der ersten Monate kann man allerdings davon ausgehen, dass dieses Online-Bezahlmodell seinen Platz finden wird. Nicht zuletzt deshalb, weil diejenigen, die es anwenden, öffentlich und kontrovers darüber diskutieren.


5. Juli 2010 von Bettina Büsser

Online liebt den Boulevard

Politik in der Zeitung, Boulevard auf der Website: Viele Medien haben kein einheitliches Markenprofil. Das sei riskant, sagt ein Medienwissenschaftler.

«Ich würde ihnen raten, ein einheitliches Konzept für Print und Online zu entwickeln. Sonst setzen sie die Glaubwürdigkeit, die sie im Print über Jahre aufgebaut haben, aufs Spiel und gefährden ihre Medienmarke» – diesen Tipp gibt der Medienwissenschaftler Patrick Rademacher den Zeitungsverlegern. Rademacher hat für seine Dissertation «Politische Inhalte im Internet» am Institut für Pub­lizistikwissenschaft und Medienforschung der Uni Zürich anhand zweier Volksabstimmungen von 2008, der «Einbürgerungsinitiative» und der «Unternehmenssteuerreform», den Internet-Kommunikationsprozess zwischen politischen AkteurInnen, Medien und StimmbürgerInnen angeschaut. Dabei hat er auch untersucht, welche Rolle die Medien bei der politischen Online-Information spielen, sowie ChefredaktorInnen und wirtschaftliche Verantwortliche der wichtigsten Medien in der Deutschschweiz und der Romandie zu den On- und Offline-Auftritten ihrer Produkte befragt.
Die Resultate dieser Expertenbefragungen sind brisant: Im Vergleich mit ihren Zeitungen findet in den Online-Auftritten derselben Medien eine «Entpolitisierung» statt. «Die Verantwortlichen sagen: Politische Inhalte sind uns zwar schon wichtig, jedoch im klassischen Angebot mehr als im Online-Angebot», erklärt Rademacher. «Im Internet haben Ressorts mit Softnews, also People, Vermischtes und Sport, eine grössere Bedeutung als offline, offline hat Politik eine grössere Bedeutung.» Einen möglichen Grund dafür sieht Rademacher in der «Publikumsresonanz», die online mit Klicks gemessen werden kann. Sie führt in Versuchung, den Online-Auftritt «softnewsiger» zu gestalten als den Offline-Auftritt. Gemäss Rademachers Befragungen lassen sich aber graduelle Unterschiede zwischen den einzelnen Mediengattungen feststellen: «Bei den Verantwortlichen der Service-public-TV-Nachrichten spielt Politik auf beiden Kanälen eine wichtige Rolle. Bei Boulevard- und Gratiszeitungen hingegen ist Politik weder on- noch offline zentral. Am stärksten sind die Differenzen bei den Regionalzeitungen: Sie versuchen deutlich, online den Fokus auf Softnews zu richten. Auch bei den Qualitätszeitungen – dazu rechne ich NZZ, ‹NZZ am Sonntag›, ‹SonntagsZeitung› und ‹Le Temps› – gibt es einen Widerspruch. Denn die Verantwortlichen betonen zwar die wichtige Rolle der Politik, spricht man sie jedoch konkret auf ein politisches Thema wie eine Volksabstimmung an, geht ihre Zustimmung deutlich nach unten.»

Einer Zerreissprobe ausgesetzt

Hinter diesen Differenzen vermutet Rademacher eine «Trial and Error»-Strategie beim Online-Auftritt: «Es wird viel ausprobiert, dahinter steckt jedoch keine übergreifende Markenstrategie. Denn für einen einheitlichen Markenauftritt müsste man sicherstellen, dass die Marke über alle Kanäle hinweg die gleichen Schwerpunkte setzt.» Tut man das nicht, so befürchtet Rademacher, leidet mittelfristig die Medienmarke: Eine Marke, die im Print für die NutzerInnen für Qualitätsjournalismus und seriöse politische Information steht, online hingegen mehr auf Softnews und Boulevard setzt, ist einer Zerreissprobe ausgesetzt. «Wenn man im Internet um jeden Preis die Klicks steigert, wird das Markenprofil verwässert oder gar aufgelöst. Ein einheitlicher Markenauftritt ist jedoch ausschlaggebend, um mittelfristig Erfolg zu haben.»
Um diesen Erfolg zu haben, müssen Schweizer Medienunternehmen nicht nur auf die Marke, sondern auch auf den Markt schauen. Denn im Bereich politische Information haben sie online Konkurrenz. Das zeigt Rademachers Auswertung aller Treffer einer Internet-Suchmaschine zu den beiden Volksabstimmungen: Nur ein Viertel der Treffer stammten von Medien, die übrigen von politischen AkteurInnen und Organisationen. Bei Studien in anderen Ländern, so Rademacher, lag der Anteil der Medien bei rund der Hälfte der Treffer. Ausserdem überschätzen die MedienvertreterInnen offenbar ihren Einfluss: Gefragt, wer bei der politischen Online-Information ihre Konkurrenten seien, gaben sie vor allem andere Zeitungen oder SRG-Angebote an. Anders die NutzerInnen: Sie nannten zwar die Sites von Tageszeitungen als wichtige Quelle von politischen Inhalten – ebenso wichtig waren ihnen aber auch Online-Dienste wie Bluewin oder Goo­gle News. «Die Medienunternehmen», so Rademachers Fazit, «scheinen diese starke Konkurrenz noch gar nicht gross wahrzunehmen.»

Die Dissertation ist im Rahmen des vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten nationalen Forschungsschwerpunkts «Challenges to Democracy in the 21st Century» entstanden und erscheint im Oktober 2010 im Herbert von Halem Verlag.


5. Juli 2010 von Nick Lüthi

Viel Geld für guten Journalismus

Auszeichnungen für journalistische Leistungen gibt es in der Schweiz zuhauf. Was aber fehlt, ist ein Leitpreis, der Schweizer Pulitzer sozusagen. Mit dem «Diamant» soll sich das ändern. Kritische Stimmen finden, Journalismus liesse sich sinnvoller fördern als mit solchen Preisen.

Obwohl es eigentlich auf der Hand liegt, fällt der Name Pulitzer nie. Vielleicht aus Ehrfurcht, vielleicht, weil der Vergleich mit der Mutter aller Medienpreise hinkt oder weil man sich nicht mit ihm messen möchte, bevor die «Diamanten» erstmals vergeben worden sind. Zumindest beim Preisgeld brauchen die Preisstifter den Vergleich nicht zu scheuen. 20’000 Franken erhält jeder «Diamant»-Preisträger, beim Pulitzer sind es «nur» 10’000 Dollar. Finanziell spielt die neue Auszeichnung in der obersten Liga. Kein Wunder, schliesslich steht hinter dem «Diamant» die potente Stiftung Reinhardt von Graffenried, mit elf Millionen Franken dotiert von Charles von Graffenried und Erwin Reinhardt, den beiden ehemaligen Mehrheitseignern der Berner Espace Media.
Beim «Diamanten» handelt es sich im Kern um den bisherigen BZ-Preis für Lokaljournalismus. Dieser wurde im vergangenen Jahr zum letzten Mal verliehen. Nun wird alles neu. Neben Presse und Fotografie werden zukünftig jedes Jahr auch Arbeiten aus den Bereichen Radio, TV und Online prämiert. «Berner Zeitung» und Espace Media respektive Tamedia haben mit dem Preis nichts mehr zu tun. «In der Vergangenheit war die Nähe zu einem Medienunternehmen oftmals ein Problem», sagt Guido Albisetti, Präsident der Stiftung. Auf dem Medienplatz Bern etwa habe der «Bund» die Auszeichnungen lange Zeit totgeschwiegen, weil er nicht für die Konkurrenz werben wollte, «es sei denn, ein ‹Bund›-Journalist oder -Fotograf sei ausgezeichnet worden», erinnert sich Albisetti.
Von der neu gewonnenen Unabhängigkeit erhofft man sich eine grös­sere Resonanz in der Öffentlichkeit. «Im Zentrum soll schliesslich der Lokaljournalismus stehen, die Königsdisziplin der Branche, und nicht die Stiftung», erklärt Franziska von Weis­senfluh, Geschäftsführerin der Fondation Reinhardt von Graffenried. Anders als beim BZ-Journalismuspreis wird Charles von Graffenried nicht mehr ans Rednerpult treten. «Die beiden Stifter halten sich bewusst im Hintergrund.» Von Weissenfluh, langjährige «Berner Zeitung»-Geschäftsleiterin, ist nicht mehr länger im Medienbereich tätig und tritt in ihrer Funktion bei der Stiftung als Privatperson auf.
Nur allzu oft dienen Auszeichnungen im Medienbereich als Werbeträger für den Preisstifter. So sind in der Schweiz rund die Hälfte aller Journalismuspreise von Unternehmen oder Verbänden finanziert. Stephan Russ-Mohl, Medienwissenschaftler in Lugano, findet, solche «PR-Veranstaltungen» schadeten dem Ansehen der unabhängigen Preise. Dabei erwähnt er das Beispiel der «New York Times», wo die Chefredaktion Vorgaben macht, um welche Auszeichnungen sich die RedaktorInnen bewerben dürfen.
Bei einer Preissumme von total 110’000 Franken stellt sich automatisch die Frage, welche Wirkung die «Diamant»-Preise auf den immer wieder als kritisch beschriebenen Zustand des heimischen Journalismus entfalten werden. Kein Zweifel: Die einzelnen PreisträgerInnen erhalten einen hübschen Zustupf. Ob sie diesen allerdings in weitere journalistische Projekte stecken oder – durchaus berechtigterweise – einfach auf den Malediven verprassen, ist alleine ihnen überlassen. Nachhaltigkeit sieht anders aus.

«Preise sind zynisch»

«Das viele Geld würde man sinnvollerweise in längerfristige Projekte oder in Redaktionen investieren», findet Vinzenz Wyss, Professor für Journalistik in Winterthur. Und Wyss geht noch einen Schritt weiter, wenn er Journalismuspreisen in der heutigen Zeit einen «zynischen Charakter» unterstellt: «Man feiert oft, was eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte, und alle wissen genau, dass sich solcher Journalismus unter normalen Bedingungen nicht mehr finanzieren lässt.»
Franziska von Weissenfluh weiss aus eigener Erfahrung, wie es um den Journalismus steht. Schliesslich hat sie als Verlagschefin einige Male bei «Bund» und «Berner Zeitung» den Rotstift angesetzt und Personal abgebaut. Umso wichtiger findet sie, dass trotz schwierigen Zeiten JournalistInnen eine besondere Wertschätzung erfahren: «Besonders der Lokaljournalismus, der sich nicht durch Agenturen oder mit Synergien ersetzen lässt, hat mehr Aufmerksamkeit verdient.»


24. Juni 2010 von Helen Brügger

Nackte Tatsachen bei Vigousse

Die Wochenzeitung «Vigousse» beschreibt sich selbst als «kritisch, politisch unkorrekt, unbotmässig, selbstironisch» – und trifft damit den Nerv des Publikums. Von einem kleinen Medienwunder aus der Romandie.

Romantisch gelegen ist die Redaktion von «Vigousse»* nicht. Am Rande des Bahnhofparkings in Lausanne haben findige Bauherren zwecks Gewinnoptimierung einige Mehrzweckräume eingebaut. Zwischen Fitnesscenter und Sprachschule für Wallstreet-Englisch nistet «Vigousse», ein seltener Vogel, der seit Anfang Januar die Romands in Atem hält. Die kleine satirische Zeitung ist vom bekannten ehemaligen «Le Matin»-Zeichner Barrigue (vgl. Klartext 3/2008) lanciert worden, zusammen mit einer Gruppe von FreundInnen, ohne jede Unterstützung ausser durch eine enthusiastische LeserInnengemeinde. «Vigousse» ist sowohl ein Satiremagazin, gemacht von vier erfahrenen Medienprofis und sieben regelmässigen, teilweise ganz jungen MitarbeiterInnen, als auch das Tummelfeld für vierzehn CartoonistInnen. Micheline Calmy-Rey musste am eigenen Leib erfahren, dass auch Frauen mit ätzender Feder zeichnen können: Die provokative Karikatur der nackten Bundesrätin (siehe unten), geschaffen von der jungen Cartoonistin Coco, hat landesweit für Schlagzeilen gesorgt. Quasi als Entschuldigung, hat Vigousse auch den restlichen Bundesrat kurzerhand entblösst.


Jede Woche ein Knüller, heisst die Devise. Es sind Geschichten von unten, die der Redaktion zugetragen werden. Storys vom alltäglichen Machtmissbrauch, die selten in die Spalten einer Zeitung kommen. Etwa die erbauliche Geschichte der Lausanner Firma Job Profile, die im Auftrag der Arbeitslosenkasse das Profil von Arbeitssuchenden evaluiert und sie als billige PraktikantInnen in einem Unternehmen platziert, dessen Präsident gleichzeitig Besitzer von Job Pro­file ist. Oder die schöne Geschichte aus einem Walliser Gefängnis, dessen Insassen regelmässigen Ausgang geniessen, mit dem kleinen Nachteil, dass sie in den Weinbergen, Aprikosenpflanzungen oder Privatgärten ihrer Wärter arbeiten müssen – sehr zu deren Vorteil, denn für den Lohn der Knackis, 3.30 Franken die Stunde, kommen die SteuerzahlerInnen auf.

Dank Subskription zum Erfolg
Mit null Franken Eigenkapital, knapp 6000 Abonnementen, im Schnitt 3000 am Kiosk verkauften Exemplaren und rund anderthalb Seiten Werbung pro Nummer hat «Vigousse» nach sechs Monaten ein prekäres finanzielles Gleichgewicht erreicht. Möglich ist dieses kleine Wunder dadurch geworden, dass das «Vigousse»-Team auch bei der Abowerbung auf ein Vorgehen «von unten» gesetzt hat. Dank persönlichen Beziehungen und einer Facebook-Kampagne konnte «Vigousse» schon mit 3500 AbonnentInnen starten. Sie haben ihr Jahresabonnement im Voraus bezahlt, auf das Risiko hin, dass «Vigousse» zum Flop wird und das Geld verloren ist. «Die Leute haben uns vertraut», sagt Barrigue einfach.
Dieses Vertrauen ist wichtig, wenn die Leute ihre kleinen und grossen Sorgen, die sich zum journalistischen Knüller entwickeln können, der Redaktion anvertrauen. Sie tun es, «weil sie spüren, dass wir ihre Sprache sprechen», sagt Patrick Nordmann. Der ehemalige Moderator beim Westschweizer Radio und Texter für die «Lucky-Luke»-Comics ist neben Barrigue einer der Pfeiler von «Vigousse». Der Dritte im Bund ist Laurent Flutsch, regelmässiger Gast bei humoristischen Radiosendungen, von Beruf Archäologe und Museumsdirektor, der die verschiedenen Schichten der Aktualität ebenso gekonnt aufgräbt wie eine prähistorische Fundstelle. Roger Jaunin, ein Ehemaliger des «Matin», der gleich wie Barrigue eines Tages nicht mehr zum immer schneller wechselnden neuen Erscheinungsbild der Zeitung passte, sowie Monique Reboh, Produzentin von Unterhaltungssendungen bei Radio und Fernsehen, gehören ebenfalls zur Kernredaktion. Sie alle arbeiten teils haupt-, teils nebenamtlich bei «Vigousse»; mehr als eine Vollzeit- und einige Teilzeitstellen liegen zurzeit nicht drin.
Bei einem solch hochkarätigen Team ist klar, dass sich Chefredaktor Barrigue nicht als Chef aufspielen kann. Er versucht es auch gar nicht. Die Männerbande witzelt an der Redaktionssitzung wild drauflos, amüsiert beobachtet von Monique Reboh, die gelernt hat, ihre Jungs an der langen Leine zu lassen. Geschlotet wird, wie es zu alten Zeiten in allen Redaktionen üblich war, und auch eine Weinflasche kreist: Es ist 17 Uhr, ein langer Arbeitsabend bis 23 Uhr steht an, und der spritzige Weisse mundet selbst aus Plastikbechern, wenn er in dieser intellektuell knisternden Ambiance und mit dieser Mischung aus Humor und gegenseitiger Zuneigung serviert wird.

«Wir sind im Widerstand!»
Hat «Vigousse» eine redaktionelle Linie? «Kritisch, politisch immer inkorrekt, unbotmässig, selbstironisch», versucht Barrigue eine Definition. Links, das ist klar, bei «Vigousse» fürchtet man weder Gott noch Kaiser. Auch Parteien, die sich sowieso allesamt der Wirtschaftsmacht verkauft haben, liebt man nicht besonders: «Wir sind im Widerstand, unsere Zeitung ist ein Akt des Widerstands!», sagt Barrigue. Offensichtlich hat das Magazin damit ein Bedürfnis entdeckt, eine «Marktnische», wie man im PR-Jargon sagen würde. Andere Satiremagazine sind nach kurzer Zeit eingegangen, etwa die wunderschöne, aber viel zu intellektuelle Zeitschrift «Saturne» von Ariane Dayer. «Vigousse» hingegen spricht die Sprache des Volkes, deftig, saftig, hart, provokativ.
Das kann auch schon mal zu Reaktionen und Prozessdrohungen führen, doch «Vigousse» hat einen Anwalt, den umstrittenen Charles Poncet, der zurzeit Ghadhafi-Sohn Hannibal gegen die Schweiz vertritt. Politisch steht der nun alles andere als links, doch Provokateure, ob links, ob rechts, gesellen sich offensichtlich gern. «Poncet ist ein Freund», sagt Barrigue, damit ist das Thema für ihn erledigt.
Die Stunde der Wahrheit kommt für «Vigousse» Ende Jahr, wenn die Abonnemente erneuert werden müssen. «Vigousse» hofft auf eine Erneuerungsrate von 80 Prozent: «Lachen schafft Bindungen!», sagt Nordmann. Die Beziehung zwischen «Vigousse» und seinem Publikum sei nicht kommerziell, sondern emotional. Solche Bindungen aufzubauen sei nur möglich, «wenn wir die Leserinnen und Leser ernst nehmen und sie das auch spüren». Nordmann will wissen, wie es denn eigentlich dem «Nebelspalter», der ältesten humoristischen Zeitschrift der Welt, gehe, von dem man in der Westschweiz nur sein phänomenales Alter von 133 Jahren kennt: Humor und Satire sind leider fast unmöglich zu übersetzen.

Für «Vigousse» schreibt nicht jeder
Für KennerInnen der französischen Medienlandschaft ist klar: «Vigousse» situiert sich gekonnt zwischen der intellektuellen Satire des für seine Enthüllungen gefürchteten «Canard enchaîné» und dem volkstümlicheren, auch mal mit dem Zweihänder dreinhauenden «Charlie Hebdo». In der kleinen Westschweiz muss ein Satiremagazin beide Publika ansprechen – und vor allem muss es sich als Magazin für die ganze Westschweiz positionieren. Die Anforderung ist noch nicht ganz erfüllt, das Magazin hat MitarbeiterInnen in allen Kantonen ausser im Jura. Dort wird nach einem «Vigousse»-kompatiblen Korrespondenten gesucht. Denn für das Barrigue-Blatt schreibt nicht, wer will: Es gibt einen hauseigenen Stil, schräg, knirschend, und die MitarbeiterInnen müssen sich gefallen lassen, dass die Redaktion ihre Texte auch mal umschreibt. «Der Zustand der Welt ist so dramatisch, dass wir lieber darüber lachen, als vor Kummer zu sterben», sagt Barrigue zum Abschied. «Plutôt en rire que d’en mourir.» Das schenkt «Vigousse» seinem Publikum jede Woche: das Lachen als schöpferischen, befreienden Akt.


Aktuelles Heft:

EDITO Ausgabe: 4 | 2017
  • Native Advertising I: Wie und wo es getan wird und warum es ein IKEA-Problem gab
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