12. November 2010 von Claudia Salzmann

Aus dem Beruf: Matthias Lauterburg

Quelle: zvg

Matthias Lauterburg ist der leise Radio-Pionier aus Bern. Guter Journalismus ist für ihn eine Mischung zwischen künstlerischer Kreativität und buchhalterischer Genauigkeit.

Was würden Sie nach einem Journalismus-Studium als Erstes tun?

Ich würde in den ersten Jahren die verschiedenen Medien kennen lernen wollen, auch Online und Nachrichtenagenturen. Ich finde es wichtig, zu wissen, wie diese Medien funktionieren. Bei Nachrichtenagenturen lernt man auch die Fliessbandproduktion von Nachrichten. Und somit auch, wie man richtig News schreibt. Auf Online würde ich setzen, weil es in 10-20 Jahren der primäre Zugang zu News sein wird.

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11. November 2010 von Klartext

Verklemmtes Verhältnis zum Erzählen

Michael Haller, Bild: zVg Nur wer bereit ist zum Zuhören, Staunen und Entdecken, kann die ungeheure Gestaltungskraft der Sprache angemessen ausschöpfen. Für das journalistische Paradeformat der Reportage eine unverzichtbare Voraussetzung. Ein Essay von Michael Haller

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29. Oktober 2010 von Imelda Stalder

Aus dem Beruf: Daniele Muscionico

Daniele Muscionico

Daniele Muscionico arbeitet seit über zwanzig Jahren als Kulturjournalistin. Praktische Erfahrung, sagt sie, sei wichtiger als ein akademischer Titel, um im Journalismus Fuss zu fassen.

Welche Fähigkeiten zeichnen dich als Kulturredaktorin aus?

Meine Fantasie und meine innere Unabhängigkeit. Ich hatte in meinem Leben lange Jahre nur das Schreiben. Vielleicht war ich auch sehr leistungsorientiert, flexibel, anspruchslos am Anfang; ich habe die ersten drei Jahre bei der NZZ einfach alles gemacht, sogar Polizeiberichte geschrieben und über Tunnelbrände berichtet.

Ist der Kulturjournalismus am Aussterben?

Im Printbereich könnte man das vielleicht sagen, es gibt immer weniger Platz und es wird immer mehr gespart bei den Journalisten. Die Verlagerung auf den Online-Journalismus ist einfach noch nicht so etabliert, er hat immer noch etwas den Ruf von Fastfood. Das wird aber in zehn Jahren nicht mehr so sein.

Was hältst du von einer Journalismusausbildung?

Ich sehe das teilweise etwas kritisch, denn ohne Praxis bist du niemand. Uns wurden an der Uni keine Türen für die Praxis geöffnet im Gegensatz zu heute. Aber heutzutage beeindruckt dafür einen Bachelor oder einen Master niemanden mehr.

Ist es heutzutage noch möglich sich als freischaffende Journalistin einen Namen zu machen?

Ja, wenn man’s so macht wie Tom Kummer, dann kommt man sogar noch ins Kino! Nein ernsthaft, ich persönlich kenne kaum Beispiele. Die einzige Chance dafür ist, dass es einen Chef gibt, der dir eine Plattform zur Verfügung stellt und an dich glaubt.

Daniele Muscionico studierte Germanistik und Kunstgeschichte an der Universität Zürich. Mit 27 Jahren, nach ihrem Studium begann sie mit einem halbjährigen Volontariat bei der NZZ. Dort blieb sie 18 Jahre lang und arbeitete als Kulturredaktorin. 2007 verliess sie die NZZ, schrieb 2 Jahre für die Weltwoche und ist seit 2009 freie Kulturjournalistin. Daniele Muscionico hat während ihrer Laufbahn den Zürcher Journalistenpreis und ein Werkjahr der Kulturstiftung Landis & Gyr gewonnen.
18. Oktober 2010 von Lukas Bertschi

„So blöd kann niemand sein“

Filmplakat "Bad Boy Kummer"

Tom Kummer hatte sie alle. Mitte der 1990er Jahre führte er Interviews mit Hollywood-Stars wie Pamela Anderson, Nicholas Cage und Mike Tyson, die das „Tages-Anzeiger Magazin“ und das Magazin der „Süddeutschen Zeitung Magazin” sowie weitere Publikationen veröffentlichten. Die Gespräche wurden Kult, da die Stars Kummer Dinge anvertrauten die sie sonst niemandem erzählten. Das Ganze hatte nur ein Problem: Die Gespräche waren frei erfunden. Über den „Bad Guy of German Journalism“ hat nun der Schweizer Journalist Miklos Gimes einen Dokumentarfilm. „Bad Boy Kummer“ läuft ab Donnerstag in den Schweizer Kinos.

Der Film lässt die Zuschauer mitlachen, wenn Kummer erzählt, wie er seine Interviews geschrieben hat. In einer Szene liest Kummer sein erfundenes Interview mit Mike Tyson vor und lässt diesen über den Proteingehalt von Kakerlaken philosophieren. Solche Komik kann einen schwerlich kalt lassen, macht einen aber gleichzeitig zum Komplizen, da man sich ihr kaum entziehen kann.

Kummer wird nicht geknackt
Während sich Kummer in seiner Autobiographie „Blow Up“ ausschliesslich als Opfer darstellt, flackert im Film manchmal ein wenig Schuldbewusstsein auf. Aber auch Gimes kann ihn nicht knacken: Wird es eng, weicht Kummer aus. Grundsätzlich ist Kummers Tenor im Dokumentarfilm klar: Er hat nichts Falsches gemacht und auch nichts Falsches versprochen. „Sie wollten ein Interview und das haben sie bekommen“, sagt Kummer und er weist den Vorwurf von sich, die Redaktionen betrogen zu haben: „So blöd kann niemand sein, zu glauben, dass ich das jetzt echt so eins zu eins bekommen habe von einem Star“ wer „Blow Up“ gelesen hat, erfährt im Film nicht viel Neues.

Die beiden wegen Kummer entlassenen Chefredakteure der „Süddeutschen Zeitung“ Ulf Poschhardt und Christian Kämmerling wollten im Film leider nicht auftreten, wie auch Roger Köppel, der als Chefredaktor des Tages-Anzeiger-Magazins Texte bei Kummer bestellt hatte. Für sie ist Kummer ein notorischer Betrüger und sie wollten nicht zu seiner Mystifizierung beitragen. So fehlt dem Werk von Gimes dieser wichtige Gegenpol. Obwohl andere Kritiker in die Bresche springen, kann diese Lücke im Film nicht wirklich gefüllt werden. Nicht zuletzt auch deshalb, weil sich Gimes dem Charme und Charisma von Kummer nicht ganz entziehen kann. So fragt er ihn gegen Ende des Films, ob dieser wirklich drei Jahre lang mit einem Paparazzo unterwegs gewesen sei für die Recherche zu seinem Buch „Good Morning Los Angeles“. Als Kummer nicht wirklich antwortet, sagt Gimes: „Ich brachte es nicht über das Herz genauer nachzufragen. Wir wussten beide, dass er nicht drei Jahre mit einem Paparazzo unterwegs war, vielleicht nicht einmal drei Tage. Bin ich jetzt schon ein Komplize geworden?“ Der Regisseur schreibt in seinen Anmerkungen zum Film: „Ich machte die klassische Erfahrung des Journalisten: Es ist schwierig, die letzte Wahrheit zu erfahren.” Es stellt sich die Frage, hat er sie überhaupt gesucht?

Regisseur Gimes war in der Ära Kummer stellvertretender Chefradakteur des Tages-Anzeiger-Magazins, was er aber im Film nicht erwähnt. Er verzichtet auch darauf, auf andere Fälscher hinzuweisen, die es immer schon gab und weiterhin gibt. Nur am Rande taucht einmal der Name Jayson Blair auf. Diese Fixierung auf Kummer trägt zu seiner Ikonisierung bei.

Held oder Verräter?
„Bad Boy Kummer“ endet mit Zitaten von Persönlichkeiten, die das Verhalten von Kummer relativieren. So sagt der Schriftsteller Martin Suter: „Ein Interview mit Sharon Stone hat nicht die Aufgabe eine Informationspflicht zu erfüllen. Das ist Unterhaltung“. Man ist geneigt ihm recht zu geben. Aber: Auch wenn einem die inhaltslosen Interviews mit Stars nicht gefallen, gibt das noch lange keinen Freipass dazu, den Hollywood-Stars einfach frei erfundene Sätze in den Mund zu legen.

So bleibt am Ende des Films ein mulmiges Gefühl zurück. Einerseits ist da die faszinierende Figur des dreisten Tom Kummer, der die Stars endlich mal etwas Interessantes sagen lässt, andererseits hat eben dieser Kummer während Jahren die Ideale des Journalismus verraten.

5. Juli 2010 von Bettina Büsser

Online liebt den Boulevard

Politik in der Zeitung, Boulevard auf der Website: Viele Medien haben kein einheitliches Markenprofil. Das sei riskant, sagt ein Medienwissenschaftler.

«Ich würde ihnen raten, ein einheitliches Konzept für Print und Online zu entwickeln. Sonst setzen sie die Glaubwürdigkeit, die sie im Print über Jahre aufgebaut haben, aufs Spiel und gefährden ihre Medienmarke» – diesen Tipp gibt der Medienwissenschaftler Patrick Rademacher den Zeitungsverlegern. Rademacher hat für seine Dissertation «Politische Inhalte im Internet» am Institut für Pub­lizistikwissenschaft und Medienforschung der Uni Zürich anhand zweier Volksabstimmungen von 2008, der «Einbürgerungsinitiative» und der «Unternehmenssteuerreform», den Internet-Kommunikationsprozess zwischen politischen AkteurInnen, Medien und StimmbürgerInnen angeschaut. Dabei hat er auch untersucht, welche Rolle die Medien bei der politischen Online-Information spielen, sowie ChefredaktorInnen und wirtschaftliche Verantwortliche der wichtigsten Medien in der Deutschschweiz und der Romandie zu den On- und Offline-Auftritten ihrer Produkte befragt.
Die Resultate dieser Expertenbefragungen sind brisant: Im Vergleich mit ihren Zeitungen findet in den Online-Auftritten derselben Medien eine «Entpolitisierung» statt. «Die Verantwortlichen sagen: Politische Inhalte sind uns zwar schon wichtig, jedoch im klassischen Angebot mehr als im Online-Angebot», erklärt Rademacher. «Im Internet haben Ressorts mit Softnews, also People, Vermischtes und Sport, eine grössere Bedeutung als offline, offline hat Politik eine grössere Bedeutung.» Einen möglichen Grund dafür sieht Rademacher in der «Publikumsresonanz», die online mit Klicks gemessen werden kann. Sie führt in Versuchung, den Online-Auftritt «softnewsiger» zu gestalten als den Offline-Auftritt. Gemäss Rademachers Befragungen lassen sich aber graduelle Unterschiede zwischen den einzelnen Mediengattungen feststellen: «Bei den Verantwortlichen der Service-public-TV-Nachrichten spielt Politik auf beiden Kanälen eine wichtige Rolle. Bei Boulevard- und Gratiszeitungen hingegen ist Politik weder on- noch offline zentral. Am stärksten sind die Differenzen bei den Regionalzeitungen: Sie versuchen deutlich, online den Fokus auf Softnews zu richten. Auch bei den Qualitätszeitungen – dazu rechne ich NZZ, ‹NZZ am Sonntag›, ‹SonntagsZeitung› und ‹Le Temps› – gibt es einen Widerspruch. Denn die Verantwortlichen betonen zwar die wichtige Rolle der Politik, spricht man sie jedoch konkret auf ein politisches Thema wie eine Volksabstimmung an, geht ihre Zustimmung deutlich nach unten.»

Einer Zerreissprobe ausgesetzt

Hinter diesen Differenzen vermutet Rademacher eine «Trial and Error»-Strategie beim Online-Auftritt: «Es wird viel ausprobiert, dahinter steckt jedoch keine übergreifende Markenstrategie. Denn für einen einheitlichen Markenauftritt müsste man sicherstellen, dass die Marke über alle Kanäle hinweg die gleichen Schwerpunkte setzt.» Tut man das nicht, so befürchtet Rademacher, leidet mittelfristig die Medienmarke: Eine Marke, die im Print für die NutzerInnen für Qualitätsjournalismus und seriöse politische Information steht, online hingegen mehr auf Softnews und Boulevard setzt, ist einer Zerreissprobe ausgesetzt. «Wenn man im Internet um jeden Preis die Klicks steigert, wird das Markenprofil verwässert oder gar aufgelöst. Ein einheitlicher Markenauftritt ist jedoch ausschlaggebend, um mittelfristig Erfolg zu haben.»
Um diesen Erfolg zu haben, müssen Schweizer Medienunternehmen nicht nur auf die Marke, sondern auch auf den Markt schauen. Denn im Bereich politische Information haben sie online Konkurrenz. Das zeigt Rademachers Auswertung aller Treffer einer Internet-Suchmaschine zu den beiden Volksabstimmungen: Nur ein Viertel der Treffer stammten von Medien, die übrigen von politischen AkteurInnen und Organisationen. Bei Studien in anderen Ländern, so Rademacher, lag der Anteil der Medien bei rund der Hälfte der Treffer. Ausserdem überschätzen die MedienvertreterInnen offenbar ihren Einfluss: Gefragt, wer bei der politischen Online-Information ihre Konkurrenten seien, gaben sie vor allem andere Zeitungen oder SRG-Angebote an. Anders die NutzerInnen: Sie nannten zwar die Sites von Tageszeitungen als wichtige Quelle von politischen Inhalten – ebenso wichtig waren ihnen aber auch Online-Dienste wie Bluewin oder Goo­gle News. «Die Medienunternehmen», so Rademachers Fazit, «scheinen diese starke Konkurrenz noch gar nicht gross wahrzunehmen.»

Die Dissertation ist im Rahmen des vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten nationalen Forschungsschwerpunkts «Challenges to Democracy in the 21st Century» entstanden und erscheint im Oktober 2010 im Herbert von Halem Verlag.


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