8. März 2010 von Bettina Büsser

Warum die Verleger online kein Geld verdienen

Hoffnung oder Albtraum? Apple-Chef Steve Jobs mit dem Tablet-Computer iPad.

Es bleibt ein Kreuz mit dem Internet: Zeitungsverlage haben in der Vergangenheit kein Rezept gefunden, online Geld zu verdienen, und werden es trotz iPhone-Hype auch in Zukunft schwer damit haben.

Es ist schon erstaunlich. Jahrelang war es bei Zeitungsverlagen quasi in Stein gemeisselt: Online-Angebote müssen gratis sein, weil das im Internet eben so ist. Punkt. Nun aber reden Verleger auf nationalen und internationalen Kongressen und Treffen darüber, dass journalistische Beiträge auch im Internet etwas wert sind und Geld einbringen sollen.
Weshalb kamen die Verlage nicht früher auf diese Idee? «Die Diskussion wird sehr vom wirtschaftlichen Umfeld geprägt», sagt ein Online-Fachmann aus der Medienbranche. «Heute sagt man aus wirtschaftlicher Not, Content müsse kosten, vor zwei Jahren hiess es: Im Netz herrscht die neue Gratismentalität, der Werbemarkt bezahlt es ja.» Um auf dem Werbemarkt zu punkten, braucht es aber in erster Linie Reichweite, also möglichst viele BenutzerInnen. Diese Masse erreicht man am einfachsten mit Gratisangeboten, so die simple Überlegung.
Doch nun steckt der Werbemarkt in der Krise – und online hat er schon früher die Verlegerträume nicht erfüllt. Zwar freuen sich MedienkonsumentInnen über die Gratisangebote, doch die Werbekunden reagieren weiterhin zurückhaltend: Trotz Krise fliesst immer noch am meisten Geld in Zeitungen und Zeitschriften. Vom gesamten Werbeaufkommen machen Zeitungen und Zeitschriften mehr als 50 Prozent aus, während Online-Werbung gerade mal einen Anteil von fünf Prozent erreicht.*

Verlage wollen Kunden kennen
Die Gratismentalität im Internet kam den Verlagen auch aus technischen Gründen gelegen. Denn lange Zeit fehlte es an praktikablen Abrechnungsmöglichkeiten; es war relativ komplex, Rappenbeträge ohne aufwendige Registrationsprozesse einzukassieren.
Zwar existieren mit ClickandBuy oder Paypal schon seit Jahren Lösungen zur Verrechnung von Kleinstbeträgen, die in anderem Kontext auch rege genutzt werden. Doch bei all diesen Systemen gibt es einen Nachteil, der die Verlage zusätzlich gebremst hat: Ein Kunde, der seinen Zeitungsartikel mit Paypal zahlt, bleibt gegenüber dem Verlag anonym. Die Verlage wollen jedoch die Kundenhoheit nicht aus der Hand geben. Nach Einschätzung des Experten werden sie aber nicht darum herumkommen: «Ein Online-Bezahlsystem müsste breit und pragmatisch sein, mit mehreren Abrechnungsmöglichkeiten, via Kreditkarte, via Telefonie, via Systeme wie Paypal. Momentan gibt es sogar Inkassoinstitute, die eine Lösung auf Rechnung anbieten wollen, da die Schweizer so kreditwürdig und zuverlässig sind.»
Denkbar wäre, dass sich Schweizer Zeitungsverleger nach dem Motto «gemeinsames Problem, gemeinsame Lösung» auf ein Konzept einigen könnten. Schlägt der Verband Schweizer Presse so etwas vor? «Empfehlungen für Online-Bezahlsysteme haben wir bisher nicht abgegeben, und wir werden es auch nicht tun», sagt Catherine Müller, Rechtskonsulentin des Verbands Schweizer Presse und Mitglied der Fachgruppe Online des Verbands. Natürlich beschäftige man sich im Verband und in Arbeitsgruppen «seit einem guten Jahr sehr ernsthaft» mit der Thematik rund um «paid content» und Vergütungen von Online-Leistungen. Aufgabe des Verbands sei es, am Ball zu sein und für die Diskussion eine Plattform zu bieten: «Dabei gibt es einerseits gemeinsame Interessen der Verlagshäuser, andererseits eine gewisse Konkurrenz zwischen ihnen. Auch für kleine und mittlere Verlagshäuser, die sich weniger Aufwand leisten können, ist es aber wichtig, dass der Verband sich mit diesen Themen beschäftigt und entsprechende Veranstaltungen durchführt.» Kurz: Ein gemeinsamer Ansatz ist aus Konkurrenzgründen unwahrscheinlich – wie sollen Verlage zusammenarbeiten, wenn die einen die anderen eigentlich gerne aufkaufen würden?

Apple und das Prinzip Hoffnung
Beflügelt vom Hype um das iPhone und den jüngst angekündigten Tablet-Computer iPad aus dem Hause Apple setzen Verlage derzeit grosse Hoffnung in die Zahlungsbereitschaft des Publikums über den mobilen Internetzugang. Wer solche Geräte nutzt, ist sich bereits gewohnt, Geld zu bezahlen für manche Funktionen und Dienste – selbst für solche, für die er an einem Heimcomputer keinen Rappen ausgeben würde. Andersherum betrachtet kommt allerdings der Pferdefuss zum Vorschein: Mit iPhone, iPad und allen anderen internetfähigen Mobilgeräten kann man auch ganz normal das Internet nutzen, und damit die kostenfreien Angebote der Verlage. «Man wird sich in diesem Zusammenhang überlegen müssen, wie man mit den freien Online-Angeboten umgeht», sagt Rechtskonsulentin Müller.

«Blick» setzt auf das iPhone
Dennoch setzen die grossen Schweizer Verlage auf kostenpflichtige Angebote für das iPhone. So will die «Blick»-Gruppe von Ringier noch im ersten Quartal 2010 eine entsprechende Applikation für das iPhone anbieten. «Deren Inhalte müssen sich qualitativ vom gratis verfügbaren Online-Content auf der ‹Blick›-Webseite abheben. Über die genaue Preisgestaltung können wir aber noch nichts sagen. Klar ist, dass wir konkurrenzfähig sein müssen», sagt Ringier-Sprecher Stefan Hackh. Damit bleibt unklar, ob nur einmalig für die «Blick»-Applikation bezahlt werden muss oder ob wiederkehrend ein Abobetrag fällig wird.
Auch Tamedia will den Zug mit der Zahlungsbereitschaft für mobile Anwendungen nicht verpassen, legt den Fokus allerdings anders als die Konkurrenz. «News werden kostenlos bleiben», sagt Tamedia-Sprecher Christoph Zimmer. Die Medienbranche müsse nun den Mut haben, Neues auszuprobieren. Damit spricht Zimmer die TV-Applikation von «20 Minuten» an, die trotz ihres vergleichsweise hohen Preises vom Publikum gut aufgenommen und rege gekauft wurde. «Dieses Angebot zeigt, dass die Leute bereit sind, für einen klar erkennbaren Mehrwert Geld auszugeben. Bislang gab es keine Live-TV-Applikation für das iPhone.»
Diese Aussage sollte nur ein paar Tage gültig bleiben, bis auch Zattoo seine Online-TV-Applikation auf dem iPhone zugänglich machte. Der Vorsprung mit dem exklusiven Mobil-TV-Angebot von «20 Minuten» war dahin. So schnell kann der Wind drehen in der schönen neuen Online-Welt; nichts ist hier in Stein gemeisselt.

… dann soll eben Google zahlen

nil./bbü./ Wenn das Publikum im Internet nicht zahlen will, dann sollen es eben jene tun, die ihr Geld mit der Weiterverwertung von Medieninhalten verdienen, finden die Verleger – Suchmaschinen zum Beispiel und allen voran Google. In Deutschland haben die Verleger im vergangenen Sommer ein Gesetz gefordert, das ihre Leistungen im Internet besser schützt. Ein ähnliches Leistungsschutzrecht forderte in der Schweiz auch der Solothurner FDP-Nationalrat Kurt Fluri in einer Interpellation, in der es unter anderem heisst: «Ist der Bundesrat bereit, neben dem bestehenden Urheberrechtsschutz ein neu zu schaffendes Leistungsschutzrecht für Produzenten von Online-Newsangeboten (insbesondere Newsportale der Verleger) ins Urheberrechtsgesetz aufzunehmen?» In seiner Antwort zeigte sich der Bundesrat in dieser Frage zurückhaltend bis ablehnend. Von diesem Bescheid wenig beeindruckt ist man beim schweizerischen Verlegerverband. «Wir sind in diesem Bereich bereits mit konkreten Vorarbeiten beschäftigt», sagt Verbandsjuristin Catherine Müller.

11. August 2009 von Nick Lüthi

Ende der Eiszeit zwischen „Basler Zeitung“ und „Aargauer Zeitung“

Meldungen wie diese gehören längst zur Tagesordnung: Zeitung X übernimmt Artikel von Zeitung Y – und umgekehrt. In der Not treiben es bekanntlich alle mit allen. Heissen die beiden Titel, die da zusammenspannen, aber BaZ und „Aargauer Zeitung“, dann lässt das aufhorchen.

Bis vor Kurzem herrschte zwischen den Verlegern der beiden Zeitungen, Matthias Hagemann und Peter Wanner, offiziell Funkstille; Beobachter sprachen gar von „Eiszeit“. Vor allem Hagemann war es, der schmollte und mit seinem Verlegerkollegen im Aargau nicht mehr sprechen wollte, seit dieser vor drei Jahren die „Basellandschaftliche Zeitung“ übernommen hatte und damit bis tief in die Stammlande der BaZ vorgedrungen war. Nun hat sich am Rheinknie ein gewisser Pragmatismus breitgemacht und eine – vorerst partielle – Kooperation mit dem bisherigen Erzfeind scheint wieder möglich zu sein. Beat Meyer, CEO der Basler Zeitung Medien, bestätigt gegenüber KLARTEXT, dass sich das Klima zwischen den beiden Verlagen in letzter Zeit entspannt habe und auch deshalb dieser Kooperationsschritt möglich gewesen sei. Ab 1. September stellt die BaZ der AZ ihre Texte aus dem Kulturteil zur Verfügung, im Gegenzug können die Basler Inland-Artikel der Aargauer übernehmen. „Das Ziel dieser losen Zusammenarbeit liegt darin, die Folgen des Stellenabbaus zu lindern, den beide Zeitungen hinter sich haben“, informierte AZ-Chefredaktor Christian Dorer Ende Juli seine Redaktion. Bei der BaZ wird es nicht anders geklungen haben.
Überhaupt spart Verleger Matthias Hagemann derzeit, wo er nur kann: Birkhäuser Rotationsdruck weg, Radio Basel 1 weg, „Baslerstab“ abgespeckt, BaZ-Online gestutzt. Schritt um Schritt verschlankt Hagemann seine Basler Zeitung Medien AG. Seit Neuestem steht nun auch die Beteiligung an der Pendlerzeitung „News“ auf dem Prüfstand, wie sowohl Hagemann als auch sein CEO Meyer mehrfach öffentlich erklärten. Verlustreiche Geschäfte müssen weg, sagt Hagemann und handelt auch entsprechend. Die Not scheint gross zu sein in Basel. Das freilich bestreitet der einsame Verleger, dessen Territorium im Norden von der Landesgrenze und im Süden von Peter Wanners „Mittelland Zeitung“ begrenzt wird. Zusammen mit der Werbevermarkterin Publigroupe muss der Basler Verleger nach einem Nachfolger suchen für deren Aktienpaket im Umfang von 37 Prozent. Interesse angemeldet haben sowohl die NZZ als auch Tamedia. Zum „natürlichen Verbündeten“ Tamedia, mit dem die Basler bisher Website, Pendlerzeitung, „Das Magazin“ und Werbekombi Metropool teilen, hält Hagemann öffentlich Distanz und behandelt die Zürcher als lediglich einen von mehreren möglichen Partnern. Auch im Ausland sei er am Verhandeln, sagt der Basler Verleger. Mit wem bleibt selbstverständlich sein Geheimnis.
Oberstes Ziel Hagemanns ist es, mit seinem Medienhaus weiterhin unabhängig zu bleiben und nicht von einem Grösseren geschluckt zu werden. Ob ihm das gelingt, gilt heute als ungewiss. Denn Tamedia, mit der die Basler Zeitung die engsten Bande hat, wird sich nicht einfach so gegen die Konkurrenz von AZ (und auch NZZ) ausspielen lassen, zumal die Zürcher gewisse Druckmittel in der Hand haben. Etwa das Werbekombi Metropool, das der BaZ erst den Zugang zu den überlebensnotwendigen nationalen Inseratekampagnen ermöglicht. Oder die mit dem Newsnetz von Tamedia kurzgeschlossene Website bazonline.ch, für die das Basler Unternehmen nach einer Stellenreduktion nun praktisch sämtliche Inhalte von der Zentralredaktion aus Zürich bezieht. Wenn nun Hagemann auch noch bei der Pendlerzeitung „News“ aussteigen will, dann dürfte Tamedia die Basler nicht einfach so ziehen lassen. Laut CEO Beat Meyer verhandeln die beiden Unternehmen derzeit darüber, wie die Basler Zeitung Medien den Zusammenarbeitsvertrag mit Tamedia für die Pendlerzeitung „News“ auflösen können. „Das geht nur mit einem Geben und Nehmen“, ist für Meyer klar. Wieweit man in Basel bereit ist, den Forderungen aus Zürich entgegenzukommen, sagt er aber nicht. Von Tamedia dagegen ist schon lange bekannt, dass sie das Basler Medienhaus gerne ihrem Konzern einverleiben würden.

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