16. Dezember 2010 von Andy Frei

Heuer wirds ungeheuer

Das Wort “heuer” ist in Schweizer Zeitungen ungemein beliebt. Doch nicht allen ist dieser Ausdruck geheuer.

Die Schweizer Mediendatenbank SMD findet in der vergangenen Woche 169 Artikel mit dem Wort “heuer”. Im letzten Monat sogar über 750. In allen Zeitungen kommt der Ausdruck vor, Berner Zeitung, Bund, Tagi, 20min, St. Galler Tagblatt, Südostschweiz, NZZ, NZZ am Sonntag, Landbote, Zürichsee-Zeitung, aber auch in der Finanz und Wirtschaft, der hotelrevue, der Schweizer Familie und im Schweizer Bauer. Doch was bedeutet dieses bei Journalisten so beliebte “heuer” genau?

Der Duden verrät zwei Bedeutungen:

a) dieses Jahr, in diesem Jahr.
b) dieser Tage, gegenwärtig, in diesen Tagen, heute, heutzutage, jetzt.

Das Duden Herkunftswörterbuch weiss zudem:

heuer (südd. und österr. für:) »in diesem Jahr«:
Das Zeitadverb ist aus ahd. hiu jāru »in diesem Jahr« hervorgegangen. – Abl.: heurig südd., österr. für »diesjährig«, dazu Heurige »junger Wein im ersten Jahr«.

Ja, den “Heurigen”, den kenne ich. Seit ich in Wien war. Das Wort “heuer” ist meinem Sprachgebrauch jedoch fremd. Dass es von Journalisten gerne gebraucht wird, um Zeichen zu sparen (“heuer” statt “gegenwärtig” oder “dieses Jahr” oder “in diesen Tagen”) ist einigermassen verständlich. Trotzdem mag ich es nicht mehr lesen. Ich stolpere darüber, denn es passt nicht in meine Sprache und ich ahne, dass der Autor sich damit etwas Platz erschwindelt.

Heuer in der Schweiz

Einige Schweizer Dialekte kennen das Wort aber sehr wohl: Im urchigen Berndeutsch ist es zu finden, aber auch in Baseldeutschen Schnitzelbänken oder im entlegenen Oberwallis. “Hüür” oder “hiir” heisst es dort. Ist “heuer” also zuletzt ein Helvetismus? In Deutschland braucht man das Wort nämlich kaum, die Süddeutsche Zeitung (zur Erinnerung, das Wort soll ja österreichischer und süddeutscher Herkunft sein) hatte es im vergangenen Jahr genau zwei Mal drin, die FAZ vier Mal. Kein Vergleich zu den gut 25 Mal pro Tag hierzulande.

Doch auch wenn es Hinweise auf die gelegentliche Schweizerdeutsche Verwendung von “hüür” gibt, der Begriff ist scheinbar auch im Dialekt nicht mehr wirklich aktuell und rechtfertigt eine derartige Häufung in den Printmedien kaum.  Woher diese Liebe der Schweizer Journalisten zu “heuer” kommt, ist mir und meiner “Züri-Schnure” somit weiterhin unerklärlich.

13. Oktober 2010 von Andy Frei

Empörung beim Tages-Anzeiger

Ein Konzertbesucher macht an einem Abend im Zürcher Hallenstadion eine unschöne Erfahrung. Nach einer Rauchpause wird er nicht mehr ins Stadion zurückgelassen. Empört wendet er sich an den Tages-Anzeiger und erzählt, es seien “Zuhauf” Leute nicht mehr ins Stadion eingelassen worden. Der Tagi greift die Geschichte in der Ausgabe vom 13. Oktober auf.

Er erntet dafür bis am Abend über 80 Kommentare der Raucher- und Nicht-Raucher-Gruppierungen, die sich, wie immer wenn das Stichwort “Rauchverbot” fällt, sofort via Tastatur an die Gurgel gehen. Dabei kommt auch ans Licht: Die Konzertbesucher wurden ausreichend darüber informiert, dass ein Wiedereintritt nicht möglich ist. Die Hallenstadion AG hat dazu schon im Mai 2010 eine Stellungnahme verfasst.

Der empörte Besucher hat also soviel Grund über das Hallenstadion empört zu sein, wie ein Schwarzfahrer auf die SBB, nachdem er ohne Billet im Zug erwischt wurde. Der Nachrichtenwert dieses Artikels, der im “Zürich”-Bund auf Seite 3 erschien, ist – nett gesagt – klein.

Ist dieser Ausflug in den “Empörungs-Journalismus”, der auch im Blick erscheinen könnte, mit dem Selbstbild, das der Tagi über sich hat, vereinbar? Die Zeitung beschreibt sich selbst so: “Der «Tages-Anzeiger» bürgt seit 1893 für Qualität. Täglich berichten Journalisten im In- und Ausland umfassend und ausgewogen, unabhängig und engagiert über politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich relevante Themen.” Bürgt diese Empörungs-Geschichte von Qualität, hat sie gesellschaftliche Relevanz? Ich glaube nicht.

Doch je kälter es wird, je mehr wird wohl Rauchverbot wieder zum Thema werden. Nicht weil es relevant ist. Sondern weil es in kurzer Zeit viele Klicks und viele Kommentare garantiert. Was Subzonic schon 1999 in “Titelgschicht” besang, scheint heute auch das Motiv des Tages-Anzeigers zu sein: “Ich mach nüüt falsch, ich mach nur das, das wo du wettsch, das chasch du ha. Ja gäld macht geil, und ‘s isch e geili welt, niemerd seit es seg e heili welt”

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