2. November 2009 von Bettina Büsser

Leo Ferraro: Genug vom «Züri-Groove»

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Leo Ferraro (42) zog es nach Jahren als Blut-und-Sperma-Reporter beim «Blick» zurück in die Provinz.

Sein erstes Geld verdiente Leo Ferraro als freier Mitarbeiter beim «Wohler Anzeiger», dem Lokalblatt im aargaui­schen Wohlen, wo er aufgewachsen war. Heute ist Ferraro wieder beim «Wohler Anzeiger», nun als Redaktor. Und hat einen weiten Weg hinter sich. Nach der Matur arbeitete er als Reiseleiter, Schlafwagenbegleiter, Betreuer von Asylbewerbern und wurde schliesslich Redaktor des «Bremgarter Bezirks-Anzeigers». Dann wechselte er als bekennender Fan («Es war ein Bubentraum») zum «Blick» als Mittelland-Korrespondent. «Damals fuhr der ‹Blick› noch einen harten Boulevard-Kurs, ich war Polizeireporter mit diesem Blut-und-Sperma-Journalismus. Ich habe das voll mitgetragen», erzählt er. «Es war heavy, aber ich bin darin aufgegangen, habe alles gegeben für eine gute Geschichte.» Doch als nach zwei Jahren zwei Suizide in seiner Familie sein Leben erschütterten, stellte er fest, dass er in seiner Job-Besessenheit sein gesamtes Beziehungsumfeld verloren hatte: «Ich stand allein im Wald. Und ich konnte mir nicht mehr vorstellen, weiterhin Opfer-Geschichten zu schreiben, an Beerdigungen zu fotografieren.»

Ringier habe ihn daraufhin «fantastisch» behandelt, ihm andere Jobs angeboten. Ferraro wechselte jedoch zu «Facts», arbeitete dort im Inland-Ressort, schrieb grosse Geschichten, war erfolgreich. Und entschied sich, wieder wegzugehen – zurück nach Wohlen. Denn, so Ferraro, «der Zürich-Journi-Groove ging mir auf den Wecker. Diese Arroganz, diese begrenzte Optik: Was über Schlieren hinausgeht, ist Provinz. Jeder glaubt, dass er der Grösste sei». Das gelte, fügt Leo Ferraro an, nur für den Journalismus, er habe in Zürich aber auch gute Kollegen gefunden, Freunde. Dennoch wollte er «heim», und dort, beim Anzeiger in Wohlen, stellten sie ihn sofort wieder ein. Der «Wohler Anzeiger» erscheint zweimal wöchentlich, bringt ausschliesslich regionale und lokale Themen, erreicht zusammen mit dem Partnerblatt in Bremgarten eine Auflage von 13’600 Exemplaren; gemeinsam beschäftigen sie sieben fest angestellte RedaktorInnen plus den Chefredaktor: «Bei uns machst du alles: schreiben, fotografieren, produzieren, layouten», sagt Ferraro, und: «Hier kannst du dich wunderbar entfalten, du hast so viele Freiheiten.» Beschränkt werden diese Freiheiten durch viel Pflichtstoff: Der «Woh­ler Anzeiger» liefert Informationen zu allen politischen Parteien, Verbänden, Vereinen, Gemeinden und sonstigen Organisationen der Region. Die RedaktorInnen besuchen Veranstaltungen, berichten über Generalversammlungen. «Das gehört zu unserer Aufgabe», sagt Ferraro. «Bevor wir zur Kür kommen, muss die Pflicht erledigt sein. Damit muss man umgehen können.» Genau wie mit dem Nähe-Distanz-Problem: «Ob es um PR oder Politik geht: Du kennst die Leute, siehst sie jeden Tag und musst als Journalist gleichzeitig so viel Distanz halten, dass du dich morgens im Spiegel noch anschauen kannst.»

Und dennoch: Ferraro gefällt es beim Lokalblatt. Er hat aus seiner Zürcher Zeit die Idee des Blattmachers mitgenommen und in Wohlen eingeführt, bearbeitet durchaus auch Pflichtstoffe – und freut sich jeweils auf den Sommer: «Das ist die schönste Zeit zum Arbei­ten: fünf Wochen lang kein Pflichtstoff. Und dann ist der Horizont hier offen, ich kann Geschichten finden und sie schreiben.» Vom «Wohler Anzeiger» wegholen, so Ferraro, könnte ihn nur das Angebot, als vollamtlicher Gerichtsberichterstatter zu arbeiten. Denn «Hobbyjurist» Ferraro liebt die Gerichtsberichterstattung; bereits heute berichtet er regelmässig aus dem Gericht: «Zwischen dem Pflichtstoff ein ‹sexy› Fall – davon lebe ich wieder zwei Wochen.»

2. November 2009 von Helen Brügger

Anne-Frédérique Widmann: «Nachdenken, Abstand gewinnen»

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Anne-Frédérique Widmann (44) weiss: «Gute Recherchen brauchen Zeit.» Die hat sie beim Magazin «Temps présent» von TSR.

«Ich hatte Lust auf Weltverbesserung», sagt sie augenzwinkernd auf die Frage, weshalb sie Journalistin geworden sei. Anne-Frédérique Widmann ist Produzentin von «Temps présent», dem renommierten Nachrichtenmagazin des Westschweizer Fernsehens, vergleichbar mit der «Rundschau» von SF. Die zierliche Frau mit den lebhaften Gesten hat die Welt tatsächlich ein bisschen verbessert. So hat sie etwa den zum Buhmann gewordenen Schweizer Unterhändler in Kolumbien, Jean-Pierre Gontard, rehabilitiert, indem sie nachwies, dass er der kolumbianischen Farc-Guerilla kein Lösegeld übergeben hatte. Anderes Beispiel: Auf dem Höhepunkt der Aufregung um die nachrichtenlosen Vermögen brach sie den antijüdischen und antiamerikanischen Ressentiments die Spitze, indem sie ein Nazi-Opfer zu Wort kommen liess: Vor laufender Kamera erzählte Eva V. erstmals öffentlich ihre Geschichte. Das im Zweiten Weltkrieg elfjährige jüdische Mädchen, das mit ihrer Mutter und andern LeidensgenossInnen aus Budapest vertrieben worden war, hatte sich zu Boden fallen lassen und wollte nicht weitermarschieren, worauf ihre Mutter von den Nazis erschossen wurde – seither fühlt sich Eva V. schuldig am Tod der Mutter. «Aufdecken, enthüllen, erklären, hinter die Kulissen schauen ist unsere Aufgabe», sagt Widmann. «So können wir manchmal Einfluss nehmen.»

Anne-Frédérique Widmann hat einen Abschluss der Genfer Hochschule für internationale Beziehungen, ist mit dem Cartoonisten Patrick Chappatte verheiratet und hat drei Kinder. Bei «Temps présent» arbeitet sie seit 2003. Zusammen mit einem Kollegen ist sie jeweils ein halbes Jahr für die Redaktion zuständig, im zweiten Halbjahr produziert sie während dreier Monate einen Dokumentarfilm von 52 Minuten. «Gute Recherchen brauchen Zeit, Geld und einen Arbeitgeber, der voll hinter dir steht», fasst sie zusammen. «Temps présent», seit vierzig Jahren im Programm des Westschweizer Fernsehens, und damit eine der Sendungen mit der längsten Laufzeit in ganz Europa, sei «ein wundervolles Werkzeug», weil man nicht von der Aktualität gehetzt werde. «Man kann nachdenken, Abstand gewinnen, Fragen stellen, auch wenn alles bereits klar zu sein scheint, und man kann im Film die Leute wirklich zu Wort kommen lassen.»

Ihr Beruf, der Kontakt mit den Menschen, macht sie glücklich. Aber sie sei auch besorgt, dass wirklicher Recherchierjournalismus immer seltener werde. «Das bedroht unsere Rolle als vierte Macht, die Aufgabe, die die Medien in einer funktionierenden Demokratie ausüben müssten.» Dies sei mit ein Grund, dass sich der Blick der Gesellschaft auf den Berufsstand in den letzten Jahren stark verändert habe: «Man verdächtigt uns, anderen Inte­ressen zu dienen als dem Interesse der Sache, Kommerz zu machen, anstatt die Wahrheit zu suchen.» Als Journalistin müsse man um jeden Preis die Wahrheit sagen. «Wir haben kein Recht, uns zu irren.»
Als sie mitten in der Wirtschaftskrise der Neunzigerjahre Journalistin werden wollte, habe man ihr gesagt: «Du hast keine Chance.» Sie habe es dennoch gewagt. Ein bisschen stolz ist sie schon, gerade heute zum Team von «Temps présent» zu gehören, das Ende August den renommierten «Jean Dumur»-Preis erhalten hat. Der Preis zeichnet Medienschaffende aus, die die «Suche nach der Wahrheit, Mut, Aufrichtigkeit und Unabhängigkeit» grossschreiben. Was braucht man für einen beruflichen Werdegang wie den ihren? «Man darf sich nicht von einem Chef, von einem Medium oder von einem Land abhängig fühlen. Man darf keine Angst haben, seine Meinung zu sagen. Man muss sich frei fühlen und frei sein.»

2. November 2009 von Bettina Büsser

Yvonne Staat: «Nicht alles schlucken»

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Yvonne Staat (34) hat sich vor einem Jahr entschieden, als freie Journalistin zu arbeiten. Existenzängste will sie gar nicht erst aufkommen lassen.

«Weil ich gerne schreibe und es wahnsinnig spannend finde, die verschiedensten Menschen kennenzulernen», antwortet Yvonne Staat auf die Frage, weshalb sie Journalistin geworden ist. «Man hat die Möglichkeit, sich intensiv mit Menschen, Problemen und Schicksalen auseinanderzusetzen und Erfahrungen zu machen, ohne dass man sie wirklich eins zu eins erleben muss.»
Staat ist in der Nähe von Disentis aufgewachsen und hat in Basel Geschichte studiert. Bereits in der Mittelschule war Journalismus ein Beruf, der sie sehr interessierte. Deshalb stieg sie, nach dem Studium arbeitslos, in das Beschäftigungsprogramm ein, das die Zeitschrift «Der Arbeitsmarkt» herausgibt, und machte dort ihre ersten journalistischen Erfahrungen. Danach folgten Praktikumsstellen bei «Zeitlupe», «Aargauer Zeitung», im Basler Pressebüro Kohlenberg und schliesslich beim «Beobachter» als Volontärin.

«Es läuft ja bei solchen Praktika und überhaupt im Journalismus alles über Leute, die man kennt», sagt Staat. Für Freie sei ein gutes Netzwerk besonders wichtig: «In den ersten Monaten ging es nur darum, ein Beziehungsnetz zu potenziellen Auftraggebern aufzubauen. Man muss auch damit leben können, die Leute teilweise zu nerven. Es wartet ja niemand auf einen.» Auch wenn ihre Erfahrungen mit Ressortleitern «sehr gemischt» sind – solche, die nicht auf Themenvorschläge reagieren, auf abgelieferte Artikel kein Feedback geben oder sie gar verschlampen, findet Staat «ziemlich unprofessionell» – hat ihr die Arbeit als Freie von Anfang an gefallen.
Ursprünglich hatte sie nicht geplant, als Freie zu arbeiten. Nach dem zweijährigen Volontariat mit MAZ-Besuch wollte sie aber nicht beim «Beobachter» bleiben: «Obwohl es eine Superredaktion ist, wollte ich etwas anderes kennenlernen, mich wieder mal im Wettbewerb messen.» Zuerst suchte sie eine Möglichkeit, als Journalistin in Rumänien tätig zu sein, einem Land, das sie fasziniert; seit sechs Jahren lernt sie Rumänisch. Doch das klappte nicht. Immerhin war sie kürzlich wieder eine Woche dort – auf Hochzeitsreise, nachdem sie im August ihren langjährigen Partner geheiratet hat.

Nun schreibt Staat seit Ende 2008 als Freie über gesellschaftliche und soziale Themen. «Die ersten Monate waren schwierig, seither läuft es mir jedoch sehr gut, das Netz spielt», erzählt sie. Sie arbeitet für «Basler Zeitung», «NZZ am Sonntag», «Annabelle», «Reformiert» und bis Ende September auch noch für die «Bellevue»-Seite des «Tages-Anzeigers». Ein Standbein ging ihr dort verloren: «Schade, denn wir waren eine Gruppe von Freien mit guter Stimmung.» Sorgen über weitere wegfallende Aufträge macht sie sich aber nicht: «Ich versuche, keine existenziellen Ängste aufkommen zu lassen. Es ist mir wichtig, gerade als Freie eine unabhängige Haltung zu bewahren. Nicht alles zu schlucken, nur weil ich Angst habe.» Sie sei allerdings in einer «luxuriösen Situation», fügt sie hinzu, sie müsse ja keine Familie finanzieren. Und sie hat beim «Beobachter» ein Fixum von acht Tagen monatlich, «das verschafft mir mehr Freiheit».

Diese Freiheit will Staat nützen, um weniger kurzfristig, weniger oberflächlich zu arbeiten: «Ich will mehr in die Tiefe gehen, längere Artikel schrei­ben, für die ich mir mehr Zeit nehmen kann», sagt sie – und dass sie nicht ganz sicher sei, ob sie in fünf, zehn Jahren noch Journalistin sein werde: «Es ist ein Beruf, in dem es sehr schwierig ist, sich weiterzuentwickeln. Jetzt bin ich noch neugierig, hungrig, doch es kann sein, dass ich mich irgendwann nicht mehr immer wieder neu auf Menschen einlassen mag.»

2. November 2009 von Nick Lüthi

Christoph Hugenschmidt: «Sind total unabhängig»

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Christoph Hugenschmidt (51) kennt die Informatikbranche wie kaum ein anderer Journalist. Vor fünf Jahren hat er sein eigenes Online-Medium inside-it.ch gegründet. Und würde es wieder tun.

Inserateeinbruch? Stellenabbau? Krise? Hier nicht. Die Redaktion von inside-it.ch gedeiht prächtig. Eher schmiedet sie Pläne zum weiteren Ausbau, als dass sie den Gürtel enger schnallen müsste. «Zuerst wollen wir aber unsere Löhne erhöhen», sagt Gründer und Mitinhaber Christoph Hugenschmidt – Saläre, die sich im Branchenvergleich zwar am unteren Rand bewegen, aber schon heute 14-mal im Jahr ausbezahlt werden. Das Inselchen der Glückseligen im sturmgeplagten Medienozean befindet sich in einer ehemaligen Fabriketage an der Zürcher Kanzleistrasse. Vor fünf Jahren unternahm Hugenschmidt, zuvor Chefredaktor der Fachpublikation «IT-Reseller», mit einem Redaktionskollegen den Schritt in die unternehmerische Selbstständigkeit und gründete inside-it.ch. «In der Informatikbranche bestand das Bedürfnis nach journalistisch aufbereiteten Nachrichten», weiss Hugenschmidt.
Vor einer grossen Fensterfront und im Raum verteilt stehen schmucklose Pulte. In seinem Sessel versunken sitzt Hugenschmidt und tippt vor sich hin. Wenn er sich erhebt, steht plötzlich ein Hüne von einem Mann vor einem und man versteht, dass es nicht nur Koketterie ist, wenn er sagt: «Mir glaubt eh niemand, dass ich Journalist bin.» Handwerker oder Holzfäller würden zumindest vom Äusseren her sicher besser passen. Aber das ist er nicht. Sondern einer der besten Kenner der schweizerischen IT-Branche. Wer mit Informatik zu tun hat, ob als Hersteller, Verkäufer oder Anwender, muss stets mit einem Anruf von Hugenschmidt und seinen Kollegen rechnen.

«Wir sind total unabhängig und lassen uns von niemandem kaufen», sagt der gelernte Buchhändler. Das ist auch als Kritik an den sogenannten Fachmedien zu verstehen, zu denen Hugenschmidt seine Online-Plattform inside-it.ch nicht gezählt wissen will. «Wenn uns jemand fragt, was er tun könne, damit wir über ihn berichten, sage ich einfach: Geht Konkurs, dann ist das für uns eine News.» Diese entwaffnende Direktheit, vorgetragen mit einer für Hugenschmidt typischen schalkhaften Hemdsärmeligkeit, zahlt sich offenbar aus. Von Werbung und Sponsoring leben die sechs MitarbeiterInnen – vier Journalisten, ein Akquisiteur und die Buchhalterin – ganz gut. Das hat sich in der Branche he­rumgesprochen. Immer öfter meldeten sich arbeitslose Kollegen bei ihnen auf der Suche nach einem Job. Leute zum Teil, die noch vor wenigen Jahren die Nase gerümpft hätten und in der Startphase nicht bei inside-it.ch einsteigen wollten. Zu riskant. «Jetzt kommen sie», weiss Hugenschmidt. «Unser Erfolgsmodell ist auch der schlanke Apparat.» Das heisst: volle Konzentration auf den Journalismus – von der schnell geschriebenen Personalie über die aufwendige Recherche bis zur freitäglichen Kolumne.
Die besten Geschichten erfährt er auf Branchenpartys. Hugenschmidt ist ein geselliger Mensch, der es mit allen gut kann. Und in der Branche geniesst er den Respekt, der einem unabhängigen Chronisten gebührt. Kein Prob­lem haben die Informatikmenschen damit, dass Hugenschmidt als Aktivist der Menschenrechtsgruppe Augenauf mitunter pointiert öffentlich Stellung nimmt gegen die Staatsgewalt. «Wer das wissen will, kann und darf das wissen.» Denn für sie sei er Journalist, und das mache er professionell. «Ich könnte nie mit einem weltanschaulich geprägten Job Geld verdienen.»

2. November 2009 von Nick Lüthi

Cheyenne Mackay Loosli: «Setzen eigene Schwerpunkte»

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Mit zwölf war sie Kinderredaktorin bei DRS 3, heute leitet Cheyenne Mackay Loosli (30) die Info-Redaktion des Berner Alternativradios RaBe.

Wenn RadiomacherInnen nach den Wurzeln ihrer Berufung suchen, dann zeichnen sie früher oder später das nostalgieverklärte Bild mit dem Kassettengerät und den «Sendungen» fürs Kinderzimmer. Nicht so Cheyenne Mackay Loosli. Bei ihr ging es gleich richtig zur Sache. Bereits als Zwölfjährige konnte man sie auf DRS 3 hören. «Mehrere Dutzend Kinder hatten sich damals für die Sendung ‹Yoyo› beworben, am Schluss blieb eine Handvoll übrig, darunter auch ich», erinnert sich die heute 30-jährige Radiojournalistin. Mit dieser Berufsbezeichnung konnte sie als Teenager noch nicht viel anfangen: «Radio hat mir vor allem Spass gemacht.» Eine richtige Ausbildung habe sie damals im Studio Basel genossen, erinnert sie sich, inklusive Tonbandschneiden und -montieren; 1991 lag der digitale Schnittplatz noch in weiter Ferne.

Die vier Jahre bei «Yoyo» legten den Grundstein für ihre spätere Laufbahn. Bis heute hält Cheyenne Mackay Loosli dem Radio die Treue. «Mir bleibt ja auch nicht viel anderes übrig», hadert sie mit ihrer beruflichen Perspektive. Das stimmt natürlich nicht ganz. Schliesslich weiss die Journalistin nicht nur im Radiostudio mit dem Mik­rofon umzugehen, sondern auch auf der Bühne. Zusammen mit ihrem Ehemann ist sie das Elektropop-Duo Copy & Paste, mit dem sie seit zwei Jahren in der Schweiz und im angrenzenden Ausland auftritt. «Eine wirkliche Alternative zum Journalismus ist die Musik aber nicht», weiss Cheyenne Mackay Loosli. Trotz Konzertgagen und Plattenverkauf lege sie Geld drauf. Ebenfalls in die Rubrik brotloses Engagement fällt ihre Sendung «Radieschen». Seit zehn Jahren präsentiert sie auf Radio RaBe, ihrem heutigen Arbeitgeber, «ungehörte Musik aus Schweizer Übungsräumen».

Während die Laufbahn vieler Radio­journalistInnen irgendwo im Lokalen anfängt und bei einem Gebührensender der SRG endet, wählte Cheyenne Mackay Loosli den umgekehrten Weg: Sie startete bei DRS, arbeitete dann zuerst als Stagiaire, später als freie Mitarbeiterin beim Bieler Privatradio Canal 3 und leitet nun die dreiköpfige Redaktion des alternativen Lokalradios RaBe in Bern. «Klar würde ich gerne wieder einmal bei SR DRS arbeiten», gesteht die in Basel geborene Bernerin mit südafrikanisch-schottischen Wurzeln. Doch zurzeit geniesst sie die Freiheiten, die ihr der Job beim werbefreien Sender in der Bundesstadt bietet. «Da wir mit unserem kleinen Team gar nicht die Kapazität haben, Tag für Tag die Lokalpolitik abzudecken, setzen wir dafür unsere eigenen Schwerpunkte», umreisst Cheyenne Mackay Loosli die RaBe-Redaktionspolitik. Zu den gern gesehenen Gästen im RaBe-Studio gehören GewerkschafterInnen und BasisaktivistInnen aus aller Welt. Den Vorwurf, damit als unkritisches NGO-Sprachrohr zu fungieren, nimmt die Redaktionsleiterin gelassen entgegen: «Ich kann zwar nicht überprüfen, ob alles stimmt, was mir die Leute sagen. Aber ich finde es extrem wichtig, dass auch jene Menschen eine Plattform erhalten, die in den meisten Medien gar nicht auftauchen oder wenn, dann als anonyme Opfer.»

Cheyenne Mackay Loosli behält ihr Radiofachwissen, das sie in zahlreichen Kursen bei DRS 3, am MAZ und bei Klipp & Klang erworben hat, nicht einfach für sich. Als weiteres berufliches Standbein unterrichtet sie inzwischen selbst bei Klipp & Klang, der Radioschule der nichtkommerziellen Sender. «Zum Unterrichten habe ich keine spezielle Ausbildung, ausser eben die Kurse, die ich selbst besucht habe», sagt die Journalistin. Und nun, beendet sie das Gespräch, müsse sie nach Hause, sechs Abschlussarbeiten durchhören und bewerten gehen.

Aktuelles Heft:

EDITO Ausgabe: 2 | 2017
  • Wie Podcasts das Medium Radio erfrischen
  • Wie die SRF-Serien für Protest sorgen
  • Wie Gerüchte nicht verbreitet werden sollten
  • Wie Lebrument mit der Quotidiana mischelt
  • Wie Urs Musfeld Abschied von Sounds feiert
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