5. Juli 2010 von Bettina Büsser

Online liebt den Boulevard

Politik in der Zeitung, Boulevard auf der Website: Viele Medien haben kein einheitliches Markenprofil. Das sei riskant, sagt ein Medienwissenschaftler.

«Ich würde ihnen raten, ein einheitliches Konzept für Print und Online zu entwickeln. Sonst setzen sie die Glaubwürdigkeit, die sie im Print über Jahre aufgebaut haben, aufs Spiel und gefährden ihre Medienmarke» – diesen Tipp gibt der Medienwissenschaftler Patrick Rademacher den Zeitungsverlegern. Rademacher hat für seine Dissertation «Politische Inhalte im Internet» am Institut für Pub­lizistikwissenschaft und Medienforschung der Uni Zürich anhand zweier Volksabstimmungen von 2008, der «Einbürgerungsinitiative» und der «Unternehmenssteuerreform», den Internet-Kommunikationsprozess zwischen politischen AkteurInnen, Medien und StimmbürgerInnen angeschaut. Dabei hat er auch untersucht, welche Rolle die Medien bei der politischen Online-Information spielen, sowie ChefredaktorInnen und wirtschaftliche Verantwortliche der wichtigsten Medien in der Deutschschweiz und der Romandie zu den On- und Offline-Auftritten ihrer Produkte befragt.
Die Resultate dieser Expertenbefragungen sind brisant: Im Vergleich mit ihren Zeitungen findet in den Online-Auftritten derselben Medien eine «Entpolitisierung» statt. «Die Verantwortlichen sagen: Politische Inhalte sind uns zwar schon wichtig, jedoch im klassischen Angebot mehr als im Online-Angebot», erklärt Rademacher. «Im Internet haben Ressorts mit Softnews, also People, Vermischtes und Sport, eine grössere Bedeutung als offline, offline hat Politik eine grössere Bedeutung.» Einen möglichen Grund dafür sieht Rademacher in der «Publikumsresonanz», die online mit Klicks gemessen werden kann. Sie führt in Versuchung, den Online-Auftritt «softnewsiger» zu gestalten als den Offline-Auftritt. Gemäss Rademachers Befragungen lassen sich aber graduelle Unterschiede zwischen den einzelnen Mediengattungen feststellen: «Bei den Verantwortlichen der Service-public-TV-Nachrichten spielt Politik auf beiden Kanälen eine wichtige Rolle. Bei Boulevard- und Gratiszeitungen hingegen ist Politik weder on- noch offline zentral. Am stärksten sind die Differenzen bei den Regionalzeitungen: Sie versuchen deutlich, online den Fokus auf Softnews zu richten. Auch bei den Qualitätszeitungen – dazu rechne ich NZZ, ‹NZZ am Sonntag›, ‹SonntagsZeitung› und ‹Le Temps› – gibt es einen Widerspruch. Denn die Verantwortlichen betonen zwar die wichtige Rolle der Politik, spricht man sie jedoch konkret auf ein politisches Thema wie eine Volksabstimmung an, geht ihre Zustimmung deutlich nach unten.»

Einer Zerreissprobe ausgesetzt

Hinter diesen Differenzen vermutet Rademacher eine «Trial and Error»-Strategie beim Online-Auftritt: «Es wird viel ausprobiert, dahinter steckt jedoch keine übergreifende Markenstrategie. Denn für einen einheitlichen Markenauftritt müsste man sicherstellen, dass die Marke über alle Kanäle hinweg die gleichen Schwerpunkte setzt.» Tut man das nicht, so befürchtet Rademacher, leidet mittelfristig die Medienmarke: Eine Marke, die im Print für die NutzerInnen für Qualitätsjournalismus und seriöse politische Information steht, online hingegen mehr auf Softnews und Boulevard setzt, ist einer Zerreissprobe ausgesetzt. «Wenn man im Internet um jeden Preis die Klicks steigert, wird das Markenprofil verwässert oder gar aufgelöst. Ein einheitlicher Markenauftritt ist jedoch ausschlaggebend, um mittelfristig Erfolg zu haben.»
Um diesen Erfolg zu haben, müssen Schweizer Medienunternehmen nicht nur auf die Marke, sondern auch auf den Markt schauen. Denn im Bereich politische Information haben sie online Konkurrenz. Das zeigt Rademachers Auswertung aller Treffer einer Internet-Suchmaschine zu den beiden Volksabstimmungen: Nur ein Viertel der Treffer stammten von Medien, die übrigen von politischen AkteurInnen und Organisationen. Bei Studien in anderen Ländern, so Rademacher, lag der Anteil der Medien bei rund der Hälfte der Treffer. Ausserdem überschätzen die MedienvertreterInnen offenbar ihren Einfluss: Gefragt, wer bei der politischen Online-Information ihre Konkurrenten seien, gaben sie vor allem andere Zeitungen oder SRG-Angebote an. Anders die NutzerInnen: Sie nannten zwar die Sites von Tageszeitungen als wichtige Quelle von politischen Inhalten – ebenso wichtig waren ihnen aber auch Online-Dienste wie Bluewin oder Goo­gle News. «Die Medienunternehmen», so Rademachers Fazit, «scheinen diese starke Konkurrenz noch gar nicht gross wahrzunehmen.»

Die Dissertation ist im Rahmen des vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten nationalen Forschungsschwerpunkts «Challenges to Democracy in the 21st Century» entstanden und erscheint im Oktober 2010 im Herbert von Halem Verlag.


5. Juli 2010 von Nick Lüthi

Viel Geld für guten Journalismus

Auszeichnungen für journalistische Leistungen gibt es in der Schweiz zuhauf. Was aber fehlt, ist ein Leitpreis, der Schweizer Pulitzer sozusagen. Mit dem «Diamant» soll sich das ändern. Kritische Stimmen finden, Journalismus liesse sich sinnvoller fördern als mit solchen Preisen.

Obwohl es eigentlich auf der Hand liegt, fällt der Name Pulitzer nie. Vielleicht aus Ehrfurcht, vielleicht, weil der Vergleich mit der Mutter aller Medienpreise hinkt oder weil man sich nicht mit ihm messen möchte, bevor die «Diamanten» erstmals vergeben worden sind. Zumindest beim Preisgeld brauchen die Preisstifter den Vergleich nicht zu scheuen. 20’000 Franken erhält jeder «Diamant»-Preisträger, beim Pulitzer sind es «nur» 10’000 Dollar. Finanziell spielt die neue Auszeichnung in der obersten Liga. Kein Wunder, schliesslich steht hinter dem «Diamant» die potente Stiftung Reinhardt von Graffenried, mit elf Millionen Franken dotiert von Charles von Graffenried und Erwin Reinhardt, den beiden ehemaligen Mehrheitseignern der Berner Espace Media.
Beim «Diamanten» handelt es sich im Kern um den bisherigen BZ-Preis für Lokaljournalismus. Dieser wurde im vergangenen Jahr zum letzten Mal verliehen. Nun wird alles neu. Neben Presse und Fotografie werden zukünftig jedes Jahr auch Arbeiten aus den Bereichen Radio, TV und Online prämiert. «Berner Zeitung» und Espace Media respektive Tamedia haben mit dem Preis nichts mehr zu tun. «In der Vergangenheit war die Nähe zu einem Medienunternehmen oftmals ein Problem», sagt Guido Albisetti, Präsident der Stiftung. Auf dem Medienplatz Bern etwa habe der «Bund» die Auszeichnungen lange Zeit totgeschwiegen, weil er nicht für die Konkurrenz werben wollte, «es sei denn, ein ‹Bund›-Journalist oder -Fotograf sei ausgezeichnet worden», erinnert sich Albisetti.
Von der neu gewonnenen Unabhängigkeit erhofft man sich eine grös­sere Resonanz in der Öffentlichkeit. «Im Zentrum soll schliesslich der Lokaljournalismus stehen, die Königsdisziplin der Branche, und nicht die Stiftung», erklärt Franziska von Weis­senfluh, Geschäftsführerin der Fondation Reinhardt von Graffenried. Anders als beim BZ-Journalismuspreis wird Charles von Graffenried nicht mehr ans Rednerpult treten. «Die beiden Stifter halten sich bewusst im Hintergrund.» Von Weissenfluh, langjährige «Berner Zeitung»-Geschäftsleiterin, ist nicht mehr länger im Medienbereich tätig und tritt in ihrer Funktion bei der Stiftung als Privatperson auf.
Nur allzu oft dienen Auszeichnungen im Medienbereich als Werbeträger für den Preisstifter. So sind in der Schweiz rund die Hälfte aller Journalismuspreise von Unternehmen oder Verbänden finanziert. Stephan Russ-Mohl, Medienwissenschaftler in Lugano, findet, solche «PR-Veranstaltungen» schadeten dem Ansehen der unabhängigen Preise. Dabei erwähnt er das Beispiel der «New York Times», wo die Chefredaktion Vorgaben macht, um welche Auszeichnungen sich die RedaktorInnen bewerben dürfen.
Bei einer Preissumme von total 110’000 Franken stellt sich automatisch die Frage, welche Wirkung die «Diamant»-Preise auf den immer wieder als kritisch beschriebenen Zustand des heimischen Journalismus entfalten werden. Kein Zweifel: Die einzelnen PreisträgerInnen erhalten einen hübschen Zustupf. Ob sie diesen allerdings in weitere journalistische Projekte stecken oder – durchaus berechtigterweise – einfach auf den Malediven verprassen, ist alleine ihnen überlassen. Nachhaltigkeit sieht anders aus.

«Preise sind zynisch»

«Das viele Geld würde man sinnvollerweise in längerfristige Projekte oder in Redaktionen investieren», findet Vinzenz Wyss, Professor für Journalistik in Winterthur. Und Wyss geht noch einen Schritt weiter, wenn er Journalismuspreisen in der heutigen Zeit einen «zynischen Charakter» unterstellt: «Man feiert oft, was eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte, und alle wissen genau, dass sich solcher Journalismus unter normalen Bedingungen nicht mehr finanzieren lässt.»
Franziska von Weissenfluh weiss aus eigener Erfahrung, wie es um den Journalismus steht. Schliesslich hat sie als Verlagschefin einige Male bei «Bund» und «Berner Zeitung» den Rotstift angesetzt und Personal abgebaut. Umso wichtiger findet sie, dass trotz schwierigen Zeiten JournalistInnen eine besondere Wertschätzung erfahren: «Besonders der Lokaljournalismus, der sich nicht durch Agenturen oder mit Synergien ersetzen lässt, hat mehr Aufmerksamkeit verdient.»


24. Juni 2010 von Helen Brügger

Nackte Tatsachen bei Vigousse

Die Wochenzeitung «Vigousse» beschreibt sich selbst als «kritisch, politisch unkorrekt, unbotmässig, selbstironisch» – und trifft damit den Nerv des Publikums. Von einem kleinen Medienwunder aus der Romandie.

Romantisch gelegen ist die Redaktion von «Vigousse»* nicht. Am Rande des Bahnhofparkings in Lausanne haben findige Bauherren zwecks Gewinnoptimierung einige Mehrzweckräume eingebaut. Zwischen Fitnesscenter und Sprachschule für Wallstreet-Englisch nistet «Vigousse», ein seltener Vogel, der seit Anfang Januar die Romands in Atem hält. Die kleine satirische Zeitung ist vom bekannten ehemaligen «Le Matin»-Zeichner Barrigue (vgl. Klartext 3/2008) lanciert worden, zusammen mit einer Gruppe von FreundInnen, ohne jede Unterstützung ausser durch eine enthusiastische LeserInnengemeinde. «Vigousse» ist sowohl ein Satiremagazin, gemacht von vier erfahrenen Medienprofis und sieben regelmässigen, teilweise ganz jungen MitarbeiterInnen, als auch das Tummelfeld für vierzehn CartoonistInnen. Micheline Calmy-Rey musste am eigenen Leib erfahren, dass auch Frauen mit ätzender Feder zeichnen können: Die provokative Karikatur der nackten Bundesrätin (siehe unten), geschaffen von der jungen Cartoonistin Coco, hat landesweit für Schlagzeilen gesorgt. Quasi als Entschuldigung, hat Vigousse auch den restlichen Bundesrat kurzerhand entblösst.


Jede Woche ein Knüller, heisst die Devise. Es sind Geschichten von unten, die der Redaktion zugetragen werden. Storys vom alltäglichen Machtmissbrauch, die selten in die Spalten einer Zeitung kommen. Etwa die erbauliche Geschichte der Lausanner Firma Job Profile, die im Auftrag der Arbeitslosenkasse das Profil von Arbeitssuchenden evaluiert und sie als billige PraktikantInnen in einem Unternehmen platziert, dessen Präsident gleichzeitig Besitzer von Job Pro­file ist. Oder die schöne Geschichte aus einem Walliser Gefängnis, dessen Insassen regelmässigen Ausgang geniessen, mit dem kleinen Nachteil, dass sie in den Weinbergen, Aprikosenpflanzungen oder Privatgärten ihrer Wärter arbeiten müssen – sehr zu deren Vorteil, denn für den Lohn der Knackis, 3.30 Franken die Stunde, kommen die SteuerzahlerInnen auf.

Dank Subskription zum Erfolg
Mit null Franken Eigenkapital, knapp 6000 Abonnementen, im Schnitt 3000 am Kiosk verkauften Exemplaren und rund anderthalb Seiten Werbung pro Nummer hat «Vigousse» nach sechs Monaten ein prekäres finanzielles Gleichgewicht erreicht. Möglich ist dieses kleine Wunder dadurch geworden, dass das «Vigousse»-Team auch bei der Abowerbung auf ein Vorgehen «von unten» gesetzt hat. Dank persönlichen Beziehungen und einer Facebook-Kampagne konnte «Vigousse» schon mit 3500 AbonnentInnen starten. Sie haben ihr Jahresabonnement im Voraus bezahlt, auf das Risiko hin, dass «Vigousse» zum Flop wird und das Geld verloren ist. «Die Leute haben uns vertraut», sagt Barrigue einfach.
Dieses Vertrauen ist wichtig, wenn die Leute ihre kleinen und grossen Sorgen, die sich zum journalistischen Knüller entwickeln können, der Redaktion anvertrauen. Sie tun es, «weil sie spüren, dass wir ihre Sprache sprechen», sagt Patrick Nordmann. Der ehemalige Moderator beim Westschweizer Radio und Texter für die «Lucky-Luke»-Comics ist neben Barrigue einer der Pfeiler von «Vigousse». Der Dritte im Bund ist Laurent Flutsch, regelmässiger Gast bei humoristischen Radiosendungen, von Beruf Archäologe und Museumsdirektor, der die verschiedenen Schichten der Aktualität ebenso gekonnt aufgräbt wie eine prähistorische Fundstelle. Roger Jaunin, ein Ehemaliger des «Matin», der gleich wie Barrigue eines Tages nicht mehr zum immer schneller wechselnden neuen Erscheinungsbild der Zeitung passte, sowie Monique Reboh, Produzentin von Unterhaltungssendungen bei Radio und Fernsehen, gehören ebenfalls zur Kernredaktion. Sie alle arbeiten teils haupt-, teils nebenamtlich bei «Vigousse»; mehr als eine Vollzeit- und einige Teilzeitstellen liegen zurzeit nicht drin.
Bei einem solch hochkarätigen Team ist klar, dass sich Chefredaktor Barrigue nicht als Chef aufspielen kann. Er versucht es auch gar nicht. Die Männerbande witzelt an der Redaktionssitzung wild drauflos, amüsiert beobachtet von Monique Reboh, die gelernt hat, ihre Jungs an der langen Leine zu lassen. Geschlotet wird, wie es zu alten Zeiten in allen Redaktionen üblich war, und auch eine Weinflasche kreist: Es ist 17 Uhr, ein langer Arbeitsabend bis 23 Uhr steht an, und der spritzige Weisse mundet selbst aus Plastikbechern, wenn er in dieser intellektuell knisternden Ambiance und mit dieser Mischung aus Humor und gegenseitiger Zuneigung serviert wird.

«Wir sind im Widerstand!»
Hat «Vigousse» eine redaktionelle Linie? «Kritisch, politisch immer inkorrekt, unbotmässig, selbstironisch», versucht Barrigue eine Definition. Links, das ist klar, bei «Vigousse» fürchtet man weder Gott noch Kaiser. Auch Parteien, die sich sowieso allesamt der Wirtschaftsmacht verkauft haben, liebt man nicht besonders: «Wir sind im Widerstand, unsere Zeitung ist ein Akt des Widerstands!», sagt Barrigue. Offensichtlich hat das Magazin damit ein Bedürfnis entdeckt, eine «Marktnische», wie man im PR-Jargon sagen würde. Andere Satiremagazine sind nach kurzer Zeit eingegangen, etwa die wunderschöne, aber viel zu intellektuelle Zeitschrift «Saturne» von Ariane Dayer. «Vigousse» hingegen spricht die Sprache des Volkes, deftig, saftig, hart, provokativ.
Das kann auch schon mal zu Reaktionen und Prozessdrohungen führen, doch «Vigousse» hat einen Anwalt, den umstrittenen Charles Poncet, der zurzeit Ghadhafi-Sohn Hannibal gegen die Schweiz vertritt. Politisch steht der nun alles andere als links, doch Provokateure, ob links, ob rechts, gesellen sich offensichtlich gern. «Poncet ist ein Freund», sagt Barrigue, damit ist das Thema für ihn erledigt.
Die Stunde der Wahrheit kommt für «Vigousse» Ende Jahr, wenn die Abonnemente erneuert werden müssen. «Vigousse» hofft auf eine Erneuerungsrate von 80 Prozent: «Lachen schafft Bindungen!», sagt Nordmann. Die Beziehung zwischen «Vigousse» und seinem Publikum sei nicht kommerziell, sondern emotional. Solche Bindungen aufzubauen sei nur möglich, «wenn wir die Leserinnen und Leser ernst nehmen und sie das auch spüren». Nordmann will wissen, wie es denn eigentlich dem «Nebelspalter», der ältesten humoristischen Zeitschrift der Welt, gehe, von dem man in der Westschweiz nur sein phänomenales Alter von 133 Jahren kennt: Humor und Satire sind leider fast unmöglich zu übersetzen.

Für «Vigousse» schreibt nicht jeder
Für KennerInnen der französischen Medienlandschaft ist klar: «Vigousse» situiert sich gekonnt zwischen der intellektuellen Satire des für seine Enthüllungen gefürchteten «Canard enchaîné» und dem volkstümlicheren, auch mal mit dem Zweihänder dreinhauenden «Charlie Hebdo». In der kleinen Westschweiz muss ein Satiremagazin beide Publika ansprechen – und vor allem muss es sich als Magazin für die ganze Westschweiz positionieren. Die Anforderung ist noch nicht ganz erfüllt, das Magazin hat MitarbeiterInnen in allen Kantonen ausser im Jura. Dort wird nach einem «Vigousse»-kompatiblen Korrespondenten gesucht. Denn für das Barrigue-Blatt schreibt nicht, wer will: Es gibt einen hauseigenen Stil, schräg, knirschend, und die MitarbeiterInnen müssen sich gefallen lassen, dass die Redaktion ihre Texte auch mal umschreibt. «Der Zustand der Welt ist so dramatisch, dass wir lieber darüber lachen, als vor Kummer zu sterben», sagt Barrigue zum Abschied. «Plutôt en rire que d’en mourir.» Das schenkt «Vigousse» seinem Publikum jede Woche: das Lachen als schöpferischen, befreienden Akt.


24. Juni 2010 von Klartext

Die Zeitung hat Zukunft, aber auf Papier?

Bild: Tres Camenzind


Kaum hat Christoph Bauer die Stelle als CEO bei den AZ Medien angetreten, entlässt er schon Personal. Doch der junge Chef glaubt an seine Medien. Erfolgreich überleben könne man aber nur mit konsequenter Ausrichtung auf den Lokaljournalismus. Gespräch: Bettina Büsser und Nick Lüthi

KLARTEXT: Die AZ Medien haben eben bekannt gegeben, dass in Redaktionen und Verlagen 25 Stellen abgebaut werden.
Christoph Bauer: Wir haben Ende März den Abbau von 30 Stellen angekündigt und nun konkret kommuniziert, was geschieht. Wir bauen nur 25 Stellen ab. Wir haben sechs Kündigungen ausgesprochen, das ist für die Betroffenen natürlich sehr schwierig. Aber ansonsten haben wir diese Massnahme recht fair durchführen können, mit Frühpensionierungen, Pensenreduktionen, mit 15 offenen Stellen, die wir nicht mehr besetzen.

KT: Wie ist die Stimmung im Haus?
Bauer: Wenn es konkret wird, reagieren alle verhalten, es wird schon auch mal Unmut geäussert. Aber die Stimmung ist nach meinem Empfinden jetzt wieder sehr gut. Wir haben einen sehr transparenten Austausch mit der Betriebskommission, es war für alle einsichtig, dass die Massnahmen in der aktuellen Situation des Unternehmens richtig sind. Der soziale Frieden im Unternehmen ist intakt und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ziehen auf beeindruckende Art und Weise mit. Unser Problem war: Wie können wir diese 25 Stellen ohne Leistungsabbau bei unseren Produkten abbauen? Also haben wir Prozesse umgestellt. Dafür haben wir Projekte zur Prozessüberprüfung durchgeführt, und die Leute wussten, dass da­raus ein Stellenabbau resultieren wird.

KT: 2009 wurden 65 Stellen abgebaut, 2008 waren es 30. Sie sagen, es gibt keinen Leistungsabbau – wo ist die Grenze? In den «Visionen» der AZ Me­dien steht: «Die publizistische Qualität unserer Medien lassen wir uns etwas kosten.»
Bauer: Das tun wir auch. Der grosse Stellenabbau hat nicht in den Redaktionen stattgefunden. Wenn wir über Sparmassnahmen diskutieren, schauen wir die Redaktionskapazitäten ganz zuletzt an. Das tue ich in Abstimmung mit dem Verleger, aber das ist auch meine persönliche Haltung. Ich komme von der kommerziellen Seite, aber für mich ist Content unsere erste Kernkompetenz, die Nummer eins, daraus entsteht die Wertschöpfung.

KT: Peter Wanner hat in einem Interview gesagt, bei der Übernahme von Vogt-Schild seien die AZ Medien von der Krise «auf dem falschen Fuss erwischt» worden.
Bauer: Könnte man sich den Zeitpunkt für eine Übernahme aussuchen, würde man sie sicher nicht mitten in der grössten Werbekrise tätigen. Wir haben im letzten Jahr im Werbemarkt einen Einbruch von 40 Millionen Franken erlitten. Doch es war richtig, die Gelegenheit zu packen, als wir gefragt wurden, ob wir Interesse an Vogt-Schild hätten. Der Mittelland-Zeitung-Verbund bestand ja anfänglich aus mehreren kleineren Kooperationspartnern. Das Konzept mit dezentral komplett selbstständig agierenden Unternehmen ist ökonomisch nicht mehr machbar. Nun konsolidieren wir: Redaktionen und Vermarktung müssen dezentral organisiert sein, alles andere kann zentral an unserem neuen Hauptsitz stattfinden. Durch diese Konsolidierung konnten wir den Hauptteil der Einsparungen tätigen, die wir vornehmen müssen.

KT: Was haben Sie seit Ihrem Stellenantritt Anfang Jahr strategisch entschieden?
Bauer: Das sind viele Punkte, deren Auswirkungen wir noch nicht in der Öffentlichkeit sehen. Einer davon ist, dass wir unsere Geschäftsmodelle und unseren Medienverbund neu ausrichten. Wir sind heute sehr printlastig, das werden wir auch bleiben. Doch der Treiber des Journalismus muss Online sein. Das bedeutet nicht einfach «Online first», sondern: Von welchem Medium aus beginne ich zu denken, um eine Tageszeitung zu machen? Das ist ein Kulturwandel. Wir haben jetzt einen Newsroom, es ist kein Sparmodell.

KT: Das sagen alle.
Bauer: Es ist wirklich so, fragen Sie die Redaktion. Im Newsroom gibt es auch nicht eine Redaktion für alle Medien, es ist ein Raum, in dem die verschiedenen Redaktionen zusammenarbeiten – Print, Online und auch unser Regionalfernsehen. Das funktioniert wunderbar.

KT: Die Print-Journalisten und -Journalistinnen werden jetzt auch für Online geschult. Das bedeutet, dass man das Medium Online mit den bestehenden Leuten intensiver bespielen will.
Bauer: Ja, zum Teil. Aber es geht nicht darum, dass alle Journalisten unbedingt alle Medien bedienen müssen. Im Gegenteil, wir suchen sogar Kontrapunkte, denn im Newsroom bestimmt Online ein extrem hohes Tempo. Wir setzen einen Gegenpol, mit Leuten, die nicht in diesen Produktionsrhythmus eingebunden sind. Es geht grundsätzlich darum, dass wir anerkennen, dass das schnellste interaktive Medium heute das Internet ist. Wir müssen Online und auch die mobilen Geräte gedanklich zuerst bedienen. Zeitungen sind heute multimedial. Das ist unsere erste Handlungsebene.

KT: Und die zweite?
Bauer: Die zweite Ebene ist der schon erwähnte Zusammenschluss zu den AZ Medien als Mediengruppe mit Hauptstandort und verschiedenen dezentralen Standorten. Die dritte Ebene schliesslich ist die Unternehmenskultur. Wir arbeiten gemeinsam mit den Mitarbeitern aktiv daran, innerhalb der nächsten drei bis fünf Jahre eine Kultur zu schaffen, von der man sagen kann: Wir wissen, wofür AZ Medien steht, und wir sind stolz, hier zu arbeiten.

KT: Das alles klingt nach einem grossen Umbau. Wurde vor Ihrer Zeit zu wenig gemacht?
Bauer: Nein. Peter Wanner hat als CEO sehr unternehmerisch, sehr erfolgreich und dynamisch ausgehend vom «Badener Tagblatt» eine der grössten Mediengruppen der Schweiz gebaut. Das ist eine wahnsinnige Leistung. Jetzt steht die Plattform zur Verfügung, und eine neue Generation Management mit anderen Schwerpunkten kann das Unternehmen weiterentwickeln.

KT: AZ-Medien-Mitarbeitende waren vor Ihrem Stellenantritt skeptisch, ob Peter Wanner loslassen kann. Wie ist es heute – spüren Sie seinen Atem im Nacken?
Bauer: Viele, die Peter Wanner seit Jahren aus beruflichen Begegnungen kennen, haben mir gesagt: Wir sind gespannt, ob er loslassen kann. Er hat sehr, sehr gut losgelassen. Mittlerweile ist es so, dass ich ihm manchmal eine Woche lang hinterherlaufe, weil ich Informationen von ihm brauche. Wir diskutieren über Kapazitäten und Priorisierung, aber er überlässt mir das operative Geschäft.

KT: Stichwort Online: Peter Wanner ist ohne Internet aufgewachsen, Sie stammen aus der Internet-Generation. Gibt es da einen Generationenkonflikt
Bauer: Ich hatte zwar mit neun Jahren meinen ersten Commodore 64, doch ich bin nicht mit der ständigen Verfügbarkeit von Informationen über verschiedene Endgeräte aufgewachsen. Aber ich bin eigentlich über das Internet ins Mediengeschäft gekommen. Es ist jedoch keine technische, sondern eine publizistische Diskussion, wenn wir darüber sprechen, was wir online tun sollen. Davon versteht Peter Wanner sehr viel. Nach meiner Überzeugung müssen wir dafür sorgen, dass wir online das erfüllen, was wir heute in den Printmedien erfüllen. Wir können die lokal-regionale Berichterstattung mit einem respektablen Mantelteil auch online bieten. Die Frage nach dem Geschäftsmodell ist allerdings noch völlig ungeklärt.

KT: Das ist der Punkt, der allen Angst macht.
Bauer: Es ist nun mal so: Der Kommerz ist nachgelagert. Das war auch in der alten Welt so: Ich muss bei einer Zeitung zuerst einmal Leser haben, bevor ich anfangen kann, Werbung darin zu verkaufen. Wenn wir im Internet unsere Kompetenzen richtig einsetzen, können wir Marktplätze besetzen. Ob wir damit Geld verdienen, wissen wir noch nicht. Wir müssen jedoch die gesamte Medientastatur spielen. Dafür brauchen wir die besten, talentiertesten Journalisten. Es ist relativ einfach, schnell mal was online oder mobile zu stellen, und es ist relativ anspruchsvoll, einmal am Tag zu erklären: Was ist passiert und was bedeutet das für morgen? Deshalb bin ich davon überzeugt, dass Tageszeitungen überleben werden.

KT: Auf Papier gedruckt?
Bauer: Für mich ist «Tageszeitung» ein journalistisches Format, das einordnet, gewichtet, erklärt. Ob es gedruckt wird oder nicht, ist eine komplett andere Frage. Die gedruckte Zeitung ist ja eigentlich ein wahnsinniges Geschäftsmodell: Wir bewegen jeden Tag 120 Tonnen Papier durch die halbe Schweiz.

KT: Die gedruckte Zeitung ist aber ein Produkt, für das die Leute zu bezahlen bereit sind.
Bauer: Das ist die grosse Frage: Zahlen die Leute, weil sie ein physisches Produkt auf Papier haben oder zahlen sie für die Aufbereitung der Information?

KT: Eine Darstellungsform, die dem bedruckten Papier nahekommt, sind Tablets, Stichwort iPad.
Bauer: Ich durfte 2002/2003 eines der ersten E-Paper in der Schweiz lancieren. Das ist bis heute eigentlich kein Internet-Produkt, sondern eine digitale Zeitung. Man müsste sie eigentlich auf einem rollbaren Folien-Bildschirm lesen können. Und in diesem Bereich bewegt sich einiges. Jetzt ist neu der iPad da und auch weitere Anbieter sind aktiv. Ich denke, hier liegt ein grosses Potenzial.

KT: Auf dem iPad wie im Netz überhaupt stehen redaktionelle Angebote in Konkurrenz zu kostenlosen und beliebten Angeboten wie Facebook oder Wikipedia. Wie kann man da für Inhalte Geld verlangen?
Bauer: Wenn es eine Chance gibt, dann ist es die lokal-regionale Berichterstattung. Nationale und internationale Themen können im Internet nur wenige Medienmarken kostenpflichtig anbieten. Daher konzentrieren wir uns auf lokale und regionale Berichterstattung. Wenn wir einen Weg finden, das kostenpflichtig zu machen, dann bin ich der Erste, der das tun wird. Wichtig ist daher die publizistische Vorgabe: Wir wollen wieder raus in die einzelnen Ortschaften und dort mit noch mehr Aussenredaktionen präsent sein.

KT: Mit dem ganzen Medienverbund, mit Zeitungen, Radio, Fernsehen und Internet sind Sie schon heute in einer starken Position im Mittelland.
Bauer: Das ist die Darstellung auf dem Reissbrett. Die Konkurrenz ist immens. Dazu gibt es im lokalen Bereich eine sehr vielfältige Welt von lokalen Anzeigern, die sehr, sehr ordentliche Jobs machen. Die sind nah dran an der Bevölkerung und deren Problemen. Für die Bürger in einem Dorf oder einer Kleinstadt sind sie oft die erste Referenz.

KT: Heisst das auch, dass Sie weitere Kleinanzeiger zukaufen wollen?
Bauer: Wir haben schon 14 solcher Anzeiger, und das funktioniert sehr gut. Einige übernehmen die Funktion einer Tageszeitung, andere haben eher Marktplatzfunktion. Zurzeit sind wir daran, diese Titel strategisch zu entwickeln. Dort sehe ich ein gutes Potenzial, auch online. Wir haben auch die Absicht, weitere zu kaufen.

KT: Dazu verfügen Sie über das nötige Kleingeld?
Bauer: Die AZ Medien sind finanziell sehr gesund. Auch wenn das andere gerne anders sehen würden. Wegen des anhaltenden Umsatzrückgangs haben wir noch mal ein schwieriges Jahr. Aber wir wollen jetzt ein wesentlich besseres Ergebnis ausweisen, was wir auch erreichen werden.

KT: Ist der «Sonntag» ein rentables Geschäft?
Bauer: Nein, noch nicht. Aber es geht hier nicht um viel Geld, das wir investieren. Neue Medien zu lancieren, ist ein risikoreiches Geschäft. Man muss die Bereitschaft haben, einem solchen Projekt gegen alle Widrigkeiten der Konjunktur mindestens fünf Jahre Zeit zu geben, um zu erfahren, ob es funktioniert. Die Redaktion zeigt, wie man mit wenig Ressourcen eine tolle Sonntagszeitung machen kann, die zu reden gibt. Jetzt müssen wir schauen, dass wir ausserhalb unserer Kernleserschaft weitere Kunden gewinnen.

KT: Wie entwickeln sich Radio und Fernsehen?
Bauer: Radio Argovia hat ein schwebendes Konzessionsverfahren, weshalb ich hierzu keine Auskunft geben kann. Was aber bei der Revision des Radio- und Fernsehgesetzes und dessen Anwendung während der letzten Konzessionierungsphase passiert ist, ist einer Demokratie unwürdig. Radio 32 in Solothurn ist eine Erfolgsgeschichte: kleines Marktgebiet, gut verankert, funktioniert sehr gut. Und in Tele M1 haben wir jetzt investiert, obwohl es für elektronische Medien in der Schweiz keine Investitionssicherheit mehr gibt. Man darf auf keinen Fall länger planen als auf zehn Jahre, so lange, wie die Konzession gültig ist. Tele M1 ist finanziell betrachtet ein schwieriges Thema.

KT: Trotz der 2,3 Millionen Franken an Gebührengeldern, die jährlich fliessen?
Bauer: Wenn wir diese nicht hätten, müssten wir uns ernsthaft überlegen, ob wir den Sender besser schlies­sen sollten. Aber Tele M1 macht einen tollen Job und ist erfolgreich bei den Zuschauerzahlen. Auch kommerziell schöpft Tele M1 das regionale Potenzial gut aus. Wir halten also mit Sicherheit an Tele M1 fest, auch wenn es kein Geschäft ist.

KT: Bei den Tageszeitungen haben Sie die Bundzahl von 4 auf 2 geändert. Eine Sparmassnahme?
Bauer: Das geschah nicht aus wirtschaftlichen Gründen. Wir produzieren den gleichen Umfang wie vorher. Ob 2 oder 4 Bunde ist eine produktionstechnische Frage, aber auch ein wichtiges psychologisches Signal. Im ersten Bund wollen wir eine Berichterstattung anbieten, die über das hinausgeht, was eine normale Regionalzeitung anbietet. Unsere Abonnenten sollen nicht unbedingt zusätzlich noch NZZ oder «Tages-Anzeiger» lesen müssen. Der zweite Bund ist die Regional- und Lokalzeitung, unser Kerngeschäft. Der Wert für das Abonnement kommt primär aus dem zweiten Bund, publizistisch liefern wir ein Komplettpaket mit dem Mantel. Wir wollen diesen Weg wieder konsequenter gehen.

KT: Wie sieht es bei den Tageszeitungen mit Kooperationen ausserhalb des Mittelland-Zeitung-Verbundes aus? In der Branche heisst es ja immer, alle reden mit allen.
Bauer: Solange das so ist, geschieht gar nichts. Wenn es mal ruhig wird, dann wird es interessant. Wir waren immer offen für Kooperationen, die Diskussion ist im Moment nicht mehr aktuell.

KT: «Aargauer Zeitung» und «Basler Zeitung» tauschen weiterhin Artikel aus?
Bauer: Ja, das ist aber kein grosses Thema, da geht es nicht um viel Geld. Wir schauen das sehr pragmatisch an. Das machen die Chefredaktoren untereinander aus.

KT: Wo sind Kooperationen sonst noch sinnvoll?
Bauer: Wenn wir wirklich mal über das Internet diskutieren wollen, dann ist es sinnvoll, wenn mehrere Verleger zusammengehen. Was die Verlage mit den Rubrikeninseraten erlebt haben, wollen sie nicht noch einmal erleben. Ich denke, da findet in den Verwaltungsräten und Geschäftsleitungen nun doch ein Veränderungsprozess statt. Im Moment ist man aber noch in der Phase des Verteilkampfs. Die Konsolidierung des Schweizer Markts wird noch etwa drei Jahre dauern. Das sind die alten Verteilkämpfe. Dann stehen mal die Grundstrukturen. Ich kann mir vorstellen, dass danach wirklich relevante Diskussionen aufkommen, wie man in dieser kleinen Schweiz einträgliche Internet-Geschäftsmodelle aufbauen kann.

KT: Wie sieht Ihre Zukunft aus? Ihre Karriere wird wohl nicht im Aargau enden.
Bauer: Bah, vielleicht hört sie ja ganz auf. Vielleicht kriegen wir so Krach, das der Verwaltungsrat mich entlässt … Wenn man in der Schweiz irgendwo rausfliegt, ist die Karriere in der Regel vorbei.

KT: Oder man geht nach Deutschland.
Bauer: Ich habe immer wieder Angebote aus Deutschland erhalten, aber meine Frau und ich leben sehr bewusst in der Schweiz. Auch wenn man mir das vielleicht nicht abnimmt: Ich habe mich nie nach Karrierezielen orientiert, sondern immer das gemacht, von dem ich geglaubt habe, dass ich mit guten Leuten zusammenarbeiten und etwas verändern kann. Ich habe immer gesagt, bis 40 mache ich solche Jobs, dann mache ich was ganz anderes. Zum Beispiel einen Lehrauftrag an der Uni und daneben habe ich einen Bootsverleih. Für die nächsten Jahre habe ich allerdings eine tolle Aufgabe vor mir, die mir sehr viel Freude bereitet.

KT: Wie lange bleiben Sie im Aargau?
Bauer: Fünf Jahre ist für mich eine gute Perspektive. Vorher zu gehen, wäre verantwortungslos. Man kann nichts Nachhaltiges entwickeln. Man muss ein Unternehmen so aufstellen, dass die wichtigen Themen von einzelnen Personen unabhängig funktionieren.

KT: Werden die AZ Medien in fünf oder zehn Jahren weiterhin ein Familienunternehmen sein?
Bauer: Die AZ Medien haben das Potenzial, selbstständig zu bleiben, und die Kinder von Peter Wanner haben grosses Interesse am Geschäft. Für Peter Wanner ist klar, dass es mit mir jetzt eine Übergangslösung gibt, vielleicht kommt nach mir noch ein weiterer angestellter CEO. Die AZ Medien werden auch in der nächsten Generation von der Hauptaktionärsfamilie Wanner geführt sein.

Das Gespräch fand am 3. Juni in Aarau statt.

Medien-Allrounder mit steiler Karriere

Christoph Bauer (39) arbeitet seit Anfang Jahr als CEO der AZ Medien in Aarau. Bauer ist damit der erste angestellte Geschäftsleiter des Unternehmens von Peter Wanner, der bisher die AZ Medien selbst geführt hatte. Der promovierte Betriebswirt mit einer Dissertation zu «Tageszeitungen im Kontext des Internets» begann seine berufliche Laufbahn bei Bertelsmann in Deutschland, bevor er 2001 in die Schweiz kam als Marketingleiter der NZZ. Die letzten fünf Jahre arbeitete Bauer bei Ringier, zuerst für die Multimediaplattform Cash, später in der Ringier-Geschäftsleitung, wo er zuständig war für die Wirtschaftsmedien und danach für New Media. Daneben unterrichtete er Medienmanagement und Medienmarketing an der Universität Zürich. Im Verband Schweizer Presse war Bauer unter anderem aktiv im Departement Werbemarkt.


23. Juni 2010 von Nick Lüthi

Editorial: Wo sind die Stiftungen?

Stiftungen verwalten Geld – viel Geld. Viele Stiftungen verfolgen zudem einen gemeinnützigen Zweck und vergeben entsprechend Mittel. Mit teils namhaften Summen werden notleidende Menschen, kranke Esel, musikalische Talente oder Strafentlassene unterstützt. Um nahezu jede menschliche und tierische Regung kümmert sich eine Stiftung mit dem passenden Zweck. Ausser um den kranken und notleidenden Journalismus. Sonderbar eigentlich. Denn es geht ihm wirklich nicht gut. Kein karitatives Herz scheint bisher entdeckt zu haben, dass auch hier Gutes zu tun und vor allem Geld zu stiften wäre. In Form von Preisen und Auszeichnungen fliesst zwar heute schon viel und bald noch mehr Stiftungsgeld in den Journalismus, allerdings erst nach getaner Arbeit. Dem strukturellen und inzwischen chronischen Finanzierungsproblem verschafft das jedoch keine Abhilfe.
Wieso aber Stiftungsalmosen, wenn es den Markt gibt? Journalismus ist ein Gewerbe wie jedes andere auch. Was nicht rentiert, verschwindet. Medien kommen, Medien gehen. Jedes Volk hat die Medien verdient, die es sich zu leisten bereit ist. – Ein Zyniker, der so argumentiert. Denn Journalismus muss nicht rentieren und kann nicht an den gleichen Massstäben gemessen werden wie die Schraubenproduktion. Nur weil ein Geschäftsmodell, das ein paar Jahrzehnte lang gut funktioniert hat, nun an seine Grenzen stösst, bedeutet das noch lange nicht, dass die damit finanzierte Aufgabe plötzlich obsolet ist. Journalismus erfüllt eine unverzichtbare gesellschaftliche Funktion, egal, wie es auf dem Markt läuft.
Genauso wenig wie man von Kunst und Kultur erwartet, dass sie sich alleine aus dem Markt finanzieren, sollte auch das Gedeihen des Journalismus nicht einzig von seiner kommerziellen Verwertbarkeit abhängen. Nur: Woher kommt das Geld? Womit wir wieder zurück sind bei den Stiftungen. Ganz unbekannt ist das Modell des stiftungsfinanzierten Journalismus nicht. Und man braucht dazu nicht einmal über den Atlantik zu schauen zum gerne zitierten Beispiel von Pro Publica und seiner pulitzerpreisgekrönten Redaktion. Zwar nicht gerade zehn Millionen Dollar, wie sie das Ehepaar Sandler dem unabhängigen Redaktionsbüro jährlich überweist, aber immerhin ein paar Hunderttausend Franken zahlen zwei Stiftungen dem Büro von Wissenschaftsjournalist Beat Glogger für die Produktion der wöchentlichen «Wissen»-Seiten in «20 Minuten». Den beiden Stiftungen Mercator und Gebert Rüf geht es aber nicht primär darum, dem Journalismus unter die Arme zu greifen, sondern – gemäss ihrem Zweck – Wissenschaftskommunikation zu fördern. Was in der Schweiz fehlt, sind Stiftungen, die sich uneigennützig der noblen Aufgabe verschreiben, journalistisches Schaffen zu fördern. Wer geht mit gutem Beispiel voran?


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