3. Dezember 2010 von Ursin Tomaschett

Aus dem Beruf: Pit Wuhrer

Von Pit Wuhrer ist bislang in keiner Publikation ein Foto erschienen. Das solle - sic! - auch so bleiben.

Der langjährige Auslandsredaktor der WOZ über die Realität auf dem Arbeitsmarkt und den Erfolg der linken Wochenzeitung.

Was würden sie heute als erstes tun, wenn Sie eine Journalismus-Ausbildung abgeschlossen hätten?

Mich sofort nach einem anderen Job umsehen. Es gibt viel zu viele junge Menschen, die “irgendwas mit Medien” zu tun haben wollen – und viel zu wenige halbwegs anständig bezahlte Arbeitsplätze. Oder ich würde mich bei politisch unabhängigen Redaktionen bewerben, für die journalistische Beiträge mehr sind als nur Lückenfüller zwischen den Anzeigen.

Was muss angehenden Journalisten heutzutage unbedingt vermittelt werden?

Zuallererst die Frage nach dem «Warum». Wer tut was aus welchen Gründen? Und dann: Nichts glauben. Alle Fakten prüfen, keine Verlautbarungen abschreiben, selber recherchieren. Der grosse Sozialreporter Max Winter umschrieb das einmal so: «Die ungesündeste Luft für den Berichterstatter ist die Redaktionsluft.

Die WoZ gehört zu den wenigen Publikationen, die derzeit keinen Grund für Katzenjammer hat. Warum?

Immer mehr Menschen haben genug vom kurzatmigen News- und Lifestyle-Journalismus. Sie wollen die Welt verstehen, was nur mit gut geschriebenen Hintergrundanalysen, sachkundig geführten Interviews und ausführlichen Reportagen funktioniert.

Inwiefern muss eine meinungsmachende Zeitung wie die WOZ am Ball bleiben, um attraktiv zu bleiben respektive noch attraktiver zu werden?

Auch die WOZ muss sich immer wieder neu erfinden – durch das neue Layout zum Beispiel oder durch den geplanten neuen Webauftritt, der mehr Aktualität und Interaktion erlaubt. Was offenbar bei der WOZ goutiert wird, ist dass sie kein Wischi-Waschi-Blatt ist, sondern Haltung hat. Trotzdem knallt sie ihren LeserInnen die WOZ-Meinung nicht vor den Latz, sondern versetzt sie in die Lage, sich selber eine Meinung zu bilden.

Pit Wuhrer wurde am Bodensee geboren. Er studierte in Konstanz und Liverpool. Später arbeitete er unter anderem als Dozent an der HTWG Konstanz und war zu Beginn der Achtzigerjahre Mitbegründer des Konstanzer Stadtmagazins “Nebelhorn”. Seit Mitte der achtziger Jahre schreibt er als freier Journalist für verschiedene deutschsprachige Zeitungen und Zeitschriften. Für die WOZ ist er seit 1991 als Auslandsredaktor tätig.
12. Februar 2008 von Nick Lüthi

„Kulturrevolution“

Nicolas Sarkozys Vorschlag, das öffentliche Fernsehen Frankreichs künftig werbefrei zu halten, stürzt all jene in ein Dilemma, die schon immer ein Werbeverbot gefordert haben.

Medienpolitik war für Nicolas Sarkozy bisher vor allem eine Angelegenheit unter Freunden: Martin Bouygues, Besitzer des privatisierten Senders TF1, ist Taufpate von Sarkozys Sohn. Vincent Bolloré, Gründer des TV-Kanals Direct8, sponsert die präsidialen Familienausflüge auf der Luxusjacht im Mittelmeer oder den Trip mit Carla Bruni nach Luxor. Umso unvermittelter kam am 8. Januar Sarkozys Vorschlag zu einer „Kulturrevolution“ der Fernsehlandschaft: „Das öffentliche Fernsehen existiert, weil es eine besondere Aufgabe hat. Deshalb wünsche ich, dass ein totales Werbeverbot für die öffentlichen Sender eingeführt wird.“ Künftig sollen sich die sechs öffentlichen Programme über Empfangsgebühren sowie Steuern auf den Werbeeinnahmen der Privaten und auf den Umsätzen von Internet- und Mobilfunkanbietern finanzieren.
Kulturministerin Christine Albanel, die eigentlich für die Medienpolitik zuständig ist, war über die Pläne nicht ins Bild gesetzt worden. Das sollte sie jedoch nicht daran hindern, den Ball spontan aufzunehmen und auf ihre Weise weiterzuspielen: „Die Diktatur der Quote wird jetzt beendet.“ Eine Forderung, die bisher besonders von linker Seite immer wieder erhoben wurde, scheint nun plötzlich in Erfüllung zu gehen. Doch Sarkozy war in den Augen der meisten BeobachterInnen der falsche Absender für die frohe Botschaft.
So überrascht es nicht weiter, dass dem Präsidenten für seinen Vorschlag zur klaren Rollenteilung von öffentlichem und privatem Fernsehen nicht etwa spontane Zustimmung entgegenschlug. Kaum ein Kommentator, der im Werbeverbot ein positives Signal erkennen konnte. Dazu gab es bei einem Blick auf die Aktienkurse der privaten Fernsehunternehmen von Sarkozys Freunden auch wenig Grund. Die Titel von TF1 und M6 setzten nach der präsidialen Ansprache zu Höhenflügen an und schienen damit zu bestätigen, womit BeobachterInnen von links bis rechts rechneten: Unter dem neuen Regime würde das öffentliche Fernsehen geschwächt und mittelfristig gar die Privatisierung eines weiteren Kanals unumgänglich.
Überraschenderweise stimmte einer nicht in diesen Chor ein: Patrick de Carolis, Chef der öffentlichen Sendergruppe France Télévisions, reagierte am 17. Januar mit einem Beitrag in „Le Monde“, wo er nicht etwa Sturm lief gegen die drohende Schwächung seiner Programme, sondern den Schritt in die Werbefreiheit begrüsste. Für wie toll er die Aussicht auf eine werbefreie Zukunft tatsächlich hält, darüber kann man bei der Lektüre seines Plädoyers für einen starken Service public („Pour que vive le service public!“) nur mutmassen. De Carolis erweckt den Eindruck, als füge er sich dem wohl unabwendbaren Schicksal und versuche nun das Beste daraus zu machen, indem er die Flucht nach vorn antritt. Aus der „idée ambitieuse“ könne durchaus eine „grande idée“ werden, hält der Fernsehchef fest. Allerdings nur dann, wenn die wegfallenden Mittel mit dem neuen Finanzierungsmodell tatsächlich kompensiert würden. Ausserdem müssten die Programme von France Télévisions über sämtliche Netze (Digitalfernsehen, Internet, Mobilfunk) verbreitet werden können, wie dies heute bei der BBC in Grossbritannien der Fall ist.
Dass der Vorschlag Sarkozys quer in der Landschaft steht, zeigen Reaktionen aus dem In- und Ausland. Die französische Werbeindustrie ist wenig begeistert von der Aussicht, in Zukunft nur noch fürs Privatfernsehen arbeiten zu dürfen. Attraktive Zielgruppen, wie etwa Besserverdienende und über 50-Jährige, würden so wegfallen. Und in Deutschland sind es nicht die Parteifreunde Sarkozys, die sein Modell aufnehmen: Ende Januar forderten die SPD-Fraktionen im Bundestag und in den Parlamenten der Bundesländer, ARD und ZDF sollten ein Konzept vorlegen und zeigen, wie sie in Zukunft auf Werbung in ihren Programmen verzichten können.
In der Schweiz hat sich Gilles Marchand, Direktor des Westschweizer Fernsehens, in einem Beitrag für „Le Temps“ ausführlich mit Sarkozys Vorschlag befasst und kommt sehr schnell zu einem sehr klaren Schluss: In einem Land ohne starke Privatsender, deren Werbeeinnahmen lukrativ besteuert werden könnten, ergibt eine Revolution à la française null Sinn.

Bald Sarkozys Stimme?

hb./ „Des projets il y en a“ (Projekte gibt es viele), sagen die französischen Bauern und deuten damit ihr Misstrauen gegenüber allem an, was „von Paris oben“ kommt. Nun, Präsident Sarkozy hat viele Projekte. So auch, die Stimme der Frankophonie in der Welt, den TV-Sender TV5 Monde, umzukrempeln. Belgien, Kanada, Quebec und die Schweiz gehen auf die Barrikaden. Gemeinsam mit Frankreich verbreiten diese Länder ihre Infosendungen über den Kanal, der in über 200 Ländern und 176 Millionen Haushalten empfangen werden kann. Das Fernsehen wird geleitet von einem gemeinsamen Gremium aller beteiligten Länder. Auch finanziert wird die Sache gemeinsam. Die SRG etwa hält 11,11 Prozent der Aktien und beteiligt sich mit 7,5 Millionen Franken pro Jahr an der Finanzierung.
Doch nun soll TV5 Monde zusammen mit zwei andern Sendern unter das Dach einer Holding gestellt werden. Es sind dies der neue TV-Kanal France 24, der bereits heute rund um die Uhr in englischer Sprache sendet, sowie Radio France Internationale. Das Ziel ist ein internationaler Sender, so verbreitet und geachtet wie CNN oder BBC World. Nur könnte kleinlicher Nationalismus das grosse Projekt köpfen. Denn die Holding soll France Monde genannt werden, was Frankreichs Partnern sauer aufstösst. Sollen sie entmachtet werden? Soll die Stimme der Frankophonie in der Welt zur alleinigen Stimme des gallischen Hahns werden? France Monde hat zum erklärten Ziel, die Ausstrahlung Frankreichs in der Welt über die Sender TV5 Monde, France 24 und RFI zu fördern.
Nun haben sich Belgien, Kanada, Quebec und die Schweiz auf einen Forderungskatalog geeinigt: TV5 Monde muss seine redaktionelle Unabhängigkeit und eigene, multilaterale Leitungsstruktur behalten, weiterhin die Infosendungen der anderen frankophonen Länder ausstrahlen und die Kontrolle über sein beeindruckendes Vertriebsnetz behalten. Ein Vertriebsnetz, das sich der von Sarkozys Parteikollege und Vorgänger Chirac initiierte Sender France 24 gerne unter den Nagel reissen würde.
Zwischen dem Forderungskatalog der Partner und dem französischen Projektentwurf gäbe es „einige Differenzen“, verrät Catherine Noyer vom Westschweizer Fernsehen TSR: „Zurzeit wird Punkt für Punkt verhandelt.“ Und der Zeitrahmen für die Verhandlungen? „Im Lauf des Frühjahrs möchten wir das Projekt bereinigt haben.“

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