17. August 2009 von Nick Lüthi

Radiozwerge wittern Chance

Beromünster ist tot, es lebe die Mittelwelle. Während sich RadioenthusiastInnen freuen, warnen die kommerziellen Privatradios vor einem Revival der Retrotechnologie.

Ende 2008 hat man die Mittelwelle quer durch den Blätterwald beerdigt. Mit der Berichterstattung zum endgültigen Sendeschluss des Landessenders Beromünster wurde gleich auch die Verbreitungstechnologie entsorgt. Das ist nicht nur deshalb falsch, weil in Sottens im Kanton Waadt weiterhin und ohne absehbares Ende über Mittelwelle das Programm Option Musique von Radio Suisse Romande in die ganze Schweiz ausgestrahlt wird, sondern auch aus einem weiteren Grund: Amtlich und hochoffiziell steht die Mittelwelle möglicherweise vor einem zweiten Frühling.

Ein halbes Dutzend Interessenten
Auf eine Umfrage des Bundesamts für Kommunikation (Bakom) haben sich etliche Interessierte gemeldet, die im Frequenzbereich der Mittelwelle neue Radioprogramme ausstrahlen möchten. Der selbsternannte Folkloreexperte Martin Sebastian etwa skizziert eine Mischung aus Nostalgieprogramm und Experimentierfeld für den Radionachwuchs. Auch die Stiftung Radiomuseum Luzern hat gemäss ihrer Antwort auf die amtliche Bedürfnisabklärung Nostalgisches im Sinn und will die Anlagen in Beromünster als Sender mit kurzer Reichweite erhalten. Einem ehemaligen Mitarbeiter des englischsprachigen SRG-Senders World Radio Switzerland in Genf wiederum schwebt eine Ergänzung oder gar Konkurrenz zu seiner früheren Arbeitgeberin vor. Das christliche Radio Gloria schliesslich möchte seine Schäfchen nicht nur über Satellit und Kabel ansprechen, sondern seine Heilsbotschaften auch via Mittelwelle verbreiten. Insgesamt gingen beim Bakom ein halbes Dutzend solcher Interessenbekundungen ein.
Von heute auf morgen geht aber kein einziges dieser Programme auf Sendung. Denn einfach den Sender Beromünster wieder einschalten, das geht nicht. Für einen Weiterbetrieb müsste dieser saniert werden. 2004 verweigerten die Luzerner Behörden der SRG und Swisscom Broadcast eine Ausnahmebewilligung für den Weiterbetrieb bis 2015, weil die Sendeanlagen die Strahlengrenzwerte überschritten. Anstatt Beromünster zu sanieren, entschied sich die SRG für die nun erfolgte Schliessung. Sollten die Radiozwerge die Mittelwelle auch in Zukunft für ihre Zwecke nutzen wollen, müssten sie neue Sendeanlagen aufbauen und vor allem: finanzieren.
Zurzeit klärt das Bakom ab, wie eine künftige Nutzung der frei gewordenen Mittelwellefrequenzen überhaupt aussehen könnte. Sollte sich dabei herausstellen, dass ein erneuter Sendebetrieb in der Deutschschweiz technisch realisierbar wäre, muss das zuständige Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation UVEK und der Gesamtbundesrat entscheiden, ob ein solcher Schritt auch medienpolitisch sinnvoll ist. Erst dann könnte die Eidgenössische Kommunikationskommission ComCom die freien Frequenzen zur Nutzung ausschreiben.

Die Angst der Privatradios
Ginge es nach dem Willen des Verbands Schweizer Privatradios VSP, dürfte es gar nie so weit kommen. In seiner Stellungnahme zuhanden des Bakom erteilt der VSP der Mittelwelle eine klare Absage, wenn er schreibt: „In der laufenden Diskussion um neue Technologien (…) würde das Öffnen des Themas ‚Mittelwelle‘ sowohl Konsumenten wie auch die Geräteindustrie völlig verunsichern und brüskieren.“ Oberste Priorität hat für die vereinigten Privatradios die nachhaltige Etablierung von Digitalradio. Ins gleiche Horn stösst auch der Verlegerverband.
Irritierend wirkt dabei die Vehemenz, mit der die beiden Branchenorganisationen gegen die Nutzung der Mittelwelle für Nischenprojekte von Kleinstanbietern Stellung nehmen. Medienpolitisch darf man diese Projekte mit Fug und Recht zur Quantité négligeable zählen. Der scharfe Ton von Radio- und Verlegerverband wirft indes ein erhellendes Licht auf die eigene Unfähigkeit, dem Digitalradio in der Schweiz den nötigen Schub für die Akzeptanz bei den RadiohörerInnen zu verleihen. Geplant war der Sendestart der ersten privaten digitalen Programme für letzten Herbst. Daraus ist nichts geworden. Inzwischen hat das Digitalradio-Konsortium der Privaten beim Bakom um eine Fristverlängerung nachgesucht.

Kein Thema für die SRG
Geradezu gelassen verhält sich die SRG zum Thema Mittelwelle. Zur Bedürfnisabklärung des Bakom hat die gebührenfinanzierte Veranstalterin gar nicht erst Stellung genommen. „Ein Wiedereinstieg in die Mittelwelle ist kein Thema“, so die knappe und klare Antwort. Wobei: Was heisst da Wiedereinstieg? Der Landessender Sottens sendet munter weiter, bis weit in die Deutschschweiz. ≠

11. August 2009 von Mathias Born

Zeitung auf dem E-Tablett serviert

Wie die Tageszeitung auch in elektronischer Form ein „Frühstücksmedium“ bleiben könnte.

Auf dem Metallständer neben der Kasse liegt ein unscheinbares, taschenbuchgrosses Gerät. Das ist er also, der Sony Reader, das „Buch der Bücher“, wie das Lesegerät vollmundig beworben wird. An diesem Morgen schert sich kaum jemand um das Gerät. Bislang scheint es noch ein Fremdkörper in der Welt der Bücher zu sein. Doch das könnte sich bald ändern. Fast wöchentlich flattern derzeit Ankündigungen herein: Das Lesegerät Bebook ist neu in der Schweiz erhältlich. Txtr will zur Frankfurter Buchmesse einen E-Reader lancieren. Auch Vodafone hat ein Gerät angekündigt. Der Versandhändler Amazon, der mit seinem geschlossenen Kindle-System aus Lesegerät, iPhone-Programm und Anbindung an den eigenen Shop den Markt in den USA dominiert, liebäugelt offenbar auch mit einer Lancierung in Europa. In den USA steigt nach Amazon und Sony nun auch Barnes & Noble – erneut – ins Geschäft mit den elektronischen Büchern ein. Kurz und gut: Hinter den Kulissen tobt ein Kampf um die besten Startplätze. Die Lesegeräte scheinen unmittelbar vor dem Durchbruch zu stehen. Bald schon werden neben dem Sony Reader weitere Geräte zu liegen kommen.
Die aktuellen E-Reader haben einen Bildschirm, auf dem ähnlich komfortabel gelesen werden kann wie auf Papier – selbst draussen in der prallen Sonne. Möglich ist dies derzeit nur dank der Bildschirmtechnik der „elektronischen Tinte“, bei der Pigmente oben oder unten in den kleinen Kapseln der Bildschirmfolie ausgerichtet werden. Die meisten heutigen Geräte haben einen knapp taschenbuchgrossen Schwarz-Weiss-Bildschirm. Entsprechend eignen sie sich vorab zum Lesen von Fliesstexten, etwa von elektronischen Büchern. Doch auch das ändert sich nun. In den Fabriken laufen die ersten Geräte von den Fliessbändern, die auch zur Zeitungslektüre taugen könnten.

Zeitung am Wendepunkt
Derweil steht die Kaufzeitung an einem Wendepunkt. Das Inseratevolumen bricht dramatisch ein. Die Krise ist aber nur zu einem kleinen Teil eine konjunkturelle und damit vorübergehende. Sie ist zu einem grossen Teil strukturell bedingt. Und sie betrifft gleich beide Teilmärkte, in denen die Zeitungen wirtschaften: den Leser- wie auch den Werbemarkt. Zum einen verkaufen die Verlage immer weniger Zeitungen. Angesichts des kostenlos verfügbaren Medienangebots der Gratiszeitungen und Nachrichtenportale im Internet sind immer weniger Leute bereit, für Nachrichten zu bezahlen; die Jüngsten schon gar nicht. Zum anderen verschärft sich der Konkurrenzkampf um die Werbung. Nach den Rubrikinseraten wandert ein immer grösserer Teil ins Internet ab, und dort vor allem zu den Betreibern von Suchmaschinen.
Das versetzt die Branche in Alarmstimmung. „Wir sind nicht mehr sicher, ob die Tagespresse eine Zukunft hat“, sagt selbst Hanspeter Lebrument, der Präsident des Schweizer Verlegerverbands, in einem Interview mit der Tageszeitung „Le Temps“. Der Verleger Michael Ringier bezeichnet die aktuelle Situation gegenüber der „Handelszeitung“ als die „sicher schwierigste Phase, die wir je zu bewältigen hatten“. „Ich wüsste nicht, warum es die ‚Süddeutsche‘ in zwanzig Jahren noch geben soll“, polemisiert Jakob Augstein, Sohn des „Spiegel“-Gründers und Eigentümer der deutschen Internet- und Wochenzeitung „Der Freitag“, in einem Interview mit der „Frankfurter Rundschau“.

Die Zukunft der Zeitung ist digital
Glaubt man Microsoft-Geschäftsführer Steve Ballmer, wird die Medienwelt bereits in zehn Jahren ganz anders aussehen: „Es wird keine Zeitungen und Magazine in Papierform mehr geben“, sagt er gegenüber der „Washington Post“. „Alles wird in elektronischer Form geliefert werden.“ Die Zeitung droht demnach zu verschwinden – wenn sie die Digitalisierung nicht schafft. Bei einer Digitalisierung muss sich die Zeitung aber treu bleiben. Sie soll weiterhin ein „Frühstücksmedium“ sein. Das ist sie aber nur, wenn sie auch unabhängig vom Computer gelesen werden kann – auf einem handlichen und robusten Gerät, das sich nicht wie ein Computer anfühlt.
Die neue Technik schafft einen vierten Distributionskanal für Inhalte – zusätzlich zum Print, zum Web und zu den für mobile Endgeräte wie Handys optimierten Angeboten. Dieser bietet den Verlagen drei Chancen: Eine digitale Zeitung ist erstens kosteneffizient. Die Ausgaben für das Papier, den Druck und die Spedition werden fast ganz überflüssig; bei einem kompletten Wechsel kann eine durchschnittliche Zeitung damit rund die Hälfte der Kosten einsparen. Zweitens bietet die digitale Zeitung die Chance, im seit nunmehr zehn Jahren nicht profitablen Online-Bereich endlich ein Bezahlmodell zu etablieren: So könnten Hintergrundinformationen und Kommentare in der elektronischen Zeitung verkauft werden, während die Meldungen auf dem Nachrichtenportal kostenlos bereitgestellt werden. Und nicht zuletzt ermöglicht eine elektronische Zeitung Innovationen, die sowohl für die LeserInnen als auch für die Werbetreibenden interessant sein könnten: Die Zeitung könnte personalisiert werden. Und auch zielgruppenspezifische Werbeformen sind möglich.

Skepsis bei den LeserInnen
Doch akzeptieren die LeserInnen eine elektronische Zeitung? Die meisten nur unter grossen Vorbehalten, wie eine nicht repräsentative Online-Befragung von 190 Mitgliedern der mittlerweile eingestellten Facebook-Gruppe „‚Der Bund‘ darf nicht sterben“ gezeigt hat. Ein gutes Drittel der Befragten – fast ausschliesslich Zeitungslesende mit einem Flair für Neue Medien – will die Papierzeitung nicht gegen eine elektronische eintauschen. Ein Drittel ist unschlüssig. Lediglich ein knappes Drittel ist dazu bereit, die Zeitung fortan auf einem Gerät zu lesen. Gefragt sind also nicht Veränderungen, sondern das bewährte und vertraute Produkt. Andererseits sind acht von zehn Befragten zu tiefgreifenden Veränderungen bereit, wenn damit das Überleben der Zeitung gesichert werden kann. Oder aber wenn die elektronische Zeitung persönliche und gesellschaftliche Vorteile bringt: Wenn weniger Altpapier anfällt (72 Prozent), die Verlage das Lesegerät beim Abschluss eines Abos zur Verfügung stellen (69 Prozent) oder die elektronische Zeitung mehrmals täglich aktualisiert wird (61 Prozent). Neue Funktionen wie eine Suche, eine in der Grösse verstellbare Schrift sowie ein Archiv sind unabdingbar.
Doch wie müsste das Lesegerät aussehen? Laut der grossen Mehrheit der Befragten eignen sich spezielle E-Reader besser zur Zeitungslektüre als der Computer oder das Handy. Bloss eine kleine Minderheit spricht sich für ein Multifunktionsgerät aus, das auch Videos abspielt und mit dem telefoniert werden kann. Die Befragten stellen aber Erwartungen an die Lesegeräte, die noch nicht erfüllt werden können: Acht von zehn Befragten legen Wert darauf, dass die Texte drahtlos auf das Gerät übertragen werden. Erste E-Reader mit eingebautem drahtlosem Internet- und Mobilfunkzugang kommen noch in diesem Jahr in den Handel. Und sieben von zehn Befragten setzen einen Farbbildschirm voraus. Bis die E-Ink-Technik so weit ist, wird es noch rund zwei Jahre dauern; andere Bildschirmtechniken dürften früher einsatzfähig sein. Zugleich sind die TeilnehmerInnen der Online-Befragung nicht zu grösseren Investitionen bereit: Rund zwei Drittel investierten nichts oder lediglich 100 Franken in ein Lesegerät. Derzeit kosten die Geräte noch bedeutend mehr. Damit ein Lesegerät eine Chance auf dem Markt hat, muss es äusserst günstig sein – ohne eine Subventionierung durch die Verlage oder Telekommunikationsanbieter wird sich die Umstellung stark verzögern. Dass die Befragten mehrheitlich nicht auf das gewohnte Aussehen der Zeitung bestehen, macht auch kleinformatigere und ans Gerät angepasste Zeitungen möglich – und damit günstigere Lesegeräte.

Amazon und Apple zeigen, wie es geht
Könnte die Zeitung dank der Lesegeräte in die digitale Welt gerettet werden? Könnte die Wirtschaftlichkeit durch den Wegfall der Kosten für Papier, Druck und Distribution so weit erhöht werden, dass die Zeitung weiterbestehen kann? Die Verlage tun gut daran, Antworten auf Fragen wie diese zu finden. Und sie sollten sich sputen. Ringen sie sich nicht zu einem raschen, gemeinsamen Effort durch, werden branchenfremde Unternehmen bald ihre eigenen „digitalen Kioske“ aufbauen. Sie werden am Verkauf der Zeitungen und Zeitschriften mitverdienen und den Preis diktieren. Genau so, wie das der einstige Computerhersteller Apple mit dem iTunes-Shop bereits getan hat, über den er heute erfolgreich fremde Musik, Videos und Software verkauft. Und genau so wie der Online-Händler Amazon mit dem Kindle-System. ≠

* Mathias Born ist Redaktor der „Berner Zeitung“ und studiert Medien- und Kommunikationswissenschaften an der Uni Fribourg. Für seine Abschlussarbeiten hat er sich intensiv mit der Zeitung auf elektronischen Lesegeräten auseinandergesetzt.

Schweizer Verlage warten ab

nil./ Für die drei Zürcher Grossverlage NZZ, Ringier und Tamedia ist klar: Elektronisches Papier wird kommen. Irgendwann. Immerhin sind auf dem Markt bereits zahlreiche Lesegeräte erhältlich. Vorerst lassen sich damit im deutschsprachigen Raum nur Bücher lesen, abgesehen von ein paar Ausnahmen. Eine Auswahl von Zeitungen im Abonnement gibt es erst beim Internet-Händler Amazon und seinem Kindle-System in den USA.
Eine KLARTEXT-Umfrage in Zürich ergibt kein einheitliches Bild: Die NZZ gibt sich mit Abstand am zurückhaltendsten und dokumentiert mit Leerformeln ihr eigentliches Desinteresse an der neuen Technologie („Jede Plattform ist für uns grundsätzlich interessant“).
Am weitesten gediehen scheint das Interesse an mobilen E-Paper-Lösungen bei Tamedia. Unternehmenssprecher Christoph Zimmer erwähnt in diesem Zusammenhang auch das iPhone von Apple und nicht nur die spezialisierten Lesegeräte. So hätten die Zugriffe von mobilen Geräten auf „20 Minuten“-Online innert eines Jahres um mehr als 1800 Prozent zugenommen. Sowohl mit 20min.ch wie auch mit dem Newsnetz des „Tages-Anzeigers“ bietet Tamedia bereits heute technisch attraktiv aufbereitete Angebote für das mobile Internet. Bei den E-Reader-Geräten gibt sich der Tagi-Konzern interessiert und aktiv, will allerdings abwarten, bis die idealen (technischen) Lösungen und ausreichend attraktive Inhalte vorhanden seien. Den ersten Schritt mit spezialisierten Inhalten will Tamedia aber nicht tun.
Bei Ringier moniert man die technischen Unzulänglichkeiten der marktüblichen Lesegeräte: Die fehlende Farbdarstellung hält Ringier für einen grossen Mangel, der dem Publikum nicht zuzumuten sei. Um die Entwicklung zu verfolgen, macht der „Blick“-Verlag in der eNews-Initiative des Verlegerweltverbands IFRA mit, an der auch Tamedia beteiligt ist.
Hohe Priorität geniesst das Engagement bei allen drei Verlagen nicht; eher warten sie in den Startlöchern und hoffen, im entscheidenden Moment mit Angeboten auf den Markt treten zu können. Hierfür den richtigen Zeitpunkt zu erwischen, dürfte nicht ganz einfach sein.

11. August 2009 von Helen Brügger

Willkürliches Sparziel

Kein anderes Unternehmen der SRG soll anteilsmässig so viel sparen wie der Auslanddienst Swissinfo.

„Dass man auf Swissinfo herumhackt, hat Tradition“, ärgert sich ein Redaktor. Tatsächlich ist das Budget der SRG-Unternehmenseinheit zwischen 1998 und 2008 von 45 auf 26 Millionen, der Personalbestand um 28 Stellen zurückgestutzt worden. Innert weniger Jahre hat sich der Auslanddienst der SRG vom Kurzwellensender zum multimedialen Internetportal gemausert und erreicht heute im SRG-Vergleich gemessen an den Unique Clients die zweitmeisten Zugriffe. Swissinfo als Multimediaportal feiert heuer seinen zehnten Geburtstag; nun soll es mit bis zu sieben Millionen Franken weniger Geld gleiche Qualität und gleiche Quantität liefern – so zumindest die Vorgabe des SRG-Verwaltungsrats.
Drei SRG-Direktoren prüfen mögliche Sparmodelle: Swissinfo-Chef Peter Schibli selbst, aber auch die Direktionen von TSR und SR DRS. Falls die Modelle von TSR oder SR DRS zum Zug kommen, bedeutet es das Ende der Unabhängigkeit von Swissinfo, die Integration in die entsprechende Unternehmenseinheit und „die Stärkung ihrer Position im Poker um die Sparmassnahmen“, wie ein Insider die Versuchsanordnung bildhaft beschreibt.
Peter Schibli ist überzeugt: „Der bisherige Leistungsauftrag kann mit neunzehn Millionen nicht erfüllt werden.“ Er werde versuchen, sowohl die Unabhängigkeit von Swissinfo zu retten als auch aufzuzeigen, wo durch eine vermehrte Zusammenarbeit mit den andern Unternehmenseinheiten Geld gespart werden könnte. „Wir haben nachweislich immer wieder auf Synergien hingewiesen und unsere Inhalte angeboten, aber die andern Unternehmenseinheiten sind nicht darauf eingestiegen.“

Alle werkeln alleine vor sich hin
Der Grund für die Taubheit der grossen SRG-Schwestern? „Das Hauptproblem ist, dass alle einander als Konkurrenz empfinden und nicht zusammenarbeiten wollen“, sagt Schibli. Ein weiteres Problem sei, dass man auf eine Aktualisierung und Umsetzung des Multimediakonzepts 2006 der SRG warte. Im Klartext: Wären Zusammenarbeit und Solidarität innerhalb der SRG grösser geschrieben worden als die ideologisch motivierte Konkurrenz zwischen „Unternehmenseinheiten“, hätte Swissinfo gemeinsame Aufgaben übernehmen können. So aber hat jeder eine eigene Online-Welt aufgebaut und Geld vertan, das heute durch Schnitte im Programm wieder hereingebracht werden soll.
Die angestrebte Einsparung von sieben Millionen bei Swissinfo ist besonders absurd, denn unter dem Strich würden für die SRG nur Minderausgaben von dreieinhalb Millionen übrig bleiben – und auch das erst noch ohne Einberechnung der Kosten, die beispielsweise durch einen Umzug nach Genf entstünden. Die andern dreieinhalb Millionen gingen als Geschenk an den Bund, weil die Hälfte des Budgets von Swissinfo von der Eidgenossenschaft bezahlt wird, die im Moment gar keine Sparforderungen stellt. „Die SRG will mehr Geld von der Eidgenossenschaft und macht dem Bund gleichzeitig ein Millionengeschenk, das ist doch ein strategischer Widerspruch!“, sagt Schibli.

Sparen trotz Erfolg
Widersinnig erscheint der Angriff auf Swissinfo auch, weil der Dienst mit seinen 150 MitarbeiterInnen erfolgreich arbeitet: Seit dem Relaunch von 2008 gehen sowohl der Bekanntheitsgrad der Plattform als auch die Zugriffszahlen markant nach oben; das im März dieses Jahres lancierte russischsprachige Pilotdossier, zusätzlich zu den neun bisherigen Sprachen, ist ebenso ein Erfolg wie neue Multimedia-Angebote, beispielsweise Audio-Slide-Shows oder ein Dienst für Blinde, der Text in Ton umsetzt.
„Die Sparvorgabe ist unverantwortlich und die Zahl von sieben Millionen aus der Luft gegriffen“, ärgert sich Claude Frey. Der alt Nationalrat der FDP ist Präsident des Publikumsrats von Swissinfo und als Verteidiger des Service public in den Medien bekannt. „Swissinfo zeigt bei brisanten Themen immer wieder, wie wichtig es für die Schweiz ist, dass man sie im Ausland versteht.“ Er denke etwa an die UBS-Affäre oder auch an die kommende Abstimmung über die Minarett-Initiative. Er sieht nicht viele Sparmöglichkeiten bei Swissinfo, ausser man streiche eine oder mehrere Sprachen des Dienstes, was ein politischer Fehler wäre. Redaktionellen Synergien steht er kritisch gegenüber: „Ich kenne kaum jemanden, der im Ausland wohnt und sich für einen sprachregionalen Fokus interessieren würde.“ Schibli stimmt ihm zu: „Wir müssen die News ins politische Geschehen einbetten und Dinge erklären, die einem nationalen oder sprachregionalen Publikum längst klar sind.“ Ausserdem seien viele Inlandmedien „skandal- und schlagzeilengetrieben“, was bei Meldungen für ein ausländisches Publikum nicht angehe.
„Wir sind schockiert“, sagt ein Mitglied der Redaktion. „Wenn Swissinfo mit einem Viertel weniger auskommen muss, sind wir tot.“ Weshalb aber soll ausgerechnet hier prozentual so viel gespart werden wie nirgendwo sonst? „Alle andern Unternehmenseinheiten haben eine Lobby, wir nicht“, kann man als Erklärung hören. Oder: Es sei kein Geheimnis, dass SRG-Direktor Walpen kein Verständnis für Swissinfo habe. Er habe insbesondere seine Niederlage von 2005 noch nicht verwunden, als die eidgenössischen Räte Swissinfo vor Abbauplänen gerettet hatten.

Andern geht es ähnlich
Auch in anderen Ländern steht der Auslanddienst unter Druck. So will Radio France Internationale RFI von seinen rund 1000 Stellen 200 abbauen. Zudem sollen sechs von neunzehn Redaktionen aufgehoben werden, darunter auch die deutsche. Begründung: Diese Sprachen seien „nicht mehr von geopolitischer Bedeutung“. Das Personal ist aber nicht bereit, diesen Schnitt einfach so hinzunehmen. Seit Mitte Mai steht es im Streik, dem bisher längsten, der seit 1968 je in den elektronischen Medien Frankreichs ausgerufen worden ist.
Der Streik sei auch eine Reaktion gegen den „Low cost“-Journalismus, der den Service public immer stärker bedränge, schreibt das Magazin „Charlie Hebdo“. Swissinfo-Direktor Peter Schibli sieht hier eine Parallele zu den Sparübungen bei der SRG: „Der erste Teil des dreistufigen Sparpakets der SRG tut ausser Swissinfo niemandem weh. Wenn aber die anderen zwei Teile kommen sollten, dann würde das auch ‚low cost‘ bei der SRG bedeuten.“ ≠

11. August 2009 von Nick Lüthi

Dreizehn verlorene Jahre

Armin Walpen wird als jener SRG-Generaldirektor in Erinnerung bleiben, der das Unternehmen in einer entscheidenden Phase zu wenig voranbringen konnte.

Rote Zahlen, interne Blockade, Orientierungslosigkeit und ein zunehmendes Legitimationsproblem in der Öffentlichkeit: Am Ende der Ära Walpen ist die SRG an einem Tiefpunkt angelangt. Nun hat Generaldirektor Armin Walpen seinen Rücktritt angekündigt. Als Abschiedsgeschenk stiess der scheidende Chef gleich noch eine ganze Reihe von Spardrohungen aus. Sender schliessen, Programme streichen – es sei denn, der Bundesrat erhöhe die Empfangsgebühren oder lockere die Werberestriktionen. Doch die Krise bei der SRG ist zuerst einmal hausgemacht. Die veröffentlichten Abbaupläne entbehren jeglicher inneren Kohärenz und gleichen einer Trotzreaktion: Wenn ich nicht mehr Geld kriege, dann mache ich halt alles kaputt.
Im eigenen Apparat und hinter den Kulissen aufzuräumen, das kam unter Walpen immer erst ganz am Schluss. SRG-Kader, die nur anonym auftreten wollen, sehen genau hier ein enormes Sparpotenzial, ohne dass die Substanz der Programme angetastet werden müsste. Gerade dort, wo es die SRG alleine in der Hand hätte, verantwortungsvoll mit dem Mandat und dem vielen Geld der Öffentlichkeit umzugehen, versagt das Unternehmen Mal für Mal. Buchhalterisch weder erklär- noch vertretbar sind etwa die „föderalistischen“ Kostenstrukturen der einzelnen Programme. Zum Beispiel kostete 2004 eine Sendestunde bei DRS 3 doppelt so viel wie bei Couleur 3. Das Konvergenzprojekt, mit dem innerhalb der drei Sprachregionen Radio, Fernsehen und Internet zusammenrücken sollen, kommt eigentlich viel zu spät, weist aber wenigstens in die richtige Richtung. Denn gemessen an den Ergebnissen zahlt die Öffentlichkeit heute einen zu hohen Preis für die schwerfälligen SRG-Strukturen.
Keine glückliche Hand hatte Walpens SRG auch im Umgang mit den Neuen Medien – Doppelspurigkeiten bei Technik und Redaktion, teure Eigenentwicklungen, Sololäufe in den Sprachregionen:
• Aus der zentralen Internet-Drehscheibe bei Swissinfo ist nie etwas geworden, auch deshalb diskutiert man jetzt über eine weitere radikale Sparkur für den von Walpen wenig geliebten Auslanddienst. (siehe Seite 15)
• Digitalradio hat Millionen verschlungen und steht weiterhin meilenweit vom Durchbruch entfernt.
• Anstatt die von den NutzerInnen geschätzte Werbefreiheit auf den Webseiten von Radio und Fernsehen als Wettbewerbsvorteil zu verstehen, schreit die SRG immer wieder nach Lockerung des Online-Werbeverbots.
• Die Online-„Strategie“ verdient ihren Namen nicht. Unter der Leerformel „Added Value“ ist letztlich erlaubt, was gefällt.
Die letzten dreizehn Jahre unter Armin Walpen bedeuten für die SRG im Rückblick vor allem Stillstand. Selbst wenn sie sich einmal bewegte, dann nur, um die bestehenden Verhältnisse zu zementieren. Etwa bei den langen Verhandlungen um ein neues Radio- und Fernsehgesetz. Hier trieb Walpen ein äusserst cleveres Spiel, das er letztlich in seinem Sinn zu entscheiden vermochte. Den ursprünglichen Entwurf des Bundesrats, der ein akzentuiertes duales System für die elektronischen Medien in der Schweiz vorschlug, half Walpen bis zur Unkenntlichkeit zu entstellen. So weibelte er im Bundeshaus erfolgreich für den Ausbau des Gebührensplittings, das den Privaten Millionenbeträge versprach, wenn sie im Gegenzug das nationale Monopol der SRG nicht antasteten. Und genau so kam es dann auch. Zusammen mit den Zeitungsverlegern als willfährige Helfer konnte Walpen am Schluss vollauf zufrieden sein mit sich und dem neuen Gesetz.
Doch der Glanz des machtpolitischen Meisterstücks sollte schneller verbleichen, als der Unternehmensspitze lieb sein konnte. Denn die besten Rahmenbedingungen bringen nichts, wenn sie nur die Trägheit fördern und gleichzeitig im eigenen Haus vieles im Argen liegt. Woran es der SRG unter ihrem bisherigen Chef vor allem gemangelt hat: an einer Organisationskultur, in der Qualität und unternehmerische Effizienz einander nicht ausschliessen. Ohne eine gewisse Trägheit kommen öffentliche und öffentlich-rechtliche Rundfunkorganisationen offenbar nicht aus. Im besseren Fall lässt sich dies als ein Ausdruck von Kontinuität und Stabilität interpretieren. Im schlechteren steht dagegen die Trägheit für ein missverstandenes Gebührenprivileg. Hinter den Allerweltsformeln „Service public“ und „idée suisse“ konnte sich die SRG stets erfolgreich verschanzen und brauchte nicht zu erklären, welchen Beitrag sie mit ihren Programmen für den öffentlichen, demokratischen Diskurs leistet und weshalb er die 462 Franken pro Haushalt und Jahr wert ist.
Mit der immer wiederkehrenden Forderung nach Gebührenerhöhung bei gleichzeitiger Abbaudrohung schaffte es Walpen letztlich, eine konservative Struktur zu zementieren, einen unbeweglichen Koloss am Leben zu erhalten. An Armin Walpen wird man sich im Rückblick vor allem als den geschickten Taktierer und ersten Lobbyisten im Dienste der SRG erinnern. Walpen verstand sich in seinem Amt vor allem als Aussenminister. Was die SRG jetzt braucht, ist ein Innenminister. Nach dreizehn Jahren mit einem ehemaligen Bundesbeamten an der Spitze muss bei der SRG zudem eine Führungspersönlichkeit her, die zuerst einmal Erfahrung aus den Medien mitbringt. ≠

18. Juni 2009 von Klartext

„Bei uns gibt es keine Content-Fabrik“

Die SRG macht sich daran, Radio, Fernsehen und Internet zu verschmelzen. Das Konvergenzprojekt leitet der Westschweizer Radiodirektor Gérard Tschopp. Er will verhindern, dass bei der Fusion der drei Medien ein „russischer Salat an verschiedenen Saucen“ entsteht.

Klartext: In einer Umfrage des Nachrichtenmagazins „L’Hebdo“ sprach sich eine grosse Mehrheit – Deutschschweizer wie Romands, Publikum wie Leader, Linke wie Rechte – gegen die Konvergenz beim Schweizer Radio und Fernsehen aus. Was sagen Sie dazu?
Gérard Tschopp: Ich bin nicht so sicher, dass diese Resultate für bare Münze genommen werden können. Der Fragebogen wurde zu einem Zeitpunkt erstellt, als die Konvergenz in der Öffentlichkeit noch kein Thema war und niemand genau wusste, was sie bedeutet. Sicher ist, dass wir die Information des Publikums verbessern müssen. Aber wir erwarten auch, dass das Publikum uns nach den Resultaten beurteilt, und nicht schon im Voraus Pauschalurteile fällt.
Klartext: Die SRG wiederholt nun schon seit Monaten, die Medienkonvergenz sei kein Sparplan, sondern solle mehr Qualität bringen. Das glaubt aber niemand so recht.
Tschopp: Medienkonvergenz ist nach wie vor kein Sparprojekt. Aber auch für die SRG SSR gilt, dass sich das wirtschaftliche Umfeld drastisch verändert hat. Unser Budget besteht zu dreissig Prozent aus Werbeeinnahmen; dieser Markt ist eingebrochen und vollständig unvorhersehbar. So gesehen helfen die Zusammenlegung von Diensten und Infrastrukturen und der Prozess der redaktionellen Konvergenz, das Schlimmste zu verhüten, falls sich die Marktlage weiterhin verschlechtert. Die Zusammenlegung unserer Kräfte soll aber in erster Linie mehr und bessere Produktionen erlauben.
Klartext: Was, wenn das Projekt auf halber Strecke wegen Geldmangel stecken bleibt? Sind Sie sicher, dass man dann nicht die Gebührengelder antastet und verlangt, die SRG müsse mit dem Eingesparten ihre Budgetlöcher stopfen?
Tschopp: Wir sind autonom, das heisst nicht direkt von den politischen Gremien abhängig. Wir sind ihnen gegenüber jedoch verantwortlich, was die Erfüllung unseres Leistungsauftrags betrifft. Unser bester Verbündeter ist deshalb das Publikum. Wenn es mit unsern Leistungen zufrieden ist und findet, es kriege etwas für sein Geld, dann wird fast kein Politiker es wagen, die Gebührengelder anzutasten. Eine Gebührenkürzung steht derzeit nicht zur Diskussion. Doch mittelfristig wird für die SRG die Schere zwischen Einnahmen und Leistungen grösser: Die Einnahmen nehmen weiter ab und Einschränkungen der Leistungen sind kritisch, wenn wir das Publikum bei der Stange halten wollen. Ob es uns gelingt, die Finanzierungslücke allein mit Effizienzsteigerung zu schliessen, ist nicht nur von uns abhängig und damit offen.
Klartext: Das ist doch ein Schlingerkurs!
Tschopp: Das bestreite ich vehement. Als wir das Projekt lanciert haben, war die heutige Wirtschaftslage nicht vorauszusehen. Es war klar: Die Medienkonvergenz ist kein Sparprogramm, sondern eine spannende Herausforderung für eine zeitgemässe, dynamische multimediale Information und für einen starken Service public in einer immer stärker konzentrierten und globalisierten Medienwelt. Um sie zu finanzieren, haben wir ihr den Teil „Wirtschaftlichkeit“, das heisst Effizienzsteigerungen, zur Seite gestellt. Die beiden Teile des Projekts sind logisch und kohärent. Doch jetzt ist unerwartet eine wirtschaftliche Situation dazugekommen, die möglicherweise Sparmassnahmen verlangt. Ich muss gestehen, dass das die Lage extrem kompliziert. Aber wir haben noch keine Sparprogramme beschlossen, und ich denke, dass vor dem Herbst auch keine beschlossen werden. Und wir werden alles daran setzen, dass die Programme nicht oder so wenig wie möglich betroffen sind.

Klartext: Im Zentrum der Besorgnis steht der mögliche Verlust von Vielfalt. Je stärker der Grad der redaktionellen Konvergenz, desto weniger Medien- und Meinungsvielfalt.
Tschopp: Im Bericht der SRG an den Verwaltungsrat steht klar, dass die Vielfalt nicht leiden darf. Sie wird unter anderem dadurch gewährleistet, dass wir in Zusammenhang mit der redaktionellen Konvergenz keine Personaleinsparungen bei Journalisten, Produzenten und Präsentatoren vorsehen. Auch glaube ich nicht daran, dass wir bei der SRG in wenigen Jahren nur noch Multimedia-Journalisten beschäftigen. Es wird sicher einige Computercracks geben, die daran Freude haben; die andern arbeiten wie gewohnt weiter, ausser dass sie sich bereits, ob beim Radio oder Fernsehen, an die Herausforderungen von Internet gewöhnen müssen.
Klartext: Wie verhindern Sie, dass das Fernsehen das Radio schluckt?
Tschopp: Die Vielfalt entsteht ja gerade, indem wir die spezifische Sprache und Tonalität jedes Mediums respektieren. Deshalb gehen unsere Überlegungen nicht in die Richtung einer vollständig konvergenten Redaktion. Wir stellen uns eher die Frage, wo und wie man bei den redaktionellen Vorbereitungsprozessen, etwa bei den Recherchen oder bei der Dokumentation, zusammenarbeiten kann.
Klartext: Eine Vollkonvergenz schliessen Sie also aus?
Tschopp: Ja, sie ist für die Schweiz undenkbar. Einige ausländische Radioanstalten haben das ausprobiert und mussten zurückkrebsen. Es wird bei uns keine Content-Fabriken geben und Verpackungsanlagen, wo der Content für jedes Medium in die richtige Form gepresst wird. Ich werde als Verantwortlicher für das Projekt darüber wachen, dass Konvergenz nicht zu einem russischen Salat an verschiedenen Saucen wird.

Klartext: Beobachter vermuten, dass die Konvergenz in der deutschen Schweiz eine Totgeburt ist. Die Konvergenz würde dann nur noch bei den „armen Verwandten“ in der Romandie und im Tessin realisiert.
Tschopp: Das Projekt ist keine Totgeburt in der deutschen Schweiz. Also gar nicht! Aus verschiedenen Gründen haben sich die Dinge weniger schnell entwickelt als in der Romandie. Ich bin sicher, dass das Projekt vor Ende Juni auch in der Deutschschweiz in Fahrt kommt. Der Rhythmus wird jedoch anders sein, und, was sicher ist: Es wird kein gemeinsames Modell geben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Modell verwirklicht wird, das in seiner Sprachregion nicht auf Verständnis stösst. Es ist möglich, dass es in der Romandie eine zusammengelegte Infoabteilung gibt, in der deutschen Schweiz aber nicht. Entschieden ist noch nichts.

Klartext: Wie steht es mit Swissinfo? Ist das Schicksal dieser Unternehmenseinheit mit der Konvergenz besiegelt?
Tschopp: Swissinfo ist nicht von der Konvergenz betroffen. Wir haben sie ganz bewusst nicht in das Projekt integriert, denn Swissinfo hat ein spezielles Mandat und wird zur Hälfte von der Eidgenossenschaft und der SRG finanziert. Sie wird aber unausweichlich von den Konsequenzen der Konvergenz betroffen sein. Und muss sich überlegen, was es für ihre multimedialen Dienstleistungen heisst, wenn Radio und Fernsehen auch multimediale Dienstleistungen ausbauen.
Klartext: Das heisst, bei Doppelspurigkeiten wird das Messer angesetzt.
Tschopp: Was die Basisinformation für die Schweiz betrifft, gibt es Doppelspurigkeiten. Die sind nicht einfach aufrechtzuerhalten, wenn man mehr Effizienz fordert. Swissinfo muss sich überlegen, ob sie ihre Angebote nicht anpassen, komplementär gestalten müsste.

Klartext: Ihre Hausgewerkschaft SSM zeigt in der Romandie weniger Verständnis für die Konvergenz als in der deutschen Schweiz. Sie glaubt nicht, dass eine Fusion von Radio und Fernsehen nötig ist, um multimedial zusammenzuarbeiten. Die Konvergenz auf SRG-Art sei eine Mogelpackung, eine ganz kommune, ökonomisch motivierte Restrukturierung, und zudem der Anfang vom Ende des Service public.
Tschopp: Ich war überrascht von der Haltung des SSM in der Westschweiz. Wir wollten und wollen das Personal in den Prozess einbeziehen. Wir haben 63 Arbeitsgruppen gebildet; über 200 Personen, von der Basis über mittlere bis zu führenden Kadern, arbeiten an den Projekten mit. Die Resultate der Arbeitsgruppen werden publiziert, es soll Transparenz herrschen. Und dann sagt uns die Gewerkschaft, sie hätte nicht genügend Garantien für Mitspracherechte erhalten, und das Mitmachen bedeute eine Arbeitsüberlastung … Ich appelliere an ihr Verantwortungsgefühl und ihre Intelligenz: Wir müssen gemeinsam überlegen und klar unterscheiden, was Medienkonvergenz, was Massnahmen für mehr Effizienz und was Sparmassnahmen sind. Wir dürfen nicht alles in einen Topf werfen und die Karte der Angst ausspielen! Sonst schaffen wir es nicht. Die SRG steht am Anfang eines sehr grossen Reformprozesses, der unsere Organisation von Grund auf umgestaltet. Ein solches Projekt birgt Risiken, das ist klar. Aber es stellt auch eine Chance dar, einen modernen und effizienten Service public zu gestalten. ≠

Mit Gérard Tschopp sprach Helen Brügger am 12. Mai.

Peinliches Klein-Klein

nil./ Wenn die nicht enden wollenden Debatten um den Posten eines „Superdirektors“ für Radio und TV ein Vorgeschmack auf das Kommende sind, dann muss am Erfolg des Konvergenzprojekts der SRG bereits heute ernsthaft gezweifelt werden. Natürlich kann man das ganze Getöse rund um die Nachfolge von Radiodirektor Walter Rüegg und der von Misstönen begleitete Abgang von Ingrid Deltenre als Deutschschweizer Fernsehdirektorin auch als kathartischen Prozess sehen, bevor es dann richtig losgeht. Nur gibt es zurzeit kaum Anzeichen dafür, dass das ambitionierte Konvergenzprojekt – ein Verschmelzen von Radio, Fernsehen und Internet – mehr ist als ein gewöhnliches Sparprojekt. Zum grossen Schritt nach vorn, den das Unternehmen tun müsste, um in Zukunft wieder jene herausragende Rolle zu spielen, die es in den letzten Jahren nicht mehr zu erfüllen vermochte, hat die SRG noch nicht angesetzt. Noch herrscht ein peinliches Klein-Klein. Und vor allem hat es der öffentliche Radio- und Fernsehveranstalter bisher nicht geschafft, der Öffentlichkeit glaubhaft zu vermitteln, was genau er mit dieser Konvergenz will und welches der Nutzen für das Publikum sein wird.

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Ausgabe: 4 | 2010 Die Themen:
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