20. März 2002 von Klartext

Wussten Sie, dass …

… sich vier von fünf freischaffenden Journalistinnen und Journalisten politisch links der Mitte einstufen;
… jeder dritte Beitrag in den Printmedien von Freien stammt;
… Freie im Durchschnitt knapp 3500 Franken im Monat verdienen;
… trotz Rezession die Auftragslage für Freie nach Auffassung der Redaktionen praktisch stabil geblieben ist?
Zu diesen und zahlreichen weiteren Aussagen ist Franz Hänecke in seiner Studie “Problemfeld Freier Journalismus” gekommen*. Um die Situation der Freien aus eigener Sicht und aus der Perspektive der Redaktionen zu beurteilen, lancierte das Seminar für Publizistikwissenschaft der Universität Zürich zwei Umfragen, die von über 450 Freischaffenden und über 60 Redaktionen beantwortet wurden.
Soziale Unsicherheit und schlechte Verdienstmöglichkeiten galten als die wichtigsten Nachteile des freien journalistischen Schaffens, wurden für viele jedoch aufgewogen durch Vorteile wie persönliche Unabhängigkeit, mehr Freiheiten bei der Gestaltung der Arbeitszeit und bei der Themenwahl. Die Mehrheit der Befragten würde unter anderem aus diesen Gründen nicht mit einer Vollzeitstelle auf einer Redaktion tauschen.
Sind Freie wirklich frei, oder handelt es sich um eine für die Verleger angenehm flexible journalistische Reservearmee? Auf diese brennende Frage folgt keine eindeutige Antwort – eine Folge der komplexen Situation.
Nichts Neues also? Die Studie beansprucht, ein Stück weit “terra incognita” betreten zu haben, was insofern stimmt, als sie neben der Auswertung der umfassenden Fragebogen auch reichlich Quellen aus Gewerkschafts- und Verlegerseite in die Einschätzung der Situation einbezogen und erstmals systematisch ausgewertet hat.
Lesenswert neben den sehr ausführlichen Umfrage-Resultaten ist auch Häneckes chronologischer Überblick über die Entwicklung des Gesamtarbeitsvertrags seit 1919 – detailliert von 1989 bis zum Herbst 1993.

* Frank Hänecke: “Problemfeld Freier Journalismus. Ergebnisse aus Befragungen von Freien und Redaktionen”, Diskussionspunkt 26. Seminar für Publizistikwissenschaft der Universität Zürich, 1994, 00 Seiten, Fr. 00.00.

11. März 2002 von Bettina Büsser

“Das ist doch brutales Dumping”

In und um Solothurn tobt ein “Zeitungskrieg” zwischen der “Solothurner Zeitung” und der Espace Media Groupe. Die betroffenen JournalistInnen reagieren gelassener als die Verleger.

“Die ‘Berner Zeitung’ hat der ‘Mittelland Zeitung’ den Krieg erklärt. (…) Dies ist ein Novum in der Geschichte der Schweizer Presse: Ein imperialistisch denkendes Verlagsunternehmen greift eine reputierte und traditionell verankerte Zeitung im Kantonshauptort an. (…) In Tat und Wahrheit sind es klassische Raubrittermethoden?, polterte Peter Wanner, Mehrheitsaktionär der AZ-Gruppe, in diesem Frühsommer im Klartext-Interview (3/2001). Er reagierte damit auf die Ankündigung der Berner Espace Media Groupe (EMG), sie wolle im Kanton Solothurn ein “Solothurner Tagblatt” lancieren. Dies als Antwort auf die “Mittelland Zeitung”, eine Kooperation zwischen “Solothurner Zeitung” (SZ) und “Aargauer Zeitung”.

Seither ist der Ton keineswegs netter geworden. SZ-Verleger Rudolf Rentsch schrieb im Oktober dieses Jahres in einem SZ-Inserat, das “Solothurner Tagblatt” habe ein einziges Ziel, nämlich “die SZ über die kommenden Jahre so zu schwächen, dass sie im Eintopf der BZ landet”. Und SZ-Verlagsleiter Christian Müller doppelte in einem weiteren Inserat nach, diesmal in der Form eines offenen Briefes an den EMG-Verwaltungsratspräsidenten Charles von Graffenried. Müller bezichtigte den Berner Burger der Heuchelei – da sich die “Solothurner Zeitung” geweigert habe, ein “Berner Zeitung”-Kopfblatt zu werden, solle sie nun via “Solothurner Tagblatt” in die Knie gezwungen werden.

“Wir machen eine Zeitung”

Zu diesen Vorwürfen meint Albert P. Stäheli, Verwaltungsratsdelegierter der Berner Zeitung AG, gegenüber KLARTEXT: “Wir sind Unternehmer, aber wir unternehmen keine emotionalen Strafaktionen”. Und: “Ich kommentiere das nicht. Wir machen keinen Krieg, wir machen eine Zeitung.” Ausführlicher äussert sich Christian Müller, SZ-Verlagsleiter und ab 2002 Geschäftsführer der SZ-Herausgeberin Vogt-Schild/Habegger Medien: Die “Solothurner Zeitung” sei von verschiedenen potenziellen Partnern umworben worden, unter anderen von der BTM (der heutigen EMG): “Herr von Graffenried händigte uns ‘vertraulich’ ein Papier aus, aus dem ersichtlich war, dass die SZ entweder ‘freiwillig’ zu einem Kopfblatt der BZ mutieren musste oder dass die BZ andernfalls in Solothurn eine neue, eigenständige Tageszeitung oder zumindest ein BZ-Kopfblatt zu lancieren beabsichtige. Als Angriff gegen die SZ, mit dem leicht erkennbaren Ziel, sie total aus dem Markt zu werfen.?

“… aus reinem Machthunger”

Die SZ entschied sich daraufhin gegen ein Dasein als BZ-Kopfblatt. Und nun sei, so Müller, der angekündigte Angriff mittels “Solothurner Tagblatt” erfolgt – und die EMG greife dafür tief in die Tasche: “Nach unseren Informationen kostet dieser ‘Angriff’ die EMG jährlich mehr als fünf Millionen Franken. Jeder normale Verleger würde ein solches Projekt aufgrund dieser Business-Pläne sofort wieder beerdigen. Da hinter dem Konzeptpapier aber die BTM stand und man das Duo von Graffenried/ Stäheli von früheren Aktionen – etwa vom Berner Anzeigerkrieg – her kennt, musste man damit rechnen, dass das Projekt trotzdem realisiert werden würde. Wirtschaftlichkeit hin oder her, aus reinem Machthunger.”

Tatsächlich liegen KLARTEXT Planungsunterlagen der EMG vor, die für ein BZ-Kopfblatt in Solothurn für die nächsten fünf Jahre mit jährlichen Defiziten von vier bis fünf Millionen Franken rechnen. Albert P. Stäheli allerdings widerspricht: “Das Defizit beträgt für die EMG per Saldo weniger als zwei Millionen im Jahr, darin eingerechnet selbstverständlich auch den positiven Effekt dieser Investitionen in Bezug auf unsere sehr hohen Steuerabgaben bei der ‘Berner Zeitung’.” Auf die Frage, wann das “Solothurner Tagblatt” schwarze Zahlen schreiben werde, erwidert Stäheli, ein einzelner Split müsse nicht den Break-even erreichen: “Eine einzelne Sub-Region kann nie rentabel sein. Man muss es in der Gesamtheit rechnen: Wir wollen im Espace Mittelland insgesamt eine Auflage erreichen, die für nationale Inserenten interessant ist – jede Split-Ausgabe trägt zum Erfolg des Gesamtproduktes etwas bei.” Die EMG betreibe “keinen Expansionskurs um der Expansion willen”, sondern verfolge “eher eine Überlebensstrategie”. Ihr Ziel: “Konsolidierung im Wirtschaftsraum Espace Mittelland zur Gestaltung eines Gesamtangebotes für den nationalen Werbemarkt. Solothurn gehört zu diesem Espace Mittelland.” Und so habe sich – wie andernorts, etwa in Freiburg mit den “Freiburger Nachrichten” die Frage gestellt, “ob wir das mit einer Kooperation machen können oder ob wir auf Konfrontation gehen müssen”. In Freiburg habe die Kooperation geklappt, in Solothurn “leider” nicht. Dabei habe man nicht etwa die “vermessene Absicht”, in Solothurn die Nummer eins zu werden; eine “gute Position Nummer zwei” reiche für den nationalen Werbemarkt aus.

“Klare Vernichtungsstrategie”

Christian Müller mag nicht an diese “Gute Position Nummer zwei”-Strategie glauben. “Es ist eine klare Vernichtungsstrategie”, findet er. “Eine neue Konkurrenz stört uns nicht. Wir hatten nie Angst vor dem Angriff, wohl aber Respekt, weil wir das wirtschaftliche Potenzial der EMG kennen.” Kritisch sei für die SZ mit ihrer Auflage von gut 30’000 Exemplaren, dass nun in ihrem Gebiet 12’000 Gratis-Exemplare des “Solothurner Tagblatts” verteilt würden: “40 Prozent unserer Auflage! Das ist reines Dumping, um den bisherigen Marktteilnehmer ganz aus dem Markt zu werfen. Dasselbe gilt für den Bereich Anzeigen: Das “Solothurner Tagblatt” verkauft Anzeigen nach dem System vier für zwei und offeriert die Todesanzeigen sogar gratis. Das ist brutales Dumping.”

Das Gratis-Angebot findet Albert P. Stäheli “völlig normal”: “Man muss ein neues Produkt zuerst bekannt machen. Die NZZ gibt ihre “NZZ am Sonntag” ebenfalls zuerst gratis ab.” Wann die Gratis-Aktion aufhören wird, kann Stäheli nicht sagen: “Nach unserem Marketingplan werden wir dauernd Promotionsexemplare verteilen. Wir werden den Anteil an Gratisexemplaren so halten, dass die Gesamtauflage – abonnierte und Gratis-Zeitungen zusammen – nie unter 12?000 Exemplare sinkt.” Im Übrigen liege das “Solothurner Tagblatt” schon “weit über unseren Erwartungen”, es seien bereits “mehrere tausend” Schnupperabos und rund 1500 definitive Abos gelöst worden, “ein gewisser Stamm davon sind allerdings Leute, die bisher die ‘Berner Zeitung’ abonniert hatten.”

Im Kampf gegen das “Solothurner Tagblatt” versucht die SZ die Bevölkerung zu mobilisieren, denn, so Müller zu KLARTEXT: “Solothurn ist wirtschaftlich keine verwöhnte Region. Die Vogt-Schild/Habegger Medien AG ist mit etwa 450 Vollzeitstellen wahrscheinlich der grösste Solothurner Betrieb, der noch in Solothurn gemanagt wird. Dieser Betrieb darf nicht auch noch untergehen oder gefressen werden, wie es mit anderen geschehen ist. Das wollten wir den Solothurnern klar machen und so etwas wie eine regionale Solidaritätswelle erzeugen.” Zu diesem Zweck wurden die bereits erwähnten Inserate geschaltet und eine Kleber-Aktion gestartet: Unter dem Titel “Noch mehr Gratiszeitungen? Noch mehr Altpapier?” bietet die SZ Briefkastenaufkleber an, die ein rot durchgestrichenes “Solothurner Tagblatt” zeigen, unter dem “Nein danke!” steht. “Ich habe noch keinen Kleber gesehen und unsere Zeitungsverträger sagen, es habe wenige davon”, kommentiert Albert P. Stäheli die Aktion. Auch in diesem Punkt widerspricht Christian Müller: Es gebe “in den drei mit dem ‘Solothurner Tagblatt’ überschwemmten Gemeinden Solothurn, Zuchwil und Biberist viele Mehrfamilienhäuser, an deren Briefkästen 30 bis 40 Prozent Stop-Kleber zu sehen sind”.

“Gelassener und cooler reagieren”

Wie viele es nun wirklich sind, hat bisher noch niemand gezählt. Fest steht aber, dass die SZ-Redaktion mit dieser Aktion nicht besonders glücklich ist. Sie findet die Reaktion ihres Verlages mit Inseraten, Klebern, offenen Briefen etc. etwas zu heftig: “Wir haben kritisiert, dass man so grobes Geschütz aufgefahren hat”, berichtet ein Redaktionsmitglied. “Die Redaktion hatte das Gefühl, man müsse gelassener und cooler reagieren. Uns gegenüber hat man auf jeden Fall immer betont, wir sollten nicht nervös werden.”

Grund zur Nervosität gab es für die SZ-Redaktion allerdings schon früher. Bevor die Kooperation zwischen SZ und “Aargauer Zeitung” beschlossen wurde, herrschte Unsicherheit – mit wem würde sich die SZ zusammentun und wie würde diese Partnerschaft aussehen? Ein Teil der Redaktion erfuhr dann via Radionachrichten, dass die “Aargauer Zeitung” der künftige Partner sein werde. Und schliesslich brachte und bringt diese Kooperation laufend Veränderungen, unter anderem ein neues Layout.

Vor allem aber wurde die SZ, bisher Mantellieferantin für ihre drei Kopfblätter sowie “Oltner Tagblatt”, “Zofinger Tagblatt” und teilweise “Freiburger Nachrichten”, nun selbst zur Empfängerin eines Mantels. Immerhin, so wird lobend erwähnt, wurde für alle SZ-MitarbeiterInnen, die bisher in der überregionalen Redaktion gearbeitet hatten, eine Lösung gefunden. Niemand wurde entlassen. Zudem sind weiterhin drei RedaktorInnen für den überregionalen Teil zuständig – teils beliefern sie den “Mittelland Zeitung”-Mantel, teils passen sie die Aargauer Berichte an Solothurner Verhältnisse an.

Das ist, gerade der neuen Konkurrenz wegen, sehr wichtig. Die Konkurrenz selbst wurde mit einiger Nervosität erwartet: ?Wir fragten uns, mit welchen Mitteln sich das ‘Solothurner Tagblatt’ zu profilieren versuchen würde – durch aggressiven, boulevardigen Stil oder durch eine klare politische Positionierung”, berichten SZ-MitarbeiterInnen. “Als wir dann sahen, was die RedaktorInnen des ‘Solothurner Tagblatts’ machen, waren wir erleichtert: Sie machen eine saubere, faire Zeitung, quasi eine ‘Solothurner Zeitung’ im Kleinformat. Denn natürlich können sie mit ihren vier Regionalseiten bei weitem nicht so breit berichten wie wir. So sind sie für einen Leser, der nicht gerade extrem Bern-orientiert ist, keine Alternative zur SZ.”

“Wir haben profitiert”

Obwohl nun vier ehemalige SZ-MitarbeiterInnen beim “Solothurner Tagblatt” arbeiten, wird das Verhältnis zwischen den beiden Redaktionen beiderseitig als fair bezeichnet. Feindschaften im journalistischen Alltag machen keinen Sinn, so die pragmatische Haltung. “Auf Verlagsebene mag die Stimmung aggressiv sein, bei uns ist sie es nicht”, lautet ein erstes Fazit. Und auch das zweite ist erfreulich: Konkurrenz belebt nicht nur das Geschäft, sie kann Redaktionen dienlich sein. “Wir haben profitiert”, ist von der SZ-Redaktion zu hören: “Der Verlag hat Geld locker gemacht. Trotz der neuen Mantellösung wurden keine Stellen gestrichen, ja, es wurden sogar zwei neue geschaffen. Man war und ist bereit, Geld auszugeben, um Redaktion und Marketing der SZ zu verstärken. So gesehen, hat sich die Position der Redaktion verbessert.”

“Solothurner Zeitung” erwägt Klage

Wie lange diese Positionsverbesserung anhalten wird und wie lange auf dem Platz Solothurn zwei verschiedene Redaktionen arbeiten werden, weiss momentan noch niemand. Sicher ist, dass sich der Verlag der SZ weiterhin mit allen Mitteln gegen die Konkurrenz aus Bern wehren wird. Angesprochen auf die Gerüchte, nach denen die Vogt-Schild/Habegger Medien die Espace Media Groupe wegen Verstosses gegen das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) einzuklagen erwägen, erwidert Christian Müller: “Wenn Sie mich konkret nach dem UWG fragen: Meine sehr persönliche Meinung ist, dass der Angriff des ‘Solothurner Tagblatts’ tatsächlich gegen das UWG verstösst. Ich bin allerdings kein Jurist, ich bin von Haus aus Journalist. Mein Rechtsempfinden orientiert sich am gesunden Menschenverstand und an einer wohl eher wertkonservativen Moral. Ich glaube an die freie Marktwirtschaft – mit sozialer Verantwortung. Von daher fühle ich mich legitimiert, gegen den Einmarsch der millionenschweren von-Graffenried-Postille mit allen Mitteln zu kämpfen. Allenfalls sogar mit juristischen Mitteln. Herr von Graffenried hat im Berner Anzeigerkrieg ja auch die Gerichte bemüht. Dass er am Schluss vor Bundesgericht eine Abfuhr hinnehmen musste, war sein Problem …”

5. März 2002 von Ursula Dubois

Lohndrückerei

Die GAV-Verhandlungen mit der SRG sind vorläufig gescheitert. Die Radio- und TV-Leute wollen das Schiedsgericht anrufen.

ud. Das Syndikat Schweizer Medienschaffender (SSM) bereitet sich auf einen heissen Sommer vor. Die Verhandlungen um den von der Schweizerischen Rundfunkgesellschaft (SRG) vorzeitig gekündigten Gesamtarbeitsvertrag scheinen endgültig festgefahren. Anlass zu harten Auseinandersetzungen gibt gegenwärtig die Finanzierung der Lohnangleichungen. “Gleicher Lohn für gleiche Arbeit”, fordert die Schweizer Rechtssprechung. Unter diesen Vorzeichen verlangte das SSM in den Verhandlungsrunden für den bis Ende Jahr gültigen GAV eine Anpassung der Gehaltsstruktur an das Prinzip der Lohngleichheit.

Ausstieg aus der Lohnangleichung geplant
Nach mehr als zweijährigen Verhandlungen einigten sich die Sozialpartner damals auf ein neues Lohnsystem. Zu tiefe Löhne sollten dabei im Verlaufe der nächsten fünfeinhalb Jahre sukzessive angehoben werden. Für MitarbeiterInnen mit zu hohen Löhnen galt Besitzstandswahrung. Vertraglich wurde auch festgelegt, dass die sogenannten “Aufholkosten” nicht aus dem Portemonnaie der MitarbeiterInnen bezahlt werden dürften, dass der Ausgleich nicht mit Lohneinsparungen auf Kosten des Personals gehen sollte. Und dies während der gesamten Anpassungsperiode.
Mit der vorzeitigen GAV-Kündigung versucht die SRG, nun auch aus dem Aufholprogramm auszusteigen. In einer ersten Phase der GAV-Neuverhandlungen weigerte sich die SRG-Spitze vorerst, das noch mindestens zwei Jahre dauernde Programm ins neue Vertragswerk zu übernehmen. Angesichts der juristisch eindeutigen Vertragslage blieb dem Zentralratsausschuss am 22. März jedoch nichts anderes übrig, als für eine Weiterführung der Lohnanpassungen zu optieren. Gleichzeitig beschloss das Gremium aber, dass die Mehrkosten aus den “wiederkehrenden Personalkosten” finanziert werden müssten. Damit sind Personaleinsparungen und mehr oder minder verdeckte Lohnkürzungen vorprogrammiert.

SSM droht mit Schiedsgericht
Das will sich das SSM nicht gefallen lassen und gibt sich kämpferisch. “Aus unserer Sicht bricht die SRG den gültigen GAV. In allen Verhandlungen zum geltenden GAV war immer klar, dass die Aufholkosten durch die Mittel der SRG und nicht über Einsparungen bei den Personalkosten zu finanzieren sind”, schreibt das Zentralsekretariat der Hausgewerkschaft des Schweizer Radios und Fernsehens. Und: “Wir gehen vor Gericht!” Die SSM-Verantwortlichen wissen, dass die Frage der Lohngleichheit der Knackpunkt der kommenden Verhandlungen wird. Die SRG hat sich nämlich für das Jahr 2000 die grosse Flexibilisierung des Lohnsystems auf das Banner geschrieben. Das Ziel der SRG-Führung ist klar: Die einzelnen Unternehmenseinheiten sollen künftig ihre Lohnpolitik selber betreiben können. Sie sollen die Freiheit erhalten, nach Landesteilen und Regionen, Medienart und Sparten, kurz: nach Angebot und Nachfrage eigene Verträge auszuhandeln.
Wie die Verleger will die SRG für ihre Radio- und Fernsehsender nur noch einen nationalen Rahmenvertrag (RAV) aushandeln, der von den einzelnen Sendern und Studios nach Gutdünken ausgefüllt werden kann. Wie der Verlegerverband argumentiert die SRG mit dem Lohngefälle innerhalb der Schweiz, mit den unterschiedlichen Einnahmequellen und Finanzen zwischen Deutsch- und Westschweiz, zwischen Radio und Fernsehen. Ob die Rechnung der SRG – d.h. eine Senkung der Gesamtlohnkosten – auf die Art aufgeht, bleibt angesichts der Konkurrenz der neuen TV-Sender auch auf dem Arbeitsmarkt mehr als fraglich. Die möglicherweise sinkenden Löhne in der Westschweiz oder dem Tessin, beim Radio allgemein, werden von den ebenfalls liberalisierten Gehältern auf dem Platz Zürich, lies bei SF DRS, mehr als nur ausgeglichen. Gesamtarbeitsverträge schützen bekanntlich nicht nur die unteren Löhne, mit ihrer Klassierung der Löhne dämpfen sie klar die Inflation der oberen Gehälter.

16. Februar 2002 von Nick Lüthi

Jeder ein Journi

Bertolt Brecht forderte bereits vor siebzig Jahren, dass „der Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat“ umgewandelt werde. Mit Weblogs kann jeder mit wenigen technischen Kenntnissen sein eigener Chefredaktor, Herausgeber und Verleger sein.

Auf der Internet-Seite www.sunflyer.ch jammert der Betreiber – offensichtlich ein Journalist – dass er nicht wisse, wie er die fehlenden 700 Zeichen für einen Artikel aus den Fingern saugen solle. „Sunflyer“ fordert die Site-BesucherInnen auch auf, ihm beim Handykauf behilflich zu sein, indem man ihm in seinem Online-Forum das eine oder andere Modell empfehle. Wer eher „idyllische Nachrichten aus der Fremde“ bevorzugt, findet sein Glück unter www. der-zirbel.de. Am 23. November verwies die Betreiberin auf einen Vortrag von Julia Onken zum Thema „Kommunikation zwischen den Geschlechtern“, der in der österreichischen Zeitung „Der Standard“ abgedruckt ist; selbstverständlich ist man mit einem Mausklick bereits auf der persönlichen Homepage der Psychologin Onken oder der Zeitung aus dem Nachbarland. Am Morgen desselben Tages hatte „Zirbel“ offenbar Flausen im Kopf und fragt den geneigten Leser, ob es denn feministische Bildschirmschoner gebe, und setzt gleich einen Link mit dieser absurden Wortkombination auf eine Internet-Suchmaschine.

Einfache Internet-Seiten
Sunflyer und Zirbel sind so genannte Weblogs. Der Begriff ist eine Wortschöpfung aus „Web“ für Netz und „Log“ für Logfile, die Bezeichnung für sämtliche Kommunikation auf einem Internet-Server. Oberflächlich gesehen, handelt es sich bei den Weblogs um einfache Internet-Seiten; sie verfügen formal über die gleichen Merkmale, wie etwa einer www-Adresse als Zugangsmöglichkeit und einer grafisch gestalteten Oberfläche.
Was die Weblogs gegenüber anderen Medienangeboten im Internet auszeichnet, ist ihr Inhalt. Sie bewegen sich zwischen Tagebuch, Notizbuch, Forum und unabhängiger freier Presse. Aus verschiedensten Motiven und mit den unterschiedlichsten Interessen dokumentieren Menschen ihr Surfverhalten, verweisen auf andere Seiten, denen sie begegnet sind und kommentieren die gefundenen Links. Im riesigen Datennetz sind die Weblogs neben Suchmaschinen und hierarchischen Verzeichnissen eine weitere praktische Orientierungshilfe. Hat man einmal ein Weblog gefunden, mit dessen Betreiber man eine Vorliebe für gewisse Themen teilt, so lässt sich Zeit (und damit mitunter auch Geld) sparen. Für die Qualität der Beiträge und Links garantiert nicht eine Redaktion, sondern der Blogger (so die Fachbezeichnung für jemanden, der ein Weblog betreibt) mit seinem (Site-)Namen. Die Fachzeitschrift „De:Bug“ vergleicht diese Qualitätsmessung mit dem Ruf von Diskjockeys und bezeichnet die Weblog-Aktivitäten in Analogie zur Musik-Szene als „News-Jocking“. Honoriert wird ein guter News-Jockey, indem man sein Weblog mit dem eigenen verlinkt und so einem weiteren Personenkreis zugänglich macht.
Möglich wurden die Weblogs erst durch die technische Entwicklung. In den letzten Jahren haben Software-Entwickler verschiedene Instrumente erfunden, dank derer in Minutenschnelle ein Weblog erstellt und ebenso schnell aktualisiert werden kann; Kenntnisse einer Programmsprache sind nicht erforderlich. Jene technischen Fertigkeiten, die man sich beim Surfen im Internet intuitiv aneignet, reichen aus, um sein eigener Chefredaktor, Webmaster und Art Director zu sein.

Häufig uniforme Gestaltung
Kehrseite der technischen Simplizität ist die Uniformität. Oft bestehen die Instant-Internetseiten aus einer chronologischen Liste, die aktuellsten Einträge zuoberst, so wie sie der entsprechende Anbieter des Dienstes vorgibt. Dass Blogger oft viel Unsinniges zu verbreiten versuchen, liegt auf der Hand. (Weshalb auch sollten sich Weblogs von den übrigen Bereichen des Internets unterscheiden?) Weblogs waren allerdings nach dem 11. September für das journalistische Arbeiten durchaus nützlich und informativ. Während viele US-amerikanische Medien sich in an Selbstzensur grenzender Berichterstattung und Patriotismus übten, waren in Weblogs Kommentare zu finden, die sonst wohl unveröffentlicht geblieben wären.

Auch umfassendere Angebote
Das Genre der Weblogs besteht nicht nur aus den privaten Surf-Tagebüchern und kommentierten Link-Sammlungen, auch umfassendere Informationsangebote bedienen sich der einfachen Publikationsform. Mit dem Unterschied, dass auf Seiten wie etwa slashdot.org in einem kollektiven Prozess die News zusammengetragen werden. Im Gegensatz zu einem Online-Forum, wo jede und jeder irgendwo eine Ecke findet, um über Kraut und Rüben zu berichten, werden diese „grossen“ Weblogs redaktionell betreut. Die Aufgabe der Redaktion besteht allerdings einzig im Moderieren, Filtern und Publizieren der eingesandten Beiträge. Eine Entwicklung, die Gabriele Hoofacker, Leiterin der Journalistenakademie in München, thesenhaft formuliert und für den gesamten Online-Bereich verallgemeinert: „Die Journalisten als ‚Gatekeeper‘ entfallen online in den kommunikativen Bereichen – sie sind bestenfalls noch als Moderatoren tätig. (…) Jeder muss jetzt selbst Informationen auswählen, bewerten, filtern, also die Aufgaben erledigen, die in der Massenmedien-Demokratie die Medien erledigen hätten sollen.“ *

25. Januar 2002 von Barbara Heuberger

Eine Baustelle

Im Printbereich hat die Basler Mediengruppe BMG in der Nordwestschweiz seit Jahren eine Monopolstellung. Nun will die Gruppe in Basel auch ins Regionalfernsehen vordringen.

Wenn man mit InsiderInnen über die Mediensituation in der Region Basel spricht, sind immer wieder zwei Aussagen zu hören: Die BMG nimmt im Printbereich eine Monopolstellung ein. Und: Die JournalistInnen im eigenen Haus sagen nichts Kritisches über ihre Arbeitgeberin. Und falls doch, dann lassen sie sich bestimmt nicht zitieren. Eine Erfahrung, die auch Klartext gemacht hat. Ein Beobachter meint unmissverständlich: „Die BaZ betreibt Konzernjournalismus, wenn es um sie selber geht. Und wer nicht pariert, fliegt raus.“
Einer, der nicht mehr von einem Medienmonopol der BMG sprechen mag, ist der Journalist Peter Knechtli. Schliesslich trägt er mit seinem zunehmend erfolgreichen, oft BMG-kritischen Online-Medium (www.onlinereports.ch) selbst dazu bei, es aufzubrechen. „Peter Knechtlis ‚Onlinereports‘ ist in der Region eine wichtige Stimme geworden“, bestätigt Radio-Basilisk-Chef Christian Heeb, „seine Beiträge sind bei uns regelmässig auf den Bildschirmen.“ Weitere gewichtige Ergänzungen zur „Basler Zeitung“ sind Radio Basilisk und Telebasel, die als elektronische Medien jedoch tendenziell flüchtiger sind als Print- oder Online-Medien.

Fernseh-Ambitionen
1977 warf die erste grosse Zeitungsfusion der Schweiz hohe Wellen: Die bürgerliche, eher volksnahe „National-Zeitung“ übernahm die liberalen „Basler Nachrichten“, daraus entstand die „Basler Zeitung“ (BaZ). In den darauf folgenden Jahren wurde die Schweizer Medienlandschaft insgesamt durch Restrukturierungen, Konzentrationen, Übernahmen und Expansionen – auch ins Ausland – nachhaltig umgewälzt. Die BMG, die neben der BaZ weitere Printprodukte wie „Basler Stab“, „Internationale Transport-Zeitschrift“ und verschiedene Nordwestschweizer Lokal- und Quartierblätter herausgibt, dehnte sich allerdings nur bis Zürich aus, wo sie mit der Jean Frey AG u.a. „Weltwoche“, „Bilanz“ und „Beobachter“ aufkaufte.
Während andere Verlage ihre Expansionsgelüste auch im elektronischen Sektor ausleben konnten, wurde der BMG die Konzession für ein lokales Radio und Fernsehen in Basel verwehrt. Begründung: Die Monopolsituation der Gruppe dürfe sich nicht noch verschärfen. Ein Entscheid, der immer wieder Kritik erntete: „Man hat hier in Basel lange das Feindbild BaZ gepflegt – und dabei nicht bemerkt, dass der Trend längst in Richtung eines nationalen Zürcher Medienmonopols läuft“, meinte Verwaltungsratspräsident Matthias Hagemann im September in einem Interview in seiner eigenen Zeitung. So hat sich die BMG in den letzten Jahren mit einer relativ günstigen Variante des Fernsehmachens begnügt, nämlich der Produktion einzelner Sendungen durch ihre Tochter Basilea für Presse-TV auf SF 2 (Café Bâle, Bilanz-Talk, BaZ-Standpunkt).
Seit kurzem mehren sich die Hinweise, wonach die Gruppe ins Regionalfernsehen einsteigen will. Die Infrastruktur für mehr Fernsehen sei bereits in der Anlage vorhanden, wusste „Onlinereports“ zu vermelden: „Der soeben neu bezogene BaZ-Redaktionsstandort am Aeschenplatz ist mit einem entwicklungsfähigen Multimediadesk und einem fernsehtauglichen Auditorium ausgestattet (…). Zudem hat die BMG eine 21-prozentige Beteiligung an der Dreispitz Studios AG übernommen und programmlich bereits verschiedene Projekte im Hinterkopf.“ Knechtli ortet dahinter eine Expansionsstrategie und den Versuch, den publizistischen Einfluss auszuweiten, auch wenn es offiziell heisse, es gelte potenzielle Zürcher Interessenten abzuwehren.

Gespräche mit Telebasel
Willy Surbeck, Geschäftsführer von Telebasel, weiss Genaueres: Die BMG habe vor kurzem einen Gedankenaustausch mit Telebasel angeregt, um eine nähere Zusammenarbeit zu beraten. Offenbar will man das BaZ-Magazin „Magnet“ auf Telebasel ausbauen. „Entschieden ist noch nichts“, meint Surbeck, „man kann jedoch vermuten, dass der Prozess in diese Richtung gehen könnte.“ Nachdem das Verhältnis bis im Sommer „sehr frostig“ gewesen sei, weil die BaZ den TV-Sender „immer als minderwertig eingestuft“ habe, gibt sich Surbeck vorsichtig: „Die BMG hat zu keinem Zeitpunkt Forderungen gestellt oder etwa Okkupations- oder Einmarschpläne signalisiert. Es ging stets nur darum, wie sich der Einstieg der BaZ ins Regional-TV sinnvoll bewerkstelligen lässt.“
Telebasel hat in den vergangenen Monaten sein Ansehen in der Region verbessert. Zum einen machte das Regionalfernsehen zwar Schlagzeilen, weil es sein bereits schon kleines Budget noch um einen Viertel kürzen musste. Zum andern gelang es jedoch, den Ausschuss der Trägerschaft (Stiftung Basel Kabelnetz) zu überzeugen, sich aus der Abhängigkeit von der Werbeakquisitionsfirma Medag AG zu lösen. Die Medag AG zählt zur Radio-Basilisk-Gruppe und gehört zu 60 Prozent der Ledermann-Heeb-Holding sowie zu je 20 Prozent der BMG und der Treuhandfirma Itag AG, die im Besitz des zweiten starken Mannes bei der BMG, Fritz Schuhmacher, ist. Mit dem Befreiungsschlag entledigte sich Telebasel prohibitiver Elemente in der Werbung gegenüber Drittakquisitionsfirmen. Wider Erwarten gelang die Befreiung relativ problemlos, die neuen Verträge mit Medag stimmen die Telebasel-Leute optimitisch. Seither ist das Regionalfernsehen auf dem besten Weg, in der Öffentlichkeit ein neues Image als unabhängige Stimme zu gewinnen. Dies bewirkte, dass die finanzielle Lage dank zusätzlicher Sponsoren verbessert werden konnte.

Von der Expansion zur Konzentration
Die Basler Mediengruppe durchlebt seit zwei Jahren eine tief greifende Umstrukturierung. Der Kauf der Jean Frey AG hatte das Verlagshaus 1993 zu den fünf grössten Schweizer Medienunternehmen hinaufkatapultiert. Der damalige Konzernchef Peter Sigrist setzte auf eine Expansions- und Diversifikationsstrategie und erwarb alle möglichen Unternehmen, vor allem im Druckbereich. Die Gruppe bestand zeitweise aus 40 Firmen – bis hin zum Restaurant. Konzernchef Sigrist sei ein ausgesprochener Macher gewesen, der dank zahlreicher Firmenzukäufe Umsatz gebolzt habe, meinte BMG-Kommunikationschef Walter Schäfer im Juli dieses Jahres in der BaZ. „Das hat im stark forcierten Druckbereich zu konzerninternen Überkapazitäten geführt.“
Heute fährt die BMG, die 1600 MitarbeiterInnen beschäftigt, eine neue, in der Wirtschaft mittlerweile aber übliche Strategie: „In der Vergangenheit sind wir zu breit gefahren und waren an zu vielen Standorten. Deshalb entschieden wir uns einerseits für eine Standortkonzentration, andererseits für die Beschränkung auf das Kerngeschäft“, erläutert Matthias Hagemann gegenüber KLARTEXT. So wurden etwa jüngst die Druckerei Winterthur verkauft, die Formulardruckerei EGB Print in Gelterkinden und die Druckerei Birkhäuser in Reinach zusammengelegt und der Opinio-Verlag veräussert.
Im Fall der Druckerei Winterthur wurden zehn Millionen Franken für soziale Härtefälle und Frühpensionierungen bereitgestellt. Glimpflich scheint die Konzentration in Gelterkinden abzulaufen: „Die BMG machte das relativ human; es wurden nur vier Kündigungen ausgesprochen“, berichtet Comedia-Sekretär Manfred Ruetschlin. Und: „Diese Konzentration ist bestimmt vernünftig für die Sicherheit beider Betriebe, da sowohl Birkhäuser+GBC AG als auch die EGB Print echte Perlen sind, die nicht gefährdet werden dürfen.“ Abgeschlossen ist inzwischen auch die Standortkonzentration von BaZ-Redaktion und -Verlag im ehemaligen Börsengebäude am Aeschenplatz.

Harsche Töne aus Zürich

Während in Basel für die Basler Mediengruppe courant normal herrscht, motten Unmut und Aufregung in der Zürcher BMG-Niederlassung. MitarbeiterInnen des „Beobachters“ sind enttäuscht, dass sie nie Lohnerhöhungen zu sehen bekommen, obwohl ihr Blatt seit Jahren schwarze Zahlen schreibt. BMG-Verwaltungsratspräsident Matthias Hagemann verteidigt die Lohnpolitik seines Hauses, die – wie auch in anderen Medienunternehmen – dem Druck nach Kosteneffizienz unterliege. Für ihn steht die Forderung der Journalistenverbände, die Minimalsätze um fünf Prozent zu erhöhen, absolut quer in der Landschaft: „Die Minimallöhne im GAV sind bereits heute sehr hoch angesetzt. Kleinere Unternehmen haben schon jetzt zu kämpfen. Die Behauptung, das goldene Zeitalter sei da, ist keinesfalls gerechtfertigt. Bereits die 90er Jahre waren durch drei rezessive Phasen gekennzeichnet. Die guten Jahre 95 sowie 99/2000 waren ein Zwischenhoch.“ Comedia-Zentralsekretär Roland Kreuzer widerspricht: „Diese Zahlenspielerei vernebelt die Tatsache, dass die Reallöhne seit 1994 in der Druck- und Verlagsbranche um 3 Prozent gesunken sind. Gleichzeitig sind ansehnliche Gewinne in der Branche gemacht worden. Zudem ist die Basler Mediengruppe wohl die verschlossenste aller grossen Mediengruppen der Schweiz; sie veröffentlicht nicht mal ihre Gewinnzahlen.“

Beim „Beobachter“ jedenfalls ist man nicht begeistert, dass mit den Gewinnen neue Investitionen finanziert statt bessere Löhne bezahlt werden. „Zuerst musste das Unternehmen den ‚Sport‘-Flop verkraften. Wir hoffen nur, dass die ‚Weltwoche‘ nicht ebenfalls ein Misserfolg wird. Auch beim ‚Sport‘ hat man viel reingebuttert und ihn dann doch fallen lassen“, kommentiert ein Mitarbeiter. Hagemann („In einem Unternehmen gibt es immer Investitionsprojekte“) verwahrt sich dagegen, dass der „Sport“ mit der „Weltwoche“ verglichen wird. Er ist überzeugt, dass das Geld für das Neukonzept „Weltwoche“ gut investiert ist: „Herr Köppel hat zugesichert, dass er in drei Jahren den Break-even erreichen wird. Wir sind überzeugt, dass es funktioniert.“

Nachdem die „Weltwoche“ massiv LeserInnen und Inserate verloren hat, soll sie unter den Chefredaktoren Roger Köppel und Kenneth Angst auf einen neuen Kurs getrimmt werden und ab Ende Januar als Zeitschrift erscheinen. Bei der Kurskorrektur geht man nicht gerade zimperlich vor: Mitte November etwa wurde sechs bisherigen JournalistInnen in Gesprächen von wenigen Minuten gekündigt. „Köppel will eigene, ihm wohlgesinnte Leute. Die Methoden, wie er das erreicht, sind ihm offenbar egal“, meint ein Rausgeworfener. Und: „Das Blatt soll auf einen neoliberalen Kurs getrimmt werden und da passen wir nicht mehr rein!“

Auf Anfrage zeigt Köppel Verständnis für den Frust der Entlassenen: „Eine solche Trennung ist ein harter Schlag, das gibt kein Lob.“ Die Behauptung, sein Blatt rücke immer näher zur SVP, weist er jedoch weit von sich: „Wir brauchen ein mehrstimmiges Konzert mit profilierten Einzelstimmen und dazu ein stimmiges Team.“ Es gelte zahlreiche Interessen unter einen Hut zu bringen. „Die ‚Weltwoche‘ ist nicht in einer komfortablen Situation. Das Redaktionsbudget kann nicht einfach verdoppelt werden.“ Auch Hagemann bestreitet einen „Weltwoche“-Rechtsrutsch: „In meinen Augen ist das an den Haaren herbei gezogen. Roger Köppel ist auf der Suche nach guten Ideen. Ihm ist dabei nicht so wichtig, woher sie kommen, wichtig ist die Fragestellung“.

Aktuelles Heft:

EDITO Ausgabe: 4 | 2017
  • Native Advertising I: Wie und wo es getan wird und warum es ein IKEA-Problem gab
  • Native Advertising II: Dennis Bühler und Maurice Thiriet im Streitgespräch
  • Native Advertising III: Medienwissenschaft ist uneins
  • Bericht vom Gericht
  • Bericht aus Mossul
  • und anderes mehr