10. Juli 2007 von Klartext
Fridolin Fuchs über die Sprachlosigkeit der “Schweizer Illustrierten”
Vor einiger Zeit flatterte der Quark-Postille “Bunte” ein Leserbrief zu, dessen Urheber spürbar völlig aus den Socken war. Anlass war eine Serie, in der die Redaktion die Tagebücher der verblichenen Marlene Dietrich gefleddert und selbst minorste Fäktelchen aus deren Leben zur peinlichen Auslegeware verwoben hatte.
Nekrophil Ambitionierte erfuhren beispielsweise, wie beim Eintritt des Todes die Augen der Diva standen, und Lesehungrige, denen es bis dahin den Appetit noch nicht verschlagen hatte, bekamen Seiten weiter den letzten Inhalt ihres Kühlschrankes aufgelistet.
Akribisch zusammengestiefelter Nonsens dieser Art war es, der Peter Rothenbühler, seines Zeichens Kapitän auf dem “Bunte”-ähnlichen, in Untiefen dümpelnden Sprachzerstörer “Schweizer Illustrierte” (SI), zum postalischen Erguss gekitzelt hatte. “Ihr Marlene-Dietrich-Abschied ist ein Hammer!” jauchzte er seinen Seelenverwandten ennet dem Bodensee zu. “Die Bilder, das Tagebuch, die Gedichte, das Layout, die Legenden – ein Meisterwerk der Illustriertenarbeit. Bravo! Ich musste dieses Kompliment einfach loswerden. Ich habe seit langem zum erstenmal wieder einfach nur gestaunt.”
Staunen dürfen immer wieder auch die Leserinnen und Leser der SI, in der Rothenbühler mal in Gartenlaubenpoesie, mal biertischkompatibel seine Editorials verbratet. Essentielles findet man in der Kurzprosa des Boulevard-Simplicissimus zwar selten (man sucht es erst gar nicht), dafür aber lustig verkappte Entschuldigungen für Titelgeschichten über längst abgenudelte Halbprominenz. “Das grösste Glück ist für alle immer noch das Glück, das für alle gleich ist”, salbaderte er, nachdem “Moni” Zurbriggen ihrem “Mars”-Menschen Pirmin einen kleinen Pirmin geboren hatte, und klatschte das Heft mit den üblichen totgestylten Grins- und Knutschbildchen voll.
Niedlicher wurde der Chef des Plattblattes nur, als er zu begründen suchte, weshalb die SI-Reporter Bundesrat Delamuraz bei seinem Chinabesuch so lange auf den Fersen blieben, bis sie ein Bild hatten, auf dem dem Magistraten widerspenstig schlüpfrige Glasnudeln aus dem Gesicht fallen: “Politik wird von Menschen gemacht, von Menschen, die lachen und weinen können, von Menschen, die andere Menschen gern haben, die genauso wie du und ich gerne in Jeans rumlaufen.” Schade, dass er die Marke der gepriesenen Blauhose nicht verriet, denn mit Product-Placement ist man sonst bei der SI nicht so zimperlich: Wolfram Meister, Rothenbühlers Stellvertreter, brachte es fertig, ein Editorial ausschliesslich dem alkoholfreien “Clausthaler”-Bier zu widmen. Die SI gibt sich fröhlich, herzig, bieder. Wie der selig dauerstrahlende und unverletzbar wirkende Pfarrsohn Rothenbühler selber, der mit seiner prägnanten stilistischen Schwammigkeit und seiner ahnbar verinnerlichten Gefühlsduselei problemlos bei jedem Grusskartenverlag unterkäme.
In der auf Keimfreiheit getrimmten Plastikwelt der freiwilligen Hausopfer Bernhard Russi, Nella Martinetti, Rolf Knie, Ursula Andress & Co. heisst es denn auch immer nur lächeln. In direktem Anschluss an 98 Prozent aller Zitate steht eine Floskel wie “strahlte XY”, “freute sich YX”, “schwärmte ZX”. Gesagt wird nie etwas. Klar. Was gibt es denn schon gross anzumerken zu Diminutiv-Veranstaltungen wie einer “Elefäntli”-Taufe, zum Durchfall eines “Seelöwen-Meitli” oder zu einem schwingenden Adrian Käser, der sich seine 106 Kilo mit “Nüüüdeli” angefressen hat? In der SI herrscht Friede, Freude, Pustekuchen, Seite um Seite, Montag für Montag, bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag wahrscheinlich oder mindestens so lange, bis Rothenbühler sich leserbriefschreibend woanders angedienert hat.
Neben Gefühl pur als journalistisches Leitmotiv wird in der SI jede Handlung unterdrückt, weshalb man mit Verben billigster Währung auskommt: haben, sein, machen. Oft schenkt man sich das mitunter halt stressige Suchen nach Tätigkeit umreissenden Vokabeln fast ganz und druckt, was Schreibende anderer Blätter höchstens als Notizen oder Sudel verwenden würden.
In einer Story über den Dessous-Boss Kurt Hochstrasser von der “Beldona AG” findet sich in einem 14-Zeilen-Abschnitt nur ein oberschlappes Verben-Trio: “Ein kahles Büro. Nix Tutti Frutti. Schwere schwarze Holzmöbel, der Schreibtisch aufgeräumt, ein paar Regale mit dicken Ordnern, an der Wand ein Foto vom Engadin-Skimarathon, an der Decke ein Ventilator. Neonlicht, Lamellenstoren. Kurt Hochstrasser, gross, athletisch, nimmt einen rosa Büstenhalter, sagt: ,Diese Modelle sind sehr beliebt, leicht, wenig Stoff, sehr wöschig’.” Diese Wertung könnte unter jeder SI-Story stehen. Dürftig wie die Verben sind auch die Satzzeichen im allwöchentlichen People-Sammelsurium. Meist beschränken sich die SI-Schreiber auf den Punkt, obwohl der asthmatisch kurze Sätze provoziert und von Wolf Schneider – einem oft aufgebotenen, aber überhörten Lehrmeister von “Ringier”-Journalisten – bei inflationärer Verwendung als Pest verflucht wird.
Drei, vier Worte, rätätäpäng, wie aus dem MG abgefeuert, dann die nächste Salve – über mehr hinweg tragen die Gedanken der SI-Subalternen wohl nicht. Sätze über sechs Zeilen und mehr werden nur noch dem mal yuppie- mal dissidentenhaften Rotstrumpf Frank A. Meyer oder dem zunehmend babbeligen Peter Bichsel zugestanden. Das Blatt verkümmert zur geistigen Sahelzone, die – wenn man der positiven Zahlenbeigerei trauen mag – allein dem Verlag etwas bringt.
Peter Rothenbühler ist auch einer, der es eher mit dem Numerischen als mit Worten hält. In einer Privatmaschine liess er sich unlängst in die Provence jetten, um sich auf dem Gut des Gemüse-”Swatch”-Designers Alfred Hofkunst, den er filzig “Hofi” nennen darf, in Addition zu üben. Der SI-Chef gewahrte “zwei Hunde, die im Park freien Auslauf haben, zwei Papageien, einen Tukan, ein Dutzend Kaninchen, ebenso viele Hühner, zweihundert Karpfen im Karpfenteich und eine unbekannte Anzahl Frösche im Froschteich.” Rothenbühler sollte unbedingt wieder gegen Zeilenhonorar schreiben.
Übrigens: Auf der SI-Redaktion arbeiten 23 festangestellte schreibende Redaktorinnen und Redaktoren. Die Anzahl Frösche ist auch da unbekannt.
10. Juli 2007 von Klartext
Rupert Murdoch hat seinen Raubzug auf die Geldbeutel der TV-Zuschauer erfolgreich gestartet.
In Livingston, Schottland, macht sich der australische Medien-Tycoon Rupert Murdoch daran, die medienpolitischen Zukunftsphantasien der Thatcher-Regierung in die Tat umzusetzen. Das Fernsehen in Grossbritannien soll von Grund auf umgekrempelt werden. Die Zuschauer, die kostengünstige TV-Programme bislang für selbstverständlich hielten, müssen sich daran gewöhnen, künftig extra für das Privileg zu bezahlen, intressante Sendungen auf den Bildschirm zu bekommen.
In Livingston befindet sich das Abonnementszentrum von Murdochs Satellitensender “BSkyB”. Rund 400 Angestellte nehmen dort für einen durchschnittlichen Jahreslohn von 8000 Pfund (21’200 Franken) wöchentlich rund 50’000 Telefonanrufe und Briefe entgegen. Von den 3,5 Millionen “BSkyB”-Zuschauern (Kabel- und Satellitenempfänger) haben 1,2 Millionen beide Pay-TV-Kanäle von Murdoch abonniert: “Movie Channel” und “Sky Movies Plus” – “Sky News” und “Sky One” können kostenlos empfangen werden. Für die beiden Kinokanäle bezahlen sie 16,99 Pfund monatlich (45 Franken) und können sich dafür zusätzlich auf dem “Commedy Channel” vergnügen. Von Livingston erhalten die Abonnenten monatlich eine mit Mikrochips bestückte persönliche “Smart Card”, die, in den heimischen Satelliten-Receiver eingeführt, die codierten Programme entwirrt.
Doch mit den 648 Millionen Franken, die Murdoch jährlich an Abonnementsgebühren für seine Spielfilmprogramme kassiert, will sich der “BSkyB”-Boss nicht begnügen. Für 340 Millionen Pfund (805 Millionen Franken) hat Murdoch dem terrestrisch ausgestrahlten britischen Privat-TV-Sendernetz “Independent Television” (ITV) die Übertragungsrechte der nächsten fünf Jahre für die Fussballspiele der “Premier League” weggeschnappt. Am 2. September wird sein jüngster “BSkyB”-Kanal “Sky Sports” als Pay-TV auf Sendung gehen. Bei “Sky Sports”, ebenfalls im “Pay-per-month”-Verfahren aufgebaut, müssen die fussballvernarrten Briten künftig 5,99 Pfund pro Monat an Murdoch abliefern, wenn sie die Matches in voller Länge mitverfolgen wollen.
Aber Murdoch will die Zitrone noch mehr auspressen: Für nächstes Jahr plant er die Lancierung des “Pay-per-view”-Verfahrens, bei dem der Zuschauer nur für die Sendungen bezahlt, die er sich auch wirklich anschaut. Für einen Zuschlag von vermutlich zwei Pfund pro Match will Murdoch die Spitzenspiele der Woche extra verrechnen. Da dieser Beitrag jedoch pauschal zusätzlich zu den monatlichen Gebühren von 5,99 Pfund für “Sky Sports” bezahlt werden muss, handelt es sich hierbei um kein echtes “Pay-per-view”-TV sondern nur um “Pay-per-event”. Richtiges “Pay-per-view”-TV gibt es bis heute erst in den USA und in einigen europäischen Hotels, die eigene Videoprogramme anbieten. Im Gegensatz zu “Pay-per-event” muss der Zuschauer bei “Pay-per-view” ausser einer einmaligen Anmeldung selbst nichts mehr unternehmen, es reicht, wenn er den Fernseher auf den vorgesehenen Kanal einstellt. Dann beginnt automatisch in der Senderzentrale sein persönlicher Gebührenzähler zu laufen. Die Rechnungen für die konsumierten Sendungen werden periodisch verschickt oder direkt via Kreditkarte belastet. Für “Pay-per-view” müssen die Signale für die Verrechnung jedoch im Zweiweg-Verfahren vom Empfänger zum Sender und zurück gesendet werden können. Dies ist via Satellit nicht möglich.
Dass seine TV-Pläne kein echtes “Pay-per-view” sind, kümmert Murdoch jedoch wenig, er wird aller Voraussicht nach ohnehin seinen Schnitt machen. Das Prognoseinstitut “Zenith Media” rechnet nämlich damit, dass bis Ende 1993 25 Prozent der britischen TV-Haushalte (5,7 Millionen) Satelliten-TV empfangen können. Wenn davon nur 500’000 Haushalte die 60 Fussball-Spitzenspiele pro Jahr anschauen, erhöhen sich Murdochs Einnahmen um 60 Millionen Pfund. Ganz zu schweigen von den monatlichen “Sky Sports”-Grundgebühren, die die Fussballfans ja ohnehin bezahlen müssen, um die Spitzenspiele überhaupt buchen zu dürfen.
Ausserdem hat Murdoch bereits eine weitere Möglichkeit erspäht, wie er den Briten das Geld aus der Tasche ziehen kann. Denn auch Grossanlässe wie Boxkämpfe, Cricket-Weltcups oder Mega-Konzerte à la “Carmen” oder “Live Aid” eignen sich für die “BSkyB”-Version von “Pay-per-view”. Und sogar die Einwanderer hat Murdoch bei seiner harten Kalkulation nicht vergessen: Diesen Sommer hat er begonnen, AboGebühren für “Asia TV” einzusammeln, ein Tagesprogramm, das Sendungen aus dem indischen Subkontinent ausstrahlt. In Livingston wurden bereits Urdu und Hindi sprechende Angestellte angeheuert. Zudem will “BSkyB” sein technisches Know-how und die Infrastruktur auch anderen Pay-TV-Betreibern zur Verfügung stellen – gegen entsprechendes Entgelt natürlich. Bereits hat ein Pilgerzug von europäischen TV-Veranstaltern ins Pay-TV-Mekka Livingston eingesetzt.
10. Juli 2007 von Klartext
Stefan Hartmann über das unabhängige Buren-Magazin “Vrye Weekblad”
Der 4. November 1988 muss das Selbstverständnis der Buren Südafrikas nachhaltig erschüttert haben. Ein Abtrünniger aus ihren Reihen, der Pfarrerssohn Max du Preez, brachte an diesem Tag das unabhängige Wochenblatt “Vrye Weekblad” (VWB) heraus. Darin fuhr er der verlogenen weissen Herrenrasse ganz schön an den Karren. Und erst noch in ihrer eigenen Sprache, Afrikaans. Das hatte es noch nie zuvor in der Geschichte Südafrikas gegeben.
Themen, Skandale und Namen werden seither ans Tageslicht gebracht, die in der regierungsnahen südafrikanischen Presse während Jahrzehnten unter den Teppich gewischt wurden. Keine VWB-Ausgabe bleibt ohne eine Enthüllung. Niemand im Apartheid-Establishment kann es sich deshalb leisten, das Blatt nicht zu lesen. Freitags geht das grosse Zittern durch die Reihen der Beamten, Büttel und Dunkelmänner, ob wohl ihr Name in der neuen Nummer auftauche.
Als VWB Ende 1990 mit Enthüllungen über die Todesschwadronen des weissen Polizeihauptmanns Dirk Coetzee eine besonders brisante Bombe hatte platzen lassen, schnellte die Auflage praktisch über Nacht von 7000 auf 15’000 Exemplare hoch. Heute erreicht das Heft diese Auflage praktisch allwöchentlich.
Das VWB ist kein Massenblatt, dazu ist die Botschaft für viele der Buren zu fremd und zu unbequem. “Es braucht Jahre und Jahrzehnte, um meine Rasse von der Apartheid zu entprogrammieren (,de-brainwash’)”, meint du Preez. Ein hoher Anteil der VWB-Leserschaft hat einen akademischen Hintergrund, rund ein Drittel ist englischsprachig. Bei der Leserschaft handelt es sich laut du Preez vor allem um “Beamte, Richter und Studenten, die sich langsam von dem Glauben der Altväter an die Mission der Afrikaaner (Buren) frei” machten. Das VWB, erzählt Chefredaktor du Preez, werde auch von Ministern gelesen, von denen ihm einige sogar “klammheimlich” ihre Bewunderung übermittelt hätten.
Nach Schweizer Begriffen steht das Wochenblatt, das den Redaktoren gehört, in guter liberaler Tradition. Die “Frankfurter Allgemeine” nennt es “allenfalls milde sozialdemokratisch”.
Tatsächlich tut das “Vrye Weekblad” nichts mehr und nichts weniger, als für Demokratie und Menschenrechte einzustehen, lehnt alle Formen der Gewalt ab, glaubt an Verhandlungen und Versöhnung. Das Blatt ist weder Sprachrohr einer linken weissen Partei noch des sc hwarzen “African National Congress” (ANC).
Dennoch reagierte der Apartheid-Apparat höchst unwirsch auf den Nestbeschmutzer du Preez und seine Redaktionskollegen. Ein in Süd-afrikas Pressegeschichte beispielloser Feldzug wurde nach Erscheinen der ersten Nummer gegen das Wochenblatt eröffnet: Die Apartheid-Bürokratie und die Sicherheitskräfte versuchten, das VWB zum Schweigen zu bringen.
So wurde beispielsweise dem VWB vom zuständigen Ministerium statt der üblichen Zulassungsgebühr von zehn Rand (fünf Franken) gleich eine solche von 30’000 Rand auferlegt. Und nach der ersten Enthüllungsstory wurde dem Magazin mit der Schliessung gedroht. Auf Flughäfen, Bahnhöfen oder den Campus von Afrikaanser Universitäten durfte das Blatt nicht verkauft werden. Die Zustellung des VWB per Post verzögerte sich aus unerfindlichen Gründen um drei Wochen. Oder das Telefon fiel am Tag des Redaktionsschlusses regelmässig aus. Schliesslich ging auch noch eine Bombe vor dem Redaktionsgebäude hoch.
Grosse Teile des knappen Redaktionsbudgets gehen für Prozesse gegen das VWB drauf. Durchschnittlich einen Tag pro Woche verbringt du Preez auf Gerichten oder bei Anwälten, um sich gegen Strafverfahren wegen Veröffentlichung angeblich geheimer Informationen zu verteidigen. Weit über zwei Dutzend Klagen mit zum Teil horrenden Schadenersatzforderungen beschäftigen das VWB ununterbrochen.
Richtig unangenehm wurde die Hatz jedoch für VWB-Mitbegründer Max du Preez privat. Sechsmal in nur zwei Jahren musste der heute 40jährige Politikwissenschaftler mit seiner Familie wegen Drohungen umziehen. Doch der bärtige Hüne scheint die Ruhe selbst – er freut sich herzlich über den ganzen Wirbel, den das VWB wöchentlich unter der Burenkaste Südafrikas verursacht: “Die Weissen in Südafrika müssen geschüttelt werden, damit sie endlich aufwachen.” Du Preez spricht und schreibt Klartext. Er sei gerne Afrikaaner, sagt er, und sehe in seiner Liebe zur Sprache und zu “Teilen der Burengeschichte” keinen Widerspruch zu seiner journalistischen Arbeit.
Für du Preez – in einem offenen, nichtrassistischen Pfarrershaus im ländlichen Oranje-Vrystaat aufgewachsen – ist die Vorstellung eines künftigen Südafrikas mit einer multirassischen, demokratischen Gesellschaft die klarste Sache der Welt. Doch bis dahin scheint es noch ein weiter Weg. Viele Buren können sich mit diesem Gedanken noch nicht anfreunden. In ihren Köpfen etwas zu bewegen, dafür will du Preez das Wochenblatt gleichsam als Hebel einsetzen.
Doch seine Leidenschaft kostet Geld. Um dem Blatt alternative Geldquellen zu erschliessen, hat der Burenschlaue diversiviziert: In Namibia wird auf einem Du-Preez-Betrieb das in Südafrika so beliebte Dörrfleisch Biltong produziert. Und in Südafrika betreibt er einen florierenden Jazzmusik-Vertrieb. Ausserdem gibt VWB eine Jazz-Zeitschrift heraus. Solche Nebeneinkünfte kann das Blatt gut gebrauchen, fehlen ihm doch die gewünschten Inserateeinnahmen. Das im Hochformat erscheinende, 40seitige VWB kommt kaum über zwei bis drei Inserate pro Nummer hinaus. Nach du Preez’ Einschätzung steht hinter dem Inserateboykott der Wirtschaft der Apartheid-Apparat, der das ungeliebte Blatt so aushungern möchte.
Aus Kostengründen hat das VBW seit kurzem seine Redaktionsräume mit dem renommierten schwarzen Wochenblatt “New Nation” zusammengelegt, und mit der Tageszeitung “Sowetan” gibt VWB die gemeinsame Vierteljahres-Beilage “State of the Nation” zu aktuellen Gesellschaftsfragen heraus.
Das flache ehemalige Bankgebäude, wo das VWB produziert wird, liegt einen Häuserblock vom prestigereichen Markettheater in Johannesburg entfernt, wo “Sarafina”, das erfolgreiche Stück über den Schüleraufstand in Soweto, heute noch vor vollem Haus gespielt wird. Im riesigen Redaktionsraum herrscht das kreative Chaos: Kettenraucher du Preez steht an diesem Tag im April mit einem Kollegen über das Leuchtpult gebeugt. Gerade wird über das Dia mit dem Konterfei von Winnie Mandela für die Titelseite diskutiert. Das VWB verschont auch den ANC nicht mit Kritik. “Unter einer ANC-Regierung wären wir möglicherweise genauso unbeliebt”, glaubt du Preez.
Im kleinen, aber hochmotivierten Redaktionsteam arbeiten Weisse, Schwarze und Farbige. Als einzige Zeitung Südafrikas betreibt das “Vrye Weekblad” systematische Ausbildung junger farbiger Reporter – unterstützt von der schweizerischen “Direktion für Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe”.
10. Juli 2007 von Klartext
Carl Bernstein über die US-Medien – 20 Jahre nach Watergate*
Das Drama, das mit dem Watergate-Einbruch begann und mit dem Rücktritt von Richard Nixon endete, liegt nun schon beinahe eine ganze Generation zurück – 20 Jahre, in denen die amerikanische Presse in einer eigenartigen Hektik damit beschäftigt war, sich für ihre Leistungen in dieser Affäre und danach gleichzeitig selbst zu beglückwünschen und zu verteidigen.
Das Eigenlob ist nicht berechtigt, die Rechtfertigungen sind es leider. Denn immer mehr ist jenes Amerika, wie es in den amerikanischen Medien dargestellt wird, trügerisch und täuschend – verzerrt, irreal, ohne Bezug zu unserem wirklichen Leben. Bei der Darstellung des amerikanischen Lebens finden die Medien wöchentlich, täglich, stündlich neue Wege, es falsch zu machen. Die Darstellung ist verzerrt durch die Anbetung von Berühmtheiten; durch die Reduktion der Information auf Klatsch; durch Sensationshascherei, was immer ein Abwenden vom politischen und sozialen Gespräch bedeutet – ein Gespräch, das wir alle, die Presse, die Medien allgemein, die Politiker und das Volk, in eine Kloake verwandeln.
Zurück zu Watergate. Es gibt aus dieser Affäre einiges zu lernen, vor allem über die Presse. Vor 20 Jahren, im Juni 1972, begannen Bob Woodward und ich, uns für die “Washington Post” mit der Watergate-Geschichte zu beschäftigen. Zur Zeit des Einbruchs arbeiteten rund 2000 vollamtliche Reporter in Washington, DC. In den folgenden sechs Monaten setzten die Medien nur 14 dieser 2000 Journalistinnen und Journalisten ganz auf die Watergate-Geschichte an. Und von diesen 14 waren nur sechs auch wirklich mit Recherchieren beschäftigt und begnügten sich nicht mit täglichen Statements und Gerichtsberichterstattung, sondern versuchten selbst herauszufinden, was genau geschehen war.
Trotz der Mythologie, welche den sogenannten Recherchier-Journalismus umgibt, ist es wichtig, sich daran zu erinnern, was wir bei Watergate wirklich getan und nicht getan haben. Denn was wir getan haben, war in Wirklichkeit nicht so exotisch. Unsere Arbeit bei der Aufdeckung dieser Geschichte basierte auf schlichter faktensammelnder Polizeiberichterstattung. Wir verliessen uns vor allem auf unsere Schuhsohlen, auf den gesunden Menschenverstand und auf den Respekt vor der Wahrheit.
Woodward und ich waren zwei gewöhnliche Lokalreporter, die auf einen Fall angesetzt waren, der im Grunde ein gewöhnlicher Einbruch war. Deshalb wendeten wir die einzigen journalistischen Techniken an, die wir kannten: Wir klopften an viele Türen, stellten viele Fragen und verbrachten viel Zeit mit Zuhören – einfach all die Dinge, die gute Reporter seit Jahren tun. Als Lokalreporter hatten wir keinen Zugang zu hochgestellten Informanten, kein Spesenbudget, mit dessen Hilfe wir die Mächtigen in feinen französischen Restaurants hätten umgarnen können. Wir taten unsere Arbeit fern der verführerischen Welt der Reichen, Berühmten und Mächtigen.
So arbeiteten wir uns langsam nach oben, indem wir kleine Beamte, Sekretärinnen, Verwaltungsassistenten interviewten. Wir trafen sie ausserhalb ihrer Büros und Wohnungen, am Abend und an Wochenenden. Die Justizbehörden und das FBI befragten dieselben Leute wie wir, aber immer in ihren Büros, in Gegenwart der Verwaltungsjuristen; nie zu Hause, nie am Abend, nie fern von ihren Jobs, von Einschüchterung und Druck. Deshalb war es keine Überraschung, dass das FBI und das Justizdepartement zu den gegenteiligen Schlüssen kamen wie wir. Sie liessen zentrale Informationen ausser acht, weil sie, nach den Worten des damaligen FBI-Chefs, bei den Männern um den Präsidenten von einer “Annahme der Korrektheit” ausgingen.
Selbst unsere Kollegen in der Presse nahmen unsere Reportagen nicht ernst, bis unsere Methoden einige aussergewöhnliche Informationen zutage förderten: eine Geschichte von systematischer, illegaler politischer Bespitzelung und Sabotage, die vom Weissen Haus aus gesteuert wurden, von geheimen Fonds, abgehörten Telefonen, einem Team von “Spenglern” (Einbrechern), die für den Präsidenten arbeiteten. Und dann die Geschichte von der Vertuschung, von der Behinderung der Justiz, die bis hinauf zum Präsidenten reichte.
Es ist wichtig, sich an die Reaktion der Regierung Nixon zu erinnern. Sie machte das Verhalten der Presse zum Hauptthema von Watergate – nicht das Verhalten des Präsidenten und seiner Männer. Tag für Tag gab Nixons Weisses Haus etwas heraus, was wir mit der Zeit das “Nicht-Dementi” nannten: Pressesekretär Ron Ziegler, der republikanische Führer im Repräsentantenhaus Jerry Ford und der republikanische Führer im Senat Bob Dole warfen uns vor, wir handelten mit Gerüchten, Hörensagen, Rufmord und Andeutungen – auf den Inhalt unserer Geschichten allerdings gingen sie nie ein.
Nixons Technik, die Methoden der Presse zum Thema zu machen, verschwand nach Watergate keineswegs, sie erreichte im Gegenteil unter Ronald Reagan neue Höhen der Raffinesse und des Zynismus, und sie blüht auch heute. So sagte Reagan über die Iran-Contra-Affäre: “Was mich die Wände hochgehen lässt, ist, dass es kein Fehlschlag war, bis die Presse einen Hinweis von diesem Lumpen in Beirut bekam und alles aufzubauschen begann. Die ganze Sache war eigentlich nichts anderes als eine grosse Verantwortungslosigkeit von seiten der Presse.”
Und mit George Bush haben wir jetzt einen weiteren Präsidenten, der von Informationslecks und Geheimniskrämerei besessen ist, einen Präsidenten, der es nicht verstehen konnte, dass die Presse darüber berichtete, als seine Leute auf dem Lafayette Square gegenüber dem Weissen Haus eine Drogen-Razzia fingierten. “Auf welcher Seite steht Ihr eigentlich?” fragte er. Es war eine wahrhaft nixonianische Frage. Diese Verachtung für die Presse, die sich auf Hunderte von Beamten in öffentlichen Ämtern übertragen hat, ist wohl das dauerhafteste und wichtigste Vermächtnis der Nixon-Regierung.
Im Rückblick hatte Nixons ausserordentliche Kampagne, die Glaubwürdigkeit der Presse zu untergraben, einen beachtlichen Erfolg, trotz des Nach-Watergate-Imponiergehabes in unserem Beruf. Ein wichtiger Grund für diesen Erfolg sind unsere eigenen offensichtlichen Mängel. Es ist eine harte und einfache Tatsache, dass unsere Berichterstattung nicht gut genug war. Sie war nicht gut genug während der Nixon-Jahre, sie wurde schlechter während der Reagan-Jahre, und sie ist heute um nichts besser. Wir sind arrogant. Wir haben es unterlassen, unsere eigenen Institutionen in den Medien denselben harten Prüfungen zu unterziehen, die wir für alle anderen mächtigen Institutionen der Gesellschaft fordern. Wir sind nicht eher bereit oder willig, Irrtümer oder Fehleinschätzungen zuzugeben, als die parlamentarischen Schurken und bürokratischen Verbrecher, für deren Überwachung wir so viel Zeit aufwenden.
Das grösste Verbrechen im heutigen Informationsbusiness ist es, zu spät zu kommen oder eine grosse Story zu verpassen. So sind Geschwindigkeit und Quantität der Ersatz für Gründlichkeit und Qualität, für Genauigkeit und das Darstellen von Zusammenhängen. Der Druck der Konkurrenz, die Angst, jemand anderes sei schneller, schafft ein hektisches Klima, in dem ein Wirbelsturm von Informationen fabriziert wird und ernsthafte Fragen nicht gestellt werden dürfen. Und selbst in jenen Glücksfällen, da solche Fragen aufgeworfen werden (wie beispielsweise nach einigen der ungeheuerlichen Geschichten über die Familie Clinton), nimmt sich niemand die Zeit, der Sache wirklich auf den Grund zu gehen.
Berichterstattung ist nicht Stenographie. Es ist die beste der erhältlichen Versionen der Wahrheit. Die wirklich entscheidenden Trends im Journalismus allerdings gehen nicht in Richtung auf eine Verpflichtung zur besten und komplexesten der erhältlichen Versionen der Wahrheit, nicht in Richtung auf einen neuen Journalismus, der auf ernsthafter, durchdachter Berichterstattung beruht. Dies sind nicht die Prioritäten, welche den Leserinnen und Lesern der meisten unserer Zeitungen auffallen; es ist nicht das, was die Leute bekommen, wenn sie die Fernseh-Nachrichten einschalten.
“Also, war es wirklich der beste Sex, den Sie je hatten?” Dies fragte Diane Sawyer in einem Interview auf “Prime Time Live” Marta Maples über ihre Affäre mit Multi-Milliardär Donald Trump. “Prime Time Live” ist eine Sendung der News-Abteilung von ABC, von der laut Eigenwerbung “mehr Amerikaner ihre Informationen beziehen als von irgendeiner anderen Quelle”. Diane Sawyers Frage markierte einen neuen Tiefpunkt. Seit mehr als 15 Jahren bewegen wir uns vom wirklichen Journalismus weg in Richtung auf eine Art von schlüpfrigem Infotainment, in dem die Grenzen zwischen den grossen Fernseh-Gesellschaften und den Boulevardblättern sich verwischen. In dieser neuen Kultur des journalistischen Kitzels bringen wir den Medienkonsumentinnen und -konsumenten bei, dass das Triviale bedeutend sei, dass das Grelle und Verdrehte wichtiger sei als die wirkliche Information. Wir dienen unserem Publikum nicht, wir biedern uns an. Und wir benehmen uns herablassend, indem wir das liefern, von dem wir annehmen, das Publikum wolle es und es erhöhe unsere Einschaltquoten und Auflagen. Leider scheinen viele unsere herablassende Haltung zu bestätigen und den Ramsch tatsächlich zu mögen. Aber trotz allem ist es die Aufgabe der Journalisten, die Leute herauszufordern und sie nicht nur zu amüsieren.
Wir sind auf dem besten Wege, das zu schaffen, was den Namen Idioten-Kultur verdient. Nicht eine idiotische Sub-Kultur, wie sie in jeder Gesellschaft unter der Oberfläche brodelt und für harmlosen Spass gut ist, sondern die Kultur selbst. Zum ersten Mal werden das Sonderbare, das Stupide, das Grobe zur kulturellen Norm, ja sogar zum kulturellen Ideal.
Ich will nicht die Populärkultur angreifen. Guter Journalismus ist populär, aber populär in dem Sinne, dass das Publikum informiert und sein Wissen erweitert wird, nicht dass man auf der Suche nach dem tiefsten gemeinschaftlichen Nenner immer weiter nach unten rutscht. Wenn Populärkultur den Ausdruck von Gedanken und Gefühlen bedeutet, der von den Konsumenten keinerlei Anstrengung erfordert, dann ist der anständige populäre Journalismus am Ende. Was heute leider geschieht, ist der Untergang des wirklichen Journalismus, der von der tiefsten Form der Populärkultur – Mangel an Information, Fehlinformation, Desinformation, Verachtung für die Wahrheit und die wirkliche Lebenssituation der meisten Menschen – überrollt worden ist. Heute werden die normalen Amerikaner mit Abfall vollgestopft.
Es geht hier nicht um das Recht auf freie Meinungsäusserung. In einem freien Land haben wir auch die Freiheit, Abfall zu konsumieren. Aber dieTatsache, dass Abfall immer produziert werden wird, bedeutet nicht, dass wir das auch noch unterstützen müssen. Und die grossen Informationskonzerne dieses Landes sind jetzt in der Abfallwirtschaft tätig. Wir alle kennen Pornographie, und sie hat ein Recht zu existieren. Aber wir müssen nicht alle Pornographie-Produzenten werden; und es gibt kaum ein Medienunternehmen in den USA, das in den letzten 15 Jahren nicht mindestens eine Zehe in das soziale und politische Pendant zum Porno-Geschäft gesteckt hat.
Ja, wir haben immer eine sensationsgierige, populäre Klatsch-Boulevard-Presse gehabt; und wir haben immer Klatsch-Spalten gehabt. Aber nie zuvor hatten wir eine Situation wie heute, in der angeblich ernsthafte Leute – ich spreche von den sogenannten intellektuellen und sozialen Eliten dieses Landes – durch diese Kolumnen und Fernseh-Shows leben und sterben (und sie auch noch glauben), und in der Millionen weiterer Leute sich auf diese “Informationsquellen” verlassen.
Während der acht Jahre der Reagan-Präsidentschaft begriff die Presse nicht, dass Reagan ein wirklicher Führer war – so sehr er am Schalthebel der Macht zu schlafen schien, so seicht sein Intellekt auch war. Kein Führer seit Präsident Franklin Delano Roosevelt in den dreissiger Jahren veränderte die amerikanische Landschaft so nachhaltig, keiner sah seine Vision von Amerika und der Welt so gründlich in die Tat umgesetzt. Aber während der Reagan-Jahre verliessen wir von der Presse kaum einmal Washington, um im Lande draussen die Wechselwirkung zwischen Politik und Gesetzgebung und Reagans Richter-Ernennungen zu studieren, um die Wirkung der Regierungserlasse auf die Bevölkerung zu untersuchen – auf die Kinder und die Erwachsenen, auf die verschiedenen Institutionen, in der Erziehung, an den Arbeitsplätzen, in den Gerichten, unter den Schwarzen, in den Lohntüten und Einkaufskörben. Wir waren so damit beschäftigt, uns über Reagans Rhetorik vom “Reich des Bösen” lustig zu machen, dass wir die Verbindungen nicht sahen, die zwischen Reagans Politik und Gorbatschows Willen, das Übel des Kommunismus zu lockern, bestanden.
Jetzt liegt die Bilanz offen. Wir haben in Tat und Wahrheit die meisten grossen Geschichten unserer Generation verschlafen, vom Iran-Contra-Skandal bis zum Debakel der Spar- und Leihkassen.
Die Fehler der Presse trugen wesentlich bei zum Entstehen der “Talk-Show-Nation”, in der die öffentliche Diskussion auf Geschwätz, Gefasel und Imponiergehabe reduziert wird. Der grösste Teil unserer Presse wird bei ihrer Informationsauswahl immer stärker von der Unterwelt beeinflusst. Am Tag, als Nelson Mandela nach Soweto zurückkehrte und die Alliierten des Zweiten Wektkriegs der deutschen Vereinigung zustimmten, waren die Frontseiten vieler “verantwortungsbewusster” Blätter in den USA der Scheidung von Donald und Ivana Trump gewidmet.
Und eben sah es so aus, als ob uns die Apotheose dieser Talk-Show-Kultur kurz bevorstehe. Ich spreche von Ross Perot, einem Kandidaten, der vom Fernsehen geschaffen wurde. Lanciert wurde er in der “Larry King Live”-Show von CNN, und seine Lust, sich aufzuplustern und zu posieren, passte viel weniger in eine liberale Demokratie als zu den Schwergewichtsringern der TV-Schwatz-Shows. Er war ein Kandidat, dessen einziger substantieller Vorschlag darin bestand, die repräsentative Demokratie durch eine Live-Fernseh-Talk-Show für die ganze Nation zu ersetzen. Und dieser Kandidat, der allen Medien-Überprüfungen durch das schamlose Eingeständnis seiner Ignoranz ausgewichen war, führte vorübergehend in mehreren Staaten in Meinungsumfragen deutlich vor den Kandidaten der beiden grossen Parteien.
Heute ist der Zustand der USA die aufregendste News-Story der Welt. Unser politisches System steckt in einer tiefen Krise, wir werden Zeugen des Zusammenbruchs unseres Zusammengehörigkeitsgefühls und der Gemeinschaft, welche die Entstehung und den Fortschritt der amerikanischen Demokratie in der Vergangenheit ermöglicht haben. Die Entstehung der Talk-Show-Nation ist ein Teil dieses Zusammenbruchs.
Viele Selbstverständlichkeiten in den USA – in bezug auf Rasse, Wirtschaft und das Schicksal unserer Städte – müssen in Frage gestellt werden, und wir könnten mit den Medien beginnen. Denn abgesehen von der Rassenfrage ist die Geschichte der zeitgenössischen amerikanischen Medien die grosse ungeschriebene Story im heutigen Amerika. Wir müssen zum Thema Presse dieselben grundlegenden Fragen stellen wie zu den anderen mächtigen Institutionen dieser Gesellschaft: wem sie dienen, was ihre Grundsätze sind, wie sehr ihre Eigeninteressen die öffentlichen Interessen und die Interessen der Wahrheit behindern.
In Tat und Wahrheit sind die Medien wohl die mächtigste unserer Institutionen, und sie verschwenden ihre Macht und vergessen ihre Verpflichtungen. Sie – oder vielmehr wir – haben die Verantwortung aufgegeben, und die Folgen dieser Aufgabe sind das Spektakel und der Triumph der Idioten-Kultur.
* Aus dem Amerikanischen von Martin Hauzenberger.
10. Juli 2007 von Klartext
Die Medienwissenschaftler Werner A. Meier und Michael Schanne über die Zukunft der Presse
KLARTEXT: Herr Meier, Herr Schanne, Sie erforschen im Rahmen einer grossangelegten, international vergleichenden Studie die Zukunft der Printmedien. Wann dürfen wir, nach Ihren Erkenntnissen, zwischen St. Gallen und Bern und zwischen Basel und Luzern einen einzigen “Mittelland-Anzeiger” lesen?
MICHAEL SCHANNE: Auf dem Inseratemarkt sind wir in der Schweiz gewiss auf dem Weg zu einer solchen Zeitung – allenfalls zu deren zwei. Das wird klar, wenn wir uns etwa den Zusammenschluss von “Tages-Anzeiger” und “Berner Zeitung” vergegenwärtigen oder die Fusion von “Vaterland” und “Luzerner Tagblatt” zur “Luzerner Zeitung” oder die Kombinationen in der Westschweiz oder die Bemühungen der “Publicitas”, innerhalb ihres Bereichs eine gemeinsame Ordnung zu schaffen.
KLARTEXT: Und auf dem Leserinnen- und Leser-Markt, also dem journalistischen Markt?
SCHANNE: Da sind wir von einer solchen Entwicklung heute bestimmt noch entfernt. Nichtsdestotrotz sind Konzentrationsentwicklungen auf dem journalistischen Markt auch in der Schweiz ausgeprägt vorhanden.
KLARTEXT: Wer wird die zu erwartenden – inhaltlich wohl zwangsläufig geglätteten – Fusionsprodukte überhaupt noch lesen?
SCHANNE: Ich habe Zweifel, ob eine inhaltliche Glättung zwangsläufig die Folge wirtschaftlicher Konzentration sein muss. Die meisten Studien, die in den letzten Jahren – vor allem in den USA – gemacht worden sind, laufen jedenfalls darauf hinaus, dass man von einer konzentrierten wirtschaftlichen Struktur nicht ohne weiteres auf einen geglätteten oder nivellierten Journalismus schliessen kann.
KLARTEXT: Dennoch: Wer wird in Zukunft noch Zeitung lesen? In den USA verliert die Tagespresse seit Jahren Leserinnen und Leser. Und auch hierzulande zeigen etwa die Rekrutenprüfungen, dass junge Menschen immer weniger lesen.
WERNER A. MEIER: Das stimmt, es ist ein absoluter Rückgang bei der Lektüre der Tagespresse festzustellen – und bei den jüngeren Segmenten ist der Rückgang überproportional. Die Vereinheitlichung, die Sie punkto Inhalt der Zeitungen befürchten, lässt sich allerdings punkto Leserinnen und Leser nicht beobachten. Es findet vielmehr eine starke gesellschaftliche Differenzierung statt, eine Individualisierung von Lebensstilen, eine Zunahme der Mobilität. Dies führt dazu, dass die relevanten Umwelten für jede einzelne Person permanent wechseln. Für die Zeitungen heisst das, dass sie mit vereinheitlichten Inhalten die Individuen in ihren wechselnden Umwelten gar nicht mehr erreichen könnten. Inhaltliche Vereinheitlichung der Presse wäre also höchst kontraproduktiv.
KLARTEXT: Vielleicht ist es einfach so, dass jenen, die Zeitungen überhaupt noch konsumieren, der Inhalt immer gleichgültiger wird.
MEIER: Das glaube ich nicht. Es gibt ja ständig gesamtgesellschaftliche Probleme – etwa Luftverschmutzung, Verkehrsfragen, Gesundheitspolitik -, von denen alle Menschen betroffen sind und denen sich niemand entziehen kann. Wir dürfen wohl nicht davon ausgehen, dass Leute, die wenig Zeitung lesen oder der Zeitungslektüre skeptisch gegenüberstehen, sich für diese aktuellen Probleme nicht interessieren. Aber: Möglicherweise schafft es die Tagespresse nicht, insbesondere die jüngeren Menschen anzusprechen und zu packen.
KLARTEXT: Die Tageszeitung als vielgelobtes Informations- und Meinungsbildungsmedium wird also ständig an Bedeutung verlieren.
MEIER: Warum nicht? Vielleicht sind Radio und Fernsehen tatsächlich Medien, die es eher schaffen, bestimmte Themen so aufzubereiten, dass sich ein bestimmter Teil der Rezipientinnen und Rezipienten angesprochen fühlt. Oder denken Sie etwa an Stadtillustrierte, die versuchen, die direkte Umwelt und damit den Lebensnerv der Menschen zu treffen – oder an Sachbücher, die einzelne Themen so vertiefen, wie es die Tagespresse niemals vermag.
SCHANNE: Wenn Sie sich jüngste Umfragen, etwa zur Frage, was Wissenschaft und Technik zu unserm Überleben beitragen, oder zu Themen wie Biotechnologie oder Gentechnologie, in Ländern der EG anschauen – und ich gehe davon aus, dass die Ergebnisse tendenziell auch auf die Schweiz übertragbar sind -, dann stellen Sie fest, dass die jungen Menschen gut informiert und hochinteressiert sind, und dass sie zu den entsprechenden Themen sehr viel lesen. Bloss: Sie lesen Fachzeitschriften, Fachbücher, populärwissenschaftliche Abhandlungen – und sie lesen vergleichsweise wenige Zeitungen.
KLARTEXT: Und aus welchen konkreten Gründen?
SCHANNE: Bestimmt auch deshalb, weil die Tagespresse in vielen Fällen genau diese brisanten Themen verschlafen oder systematisch vergessen hat – weil die Zeitungen zu ganz bestimmten, die Jungen interessierenden Themenkreisen kaum Angebote zur Verfügung stellen. Wenn man sich vergegenwärtigt, wieviele regelmässig erscheinende populärwissenschaftliche Publikationen, etwa zum Thema Umwelt, allein in der Schweiz vorhanden sind und wie vergleichsweise wenig in den letzten Jahren zur Umweltproblematik in der Tagespresse zu lesen war, kann man sich einiges zusammenreimen.
KLARTEXT: Das führt ja wohl früher oder später dazu, dass ein Grossteil der potentiellen Leserinnen und Leser gegenüber der Tagespresse resigniert – nach dem Motto: In der Zeitung kann ich mich ja ohnehin nicht nach meinen Bedürfnissen über die aktuellen und wichtigen Probleme informieren.
MEIER: Die Medienentwicklung der letzten zehn Jahre ist ganz klar durch eine Ökonomisierung gekennzeichnet: Die Kapitalrechnung wird für die Verlagshäuser immer zentraler. Andererseits ist ein Leistungsanspruch der Öffentlichkeit gegenüber der Presse – anders als bei Radio und Fernsehen, wo ein entsprechender Verfassungsartikel existiert – nirgends fixiert. Man ist also angewiesen auf einen gesellschaftlichen Konsens, wonach Zeitungen mehr sind als eine Ware. Wenn die Kommerzialisierung diesen Konsens bricht, wird es schwierig bis unmöglich, gegenüber der Presse inhaltliche Interessen zu artikulieren oder gar durchzusetzen.
KLARTEXT: In der Konsequenz heisst das, dass der vielzitierte Beitrag zur sogenannten demokratischen Meinungsbildung je länger desto weniger von der Tagespresse geleistet wird und sich die Menschen anderwärts informieren.
SCHANNE: Das ist richtig. Angesichts der Individualisierung der Gesellschaft, von der Werner Meier gesprochen hat, müssen sich die Medien insgesamt fragen, ob sie den Weg dieser Individualisierung mitgehen wollen. Das aber würde heissen: Segmentierung der Inhalte, der Zugangswege, eine Art Informations-Atomisierung. Wenn das geschieht, fragt sich: Wo bleibt da noch das genuin Journalistische?
KLARTEXT: Eine solche Segmentierung der Inhalte ist bereits bei vielen Medien im Gang.
SCHANNE: In der Tat scheint derzeit die spezifische Aufgabe von Journalismus – die zentralen Themen für die öffentliche Diskussion bereitzustellen – weitgehend aus der Zukunftsdiskussion ausgeblendet zu sein. Und da habe ich denn auch meine stärksten Bedenken: dass dieser Kern journalistischen Arbeitens Schritt für Schritt verschwindet.
MEIER: Angesichts einer solchen Presse würden natürlich andererseits die Schutzbestimmungen – etwa im Bundesgesetz über Radio und Fernsehen bezüglich Werbung – und die Privilegien – etwa verbilligte Posttaxen – zugunsten der Presse ihre Legitimation verlieren. Und das wäre für die Verleger wohl Alarmstufe eins.
KLARTEXT: Die Verleger ihrerseits bestreiten den Vorwurf, den journalistischen Ansprüchen nicht gerecht zu werden. Sie behaupten vielmehr, mit ihren Produkten exakt die Bedürfnisse eines unter dem Titel “der Leser” evozierten Publikums zu befriedigen – und berufen sich dabei auf die Ergebnisse fleissig durchgeführter Marktforschungen und Umfragen.
SCHANNE: Ich sehe da ein Paradox. Einerseits hat “der Leser” in der Verlagsplanung noch nie eine so bedeutende Rolle gespielt wie heute: Die Ausrichtung auf einzelne Zielgruppen, auf bestimmte Märkte produziert eine Flut von Leserschaftsforschung, Publikumsforschung und Marktforschung. Andererseits stellt sich die Frage: Was wird denn da erforscht? Wie werden in solchen Umfragen “der Leser”, “die Leserin” wahrgenommen?
KLARTEXT: Und? Was wird erforscht? Wie wird das Publikum wahrgenommen?
SCHANNE: Mir scheint, dass relativ begrenzte Perspektiven in die Leserschafts- und Publikumsforschung einfliessen – indem nämlich fast ausschliesslich kommerziell relevante Einstellungen der Befragten erhoben werden.
KLARTEXT: Liegt das nicht in der Natur der Marktforschung: eben Märkte, und nichts sonst, zu erforschen?
SCHANNE: Grundsätzlich ist eine andere Forschungsstrategie durchaus denkbar. Die Frage ist: Wird sie angewandt? In unserer Untersuchung haben wir zumindest bei einigen wenigenVerlagen ein gewisses Bemühen festgestellt, mit den Befragten intensivere und differenziertere Gespräche zu führen, als dies in flächendeckenden und entsprechend oberflächlichen Umfragen möglich ist.
MEIER: Immerhin ist noch zu sagen, dass von seiten der Redaktionen doch gewisse journalistische Widerstände gegen die meist von den Marketingabteilungen lancierte Marktforschung laut werden. Oberflächliche Marktforschungs-Ergebnisse werden ja nicht einfach unbesehen in journalistische Arbeit umgesetzt, sondern müssen den redaktionellen Filter passieren. Und auf den Redaktionen wird in der Regel anders argumentiert als in den Büros der Marketing-Strategen.
KLARTEXT: Nach unseren Beobachtungen setzen sich aber die Marketing-Strategen im Zweifelsfall gegen solche redaktionelle Widerstände durch. Das haben Sie in Ihrer Forschungsarbeit gewiss auch festgestellt.
MEIER: In Deutschland und Österreich beispielsweise setzt man heute mehr und mehr sogenannte Kaufmännische Redaktionen ein: Redaktionen, die erklärtermassen für die Inserenten da sind und entsprechende Texte plazieren – abgetrennt von der eigentlichen Redaktion.
KLARTEXT: Wo allerdings die Schere in den Köpfen der Journalistinnen und Journalisten gross genug ist, sind “Kaufmännische Redaktionen” gar nicht vonnöten – die eigentliche Redaktion spurt ohnehin. Wie verhält sich das nach Ihren Erkenntnissen in der Schweiz?
SCHANNE: Nach meiner Einschätzung stellt sich die Situation in der Schweiz, verglichen mit dem Ausland, fast paradiesisch dar. In Gesprächen mit Verlegern und Managern im Zusammenhang mit unserer Arbeit haben wir jedenfalls hierzulande eher Sätze wie diese gehört: “Die Redaktion macht, was sie will”, “Wir haben keinen Einfluss auf die Redaktion”, “Die Redaktion ist relativ eigenständig”.
KLARTEXT: Möglicherweise liegt das daran, dass ausländische Verleger ehrlicher sind.
MEIER: Das wissen wir nicht, wir geben nur wieder, was uns gesagt worden ist. Klar ist aber: Wenn Marktforschung betrieben und wenn immer mehr Geld in die Marktforschung gesteckt wird, will ein Verleger die Ergebnisse dieser Forschung auch umsetzen – sonst kann er den Marktforschungs-Aufwand ja gar nicht legitimieren. Daraus folgt, dass ein Verleger heute schneller bereit ist, Änderungen an seinen Produkten vorzunehmen. Und die Redaktion ist mehr oder weniger gezwungen nachzuziehen.
KLARTEXT: Also doch ein klares Kommerz-Primat.
MEIER: Wenn es den Verlegern gelingt, Marketingüberlegungen als Nonplusultra zu verkaufen, dann liegt es an den Journalistinnen und Journalisten, dies zumindest teilweise zu entlarven. Das wird aber kaum getan – es ist halt für Zeitungsjournalisten viel einfacher, etwa das Medium Fernsehen kritisch zu analysieren als die eigene oder eine befreundete Zeitung. Strukturelle Pressekritik findet in der Presse praktisch nicht statt. In der Tendenz ist die Beurteilung also sicher richtig, dass Marketingstrategien verstärkt zum Tragen kommen und sich im redaktionellen Bereich niederschlagen.
SCHANNE: Erleichtert wird diese Tendenz wohl noch dadurch, dass sich die Leserinnen und Leser in den letzten Jahren mehr und mehr an Veränderungen der Printmedien gewöhnt haben. In den letzten fünf Jahren hat es sicherlich auch in der Schweiz mehr Zeitungsrenovationen gegeben als in den 50 Jahren zuvor. Und die wurden alle akzeptiert.
KLARTEXT: Zumindest von der Mehrheit des Publikums – die Minderheiten müssen derweil mit ihrem Frust leben.
MEIER: Die Frage stellt sich natürlich: Wer profitiert von der Anpassung an Kommerzbedürfnisse? Sowohl bezüglich Kommerzialisierung als auch bei Fusionen gibt es immer Leserinnen und Leser, die verlieren – und das sind immer Minoritäten. Mehrheiten bekommen immer, was sie wollen.
KLARTEXT: In Österreich, wo die Studie in Auftrag gegeben wurde, an der Sie mitarbeiten, ist die Presse längst in höchstem Masse konzentriert und erst noch mehrheitlich in ausländischer Hand. Warum liessen sich das die zeitunglesenden Österreicherinnen und Österreicher gefallen?
MEIER: Zunächst: In Österreich hatte das Medium Tageszeitung – ausser in urbanen Zentren – zu keiner Zeit eine mit der Schweiz vergleichbare Bedeutung. Es gibt gut funktionierende regionale Wochenzeitungen, die traditionell als Zeitung schlechthin konsumiert worden sind. Das ist sicher ein Grund dafür, dass die – von uns als extrem beurteilte – Konzentrations-Entwicklung bei den Tageszeitungen überhaupt möglich wurde und in Österreich im allgemeinen gar nicht als so dramatisch empfunden wird.
KLARTEXT: Immerhin sind die Pressekonzentration und der Einfluss der hauptsächlich deutschen Kapitalgeber auf die Presse derzeit ein Polit-Thema in Österreich.
MEIER: Ja. Aber es finden sich immer wieder Leute, die sagen: “Hört doch auf mit dem Gejammer, der redaktionelle Teil ist ja österreichisch – wenn in Österreich kein Risikokapital vorhanden ist, holen wir es halt anderswo.”
SCHANNE: Zu sagen ist zudem, dass die auch auf Länderebene konzentrierte Struktur in Österreich einzelne Verlage keineswegs davon abhält, journalistisch interessante Innovationen zu verwirklichen. Etwa punkto Dritte-Welt-Berichterstattung gibt es in Österreich durchaus positive Ansätze. Bei den “Salzburger Nachrichten” etwa hat man in den letzten Jahren immer wieder versucht, neue journalistische Perspektiven – nicht nur mit Blick auf die Dritte Welt – zu entwickeln.
KLARTEXT: Gibt es ein Land, das Sie untersucht haben, in welchem sich die Presse anders als in Richtung Fusion und Konzentration entwickelt?
MEIER: Nein. Die Entwicklung mag in einzelnen Ländern und zu gewissen Zeiten etwas verlangsamt sein. Aber die Richtung ist ganz klar: Konzentrationen, Fusionen.
SCHANNE: Die Logik des Marktes läuft immer darauf hinaus, dass jeder versuchen muss, Nummer eins zu sein oder zu werden – weil das die beste Marktposition ist. Und an diese Logik halten sich die Verlage: Sie wachsen, indem sie andere Unternehmen aufkaufen; sie kooperieren untereinander; sie fusionieren mit andern. All diese Strategien aber führen allemal zu einer Verminderung der Zahl der Medienunternehmen …
MEIER: … mit der Konsequenz, dass Regionen mit einer einzigen Zeitung europaweit bereits die Mehrheit bilden.
KLARTEXT: Daraus schliessen wir, dass Sie keinen grundsätzlichen Unterschied in der wirtschaftlichen Entwicklung der Presse zwischen EG-Ländern und Nicht-EG-Ländern festgestellt haben.
SCHANNE: So ist es. Einleuchtend ist freilich, dass die gemeinsame Rechtsentwicklung in der EG natürlich auch vom Medienmarkt reflektiert wird.
MEIER: Und es ist klar, dass der Widerstand der Verleger gegen eine verstärkte Legiferierung gegenüber der Presse in den EG-Ländern stärker ist als in Nicht-EG-Ländern. Denn anders als bei uns findet in der EG ein Diskurs zum Thema Konzentration statt.
KLARTEXT: Herr Meier, Herr Schanne, Sie haben die Geschäftspolitik der Verleger in verschiedenen Ländern untersucht. Gibt es so etwas wie den typischen britischen, deutschen oder Schweizer Verleger?
SCHANNE: Mir scheinen allfällige Unterschiede zwischen Verlegern aus verschiedenen Ländern nicht so wichtig zu sein. Entscheidend dünkt mich der Unterschied zwischen klassischem Verleger und modernem Verlagsmanagement.
KLARTEXT: Wie würden Sie diesen Unterschied kurz charakterisieren?
SCHANNE: Auf der einen Seite der selten gewordene klassische Verleger, der vielleicht mit beiden Beinen in der Redaktion stand, der sein publizistisches Produkt liebte, mit seiner Zeitung auch in seiner Umwelt verankert war und möglicherweise sein Blatt nur über Mischrechnungen vor seiner eigenen Kapitalrechnung legitimieren konnte. Auf der andern Seite die modernen Unternehmen, in denen die Entwicklung dahingeht, dass die Zeitung ein Produkt wie jedes andere ist, wo Marktplazierung und Rendite-Kriterien, also rein ökonomische Sichtweisen, Vorrang vor allen klassisch verlegerischen, journalistischen und dem Gemeinwohl verpflichteten Aspekten die Oberhand gewinnen.
MEIER: Über diese Unterscheidung hinaus ist eine Typologisierung von Verlegern in der Tat schwierig, zumal der Verlegerberuf ja völlig offen ist – im Gegensatz zum Journalistenberuf, wo es doch gewisse Kriterien für die Berufsausübung geben sollte.
KLARTEXT: Wir fragten nicht zuletzt deshalb nach nationalen Verleger-Typen, weil wir uns vorstellen können, dass verschiedene nationale Pressepolitiken – oder auch deren Fehlen – verschiedene Arten verlegerischer Unternehmenskultur zu prägen vermögen.
MEIER: Man kann sicher sagen, dass beispielsweise die österreichische Entwicklung stark geprägt ist von der nationalen Medienpolitik: Österreich betreibt direkte Presseförderung. Dieses Giesskannen-Prinzip – unabhängig von der journalistischen Qualität der begünstigten Zeitung – hat natürlich seinen Einfluss auf die Art, wie Zeitung gemacht wird.
KLARTEXT: In der Schweiz scheiterte bisher jeder Ansatz zu einer amtlichen Pressepolitik am Widerstand der grösseren Verleger. Sogar Presseförderung lehnen sie kategorisch ab, sobald sie etwa an die Bedingung geknüpft ist, als Gegenleistung den Journalisten und Journalistinnen die innere Pressefreiheit zu garantieren.
SCHANNE: Da scheinen mir zwei Aspekte wichtig. Der erste ist ein historischer: Bei den internationalen Vergleichen haben wir gesehen, welche Bedeutung das Jahr 1945 hatte – es ist entscheidend für die Entwicklung der Presselandschaft, ob ein Land unter deutscher Okkupation gewesen war und anschliessend eine neue Regelung anstand, oder ob, wie in der Schweiz, eine ungebrochene Tradition sich fortsetzen konnte. Der zweite Aspekt ist ein unternehmerischer: Entweder setzt man industriepolitisch an – dann geht’s primär um Vertriebsförderung, Presseförderung, Posttaxen -, oder man setzt journalistisch an – dann geht’s primär um Inhalte, um Informationszugänge; die Verbindung zwischen diesen beiden Sphären scheint, soweit ich das beurteilen kann, bisher nirgends geglückt zu sein.
KLARTEXT: Trotz langer Hochkonjunktur und trotz vom Staat verbilligter Posttaxen für Zeitungen gerät in der Schweiz ein Verlag nach dem andern in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Was haben die Verleger falsch gemacht?
MEIER: Sie haben sich wahrscheinlich zu sehr auf die gewohnten Einnahmestrukturen verlassen, indem sie davon ausgingen, dass sich die Werbewirtschaft ständig so weiterentwickeln werde wie in den konjunkturell guten Zeiten. Und sie haben wohl zuwenig berücksichtigt, dass mit der Werbeentwicklung bei Radio und Fernsehen ein verstärkter Verteilungskampf verbunden ist, und dass die Presse in einem solchermassen verschärften Verteilungskampf zwangsläufig Einnahmen verliert, wenn eine Rezession die Hochkonjunktur ablöst.
KLARTEXT: Wie beurteilen Sie den Anzeigenmarkt der Zukunft – wenn sich die Konjunktur dereinst möglicherweise erholt hat?
MEIER: Der Verteilungskampf wird noch härter werden, insbesondere weil die elektronischen Medien für die Werbung attraktiver geworden sind. Die Werbebeschränkung für Radio und Fernsehen ist – trotz der noch existierenden Vorschriften – praktisch aufgelöst, im Prinzip können heute private Radios und Fernsehen so viel Werbung senden, wie sie zu akquirieren imstande sind.
SCHANNE: Genau diese für die Presse ungünstige Konstellation haben die Verleger vor der Rezession nicht wahrnehmen wollen. Und jetzt, in der Rezession, folgt die Quittung: Seit rund 15 Monaten laufen die Einnahmezahlen rückwärts.
KLARTEXT: Dass es soweit kommen konnte, heisst also, dass in dieser Branche kaum vorausschauend gearbeitet wird.
SCHANNE: Genau. Wenn ein Produkt in einer Art und Weise umweltabhängig ist, wie dies auf eine Zeitung zutrifft, dann müssten die verantwortlichen Unternehmer sehr viel mehr Aufmerksamkeit auf die Entwicklungen der Umwelt verwenden – und zwar antizipativ und nicht bloss reaktiv. Nach unserer Beobachtung gibt es nicht viele Verlage, die eine unternehmerische Perspektive auch nur bis zum Jahr 2000 haben.
MEIER: Vor allem wurden die Ausgaben nicht antizipiert: Ich denke etwa an die Investitionen, die zu gigantischen Überkapazitäten im Druckbereich geführt haben. In solchen Investitionen ist sehr viel Kapital gebunden, das heute fehlt.
KLARTEXT: Fehlinvestitionen, die zu wirtschaftlichen Schwierigkeiten führen – Fehleinschätzungen des Publikums, die zu einem Rückgang von Leserinnen und Lesern führen: Das Manko an vorausschauendem Denken in den Verlagshäusern scheint total zu sein.
SCHANNE: Es wird in der Tat wenig über Sinn, Aufgabe und Funktion von Medien und von Journalismus nachgedacht. Und weil dieser Denkprozess so rar ist, machen die Verlage praktisch jede neue Mode mit. Eine dieser Moden, die tel quel aus den USA übernommen wurden, ist die, dass Zeitungen plötzlich wie das Fernsehen sein müssten. Dazu gehört dann die entsprechende optische Aufmachung mit Farbendruck, das Text-Kurzfutter, die Info-Grafiken – ohne dass man sich fragt, warum das alles überhaupt so sein müsse. Das Resultat ist dann meist abgestandener Wein in neuen Schläuchen.
KLARTEXT: Kennen Sie denn Blätter, deren Entwicklung diesem Trend entgegenläuft oder die wenigstens frischen Wein in die neuen Schläuche leiten?
SCHANNE: Ein Beispiel in der Schweiz ist sicher “Le Nouveau Quotidien”, wo vom Chefredaktor eine erklärt journalistische Strategie gefahren wird. Wichtig scheint mir beispielsweise, dass sich diese Redaktion Leute wünscht, die mindestens zwei Landessprachen in Wort und Schrift beherrschen. Beispiele aus dem Ausland sind “Le Monde”, “Libération”, “Repubblica”, “El País”, die immer wieder einzelne Themen enorm aspektreich in die Zeitung setzen. Gemeinsam ist all diesen Blättern der Ansatz: “Wir machen eine Zeitung für Leute, die lesen wollen.”
KLARTEXT: Ein Konzept, das von hiesigen Grossverlegern gern als elitär belächelt wird.
SCHANNE: Dieses Konzept ist sicher kein automatisches Erfolgsrezept. Aber es ist ein Rezept, für das eine gewisse Wahrscheinlichkeit des Erfolgs spricht. Und es kann als Beweis seines Erfolgs immerhin anführen, dass die europäischen Zeitungen, die so gemacht sind, in den letzten Jahren immer Auflage zugelegt haben und bei der Leserschaft nie rückläufige Tendenzen hinnehmen mussten.
KLARTEXT: Zeitungen, die nicht sein wollen wie das Fernsehen, sind also nicht zum vornherein zum Scheitern verurteilt.
MEIER: Nein, aber damit sie wirklich erfolgreich sein können, sind auch sie auf verhältnismässig grosse urbane Märkte angewiesen.
KLARTEXT: Dennoch: Ist das vielleicht der Weg, diejenigen jungen Menschen wieder als Leserinnen und Leser zu gewinnen, die sich vom Gros gängiger Tageszeitungen abwenden?
SCHANNE: Vielleicht. Entscheidend scheint mir in jedem Fall, dass sich Zeitungsmache nicht am Fernsehen orientieren sollte, sondern an Menschen, die lesen wollen. Und ich stelle fest: Die nach vielleicht elitären Konzepten gemachten Lese-Zeitungen verzeichnen Auflage- und Leserschafts-Zuwächse, die dem Fernsehen nachempfundenen, boulevardartigen Zeitungen verzeichnen stagnierende oder gar rückläufige Entwicklungen.
Die Gesprächspartner
Die Medienwissenschaftler Werner A. Meier und Michael Schanne sind Inhaber der in Zürich domizilierten “Arbeitsgruppe für Kommunikationsforschung & -beratung” (AGK). Sie arbeiten an dem international vergleichenden Forschungsprogramm “Ökonomie und Zukunft der Printmedien” mit, das unter Federführung der Universität Salzburg in Österreich, der Schweiz, Deutschland, Grossbritannien, Schweden und den Niederlanden durchgeführt wird. Dr. phil. Werner A. Meier, 43, ist daneben Lehrbeauftragter an der ETH und an der Universität Zürich. Lic. phil. Michael Schanne, 44, war vor Gründung der AGK – wie Meier – Assistent am Seminar für Publizistikwissenschaft der Zürcher Uni und war Mitglied der “Arbeitsgruppe RVO-Begleitforschung”.
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