11. Juli 2007 von Helen Brügger

SRG in Suchphase

Swisscom steigt ins Fernseh-Geschäft ein, Cablecom will eine Konzession, um eigene Inhalte zu verbreiten – doch was ist mit der Multimedia-Zukunft von SRG SSR idée suisse?

Im Genfer Fernsehturm sitzt mit Gilles Marchand ein überzeugter Verfechter einer Multimedia-Zukunft im Service public. Er betont: “Es geht nicht mehr um die Frage, ob wir eine Website machen sollen oder nicht. Das Medium Fernsehen wird als Ganzes auf die Multimedia-Distribution einschwenken müssen.” Es sei das Wesentliche am Service public, dass man ihn wann und wo auch immer empfangen könne: “Für mich bedeutet das Service-public-Mandat, dass wir unsere Inhalte zu jeder Zeit und auf allen möglichen Trägern anbieten müssen.”

Web-Inhalte via Fernsehen verbreiten
Die Télévision Suisse Romande (TSR) hat sich denn auch Kopf voran ins Abenteuer gestürzt. Die Website tsr.ch und das Online-Magazin “Nouvo” dienen als Experimentierfeld. Seit Ende September gibt es die bisherige Website “Nouvo” auch am Fernsehen zu sehen: Erstmals werden nicht Fernseh-Inhalte aufs Web gestellt, sondern Web-Inhalte auf dem TV-Bildschirm verbreitet. “Nouvo” ist gleichzeitig eine Sendung, eine Website und eine Infoplattform für Mobiltelefone. Bernard Rappaz, zuständig für den Multimediabereich, freut sich: “Mit ‚Nouvo‘ spielt TSR eine Pionierrolle. Wir bleiben in unserm Kerngeschäft Fernsehen, aber wir machen Fernsehen für verschiedene Bildschirme.” Die vier Journalisten des “Nuovo”-Teams müssen so arbeiten, dass ihre Inhalte fernseh-, web- und telefontauglich sind. Das bedingt die Erarbeitung völlig neuer Konzepte. Falls sich “Nouvo” bewährt, soll das Modell auch für andere Sendungen angewandt werden.
“Nouvo”-Journalist Jean-Christophe Liechti schwankt zwischen Enthusiasmus und Erschöpfung: “Wir machen eine Videoreportage, kürzen sie für das Fernsehen, bauen sie mit Zusatzelementen für das Web aus und versuchen, die Leads so zu formulieren, dass sie auf dem Handy verständlich sind.” Er habe das gleiche Gefühl, das in den Pionierjahren des Fernsehens geherrscht haben müsse: “Wir haben keine Ahnung, was alles drin liegt und wie es funktioniert. Wir wissen nur, dass es funktionieren muss!” In den ersten vier Tagen von “Nouvo” schauten sich 3200 SurferInnen die neue Website an, die mit Witz und Interaktivität ein betont junges Zielpublikum anspricht; 150 glückliche BesitzerInnen eines Mobiltelefons der neusten Generation erprobten die Handy-Versionen. “Im Moment ist es ein Riesenstress und nicht immer angenehm, die Reportagen mehrfach zu kürzen und umzubauen. Aber ich denke, dass wir in Zukunft belohnt werden: Auf dem Web haben wir wie sonst nirgends Möglichkeiten für ausführliche Reportagen”, meint Liechti.

Verteiler drängen ins TV-Geschäft
“Nouvo” ist die Antwort von TSR auf Entwicklungen im Medienmarkt, die in den letzten Monaten Schlagzeilen machten. So reichte der Kabelnetzbetreiber Cablecom beim Bakom ein Gesuch für eine Konzession ein, um auf seinem Infokanal auch “gesponserte und werbegestützte Inhalte” anbieten zu können. Erst nach Protesten seitens der Privatfernseh-Verbände gab Cablecom bekannt, auf die im Konzessionsgesuch erwähnten neuen TV-Formate und die Kooperation mit Content-Anbietern verzichten zu wollen. Im September startete Swisscom die Testphase von Bluewin TV: In Zusammenarbeit mit Microsoft bringt Bluewin via Telefonleitung 25 TV-Kanäle (darunter vier SRG-Sender) in über 600 Haushalte mit ADSL-Anschluss. Zum Testangebot gehören auch Pay-TV-Kanäle, Mietvideos und ein Videorekorder der neusten Generation, der einen zeitverschobenen Fernsehkonsum erlaubt. Im Jahr 2005 ist die Markteinführung des Fernsehens per Telefonleitung geplant. Bereits ist Swisscom mit dem Wunsch an die SRG herangetreten, auch nach der Testphase von Bluewin TV SRG-Inhalte zu verbreiten. SRG-Sprecherin Josefa Haas bestätigt: “Ja, diesbezügliche Gespräche finden statt.”
Swisscom erachtet den Einstieg ins Fernsehgeschäft als eine Frage des wirtschaftlichen Überlebens. “Triple play” heisst das Zauberwort, konkret bedeutet dies: Telefonie, Internet und Fernsehen über denselben Kanal und von demselben Anbieter. Swisscom will das Breitband-Internet als Konkurrenz zu Cablecom lancieren. Erweist sich die neue Technologie als sinnvoll, erlaubt sie eine neue Art von TV-Konsum, unter anderem interaktiv und zeitverschoben. Und das macht den Kommunikationsfachleuten und Werbemanagern schon heute Bauchschmerzen: Die neue Settopbox, eine Art Videorekorder, erweist sich als eigentliche Werbekill-Maschine. Mit ihr kann eine Sendung zeitverschoben, aber noch während sie läuft, aufgezeichnet und gleichzeitig gesehen werden. Das heisst, dass Werbeblöcke übersprungen werden können, und dies wiederum bedeutet, dass die bisherigen Werbeformen am Fernsehen überdacht werden müssen.

Sind Arbeitsplätze gefährdet?
Kurz: Die klassischen Distribuenten drängen ins Geschäft mit den Inhalten und die klassische Content-Produzentin SRG SSR idée suisse muss sich Gedanken machen, wie darauf zu reagieren ist. Sie hat eine Experten-Arbeitsgruppe zusammengestellt – dem Vernehmen nach geht es darum, die verschiedenen Bereiche zusammenzufassen, in denen innerhalb der SRG Text produziert wird. Geht es um Sparmassnahmen bei Swissinfo, Teletext und anderen Bereichen oder geht es um die zukünftige Multimedia-Verwertung? Weder die SRG-Sprecherin Josefa Haas noch TSR-Direktor Gilles Marchand sind bereit, den Schleier zu lüften – doch Marchand orakelt vieldeutig: “Man kann nicht über zukünftige Entwicklungen reden, ohne über Sparmassnahmen zu reden.”
Jedenfalls denkt man bei der SRG nach. “Zu langsam und mit zu wenig Mittel”, meinen Genfer Insider. Gilles Marchand will die Kritik nicht auf der SRG sitzen lassen: “Es ist wahr, dass wir in Genf sehr früh und schnell ins Multimedia-Zeitalter gestartet sind. Doch heute besteht bei der SRG eine einheitliche Einschätzung über die strategische Bedeutung von Multimedia.” Auch SF-DRS-Direktorin Ingrid Deltenre interessiert sich für die neuen Technologien: “Wir versuchen uns vorzustellen, wie sich TV verändern wird. Es wird neue Tools und viel mehr Angebote geben, die Aufbereitung der Information wird anders”, sagte sie der “Werbewoche”. Für SF DRS als Content-Anbieter sei es wichtig, da mitzumachen. Josefa Haas schliesslich bestätigt, dass sich die SRG SSR idée suisse in einem “Suchprozess” befinde: “Was tsr.ch macht, wird national mit grossem Interesse verfolgt.”
Eine der Kernfragen im Zusammenhang mit der zukünftigen Multimedia-Nutzung ist politisch heikel. Nämlich die Frage, unter welchen Bedingungen die Content-Herstellerin SRG ihre Programme auf anderen Kanälen und Bildschirmen ausstrahlt. Denn die SRG-Programme sind durch Gebührengelder finanziert und es ist undenkbar, dass das Publikum für das gleiche Programm zweimal zahlen soll, als Gebührenzahler und als Abonnent, beispielsweise von Bluewin TV. Andererseits ist es auch undenkbar, dass die SRG gebührenfinanzierte Programme gratis weitergibt und ein privater Anbieter damit Geld macht. Die SRG hat grundsätzlich zwei Optionen. Sie verkauft die Inhalte und benützt die Einkünfte, um zusätzliche Programmangebote zu finanzieren, respektive die GebührenzahlerInnen zu entlasten. Oder sie betrachtet die Sache als strategische Partnerschaft, bei der die beiden Partner zukünftige Gewinne unter sich aufteilen. Der zweite Weg hätte den Vorteil, dass die SRG die Rechte an ihren Sendungen und die Kontrolle über ihre Weiterverbreitung behalten könnte, wie auch immer sich die Nutzung der neuen Medien entwickelt.

SRG denkt über Abgeltungsmodelle nach
Armin Walpen skizzierte in “L’Hebdo” vor kurzem seine Vorstellungen: Solange Swisscom die Inhalte ohne Eingriffe weiterverbreite, mit dem einzigen Unterschied, dass es über das Telefonkabel statt über ein Kabelnetz gehe, sei sie wie eine Kabelnetzbetreiberin zu betrachten. Das bedeute, dass die SRG ihre Inhalte gratis liefere, weil es sich hier gemäss heute gültigem Recht um eine Weiterverbreitung handle. Falls man diese Inhalte aber archivieren oder zeitverschoben betrachten könne und Swisscom sich die Zusatzdienstleistungen bezahlen lasse, müsste die SRG sich für ihre Rechte bezahlen lassen.
Gilles Marchand nennt weitere Optionen: “Ich kann mir je nach Partner ganz verschiedene Abmachungen vorstellen: Verkauf, Gewinn-Sharing oder auch gemischte Modelle.” Wesentlich für die SRG sei, die optimale Form zur Valorisierung ihrer Inhalte zu finden.
Josefa Haas schliesslich unterstreicht nochmals den Versuchscharakter. Die SRG sei an Versuchen mit verschiedenen Partnern interessiert, um Erfahrungen machen zu können: Wie funktioniert die Technik, welche Auswirkungen hat sie auf den Inhalt und wie ist die Akzeptanz beim Publikum? “Definitive Entscheidungen sind noch keine gefällt, es handelt sich heute um Versuche.” Na ja, schliesslich will niemand mit einer neuen Gebührendebatte schlafende Hunde wecken, bevor noch das Radio- und Fernsehgesetz über die Bühne ist.

11. Juli 2007 von Nick Lüthi

Viele Wenn und Aber

Alle wissen, dass es kommt. Doch niemand weiss wie und wann. Drei aktuelle Untersuchungen des Bakom zum Übergang von UKW zu Digitalradio lassen mehr Fragen offen, als dass sie Antworten liefern.

Wie heisst es so schön: Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen. Das gilt auch für Vorhersagen zur Zukunft des Radios. Trotzdem hat das Bundesamt für Kommunikation (Bakom) drei Studien dazu ausarbeiten lassen. Die erste Untersuchung beurteilt die Marktchancen neuer Privatradios, die zweite befasst sich mit der Qualität von UKW-Empfangsgeräten und die dritte schliesslich untersucht die Kosten, die der Ausbau der digitalen Radioversorgung nach sich ziehen würde.

Schwieriger Übergang
Die Grundfrage beim Blick in die Radiozukunft ist und bleibt: Wie lange lassen sich mit der bestehenden UKW-Infrastruktur noch Radioprogramme übertragen? Da eine Technologie kein eindeutiges Verfallsdatum kennt, kann die Frage nicht mit einem klaren Termin beantwortet werden. Der digitale Radiostandard DAB, der UKW komplett ablösen soll, ist längst entwickelt und eigentlich voll funktionsfähig. So könnten in der Schweiz bereits seit mehreren Jahren über 50 Prozent der Bevölkerung theoretisch Digitalradio empfangen. Radiogeräte indes, die den Empfang von Digitalradio ermöglichen, kosten weiterhin einiges mehr als UKW-Radios. Die Anschaffung lohnt sich zudem kaum, weil gerade einmal neun SRG-Programme über DAB ausgestrahlt werden.
Welche Anreize würden private Veranstalter dazu bringen, auf die neue und mittelfristig unumgängliche Technologie zu setzen? Die Berliner Goldmedia GmbH, die im Auftrag des Bakom die Studie zum Privatradiomarkt verfasst hat, stellt fest, dass auf kurz- und mittelfristige Sicht für Privatradios bei einer Umstellung auf DAB die Nachteile überwiegen. Dazu kommt, dass während einer Übergangszeit das Signal sowohl analog als auch digital aufbereitet werden muss, damit dem Publikum ausreichend Zeit für den Erwerb eines DAB-tauglichen Radios bleibt. Alleine der Investitionsaufwand für die digitale Übertragungstechnik beträgt gemäss Bakom-Berechnungen 4,4 Millionen Franken pro Sender. Kosten, die kaum jemand zu berappen bereit ist, wenn als Folge davon unter anderem eine Verschärfung der Konkurrenzsituation zu erwarten ist: Die Privatradios befürchten “bei einem DAB-Engagement und einer darauf folgenden Marktetablierung die Konzessionierung weiterer Privatradios, die ihr Programm ausschliesslich über DAB verbreiten. Damit vergrössert sich der Wettbewerbsdruck für die bestehenden Lokalradios”, schreibt Goldmedia. Anreize für eine Umstellung gibt es offensichtlich keine.

Schlechte Geräte
Somit bleibt die Situation verzwickt. Das weiss auch das Bakom und hat deshalb in einer weiteren Studie die Optimierung der UKW-Versorgung unter die Lupe nehmen lassen. Fakt ist: Bleibt die analoge Verbreitung in den kommenden 15 bis 20 Jahren die Hauptverbreitungsart für Radio, muss das vorhandene UKW-Spektrum anders genutzt werden, um die regelmässig artikulierten Wünsche der privaten Veranstalter nach zusätzlichen Sendeplätzen befriedigen zu können. Würden die so genannten Schutzabstände reduziert, also die Frequenzdichte erhöht, könnten in der Schweiz tatsächlich zusätzliche Kapazitäten freigeschaufelt werden. Allerdings – und auch aus dieser Untersuchung resultieren zahlreiche Wenn und Aber – ergibt eine verdichtete Nutzung nur dann einen Sinn, wenn die Empfangsgeräte dazu geeignet sind. Genau das ist heute nicht der Fall, findet die Studie: “Die Trends zu immer billigeren und kleineren Geräten sowie UKW-Empfang als Zusatzfunktion in allen möglichen Geräten einzubauen, haben dazu geführt, dass die Empfangseigenschaften dieser Geräte heute teilweise erheblich schlechter sind als die Minimalempfehlungen.” Und weiter: “Massnahmen zur Verbesserung der UKW-Versorgung können sich für diesen relevanten Anteil am Gesamtmarkt eher negativ auswirken.”

Internet nicht berücksichtigt
Als ob es nicht schon genug der gordischen Knoten in der helvetischen Radiolandschaft gäbe, spielt auch noch das unberechenbare Medium Internet eine Rolle. In allen drei Bakom-Studien wird die Verbreitung von Tonsignalen über Datennetze nicht näher betrachtet. Auf den ersten Blick hat Internet-Radio tatsächlich nicht viel zu tun mit UKW und DAB. Nur letztere können eine flächendeckende terrestrische Verbreitung (das heisst via Antenne durch die Luft) gewährleisten. Für den stationären Empfang zuhause oder am Arbeitsplatz hingegen ist Internet-Radio bereits heute eine ernst zu nehmende Alternative. Gebührenfrei – denn ein Computer gilt nicht als Radioempfangsgerät – können über Internet zehntausende von Radiostationen in bester Qualität empfangen werden. Insofern hat die digitale Radiozukunft schon längst begonnen. Nur anders, als das Bakom sich vorstellt.

“Marktchancen neuer Privatradios” (Goldmedia), “UKW-Empfängerstudie” (Nozema), “Kostenstudie DAB”
(Bakom) können unter www.bakom.ch/de/radio_tv/sender/radiostudien heruntergeladen werden.

Aktuelles Heft:

EDITO Ausgabe: 6 | 2017
  • Das EDITO-Dossier zu "No Billag" u.a. mit:
  • - Gilles Marchand und Silvan Amberg
  • - Fragen zu Werbegeldern und Konzessionen
  • - vier möglichen Szenarien
  • - "Carte Blanche" für Reda El Arbi
  • Ausserdem: Paradise-Papers-Recherche
  • Bilder von Florian Bachmann
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