1. März 2010 von Klartext

«Die Leser haben uns zum Handeln gedrängt»

Bild: Dominique Meienberg

«K-Tipp»-Verleger René Schuhmacher macht erfolgreich Politik: Das Referendum gegen den Umwandlungssatz der Pensionskassen lancierte der Jurist und Journalist zusammen mit seinen Konsumentenzeitschriften.

KLARTEXT: Mit Ihren Konsumentenzeitschriften «K-Tipp», «Saldo», «Gesundheitstipp» und weiteren sind Sie mehrfacher Lesermillionär, Sie verwalten ein kleines Verlagsimperium – dennoch kennt man Sie kaum. Woher diese Zurückhaltung?
René Schuhmacher: Ich dränge mich nicht in die Öffentlichkeit. Ich fühle mich in diesem Sitzungszimmer wohler als auf einem Podium. Der Verleger interessiert die Leser nicht. Die Leute interessieren sich für das, was in der Zeitung steht.

KT: Zurzeit ist Ihr Name präsenter als auch schon, weil Sie das Referendum gegen den Umwandlungssatz bei den Pensionskassen mit lanciert haben, über das am 7. März abgestimmt wird. Weshalb suchten Sie hier die Öffentlichkeit?
Schuhmacher: Wir entschieden im Dezember 2008, das Referendum zu ergreifen, nachdem das Parlament die Rentenkürzung definitiv beschlossen hatte. Es waren die Leser, die uns zum Handeln gedrängt haben. Sie haben gesagt: «Ihr schreibt immer nur, macht doch endlich mal was.»

KT: Weshalb sind Sie ausgerechnet bei diesem Thema politisch aktiv geworden?
Schuhmacher:: Sozialversicherungen wie Versicherungen überhaupt gehören zu unserer Kernkompetenz. Unsere Konsumenteninfo AG hat 1992 den ersten Pensionskassenratgeber der Schweiz heraus­gegeben, geschrieben von Hans-Ulrich Stauffer, selbst Gründer und Verwalter einer Pensionskasse. Wir sind also überhaupt nicht pensionskassenfeindlich, wie uns jetzt zum Teil unterstellt wird in dieser Kampagne, die gegen uns läuft. Der Ratgeber wurde bis heute über 120’000-mal verkauft.

KT: Ist es Zufall, dass der Grossversand des «K-Tipp» ausgerechnet mit jener Ausgabe erfolgte, die das Abstimmungsdossier enthielt?
Schuhmacher:: Es war kein Zufall, wir erhöhen jedes Jahr im Januar die Auflage, um Neuleser zu finden.

KT: Ihre Leserschaft hat nun gesehen, dass sie ein Referendum zustande bringt. Folgt als Nächstes eine Initiative?
Schuhmacher:: Es ist nichts geplant, aber auch nichts ausgeschlossen. Theoretisch wäre es beispielsweise denkbar, die Zulässigkeit von Parallelimporten via Initiative einzufordern, wenn sie nicht schon vorher von den politischen Gremien in die Wege geleitet wird. Aber wir haben überhaupt keine Strategie, immer wieder aufs Neue politisch aktiv zu werden.

KT: Zu Ihrem politischen Engagement hielt Medienredaktor Rainer Stadler in der NZZ unlängst fest: «Am besten wäre es ohnehin, wenn gar keine Medien als Vehikel für politische Kampagnen verwendet würden. Solches zählt nicht zu ihren Aufgaben.» Weshalb sehen Sie das anders?
Schuhmacher:: Wir sind nicht die Ersten, die sich aktiv politisch einmischen. Ich denke etwa an die «Beobachter»-Initiative in den 1980er-Jahren. Sogar die politisch unverdächtige «Annabelle» forderte mit einer Petition, dass die Dienstwaffen nicht mehr zu Hause, sondern im Zeughaus aufbewahrt werden sollen. Daran hat niemand Anstoss genommen, auch die NZZ nicht. Bei der aktuellen Abstimmung um den Umwandlungssatz geht es aber um sehr viel Geld. Wohl deshalb wird so scharf auf uns geschossen.

KT: Noch schärfer geschossen wird aber auf den «Kassensturz» von SF wegen seiner Partnerschaft mit dem «K-Tipp».
Schuhmacher:: Diese Zusammenarbeit kann man durchaus thematisieren. Aber dann darf man die Medienpartnerschaften von SF mit Ringier, Tamedia, Axel Springer etc. nicht vergessen. Es ist eine berechtigte Frage, wie weit das öffentlich-rechtliche Radio und Fernsehen solche Partnerschaften eingehen sollen. Was mich stört: Die Versicherungswirtschaft behauptet, SF sei wegen der Partnerschaft mit dem «K-Tipp» nicht mehr politisch neutral. Ich frage mich, ob das Fernsehen wirklich neutral ist, wenn ich vor jeder Abstimmung sehe, wie ein Bundesrat oder eine Bundesrätin mir sagt, wie ich abzustimmen habe.

KT: Die Versicherungslobby hat erreicht, dass SF-Direktor Ueli Haldimann sein Mandat als Verwaltungsrat Ihrer Konsumenteninfo AG niederlegte, das er aufgrund der Kooperation von «Kassensturz» mit dem «K-Tipp» bekleidete.
Schuhmacher:: Das ist sicherlich ein Verlust für uns. Ueli Haldimann ist ein hervorragender Journalist mit viel Print-Erfahrung, und dieses Wissen hat er im Verwaltungsrat eingebracht. Dass Haldimann zu Unrecht ins Visier geraten würde, war für uns nicht voraussehbar. Die Hintergründe werden immer klarer: Jetzt will ja die Versicherungswirtschaft den Elvia-Chef als Kandidaten um die Nachfolge von SRG-Generaldirektor Armin Walpen ins Rennen schicken. Offenbar wollen die das Schweizer Fernsehen bei dieser Gelegenheit gleich übernehmen …

KT: SF hat auch bekannt gegeben, die Koopera­tion zwischen «K-Tipp» und «Kassensturz» zu überprüfen. Worum geht es?
Schuhmacher:: Gespräche führen wir immer dann, wenn sich aus der Alltagsarbeit gewisse Fragen ergeben. Bei den aktuellen Gesprächen geht es um die Gestaltung der beiden Seiten im «K-Tipp», für die der «Kassensturz» die redaktionelle Verantwortung trägt. Zudem reden wir über finanzielle Fragen.

KT: Was bringt die Partnerschaft mit dem «Kassensturz»?
Schuhmacher:: Für die Leser und Zuschauer bringt es mehr Kompetenz in Konsumentenfragen, weil zwei erfahrene Redaktionen zusammenarbeiten. Fernsehen und Print haben unterschiedliche Stärken. Der «Kassensturz» polarisiert stärker als der «K-Tipp». Das liegt an der Wirkung der Fernsehbilder, die stärker emotionalisieren als eine Zeitschrift, die so trocken daherkommt wie der «K-Tipp». Was die Zusammenarbeit den Partnern wirtschaftlich bringt, ist schwer zu sagen.

KT: Die Auflagen Ihrer Zeitschriften sind in den letzten Jahren mehrheitlich geschrumpft.
Schuhmacher:: Das stimmt nicht ganz. Die Auflage von «K-Geld» ist bis heute stets leicht gestiegen, im letzten Jahr auch die Auflage des «K-Tipp». Aber es ist viel schwieriger als in den Neunzigerjahren, die Auflage zu erhöhen, da die Neuabos viel teurer geworden sind. Für uns als Kleinverlag ist klar, dass wir in erster Linie die Finanzen im Lot halten müssen. Auch wenn wir den Ehrgeiz, möglichst hohe Auflagen zu erreichen, nicht mehr befriedigen können. Wichtiger ist uns als Non-Profit-Unternehmen der Service public: kompetente Information zu tiefen Preisen. Der «K-Tipp» soll so günstig sein, dass ihn jeder Haushalt in der Schweiz bezahlen kann.

KT: Ist jede Ihrer Zeitschriften selbsttragend oder subventionieren die grossen Titel die kleinen?
Schuhmacher:: Grundsätzlich erscheint jeder unserer Titel so lange, wie die Leser dafür bezahlen. Wir verzichten auf Quersubventionierung. Unsere Zeitschriften sind zu 92 Prozent von den Abonnenten bezahlt, «Saldo» sogar zu 100 Prozent. Ursprünglich habe ich für jeden Titel eine eigene AG gegründet: die Konsumenteninfo AG für den «K-Tipp», Pulsmedia für den «Puls-Tipp» und so weiter. Heute sind aus administrativen Gründen alle Titel in der Konsumenteninfo AG zusammengefasst. Ab und zu kommt es vorübergehend zu einer Querfinanzierung, aktuell etwa beim neu lancierten «Kulturtipp», der in diesem Jahr wohl noch rote Zahlen schreiben wird. Das «Radiomagazin», Vorgänger des «Kulturtipp», hätte eingestellt werden müssen, wenn man weitergemacht hätte wie bisher. Die Leserschaft schrumpfte von Jahr zu Jahr.

KT: Im «K-Tipp» finden sich Inserate, in «Saldo» nicht. Weshalb?
Schuhmacher:: Dass wir im «K-Tipp» Inserate haben, hat mit den Produktetests zu tun. Ganz am Anfang hatten wir keine Tests im Blatt. Nach zwei Jahren begannen wir damit, hatten aber kein Geld dafür. So haben wir entschieden, die Tests mit Anzeigen in beschränktem Mass, nämlich bis maximal einem Viertel des Heftumfangs, zu finanzieren. So bezahlen die Hersteller und Importeure die Tests, und nicht die Abonnenten.

KT: Kann im «K-Tipp» inserieren, wer will?
Schuhmacher:: Es gibt eine Liste von Bedingungen, die ein Inserat erfüllen muss, damit es bei uns veröffentlicht wird. Es kommt keine irreführende Werbung ins Blatt, keine Werbung, welche die Unwissenheit oder Unerfahrenheit der Leute ausnützt. Ausserdem legen wir bei der Gestaltung Wert darauf, dass Anzeigen und Redaktionelles klar auseinan­dergehalten wird. Wir werden auch die Titelseite nie mit Werbung ummanteln. Ich glaube nicht, dass es sinnvoll ist, wenn die Verleger dem Druck der Werbewirtschaft immer stärker nachgeben und die Leser für dumm verkaufen. Die Vermischung von Werbung und redaktionellen Inhalten in den Zeitungen und Zeitschriften war noch nie so gross wie heute.

KT: Mit diesen restriktiven Bedingungen dürfen Sie wohl nicht mit allzu vielen Inserenten rechnen?
Schuhmacher:: Das ist so. Der Werbemarkt ist mir teilweise ohnehin ein Rätsel. Mir scheint, er agiert nicht sehr rational. Auflagezahlen oder das Preis-Leistungs-Verhältnis scheinen keine dominante Rolle zu spielen: Der «K-Tipp» hat die grösste Auflage der abonnierten Zeitschriften und das beste Preis-Leistungs-Verhältnis, wenn man die Tausend-Leser-Zahlen anschaut. Wenn es nach Preis und Leistung ginge, müsste der «K-Tipp» für die Werber begehrter sein. Aber Anzeigen sind offenbar mindestens zum Teil auch eine Belohnung für unkritische Berichterstattung. In diesem Jahr werden wir möglicherweise weniger Anzeigen von Versicherungen erhalten.

KT: «K-Tipp» und «Saldo» haben zwar eigene Entstehungsgeschichten, decken aber die gleichen Themen ab. Warum legen Sie sie nicht zusammen?
Schuhmacher:: Mit den beiden Zeitschriften sprechen wir ein unterschiedliches Publikum an. Der «K-Tipp» als grösste Publikumszeitschrift spricht alle Kreise an, «Saldo» hat eine deutlich kleinere Leserschaft mit überdurchschnittlicher Ausbildung, die überdurchschnittlich gut verdient. Es sind vor allem Ein- und Zweipersonenhaushalte in der Stadt und der Agglomeration, wenig Familien.

KT: Der neue «Kulturtipp» unterscheidet sich kaum vom alten «Radiomagazin», ausser dass er mehr Seiten hat. Weshalb waren Sie so zurückhaltend?
Schuhmacher:: Das hat zum Teil finanzielle Gründe. Wir sprechen hier von einem Budget von 1,5 Millionen Franken im Jahr – bei 26 Ausgaben. Das lässt keine grossen Sprünge zu. Ausserdem machten wir gute Erfahrungen mit langsamen redaktionellen Weiterentwicklungen.

KT: Sie sind neu als publizistischer Leiter im Impressum des «Kulturtipp». Werden Sie inhaltliche Akzente setzen?
Schuhmacher:: Ich werde wie bei den anderen Publikationen inhaltlich beraten. Ich bin ziemlich kultur­interessiert. Und die Redaktion ist derart klein, dass man auf jeden einzelnen Mitdenker angewiesen ist. Es ist sicher eine schwierige, herausfordernde Aufgabe, neue Leser zu finden. Aber wir sind zuversichtlich: Da die Kulturberichterstattung in den Tageszeitungen abgebaut wurde, können wir vielleicht hier eine Lücke füllen.

KT: Man hört immer wieder aus Ihren Redaktionen: Der Schuhmacher ist überall dabei, quasi als Super-Chefredaktor. Wie sehen Sie sich?
Schuhmacher: Ich bin nur Hobby-Journalist und Hobby-Verleger. Meine Biografie klärt einiges: Nach dem Jusstudium habe ich mein journalistisches Rüstzeug bei der «Tat» geholt, im Leserdienst und mit Wirtschaftsthemen, dann war ich bei «Tagi Persönlich», dem Leserdienst des «Tages-Anzeigers». Als die Routine zu gross wurde, gründete ich mit meinem damaligen Tagi-Kollegen Hanspeter Thür ein Anwaltsbüro. Aber eigentlich habe ich bis heute noch nicht wirklich entschieden, ob ich lieber Journalist oder Anwalt sein will. Zwei Herzen sind in meiner Brust oder mindestens zwei Herzkammern (lacht). Die Kombination beider Berufe hat auch Vorteile: Als Anwalt kann man höchstens im Einzelfall etwas bewirken. Die Wirkung der Leserberatung im «K-Tipp» hingegen geht in die Breite. Ich lerne noch immer jeden Tag dazu. Und solange das so ist, macht mir der Job Spass. Der Tag hat 24 Stunden, das ist mein grösstes Problem. Aber ich habe mich damit abgefunden (lacht) und mache ausreichend Ferien. Im Ernst: Meine Präsenz auf den Redaktionen ist nicht so gross, wie Sie in der Frage angetönt haben.

KT: Handeln Sie mit Ihrem Verlag und den Publikationen vor einem ideologischen Hintergrund?
Schuhmacher:: Ich glaube nicht, dass es mit Ideologie zu tun hat. Ich habe seit 1978 Fragen aus dem Leserkreis beantwortet, dann habe ich Ratgeber geschrieben und war Anwalt. Konsumentenverträge und Arbeitsverträge sind mein juristisches Hauptgebiet. Ich sehe, wo die Leute der Schuh drückt. Die Pensionskasse ist ein typisches Beispiel. Man kann sagen, wir seien auf dem Helfertrip. Ich sage: Unser Job ist die Beratung, und wir versuchen den Leuten, die sich nicht selbst gegen wirtschaftlich Stärkere wehren können, Tipps zu geben.

KT: Wegen der Berichterstattung vor allem im «K-Tipp» gab es ja einige Prozesse. Das kostet, selbst wenn man Recht erhält.
Schuhmacher:: Wir hatten das ganz grosse Glück, dass wir seit 1991, also seit der Gründung des «K-Tipp», noch nie Schadenersatz oder Genugtuungen bezahlen mussten. Vielleicht ist es aber nicht nur Glück, sondern hat auch etwas mit Sorgfalt zu tun. Ich lese die Zeitschriften, bevor sie in Druck gehen.

KT: Alles?
Schuhmacher:: Weitgehend alles. Das spart uns pro Jahr vielleicht 500’000 Franken Anwaltskosten. Denn das Gebiet, auf dem wir publizieren, ist sehr «schadensgeneigt», wie die Juristen sagen. Wenn wir über ein Unternehmen, eine Dienstleistung oder eine Ware etwas Unrichtiges verbreiten, kann der materielle Schaden sehr gross sein. Dessen sind wir uns bewusst. Wir müssen deshalb journalistisch sehr genau arbeiten, und das gelingt uns offenbar. So wurde noch jede Klage gegen einen Test abgewiesen.

KT: Wenn Unternehmen erfahren, dass im «K-Tipp» über sie berichtet wird, melden sich dann deren Anwälte bei Ihnen?
Schuhmacher:: Wir haben häufig Anwaltskontakte, pro Jahr etwa in rund 40 Fällen. Zum Beispiel bei Tests, denn die Hersteller erhalten die Ergebnisse vor der Veröffentlichung. Wenn sie sehen, dass sie nicht so gut dastehen, sind einige wenige versucht, die Veröffentlichung zu unterbinden. Meistens sind es aber Gegendarstellungs- oder Schadenersatzbegehren, die nicht erfolgreich sein können, weil die gesetzlichen Voraussetzungen dafür fehlen. Bei unseren Redaktorinnen und Redaktoren ist das Sensorium in Sachen Persönlichkeitsverletzung und unlauterer Wettbewerb gut entwickelt.

KT: Machen Online-Angebote im Bereich Konsumenteninfo und -beratung Ihren Zeitschriften das Leben schwer?
Schuhmacher:: Bis jetzt glücklicherweise noch nicht. Aber sie machen es auch nicht leichter. Auch wir verbessern unseren Service online laufend, aber er läuft insgesamt noch auf kleiner Flamme. Ich hätte nichts dagegen, wenn wir unsere Leser übers Netz erreichen könnten und sie bereit wären, dafür zu bezahlen. In unserem jetzigen Budget machen Vertriebsgebühren etwa einen Drittel aus, dazu kommt ein weiteres Drittel für Druck und Papier. Wenn wir über Internet liefern könnten, könnten wir die Leute billiger bedienen. Aber sie müssten eben bereit sein zu bezahlen, und das ist heute noch ein Problem.

KT: Wie sehen Sie Ihre eigene Zukunft: Gibt es den Verlag so lange, wie Sie hier arbeiten?
Schuhmacher:: Ich glaube nicht, dass der Verlag von meiner Person abhängig ist. Wir haben viele gute Leute in unserem Betrieb, darunter langjährige Mitarbeiter. Ich bin nur Teilzeit-Verleger und Teilzeit-Journalist, deshalb glaube ich, dass ich sogar vom Tram überfahren werden könnte, ohne dass der Verlag zusammenbricht. Die Leser sind treu, die Mitarbeiter kompetent, wir sind gut organisiert. Aber wir haben das Problem eines jeden KMU, dass die Nachfolge der Gründergeneration rechtzeitig geplant werden muss. Dessen sind wir uns bewusst.

KT: Sie haben sicher einen Ratgeber dazu.
Schuhmacher:: (lacht) In unserem KMU-Ratgeber gibt es ein Kapitel zum Thema, wie man die Nachfolge richtig organisiert. Es ist eine gute Idee, das Kapitel wieder einmal zu lesen.

Das Gespräch führten Bettina Büsser und Nick Lüthi am 25. Januar in Zürich.

Das Zeitschriftenimperium des René Schuhmacher

bbü./ René Schuhmacher, 56, ist Verwaltungsratspräsident der Konsumenteninfo AG. Nach dem Ausscheiden von SF-Direktor Ueli Haldimann­ gehören dem Verwaltungsrat noch Hans-Ulrich Stauffer, Anwalt und Pen­sionskassen-Spezialist, Matteo Cheda, Herausgeber der Tessiner KonsumentInnenzeitschriften «Spendere Meglio», «L’Inchiesta» und «Scelgo Io», sowie Yvonne Keller, Finanzchefin und Verlagsleiterin, an.
Nach einem Jusstudium arbeitete Schuhmacher bei «Tat» und «Tages-Anzeiger» in der LeserInnenberatung. Danach gründete er eine Anwaltskanzlei und wurde Herausgeber. Heute gehören zur Konsumenteninfo AG die Zeitschriften «K-Tipp», «Saldo», «K-Geld», «Gesundheitstipp» (früher «Puls-Tipp»), «Haus&Garten», «Kulturtipp» (früher «Radiomagazin»), «Plädoyer», «Bon à savoir» und «Tout compte fait». Den Grundstein zu seinem Verlag legte Schuhmacher 1991 mit dem «K-Tipp», 1994 kam der «Puls-Tipp» dazu. Die Zeitschriften arbeiteten mit den Sendungen «Kassensturz» respektive «Puls» des Schweizer Fernsehens zusammen. 1996 stiegen Urs P. Gasche und Hans Räz beim «Kassensturz» aus und wurden Schuhmachers Partner. 1999 kam es zum Streit; Schumacher blieb zwar Aktionär, gründete aber «Saldo» als Konkurrenz zum «K-Tipp». Später näherte man sich wieder an; mittlerweile sind Räz und Gasche bei der Konsumenteninfo AG ausgestiegen.

4. Januar 2010 von Klartext

Noch mehr Boulevard, noch mehr Unterhaltung

Bild: Iris Stutz

Das Unternehmen als Spiegelbild seiner Person: Marc Walder trimmt Ringier Schweiz fit und schlank; bei der «Blick»-Gruppe muss noch Fett weg, für Radio Energy musste man eine schmerzliche Extrarunde drehen.

KLARTEXT: Sie sind als Extennisprofi ein Medien-Quereinsteiger, waren zuerst «Blick»-Journalist, später Chefredaktor von «Schweizer Illustrierte» und «SonntagsBlick», haben dann einen gewaltigen Karrieresprung gemacht und sind seit eineinhalb Jahren Chef von Ringier Schweiz. Ging Ihnen­ das nicht alles zu schnell?
Marc Walder: Schnell, ja. Zu schnell? Nein. Als ich zu Ringier kam, hatte ich zwar eine Tenniskarriere hinter mir und im Fernstudium eine Wirtschaftsmatura nachgeholt, wusste aber nicht, wie ein Medienhaus funktioniert. Der grosse Vorteil für meine aktuelle Funktion ist es, dass ich Ringier von ganz unten her kennen gelernt habe. Ich kenne quasi jede Schraube im Ringier-Getriebe.

KT: Wie haben Sie sich das Fachwissen angeeignet, um 3500 Angestellte zu führen?
Walder: On the job, effektiv. Und im Frühjahr 2008 war ich drei Monate in Harvard. Dort habe ich vor allem finanztechnische Dinge erlernt und vertieft, Bilanzen lesen, Businesspläne und Bewertungen erstellen. In meinem Studiengang waren Unternehmer aus der ganzen Welt, die alle über Budgets von über 500 Millionen Dollar verfügen. In diesem Umfeld lernt man vor allem eines: unternehmerisch denken.

KT: Was haben Sie bei Ringier Schweiz angetroffen, als Sie das Zepter von Daniel Pillard übernahmen, der interimistisch anstelle des rausgeworfenen Thomas Landolt eingesprungen war?
Walder: (schweigt).

KT: Eine Andeutung wenigstens?
Walder: Es war sofort klar, dass sich die Medienwelt dramatisch schnell verändert. Also war ebenso klar, dass eine Strategie entwickelt werden musste, die das berücksichtigt. Wir analysierten unser Portfolio und fragten uns: Wo bleiben wir in welcher Form mit welchen Zielen drin? Wo gehen wir raus? Und was machen wir anders und vor allem besser? Bei «Cash» und «Gesundheit Sprechstunde» gingen wir raus. Bei der «Blick»-Gruppe können wir noch einiges besser machen, ebenso in der Romandie und bei der Verknüpfung unserer verschiedenen Unternehmensteile. Ringier Schweiz ist vielseitiger aufgestellt als fast jedes andere Medienhaus. Das ist Chance und He­rausforderung zugleich.

KT: Wie sieht die neue Ringier-Strategie aus?
Walder: Wir haben das Unternehmen auf drei Säulen gestellt. Erstens das klassische Mediengeschäft mit den Zeitungen, Zeitschriften, Content-Portalen im Internet und den Druckereien. Die zweite Säule ist das transaktionsbasierte Internet. Überall, wo eine Transaktion stattfindet, sind wir interessiert. Das kann ­E-Commerce sein, aber auch Rubrikenmärkte wie Scout 24. Die dritte Säule ist jene, worüber zurzeit viel und gerne geredet wird – und ich halte sie für enorm spannend: das Entertainment. Dort sind unsere TV- und Radioaktivitäten gebündelt, Good News, alle Events, das Rose-d’Or-Festival beispielsweise. Und vielleicht bald Ticketing, das mich sehr interessiert.

KT: Die Struktur- und Wirtschaftskrise macht auch vor Ringier nicht halt. Wie sieht Ihre Sparbilanz aus?
Walder: Wir haben 2009 in der Schweiz rund 50 Millionen Franken an Kosten eingespart. Interessanterweise lief das bei uns vergleichsweise ruhig, anders als etwa bei Tamedia. Wir haben versucht, überall dort Fett wegzuschneiden, wo es nicht an die Sub­stanz geht und somit am wenigsten wehtut. Wir sind schnell schlank und fit geworden. Das muss so sein, denn 2010 kommt noch einmal ein brutal schwieriges Jahr auf uns zu.

KT: Nun schlug ja die Ringier-Personalkommission vor, dass die Angestellten auf einen Teil des Lohns verzichten und diesen Betrag dem Unternehmen als Darlehen zur Verfügung stellen, um damit übermässiges Sparen zu verhindern. Sie sind nicht darauf eingegangen. Weshalb?
Walder: Grundsätzlich finde ich es hervorragend, wenn uns die Personalkommission kreative Modelle vorschlägt, wie die Mitarbeiter dem Unternehmen in einer schwierigen Situation unter die Arme greifen können. Aber unser Haus ist solide finanziert und steuert sicher durch die Krise. Zudem hielten wir den Vorschlag nicht für umsetzbar.

KT: Honorieren Sie das Mitdenken des Personals?
Walder: Wenn es ein Unternehmen schafft, 50 Millionen Franken zu sparen, ohne dass die Personalkommission aufjault, dann hat man einiges richtig gemacht. Es gab intensive Diskussionen mit der Personalvertretung. Ich bin bekannt als jemand, der sehr transparent informiert. Das tat ich auch an gemeinsamen Workshops mit der Personalkommission. Daraus entstanden kreative Vorschläge.

KT: Die grösste Baustelle von Ringier Schweiz ist derzeit die «Blick»-Gruppe. Die vier bisher getrennten Redaktionen arbeiten ab Frühjahr 2010 gemeinsam in einem Newsroom. Sie tragen dafür die Projektverantwortung. Wo steht das Projekt?
Walder: Am 1. Dezember haben wir die neuen Ressortleiter bestimmt. Das werden ganz zentrale Führungskräfte sein. Ab sofort werden wir die Arbeitsabläufe definieren und ab 1. März werden wir von dort heraus die jährlich 20’000 Zeitungsseiten der «Blick»-Gruppe produzieren.

KT: Seit ein paar Jahren gilt der Newsroom als Wundermittel gegen die Zeitungskrise. Weshalb glauben Sie, dass er auch die «Blick»-Gruppe wieder auf Kurs bringen könnte?
Walder: Heute sind die Wege viel zu lang zwischen den vier Titeln der «Blick»-Gruppe, die Koordination findet nicht statt, was durchaus auch Vorteile mit sich bringt, denn so sind die einzelnen Titel harte Konkurrenten, und das sollen sie ja auch bleiben. Aber es bringt eben auch Nachteile. Wenn Sie innerhalb der gleichen Marke kaum miteinander reden und es wenige Formen der Koordination und gegenseitigen Inspiration gibt, dann ist das, sagen wir, suboptimal.

KT: Die «Bild»-Zeitung in Deutschland, der es wirtschaftlich ausgezeichnet geht und die Sie ein paar Mal als Vorbild erwähnt haben, sieht keine Notwendigkeit für einen Newsroom. Weshalb machen Sie das Gegenteil von «Bild»?
Walder: Ich kenne «Bild» sehr gut, weil ich oft bei Springer in Berlin bin. Es stimmt, die haben keinen­ klassischen Newsroom. Aber in den Grossraumbüros arbeiten die jeweiligen Ressorts von Online- und Print-Journalisten direkt nebeneinander, quasi Hand in Hand. Es ist letztlich eine Definitionsfrage, ab wann man von einem Newsroom sprechen kann. Aber «Bild» hat nicht das Modell, wie wir es nun ­bauen.

KT: Wie gross ist das Sparpotenzial beim «Blick»-Newsroom?
Walder: Das eruieren wir gerade. Im Februar können wir mehr dazu sagen. In erster Linie geben wir zuerst einmal sehr viel Geld aus. Der Newsroom ist eine Investition in die Zukunft der Marke «Blick», also kein Sparprojekt.

KT: Wie viel Personal werden Sie mit der Einführung des Newsrooms abbauen?
Walder: Es werden Leute ihren Job verlieren, das ist so. Das ist die offene und ehrliche Antwort. Aber für die meisten Mitarbeiter gibt es eine neue Herausforderung, die bereichernd sein wird für ihren Job. Das Bild des Journalisten wird sich verändern und weiterentwickeln, es wird herausfordernder sein, aber auch spannender. Heute riskiert ein Wirtschaftsjournalist vom «SonntagsBlick», dass er am Samstagabend mit 70 geschriebenen Zeilen als Wochenwerk heimgeht. Das ist frustrierend für einen ehrgeizigen Journalisten. Mit dem Newsroom hat er die Möglichkeit, unter der Woche jeden Tag zu publizieren auf allen möglichen Kanälen.

KT: Wieso hat der «Blick» auch nach erfolgter Neugestaltung weiterhin keinen Chefredaktor?
Walder: Weil ich mir mit diesem Entscheid wirklich Zeit lassen will, ebenso bei der Besetzung des Postens eines Sportchefs. Vor diesen Entscheiden habe ich auch Respekt. Es eilt aber auch deshalb nicht, weil wir zurzeit einen sehr guten «Blick» haben. Das Team leistet hervorragende Arbeit, was sich auch in den Verkaufszahlen am Kiosk niederschlägt, auch wenn die «SonntagsZeitung» etwas anderes behauptet. Es geht aufwärts. Das können Sie drehen und wenden, wie Sie wollen.

KT: Eigentlich spräche nichts gegen «Blick»-Interimschef Ralph Grosse-Bley als neuen Chefredaktor – ausser dem Makel des Borer-Skandals, der weiter an ihm haftet. Wird er deshalb das a.i. hinter seinem Titel nicht los?
Walder: Quatsch! Grosse-Bley war nicht verantwortlich für die Borer-Geschichte. Das wissen Sie genauso gut wie ich. Er war einfach einer der Journalisten, der an diesem Samstag auf der Redaktion war in seiner damaligen Funktion als Textchef.

KT: Aber mit dem Namen Grosse-Bley verbindet man den Borer-Skandal.
Walder: Das ist richtig und zum Teil ja auch nachvollziehbar. Aber es ist einfach falsch zu sagen, er sei verantwortlich gewesen. Aber um auf die Frage zurückzukommen: Für mich ist das eh nicht relevant bei der Suche nach einem «Blick»-Chefredaktor.

KT: Auf jeden Fall ist die Handschrift von Grosse-Bley gut sichtbar im neuen «Blick». Was waren die Vorgaben für den Relaunch?
Walder: In einem Satz formuliert: Der «Blick» geht wieder zum Kern seiner Marke zurück. Guter, konsequenter Boulevard. Modern interpretiert. Nicht mehr, nicht weniger. Das machen wir. Und es gefällt den Lesern genauso wie dem Anzeigenmarkt. Politisch gesehen soll der «Blick» eine unabhängige Zeitung sein, die jedes Thema analysiert und dazu Stellung nimmt. Ob auf der FDP-Linie, auf der SP-Linie oder sogar auf der SVP-Linie ist von Fall zu Fall zu bestimmen. Das haben wir zuvor bereits mit dem «SonntagsBlick» so gemacht.

KT: Boulevard auf Papier steht in harter Konkurrenz zu «Busen, Blut und Blech» im Internet. Stirbt die Publikumsschicht nicht langsam aus, die der gedruckte «Blick» bedient?
Walder: Das befürchte ich ganz und gar nicht. Das Echo ist wunderbar. Frauen, Männer, Junge, Alte, Urbane oder Ländliche, Spitzenmanager, Sportler, Arbeiter – querbeet durch alle Schichten sagen die Leute: Cool, uns gefällt der «Blick», wir lesen ihn wieder gerne.

KT: Gefällt der neue «Blick» auch mit einem blutig geschlagenen Rentnerkopf auf der Titelseite?
Walder: Das ist ein gutes Beispiel, um sich zu fragen, wie weit Boulevard gehen darf. Die betroffene Person sagte, ich will, dass alle sehen, wie übel ich zugerichtet worden bin. Denn das ist Teil der Realität in diesem Land. Hier war die Zustimmung des Opfers das Statement dieser Geschichte. Deshalb: absolut o.k.

KT: In der «Weltwoche» sagten Sie unlängst, im Internet fänden sich keine meinungsbildenden Inhalte. blick.ch bestätigt Ihren Eindruck immer wieder aufs Neue.
Walder: Der Auftrag an blick.ch ist, sehr schnell zu informieren, aber auch zu unterhalten. Beides ist im Internet nahe beieinander und blick.ch erfüllt beide Aufgaben derzeit sehr gut. Internet muss nicht alles können. Wenn ich beispielsweise den «Klartext» durchblättere, bleibe ich an bestimmten Dingen hängen, weil ich ein aufgrund von Know-how und Recherche der Redaktion zusammengestelltes, spannendes Menu vorgesetzt bekomme. Im Print bekommt man Dinge geboten, die man gar nicht gesucht hat. Wunderbar!

KT: Das ist doch auch im Internet so. Auf blick.ch finden wir laufend Dinge, die wir gar nicht suchen, Bilder von verrutschten Promi-Büstenhaltern etwa.
Walder: Jetzt banalisieren Sie meinen Gedanken. Die journalistische Leistung innerhalb eines Titels ist etwas ganz anderes, als wenn man sich im Internet vom einen zum anderen durchklickt. Internet ist nicht der Tod von Print, Internet ist einfach eine neue Disziplin.

KT: Verdienen Sie Geld im Internet?
Walder: blick.ch zum Beispiel ist in den schwarzen Zahlen. Die Schwierigkeit liegt darin, eine saubere Vollkostenrechnung zu erstellen, also eine Evaluation, welche Kosten wem zugeteilt werden. Mit dem Newsroom wird das nicht mehr möglich sein. Doch blick.ch macht uns derzeit grosse Freude, auf dem Nutzermarkt wie auch auf dem Werbemarkt. Wir sind überzeugt, dass die Marke «Blick» fürs Internet geradezu prädestiniert ist.

KT: Klopft man Ringier nach Innovationen ab, findet man nur Stars, People, Style und Beauty – zum Beispiel «Schweizer Illustrierte Style».
Walder: Ich begreife, dass Ihnen «SI Style» nicht gefällt, aber Sie befinden sich auch nicht in der Mitte des Zielpublikums dieser Innovation (lacht). Es mag in Ihren Ohren hart tönen, aber «SI Style» ist die erfolgreichste Neulancierung seit der «NZZ am Sonntag». Ansonsten erfindet sich Ringier Schweiz gerade neu. Von Innovationsmangel keine Spur.

KT: Wenig Innovationsgeist zeigt Ringier beim Radio. Um den Status quo von Radio Energy auf UKW zu zementieren, haben Sie für mehrere Millionen Franken eine Konzession gekauft. Wie teuer war sie genau?
Walder: (schmunzelt) Ich habe keine Ahnung.

KT: Sie sagten, Ringier habe etwas aufgeben müssen, um sich die Konzession kaufen zu können. Wer muss nun konkret bluten?
Walder: Ich meinte damit allgemein die katastrophale Situation für das Haus Ringier. Man stelle sich vor: Wir zahlen einen guten Preis für das Radio, und zwei Jahre später ist es nichts mehr wert und wir müssen erneut viel Geld ausgeben, um den Sender weiterhin betreiben zu können. Das ist betriebswirtschaftlich absoluter Nonsens.

KT: Die Branche hat sich vor zwei Jahren reihum gefragt, was um alles in der Welt Ringier mit einem Radiosender anfangen wolle.
Walder: Energy ist eine fantastische Marke und wir werden sie weit über Radio hinaus deklinieren. Energy Zürich ist zudem die wohl rentabelste Station im internationalen NRJ-Network.

KT: Wie gross schätzen Sie die Chance ein, dass Sie die Konzession nun tatsächlich erhalten?
Walder: Ich bin zuversichtlich. Ich rechne nicht damit, dass die Mitbewerber rekurrieren werden. Das frühere Management hat wohl Fehler gemacht, die bei einer Konzessionseingabe nicht hätten passieren dürfen. Problematisch war, dass bei der Konzessionierung die Versprechen auf Papier höher gewichtet wurden als der tägliche Leistungsausweis. Das habe ich stets kritisiert. Diesmal haben wir alles unternommen, um ein positives Urteil des Bakom/UVEK zu erhalten.

KT: Sie hätten auch ohne Konzession senden und dafür massiv in Digitalradio investieren können.
Walder: Wir haben uns überlegt, ob wir DAB-Empfänger subventionieren und massenweise unters Publi­kum bringen sollen. Das Problem ist halt, dass DAB immer noch weit hinter UKW herhinkt. Wenige Autos und wenige Haushalte haben DAB-Empfänger. Deshalb war es erfolgversprechender, um eine UKW-Konzession zu kämpfen.

KT: Sie haben nun zwar wieder eine Konzession für Radio Energy, aber das Sendegebiet ist kleiner als vorher. Schmerzt das stark?
Walder: Das ist ein Wermutstropfen, doch wichtig ist, dass Energy weitersenden kann. Für uns bleibt das Millionen-Zürich, ein sehr interessantes Sendegebiet, sowohl für den Hörer- als auch für den Werbemarkt.

KT: Bleibt neben Ihrem Managerjob noch Zeit für andere Beschäftigungen? Für die Familie?
Walder: Ich bin sehr glücklich verheiratet und wir habe eine 17 Monate alte Tochter. Ich habe an vielen Veranstaltungen präsent zu sein und mein Blackberry schläft nur, wenn ich schlafe … Als Journalistin hat meine Frau aber viel Verständnis. Ich pflege drei Dinge: den Job, täglich eine Stunde Fitness, Joggen, Velofahren oder Kraftraum – und natürlich unsere Familie. Für mehr bleibt keine Zeit.

KT: Auch nicht für Tennis?
Walder: Tennis spiele ich pro Jahr höchstens drei- bis viermal mit Michael Ringier. – Mir kommt grad Roger Schawinski in den Sinn. Der hat vor ein paar Jahren auf die Frage nach der Zeit für seine Familie zu mir gesagt: Es zählen nicht Stunden und Minuten, es zählt die Ausschliesslichkeit, mit der man eine Sache tut, die sogenannte Quality Time. Das hat mir Roger mit auf den Weg gegeben. Ganz gut.

KT: Die Relativität der Zeit hat aber Einstein entdeckt.
Walder: Ja, leider war das nicht Roger (lacht). Das wird ihn jetzt bestimmt wieder ärgern.

11. August 2009 von Nick Lüthi

Wie viel Staat vertragen die Medien, Herr Leutenegger?

Als Medienpolitiker spannt FDP-Nationalrat Filippo Leutenegger mit der SVP zusammen, als Journalist kann er sich gut vorstellen, zur SRG zurückzukehren. Ein Mann der – scheinbaren – Widersprüche.

Klartext: Die ganze Verlagsbranche jammert über die wirtschaftliche und strukturelle Krise. Wie sieht es bei Ihrem Magazin für Hauseigentümer „Neue Ideen“ aus?
Filippo Leutenegger: Ich bin sehr zufrieden. Wir sind im dritten Jahr, schreiben schwarze Zahlen und machen Gewinn. Die zweite Jahreshälfte wird aber härter. Aber ich gehe davon aus, dass wir es schaffen.
Klartext: Verlieren Sie Inserate?
Leutenegger: Im ersten halben Jahr erzielten wir zehn Prozent mehr Werbeumsatz und konnten den Ertrag markant steigern. Dies war aber nur dank unseres Geschäftsmodells möglich. Wir bedienen ausschliesslich unsere Zielgruppe, nämlich alle 830’000 Einfamilienhäuser der Deutschschweiz. Damit haben wir für viele Werbekunden praktisch keinen Streuverlust.
Klartext: Die Nähe zu den Inserenten ist bei „Neue Ideen“ gut sichtbar.
Leutenegger: Ich habe kein Problem damit, solange die Artikel und Geschichten interessant sind und stimmen. Nehmen wir das Beispiel Flumroc: Sie machen aus Stein Steinwolle, es ist ein einheimisches Produkt, ist hitzeresistent, wird zur Dämmung eingesetzt. Ich habe selber dabei unglaublich viel gelernt. Da ist es eine Freude, eine Reportage zu machen und gleichzeitig die interessierten Hauseigentümer zum Thema Energieeffizienz und Dämmung mit Informationen zu bedienen.
Klartext: Besitzen Sie selbst ein Haus?
Leutenegger: Ja. Ich baue laufend etwas um. Ich habe sozusagen mein Hobby zum Beruf gemacht.
Klartext: Ist Politik auch ein Hobby?
Leutenegger: Nein, das betrachte ich mehr als eine erweiterte Staatsbürgerpflicht. Ich nenne es eine Art Frondienst in unserem Milizsystem, für unser wunderbares Land.
Klartext: Aber ein gut entlöhnter Frondienst.
Leutenegger: Nein, da wird man nicht reich. Wenn man die Stunden rechnet, die man investiert, kommt man auf einen bescheidenen Stundenlohn. Ich bin ein Fan unseres Landes und seiner Regionen. Ich habe zehn Jahre im Tessin gelebt, habe in Kanton Uri die Matura gemacht, war fünf Jahre im Graubünden, habe gute Beziehungen zum Wallis, bin ein Ostschweizer, wurde in Zürich als Nationalrat gewählt und wohne schon lange hier. Als gebürtiger Auslandschweizer ist mir die Schweiz ans Herz gewachsen. Auch die Menschen finde ich einzigartig, sie lassen sich ihre Kompetenzen nicht nehmen. Alle wissen, dass sie an der Urne Ja oder Nein sagen können. Die Leute sind selbstbewusst, aber bescheiden. Das ist eine ganz andere Art als in anderen Systemen, wo Familienclans herrschen. Wir haben ein gesundes System. Ich durfte bei SF so viele Sendungen machen, das Land kennenlernen, dafür bin ich echt dankbar. Ich gebe das nun gerne zurück mit meinem Einsatz im Nationalrat, der natürlich nicht allen gleich passt. Ich mache das – wahrscheinlich tönt das jetzt für Sie kitschig – aus Zuneigung zu den Menschen und zu unserem Land.

Klartext: Diese regionale Vielfalt widerspiegelt sich ja in der Schweiz auch in der Zeitungslandschaft. Erkennen Sie die noch?
Leutenegger: Bei jeder Entwicklung kann man vorausschauen oder nachhinken und den Zug verpassen. Die Printmedien haben zum Teil aus eigenem Verschulden den Zug verpasst. Wir haben ja in der Schweiz sieben bis zehn Zeitungsfürsten, je nach Zählweise. Ihr Geschäftsmodell war vor allem, ihre marktbeherrschende Stellung in ihrer Region abzusichern. Auch Radio und Fernsehen haben sie vor allem zu diesem Zweck betrieben. Seit dem unseligen neuen Radio- und Fernsehgesetz kassieren nun die Verlage Konzessionsgebühren. Offiziell begründeten die Verleger dies mit den ungleichen Spiessen zwischen der SRG und Privaten. Doch damit verteidigten sie nur ihr Gebiet, liessen sich mit neuen Regeln einkesseln, haben damit den Wettbewerb aufgegeben und sich selber geschwächt. Übrig werden noch drei bis vier Verlage bleiben, denn die Ertragserosion ist bei den meisten Printtitel nicht aufzuhalten. Mit dem gesetzlichen Regulierungsdschungel hat ein privates sprachregionales TV- oder Radioprogramm fast keine Chance. Nun sitzen viele Verleger in der Tinte. Sie erleben den Einbruch bei den Zeitungen und können sich mit Radio und Fernsehen nicht ausdehnen.
Klartext: Welche dieser Regionalfürsten können überhaupt noch handeln?
Leutenegger: Jene mit einer starken geografischen und kulturellen Verankerung oder mit einer schon grossen Marktmacht.
Klartext: An wen denken Sie konkret?
Leutenegger: Beispielsweise die „Südostschweiz“. Sobald wir aber im Mittelland sind, wird es schwierig. Peter Wanners AZ und die Basler Mediengruppe werden von der mächtigen Tamedia bedrängt. Die NZZ hat ein Strategieproblem. Special-Interest-Zeitungen und Zeitschriften und lokale, gut verankerte Blätter haben gegenwärtig wohl am wenigsten Probleme. Kostenpflichtige aktuelle Information ist wegen des Internets ohnehin gefährdet. Man hat zu lange darauf gebaut, multimediale Angebote mit Geld aus dem Gebührentopf in der eigenen Region anzubieten. Das war eine nachhaltig falsche Strategie. Ich war auch als Jean-Frey-Verleger ein deklarierter Gegner der Idee, Konzessionsgelder an Private zu verteilen. Beim RTVG gab es ja mal einen Vorschlag für ein duales System mit klaren Pflichten für die SRG und vielen Freiheiten für die Privaten. Das hätte ich unterstützt. Das Gebührensplitting hingegen habe ich im Parlament mit einem Rückweisungsantrag bekämpft.
Klartext: Sie haben gut reden: Als ehemaliger CEO des Jean-Frey-Verlags, der weder Radio noch TV betrieben hatte, und nun als Verleger von „Neue Ideen“ sind Sie vom neuen Gesetz nicht betroffen.
Leutenegger: Ich habe mich bei meinen Verlegerkollegen in die Nesseln gesetzt, ohne eigene Interessen zu verfolgen. Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass die Medien nicht subventioniert werden dürfen. Indirekte Presseförderung ist auf die Länge ein Mumpitz, weil sie eine Entwicklung nicht fördert, sondern lähmt.
Klartext: Auch die würden Sie streichen?
Leutenegger: Nein, die 30 Millionen, die wir für die Regionalpresse ausgeben, habe ich aus historischen Gründen akzeptiert. Aber ich habe mitgeholfen, 50 Millionen indirekte Presseförderung für die Tageszeitungen und Zeitschriften zu streichen. Davon war übrigens auch unser Verlag betroffen. Man kann keine Zeitungen mit Presseförderung retten.
Klartext: Nun fordert ja der Verlegerverband eine ganze Palette an staatlichen und gesetzlichen Fördermassnahmen für die Presse.
Leutenegger: Jede Form von Heimatschutz und Subventionierung schwächt eine Branche.
Klartext: Ist es für Sie Heimatschutz, wenn der Verlegerverband für die Presse eine Befreiung von der Mehrwertsteuer oder eine Senkung des Mehrwertsteuersatzes fordert?
Leutenegger: Natürlich gab es früher keine Steuer für die Printmedien. Seit der Einführung der Mehrwertsteuer sind wir mit 2,4 Prozent bei den „Dingen des täglichen Lebens“, den Nahrungsmitteln, angesiedelt. Ich sehe nicht ein, warum eine Streichung der Mehrwertsteuer unsere Position verbessern sollte. Eine Abschaffung ist zudem marktverzerrend.

Klartext: Welche ordnungspolitischen Möglichkeiten sehen Sie denn, von denen die Presse profitieren könnte?
Leutenegger: Die Medienhäuser sollten grössere Freiheit haben, ihre Plattformen zu betreiben. Ich denke da zum Beispiel an Radio und TV: Die Digitalisierung kommt, die Glasfasertechnologie kommt, man kann sich über die Inhalte auszeichnen. Wenn man natürlich Beschränkungen wie heute hat … Sie können ja faktisch nicht sprachregional senden, weder im Radio noch im Fernsehen. Das ist ein Problem, dort sollte man ansetzen. Es gibt so viele innovative Leute, die wenig Geld haben, aber medial etwas machen wollen. Sie haben in der Schweiz nicht viele Möglichkeiten, denn sehr vieles braucht im elektronischen Medienbereich eine Bewilligung des zuständigen Bundesamtes. Ich finde das unglaublich schade.
Klartext: Guiseppe Scaglione hat sein Radio 105 ohne Probleme im Netz aufgebaut und hat jetzt sogar noch eine UKW-Konzession gekriegt.
Leutenegger: Scaglione hat hartnäckig seine Ziele verfolgt und hat von den strategischen Fehlern seiner Konkurrenten profitiert. Aber auch er braucht eine Konzession. – Aber ich mache mir grundsätzlich Sorgen: Die kantonalen Regierungen, die eigentlich von den regionalen Medien kontrolliert werden sollten, können heute mitbestimmen, welches Radio, welches Fernsehen eine Konzession erhalten soll. Die Zürcher Regierung wollte eine Konzession für Tele Top, weil sie fand, Tele Züri berichte sowieso zu wenig über die Regierungsgeschäfte. Wir sind heute so weit, dass Kantonsregierungen Empfehlungen abgeben, welche Radios und Fernsehstationen über sie berichten sollen. Da stehen mir als Staatsbürger die Haare zu Berge, die wenigen, die ich noch habe.
Klartext: Das Bakom hat die Regierungen dazu eingeladen.
Leutenegger: Vom Verfahren her ist alles korrekt gelaufen, das kritisiere ich nicht. Das Bakom macht übrigens gute Arbeit und ich arbeite mit Herrn Dumermuth in diesen Fragen ausgezeichnet zusammen. Das Problem ist grundsätzlich, dass wir dem Staat so viele Kompetenzen gegeben haben, über Medien mitzubestimmen, obwohl die gleichen Medien ja kritisch über den Staat berichten sollten.
Klartext: Was Sie sagen, betrifft nur privates Radio und Fernsehen, nicht aber Presse und Internet.
Leutenegger: Das stimmt doch nicht. Haben Sie das Gefühl, diese Konzessionsgeschichten hätten keinen Einfluss auf die Verleger? Da kenne ich viele Beispiele. Es ist doch klar: Wenn ein Verlag eine Konzession will, greift er in seinen Medien weder den Medienminister noch die Regierung an, bis entschieden ist.
Klartext: Der Medienminister wurde gerade von der Presse immer wieder kritisiert.
Leutenegger: Sie müssen die einzelnen Medienhäuser genau anschauen, dann sehen Sie, was ich meine. Schauen Sie mal in die verschiedenen Kantone, im Mittelland zum Beispiel, in der Nordwestschweiz, wie da eine Konditionierung der Verlage stattgefunden hat. Als Demokrat und Publizist macht mir das grosse Sorge.
Klartext: Nun sind die Konzessionen vergeben und die Medien können die falsch verstandene Zurückhaltung wieder ablegen.
Leutenegger: Wenn Sie vom Bund eine Konzession erhalten haben, dann kann er sie Ihnen auch wieder wegnehmen.
Klartext: Sie zeichnen das Bild einer Medienlandschaft mit dem allmächtigen, kontrollierenden Staat in der Mitte, der die Lokalfürsten an der Leine führt.
Leutenegger: Viele Politiker stehen in einer gewissen Abhängigkeit zum lokalen Verlag, weil er ihre Wiederwahl beeinflusst. Mich stört aber die zunehmende direkte und indirekte Kontrolle des Bundes über die Medien, welche ihrerseits die staatlichen Institutionen kontrollieren sollten. Das ist für eine Demokratie gefährlich.

Klartext: Im Internet kann ja schon heute jedermann machen, was er will. Doch die Verleger sehen nur die mächtige SRG und verlangen deren kommerzielle und publizistische Zurückbindung. Eine vernünftige Haltung?
Leutenegger: Internet hat den grossen Vorteil, dass man die Zielgruppen sehr gut erreicht. Aber die Wertschöpfung findet bei den Medien noch nicht im Internet statt. Wir wissen nicht, wie sich das entwickeln wird. Es ist aber schon ein Problem, wenn ein Unternehmen wie die SRG, das mit Gebühren finanziert ist, in direkter Konkurrenz steht mit den privaten Medienplattformen. Da muss man sehr aufpassen.
Klartext: Sie befürworten also ein Werbeverbot für die SRG im Internet.
Leutenegger: Man muss da sehr genau hinschauen und präzis analysieren. Die SRG muss ja im Internet präsent sein dürfen, und jedes Unternehmen will sich weiterentwickeln. Aber die SRG wird vor allem durch Gebühren finanziert. Eine direkte Konkurrenzierung im Online der privaten Medienhäuser ohne Konzessionsgelder muss man also sehr genau prüfen, denn sonst drückt die SRG die private Konkurrenz an die Wand. Wir haben schon genug Probleme mit dem Medienwettbewerb in der Schweiz. Weil die Werbung abwandert und die regionalen Verleger ihr Gebiet verteidigen, gibt es in den meisten Regionen kaum Wettbewerb mehr. Radio und Fernsehen sind durch das Bakom administriert, es gibt nur noch eine Konzession pro Gebiet, mit Ausnahme der grossen Agglomerationen. So hat der Bund praktisch zwei Gesetzgebungen für die Medienhäuser: Die Wettbewerbskommission muss nach Wettbewerbsgesetz dafür sorgen, dass im gleichen Gebiet zwischen den Verlegern Konkurrenz herrscht, und das Bakom darf gemäss RTVG nur eine TV-Konzession pro Gebiet und Verlag erteilen.

Klartext: In der Westschweiz prüft nun die Wettbewerbskommission die absehbare Monopolstellung Tamedias bei den Gratiszeitungen vertieft.
Leutenegger: Der wirtschaftliche Druck ist am Schluss entscheidend. Ein Fusionsverbot wäre schwierig, wenn deswegen das Unternehmen zusammenbrechen würde. In der Westschweiz haben wir ohnehin kaum einen Medienwettbewerb. Das ist noch extremer als in der Deutschschweiz. Konkurrenz gibt es vor allem in Zürich und noch etwas im Tessin, weil dort die parteipolitischen Gegensätze noch medial ausgetragen werden.
Klartext: Aber auch nicht mehr ewig.
Leutenegger: Es wird von den Tessiner Konsumenten mitgetragen. Einen intensiven Wettbewerb haben wir in Zürich, der Medienhauptstadt der Schweiz.
Klartext: Das liegt doch nicht nur an den staatlichen Rahmenbedingungen.
Leutenegger: Natürlich nicht, es liegt auch an den Verlegern und vor allem am Anzeigenmarkt, der immer nationaler und internationaler wird.
Klartext: Das ist doch auch Schweizer Föderalismus, diese Form der regionalen Monopole. Das müssten Sie doch lieben.
Leutenegger: Wenn aus wirtschaftlichen Gründen kein Wettbewerb möglich ist, habe ich kein Problem damit. Aber wenn kein Player neu einsteigen kann, stört mich das. Und im Radio- und Fernsehbereich haben Sie kaum die Möglichkeit, neu anzufangen.
Klartext: Bei den Zeitungen gibt es aber die Möglichkeit.
Leutenegger: Klar, aber der bezahlte Print verliert massiv Marktanteile und neue Player müssen zuerst mal gegen die bestehenden Verlage antreten. Im elektronischen Bereich haben sie hingegen wegen der hohen Regulierungsdichte alle fünf bis zehn Jahre bei der Neuausschreibung eine Chance. Meine Hoffnung ist das Web.

Klartext: Kürzlich sagten Sie an einer Veranstaltung, das Internet gewinne an Bedeutung, weil es Information demokratischer mache, weil der Staat nicht reinrede. Wie meinen Sie das?
Leutenegger: Die Eintrittsschwelle ist viel niedriger. Natürlich gibt es ein Qualitätsproblem bei der Information, das ist unbestritten. Wer sich aber im Internet einen Namen macht und mit Qualität arbeitet, hat unglaubliche Möglichkeiten. In dem Sinne ist es eine Demokratisierung. Natürlich ist das Internet eine Gerüchteküche mit vielen unsauberen Quellen. Aber letztlich muss sich das Publikum selber orientieren.
Klartext: Für eine Demokratie könnte das aber heikel werden.
Leutenegger: Da mache ich mir keine Sorgen. Wir haben in der Schweiz ein sehr, sehr traditionsbewusstes und pragmatisches Volk, mit einem unglaublichen Sinn für Zusammenhänge. Die Leute wollen keine übertriebenen Lösungen. Da habe ich keine Angst vor den Neuen Medien. Wir müssen etwas weniger Angst haben und mehr Freude an den Kommunikationsformen. Dafür brauchen wir Gestaltungsfreiheit. Da spreche ich doch mit der Seele eines Journalisten!

Klartext: Sie sind Präsident der „Aktion Medienfreiheit“. Was sind die Ziele dieser Organisation?
Leutenegger: Wir wollen aufmerksam machen auf die Gefahren, die ich beschrieben habe. Unser liberaler Staat ist ja entstanden, weil unsere Vorfahren gegen die Übermacht der Obrigkeit zugunsten der individuellen Freiheit gekämpft haben. Das ist zu Beginn auch bei den 68ern so gewesen. Individuelle persönliche Gestaltungsfreiheit und Medienfreiheit geniessen in einem liberalen Staat einen hohen Stellenwert. Sobald man den Menschen vor dem eigenen Handeln schützen will, will man ihm die eigene Verantwortung entziehen. Gegenwärtig gibt es in unserer Gesellschaft starke Volkserziehungstendenzen. Denn aus Präventionsgründen könnte man in der Werbung fast alles verbieten, was legal, aber ungesund ist, wie zum Beispiel Alkohol, Rauchen, dick machendes Fast Food, süchtig machende Games und schnelle Autos. Es gibt Bereiche wie Jugendschutz, in denen der Staat aktiv sein muss. Aber die Selbstverantwortung muss letztlich im Zentrum stehen.
Klartext: Bei der Werbung stand ja jüngst im Parlament eine Liberalisierung zu Debatte …
Leutenegger: … aber wir haben das Gegenteil daraus gemacht: Die Alkoholwerbung wurde in der Schweiz für alle TVs verboten. Somit haben wir uns sogar gegenüber den ausländischen Sendern diskriminiert. Viele Journalisten haben noch nicht begriffen, dass es auch um die publizistische Unabhängigkeit geht. Denn je mehr Werbeverbote durchgesetzt werden, desto stärker wird die Zensur auch die redaktionellen Inhalte betreffen. Wer als Journalist nicht für die Freiheit kämpft, gibt letztlich auch die journalistische Freiheit auf.
Klartext: Es kommt drauf an, wie man Freiheit definiert. Bedeutet Freiheit zum Beispiel eine Schweiz ohne SRG?
Leutenegger: Nein, die SRG ist eine schweizerische Realität. Wir haben ein sehr komplexes Gebilde, die Sprachregionen, die Westschweiz, die italienischsprachige Schweiz und die Rätoromanen. Hätten wir nicht solche Ausgleichsysteme wie die SRG, hätten wir ein grosses staatspolitisches Problem, wie es zum Beispiel Belgien hat. Der Sprachausgleich ist die wichtigste „Raison d’être“ der SRG.
Klartext: Genau diesen Sprachaustausch wollten Sie doch im Parlament beschneiden.
Leutenegger: Nein, überhaupt nicht, aber ich bin der Meinung, dass die Privaten etwas mehr vom Frequenz-Kuchen bekommen sollten. Die SRG belegt über 70 Prozent aller UKW-Frequenzen. Da, finde ich, wäre für die Privaten etwas mehr möglich. Wo man den Konzessionsauftrag nicht gefährdet, kann man den Privaten mehr Raum lassen. Es ist nicht immer ein Angriff auf die SRG, wenn man etwas mehr für den Wettbewerb tun will.
Klartext: Im Raum Zürich gibt es Wettbewerb bei den Privatradios. Irgendwann sind alle Formatradios geworden, sogar Roger Schawinski hat sein Musikprofil entschärft. Was bringt Wettbewerb dann für die Konsumenten?
Leutenegger: Die Frage haben die Konsumenten zu entscheiden, nicht der Staat, aber wenn es keinen Wettbewerb gibt, gibt es auch keine Auswahl. Sie müssen den Wettbewerb zulassen. Es ist ja die Entscheidung der Hörer, ob und was sie hören wollen, auch wenn Sie es einen Mist finden. Sonst müssten wir die deutschen Privatsender abschalten. Da läuft ja nach Ansicht vieler Mediengurus vor allem Schrott. Dennoch sind zwei Drittel der Programme, die geschaut werden, ausländische Sender. Sollen wir den Leuten vorschreiben, was sie zu schauen haben? Es ist doch ihre ganz persönliche Entscheidung. Das gehört auch zur Demokratie.
Klartext: Die SRG könnte ja gerade ein „Korrektiv“ darstellen zu diesen Schrottsendern. Beim Fernsehen zumindest gleicht sie ihnen aber immer mal wieder.
Leutenegger: Seit ich nicht mehr bei der SRG bin, äussere ich mich nicht über die Arbeit meiner ehemaligen Mitarbeitenden und Kolleginnen und Kollegen. Grundsätzlich machen sie ein sehr gutes Programm. Aber wenn etwas als Service public deklariert wird, dann muss es auch Service public bieten.
Klartext: Leistet das das Schweizer Fernsehen?
Leutenegger: Das beurteile ich nicht, denn ich mache auch keine Analysen, wie ich das als Chefredaktor getan habe. Ein gutes Beispiel für Service public ist für mich „SF bi de Lüt“ oder das neue Nachmittagsprogramm beim Radio. Das sind echte Eigenproduktionen, eine Leistung eines Service-public-Senders. Das gefällt mir.

Klartext: Die Zeitung „Sonntag“ hat Sie ins Gespräch gebracht für den Posten des neuen „Superdirektors“ von Schweizer Radio und Fernsehen oder gar für den des SRG-Generaldirektors.
Leutenegger: Ich habe gesagt, ich fände dies hochinteressante und anspruchsvolle Aufgaben, dass diese Arbeit nicht mit einem Nationalratsmandat vereinbar wäre. Und dass ich nicht ausschliesse, dass ich mich da einbringen werde. Aber es hängt bekanntlich nicht nur von mir ab.
Klartext: Sie werden ja auch ins Gespräch gebracht von Leuten, denen Ueli Haldimann zu weit links steht, weshalb es einen Liberalen wie Sie brauche.
Leutenegger: Das ist nicht mein Entscheid. Das bestimmen die Verwaltungsräte bei DRS und der SRG. Dabei kommt es drauf an, ob jemand die SRG kennt, denn es ist eine komplexe Organisation. Kann jemand auch führen in schwierigen Zeiten? Hat er oder sie die nötige Kompetenz dazu? Kennt er sich betriebswirtschaftlich aus? Und hat er auch ein Verhältnis zu den anderen Regionen?
Klartext: Sie haben jetzt ein Profil für die freien Kaderpositionen bei DRS und SRG skizziert, in dem man Sie erkennen könnte.
Leutenegger: Nein, da passen auch andere hinein. Aber wie gesagt, das entscheide nicht ich.
Klartext: Sie schliessen aber eine Kandidatur nicht grundsätzlich aus?
Leutenegger: Das würde ich nicht. ≠

Das Gespräch führten Bettina Büsser und Nick Lüthi am 8. Juli in Zürich.

Vom linken Journalisten zum rechten Kleinverleger

Der 56-jährige Nationalrat und Verleger begann seine Medienkarriere Ende der 1970er-Jahre als Autor linker Publikationen („Focus“, „Konzept“, WoZ), ehe er 1981 zum Schweizer Fernsehen wechselte. Dort stieg der diplomierte Ökonom und Jurist in den folgenden zwanzig Jahren bis zum Chefredaktor auf. Bekanntheit erlangte Leutenegger insbesondere als Erfinder der freitäglichen Debattensendung „Arena“. 2002 unterlag er im Machtkampf mit dem damaligen Fernsehdirektor Schellenberg und verliess das Fernsehen, nicht aber die Medien. Leutenegger wechselte als CEO zum Verlagshaus Jean-Frey („Weltwoche“, „Beobachter“). Vor zwei Jahren gründete er seinen eigenen Verlag und gibt seither das Hauseigentümer-Magazin „Neue Ideen“ heraus. Zusammen mit dem Heft gründete er den „Haus Club“, wo sich die AbonnentInnen in Fragen rund ums Hauseigentum kostenlos beraten lassen können.
Seit 2003 sitzt Filippo Leutenegger für die Zürcher FDP im Nationalrat. Der Vater von fünf Kindern ist mit der TV-Journalistin Michèle Sauvain verheiratet.

18. Juni 2009 von Nick Lüthi

„Resignation bedeutet den Tod auf Raten“

„Tages-Anzeiger“-Reporter Jean-Martin Büttner hofft auf Aktionen seiner KollegInnen gegen die Massenentlassung, stellt ein gewisses Misstrauen des Verlags gegenüber der Redaktion fest und ist dennoch weiterhin mit Begeisterung Journalist.

Klartext: Du hast an der Kundgebung der „Tages-Anzeiger“-Redaktion gegen die Massenentlassung gesprochen. Was hast du gesagt?
JEAN-MARTIN BÜTTNER: Das Wichtigste war mir zu sagen, dass alle auf dieser Redaktion eine gute, kritische, glaubwürdige, hochstehende Zeitung machen wollen. Das ist vermutlich der einzige Punkt, in dem die Redaktion mit der Chefredaktion und der Verlagsleitung einer Meinung ist. Als Zweites wies ich darauf hin, dass eine gute Zeitung nur entstehen kann, wenn die Redaktion den Eindruck hat, sie werde ernst genommen. Das heisst: Sie will angemessen darüber informiert werden, was passiert. Daraus folgt drittens, dass sie die Möglichkeit haben muss, mitzuarbeiten an dem, was aus dem „Tages-Anzeiger“ werden soll. Keiner dieser drei Punkte scheint uns auch nur annähernd erfüllt. Zuletzt habe ich noch gesagt, dass eine gute Chefredaktion die Redaktion nach innen stark fordert, kritisiert, antreibt und motiviert – und die Redaktion nach oben und aussen vertritt und verteidigt. Das sage ich mit einer relativ langen Erfahrung auf dieser Zeitung, für die ich ja seit 25 Jahren schreibe. Die beiden neuen Chefredaktoren sind Nummer sieben und acht, die ich beim „Tages-Anzeiger“ erlebe.
Klartext: Verteidigt euch die aktuelle Chefredaktion?
BÜTTNER: Sie hat mit ihrer Arbeit erst angefangen, es wäre unseriös, jetzt schon etwas darüber zu sagen. Nur so viel: Dass unser Bericht über die „Tagi“-Demo von der Chefredaktion subtil, aber vernehmlich zensiert worden ist, und zwar ohne Rücksprache mit dem Autor, scheint mir kein gutes Zeichen. Auch die Art und Weise, wie und an wem die Massenentlassung vorgenommen wurde, finden wir skandalös. Erfahrung scheint keinen Wert mehr zu haben.
Klartext: Deine Botschaften richten sich ja nicht nur an die Chefredaktion, sondern an die Verlagsspitze, die diesen Entscheid getroffen hat. Was erhoffst du dir von ihr?
BÜTTNER: Das ist schwer zu sagen, weil ich angesichts so vieler Entlassungen nicht mehr weiss, was genau sie unter einer Qualitätszeitung versteht. Natürlich ist ein Verlag wie Tamedia auf seine wichtigste Zeitung angewiesen. Zugleich werde ich aber das Gefühl nicht los, dass beim Verlag ein gewisses Misstrauen gegenüber der Redaktion besteht. Fairerweise muss ich dazu sagen: Dieses Spannungsverhältnis gab es schon immer, auch bevor Martin Kall als Tamedia-Chef im Amt war. Bis zu einem gewissen Grad gehört es zu unserer Arbeit. Denn unsere Ziele sind nicht immer dieselben.

Klartext: Du arbeitest seit 1984 beim „Tages-Anzeiger“. Woher kommt diese Treue?
BÜTTNER: Zum einen war es lange Zeit so, dass der „Tages-Anzeiger“ die beste Zeitung in der Schweiz war. Es gab zwar Alternativen, aber die waren für mich entweder politisch oder vom Erscheinungsrhythmus her nicht denkbar. Zweitens mag ich die Leute sehr, die auf dieser Zeitung arbeiten. Selbstverständlich gibt es auf der Redaktion auch Probleme. Beim „Tages-Anzeiger“ aber war, lange Zeit zumindest, das Handwerk sehr wichtig und auch das Engagement; beides ist für mich entscheidend. Der „Tagi“ ist keine Autorenzeitung, was auch Nachteile hat. Dafür gibt es bei uns weniger ausgeprägte Eitelkeiten, wie man sie im Journalismus oft kennt, diesen Foulard-Journalismus von Selbstdarstellern. Ausserdem gibt es jetzt erst recht keine Alternativen mehr zum „Tagi“, sogar in seiner jetzigen Verfassung.
Klartext: In den 90er-Jahren haben sich „Tages-Anzeiger“-Redaktoren als „Tagianer“ bezeichnet. Gibt es das heute noch?
BÜTTNER: Nein, diesen Geist gibt es so nicht mehr. Als ich zum „Tages-Anzeiger“ kam, war die Redaktion von der 68er-Generation stark geprägt. Ihre Vertreter waren gebildet, anspruchsvoll, elitär, autoritär und manchmal auch schwierig. Aber sie haben die interne Diskussion auf einem hohen Niveau geführt und dachten in Zusammenhängen. Diese Generation wurde dann unter Roger de Weck weitgehend entmachtet; damals setzte der Wandel an. Viele der Kollegen, die später zu uns gekommen sind, hatten schon anderswo gearbeitet und hatten nicht mehr das Gefühl, solidarisch sein zu müssen. Denn sie hatten ihre Arbeit beim „Tages-Anzeiger“ ohne die Hoffnung begonnen, dass es so was wie ein gemeinsames Projekt geben kann, in dem man gesellschaftliche Utopien oder Vorstellungen gemeinsam verwirklicht.
Klartext: Kommt der „Tagi“-Geist in der Krise wieder zurück?
BÜTTNER: Ich hoffe es natürlich. Zumindest denke ich, dass den Leuten durch die Krise bewusst geworden ist, dass man sich wehren muss. Wenn man resigniert, bedeutet das den Tod auf Raten. Es braucht die Personalkommission, die sich um die Leute kümmert, das hat Daniel Suter sehr gut gemacht, der jetzt bezeichnenderweise entlassen wurde. Daneben braucht es aber auch eine Gruppe, die sich um das Redaktionelle kümmert, jetzt, wo so viel verändert wird. Und dabei möchte ich mithelfen. Die Redaktion muss sich engagieren. Wenn sie das Gefühl hat, eine Änderung schmälere die Qualität der Zeitung, muss sie dagegen vorgehen.

Klartext: Was geht dir durch den Kopf, wenn du siehst, dass Tamedia 42 Millionen Franken an Dividenden ausschüttet und gleichzeitig beim Flaggschiff den Sparhammer runtersausen lässt?
BÜTTNER: Das ist zwar nicht neu, aber die Differenz war noch nie so extrem. Was uns am meisten ärgert: Unser Verlag hat immer wieder in Projekte investiert, bei denen die Redaktion das Gefühl hatte, dass es nicht gut kommt. TV3 war ein gutes Beispiel: Die Redaktion war damals vollkommen dagegen mit dem Argument, dass es einfach viel mehr Geld braucht, um gutes Fernsehen zu machen. Und ich verhehle nicht, dass wir auch beim Experiment mit den Regional-Splits nicht sicher waren, ob das funktionieren würde. Jetzt macht der „Tagi“ zum ersten Mal Verluste und sofort wird bei uns massiv abgebaut.
Klartext: Du hast dich auch im „Tages-Anzeiger“ zur Tamedia-Geschäftspolitik geäussert: Nach der Edipresse-Übernahme hast du die Sicht der Romands eingebracht. War es schwierig, einen solchen Kommentar zu schreiben?
BÜTTNER: Überhaupt nicht. Ich habe in all den Jahren immer gesagt und geschrieben, was ich denke. Das gehört auch mit zu den Gründen, weshalb ich den „Tages-Anzeiger“ schätze. Es ist viel mehr möglich, als man meint. Niklaus Meienberg hat einmal gesagt, Pressefreiheit besteht darin, dass man sie nutzt. Ich denke, das grösste Problem besteht darin, dass Leute auf Vorrat etwas nicht riskieren.

Klartext: Stichwort Niklaus Meienberg: Was war das Besondere an ihm?
BÜTTNER: Ich gehörte nie zu seinen Jüngern, denn mich befremdete schon damals der ganze Personenkult um ihn herum. Ich habe ihn noch gekannt, ich habe sogar Texte von ihm redigieren dürfen, als de Weck ihn wieder schreiben liess. Die Begegnungen mit ihm waren faszinierend, er war eine unglaublich interessante Persönlichkeit, aber auch sehr widersprüchlich. Ich habe mich oft gefragt, was er heute machen würde. Er wäre sicher weiterhin interessant. Aber er brauchte den Kalten Krieg, er brauchte diese klaren Fronten, über die er sich dann als Brocken aufregen konnte. Er war jedoch vor allem stilistisch eine unglaubliche Inspiration. Als die NZZ ihn kurz vor seinem Tod auf zwei Seiten exekutierte, hat er mich angerufen, war völlig verzweifelt. Ich sagte ihm: Das ist das grösste Kompliment, du wirst von der NZZ gehasst. Aber er sah das nicht so, weil er in diesem Widerspruch gefangen war, dass er immer von den Leuten geliebt werden wollte, in deren Suppe er spuckte. Und er hatte ein unglaublich erotisches Verhältnis zur Macht. Das ist mir vollkommen fremd, ich habe überhaupt keine Lust, mich mit Mächtigen herumzutreiben. Ich finde Blocher eine faszinierende Figur, habe etwa Couchepin persönlich immer gut gemocht. Aber ich würde nie die Liebe dieser Leute haben wollen.

Klartext: Du arbeitest jetzt in Bern, vorher warst du in der Romandie. Bist du wegen dieser Distanz zur Redaktion an einer längeren Leine und geniesst eine gewisse Narrenfreiheit?
BÜTTNER: Ich habe schon als Volontär genau so geredet und geschrieben wie jetzt. Gerade weil ich für viele Ressorts arbeite, frage ich, wenn ich einen Artikel schreiben will, zuerst die betreffenden Kollegen. Ich will nicht der frei schwebende Mann für alle Fälle sein, der eingeflogen wird und dann die tollen Sachen macht, während andere gefälligst das Tor hinten zuhalten sollen. Das entspricht nicht meinem Verständnis von Kollegialität.
Klartext: Dein Themenspektrum ist sehr breit, es reicht von Kultur bis Politik. Viele Journalisten spezialisieren sich auf ein Fachgebiet.
BÜTTNER: Ich wollte das nie. Ich habe ja als Musikkritiker angefangen, aber mein dritter Artikel im „Tages-Anzeiger“ war bereits über ein anderes Thema. Ich bin gerne in verschiedenen Bereichen aktiv. Das hat auch mit meiner Sozialisierung zu tun: Ich habe sozusagen im Dach angefangen, in der Kultur. Man kann jedoch kein gutes Dach bauen, wenn man nicht weiss, wo der Keller steht – und ich meine das nicht abwertend, im Gegenteil. Der wichtigste Grund für mich, ins Bundeshaus zu gehen: Ich wollte das Handwerk richtig lernen – Recherchen, Schreiben unter dem Druck der Aktualität, Ratsberichterstattung, kritsche Fragen an Politiker.
Klartext: Bist du ein linker Journalist?
BÜTTNER: Das war ja lange ein Pleonasmus. Ich habe meine klaren politischen Überzeugungen, die ich auch in meinen Kommentaren vertrete. Als ich ins Parlament kam, dachte ich relativ naiv, die linken Politiker würden mich mehr überzeugen, weil sie mir politisch näherstehen. Das war nicht so. Ich habe die seltsame Erfahrung gemacht, dass mir bürgerliche Politiker manchmal sympathischer waren als linke. Überhaupt ist meine bittere Bilanz aus sechs Jahren Bundespolitik: Die Linke erträgt Kritik viel schlechter als die Rechte. Die SVP ist souverän im Umgang mit Kritik, allerdings auch im Austeilen rücksichtslos. Ich konnte Ueli Maurer oder Kurt Wasserfallen auch anrufen, wenn ich am Vortag sehr kritisch über sie geschrieben hatte. Bei der Linken habe ich diese Art von Kulanz vermisst.

Klartext: Wirkt die kleine Welt des Bundeshauses nicht manchmal etwas seltsam, wenn man wieder draussen steht?
BÜTTNER: Je näher man den Politikern steht, desto mehr erfährt man, desto weniger kann man aber darüber schreiben, vor allem nicht über jene Leute, die einen informieren. Je weiter weg man ist, desto unabhängiger ist man und desto weniger weiss man. Es geht also darum, die Äquidistanz zu wahren. Für mich waren diese sechs Jahre fantastisch, wir hatten ein tolles Team. Man lernt unheimlich viel im Bundeshaus, geht an Pressekonferenzen zu den verschiedensten Sachthemen, an die Ratsdebatten, es gibt politische Konflikte, Bundesratswahlen. Ich habe mich keine Sekunde lang gelangweilt. Das Problem ist: Wenn man im Bundeshaus arbeitet, ist es unglaublich spannend, doch es ist wahrscheinlich sehr viel weniger spannend, darüber zu lesen. Eine Pressekonferenz zur Asylpolitik, zu einem Detail der Gesundheitspolitik oder Verkehrspolitik, das ist sehr schwer zu vermitteln.
Klartext: Was hast du gemacht, damit deine Texte trotzdem gelesen werden?
BÜTTNER: Ich habe am Anfang gedacht, ich könne auch Pressekonferenzen szenisch abhandeln. Das war ein grosser Fehler. Man kann zum Beispiel über Asylpolitik nicht so berichten, weil letzten Endes damit die Asylpolitik entpolitisiert wird. Man darf sich nicht zu schade sein, einfach zu informieren. Dann kommt es darauf an, dass man möglichst verständlich schreibt und diese Beamtensprache meidet. Ich habe in Bern gelernt: Man muss verschiedene Sprachen haben.

Klartext: Teil des Systems Bundeshaus ist auch das Heer von Sprechern und Informationsleuten: 260 Bundes-Kommunikatoren stehen 130 akkreditierten Bundeshaus-Journalisten gegenüber. Ist das noch ein gesundes Verhältnis?
BÜTTNER: Nein. Oft rufen wir den Informationschef eines Bundesamtes an, der muss zuerst die Experten fragen und gibt uns dann die Informationen weiter. Das verkompliziert natürlich alles. Gleichzeitig ist mir aufgefallen, dass Journalisten und Berater, vor allem die persönlichen Mitarbeiter der Bundesräte, eine heimliche Allianz eingehen. Nach einer Bundesratspressekonferenz ruft man die Berater an und will wissen, wie sie den Auftritt des anderen Bundesrates einschätzen. Das gehört zwar zum Handwerk, aber man droht dann trotzdem instrumentalisiert zu werden.
Klartext: Hat es dich je gereizt, als Berater auf die Gegenseite zu wechseln?
BÜTTNER: Nicht eine Sekunde, niemals. Ich könnte das nicht. Ich habe den schönsten Beruf der Welt. Weshalb sollte ich in einen Beruf wechseln, in dem ich wiederhole oder in andere Worte umgiesse, was andere mir auftragen? Jetzt bin ich frei, mich zu äussern. Ich hänge von niemandem so stark ab wie ein Sprecher, habe weder Departement noch Chef, die ich decken muss. Ausserdem schreibe ich sehr, sehr gern.

Klartext: Journalisten werden auch als Feindbild wahrgenommen. Nach einem Fussballspiel in Basel wurdest du gewaltsam aus dem FCZ-Fan-Extrazug befördert. Was ist da geschehen?
BÜTTNER: Auf der Hinreise war ich hinten im Extrazug, es war nett und sympathisch, ich habe mit den Leuten gesprochen und mir Notizen gemacht. Auf dem Rückweg bin ich dann in den vordersten Wagen gestiegen und wusste nicht, dass sich dort der harte Kern geballt hatte. Als ich dann in meiner Naivität den Laptop aufklappte, ging es sehr schnell, ich wurde innerhalb von einer Minute mit ein paar Fusstritten aus dem Zug spediert. Da hatte sich die ganze Wut an mir entladen. Der FC Zürich hatte das Spiel verloren, ausserdem fühlen sich die Fans von den Medien falsch dargestellt. Der grösste Schock für mich ist aber, dass diese Leute den Eindruck haben, ein von der Öffentlichkeit subventionierter Sonderzug sei ein rechtsfreier Raum. Aber es darf keine rechtsfreien Räume geben in einer Demokratie. Allerdings wollten mich ebenso viele Fans beschützen, wie mich verprügeln wollten. Ich habe das nachher bewusst deeskalierend beschrieben.
Klartext: Dein Artikel wurde in Foren und Blogs im Internet heftig diskutiert. Du hast dich dort nicht zu Wort gemeldet. Weshalb?
BÜTTNER: Ich finde, der Journalist sollte sich nicht in die Reaktionen auf seinen Artikel einmischen. Er hat sich geäussert, hatte seine Öffentlichkeit, dann ist es unfair, aufgrund des Vorwissens einzugreifen, weil man immer den Vorsprung der grösseren Erfahrung hat. Und man kann dann leicht Leute kritisieren.

Klartext: Im Zusammenhang mit den Entlassungen beim „Tages-Anzeiger“ hat sich das Publikum auf „Newsnetz“ geäussert – die einen finden das Blatt zur rechts und SVP-lastig, die anderen zu links und sozialistisch.
BÜTTNER: Früher galt der „Tages-Anzeiger“ eindeutig als links, aber schon damals standen einige dem damaligen FDP-Stadtpräsidenten Thomas Wagner nahe. Es gab schon immer grosse politische Spannungen innerhalb der Redaktion. Insgesamt war früher die Haltung eindeutiger, das hat sich jetzt geändert. Was die Nähe zur SVP angeht: Eine Zeit lang sind wir von dieser Partei in einer Art besessen gewesen, die eigentlich vor allem der SVP genützt hat. Wir waren völlig auf diese Partei fixiert, wir haben viel mehr über sie geschrieben, als nötig gewesen wäre. Ich nehme mich dabei nicht aus.
Klartext: Wo haben die Kontrollmechanismen versagt?
BÜTTNER: Das ist für mich heikel zu beantworten, weil ich hier nicht Kollegen kritisieren möchte, zumal ich ja auch Teil der Berichterstattung war. Richard Aschinger, mein alter Inland-Kollege, nennt das Phänomen „Bewegungsmelder-Journalismus“. Wenn etwas zuckt, reagieren die Journalisten und halten die Aufregung für eine Geschichte. So wird man zum Mithelfer derjenigen, die zucken. Ich finde, der „Tages-Anzeiger“ hat sich in den letzten Jahren zu sehr dieser Art von Journalismus verschrieben. Vor Kurzem brachten wir einen Artikel über einen Politiker der Schweizer Demokraten, der behauptet, er habe von einem anderen Politiker gehört, dass Justizdirektor Markus Notter ein Alkoholproblem habe. Das halte ich für Rufmord. Aber weil ein anderes Medium das berichtet hatte, erwartete man von der Lokalredaktion einen Nachzieher. Sie hat es handwerklich sauber gemacht, auch Notter um eine Reaktion angefragt. Aber ich halte das für einen infamen Vorgang.
Klartext: Gibt es im Bundeshaus einen ungeschriebenen Ethikkodex, dass man beispielsweise nicht über Bundesrats-Affären schreibt?
BÜTTNER: Es gibt sehr viele Dinge, die wir im Bundeshaus alle wussten und über die nie etwas erschienen ist. Solange solche Enthüllungen nicht relevant sind für das, was die Politiker tun, solange sie nicht im Widerspruch stehen zu dem, was sie verkünden, darf es kein Thema sein. Wir wollen keine englischen oder amerikanischen Verhältnisse.

Klartext: Gibt es bei der Art, wie man mit solchen Themen umgeht, einen Unterschied zwischen den Medien in der Deutsch- und Westschweiz?
BÜTTNER: Die Westschweizer Kollegen haben einen sehr viel lockereren Umgang mit Boulevard-Themen. Sie haben auch sehr viel früher Farbe in die Zeitung gebracht als in der Deutschschweiz. Insgesamt sind sie an solchen Themen näher dran. Umgekehrt haben die Politiker ein lockeres Verhältnis zum geschriebenen Wort. Das hat damit zu tun, dass es für sie eine weniger grosse Bedeutung hat, das weiss ich auch als Bilingue. Dafür ist die elegante Formulierung wichtig. Ich bin übrigens gespannt, wie es sich auswirken wird, welchen Austausch es gibt, nun da Tamedia Edipresse übernimmt. Leider zeigt die Erfahrung, dass die Kulturen einander weitgehend ignorieren.
Klartext: Hattest du als Romandie-Korrespondent Mühe, die Romandie ins Blatt zu bringen?
BÜTTNER: Im Gegenteil. Und das war nicht nur wegen Roger de Weck so, der ebenfalls bilingue ist. Ich konnte so viel schreiben, wie ich wollte. Ich habe auch die interessante Erfahrung gemacht, dass sich meine Westschweizer Kollegen ernster genommen fühlten, wenn ich kritisch über die Romandie berichtete. Sie haben es gerne direkt und konfrontativ.

Klartext: Du hast den Journalismus ohne Internet kennen gelernt. Heute geht es nicht mehr ohne. Welche Bedeutung hat das Internet für deinen Beruf?
BÜTTNER: Eine enorme, in jeder Beziehung. Es ist eine unwahrscheinliche Hilfe und ebenso eine Verführung. Wie oft habe ich mich dabei ertappt, als ich in grosser Zeitnot vor einem Konzert ein paar Artikel ausgedruckt habe. Ich hatte nie die Disziplin, ein Handarchiv zu führen. In diesem Bereich ist etwa die Schweizerische Mediendatenbank eine Bereicherung, allerdings besteht auch die Gefahr, dass Textbaustein-Artikel zusammengesetzt werden.
Klartext: Die Verleger stehen dem Internet weiterhin mit einer gewissen Skepsis gegenüber, teils sogar ablehnend bis feindlich.
BÜTTNER: Das kommt wohl daher, weil das Internet die Vorstellung geprägt hat, dass Information gratis sei. Diese Rechnung geht aber nicht auf. Ich habe mit Interesse den Bericht der „SonntagsZeitung“ über den „Guardian“ gelesen, der offenbar rentiert, auch weil er eine hervorragende Website führt. Gleichzeitig lese ich, dass der „San Francisco Chronicle“ vor dem Ende steht, der „Boston Globe“ ist ebenfalls bedroht. Wenn in Städten wie San Francisco oder Boston mit ihren Universitäten und ihrer intellektuellen Tradition die Qualitätszeitungen eingehen, muss uns das grosse Sorgen machen. Die Folge ist, dass dann nicht mehr kritisch aus solchen Städten und Staaten berichtet wird. Der Schweiz droht aus den Kantonen dasselbe.
Klartext: Ist diese Wächterfunktion an ein bestimmtes Trägermedium gebunden, zum Beispiel an die Zeitung?
BÜTTNER: Ich denke nicht, klar ist aber: Viele der besten kritischen Berichte auf den Websites von TV, Radio oder Zeitungen in den USA stammen von Online-Journalisten, die eine langjährige Print-Erfahrung haben, von Rechercheuren der alten Schule. Eine Zeit lang kann man die Leute betäuben, wie es Aldous Huxley in „Brave New World“ vorausgesagt hat, mit einer Berichterstattung, die einschläfert und banalisiert. Aber wenn die Situation so ist wie jetzt in den USA, mit diesen unglaublichen Skandalen, diesen unglaublichen Finanzproblemen, dann möchten die Leute wissen, warum sie jetzt alles verloren haben. Da wird es den kritischen Journalismus immer brauchen. Und auch Zeitungen.

Klartext: Wie ist das für dich, wenn du für den „Tages-Anzeiger“ einen Artikel schreibst und er am Vorabend schon gratis auf der Website erscheint?
BÜTTNER: Ein Problem sehe ich darin, dass beim Online-Journalismus eine andere Tonalität angeschlagen wird. Das fängt schon beim Titel an. Kürzlich habe ich eine Seite geschrieben über die Probleme, die Basler mit Zürchern haben, unter dem Titel „Über Zürich spotten und an Basel leiden“. Im Newsnetz hiess der Titel dann „Was ist das für ein Kindergarten?“. Das war ein einziges Zitat aus mehreren Gesprächen. Als Titel wirkte das natürlich als unglaubliche Provokation. Uns stört das, und wir müssen uns wehren, wenn der Titel dem Artikel nicht mehr entspricht. Zugleich muss man zur Kenntnis nehmen: Das Newsnetz hat Erfolg, und es werden von seiner Redaktion auch gute Artikel verfasst unter extremen Bedingungen. In diesem Punkt bin ich mit dem Verlag einverstanden: Eine Zeitung, die im Internet nicht auch reüssiert, hat noch viel grössere Probleme.
Klartext: Wie eng ist die Tuchfühlung mit der Newsnetz-Redaktion?
BÜTTNER: Im Moment ist sie nicht sehr eng, aber die neue Chefredaktion hat einen engeren Kontakt angekündigt. Ich finde das im Grundsatz richtig, denke aber, es brauche eine gegenseitige Rücksichtnahme. Das aber geht nur, wenn das Klima besser wird und der gegenseitige Austausch funktioniert. Ich bin jedoch überzeugt, dass viele der Ressentiments zwischen Online und Print vor allem atmosphärisch begründet sind und sich abbauen lassen, wenn wir mehr miteinander zu tun haben. Es gibt gewisse Zielkonflikte zwischen Print und Online. Aber ich finde, wir können uns nicht noch einen Zwei-Fronten-Krieg leisten in unserer Situation. Wir müssen lernen, so miteinander umzugehen, dass beide Seiten besser werden.
Klartext: Was kannst du von den Online-Kollegen lernen?
BÜTTNER: An der Online-Redaktion beeindruckt mich, wie schnell und direkt sie zur Sache kommt. Und sie hat oft das Gespür, eine Geschichte so zu drehen, dass sie sofort zum Punkt kommt. Das schafft aber auch Probleme. Die erste Version eines Artikels enthält oft Fehler, die dann erst im Laufe des Tages korrigiert werden. Ausserdem finde ich oft, dass die Tonalität im Newsnetz nicht dem entspricht, was der „Tages-Anzeiger“ ist. Skandalös fand ich zum Beispiel einen Titel wie: „Steve Jobs ist tot“. Nach dem Anklicken konnte man dann lesen: „… und andere Gerüchte“.

Klartext: Hoch im Kurs bei Tamedia sind Bildschirme, auf denen man in Echtzeit sieht, welche Artikel im Internet wie oft angeklickt werden. Befürchtest du, dass sich diese Klickmentalität auch auf den Print überträgt?
BÜTTNER: Ja, und wir wehren uns sehr dagegen. Manchmal muss man als Journalist auch an einer unspektakulären Geschichte dranbleiben, weil sie sich in eine spannende Richtung entwickeln könnte. Oder etwas zum Thema machen, das weitreichende Folgen haben wird. Das weiss man aber nicht zum Voraus. Ausserdem sagen Klicks nur beschränkt etwas über die Nutzung eines Artikels aus, denn anklicken heisst ja noch nicht lesen. Wenn der Klick das einzige Kriterium für die Qualität eines Artikels wird, drohen Oberflächlichkeit und Skandalisierung.

Klartext: Du hast deine Dissertation über Musik geschrieben, „Sänger, Songs und triebhafte Rede. Rock als Erzählweise“. Als Journalist schreibst du regelmässig über Rock- und Popmusik. Wie schwierig ist es, in einer Tageszeitung als Experte über ein Thema zu schreiben?
BÜTTNER: Das ist eine Frage, die sich jeder Journalist immer wieder stellen muss. Man liest Fachliteratur, führt Interviews, hört Musik – und versucht dann das Gelernte so zu formulieren, dass es die Leute verstehen und auch gerne lesen. Wenn man sehr viel über eine Sache weiss, wird es immer schwieriger, darüber zu schreiben. Das ist einer der Gründe, weshalb ich so gerne Reporter bin: Ich kann immer wieder auf eine Art Anfänger sein. Das Fachspezifische liegt mir überhaupt nicht. Das ist nicht die Art von Journalismus, die mich interessiert. Und ich wäre unglücklich nur in der Politik- oder nur in der Musikberichterstattung. Die Kombination von beidem ist toll.
Klartext: Man bezeichnet dich auch als „Edelfeder“. Was bedeutet dir das?
BÜTTNER: Das ist ein schreckliches Wort.
Klartext: Aber es bedeutet doch: „Er schreibt so schön.“
BÜTTNER: Ja, schon. Aber „edel“ finde ich einen furchtbaren Begriff, das klingt nach Kristallglas und höherer Gesellschaft. „Edelfeder“ ist für mich eine Beschimpfung. Wenn jemand sagt: „Der schreibt schön“, dann denke ich immer: „Denkt er auch gut?“
Klartext: Du sagst, du hättest den schönsten Beruf der Welt. Gibt es noch viele Journalistinnen und Journalisten, die das sagen können?
BÜTTNER: Ich unterrichte seit über 15 Jahren regelmässig am Medienausbildungszentrum MAZ. Dort stelle ich fest: Die Leute, auch wenn sie unter schlechten Bedingungen arbeiten, diskutieren spannend über ihre Arbeit. Selten treffe ich dabei Kollegen an, die sich langweilen oder nur auf etwas Besseres warten. Daraus schliesse ich, dass es anderen auch geht wie mir. Das Interessante ist ja: Journalismus hat in Umfragen oft einen sehr schlechten Ruf, zugleich aber ist er, wenn man an den Hochschulen fragt, nach wie vor ein heiss begehrter Beruf. ≠

Das Gespräch führten Bettina Büsser und Nick Lüthi am 26. Mai in Zürich.

Treuer Tagianer

Seit 25 Jahren schreibt Jean-Martin Büttner für den „Tages-Anzeiger“ – und wird es auch weiterhin tun. Die aktuelle Entlassungswelle hat er, anders als fast hundert seiner KollegInnen, unbeschadet überstanden. Nach anfänglich freier Mitarbeit für den „Tagi“ arbeitete Büttner ab 1990 als Inlandredaktor, wechselte als Korrespondent in die Westschweiz, später ins Bundeshaus. Heute arbeitet der promovierte Psychologe als Reporter mit Arbeitsplatz Bern für das Zürcher Blatt.

15. April 2009 von Bettina Büsser

Ueli Haldimann, haben Sie Ihre Redaktion im Griff?

Vom Sparen will der Chefredaktor des Schweizer Fernsehens nicht reden. Sehr
wohl aber über Effizienz und Produktivität. Was Ueli Haldimann genau darunter
versteht und wie er den Spagat zwischen Qualität und Quote aushält.

KLARTEXT: In der letzten KLARTEXT-Ausgabe hat der frühere Armeechef Keckeis „10 vor 10“ als den „grössten Skandal in unserem Land“ bezeichnet. Er bezog sich dabei auf einen Bericht über einen Flugunfall 1977, für den er verantwortlich gewesen sein soll. Trifft Sie als Chefredaktor solche Kritik persönlich?
Ueli Haldimann: Der Beitrag wurde vor etwa fünf Jahren ausgestrahlt, ich erinnere mich vage daran. Es gab einen Stummfilm davon, wie diese Mirage explodiert ist, und der zuständige Redaktor hat das mit einem Explosionsgeräusch unterlegt. Es ist zwar im Dokumentarbereich gang und gäbe, Stummfilmmaterial mit Geräuschen zu unterlegen. Aber in einer News-Sendung ist das nicht korrekt, wir haben das intern kritisiert. Ich muss aber sagen: Wenn das für Herrn Keckeis das grösste Problem ist, das die Armee hat, dann kann ich mich nur wundern.
KLARTEXT: Hat er sich je bei Ihnen beschwert?
Haldimann: Nein.
KLARTEXT: Kommt es oft vor, dass sich Personen bei Ihnen melden, die sich vom Schweizer Fernsehen ungerecht behandelt fühlen?
Haldimann: Sehr oft. Wir unterstehen ja einer vielfältigen Aufsicht, jedermann kann Popularbeschwerde beim Ombudsmann einreichen, sie an die UBI und ans Bundesgericht weiterziehen. Jedermann kann strafrechtlich oder zivilrechtlich gegen uns vorgehen. Die SRG ist neuerdings auch Mitglied des Presserates. Manche Leute schreiben direkt an den Generaldirektor, andere direkt an Ingrid Deltenre, andere an mich. Zudem stehen wir unter intensiver Beobachtung der Kolleginnen und Kollegen in den andern Medien, die sich gierig auf jedes falsche Adjektiv, das bei SF über den Sender geht, stürzen. Wir sind mit Abstand das meistkontrollierte und meistbeaufsichtigte Medienunternehmen in der Schweiz.
KLARTEXT: Im letzten halben Jahr haben Sie und Ihre direkten Untergebenen sich gleich mehrmals öffentlich entschuldigt: bei Ursula Wyss für das an Toni Brunner montierte Mikrofon, bei Ueli Maurer wegen der Interviewfragen von Hans Bärenbold. „10 vor 10“-Chef Utz hat sich wegen Falschinformationen zur Personenfreizügigkeit entschuldigt. Erfolgte das proaktiv oder auf Druck der Betroffenen?
Haldimann: Das erfolgte jeweils proaktiv. Wenn ein Fehler passiert ist, soll man dazu stehen. Trotz aller Kontrollen können Fehler passieren. Und ich bin auch nicht Verfechter eines Journalismus, der nie ein Risiko eingeht. Wer aktives Newsgetting betreibt, lebt riskanter als jene, die Communiqués wiedergeben. Bei der Personenfreizügigkeit, das war wirklich ein Fehler. Ich kann mir auch heute noch nicht erklären, weshalb die ganze Organisation, die an diesem Tag für „10 vor 10“ zuständig war, nicht gemerkt hat, dass der Beitrag von einer falschen Grundthese ausging. Wir haben diesen sachlichen Fehler am nächsten Vormittag sofort im Netz und am Abend in der Sendung richtiggestellt. Zur Geschichte mit Toni Brunner habe ich mich schon relativ breit geäussert: Der Autor des Films hat mit niemandem darüber gesprochen, dass er Brunner mit einem Ansteckmikrofon ausrüsten wollte. Und er ging davon aus, dass das mit der Sondergenehmigung zum Drehen von der Tribüne aus abgedeckt ist.
KLARTEXT: Und beim Maurer-Interview?
Haldimann: Ich habe es gesehen und gemerkt: Das ist nicht gut. Die Aggressivität, vor allem auch nonverbal und körpersprachlich – das ist nicht so, wie wir Interviews führen wollen. Als das Gespräch am Abend in die Zentrale überspielt wurde, hätte man merken sollen, dass wir das so nicht bringen können. Am nächsten Morgen habe ich Bärenbold angerufen und gesagt: „Ich möchte, dass du Mauer und Blocher anrufst und dich entschuldigst.“ Denn ich weiss, dass sowohl Blocher wie Maurer sehr nachtragend sein können. Am Abend habe ich deshalb Maurer angerufen und mich versichert, dass diese Sache mit der Entschuldigung Bärenbolds – und nur das brauchte es – erledigt ist. Ich habe dabei das Wort Entschuldigung nicht verwendet.
KLARTEXT: Beim Blick auf diese Fälle fragen wir uns: Funktioniert Ihre Qualitätskontrolle?
Haldimann: Insgesamt funktioniert sie sehr gut. Ich erinnere daran, dass SF von der Zeitschrift „Schweizer Journalist“ zur Redaktion des Jahres gewählt wurde. Man kann natürlich in jeder Redaktion noch zwei Kontrolleure mehr einsetzen. Aber das können wir uns nicht leisten. Ich unterscheide immer zwischen vermeidbarem Ärger und unvermeidbarem Ärger. Es gibt Beiträge, von denen ich weiss, dass sie zu Ärger führen werden. Aber wenn es richtig ist, sie zu senden, dann senden wir sie trotzdem. Was überflüssig ist, ist der vermeidbare Ärger.

KLARTEXT: Ihre Zuständigkeit erstreckt sich über fast zwei Dutzend Sendungen. Wie nah sind Sie als Chefredaktor am Programm dran?
Haldimann: Die Redaktionsleiter haben klare Leitplanken, sie wissen, was der Auftrag, was die Formensprache ihrer Sendung ist. Ich rede nicht ständig drein. Ich habe jede Woche eine Sitzung mit den Redaktionsleitern, wo wir intensiv über publizistische Fragen diskutieren. Dazu haben wir jeden Tag mehrere Koordinationssitzungen, geleitet von Nachrichtenchef Diego Yanez. Er sorgt dafür, dass keine Doubletten entstehen und wir keine wichtigen Geschichten verpassen. Das Ganze funktioniert so eigentlich sehr gut.
KLARTEXT: Die Breite der Sendungen, für die Sie verantwortlich sind, reicht von „Glanz & Gloria“ bis zur „Arena“. Sind Sie in allen Genres sattelfest?
Haldimann: Es ist nicht meine Aufgabe, mit sämtlichen Missen dieses Landes per Du zu sein. Aber trotzdem ist „g&g“ in unserer Abteilung am richtigen Ort. Die Sendung berichtet tagesaktuell aus der Welt der Schönen und Reichen, und sie nutzt freie Kapazitäten unserer Produktionsorganisation.
KLARTEXT: Gemäss publizistischen Leitlinien werden dem „People-Journalismus“ mehr Freiheiten gewährt, etwa punkto Quellenprüfung oder Verbreiten von Gerüchten, als dem Informationsjournalismus. Schmerzt Sie das?
Haldimann: Die Formulierungen stammen von mir, tun mir also nicht weh. Wenn in der Boulevardpresse berichtet wird, Angelina Jolie sei schwanger, ist das für „g&g“ eine Meldung, auch wenn es noch nicht bestätigt ist. Man muss es einfach korrekt mit den entsprechenden Quellenangaben melden. Wir können Angelina Jolie nicht ausblenden, wenn es uns nicht gelingt, mit ihr persönlich über dieses Thema zu sprechen.

KLARTEXT: SF teilt jeden Monat die aktuellen Quoten mit. Regelmässige Mitteilungen in Sachen Qualität vermisst man. Dabei heisst es doch in den publizistischen Leitlinien, man bemesse die Akzeptanz beim Zielpublikum nicht in erster Linie in Marktanteilen.
Haldimann: Ich bin froh, wenn Sie mir jetzt sagen können, wie man die Qualität messen kann. Was ist der KPI, der Key Performance Indicator, für Qualität?
KLARTEXT: Vielleicht die Anzahl Entschuldigungen?
Haldimann: Das glaube ich nicht. Wenn man sich entschuldigt, sagt das eher etwas darüber aus, ob man zu einem Fehler stehen kann. Nein: Die UBI hat letztes Jahr 21 Beschwerden gegen die Abteilung Information beurteilt und nur eine gutgeheissen. Das ist ja eigentlich ein Qualitätsindikator. Demoscope führt im Auftrag von SF auch jährlich eine Imagestudie durch, die wir jeweils kommunizieren. In dieser Studie hat die Information jährlich um 0,1 zugelegt und liegt jetzt bei der sehr guten Note 5,1. Noch wichtiger scheint mir aber, wie wir in unserer täglichen Arbeit wahrgenommen werden. Wenn man sieht, wie oft wir zum Beispiel rund um die Banken- und Wirtschaftskrise zitiert werden, würde ich behaupten, wir sind das führende Medium zu diesen Themen – obschon die Finanzkrise nicht ein besonders fernsehgeeignetes Ereignis ist. Wir haben die Primeurs, haben alle entscheidenden Players meist zuerst bei uns auf dem Sender, weil sie wissen, dass sie hier auf Augenhöhe ein Gespräch führen können und fair mit ihnen umgegangen wird. Daran misst man Qualität.

„Wir haben alle entscheidenden Players zuerst bei uns auf dem Sender, weil sie wissen, dass fair mit ihnen umgegangen wird.“

KLARTEXT: Ist es für Sie auch Qualität, wenn „10 vor 10“ regelmässig Leichtkost-Beiträge bringt? Kürzlich etwa über die Bilder im Büro von Bundesrat Ueli Maurer. Was er aufhängt, ist sicher eine Information. Aber wie die Journalistin mit Maurer rumkichert, sicher nicht.
Haldimann: Ich fand den Beitrag illustrativ. Es sagt etwas über eine Person aus, welche Bilder sie in ihrem Büro aufhängt. Es ist eine Information, dass Herr Maurer sich am wohlsten fühlt in einem Büro mit Bildern von Soldaten. Der Beitrag hätte vielleicht dreissig Sekunden kürzer sein können, irgendwann hatte man es begriffen. Im Übrigen zeigen sowohl die eigene Erfahrung als auch die Praxis bei vielen anderen Fernsehsendern, dass im Verlauf des Abends unterhaltende Aspekte auch in den Informationssendungen Platz haben können. Wichtig ist aber bei „10 vor10“, dass auch Themen mit einem unterhaltenden Aspekt einen Informationsgehalt behalten.
KLARTEXT: Wo ist die Grenze? Je später der Abend, desto unterhaltender darf es sein?
Haldimann: Wenn diese Maurer-Geschichte der Aufmacher gewesen wäre und dann ein Porträt von DJ Bobo und eine Reportage aus dem Camp von „MusicStar“ gekommen wären, hätte „10 vor 10“ tatsächlich seinen Auftrag nicht wahrgenommen. Aber ein solcher Beitrag als Teil eines Mix, das gehört eigentlich zum Auftrag von „10 vor 10“.
KLARTEXT: Die „Tagesschau“ vom 1. Februar brachte einen Beitrag zum Start der vierten Staffel von „MusicStar“. Gehört das in eine Nachrichtensendung?
Haldimann: Darüber kann man sicher diskutieren. Aber es ist Auftrag der „Tagesschau“, einen schnellen Überblick über alles Wichtige zu geben, was an diesem Tag geschehen ist. Es war der Tag der ersten „MusicStar“-Sendung. Wenn Sie mir sagen können, wir hätten an diesem Tag wegen „MusicStar“ ein wichtiges Thema verpasst, könnte man darüber diskutieren. Und wir bringen ja nicht jedes Mal in der „Tagesschau“, wer jetzt ausgeschieden ist.
KLARTEXT: Man könnte es ja auch so sehen: Die „Tagesschau“ wurde verlängert und muss nun mit beliebigen Stoffen aufgefüllt werden.
Haldimann: Das weise ich klar zurück. Wir haben mit der Verlängerung die Auslandsberichterstattung ausbauen können, ohne dass das Inland zu kurz kommt. „MusicStar“ ist zum Beispiel im „Tages-Anzeiger“ jedes Mal ein Thema, in allen Medien, bis und mit „Klartext“. Wieso sollen im Schweizer Fernsehen Themen, die offenbar so interessant sind, dass alle anderen Medien darüber berichten, tabu sein?

KLARTEXT: SF hat umfassende Regelwerke zur Qualitätssicherung. Tragen die Ihre Handschrift?
Haldimann: Die publizistischen Leitlinien habe ich verfasst. Mir ging es darum, einen Leitfaden zu schreiben, der im Alltag einsetzbar ist. Das heisst, er orientiert sich am journalistischen Recherche- und Produktionsprozess.
KLARTEXT: Wie sorgen Sie dafür, dass die Leitlinien nicht toter Buchstabe bleiben?
Haldimann: Bei der Einführung vor fünf Jahren haben wir zehn Veranstaltungen durchgeführt, jeweils mit 50 bis 60 Leuten, und in zwei Stunden die gesamten Leitlinien durchgearbeitet. Zudem gibt es für alle Journalistinnen und Journalisten, die neu zu SF kommen, Einführungsveranstaltungen. Darunter ist eine ganztägige von mir, wo es um journalistische Standards und um die Leitlinien geht. Ein wichtiges Instrument ist auch mein Chefredaktor-Newsletter, in dem ich alle zwei Wochen auf aktuelle Fragen eingehe.
KLARTEXT: Im Fall Lucie hat SF das Gesicht des mutmasslichen Mörders unverdeckt gezeigt. Der Presserat hat den Fall aufgegriffen und verweist auf frühere Entscheide, wonach die Freigabe eines Fahndungsbilds durch die Behörden kein Freipass für die Medien sei. Weshalb hat SF das Bild so gezeigt?
Haldimann: Ich habe entschieden, dass wir es so machen. Die Polizei hat das Bild ja nicht freigegeben, um voyeuristische Bedürfnisse zu befriedigen, sondern verbunden mit dem Aufruf, dass sich Frauen melden sollen, die mit diesem Mann Kontakt hatten. Wir haben auch einen gewissen Auftrag im Bereich der öffentlichen Sicherheit. Inzwischen zeigen wir das Bild wieder nur gepixelt und nennen den Namen des mutmasslichen Täters nicht. Generell darf es nicht unser Ehrgeiz sein, solche Bilder zu beschaffen. Unser Ehrgeiz muss sein, relevante Fragen zu stellen, wie in diesem Fall etwa nach Pannen in der Fahndung oder nach dem Erfolg der Rehabilitierungsbemühungen. Das haben wir getan. Gestern haben mehrere Zeitungen und Newsportale das Bild der 16-Jährigen veröffentlicht, die in Volketswil erschossen wurde. Wir haben es selbstverständlich nicht gebracht, da besteht null öffentliches Interesse. Wichtig ist auch, dass sich alle SF-Sendungen und Vektoren an die gleiche Linie halten, egal ob TV oder Online. Das gelingt inzwischen sehr gut.
KLARTEXT: In den publizistischen Leitlinien heisst es, sie gelten für Online nur „sinngemäss“. Wollen Sie da eine Hintertür offen lassen?
Haldimann: Dieser Abschnitt bezieht sich in erster Linie auf die unterschiedlichen Gegebenheiten bei der Produktion der beiden Medien, deshalb das Wort „sinngemäss“. Die Regeln zum Interview vor der Kamera sind online nicht anwendbar. Was aber den Umgang mit Persönlichkeitsrechten angeht, die Anhörung der Gegenseite, da gelten die Leitlinien genau gleich, egal ob online oder im TV.

KLARTEXT: Ist es Aufgabe von SF, einen umfangreichen Internet-Auftritt anzubieten?
Haldimann: Es wäre absolut verantwortungslos, wenn wir darauf verzichten würden, im Internet aktiv zu sein. Irgendwann wird man nicht mehr gross zwischen Fernsehen und Internet unterscheiden können. Vorderhand ist das lineare TV-Programm noch die mit Abstand wichtigste Freizeitbeschäftigung. Die 15- bis 30-Jährigen verbringen aber schon heute zum Teil mehr Zeit im Internet als mit herkömmlichen Fernsehprogrammen. Da wir im Internet auch bewegte Bilder zeigen können, ist es naheliegend, dass wir sie auch dort verwerten.
KLARTEXT: Auf sf.tv finden sich aber auch Textnachrichten und Agenturmeldungen, die keine direkte Anbindung an einen Fernsehbeitrag haben. Geht das nicht über den Auftrag hinaus?
Haldimann: Überhaupt nicht. Wir sind inzwischen so aufgestellt, dass wir sehr schnell reagieren können, wenn etwas passiert. Ein Beispiel: Beim Einsturz des Turnhallendachs in St. Gallen waren unsere Fernsehreporter – wir schicken keine Online-Reporter raus – sehr früh vor Ort und haben sofort mit dem Handy Standbilder und später bewegte Bilder nach Zürich geschickt. Was wir ohnehin fürs Fernsehen produzieren, haben wir zusätzlich auch online genutzt. Das liegt für mich absolut im Rahmen der geltenden Online-Strategie der SRG.
KLARTEXT: Sie beschreiben damit die Konvergenz von TV und Internet, zwei Medien, die nahezu vollständig verschmolzen sind.
Haldimann: Das wird in den nächsten Jahren noch viel weiter gehen.
KLARTEXT: Bei der SRG läuft die Diskussion, ob und wie auch das Radio Teil dieser Konvergenz wird.
Haldimann: Um fit zu sein für die Zukunft, ist es richtig und wichtig, Möglichkeiten zur intensiveren Zusammenarbeit zu suchen. Es ergibt etwa keinen Sinn, dass die SRG im Internet mehrere deutschsprachige Informationsangebote von Grund auf herstellt. Andererseits hat die SRG auch klar gesagt, dass die Frage der Studiostandorte nicht Teil des Konvergenzprojekts ist. Radio DRS wird weiterhin drei Studiostandorte haben. Damit ist auch gesagt, dass es bei der Konvergenz von Radio und Fernsehen nur beschränkte Möglichkeiten gibt. Aber es gibt sie. Zum Beispiel – wie erwähnt – online oder bei den Korrespondenten, im Inland und im Ausland.
KLARTEXT: So könnte auch Geld gespart werden.
Haldimann: Das Wort Sparen gefällt mir nicht. Wir haben den Auftrag, mit den vorhandenen Mitteln im Interesse des Publikums ein möglichst gutes Produkt zu machen. Effizienz und Produktivität sind für mich die Schlüsselworte, und nicht Sparen.
KLARTEXT: Sie wollen die vorhandenen Mittel effizienter einsetzen. Viele Leute möchten am liebsten gar keine Gebühren mehr bezahlen und wollen deshalb die Billag abschaffen.
Haldimann: Als ich gelesen habe, dass die Billag 55 Millionen Franken braucht, um die Gebühren einzuziehen, hielt ich es für einen Druckfehler. Insofern verstehe ich diesen Zorn, aber wir sind die falschen Adressaten dafür. Umgekehrt ist es schon so: Bei vielen Leuten hat das Fernsehen einen enormen Stellenwert in ihrem Leben. Meine wahrscheinlich viel zu simple populärpsychologische Erklärung dafür lautet: Sie projizieren eine latente Unzufriedenheit aufs Fernsehen und sein Programm. Die Tatsache, dass unser Erfolg beim Publikum anhält, zeigt aber, dass da keine negative Entwicklung stattfindet.

KLARTEXT: Bei der Presse wird laufend Personal und Leistung abgebaut. Welche Bedeutung kommt dem gebührenfinanzierten Fernsehen zu in einer Medienlandschaft, in der sich die Presse zunehmend aus ihrer Leitfunktion verabschiedet?
Haldimann: Ich stelle fest, dass wir tatsächlich in vielen Bereichen eine Leitfunktion haben und Referenzmedium sind. Das freut mich natürlich, gibt uns aber auch eine grosse Verantwortung. Es ist aber nicht so, dass wir ein Informations- oder Qualitätsmonopol anstreben. Es gibt eine sinnvolle Arbeitsteilung zwischen Print, Radio, Internet und Fernsehen.

„Es würde mich freuen, wenn im Privatfernsehen vermehrt Qualität
sichtbar würde.“

KLARTEXT: Beim Privatfernsehen ist eine Qualitätssteigerung absehbar; die Sender müssen als Gegenleistung für die Gebühren, die sie erhalten, in den regionalen Service public investieren. Was bedeutet das für SF?
Haldimann: Ich finde das prima. Es würde mich freuen, wenn vermehrt Qualität sichtbar würde. Im Moment investieren dank der Gebührengelder viele lokale Veranstalter massiv in Infrastruktur und Personal. Konkurrenz finde ich grundsätzlich gut, und ich fürchte sie nicht, im Gegenteil.

KLARTEXT: Chefreporter Christoph Müller ist Anfang März in Thailand bei der Einreise vorübergehend festgenommen worden. Was geschieht in einem solchen Fall, wenn ein Mitarbeiter von SF verhaftet wird? Gibt es eine Task Force, Routinen oder entscheidet man ad hoc?
Haldimann: Es kommt zum Glück nicht allzu häufig vor. Und wir haben keinen ständig tagenden Krisenstab – das ist so eine Schweizer Männerfantasie mit diesen Krisenstäben. Im Fall Müller haben wir einen Mitarbeiter bestimmt, Peter Lippuner, der in ständigem Kontakt mit Müller stand und sich intensiv um alles gekümmert hat.
KLARTEXT: In diesem Fall war nicht vorhersehbar, dass die Lage heikel würde. Ist sonst, bei Einsätzen in kritischen Situationen, der Chefredaktor die oberste Instanz, die sagt: Nein, da geht jetzt niemand von uns hin?
Haldimann: Wenn jemand in ein gefährliches Gebiet gehen will, werde ich informiert. Ich will genau hören, weshalb es zwingend ist, dass wir da hingehen. Es ist schon vorgekommen, dass ich gesagt habe: Das kommt nicht in Frage, das ist mir zu gefährlich. Wenn Leute in ein Krisengebiet gehen, spreche ich in der Regel mit ihnen darüber, welche Risiken sie eingehen – nämlich keine. Unsere Aufgabe ist es nicht, die geilsten Bilder aus den Schützengräben zu liefern. Während der Bombardierungen im Gazastreifen gab es vereinzelt Journalisten, die auf Schleichwegen dorthin gelangt sind und von dort berichtet haben. Ich habe unserem Korrespondenten André Marty – und das hat auch seiner Wahrnehmung entsprochen – klar die Weisung gegeben: Du gehst nicht in den Gazastreifen, bevor die Kampfhandlungen beendet sind.

KLARTEXT: Sie können sich sehr direkt und manchmal auch harsch äussern. Ist das auch Ihr Führungsstil?
Haldimann: Da meine Aufgabenpalette so breit ist, müssen meine Leute genau wissen, welches ihre Rolle und Aufgabe ist. Wenn sie wissen, wie sie diese Aufgabe erfüllen, rede ich im Detail nicht mehr drein. Vertrauen und eine lange Leine sind wichtig. Von Fall zu Fall treffe ich auch Abmachungen, deren Einhaltung ich kontrolliere. Man kann Journalisten nicht interventionistisch führen. Wichtig ist, dass immer wieder Gespräche stattfinden. Ich schätze es, direkt zu sein. Wer mich kennt, weiss das. Wer es nicht weiss, hat im ersten Moment vielleicht Mühe damit. Aber es gibt Dinge, die man besser klar äussert, als sie in Zuckerwatte zu verpacken.
KLARTEXT: Als Kommentator am Bildschirm sieht man Sie nie, anders als die Kollegen Chefredaktoren in Deutschland.
Haldimann: Das habe ich früher mal gemacht, heute nicht mehr. Ich geniesse das charakterliche Privileg, relativ frei von persönlicher Eitelkeit zu sein. Ich kann Ihnen sagen, dass es das Leben ungemein vereinfacht.
KLARTEXT: Ausser in Ihrem Blog …
Haldimann: … das würde ich nicht als Eitelkeit bezeichnen. Ich schreibe das Blog nun seit vier Jahren. Wenn ich gewusst hätte, dass jedes Wort als offizielle Äusserung des Schweizer Fernsehens angeschaut wird, hätte ich es wahrscheinlich gelassen. Ich habe auch viel zu wenig Zeit, mich ernsthaft darum zu kümmern.

KLARTEXT: Sie sind seit 2002 im Amt. In absehbarer Zeit wird SRG-Generaldirektor Armin Walpen pensioniert. Ein Posten, der Sie reizen würde?
Haldimann: Oh nein, das ist nicht meine Liga. Die Aufgabe von Armin Walpen ist 100 Prozent Politik und Management. Ich verstehe mich als Journalist. Mir ist es am liebsten, wenn ich journalistisch oder publizistisch etwas bewegen kann. ≠

Das Gespräch führten Bettina Büsser und Nick Lüthi am 13. März in Zürich.

Ueli Haldimann

nil./ In seiner Berufskarriere pendelte Ueli Haldimann (55) stets zwischen Fernsehen und Zeitungen. Als freier Journalist schrieb er bis 1985 vor allem im „Tages-Anzeiger“ über Medienthemen. Danach wechselte Haldimann ein erstes Mal zum Schweizer Fernsehen, wo er bis 1994 für „Kassensturz“ und „10 vor 10“ arbeitete, bis es ihn wieder weg vom Leutschenbach zurück an die Sihl zog. Als Chefredaktor der „SonntagsZeitung“ blieb er drei Jahre im Amt, bis er im Zuge der Affäre Jagmetti 1997 den Posten räumen musste. Zurück gings zum Fernsehen, diesmal als Newskoordinator. Schon nach einem Jahr lockte wieder das Papier: Bei der Pendlerzeitung „Metropol“ übernahm Ueli Haldimann den Chefposten, bis ihn Filippo Leutenegger als Redaktionsleiter „Rundschau“ zurückholte. 2002 schliesslich stieg er zum Chefredaktor auf und seit 2004 darf sich Haldimann auch stellvertretender Fernsehdirektor nennen und ist damit Nummer zwei hinter Ingrid Deltenre.

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EDITO Ausgabe: 4 | 2017
  • Native Advertising I: Wie und wo es getan wird und warum es ein IKEA-Problem gab
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