11. Juni 2008 von Nick Lüthi

Finde die Millionen

Schwarze Zahlen schützen nicht vor Zukunftssorgen: Auch im Besitz von Tamedia und trotz positivem Ergebnis im 2007 ist der Berner „Bund“ noch nicht aus dem Schneider. Für Chefredaktor Vogel ist klar: „So können wir nicht weitermachen.“

In Bern herrscht verhaltener Optimismus; zumindest an der Spitze der Redaktionen von „Bund“ und „Berner Zeitung“ (BZ). Die Chefredaktoren der beiden Tamedia-Zeitungen wissen im KLARTEXT-Gespräch (Seite 10 ff.) nur Positives von der neuen Besitzerin zu berichten, obwohl auch sie genau wissen, dass ihre Titel – vor allem der „Bund“ – vielleicht schon bald (weitere) Federn lassen müssen. Über die Details lässt sich vorerst nur spekulieren. Denn wie der Zürcher Medienkonzern glaubhaft versichert, hat er noch keinerlei Entscheide getroffen, wie er ab dem kommenden Jahr seine abonnierten Tageszeitungen aufstellen will; nicht einmal Vorentscheide. Es sei denn, man bezeichne die bekannten Renditeerwartungen von Tamedia als solche. Ab kommendem Herbst wird sich die Konzernleitung gemeinsam mit den Chefredaktoren der betroffenen Titel intensiv Gedanken machen, wo und wie die fünf Zeitungen („Bund“, BZ, „Tages-Anzeiger“, „Thurgauer Zeitung“, „Landbote“) zusammenarbeiten könnten.

Ballast abwerfen
In einem ersten Schritt will sich das Verlagshaus „unvoreingenommen ein Bild machen“, wie sich Tamedia-Konzernsprecher Christoph Zimmer ausdrückt. „Voraussetzung für eine Zusammenarbeit zwischen Tageszeitungen wäre in jedem Fall, dass unsere Leserinnen und Leser auf der einen und unsere Werbekunden auf der anderen Seite gewinnen.“ Was Christoph Zimmer nicht sagt, aber immer Teil solcher Übungen ist: Tamedia wird auch nach unnötigem Ballast suchen, der sich immer dann anhäuft, wenn sich Grossunternehmen zusammenschliessen. Was das heisst, haben Mitte Mai die Mitarbeitenden des Callcenters von Espace Media in Bern erfahren. Ihre Abteilung wird nach Zürich verlegt, zehn Vollstellen gehen dabei verloren. Davon merken die LeserInnen freilich nichts. Ob ein Anruf in Bern oder Zürich entgegengenommen wird, ist einerlei.
Ebenso wenig spielt es für das Publikum ein Rolle, ob ein Artikel im gemeinsamen Sportteil von „Bund“ und BZ von einem Redaktor des „Tages-Anzeigers“ verfasst wird. Seit die beiden Berner Zeitungen Tamedia gehören, arbeiten die Sportredaktionen von „Bund“/BZ und „Tages-Anzeiger“ regelmässig zusammen. Zu Veranstaltungen ohne regionale Befindlichkeiten, etwa internationale Tennisturniere, schicken die Berner und die Zürcher in letzter Zeit nur noch einen einzigen Reporter.
Aus dieser Kooperation dürfe in keiner Weise auf künftige Entwicklungsschritte geschlossen werden, warnt Tamedia-Sprecher Christoph Zimmer. Vielmehr handle es sich dabei um eine lockere Zusammenarbeit der Sportredaktionen in Bern und Zürich; diese sei weder vertraglich geregelt, noch fliesse dabei Geld. Eine Vorgehensweise, die in der Schweizer Zeitungslandschaft unter Partnern üblich ist.

Kall relativiert positives Ergebnis
Eine der kniffligsten Aufgaben wird es für Tamedia sein, die Situation auf dem Medienplatz Bern zu klären. Hier ist der Platz eigentlich zu knapp für zwei abonnierte Tageszeitungen. Der traditionsreiche „Bund“ kämpfte seit dem Rückzug der historischen Verlegerfamilie vor 15 Jahren zuerst unter Ringier, dann unter der NZZ ums Überleben – und hat es bis heute geschafft. Doch der Preis dafür war hoch. Die verlegerische Unabhängigkeit musste die Zeitung vor vier Jahren aufgeben, als sie im Rahmen des „Berner Modells“ von Verleger Charles von Graffenried unter das Dach von Espace Media aufgenommen wurde und seither mit der publizistischen Konkurrentin BZ eine wirtschaftliche Einheit bildet. Viel zur Weiterexistenz des „Bunds“ beigetragen hat auch das Personal, das Sparrunde um Sparrunde mit schmerzlichen Verlusten über sich ergehen lassen musste.
Inzwischen ist die Lage stabil. Zumindest vorübergehend. Das vergangene Jahr hat der „Bund“ erstmals seit langer Zeit mit schwarzen Zahlen abgeschlossen. Doch die Freude währte nicht lange. Tamedia-Konzernchef Martin Kall machte umgehend klar, dass dieses Ergebnis mit Vorsicht zu geniessen sei. Nachhaltig sei ein solches Ergebnis erst dann, wenn es in einer Phase tiefer wirtschaftlicher Konjunktur erzielt werde. Damit bleibt alles beim Alten. Soll sich der „Bund“ nicht weiter von Sparübung zu Sparübung hangeln, dann muss etwas geschehen. Drei bis vier Millionen Franken fehlen der Zeitung pro Jahr, damit sie sich stabil im Markt halten kann.

„Es muss Veränderungen geben“
Dessen ist sich auch Chefredaktor Artur K. Vogel bewusst. „Am einfachsten wären zusätzliche 10’000 bis 15’000 Abonnemente“, rechnet Vogel vor. Das sind freilich Zahlen aus dem Reich der Fantasie. Sogar für die grosse, und wirtschaftlich erfolgreichere, Schwester BZ ist es derzeit das höchste der Gefühle, Abonnemente halten zu können. „Wenn wir das schaffen, sind wir schon recht stolz“, sagt BZ-Chefredaktor Michael Hug. Woher also drei bis vier Millionen Franken nehmen, wenn nicht über Neuabos? Eine der Fragen, auf die Tamedia bis Ende Jahr eine Antwort finden muss.
Über Zukunftsszenarien für seine Zeitung mag „Bund“-Chefredaktor Vogel nicht spekulieren. Nur so viel sagt er: „Mit einer Auflage von weiterhin unter 60’000 Exemplaren und einer 73-köpfigen Redaktion kann der ‚Bund‘ nicht weitermachen.“ Es werde deshalb Veränderungen geben müssen. „Ich hoffe, dass wir diese auf der Einnahmeseite hinkriegen und nicht beim Personal abbauen müssen.“
Damit das kein frommer Wunsch bleibt, müssten die Inserateeinnahmen in bisher ungekanntem Mass fliessen (bei den Abos ist ja nichts zu holen), was angesichts der negativen Konjunkturprognosen doch wenig wahrscheinlich ist. Damit wären wir dann doch beim Personal angelangt. Sollte Tamedia tatsächlich bei der „Bund“-Redaktion sparen und gleichzeitig der Maxime treu bleiben, wonach LeserInnen und Werbekunden profitieren sollen, dann wäre dies nur möglich, wenn die Einschnitte durch Kooperationen mit anderen Titeln kompensiert würden. Als logischer Partner bietet sich der „Tages-Anzeiger“ an, der in Aufmachung und Tonalität dem „Bund“ sehr ähnlich ist.
Als ein Signal dafür, dass Tamedia an den „Bund“ glaubt, kann man die Investition in die neuen, modernen Redaktionsräume im Medienhaus der Espace Media werten, wohin die „Bund“-Redaktion Ende April gezogen ist. Für total 18 Millionen Franken wird hier umgebaut. Neben einer optimistischen gibt es auch hier eine pessimistische Sichtweise: Das neue Grossraumbüro ist nutzungsneutral, darin kann auch eine Gratiszeitung oder eine Online-Plattform untergebracht werden. Woran sich der „Bund“ mit Garantie halten kann, ist leider nur das Bonmot: Totgesagte leben länger.

1. Mai 2008 von Bettina Büsser

Von allem nur ein bisschen

Der neue „Blick“ ist … was denn eigentlich? Weder Fisch noch Vogel, aber zumindest anders als der alte „Blick“. Eine Blattkritik.

Beim Start gab es immerhin etwas zum Lachen: „Die starke Hand beim ZSC: Adrian Wichser“ titelte der neue „Blick“ auf der Rückseite, die neu auch als Sport-Titelseite fungiert. Doch der Dreh mit dem Umdrehen hat eher Gag-Charakter; die Idee kommt beim „Blick“-Publikum auch nicht wirklich an. „Ekelhaft“ sei sie, wurde „Blick“-Chefredaktor Bernhard Weissberg online beschieden.
Noch weniger gefällt dem Publikum, dass der „Blick“ jetzt nur noch in einem Bund daherkommt. LeserInnen platzieren ihren Protest dagegen in Briefen, auf blick.ch und im Chat mit Weissberg. Dieser bot den LeserInnen „zum Angewöhnen gratis ein Zweitabo“ an – ein Beruhigungszückerchen. Und drohte ihnen auch ein bisschen. Viele von ihnen hatten sich nämlich über das anders rubrizierte TV-Programm und über weniger Rätsel geärgert. Das wurde, im Gegensatz zum Einbund-Prinzip, korrigiert – und Weissberg schrieb der Leserschaft: „In zwei von den drei wichtigsten Reklamations-Punkten kommen wir Ihnen entgegen: Die Rätselseiten wurden aufgestockt, das TV-Programm ist ab heute wieder im alten Stil. Nur zurück zum Zweibund-Konzept können wir nicht: Die ersten zwei erfüllten Versprechen hängen mit dem Einbundkonzept zusammen und sind nur so umsetzbar.“ Das erscheint zwar nicht ganz logisch – beim früheren „Blick“ gab es zwei Bünde, Rätsel und ein normales TV-Programm. Aber Weissberg wird es schon wissen. Er weiss auch, dass der neue „Blick“ einen „Mehrwert“ bietet, „mehr Seiten Sport, mehr Seiten Inhalt“. Welcher Inhalt?

Ein buntes Durcheinander

Neu ist die „Reportage“, in jeder Nummer drei Seiten lang. Sie beweist, dass der „Blick“ wie angekündigt „magaziniger“ geworden ist. Bloss: Wer setzt mit welcher Motivation welche Themen? Da gab es Reportagen aus dem „Schwarzgeld-Tresor Europas“ in Vaduz, über die „Benissimo“-Millionen-Gewinnerin, das Luxushotel Dolder und eine Kleintierpraxis; bei Google ging man auch vorbei und traf die „Cowboys“ auf den Golan-Höhen. Inland oder Ausland? Unterhaltung oder Politik? Porträt oder Recherche? Ein bisschen von allem.
Aber „Blick“ ist eben jetzt auch ein Magazin. Das hat interessante Auswirkungen: In der ersten Neuausgabe folgten nach der Titelseite zwei Seiten Werbung, zwei Nummern später waren es vier Seiten Werbung. Als Leser Marcel Knobel Bernhard Weissberg im Chat mitteilte, er finde das ärgerlich, antwortete Weissberg: „Tja, ideal ist es nicht. Aber wir haben gesagt: magaziniger. Und das ist in allen Magazinen üblich.“
„Magaziniger“ ist auch das neue „Bild-Stück“, ein doppelseitiges Bild, irgendein Bild, aus dem In- oder Ausland, lustig oder auch gar nicht, aktuell oder zeitlos. Eigentlich eine schöne Idee. Nur ist der „Blick“ eben nicht auf Magazinpapier gedruckt, kann also die Bildqualität eines Magazins nicht erreichen. So schimmerten etwa bei einem Schnee-Bild dunkle Konturen von der Rückseite durch. Die „magazinigen“ Seiten weisen auch auf Defizite anderswo hin – neben der Papierqualität etwa das Layout der Rubrik „Aktuell“: Die „Reportage“ ist grosszügig gestaltet, in „Aktuell“ stehen die Meldungen dicht gedrängt nebeneinander: Politik, Unfälle und Verbrechen, Wirtschaft, mit Ausnahme der ersten beiden Seiten oft in ähnlicher Grösse aufgemacht. Es scheint, als ob der neue „Blick“ mehr vor einer inhaltlichen Gewichtung zurückschreckt als der alte.

„Blick“ will es allen recht machen

Klar ist, dass es mit dem „linken“ „Blick“ vorbei ist. Wirklich links war er ja nie, aber die Perspektive der „Kleinen“, der „Büezer“ war unter den Chefredaktoren Lehmann und de Schepper wichtig. Zu ihrer Zeit wäre der SBB-Streik in Bellinzona Anlass für eine Kampagne gewesen – heute ist er es nicht mehr. Und bestimmt wäre man auch das Thema Eveline Widmer-Schlumpf/SVP anders, klarer positioniert, angegangen.
Was bringt der neue „Blick“ sonst? Mehr „People“, „Life“ und „Wissen“, dazu eine ganze Erotik-Seite. Hier taucht auch das Seite-3-Girl wieder aus der Mottenkiste auf. Es ist symptomatisch für den neuen „Blick“: Ein „Mädchen von nebenan“ in wenig aufreizender Pose, dafür plaudert es im Interview noch etwas über sein Sexleben. Ein bisschen Sex, aber nicht zu wild.
Diese Ein-bisschen-aber-nicht-zu-vielStimmung durchzieht den gesamten neuen „Blick“: Ein bisschen Boulevard, aber nicht zu grob. Ein bisschen Position, aber nicht zu heftig. Ein bisschen Kuhn-Bashing, aber keine knallharte Rücktrittsforderung. Ein bisschen Managerlöhne anprangern, aber keine „Abzocker“-Kampagne. Mal ein „Uns gehts gut“-Jubel, mal ein „Vermiesen uns Bünzlis die Euro“-Jammer, mal ein „Ist unser Geld noch sicher“-Zittern – und am nächsten Tag sieht alles wieder anders aus. Ein bisschen eben. ≠

Fussball-„Blicke“

bbü./ Ab 2. Juni ersetzt der neue „Blick am Abend“ die AbendpendlerInnenzeitung „Heute“ – zeitlich passend zur Fussball-EM. „Blick“ und seine kleine Gratisschwester werden, so „Blick“-Sportchef Walter de Gregorio, im Sport eng zusammenarbeiten: „Blick am Abend“ erscheine um vier Uhr und biete quasi die Vorschau auf die um 18 und 20.45 Uhr stattfindenden Spiele, „Blick“ liefere dann am nächsten Tag Analyse und Nachbetrachtung: „Was die EM anbelangt, ist es perfekt abgestimmt.“ Vor dem EM-Start kommt eine geballte Ladung aus dem Hause Ringier: Ende Mai erscheinen laut de Gregorio eine Gratis-EM-Beilage mit 100 Seiten, das EM-„Sportmagazin“ mit 150 Seiten und die SI-Beilage „Goal“.

10. Dezember 2007 von Helen Brügger

Viel Feind, viel Ehr

Peter Rothenbühler hat das Vertrauen der Redaktion verloren, bleibt aber trotzdem im Amt als Chefredaktor.

„Le Matin bleu“, die Gratiszeitung von Edipresse, liegt gemessen an den LeserInnenzahlen vor der Konkurrenz, Tamedias „20 minutes“. Beim kostenpflichtigen orangen „Le Matin“ gibt es dagegen keinen Grund zum Jubeln: Die hauseigene Gratiskonkurrenz führte zu einem Auflagenverlust von gegen 6000 Exemplaren. Die Folge: sechs Entlassungen. Daraufhin führte das Redaktionspersonal eine Vertrauensabstimmung über Chefredaktor Peter Rothenbühler durch. Das Resultat: 43 Stimmen sprachen sich gegen, 15 Stimmen für ihn aus, 11 Personen enthielten sich der Stimme.
„Ich wäre kein guter Chef, wenn die Mehrheit der Redaktion für mich stimmen würde“, kommentiert Rothenbühler. Die Abstimmung sei im September im Umfeld der Entlassungen und Umbesetzungen durchgeführt worden: „Es ist unmöglich, gleich nach Entlassungen eine positive Abstimmung zu erhalten.“ Unterdessen sei die Ambiance deutlich besser geworden. Das bestätigen „Le Matin“-RedaktorInnen. Sofern noch Spannungen vorhanden sind, scheinen sie sich vor allem gegen die Verlagsverantwortlichen zu richten, die den orangen „Le Matin“ mit der Lancierung einer Gratiszeitung gefährdet haben.
Derweil plant Chefredaktor Peter Rothenbühler eine Umgestaltung seiner Zeitung, mit dem Ziel, die bezahlte Ausgabe deutlich von der Gratiszeitung abzugrenzen. „Das geht über eine intensivere Illustration, ein tägliches Magazin, mehr Hintergrund und eine stärkere Hierarchie der Geschichten“, sagt Rothenbühler. Er will alle grösseren politischen Vorgänge „über die entscheidenden Personen ins Blatt bringen“, sprich: die Politberichterstattung stärker personalisieren. „Le Matin“ soll ausserdem auch im politischen Bereich Themen- und Trendsetter werden und sich mit Editorials und persönlichen Kommentaren profilieren.
Darüber hinaus kündigt Rothenbühler einen „Ausbau der Achse ‚Le Matin‘ – ‚Blick‘“ an, etwa beim Sport oder im Bereich Medienpartnerschaften. „Die Überlegungen bei uns und beim ‚Blick‘, wie man sich als bezahlte Boulevardzeitung behaupten kann, gehen in die gleiche Richtung.“ Wie der „Blick“ soll auch „Le Matin“ im kommenden Frühjahr mit neuer Struktur und im neuen Kleid erscheinen.

10. Dezember 2007 von Nick Lüthi

Ausgebrannte Chefs

Den Abgang von Balz Hosang als Chefredaktor nutzt Axel Springer Schweiz beim „Beobachter“ für einen Um- und Ausbau der Chefetage. Die Redaktion bleibt vorerst skeptisch, vor allem gegenüber
möglichen Hosang-Nachfolgern.

Balz Hosang war drauf und dran, den Bettel hinzuschmeissen. Davon steht in der offiziellen Medienmitteilung von Anfang November zu seinem Abgang als Chefredaktor nichts zu lesen. Tatsache ist aber: Hosang stellte, wie er heute sagt, seine Gesamtfunktion zur Diskussion: „Die Belastung wurde mir auf Dauer zu hoch.“ Nach fünfeinhalb Jahren als Chefredaktor wollte der frühere Fernsehjournalist den „Beobachter“ verlassen. So weit ist es dann doch nicht gekommen. Der 60-jährige Hosang bleibt dem Traditionstitel erhalten und übernimmt in einer neu geschaffenen Funktion die publizistische Gesamtverantwortung. Dank dieser 60-Prozent-Teilzeitstelle hoffe er, wieder vermehrt das eine oder andere Hobby pflegen oder Reisen unternehmen zu können, und vor allem: seine Wohnung nicht mehr nur im Dunkeln betreten zu müssen.

„Ich wollte eine Bereinigung“
Es habe nicht viel gebraucht, Hosang zum Bleiben zu bewegen, sagt Ralph Büchi, Chef von Axel Springer Schweiz. „Wir haben ihm ein massgeschneidertes Profil angeboten.“ Dass der scheidende Chefredaktor mit seinen vielfältigen Aufgaben überlastet war, blieb auch der Redaktion nicht verborgen. Hosang sei im Tagesgeschäft kaum mehr präsent gewesen, seine Aufgabe hätten die Stellvertreter übernommen. Diese wiederum hielten dem Druck auch nicht stand und mussten wegen Burn-out krankgeschrieben werden. Kurz: Die gesamte Chefetage war überfordert vom Job. Was – zumindest im Fall von Hosang – überhaupt nicht erstaunt. Schliesslich trug er nicht nur die Verantwortung für den Inhalt des zweiwöchentlich erscheinenden Magazins. Er war auch zuständig für die Stiftung SOS Beobachter, den Prix Courage und weitere Aktivitäten, die unter der Marke „Beobachter“ stattfinden.
„Ich wollte eine Bereinigung“, sagt Hosang. Ein Anliegen, dem auch Ralph Büchi und die Axel Springer Schweiz AG als Herausgeberin des „Beobachters“ Rechnung tragen wollen. Die Leitungsorganisation der vielfältigen „Beobachter“-Aktivitäten wird komplett neu gegliedert. Hosangs Aufgabe wird es sein, dem neuen Chefredaktor „den Rücken freizuhalten“. Was dies genau beinhalten wird, ist noch nicht bekannt. Bisher hat Hosang keinen neuen Arbeitsvertrag unterzeichnet. Dessen künftige Aufgabe umreisst Büchi als jene eines „Elder Statesman“ und sicher nicht als jene eines „Big Brothers, der dem neuen Chefredaktor die ganze Zeit über die Schulter schaut“.
Wer der Neue sein könnte, wollen weder Büchi noch Hosang verraten, die zusammen mit „Beobachter“-Verlagschef Roland Wahrenberger den künftigen Chefredaktor bestimmen werden.

Wird es bald Dunkel sein?
In der Branche als möglicher Hosang-Nachfolger herumgeboten wird derzeit vor allem eine Person: Daniel Dunkel, Chefredaktor der „Schweizer Familie“. Ein Name, den man auf der „Beobachter“-Redaktion nicht gerne hört. In schlechter Erinnerung sind Dunkels Aussagen Ende September in der „Werbewoche“. Dort äusserte er sich zum neuen Rechtsberatungsdienst, den die „Schweizer Familie“ anbietet, die sich damit in eine Domäne des „Beobachters“ begibt. Weniger der von Dunkel geäusserte Wunsch, dem „Beobachter“ „ein paar Zehntausend Leser“ abzunehmen, ist sauer aufgestossen, als vielmehr die – wenn auch indirekt adressierte, so doch unmissverständliche – Qualifizierung des „Beobachters“ als „Kampfblatt für betrogene Konsumenten“.
Für eine Wahl Dunkels spricht seine gute Bekanntschaft mit Verlagschef Wahrenberger, der schon länger findet, der „Beobachter“ berichte immer so negativ, und sich deshalb vermehrt heitere und lockere Geschichten im Heft wünscht. Dunkel, dessen „Schweizer Familie“ niemandem wehtut, wäre dafür der richtige Mann. Gegen Dunkels Wahl spricht die Haltung Hosangs, der ja auch ein gewichtiges Wort bei der Wahl seines Nachfolgers mitzureden hat. Hosang sei kritisch eingestellt gegenüber Dunkel, weiss ein Redaktionsmitglied, während ein anderer Insider sogar gehört haben will, dass Dunkel bereits aus dem Rennen gefallen sei.

Büchi reagiert ausweichend
Um weitere KandidatInnen ist es schlecht bestellt. Als Namen kursieren nur noch Jürg Wildberger und Peter Rothenbühler. Vielleicht tauchen dann mehr AnwärterInnen auf, wenn klarer wird, was genau von ihnen erwartet wird.
Auf die Frage nach dem publizistischen Profil des künftigen Chefredaktors reagiert Büchi erst einmal ausweichend. „Ich will da nicht in die Details gehen“, sagt er und beginnt dann doch noch aufzuzählen, welcher blattmacherischen Linie der oder die Neue zu folgen hätte. Neben der Wahrung journalistischer Unabhängigkeit müsse die künftige Leitung der Redaktion ein attraktives Magazin machen, „mit der Entwicklung Schritt halten, wenn wir keine Leser verlieren wollen“. Es solle zudem Freude bereiten, den „Beobachter“ zu lesen. Das wolle er nicht als Kritik am bisherigen Kurs verstanden wissen, präzisiert Büchi. Nur so viel: „Nicht alles, was gestern richtig war, muss auch heute zwingend richtig sein.“ Bei manchen Redaktionsmitgliedern sorgen solche eher diffusen Äusserungen nicht eben für Begeisterung, ja sie nähren die Skepsis, die man der Axel Springer AG als neuer Eigentümerin gegenüber weiterhin hegt. Eine Verwässerung der Marke, ein Verlust der Glaubwürdigkeit wird befürchtet, wenn vermehrt Wohlfühl- und Schmunzelgeschichten ins Blatt kommen sollen. Dass dem nicht so wird, dafür will Balz Hosang in seiner neuen Funktion als publizistischer Gesamtleiter sorgen: „Unsere Glaubwürdigkeit muss weiterhin oberstes Ziel bleiben. Wir lassen uns auf keine Abenteuer ein.“
Auch bei der Gestaltung des Abopreises geht man behutsam vor: Heute kostet ein Jahresabonnement 76 Franken, demnächst wird es drei Franken teurer. Sowohl Noch-Chefredaktor Hosang als auch Axel-Springer-CEO Büchi finden diese Erhöhung gerechtfertigt. Allein der zu erwartende Anstieg der Papierkosten im kommenden Jahr um fünf bis acht Prozent werde den Grossteil der zusätzlichen Einnahmen verschlingen, rechnet Büchi vor. „Wir sind keine Abzocker“, sagt Hosang. Die zusätzlichen drei Franken bezahlten die AbonnentInnen für zusätzliche Leistungen, die der „Beobachter“ seit dem Relaunch im Frühjahr und mit ausgebauten Beratungsleistungen erbringe.
Bis im Frühjahr bleibt der „Beobachter“ eine Grossbaustelle. Mit der Wahl des neuen Chefredaktors will sich Axel Springer Schweiz Zeit lassen, schliesslich wird die gesamte Chefetage umgebaut. So erhalten auch die Zusatzpublikationen ein eigenes Leitungsteam. All diese Massnahmen erfolgen laut Ralph Büchi mit dem Ziel: weiteres Wachstum in allen Bereichen.

10. Dezember 2007 von Helen Brügger

Der Gerügte wird bald selber rügen

Ein Entscheid mit Seltenheitswert: Wegen einer umstrittenen Rubrik in der „Tribune de Genève“ rügt der Presserat seinen künftigen Präsidenten, den früheren Chefredaktor der Genfer Zeitung.

Der Schweizer Presserat heisst eine Beschwerde gut gegen die „Tribune de Genève“ wegen ungenügender Unterscheidung zwischen redaktionellem Inhalt und Werbung. Verantwortlich für die Einführung der kritisierten Rubrik: der designierte Präsident des Schweizer Presserats. Dominique von Burg war damals Chefredaktor der Genfer Zeitung.
Beim Presserat beschwert hatte sich die Redaktion der „Tribune“. Sie kritisierte im Frühjahr 2006 die Einführung einer „Gratiswerberubrik“, wo ein Journalist Produkte aus dem Genfer Detailhandel vorstellte. Die Redaktion sah darin versteckte Werbung, worauf sich der damalige Chefredaktor Dominique von Burg bereit erklärte, die Rubrik durch den Titel „Echo des commerces“ vom redaktionellen Text abzugrenzen. Sie eindeutig als Werbung zu kennzeichnen, verweigerte er jedoch mit der Begründung, es handle sich schliesslich nicht um bezahlte Werbung.

Kritische Betrachtung fehlte
Der Schweizer Presserat stellt nun fest, dass die Produkte zwar nur vorgestellt, aber nicht einer kritischen Betrachtung unterzogen wurden. Zudem waren einige Texte nicht gezeichnet und näherten sich im Stil einem PR-Text an. Zwar war als Gegenleistung für die Publikation kein Geld geflossen, doch die vom Verleger gewünschte „Goodwill-Geste“ sollte den Genfer Einzelhandel dazu anspornen, weiterhin in der Zeitung zu inserieren. Der Presserat sieht keine Bezahlung im eigentlichen Sinn, weil der erwartete Effekt, nämlich die Bindung an die Zeitung, nicht garantiert gewesen sei. Trotzdem beanstandet er die Gratiswerbung: Das Abfassen der Texte sei nicht mit genügender redaktioneller Freiheit verbunden gewesen. Der Journalist, der die Rubrik betreute, hätte Weisung gehabt, nur mit den regelmässigen Werbekunden der „Tribune“ zu verhandeln. „Diese von kommerziellen Interessen diktierte Einschränkung ist inakzeptabel, wenn man von Texten spricht, die redaktionell sein sollen“, schliesst der Presserat.

Von Burgs verklausulierte Reaktion
So subtil wie der Presserat analysierte, so ausgeklügelt kommentierte Dominique von Burg die Rüge: „Ich sage nicht, die Stellungnahme sei nicht richtig. Sie ist sehr scharf, aber es ist die Aufgabe des Presserats, streng zu sein.“ Von Burg unterstreicht, dass die Rubrik auf Verlangen des Verlegers eingeführt worden sei, und zwar vor dem Hintergrund einer beispiellosen Offensive von zwei Gratiszeitungen auf den Genfer Detailhandel. Von Burgs Nachfolger Pierre Ruetschi hat das „Echo des commerces“ in der Zwischenzeit abgeschafft.

Aktuelles Heft

Ausgabe: 4 | 2010 Die Themen:
  • Heller, der Heftlimacher
  • Service Zukunft mit SR DRS
  • Bilderstreit, nächste Runde