11. August 2009 von Hanspeter Spörri

Faule und Unfähige entlassen?

Von Hanspeter Spörri, Journalist in Teufen/AR. Als Chefredaktor des Berner „Bund“ musste auch er Sparvorgaben des Verlags umsetzen und Personal entlassen.

Wen entlassen? Chefs, die den Auftrag erhalten, das Redaktionsbudget massiv zu reduzieren, also Kündigungen auszusprechen, suchen zunächst nach Kriterien. „Schick doch einfach die Faulen und Unfähigen!“, rät vielleicht ein jovialer Verwaltungsrat des eigenen Unternehmens; „trenn dich von den Problemfällen!“, empfehlen Kollegen der Konferenz der Chefredaktoren; „jetzt werden Sie die Linken los“, sagt erfreut ein volkstümlicher Politiker mit enger Verbindung zur Unternehmensspitze; „nachvollziehbare Kriterien und Rücksichtnahme auf Härtefälle“, fordern Angehörige der Redaktion. Schüchtern melden sich einzelne Mitarbeitende mit Ideen, welche Stelle ohne Schaden für das Blatt abgebaut werden könne, welche KollegInnen am falschen Platz seien, alle Reformbemühungen hintertrieben oder kaum einen graden Satz schreiben könnten. Bald kursieren Namen. Die Redaktion verwandelt sich in eine Schlangengrube. Angst macht sich breit; viele hoffen, der Kelch möge an ihnen vorübergehen; manche verhalten sich möglichst ruhig und unauffällig; andere zeigen sich aktiv, wollen beweisen, dass sie unersetzbar sind, verlieren aber ihren journalistischen Mut, ihre Ideen, ihren Witz; wieder andere werden aggressiv, setzen Gerüchte in Umlauf, stiften zusätzlich Verwirrung.

Die Professionalität reicht allerdings, um das Erscheinen des Blattes zu sichern. Offensichtliche Zeichen des Protests sind selten. Das Publikum merkt kaum etwas von der internen Missstimmung. Äusserlich geht noch vieles seinen gewohnten Gang. Nur das besonders Eigenwillige und Lesenswerte wird seltener. Dafür findet sich mehr Übereiltes, Unausgegorenes, Zugespitztes. Und der Chef stellt Namenslisten zusammen, bespricht sich mit Ressortleitenden, zählt Lohnsummen der zur Kündigung Vorgeschlagenen zusammen, stellt fest, dass das Sparziel noch nicht erreicht ist. Vielleicht schreibt er nebenbei weiterhin seine Artikel; wirklich gute Texte gelingen ihm nicht; er wirkt verbissen, vertrocknet, einsam. Oder aber er ist der Typ, der sich in der Rolle desjenigen gefällt, der tut, was getan werden muss, des gestählten Helden, des Retters der Zeitung und der Pressefreiheit, der weiss, dass Printjournalismus nur Zukunft hat, wenn er klüger, anregender, aufregender wird. Früher hasste er solche Worthülsen. Jetzt verwendet er sie selber.

Das Entlassen ist ein banales Werk: Je länger die Namensliste wird, desto unklarer ist, nach welchen Kriterien sie erstellt wurde; auch die Verantwortlichen wissen nicht, weshalb dieser Name nicht draufsteht, jener aber schon. Kündigt man älteren Kolleginnen und Kollegen, verliert man Gedächtnis und Erfahrung, kündigt man den Jüngeren, verliert man Unverfrorenheit und kulturelles Wissen über die Gegenwart; kündigt man einigen Mitarbeitenden mit eher holprigem Schreibstil, verliert man unersetzliches Lokalwissen; kündigt man den Anspruchsvollen, den schwierig zu Führenden, verliert man Klasse und Individualität; kündigt man den eher Linken, verliert man Rasse und Mumm; kündigt man den eher Rechten, verliert man Streitkultur. Im Sog der Kündigungswellen geht verloren, was die Zeitung bisher ausgezeichnet hat. Die neuen Redaktionen sind klar hierarchisch organisiert, werden geführt, nicht geleitet. JournalistInnen werden eingesetzt, auf Themen angesetzt – oder von Geschichten abgezogen. Sie haben wenig Zeit, Beziehungen aufzubauen, Dossierwissen zu pflegen, im Trüben zu fischen. Ihre Analysen werden schmalbrüstig, die Kommentare vorhersehbar, die Pointen dürftig. Die Redaktionskonferenzen sind langweilig, gleichen Befehlsausgaben. Die Existenzangst sitzt den Verbliebenen im Nacken.

Dem Überbau, dem Management, dem Aktionariat ist das recht. Die Zeitung muss sich ändern, weil sich alles ändert. Am schnellsten ändert man sie, indem man Leute entlässt. „Nicht an die soziale Seite denken, das machen wir dann mit dem Sozialplan“, sagt vielleicht einer aus dem Controlling; „entscheiden Sie nicht, wen Sie entlassen wollen, sondern mit wem Sie weiterarbeiten“, empfiehlt eine Fachperson aus dem Bereich „Human Resource Management“. Das klingt gut, es kommt aber auf dasselbe raus. Der Chefredaktor wird nicht Einstellungs-, sondern Entlassungsgespräche führen müssen. Aber unter den zu Entlassenden finden sich auch jene, die manchen als langsam, träge, schwerfällig, uninspiriert gelten. Auf jeder Redaktion gibt es sie. Bestünde Gelegenheit, mit ihnen ein neues Team zu bilden, mit all jenen, die gemobbt wurden, die sich den Ruf einhandelten, unbegabt oder unengagiert zu sein – es entstünde eine wunderbare Redaktion, ein journalistisches Dream-Team. Aus eigener Erfahrung weiss ich: Die angeblich Unfähigsten sind häufig einfach jene, die ihrer Zeit voraus sind, zu gut und zu schüchtern, um sich in den Vordergrund zu rücken, zu naiv oder zu gleichgültig, um das Mobbing zu erkennen oder sich zu wehren; einseitig begabt, mit ihren Spezialkenntnissen aber eigentlich unersetzlich.

Entlassungen machen Zeitungen nicht besser, wie manche Betriebswirtschaftler glauben, sie machen sie einheitlicher, feiger, fader. Die Edelfedern, die in den neu gestylten Blättern Platz für ihre Inszenierungen erhalten, gleichen den Qualitätsverlust nicht aus. Sie schreiben gut. Aber nicht gut genug, um aus einer nur noch mittelmässigen Zeitung wieder eine gute zu machen. Und auch sie unterliegen dem Zeitgeist, schreiben gegen den angeblichen Mainstream an. Denn momentan ist es politisch korrekt, politisch nicht korrekt zu sein. Es ginge auch anders. Die Redaktionen nutzen oft nur einen Teil ihres Potenzials. Die Verlage hätten interne Entwicklungsprozesse in Gang setzen, Online- und andere Projekte von den eingespielten Teams entwickeln lassen können. So gäbe es mehr Kontinuität, mehr Vielfalt und mehr publizistische Persönlichkeit. ≠

18. Juni 2009 von Hanspeter Spörri

Fatale Finanzierungslücke

Von Hanspeter Spörri, Journalist in Teufen/AR und ehemaliger Chefredaktor des Berner „Bund“.

Die Tagespresse befindet sich im Niedergang. Besser als jede andere Grafik zeigt der Publicitas-Index die negative Entwicklung der letzten Jahre: den Boom um die Jahrtausendwende, das Platzen der Internet-Blase ab 2001, die kleine Erholung der Jahre 2006 und 2007 und nun den Absturz ins Bodenlose. Die drastisch sinkenden Werbeeinnahmen und die tendenziell ebenfalls abnehmenden AbonnentInnenzahlen zwingen die Branche in ein Experiment, dessen Erkenntnisgewinn wahrscheinlich zu spät kommen wird: Wie viel Abbau von Quantität und Qualität, von Analysekraft, Differenzierung, Farbigkeit, Vielfalt, journalistischer Kompetenz und Originalität also, ist möglich, ohne dass sich die Leser und Leserinnen ganz abwenden?

Wäre man Optimist oder Ökonom der schumpeter’schen Schule, könnte man in der aktuellen Abbauschlacht die kreative oder schöpferische Zerstörung am Werk sehen, laut Lehrbüchern ein dynamischer Prozess, die Essenz des Kapitalismus, die dafür sorgt, dass das Alte dem besseren Neuen weicht. Aber wo bleibt das Bessere? In einzelnen Bereichen wurde es zweifellos gefunden: Für viele Werbetreibende, für zahlreiche AnbieterInnen von Dienstleistungen, für LiegenschaftsvermieterInnen und OccasionsverkäuferInnen bietet das Internet bessere Plattformen als die Tageszeitung; und auch die Gratiszeitung stellt offenbar in den Augen vieler VerwalterInnen von Werbeetats eine zielgruppengerechtere und günstigere Alternative zum Inserat in der Tageszeitung dar.

Das Management der Zeitungsverlage reagiert in vorhersehbarer Weise: mit dem Abbau des Umfangs, der Streichung von Stellen, der weiteren Reduktion der Fertigungstiefe; immer mehr „Content“ wird nicht mehr in der eigenen Redaktion produziert, sondern als redaktionelles Halbfabrikat bezogen und mit geringem Aufwand regionalisiert oder aktualisiert – so zum Beispiel beim künftigen „Tages-Anzeiger“-Kopfblatt „Bund“.

Weil sich parallel zum Einnahmerückgang anscheinend auch das Leseverhalten ändert, lassen sich die Folgen der Abbaumassnahmen nicht mehr eindeutig feststellen: Ob sich die LeserInnen von der Zeitung abwenden, weil diese an Qualität und Umfang verliert, oder weil sie ihre Lesegewohnheiten unabhängig davon ändern und mehr Zeit mit Surfen verbringen, lässt sich kaum eruieren. Vernebelnd spricht man dann von einer Strukturkrise. Dies enthebt die Chefs der Medienhäuser der direkten Verantwortung; gegen die naturgewaltige Zerstörung ist anscheinend kein Kraut gewachsen – und ihre schöpferischen Züge wird sie dann schon von selbst offenbaren.

Das lesende Publikum in den Schweizer Städten und Regionen ist derweil immer unzufriedener geworden. Man mache nur den Test, spreche LehrerInnen, BaggerführerInnen, GaleristInnen, MasseurInnen, GrafikerInnen, WerbeleiterInnen in Luzern, Basel, Bern oder wo auch immer auf die regionale Zeitung an – man hört wenig Schmeichelhaftes: „Bieder, fad, unkritisch, einseitig, negativ, aggressiv, boulevardig, oberflächlich, leicht zu manipulieren.“ Die Blätter werden geduldet, aber kaum mehr ernst genommen. Das Abonnement hält man, „weil man muss“, „wegen der Todesanzeigen“ etwa, die Rechnung zahlt man ungern und bald vielleicht gar nicht mehr. Liebe zum Leibblatt sieht anders aus.

Es wäre also Zeit für etwas Neues, für neue Geschäftsmodelle, neue Medientypen. Aber es ist niemand da, der es wagt, in Experimente zu investieren: in eine schlanke, elegante, tiefgründige Tageszeitung für die anspruchsvolle Leserschaft etwa; ergänzt durch eine Website mit Tiefenschärfe – nicht ohne, sondern mit Berührungsängsten zum Boulevard. – Das Boulevardblatt ist vermutlich immer noch ein erfolgversprechendes Geschäftsmodell; die Boulevardisierung aller übrigen Medien hingegen droht die Publikums- oder KundInnenbindung noch ganz zu zerstören, den klassischen Journalismus bedeutungslos werden zu lassen.

Wir Journalistinnen haben der allgemeinen Fantasielosigkeit in den letzten Jahren wenig entgegenzusetzen gewusst. Berufsbedingt neigten wir immer ein wenig zum Pessimismus und zur Resignation, verhielten uns abwehrend gegen Neuerungen, sahen in neuen Medien nur die Gefährdung des Bisherigen, kaum aber die sich vervielfältigenden Möglichkeiten. Wir sind also mitverantwortlich dafür, dass sich die Änderungen der letzten Jahre im Rahmen des Gewöhnlichen und Üblichen halten, dass das Drehen an der Sparschraube nur zu mehr Allerweltspublizistik führte, dass Persönliches, Originelles, Spezielles verschwand, Freiräume verloren gingen. Die Medienindustrie wird ihrem Namen immer gerechter: Zeitungen werden zu Industrieprodukten, gut gemacht vielleicht, aber ohne Individualität. Das wissen eigentlich alle, die selber in den Newsrooms sitzen und glücklich sind, dass sie einen Job haben.

Wo wird man das Bessere, das Kreative, Schöpferische finden? Der Unterschied von Papier und Bildschirm wird immer weniger eine Rolle spielen – beides sind nur Oberflächen, Publikationsvarianten. Ob der journalistische Inhalt im Internet auch künftig gratis zu haben sein wird, ist vielleicht eine der wesentlichen Fragen. Der Medienmogul Rupert Murdoch will es wagen, den Zugang zu seinen Online-Produkten kostenpflichtig zu machen. In einem Punkt hat er wohl Recht: „Die Zeiten des gegenwärtigen Internets sind bald vorbei“, sagt Murdoch – weil es sich mit den bisherigen Geschäftsmodellen genau so wenig finanzieren lassen wird wie der Zeitungsjournalismus. ≠

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EDITO Ausgabe: 4 | 2017
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