5. Juli 2010 von Bettina Büsser
Politik in der Zeitung, Boulevard auf der Website: Viele Medien haben kein einheitliches Markenprofil. Das sei riskant, sagt ein Medienwissenschaftler.
«Ich würde ihnen raten, ein einheitliches Konzept für Print und Online zu entwickeln. Sonst setzen sie die Glaubwürdigkeit, die sie im Print über Jahre aufgebaut haben, aufs Spiel und gefährden ihre Medienmarke» – diesen Tipp gibt der Medienwissenschaftler Patrick Rademacher den Zeitungsverlegern. Rademacher hat für seine Dissertation «Politische Inhalte im Internet» am Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Uni Zürich anhand zweier Volksabstimmungen von 2008, der «Einbürgerungsinitiative» und der «Unternehmenssteuerreform», den Internet-Kommunikationsprozess zwischen politischen AkteurInnen, Medien und StimmbürgerInnen angeschaut. Dabei hat er auch untersucht, welche Rolle die Medien bei der politischen Online-Information spielen, sowie ChefredaktorInnen und wirtschaftliche Verantwortliche der wichtigsten Medien in der Deutschschweiz und der Romandie zu den On- und Offline-Auftritten ihrer Produkte befragt.
Die Resultate dieser Expertenbefragungen sind brisant: Im Vergleich mit ihren Zeitungen findet in den Online-Auftritten derselben Medien eine «Entpolitisierung» statt. «Die Verantwortlichen sagen: Politische Inhalte sind uns zwar schon wichtig, jedoch im klassischen Angebot mehr als im Online-Angebot», erklärt Rademacher. «Im Internet haben Ressorts mit Softnews, also People, Vermischtes und Sport, eine grössere Bedeutung als offline, offline hat Politik eine grössere Bedeutung.» Einen möglichen Grund dafür sieht Rademacher in der «Publikumsresonanz», die online mit Klicks gemessen werden kann. Sie führt in Versuchung, den Online-Auftritt «softnewsiger» zu gestalten als den Offline-Auftritt. Gemäss Rademachers Befragungen lassen sich aber graduelle Unterschiede zwischen den einzelnen Mediengattungen feststellen: «Bei den Verantwortlichen der Service-public-TV-Nachrichten spielt Politik auf beiden Kanälen eine wichtige Rolle. Bei Boulevard- und Gratiszeitungen hingegen ist Politik weder on- noch offline zentral. Am stärksten sind die Differenzen bei den Regionalzeitungen: Sie versuchen deutlich, online den Fokus auf Softnews zu richten. Auch bei den Qualitätszeitungen – dazu rechne ich NZZ, ‹NZZ am Sonntag›, ‹SonntagsZeitung› und ‹Le Temps› – gibt es einen Widerspruch. Denn die Verantwortlichen betonen zwar die wichtige Rolle der Politik, spricht man sie jedoch konkret auf ein politisches Thema wie eine Volksabstimmung an, geht ihre Zustimmung deutlich nach unten.»
Einer Zerreissprobe ausgesetzt
Hinter diesen Differenzen vermutet Rademacher eine «Trial and Error»-Strategie beim Online-Auftritt: «Es wird viel ausprobiert, dahinter steckt jedoch keine übergreifende Markenstrategie. Denn für einen einheitlichen Markenauftritt müsste man sicherstellen, dass die Marke über alle Kanäle hinweg die gleichen Schwerpunkte setzt.» Tut man das nicht, so befürchtet Rademacher, leidet mittelfristig die Medienmarke: Eine Marke, die im Print für die NutzerInnen für Qualitätsjournalismus und seriöse politische Information steht, online hingegen mehr auf Softnews und Boulevard setzt, ist einer Zerreissprobe ausgesetzt. «Wenn man im Internet um jeden Preis die Klicks steigert, wird das Markenprofil verwässert oder gar aufgelöst. Ein einheitlicher Markenauftritt ist jedoch ausschlaggebend, um mittelfristig Erfolg zu haben.»
Um diesen Erfolg zu haben, müssen Schweizer Medienunternehmen nicht nur auf die Marke, sondern auch auf den Markt schauen. Denn im Bereich politische Information haben sie online Konkurrenz. Das zeigt Rademachers Auswertung aller Treffer einer Internet-Suchmaschine zu den beiden Volksabstimmungen: Nur ein Viertel der Treffer stammten von Medien, die übrigen von politischen AkteurInnen und Organisationen. Bei Studien in anderen Ländern, so Rademacher, lag der Anteil der Medien bei rund der Hälfte der Treffer. Ausserdem überschätzen die MedienvertreterInnen offenbar ihren Einfluss: Gefragt, wer bei der politischen Online-Information ihre Konkurrenten seien, gaben sie vor allem andere Zeitungen oder SRG-Angebote an. Anders die NutzerInnen: Sie nannten zwar die Sites von Tageszeitungen als wichtige Quelle von politischen Inhalten – ebenso wichtig waren ihnen aber auch Online-Dienste wie Bluewin oder Google News. «Die Medienunternehmen», so Rademachers Fazit, «scheinen diese starke Konkurrenz noch gar nicht gross wahrzunehmen.»
Die Dissertation ist im Rahmen des vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten nationalen Forschungsschwerpunkts «Challenges to Democracy in the 21st Century» entstanden und erscheint im Oktober 2010 im Herbert von Halem Verlag.
23. April 2010 von Nick Lüthi

Bild: Manu Friederich
600 Gramm neue Technik, und eine ganze Branche schöpft wieder Mut; so gross ist die Verzweiflung bereits. Kaum hatte die Firma Apple angekündigt, eine elektronische Schiefertafel auf den Markt zu bringen, ging ein hörbares Aufatmen durch die gelichteten Reihen der Zeitungs- und Magazinverlage. Mit dem iPad wollen sie endlich den Sprung ins digitale Zeitalter schaffen und dem Fluch der Gratiskultur entkommen. Im Internet liessen sich ja keine Zeitungsartikel verkaufen. Aber als akkurat drapierte Applikationen dargereicht, soll es nun möglich sein, die LeserInnen dazu zu bringen, das Portemonnaie zu öffnen. Deshalb arbeiten etliche Medienhäuser mit Hochdruck daran, ihre Inhalte den Erfordernissen des Wundergeräts anzupassen. Ab Mai wird das iPad auch in der Schweiz erhältlich sein.Noch wissen wir nicht, was es mit der emsigen Betriebsamkeit auf sich hat. Sind es vitalisierende Bewegungen oder nur ein paar weitere Zuckungen vor dem Ableben? Kann ein neuer Gerätetyp, der Tablet-Computer, dem siechen Pressemarkt neues Leben einhauchen? Wohl kaum. Und erst recht nicht, wenn es so weitergeht wie bei den ersten Gehversuchen von Zeitungsverlagen, mit denen sie ihre Inhalte auf die elektronische Leseplatte bringen. So listet das Fachblog netzwertig.com ein regelrechtes Sündenregister auf. Es beginnt bei überrissenen Preisen und endet bei der verqueren Vorstellung, einfach die bisherigen Online-Inhalte in etwas aufgefrischter Form auf dem iPad anzubieten.
Die Verlage verhalten sich so, als wären sie die einzigen, die auf dem neuen Gerät ihre Applikationen zum Verkauf anbieten. Doch die Konkurrenz ist gross. Wenn Verlage punkten wollen, dann müssen sie den Journalismus als multimediales Erlebnis neu erfinden, um gegen die vielfältigen Möglichkeiten zum Zeitvertreib, die ein iPad nun mal bietet, bestehen zu können. Das ist an und für sich keine neue Aufgabe. Vor einer vergleichbaren Herausforderung standen die Papiermedien schon einmal, als sich das Internet als neuer Absatzkanal zu etablieren begann – und sind gescheitert. Weshalb es nun dank 600 Gramm neuer Technik funktionieren sollte, bleibt vorerst schleierhaft.
17. März 2010 von Christian Müller

- Beginne deine berufliche Laufbahn möglichst früh, bevor du dich durch eine Fachausbildung thematisch einengst. Schreibend zu lernen, was du verstehen solltest, macht eh mehr Spass, als die zeitaufwendige Aneignung von Wissen im voraus.
- Vergiss die Rechtschreibung und konzentriere dich darauf, das zu schreiben, was dein Chef von dir erwartet. Orthographische Kenntnisse sind reiner Ballast; der Computer korrigiert deinen Text automatisch.
- Formuliere frei. Grammatik war einmal. Was die Journalisten nicht wagten, haben die Werber erfolgreich vorgemacht. Lerne von ihrer aussagekräftigen, prägnanten Schreibe. Zum Beispiel so: Antworten? Nein. Keine. Noch keine. Noch keine? Noch keine! Eben.
- Verwende bewusst zeitgeistige Wörter wie “geil” oder “cool” oder “mega”. Dadurch schaffst du dir das Image eines jungen, lesernahen Reporters. Nichts schadet deinem Image mehr als die Duden-konforme Sprache eines Schullehrers. Du bist ja nicht von gestern.
- Schreibe bildhaft. “Die zartbesaitete Frau musste den mühsamen Gang durch die Instanzen antreten, um auch diese Schlacht im Galopp gewinnen zu können.” So wird ein Text anschaulicher, dramatischer – und erst noch verständlicher.
- Biete Neues. Die heutigen Leser sind neugierig: gierig auf Neues. Das Neue hat deshalb absoluten Vorrang. Aufwendige Abklärungen führen zu Bestätigungen, nicht zu Neuem. Lieber ein neues Gerücht als eine alte Wahrheit.
- Bleibe exakt. An Medienkonferenzen werden Unterlagen abgegeben. Diese stammen, anders als früher, jetzt von professionellen Informationsbeauftragten. Am wenigsten Fehler machst du, wenn du sie wortgetreu wiedergibst.
- Lass dich zu möglichst vielen unterschiedlichen Themen verlauten, damit du von möglichst vielen unterschiedlichen Lesern gelesen wirst. Je öfter dein Name aufscheint, desto glaubwürdiger ist er. Mit dem Namen schafft man sich einen Namen.
- Versuche möglichst schnell, Kommentare und/oder Kolumnen zu schreiben. Da fällt die mühsame Fakten-Beschaffung weg. Du kannst dich ganz auf deine Ansichten konzentrieren. Das erhöht deine berufliche Effizienz.
- Vergiss – last but not least – eines nie: Schreiben ist der schönste Beruf. In keinem anderen Beruf hast du die Chance, so schnell mit dir selber zufrieden zu sein, wie im Beruf des Journalisten. Da du dein Werk nach Drucklegung (oder elektronischem Versand) selber wiederlesen und beurteilen kannst, brauchen dich externe Kritiken nicht zu beunruhigen.
Der Autor war bis 2009 Unternehmensleiter der Vogt-Schild Medien Gruppe in Solothurn, zuvor u.a. Chefredaktor der Luzerner Neusten Nachrichten. Heute ist Christian Müller Geschäftsführer und Eigentümer der commwork AG.
18. Februar 2010 von Helen Brügger

Bild: Marc Amiguet
Myret Zaki (37) schrieb das «wohl bestinformierte Buch über den UBS-Skandal». Wie sie im Bankenmilieu recherchierte, erzählt die stellvertretende Chefredaktorin von «Bilan» im Porträt.
Myret Zaki spricht langsam, mit dunkler Stimme. Eine «schöne Orientalin», die sich «für die Unterwäsche der UBS» interessiert: So stellte sie die Zeitung «24 Heures» mit einem Dreh in den Boulevard vor, als Zaki ihr Buch über das UBS-Debakel vorlegte. Die schlüpfrige Anspielung missfällt ihr nicht: «Ich entspreche vielleicht wirklich nicht den Vorstellungen, die man sich von einer Wirtschaftsjournalistin macht», lächelt sie. Der typische Wirtschaftsjournalist sei männlich, langweilig, grau gekleidet und passe auf, «nicht aus dem Rahmen zu fallen». Myret Zaki fällt es schwer, nicht aus dem Rahmen zu fallen.
Geboren ist sie 1973 in Kairo. Der Vater ist seit fünfzig Jahren Journalist, Chefredaktor einer linken Tageszeitung, die Mutter Übersetzerin. Myret ist noch ein kleines Kind, als die Eltern sich scheiden lassen. Die Mutter findet eine Stelle bei der UNO in Genf, nimmt ihre beiden Mädchen mit in die Schweiz. Der Umzug ist ein immenser Kulturschock für die achtjährige Myret. Sie kompensiert mit Bestnoten in der Schule. Geht nach der Matura nach Kairo zurück, studiert Politologie und verlobt sich mit einem jungen Ägypter. Doch die Rückkehr zu den Wurzeln misslingt. Ihr Verlobter möchte, dass sie den Schleier trägt. Sie bricht mit ihm, kommt zurück nach Genf, arbeitet in einer Privatbank, bildet sich zur Finanzanalystin aus und schafft schliesslich 2001 den Sprung in den Journalismus, von dem sie schon lange träumt. Sie wird Stagiaire in der Wirtschaftsredaktion von «Le Temps», dann Wirtschaftsredaktorin.
Im Sommer 2008 nimmt sie einen dreimonatigen Urlaub für ein grosses Projekt: Sie schreibt das Buch «UBS – Les dessous d’un scandale» (deutsch: «UBS am Rande des Abgrunds»). Es erscheint vor dem Beinahe-Crash der Grossbank, trotzdem bewertet es «Das Magazin» als «wohl bestinformiertes Buch über den UBS-Skandal». Es verhilft ihr zu ihrem heutigen, brandneuen Job als stellvertretende Chefredaktorin des Wirtschaftsmagazins «Bilan». Unser Gespräch findet in der «Bilan»-Redaktion statt, die gerade von Lausanne nach Genf umgezogen ist. Noch liegen überall Kisten herum, doch Zaki freut sich auf ihre neue Aufgabe: «‹Bilan› muss näher bei den wirtschaftlichen und finanziellen Eliten positioniert werden.» Das Magazin solle zum Ort werden, wo Debatten geführt und Leute zusammengebracht würden: «Ideen und Informationen müssen frei zirkulieren. Das ist gerade für die Wirtschaft von kapitaler Bedeutung.»
Recherche im verbarrikadierten Milieu
Für die Bankenwelt ist das nicht selbstverständlich. Da ist alles geheim und abgeschirmt. «Es ist extrem schwierig, im Bankenmilieu zu recherchieren. Alle Menschen in der Umgebung einer Bank haben Interessenbindungen mit ihr, als Institutionen oder Kunden geschäftlicher oder dann familiärer Natur.» Das schwierigste Gespräch, das sie je geführt hat? «Mit den UBS-Grössen vor dem Crash – da herrschte der totale Blackout.» Und das beste? «Mit einem Ehemaligen der UBS in den USA.» In einem so verbarrikadierten Milieu zu recherchieren, gehe nur mithilfe von Leuten, die ein Interesse daran hätten zu reden. «Es sind oft Ehemalige, die der Ansicht sind, ihr Arbeitgeber habe sich nicht loyal verhalten.» Solche Quellen zu finden, sei selten, denn «die Banken passen auf, dass ihre Leute gut bezahlt und im Fall eines Abgangs gut entschädigt werden».
Die geheimen «Informationstresore» der Banken werden auch von WirtschaftsjournalistInnen nur selten geknackt. Denn es ist nicht ungefährlich, die geballte Macht der Finanzwelt anzugreifen. Die Gnomen an der Zürcher Bahnhofstrasse lieben es gar nicht, wenn man ihnen, wie es Zaki tut, ein «gigantisches, fehlgeschlagenes Pokerspiel» vorwirft und zum Fazit kommt: «The game is over.» Zaki erhielt nach der Publikation des Buches einen telefonischen Drohanruf. Andere haben sie öffentlich angegriffen, als Nestbeschmutzerin beschuldigt. Man habe ihr zu verstehen gegeben, dass man nicht so über eine Institution wie die UBS schreibe. Nicht als Frau. Und vielleicht noch weniger als Orientalin.
Myret Zaki hat ihr Buch als Freelancerin geschrieben, ohne Unterstützung der Zeitung «Le Temps». Die vollständige Unabhängigkeit habe sich als Vorteil erwiesen. Denn die erste Frage, mit der man in den einschlägigen Kreisen konfrontiert werde, laute: «In wessen Interesse sind Sie unterwegs, Madame?» Ausserdem müsse man, um auch nur einen Zipfel des Schleiers zu lüften, vollständig besessen sein, «sich absolut manisch nur noch mit dem einen Thema befassen». Was gehört weiter zu den unverzichtbaren Eigenschaften einer Recherchierjournalistin? «Man muss schweigen können wie ein Grab, wenn man nicht will, dass die Quellen austrocknen.»
Die NZZ ging mit Zakis Buch hart ins Gericht. So verlockend die These von der aggressiven Investmentbank der UBS auch sei, die Autorin könne sie nicht untermauern, schrieb die Zeitung im Februar vor einem Jahr – heute ist diese These Allgemeingut geworden. «Ich muss die Kritik der NZZ entgegennehmen», sagt Zaki. «Aber ich musste meine Quellen schützen.» Sie habe direkte Aussagen von Verantwortlichen zitiert, aber anonym. «Es war mir lieber, den Eindruck zu erwecken, es handle sich um Gerüchte, als eine Quelle zu gefährden.» Das sei der Preis, den man bezahlen müsse, wenn man seine Nase in so sensible Dinge stecke. Sie habe im übrigen keine Dementis erhalten und die Aussagen ihrer Quellen seien nie infrage gestellt worden.
«Wirtschaftsjournalismus hat versagt»
Keine einzige Wirtschaftszeitung habe vor dem weltweiten Zusammenbruch der Finanzwirtschaft gewarnt, stellt Zaki im Rückblick fest. Hat der Wirtschaftsjournalismus versagt? «In gewissem Sinne ja.» Doch was sie ihren KollegInnen vorwirft, ist vor allem, dass sie nach dem Ausbruch der Krise nicht mehr über die Ursachen recherchiert hätten. Daran sei die zu grosse Nähe zwischen den Wirtschaftsredaktionen und den Banken schuld. Aber auch der Zeitdruck in den Redaktionen: «In jeder Redaktion müssten permanent ein paar Leute von der Tagesproduktion freigestellt sein, um wirklich recherchieren zu können.» Das brauche Zeit und Geld, brauche die Anwesenheit vor Ort, Kontakte und Reisen – «ohne geht es nicht.» Wenn es nach Zaki ginge, würde sie in allen ehrgeizigen Redaktionen der Welt Recherchierjournalismus fördern. Und wo immer möglich eigenständige Meinungen publizieren, die sich ausserhalb der gängigen Erklärungsmuster bewegen. «Journalistischer Ehrgeiz ist nichts Elitäres, kein Spezialgebiet, sondern eine Geisteshaltung.»
Erlaubt der mehrfacher Wechsel zwischen den Kulturen Myret Zaki eine spezifische Annäherung an den Journalismus? Sie habe möglicherweise mehr Abstand, sagt sie nach einigem Nachdenken: «Vielleicht auch mehr Freiheit.» Sie sei nicht den gleichen Zwängen unterworfen wie JournalistInnen, die hier aufgewachsen und ausgebildet worden seien. «Ich kann mehr Risiken eingehen, weil ich keine Interessenbindungen habe, weil ich weniger Angst davor haben muss, ein Familienmitglied oder einen Bekannten zu verärgern.» Was ihr im Journalismus am meisten Mühe mache, seien Verbürgerlichung und Funktionärsmentalität. Und dann ist sie von KollegInnen genervt, die sich nach den Fleischtöpfen Ägyptens in einer Bank sehnen: «Viele Wirtschaftsjournalisten warten nur darauf, als Analysten oder PR-Berater in eine Bank zu wechseln.» Sie sei froh, das als junge Frau hinter sich gebracht zu haben. «Das bringt mich nicht mehr zum Träumen.»
Sie wolle die Welt nicht verbessern, sagt Zaki. An der Vorstellung störe sie das Predigerhafte, das Idealistische. «Als Wirtschaftsjournalistin kann ich nur dafür sorgen, dass die Probleme offengelegt und die Geheimnisse gelüftet werden.» Mehr Ethik? «Ja, aber die liegt selbst in der journalistischen Suche nach der Wahrheit, selbst in der Aufgabe, den Menschen die Augen zu öffnen.»
Vor einer Woche, am 10. Februar, legte Myret Zaki ein zweites Buch vor: Es gehe um ein Eintauchen in die Welt der Trusts, verrät sie. Und lächelt ihr Lächeln einer Sphinx.
18. Februar 2010 von Nick Lüthi
Die Deutschschweiz sei Brachland für investigativen Journalismus, finden Dominique Strebel («Beobachter»), Martin Stoll («SonntagsZeitung») und Monica Fahmy («Blick»). Sie wollen bessere Bedingungen für tiefschürfende Recherchen schaffen.
Erst dank kollektiver Anstrengung liess sich die Geschichte fertig erzählen: Jahrelang hatten JournalistInnen auf Granit gebissen, bis sich eines Tages Redaktoren von «Wochenzeitung» und mehreren Tageszeitungen nach einer Versammlung der JournalistInnengewerkschaft SJU an einen Tisch setzten und gemeinsam einen Plan ausheckten, ja ein regelrechtes Drehbuch für die Recherche schrieben: Wer fragt wann wen? Wie lässt sich verhindern, dass sich X mit Y abspricht? Wann konfrontieren wir die Hauptakteure mit den Ergebnissen? Die WOZ gab den Startschuss, die anderen Zeitungen zogen nach. Die generalstabsmässig geplante und auch so durchgeführte Operation führte zum Ziel, der Parteispendenskandal des Kantons Bern kam ans Licht, die Justiz übernahm und verurteilte einen involvierten Regierungsrat zu einer bedingten Gefängnisstrafe. Das war 1986.
Solche Glanzleistungen kollektiver Recherchearbeit über Redaktionsgrenzen hinweg gab es seither nur noch selten, erst recht nicht zu Themen von internationalem Interesse. «Mir fehlen die richtig grossen Scoops», meint Dominique Strebel. Was hierzulande nach Enthüllung aussehe, sei meistens eine «gesteckte Geschichte». «Beobachter»-Redaktor Strebel ist überzeugt, dass es in der Schweiz noch einige dunkle Winkel auszuleuchten gäbe: «Die Gleichung ‹kleines Land – kleine Skandale› geht nur bedingt auf.» Gerade der Banken- und Finanzplatz sowie internationale Organisationen und Sportverbände böten reichlich Potenzial für Enthüllungen.
Die Einschätzung teilt er mit Kollege Martin Stoll von der «SonntagsZeitung». Doch die beiden gefallen sich nicht im üblichen Lamento, im Stil von: Früher war alles besser und der Beruf geht sowieso vor die Hunde. Die beiden Journalisten schlagen vor, das vorhandene Recherche-Know-how in der Deutschschweiz zu bündeln und zielgerichteter einzusetzen. Vorbilder gibt es einige. Die Mutter aller Standesorganisationen von Hardcore-RechercheurInnen ist die im Nachgang zu den Watergate-Enthüllungen von Woodward und Bernstein gegründete IRE (Investigative Reporters and Editors) in den USA. Auch das Netzwerk Recherche in Deutschland entwickelte sich seit seiner Gründung vor neun Jahren zur ersten Anlaufstelle für die Hartnäckigsten der Branche. Ganz so hoch zielen Stoll und Strebel nicht. «Wir stehen ganz am Anfang», ist den beiden bewusst. Doch bei Null beginnen müssen sie trotzdem nicht.
«Kein Idealistenklub»
Mit Swissinvestigation.net gibt es in der Westschweiz bereits eine Plattform für investigativ arbeitende JournalistInnen. Heute haben sich dort schon mehr als fünfzig Berufsleute in das öffentliche Verzeichnis eingetragen und so einen ersten Schritt zur Vernetzung getan. Im Rahmen der Global Investigative Journalism Conference von Ende April in Genf planen Strebel und Stoll zusammen mit der «Blick»-Journalistin Monica Fahmy nun, eine Deutschschweizer Sektion von Swissinvestigation.net zu gründen. «Es wird sicher kein Idealistenklub werden», gibt sich Dominique Strebel pragmatisch. «Wer bei uns mitmacht, erwartet einen konkreten Nutzen.» Zum Beispiel in Form von bereitgestellten Standardformularen und Musterbriefen, etwa für die Einsicht in amtliche Dokumente gemäss Öffentlichkeitsgesetz. Im Zentrum steht aber eine Vernetzung, die über die informellen Kontakte hinausgeht, wie sie JournalistInnen seit je untereinander pflegen, und die hilft, einander in heiklen und aufwendigen Recherchesituationen den Rücken zu stärken. Schliesslich soll es künftig wieder vermehrt möglich sein, redaktionsübergreifend dickere Bretter zu bohren, als dies die Arbeitsbedingungen im real existierende Journalismus normalerweise zulassen.
Dass die drei ReporterInnen ausgerechnet im Rahmen des Genfer Branchentreffens den Organisationsversuch anpacken, dafür gibt es gute Gründe. Vom Besuch früherer Konferenzen weiss Martin Stoll, wie beflügelnd ein solches Zusammentreffen mit Gleichgesinnten wirken kann: «Du kommst da raus mit Elan und weisst, weshalb du Journalist bist, wenn du siehst, dass andere gleich ticken.»
- Tags: Ausgabe 1 | 2010, Beobachter, Blick, Fahmy, Investigativ, Journalismus, Praxis, SJU, Sonntagszeitung, Stoll, Strebel
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