6. Mai 2009 von Helen Brügger

Nächste Runde

Gelten die berufsethischen Regeln auch für Verleger? Ein entlassener Redaktor beanstandet die \”tendenziöse\” Interpretation eines Presserat-Entscheids durch Edipresse.

hb. Die Affäre \”Bilan\” geht weiter. G. M., der letzten Sommer als Redaktor von \”Bilan\” entlassen wurde, weil er berufsethische Verstösse seines Chefredaktors kritisiert hatte, reichte am 3. Mai beim Presserat eine Klage gegen Edipresse ein. Mit seiner Klage gegen den Verleger von \”Bilan\” sowie gegen den Chef der Edipresse-Printprodukte Theo Bouchat will er die Frage der Verlegerverantwortung bei berufsethischen Verstössen geklärt haben.
Inhalt der Klage: Bouchat habe mit seiner hausinternen Vorabinformation am 27. Februar, das heisst einen Tag vor der Medienkonferenz des Presserats (vgl. Klartext 2/2001), den Edipresse-Redaktionen eine \”tendenziöse\” Interpretation des Urteils geliefert. Damit habe er sich als Verlagsvertreter verhalten wie ein Werbeunternehmen, das sein Produkt verteidigt. Ein solches Verhalten ist laut den berufsethischen Regeln für JournalistInnen verboten. Umso mehr, so M., müsste es eigentlich auch Verlegern untersagt sein. Die Vorabinformation des Edipresse-Verantwortlichen habe zudem zum Ziel gehabt, die Informationsfreiheit der Redaktionen einzuschränken, was laut den berufsethischen Regeln ebenfalls geächtet werden müsste.
In einem zweiten Punkt bezieht sich M. auf das Urteil des Presserats zum Fall \”Bilan\” vom 28. Februar selbst. Dort wurde nämlich festgehalten, dass die Drohung mit einem Inserateboykott nicht nur vom betroffenen Blatt, sondern von allen Medienschaffenden, die davon erfahren, publik gemacht werden muss. Umso mehr hätten auch Edipresse und Theo Bouchat die Boykottdrohung der Rentenanstalt öffentlich machen müssen. Weil die Fragen M\’s zur Boykottdrohung sowohl vom Chefredaktor wie auch vom Verlag unter den Tisch gewischt worden waren, will M. nun wissen, ob sich nicht auch der Verlag eines Fehlverhaltens schuldig gemacht hat.
Im dritten Punkt greift M. schliesslich eine Information von Klartext auf. Klartext zitierte den Journalisten Hubert Mooser, der nach einer Intervention Theo Bouchats bei Verleger Coninx seine Arbeit rechtfertigen musste (4/2000). Falls Bouchat wirklich interveniert habe, komme dies einer weiteren Verletzung der Informationsfreiheit gleich. Die berufsethischen Regeln des Journalismus hätten nur einen Sinn, wenn der Verleger den JournalistInnen die Freiheit lasse, sie zu beachten, wenn er die Informationsfreiheit der JournalistInnen nicht einschränke und auch nicht versuche, sie zu beeinflussen, schliesst M..
Das Urteil des Presserats wird in zweierlei Hinsicht von Interesse sein. Ist der Presserat angesichts der Tatsache, dass keine andere Kontrollinstanz existiert, auch für eine Klage gegen einen Verleger zuständig? Die zweite Frage ist ebenso brisant: Sind die berufsethischen Regeln auch für Verleger gültig?

Neue Mediencharta?

Am 3. Mai, dem internationalen Tag der Pressefreiheit, lud die Gewerkschaft Comedia in Genf zu einer Diskussion über die Bedrohung der Pressefreiheit durch verlegerische Profitgier. Der Abend war das erste öffentliche Auftreten des Sektors Presse in der Westschweiz und der Versuch einer Bilanz zur Affäre “Bilan”.
Comedia-Sekretär Bruno Clément forderte mehr “interne Pressefreiheit”, das heisst das Recht auf verlegerisch unbeeinflusste journalistische Arbeit. Der Comedia-Forderungskatalog stipuliert die Ausarbeitung von internen Chartas in Zusammenarbeit zwischen Verlag und Redaktion. Gefordert wird das Recht, bei Entscheiden über publizistische Linie, Werbe- und Personalpolitik mitzureden. Ausserdem wird die Einrichtung von internen paritätischen Gremien gefordert, die im Fall von berufsethisch motivierten Klagen angerufen werden können. Die Gewissensklausel soll ausgeweitet und im Fall von berufsethischen Problemen angewendet werden können. Schliesslich soll jedem Journalisten das Recht zugestanden werden, einen Auftrag abzulehnen, der mit den berufsethischen Regeln nicht zu vereinbaren ist.

6. Mai 2009 von Klartext

David gegen Goliath

Ein Journalist kann berufsethische Fragen stellen. Er riskiert aber die Entlassung, wenn er mit der Antwort des Verlegers unzufrieden ist.

hb./ Verstösse gegen berufsethische Regeln in der Folge eines Chefredaktorenwechsels kritisierte vor drei Jahren G. M., Redaktor beim Wirtschaftsmagazin \”Bilan\” (siehe KLARTEXT 4 und 5/2000). Er wollte damals wissen, ob der Verleger Edipresse diese Verstösse decke. Die Antwort hiess Entlassung. M. klagte daraufhin wegen missbräuchlicher Kündigung.
Das unlängst publizierte Urteil des Kantonsgerichts Waadt ist vernichtend. Die Richter übernehmen vollumfänglich die Sichtweise des Verlags: Der Arbeitgeber habe die von M. aufgeworfenen Fragen behandelt und sei zum Schluss gekommen, dass keine gravierenden Verstösse gegen die Berufsethik vorlägen. Der Kläger habe das nicht einsehen wollen und mit seinem hartnäckigen Beharren das Klima vergiftet.
Der berufsethische Konflikt bei \”Bilan\” hatte sowohl eine wirtschaftliche wie eine demokratie-relevante Dimension, nämlich: Mit welcher Unabhängigkeit muss ein Wirtschaftsblatt über wirtschaftliche Akteure berichten? Das Urteil des Kantonsgerichts macht aber daraus das psychologische Problem eines uneinsichtigen Einzelnen. Die Richter befanden, dass die Kündigung nicht wegen M\’s Engagements für die Berufsethik in einer Edipresse-Personalkommission (der so genannten Koordination) erfolgt sei, sondern wegen Vertrauensbruchs zwischen M\’s und Chefredaktor Alain Jeannet. Die Richter stützen sich dabei auf die Aussagen von drei Edipresse-Kadern.
Das Gericht urteilte auch über ein im Westschweizer GAV verankertes Recht: Gibt ein Wechsel in der redaktionellen Linie das Recht auf Abgangsentschädigungen für RedaktorInnen? Das Gericht wischt die Frage vom Tisch, mit der Begründung, dass der Kläger bei seinen KollegInnen keine Mehrheit für die These eines Linienwechsels gefunden habe. Dass vorher zwei andere Mitglieder der Redaktion und Monate später eine weitere Kollegin das Handtuch warfen, ist für das Gericht nicht von Belang. Dass der Schweizer Presserat bei der Beurteilung der berufsethischen Verstösse zu einem differenzierten Urteil kommt und dem Kläger in immerhin drei Punkten Recht gibt, berücksichtigt das Gericht ebenfalls nicht.

Opfer seines Engagements
Für Mathieu Fleury, Zentralsekretär des Verbands Impressum, ist M. zum Opfer eines Kräftemessens geworden: \”Es ging unter anderem um die Anerkennung der ‚Koordination‘. Sie wurde zwar schliesslich von Edipresse als Gesprächspartnerin anerkannt, doch Edipresse konnte nicht so weit gehen, M\’s Engagement in der Koordination als Kündigungsgrund gelten zu lassen.\” Pierre Meyer, Auslandredaktor bei der \”Tribune de Genève\” und zum Zeitpunkt des Konflikts Sprecher der Koordination der Edipresse-RedaktorInnen, ist ebenfalls enttäuscht: \”Nehmen wir an, dass tatsächlich ein Bruch des Vertrauensverhältnisses stattgefunden hat. Weshalb wohl, wenn nicht wegen dem berufsethischen Konflikt!\” Der Konflikt sei von Edipresse unter Beibehaltung der Betriebshierarchie behandelt worden: \”Berufsethische Fragen und betriebliche Hierarchien gehen aber nicht gut zusammen! Wir hatten Recht, als wir eine aus unabhängigen, externen Persönlichkeiten zusammengesetzte Instanz forderten.\”
Comedia-Sekretär Bruno Clément findet das Urteil gewerkschaftsfeindlich: \”M. ist nicht formell als Mitglied der Koordination entlassen worden, aber mit Sicherheit in der Folge einer gewerkschaftlichen Aktivität.\” Das Urteil zeige, dass es schon heute extrem schwierig sei, in einem Presseunternehmen berufsethische Fragen zu stellen. Clément sieht noch ein weiteres Problem: \”Jetzt haben die Verleger auch noch ein formelles Beitrittsbegehren zum Schweizer Presserat gestellt. Wenn das durchkommt, haben die Journalisten gar nichts mehr in der Hand.\” Cléments Schlussfolgerung: \”Die ‚Charta der Pflichten und Rechte der JournalistInnen‘ sollte in Zukunft in jedem Arbeitsvertrag verankert werden, damit die Verleger darauf verpflichtet werden können.\”
Und G. M.? Er selbst meint bitter: \”Ich habe bis heute keine Antwort auf meine Frage, was ein Redaktor tun kann, wenn er vermutet, in seinem Betrieb werde die Charta verletzt.\” Laut Presserat sei ein Journalist dazu verpflichtet, gewisse Verstösse wie etwa wirtschaftlichen Druck von Inserenten öffentlich zu machen, während der Verleger nicht verpflichtet sei, die Charta zu schützen. Daraus könne eine regelrechte Falle für Journalisten entstehen. \”Was ist das für eine Ethik, die nicht gleichermassen für alle gilt?\” Nach Ansicht von Rechtsanwälten hätte ein Rekurs vor Bundesgericht keine Chance: Rein juristisch sei am Urteil nichts auszusetzen. – Goliath hat gewonnen. Wieder einmal.

20. August 2007 von Bettina Büsser

Stellen gesucht

„Cash“ und „Facts“ wurden eingestellt, 110 Personen entlassen. Finden sie wieder eine Stelle?

Vorneweg: Es mag zwar arbeitsrechtskonform sein, mutet aber zynisch an, wenn in den Medienmitteilungen zur Einstellung von „Cash“ bzw. „Facts“ der Satz „Der Entscheid steht unter dem Vorbehalt der Mitwirkungsrechte der betroffenen Mitarbeitenden“ zu finden ist. Als ob Ringier und Tamedia zugestimmt hätten, wenn die MitarbeiterInnen Ideen vorgebracht hätten, wie ihr jeweiliges Produkt noch ein, zwei Jahre hätte weitergeführt werden sollen.
Stattdessen waren bei Ringier 46, bei Tamedia 64 Entlassene an einer neuen Stelle unterzubringen. Ringier gab Mitte Juli bekannt, für 36 Ex-„Cash“-Mitarbeitende sei bereits eine Lösung gefunden: 15 hätten Stellen bei Ringier-Titeln gefunden, acht ausserhalb von Ringier, vier hätten bereits vor der „Cash“-Einstellung gekündigt, vier bildeten sich weiter und fünf liessen sich vorzeitig pensionieren. Und von den zehn Übriggebliebenen arbeiteten vier in einem befristeten Arbeitsverhältnis bei Ringier, sechs seien weiterhin auf der Suche. An diesen Zahlen hat sich – sommerferienbedingt – kaum etwas verändert.

Von „Cash“ zu „Cash Daily“
Elf ehemalige „Cash“-MitarbeiterInnen haben laut Rüdi Steiner, Chefredaktor „Cash“-Medien, bei „Cash Daily“ eine neue Stelle gefunden; dafür wurden achteinhalb Stellen neu geschaffen. „Es gab Ausbaupläne für ‚Cash Daily‘“, so Steiner, „aber zum Zeitpunkt der Einstellung von ‚Cash‘ haben wir noch nicht gewusst, wie viele neue Stellen es bei ‚Cash Daily‘ geben soll, denn es gab verschiedene Szenarien.“ „Selbstverständlich“ sei allen „Cash“-Leuten mitgeteilt worden, welche Stellen bei „Cash Daily“ offen seien und dass man sich bewerben könne, so Steiner weiter. Allerdings habe es nicht so viele Bewerbungen gegeben, manche der jetzt Angestellten habe er aktiv angesprochen. Im Bereich Produktion, wo zweieinhalb neue Stellen geschaffen wurden, sei überdies noch nicht ganz sicher, ob es diese Kapazitäten vollumfänglich auf Dauer brauche: „Deshalb wurde mit den Leuten abgesprochen, dass sie andernfalls nach drei Monaten in den Sozialplan-Prozess zurückkehren können, ohne Nachteile zu erleiden.“
Im Fall „Facts“ ist die Situation weit unklarer. Der zuständige Bereichspersonalleiter weist bei der Frage nach „untergebrachten“ „Facts“-Leuten an die Pressestelle weiter, wo Christoph Zimmer, Leiter Unternehmenskommunikation Tamedia, erklärt, es sei noch zu früh, um zu sagen, wie vielen eine Stelle angeboten werden konnte: „Wir haben bis Ende Juni Verhandlungen über den Sozialplan geführt, nun wird mit allen Mitarbeitenden ein Gespräch über ihre Möglichkeiten und Vorstellungen geführt. Einigen konnte man bereits ein Angebot machen. Aber noch sind die Gespräche nicht abgeschlossen, und bevor es so weit ist, möchten wir keine Zahlen kommunizieren.“

Kaum freie Stellen bei Tamedia
Zahlen kennen – auch sommerferienbedingt – die ehemaligen „Facts“-MitarbeiterInnen ebenfalls nicht. Der eine oder die andere ist bereits in einer anderen Tamedia-Publikation untergekommen, doch: „Mindestens die Hälfte wird ausserhalb von Tamedia landen, weil innerhalb gar keine Stellen frei sind“, ist zu erfahren. Denn beim „Tages-Anzeiger“ gelte ein Einstellungsstopp, bei der „SonntagsZeitung“ werde jedenfalls nicht aufgestockt. Das ist im Vergleich mit den neu geschaffenen „Cash Daily“-Stellen natürlich wenig bis gar nichts.
Einigen „Facts“-Leuten wurde aber offenbar signalisiert, in nächster Zeit gebe es „etwas Neues“. Dabei handelt es sich wahrscheinlich um die neue Gratiszeitung, an deren Konzept bei Tamedia gearbeitet wird. Bloss: Ob sich dort qualifizierte Stellen finden und ob die neue Zeitung gar nur als Drohgebärde gegen das Projekt „.ch“ von Sacha Wigdorovits aufgezogen wird – Tamedia hat diese Strategie im Gratiszeitungsmarkt ja auch schon verfolgt –, weiss niemand. An der Nachhaltigkeit der Stellen wird entsprechend gezweifelt, genauso wie an der Nachhaltigkeit der Stellen bei „Cash Daily“.
Was aber bei Tamedia und Ringier unterschiedlich wahrgenommen wurde, ist das Bestreben des Unternehmens, den Entlassenen zu neuen Stellen zu verhelfen. „Wer von uns bisher eine Stelle gefunden hat, hat dies autonom geschafft, über persönliche Connections“, ist aus der ehemaligen „Facts“-Redaktion zu erfahren. „Wenn im Haus Stellen frei sind, können wir uns bewerben und werden behandelt wie Bewerber von aussen. Wir haben nicht den Eindruck, dass Personalabteilung oder Konzern Redaktionsleiter anweisen, vorzugsweise ‚Facts‘-Leute einzustellen. Das ist anders als bei Ringier.“ In der Tat ist von „Cash“-Leuten Lob für die HR-Abteilung zu hören, die sich sehr eingesetzt habe: „Und für den elenden Entscheid, ‚Cash‘ zu schliessen, können sie ja nichts.“

„Facts“-Sozialplan: Erst nach Protesten
Unterschiede zwischen Tamedia und Ringier bestätigt auch Serge Gnos, Zürcher Comedia-Regionalsekretär Presse/Elektronische Medien: „Tamedia war viel härter in der Kommunikation, wollte sich den Fragen nicht stellen und nicht verhandeln. Diese Art des Umgangs hat die Leute sehr verärgert. Bei Ringier war der Ton anders, man zeigte den ‚Cash‘-Leuten gegenüber mehr Respekt.“
Die harte Kommunikation der Tamedia-Leute – das Verhalten einzelner wird von „Facts“-Leuten gar als „kaltschnäuzig“ bezeichnet – und ihre Weigerung, über einen Sozialplan zu verhandeln, hat die „Facts“-Redaktion zu für Schweizer Medienverhältnisse ungewöhnlichen Massnahmen getrieben: eine Flugblattaktion an der Tamedia-GV, am 26. Juni gar einen Streik. „Die einstündige Protestpause war ziemlich einmalig – die letzte Arbeitsniederlegung auf einer Deutschschweizer Redaktion war der ‚Tat‘-Streik 1978. Die Aktion der ‚Facts‘-Redaktion hat gezeigt: Wenn eine Redaktion entschlossen ist und geschlossen auftritt, kann sie Druck auf den Arbeitgeber ausüben und etwas erreichen“, sagt Comedia-Zentralsekretärin Stephanie Vonarburg.
Auch bei Tamedia wurde schlussendlich ein Sozialplan beschlossen, der von der Redaktion akzeptiert wurde – es dauerte einfach etwas länger als bei Ringier, obwohl es auch dort phasenweise „harzig“ zuging. Die beiden Sozialpläne sind laut Vonarburg „vergleichbar und unterm Strich ähnlich gut“.

11. Juli 2007 von Bettina Büsser

Der Letzte macht das Licht aus

Die MediendokumentalistInnen waren einst hoch qualifizierte Fachleute, dann hat die Digitalisierung ihre Arbeitswelt verändert und die Nachfrage nach ihren Recherchekenntnissen schwinden lassen.

Sie waren die HüterInnen des Wissens: Aus Unmengen von Mappen oder Couverts holten sie mit einigen wenigen Griffen diejenigen heraus, welche Zeitungsausschnitte zu den gesuchten Themen enthielten. Oft dachten sie dann kurz nach, holten eine weitere Mappe und präsentierten einen weiteren Text, der zwar nicht vom Schlagwort, aber sehr wohl vom Inhalt her für die Recherche wichtig schien. Sie kannten offenbar, so schien es der staunenden Beobachterin, jeden Artikel in einem riesigen Archiv. Sie suchten in Nachschlagewerken oder gar in „Datenbanken“, einem Instrument, das sonst von irgendwelchen InformatikerInnen verwendet wurde, ganz sicher nicht von normalen JournalistInnen.
So wirkten die MediendokumentalistInnen in den achtziger Jahren. Doch die Zeiten haben sich massiv verändert. Die Digitalisierung und die Schweizerische Mediendatenbank, 1996 von Tamedia, Ringier und SF gemeinsam aufgezogen, erlauben heute allen JournalistInnen eine Volltextsuche in digitalisierten Presseprodukten – kundige Hilfe von Fachleuten, so scheint es, ist überflüssig geworden. „Der Letzte macht das Licht aus“, witzeln MediendokumentalistInnen über die Zukunft ihres Berufs. Und „Licht aus“ heisst es tatsächlich seit Anfang Jahr bei Tamedia: Bild- sowie Textdokumentation sind geschlossen, die insgesamt fünf Dokumentations-Stellen gestrichen, die sechs DokumentalistInnen entlassen.
Davon nicht mehr betroffen war der langjährige Tagi-Dokumentalist Otto Dudle, der den Aufbau der Tagi-Dok miterlebt und geprägt hat; er hat sich 2004 frühpensionieren lassen. Dudle, gelernter Bibliothekar, kam Ende der siebziger Jahre ins Haus „Tages-Anzeiger“: „Damals hiess die Dokumentation noch Redaktions-Archiv, weil nur der ‚Tages-Anzeiger‘ archiviert wurde. Alles sehr rudimentär, die Erschliessung der Produkte sehr zufällig.“ Schritt für Schritt wurden Strukturen geschaffen, die Erschliessung systematisiert, mehr Presseprodukte ausgewertet. Die Nachfrage der JournalistInnen wuchs. Anfang der achtziger Jahre war aus dem Tagi-Archiv die Tagi-Dokumentation geworden, „und eine Dokumentation ist eine Informationsvermittlungsstelle, die sehr aktiv auf die Bedürfnisse der Leute eingeht“, wie Dudle definiert. Mit der Lancierung der „SonntagsZeitung“ durch Tamedia stieg die Nachfrage weiter, die Doku führte die Sieben-Tage-Woche ein und wurde personell aufgestockt. Bild- und Textdokumentation wurden getrennt, und weil die Anzahl der archivierten Texte und Bilder wuchs und wuchs, wurde die Erschliessungs-Systematik verfeinert: Sonst, so Dudle, wären die Dossiers zu gross und unübersichtlich geworden. Die Systematik wurde übrigens von den Dok-Angestellten unter Dudle selbst entwickelt – wie bei anderen Mediendokumentationen, etwa Ringier, ebenfalls.

„Viele Mitarbeitende
in den Mediendokumentationen sind heute um die sechzig. Manche von ihnen mögen sich nicht mehr auf neue Technologien einlassen.“
Anonymer Dokumentalist

Es war eine Zeit des Ausbaus, der Entwicklung, es war die Zeit der Mediendok-GründerInnen-Generation, welche Vorstellungen und Konzepte bis zur Digitalisierung prägen sollten. „Es gab unter ihnen Universalgelehrte mit hohem Ethos“, sagt heute eine jüngere Dokumentalistin und nennt als Beispiele Otto Dudle und Romain Maillard, den früheren Leiter der Dokumentation des Schweizer Fernsehens. Einige Mitglieder dieser GründerInnen-Generation sind heute schon pensioniert, andere stehen noch im Arbeitsprozess. Das, so findet ein Dokumentalist, habe seine problematische Seite: „Weil alle Mediendokumentationen so um die Mitte der siebziger Jahre entstanden sind, sind viele Mitarbeitende heute um die sechzig. Manche von ihnen mögen sich nicht mehr auf neue Technologien einlassen.“ Dieser Umstand hat beim Fernsehen Entlassungen verhindert: „Wir können den Stellenabbau zurzeit durch Pensionierungen auffangen“, sagt Herbert Staub, Leiter Dokumentation BildTextTon SF. Dafür könne man aber keine neuen Leute einstellen, „es gibt eine Tendenz zur Überalterung“.
Beim Fernsehen hat man darauf mit der Schaffung von Lehrstellen reagiert – das bringt junge Leute in die Dok: Seit vier Jahren werden in der Mediendokumentation Informations- und Dokumentations-AssistentInnen ausgebildet. Kann Staub aufgrund der Zukunftsaussichten zu dieser Berufswahl raten? „Das Aufgabenfeld Information/Dokumentation wird sicher weiter bestehen, aber es wird sich verändern“, sagt Staub. „Wir sagen unseren Lehrlingen: Wir können euch ausbilden, euch aber nachher keine Stelle garantieren.“

„Wir sagen unseren Lehrlingen: Wir können euch ausbilden, euch aber nachher keine Stelle garantieren.“
Herbert Staub,
Leiter Dokumentation BildTextTon SF

Die Ausbildung I- und D-AssistentIn existiert seit 1998, ebenso das Studium der Informationswissenschaft an der HTW Chur; auch Ausbildungen wie I- und D-SpezialistIn oder Nachdiplomstudien sind in den letzten zehn Jahren entstanden. Deshalb haben nur wenige MediendokumentalistInnen solche Ausbildungen durchlaufen. In seiner Anfangszeit als Dokumentalist, so erzählt Otto Dudle, der später selbst an der Hochschule in Chur unterrichtet hat, sei eine dreiwöchige Ausbildung angeboten worden, „etwas anderes gab es nicht“. Er habe sich dann in den achtziger Jahren in Deutschland weitergebildet: „Ein Teil meiner Kolleginnen und Kollegen haben diese Kurse ebenfalls besucht. Ein paar Jahre lang hat das Fernsehen eine Art Kopie dieser deutschen Kurse durchgeführt. Doch die hauptsächliche Ausbildung lief am Arbeitsplatz, dort wurde das Know-how vermittelt.“ Dazu gehörte mit der Zeit der Umgang mit Datenbanken, die ab 1985 genutzt wurden; ab 1989 baute die Tagi-Dok ihre eigene Datenbank auf.
Nach wie vor waren aber das Papierarchiv, wie auch Nachschlagewerke und Bibliotheken zentrale Arbeitsmittel – und persönliche Kontakte: „Man hat relativ viele Leute gekannt, die einem bei der Informationsbeschaffung weiterhelfen konnten“, erzählt Dudle. Alle möglichen Instrumente wurden genutzt, schliesslich, so Dudle, lautete das Selbstverständnis der MediendokumentalistInnen: „Unsere Aufgabe ist es, die Informationen, die von den Journalisten gefragt sind, über welche Wege und Kanäle auch immer zu beschaffen. Als Informationsspezialisten sind wir Partner der Journalisten, wir arbeiten am gleichen Produkt wie sie – und wir waren immer stolz darauf, einen Beitrag zum gemeinsamen Produkt, einem Artikel, zu leisten.“
Die Digitalisierung setzte dieser Partnerschaft ein Ende. 1993 beschlossen die drei Unternehmen Tamedia, Ringier und SRG den Aufbau einer gemeinsamen digitalen Datenbank, der Schweizerischen Mediendatenbank (SMD); sie nahm 1996 den Betrieb auf. Die angeschlossenen Medienunternehmen liefern seither ihre Produkte im Volltext an die SMD, dort werden sie technisch und inhaltlich bearbeitet und sind wiederum von den JournalistInnen der angeschlossenen Unternehmen und externen KundInnen abrufbar – ohne Kontakt mit DokumentalistInnen. „Die Journalisten kamen nur noch zu uns, wenn sie irgendwo nicht weiter kamen oder technische Probleme hatten“, sagt Dudle. „Der Kontakt hat sich immer stärker reduziert.“ Damit hat sich auch der Status der DokumentalistInnen gewandelt: „Seit es die SMD gibt, haben wir an Wert verloren“, sagt eine Dokumentalistin kurz und bündig.
Trotz Volltext und Digitalisierung gab es in der SMD Aufgaben für DokumentalistInnen der SMD-Aktionäre Tamedia, Ringier und SRG: Sie erfassten die hereinkommenden Texte. Jeweils zwei MitarbeiterInnen von Ringier und SRG und einE MitarbeiterIn von Tamedia waren auf der SMD präsent: „Wir haben die Artikel ausgewählt, die wir inhaltlich für wertvoll gehalten haben und bei denen wir davon ausgegangen sind, dass sie später wieder gefragt sind“, erklärt Dudle. „Diese Auswahl von Artikeln haben wir beschlagwortet, haben ihnen also aus einem vorgegebenen Raster Begriffe zugewiesen, mit Hilfe derer sie später gezielt gesucht werden konnten.“ So gab es bei der SMD zwei Recherche-Möglichkeiten: Bei der Volltext-Recherche wurde in allen vorhandenen Texten gesucht, bei der „Erschliessung“ hingegen wurden nur die von MediendokumentalistInnen ausgewählten relevanten Texten nach den „genormten“ Begriffen durchsucht.
Eine Aufgabe der DokumentalistInnen war es, die JournalistInnen im Umgang mit der Datenbank zu schulen. Doch, so stellt Herbert Staub, Leiter Dokumentation BildTextTon SF, fest: „Die Journalisten arbeiten fast alle mit der Volltextsuche, die SMD hat ihnen die ‚Erschliessung‘ nicht so benutzerfreundlich präsentieren können, dass sie genutzt wurde.“ Deshalb stelle sich die Frage, ob der Aufwand gerechtfertigt sei: „Bei der SMD gab es fünf Stellen für die Beschlagwortung – aber genutzt wurde diese Rechercheversion nur von Dokumentalisten, einer kleinen Minderheit der SMD-Kunden.“ Einer verschwindend kleinen Minderheit? „Der Prozess ist überall derselbe, ob Text-, Bild- oder Tondokumentationen: Die Digitalisierung macht einen Ausbau der Serviceleistungen der Dokumentationen möglich, zum Beispiel mit Datenbanken, in denen sich die Journalisten selber bedienen können. Die Folge: Es braucht weniger und anders qualifizierte Leute auf den Dokumentationen. Bei SF war das zuerst 1996 bei der Textdokumentation der Fall, dann bei der Bilddokumentation und schliesslich auf Anfang 2006 bei der Tondokumentation“, sagt Staub. Die drei Dokumentationen wurden zusammengelegt; sie umfassen laut Staub heute 14 Stellen – etwa ein Drittel weniger als vor zehn Jahren.
Weniger Stellen auch bei der Ringier-Textdokumentation: Laut Prisca Wolfensberger, Leiterin Medienstelle, arbeiten dort aktuell 10 Personen mit 820 Stellenprozent, in den letzten fünf Jahren wurden vier weggegangene Personen, insgesamt 380 Stellenprozent, nicht ersetzt.
Bei der „Basler Zeitung“, so berichtet Roger Berger, Leiter Information und Dokumentation, weht der Dokumentation ebenfalls „die steife Brise der Digitalisierung ins Gesicht“. Dort arbeiteten Anfang der neunziger Jahre sechs Personen auf der Doku, vier davon im Textbereich für die BaZ-Redaktion, heute sind es noch zwei Stellen, eine davon ist für die Redaktion zuständig.
Und bei der NZZ arbeiteten laut Ruth Haener, Leiterin Archiv und Dienste, im Jahr 2000 sechs Personen mit einem Stellenbudget von 580 Prozent im NZZ-Archiv, heute teilen sich drei Personen 270 Stellenprozent. Der Abbau habe nicht mit der SMD zu tun, sagt Haener, denn die NZZ sei keine Partnerfirma der SMD. Auslöser von Veränderungen sei der vereinfachte Zugang zu Informationen im Internet allgemein.
Die Jean Frey AG hat die Dokumentation schon 2003 ganz abgeschafft, Tamedia in diesem Jahr. „Elektronische Archive existieren bereits seit Jahren und werden journalistisch genutzt. Unsere Textdokumentation wurde von den Redaktionen entsprechend weniger genutzt, was zu mangelnder Auslastung führte. Die Bildokumentation ist ebenfalls geschlossen. Die Bildarchiv-Bestände werden gesichert, Bilder werden dezentral von den jeweiligen Fotografen verwaltet“, ist von Eta Pavlovic von der Tamedia-Unternehmenskommunikation dazu zu erfahren. Damit sind alle Artikel und Bilder des „Tages-Anzeigers“, die vor 1996 erschienen sind und nicht digitalisiert wurden, nicht mehr zugänglich.
Die fünf Dokumentations-Stellen, die in der SMD für die Beschlagwortung zuständig waren und von den drei Aktionären gestellt wurden, sind ebenfalls entfallen: Seit Anfang Jahr übernimmt dort eine neue Software die Beschlagwortungs-Aufgabe. Bei Ringier und SF wurden diese MitarbeiterInnen wieder in der internen Dok beschäftigt, ein Tamedia-Dok-Mitarbeiter wurde direkt bei der SMD angestellt. „Wir haben auf ersten Januar die Zahl der festangestellten Dokumentalisten von 100 auf 250 Stellenprozente erhöht“, sagt denn auch SMD-Geschäftsleiter Jürg Mumprecht, zudem sei das Team für „Flickarbeiten“ an den elektronisch angelieferten Dokumenten im Aufbau begriffen.
Diese „Flickarbeiten“ haben zur Frühpensionierung von Otto Dudle beigetragen: Unter anderem gehörte es zu den Aufgaben der SMD-DokumentalistInnen, die Texte zu „flicken“, wenn bei der Übermittlung Artikel zerstückelt, vermischt oder mit seltsamen Zeichen versehen worden waren. „Das war eine reine Fleissarbeit, sehr routinehaft, und in den letzten Jahren mussten wir sie immer häufiger machen“, sagt Dudle. „Ich fand, ich möchte doch lieber Dinge tun, die mich mehr erfüllen. Deshalb habe ich mich zwei Jahre früher pensionieren lassen. Die Arbeit hat mich hat nicht mehr in dem Masse befriedigt wie früher, ich sah, wohin die Entwicklung tendiert.“
Auch Jürg Mumprecht hat früh Tendenzen gesehen: „Die bereits 1992, vier Jahre vor Gründung der SMD, absehbaren Entwicklungen gingen immer in die Richtung, Dokumentationsverwendung von dokumentalistischem Fachwissen unabhängiger zu machen.“ Mit der automatisierten Beschlagwortung ist ein weiterer Schritt in Richtung „Ohne DokumentalistInnen“ erfolgt: Die SMD verwendet ein neues System, das mit den von DokumentalistInnen beschlagworteten Texten aus den letzten zwei Jahren „trainiert“ wurde: „Es prüft jetzt bei jedem neuen Dokument, ob es einem bereits vorhandenen Dokument ähnlich genug ist, um dessen Schlagwort zu erhalten“, so Mumprecht. Die automatische inhaltliche Beschlagwortung, so habe sich dabei gezeigt, sei „viel konsistenter“ als die manuell durch DokumentalistInnen durchgeführte. Allerdings, räumt Mumprecht ein, entspreche die automatische formale Beschlagwortung – Porträt? Interview? Lauftext? – durch das System nicht der manuellen: „Die Frage ist ja aber nicht, ob bisherige Gewohnheiten zu 100 Prozent nachmodelliert werden, sondern was die SMD tut, damit die Benutzer selbständig schnell zu vernünftigen Kosten die gesuchten Informationen finden.“

„Die bereits vor der Gründung der SMD absehbaren Entwicklungen gingen immer in die Richtung, Dokumentationsverwendung von dokumentalistischem Fachwissen unabhängiger zu machen.“
Jürg Mumprecht,
SMD-Geschäftsleiter

Mit dieser Entwicklung leben die DokumentalistInnen seit 1996 – und versuchen, ihre Arbeitsplätze dennoch zu erhalten. Bei Ringier hat die Text-Dokumentation laut Prisca Wolfensberger neue Dienstleistungen ins Angebot aufgenommen, etwa Korrektur-Aufgaben: „Die physische Archivierung, die Sicherstellung des technisch optimalen Textexportes in die SMD sowie Spezialaufträge wie etwa der Aufbau des Ringier-Firmenarchivs haben dazu geführt, dass die Auftragslage gut ist.“
Auch bei der „Basler Zeitung“ setzt man auf Spezialaufträge, schon seit Jahren: Da die Dokumentation schon immer an den Verlag und nicht an die Redaktion angegliedert gewesen sei, so Roger Berger, habe man schon früh Geschäftsfelder ausserhalb des Hauses aufgebaut: „Heute erledigen wir mehr Anfragen und Aufträge von Auswärtigen als für die Zeitung. So versuchen wir, die Kosten so tief wie möglich zu halten.“
Das NZZ-Archiv ist, so Ruth Haener, derzeit für die Neue Zürcher Zeitung AG und, kostenpflichtig, für externe KundInnen tätig. Aufgaben sind die Erstellung von Adhoc-Dossiers aus der internationalen Presse für die Redaktionen, Archivsystementwicklung und -schulung sowie Texterschliessung auf Auftrag. „Die klassische Bestandessicherung und -erhaltung macht weiterhin einen zwar kleinen, aber wichtigen Teil unserer Arbeit aus. Ausfälle kompensieren wir nicht tel quel, weil neue Geschäftsfelder neu profiliert werden müssen. Strategiediskussionen sind im Gang“, erklärt Haener.
Als „wahrscheinlich positivstes Beispiel im Bereich der Schweizer Mediendokumentationen“ sieht Herbert Staub von SF seine Abteilung. Die Arbeit der DokumentalistInnen habe sich „vom Erschliessen und Erfassen zur Recherche verlagert“ – und nach solchen qualitativ anspruchsvollen Recherchen bestehe eine Nachfrage: „Die Journalisten bei SF müssen heute auch im technischen Bereich extrem viel leisten, deshalb sind sie froh um unsere Unterstützung.“
Doch seit zehn Jahren müssen sich die SF-Dokumentationen selbst finanzieren; Staub handelt jedes Jahr mit den einzelnen Abteilungen Pauschalbeiträge für Dokumentationsleitstungen aus. Externe Aufträge kommen dazu. „Man muss heute die Dienstleistung Dokumentation nach aussen und nach innen verkaufen. Es braucht Leute, die Ideen haben, was man anbieten kann, und Leute, die diese Angebote verkaufen, sonst geht man unter“, sagt Staub. Im Moment ist er zuversichtlich: „Ich bin überzeugt, dass sich für Qualitätsmedien gerade bei knapper werdenden Redaktionsbudgets Recherchen von Dokumentationsprofis lohnen. Journalisten verlieren sehr oft sehr viel Zeit dabei. Es zahlt sich für alle Seiten aus, wenn alle das tun, was sie am besten können. Dokumentalistinnen und Dokumentalisten der Zukunft müssen aber offensiv und sehr flexibel sein.“

11. Juli 2007 von Helen Brügger

„Bras de fer“

Bei einer Kraftprobe zwischen Direktion und Personal haben die Edipresse-JournalistInnen die erste Runde gewonnen.

Eigentlich hatte sich Edipresse-Chef Tibère Adler bei der Lausanner Zeitung „24 heures“ zu einer Aussprache eingeladen. Doch erstaunt fand er sich am 1. Dezember vor rund 150 Angestellten aus sämtlichen Titeln – Delegationen aus allen Redaktionen waren erschienen, um Adler mitzuteilen, dass sie demnächst streiken würden, falls die Direktion nicht einlenke. Und Adler gab nach. Ab Januar werden die Sozialpartner wieder über einen Firmen-Arbeitsvertrag verhandeln.
Ende November war die Stimmung bei Edipresse auf dem Tiefpunkt. Bei „24 heures“ zirkulieren Gerüchte über 20 bis 40 bevorstehende Entlassungen, und auch bei der „Tribune de Genève“ fürchtet man Stellenstreichungen und Seitenkürzungen. „Bei den beiden Zeitungen arbeiten insgesamt 270 Journalisten und Journalistinnen, die nicht wissen, was das nächste Jahr für sie bereit hält“, sagt ein Redaktor bitter. Die Ankündigung einer Westschweizer Ausgabe von „20 minutes“ im kommenden Frühling lastet wie ein Bleigewicht auf der Stimmung der Redaktionen. Seit September ist das neue Direktionsmitglied Eric Hoesli für die Regionalzeitungen zuständig, er bereitet unter dem Motto „mehr mit weniger“ Sparpläne vor. Auf Fragen zu Inhalt und Auswirkungen dieser Reorganisation antwortet er kurz angebunden mit „viel zu früh für eine Auskunft, rufen Sie im Januar wieder an“.

Verlag verweigert Transparenz
Dazu kam das Scheitern der Verhandlungen über einen neuen internen Arbeitsvertrag. Die Direktion wollte mit Verweis auf die schwierige wirtschaftliche Lage Lohnmechanismen antasten. Die Redaktionen waren zu einem Krisenabkommen bereit, forderten aber einen Nachweis für die behauptete schwierige Lage und einen Verzicht auf wirtschaftlich begründete Entlassungen während zwei Jahren. Darauf brach Edipresse die Verhandlungen ab – und liess gleich auch noch durchblicken, dass der Verlag, das Schwergewicht im Verlegerverband Presse Romande, nun nicht mehr viel Interesse daran habe, den Gesamtarbeitsvertrag (GAV) der Branche zu retten. Bei Presse Romande wird nämlich derzeit über die Kündigung des GAV auf Ende Jahr diskutiert. Wie zuvor in der deutschen Schweiz sind einige kleinere Westschweizer Verleger an einem vertragslosen Zustand interessiert – am 20. Dezember trifft sich der Verband mit dem Vertragspartner Impressum. Laut Verbandssekretär Alfred Haas müssten die Produktionskosten in Anbetracht der wirtschaftlichen Lage und der baldigen Präsenz von zwei Gratiszeitungen angepasst werden. „Wir sind an einem GAV interessiert, aber wir müssen mit dem Sozialpartner über gewisse Probleme wie etwa den automatischen Teuerungsausgleich diskutieren.“

Verhandlungen nach Streikandrohung
Doch zurück zum Edipresse-Firmenabkommen: Als Antwort auf die abgebrochenen Verhandlungen luden die in der „Koordination“ organisierten RedaktionsvertreterInnen die Direktion zu einer Aussprache ein. Die freundliche Geste blieb ohne Antwort, dafür stellte Adler einen Besuch bei den verschiedenen Redaktionen in Aussicht; im Klartext: die „Koordination“ sollte beiseite geschoben werden. Diese Missachtung der Redaktionsvertretung heizte die Stimmung noch mehr an, und sie erhielt das Mandat, falls nötig ohne weitere Konsultationen eine Arbeitsniederlegung zu beschliessen. Dem kam Tibère Adler zuvor: Die Direktion sei bereit, an den Verhandlungstisch zurückzukehren, kündigte er dem versammelten Personal an.
Ende gut, alles gut? Wohl kaum. Denn bereits verhandeln Edipresse und vier – von der Direktion ausgewählte – Personalvertreter der Regionalzeitungen „24 heures“ und „Tribune de Genève“ über einen Sozialplan, für den Fall, dass es zu Entlassungen kommen sollte. Die Besonderheit dieses Sozialplans: Bisher gibt es weder einen Restrukturierungsplan, noch sind Zahlen bekannt oder Kündigungen ausgesprochen. Es handelt sich somit um den ersten „präventiven“ Sozialplan in der Geschichte der Sozialpartnerschaft. Hut ab vor dem ehemaligen Journalisten Eric Hoesli: Er ist auch als Mitglied der Konzernleitung innovativ. ?

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EDITO Ausgabe: 2 | 2017
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