11. August 2009 von Hanspeter Spörri

Faule und Unfähige entlassen?

Von Hanspeter Spörri, Journalist in Teufen/AR. Als Chefredaktor des Berner „Bund“ musste auch er Sparvorgaben des Verlags umsetzen und Personal entlassen.

Wen entlassen? Chefs, die den Auftrag erhalten, das Redaktionsbudget massiv zu reduzieren, also Kündigungen auszusprechen, suchen zunächst nach Kriterien. „Schick doch einfach die Faulen und Unfähigen!“, rät vielleicht ein jovialer Verwaltungsrat des eigenen Unternehmens; „trenn dich von den Problemfällen!“, empfehlen Kollegen der Konferenz der Chefredaktoren; „jetzt werden Sie die Linken los“, sagt erfreut ein volkstümlicher Politiker mit enger Verbindung zur Unternehmensspitze; „nachvollziehbare Kriterien und Rücksichtnahme auf Härtefälle“, fordern Angehörige der Redaktion. Schüchtern melden sich einzelne Mitarbeitende mit Ideen, welche Stelle ohne Schaden für das Blatt abgebaut werden könne, welche KollegInnen am falschen Platz seien, alle Reformbemühungen hintertrieben oder kaum einen graden Satz schreiben könnten. Bald kursieren Namen. Die Redaktion verwandelt sich in eine Schlangengrube. Angst macht sich breit; viele hoffen, der Kelch möge an ihnen vorübergehen; manche verhalten sich möglichst ruhig und unauffällig; andere zeigen sich aktiv, wollen beweisen, dass sie unersetzbar sind, verlieren aber ihren journalistischen Mut, ihre Ideen, ihren Witz; wieder andere werden aggressiv, setzen Gerüchte in Umlauf, stiften zusätzlich Verwirrung.

Die Professionalität reicht allerdings, um das Erscheinen des Blattes zu sichern. Offensichtliche Zeichen des Protests sind selten. Das Publikum merkt kaum etwas von der internen Missstimmung. Äusserlich geht noch vieles seinen gewohnten Gang. Nur das besonders Eigenwillige und Lesenswerte wird seltener. Dafür findet sich mehr Übereiltes, Unausgegorenes, Zugespitztes. Und der Chef stellt Namenslisten zusammen, bespricht sich mit Ressortleitenden, zählt Lohnsummen der zur Kündigung Vorgeschlagenen zusammen, stellt fest, dass das Sparziel noch nicht erreicht ist. Vielleicht schreibt er nebenbei weiterhin seine Artikel; wirklich gute Texte gelingen ihm nicht; er wirkt verbissen, vertrocknet, einsam. Oder aber er ist der Typ, der sich in der Rolle desjenigen gefällt, der tut, was getan werden muss, des gestählten Helden, des Retters der Zeitung und der Pressefreiheit, der weiss, dass Printjournalismus nur Zukunft hat, wenn er klüger, anregender, aufregender wird. Früher hasste er solche Worthülsen. Jetzt verwendet er sie selber.

Das Entlassen ist ein banales Werk: Je länger die Namensliste wird, desto unklarer ist, nach welchen Kriterien sie erstellt wurde; auch die Verantwortlichen wissen nicht, weshalb dieser Name nicht draufsteht, jener aber schon. Kündigt man älteren Kolleginnen und Kollegen, verliert man Gedächtnis und Erfahrung, kündigt man den Jüngeren, verliert man Unverfrorenheit und kulturelles Wissen über die Gegenwart; kündigt man einigen Mitarbeitenden mit eher holprigem Schreibstil, verliert man unersetzliches Lokalwissen; kündigt man den Anspruchsvollen, den schwierig zu Führenden, verliert man Klasse und Individualität; kündigt man den eher Linken, verliert man Rasse und Mumm; kündigt man den eher Rechten, verliert man Streitkultur. Im Sog der Kündigungswellen geht verloren, was die Zeitung bisher ausgezeichnet hat. Die neuen Redaktionen sind klar hierarchisch organisiert, werden geführt, nicht geleitet. JournalistInnen werden eingesetzt, auf Themen angesetzt – oder von Geschichten abgezogen. Sie haben wenig Zeit, Beziehungen aufzubauen, Dossierwissen zu pflegen, im Trüben zu fischen. Ihre Analysen werden schmalbrüstig, die Kommentare vorhersehbar, die Pointen dürftig. Die Redaktionskonferenzen sind langweilig, gleichen Befehlsausgaben. Die Existenzangst sitzt den Verbliebenen im Nacken.

Dem Überbau, dem Management, dem Aktionariat ist das recht. Die Zeitung muss sich ändern, weil sich alles ändert. Am schnellsten ändert man sie, indem man Leute entlässt. „Nicht an die soziale Seite denken, das machen wir dann mit dem Sozialplan“, sagt vielleicht einer aus dem Controlling; „entscheiden Sie nicht, wen Sie entlassen wollen, sondern mit wem Sie weiterarbeiten“, empfiehlt eine Fachperson aus dem Bereich „Human Resource Management“. Das klingt gut, es kommt aber auf dasselbe raus. Der Chefredaktor wird nicht Einstellungs-, sondern Entlassungsgespräche führen müssen. Aber unter den zu Entlassenden finden sich auch jene, die manchen als langsam, träge, schwerfällig, uninspiriert gelten. Auf jeder Redaktion gibt es sie. Bestünde Gelegenheit, mit ihnen ein neues Team zu bilden, mit all jenen, die gemobbt wurden, die sich den Ruf einhandelten, unbegabt oder unengagiert zu sein – es entstünde eine wunderbare Redaktion, ein journalistisches Dream-Team. Aus eigener Erfahrung weiss ich: Die angeblich Unfähigsten sind häufig einfach jene, die ihrer Zeit voraus sind, zu gut und zu schüchtern, um sich in den Vordergrund zu rücken, zu naiv oder zu gleichgültig, um das Mobbing zu erkennen oder sich zu wehren; einseitig begabt, mit ihren Spezialkenntnissen aber eigentlich unersetzlich.

Entlassungen machen Zeitungen nicht besser, wie manche Betriebswirtschaftler glauben, sie machen sie einheitlicher, feiger, fader. Die Edelfedern, die in den neu gestylten Blättern Platz für ihre Inszenierungen erhalten, gleichen den Qualitätsverlust nicht aus. Sie schreiben gut. Aber nicht gut genug, um aus einer nur noch mittelmässigen Zeitung wieder eine gute zu machen. Und auch sie unterliegen dem Zeitgeist, schreiben gegen den angeblichen Mainstream an. Denn momentan ist es politisch korrekt, politisch nicht korrekt zu sein. Es ginge auch anders. Die Redaktionen nutzen oft nur einen Teil ihres Potenzials. Die Verlage hätten interne Entwicklungsprozesse in Gang setzen, Online- und andere Projekte von den eingespielten Teams entwickeln lassen können. So gäbe es mehr Kontinuität, mehr Vielfalt und mehr publizistische Persönlichkeit. ≠

18. Juni 2009 von Hanspeter Spörri

Fatale Finanzierungslücke

Von Hanspeter Spörri, Journalist in Teufen/AR und ehemaliger Chefredaktor des Berner „Bund“.

Die Tagespresse befindet sich im Niedergang. Besser als jede andere Grafik zeigt der Publicitas-Index die negative Entwicklung der letzten Jahre: den Boom um die Jahrtausendwende, das Platzen der Internet-Blase ab 2001, die kleine Erholung der Jahre 2006 und 2007 und nun den Absturz ins Bodenlose. Die drastisch sinkenden Werbeeinnahmen und die tendenziell ebenfalls abnehmenden AbonnentInnenzahlen zwingen die Branche in ein Experiment, dessen Erkenntnisgewinn wahrscheinlich zu spät kommen wird: Wie viel Abbau von Quantität und Qualität, von Analysekraft, Differenzierung, Farbigkeit, Vielfalt, journalistischer Kompetenz und Originalität also, ist möglich, ohne dass sich die Leser und Leserinnen ganz abwenden?

Wäre man Optimist oder Ökonom der schumpeter’schen Schule, könnte man in der aktuellen Abbauschlacht die kreative oder schöpferische Zerstörung am Werk sehen, laut Lehrbüchern ein dynamischer Prozess, die Essenz des Kapitalismus, die dafür sorgt, dass das Alte dem besseren Neuen weicht. Aber wo bleibt das Bessere? In einzelnen Bereichen wurde es zweifellos gefunden: Für viele Werbetreibende, für zahlreiche AnbieterInnen von Dienstleistungen, für LiegenschaftsvermieterInnen und OccasionsverkäuferInnen bietet das Internet bessere Plattformen als die Tageszeitung; und auch die Gratiszeitung stellt offenbar in den Augen vieler VerwalterInnen von Werbeetats eine zielgruppengerechtere und günstigere Alternative zum Inserat in der Tageszeitung dar.

Das Management der Zeitungsverlage reagiert in vorhersehbarer Weise: mit dem Abbau des Umfangs, der Streichung von Stellen, der weiteren Reduktion der Fertigungstiefe; immer mehr „Content“ wird nicht mehr in der eigenen Redaktion produziert, sondern als redaktionelles Halbfabrikat bezogen und mit geringem Aufwand regionalisiert oder aktualisiert – so zum Beispiel beim künftigen „Tages-Anzeiger“-Kopfblatt „Bund“.

Weil sich parallel zum Einnahmerückgang anscheinend auch das Leseverhalten ändert, lassen sich die Folgen der Abbaumassnahmen nicht mehr eindeutig feststellen: Ob sich die LeserInnen von der Zeitung abwenden, weil diese an Qualität und Umfang verliert, oder weil sie ihre Lesegewohnheiten unabhängig davon ändern und mehr Zeit mit Surfen verbringen, lässt sich kaum eruieren. Vernebelnd spricht man dann von einer Strukturkrise. Dies enthebt die Chefs der Medienhäuser der direkten Verantwortung; gegen die naturgewaltige Zerstörung ist anscheinend kein Kraut gewachsen – und ihre schöpferischen Züge wird sie dann schon von selbst offenbaren.

Das lesende Publikum in den Schweizer Städten und Regionen ist derweil immer unzufriedener geworden. Man mache nur den Test, spreche LehrerInnen, BaggerführerInnen, GaleristInnen, MasseurInnen, GrafikerInnen, WerbeleiterInnen in Luzern, Basel, Bern oder wo auch immer auf die regionale Zeitung an – man hört wenig Schmeichelhaftes: „Bieder, fad, unkritisch, einseitig, negativ, aggressiv, boulevardig, oberflächlich, leicht zu manipulieren.“ Die Blätter werden geduldet, aber kaum mehr ernst genommen. Das Abonnement hält man, „weil man muss“, „wegen der Todesanzeigen“ etwa, die Rechnung zahlt man ungern und bald vielleicht gar nicht mehr. Liebe zum Leibblatt sieht anders aus.

Es wäre also Zeit für etwas Neues, für neue Geschäftsmodelle, neue Medientypen. Aber es ist niemand da, der es wagt, in Experimente zu investieren: in eine schlanke, elegante, tiefgründige Tageszeitung für die anspruchsvolle Leserschaft etwa; ergänzt durch eine Website mit Tiefenschärfe – nicht ohne, sondern mit Berührungsängsten zum Boulevard. – Das Boulevardblatt ist vermutlich immer noch ein erfolgversprechendes Geschäftsmodell; die Boulevardisierung aller übrigen Medien hingegen droht die Publikums- oder KundInnenbindung noch ganz zu zerstören, den klassischen Journalismus bedeutungslos werden zu lassen.

Wir Journalistinnen haben der allgemeinen Fantasielosigkeit in den letzten Jahren wenig entgegenzusetzen gewusst. Berufsbedingt neigten wir immer ein wenig zum Pessimismus und zur Resignation, verhielten uns abwehrend gegen Neuerungen, sahen in neuen Medien nur die Gefährdung des Bisherigen, kaum aber die sich vervielfältigenden Möglichkeiten. Wir sind also mitverantwortlich dafür, dass sich die Änderungen der letzten Jahre im Rahmen des Gewöhnlichen und Üblichen halten, dass das Drehen an der Sparschraube nur zu mehr Allerweltspublizistik führte, dass Persönliches, Originelles, Spezielles verschwand, Freiräume verloren gingen. Die Medienindustrie wird ihrem Namen immer gerechter: Zeitungen werden zu Industrieprodukten, gut gemacht vielleicht, aber ohne Individualität. Das wissen eigentlich alle, die selber in den Newsrooms sitzen und glücklich sind, dass sie einen Job haben.

Wo wird man das Bessere, das Kreative, Schöpferische finden? Der Unterschied von Papier und Bildschirm wird immer weniger eine Rolle spielen – beides sind nur Oberflächen, Publikationsvarianten. Ob der journalistische Inhalt im Internet auch künftig gratis zu haben sein wird, ist vielleicht eine der wesentlichen Fragen. Der Medienmogul Rupert Murdoch will es wagen, den Zugang zu seinen Online-Produkten kostenpflichtig zu machen. In einem Punkt hat er wohl Recht: „Die Zeiten des gegenwärtigen Internets sind bald vorbei“, sagt Murdoch – weil es sich mit den bisherigen Geschäftsmodellen genau so wenig finanzieren lassen wird wie der Zeitungsjournalismus. ≠

15. April 2009 von Hanspeter Spörri

Das Mediengeheimnis

Es gibt kaum noch parteipolitisch verankerte oder politisch klar positionierte Medien in der Schweiz. NZZ, WOZ, „Weltwoche“, „Schaffhauser Nachrichten“ und „Schaffhauser AZ“ sind Ausnahmen. Die sogenannten Forumszeitungen und die Boulevard- und Gratisblätter haben zwar ebenfalls eine politische Position, häufig sogar eine einseitige, allerdings nicht immer eine klar erkennbare.

Wer legt sie fest? Wer trägt die Verantwortung dafür, dass dem angeblich linksliberalen „Tages-Anzeiger“ eine eigenartige Nähe zu Christoph Blocher nachgesagt werden kann? Wer hat die „Berner Zeitung“ nach rechts „geöffnet“, dem liberalen „Bund“ den Mumm zur Linksliberalität genommen, den ehedem rechtspopulistischen „Blick“ nach links manövriert, wo er nun aber nicht länger bleiben soll? Es ist ein Geheimnis.

Verwaltungsräte, CEOs und Patrons intervenieren selten direkt bei ihren Redaktionen. Öffentlich loben sie die JournalistInnen, treten ein für Medien- und Meinungsvielfalt, fordern journalistische Professionalität. Politisch wirken sie umso blasser, je grösser ihre Unternehmen oder Konzerne sind; ja nicht wollen sie mit Berlusconi oder Murdoch verglichen werden. Über Macht spricht man hierzulande nicht. Lieber „nimmt man Verantwortung“ wahr. Es wird so getan, als ob die Positionierung eines Mediums ein gänzlich unpolitischer, rein marketingtechnischer Vorgang sei oder allenfalls in der alleinigen Verantwortung der Chefredaktion liege, die ausschliesslich im Interesse des Publikums, der Demokratie und der journalistischen Unabhängigkeit agiere. Aber ganz so ungebunden und ohne eigene Interessen sind die Verlagshäuser dann doch nicht. Einfluss wird ausgeübt, wenn auch meistens in subtiler Weise, mit personalpolitischen Entscheiden, mit scheuen Hinweisen, die von den Adressaten – ChefredaktorInnen, RessortleiterInnen – richtig gedeutet sein wollen. Wenn sie richtig gedeutet werden – wie fast immer –, ist der Wunsch zwar Befehl; das gute Gefühl redaktioneller Unabhängigkeit aber bleibt erhalten.

Bundesrat Moritz Leuenberger appellierte nach der Übernahme von Edipresse durch Tamedia an die Verantwortung des nun die Sprachgrenze überschreitenden Konzerns, die sprachliche und kulturelle Vielfalt der Schweiz zu pflegen. Dies könne geschehen durch Investitionen in die Ausbildung. Gut ausgebildete JournalistInnen seien für die Qualität der Schweizer Presse mindestens so wichtig wie die Anzahl der Zeitungstitel.
Verantwortung, Vielfalt, Ausbildung, Qualität – schöne Worte, besonders mit Blick auf die ökonomische Misere der Printmedien und den Spardruck, der auf Redaktionen lastet. Grosskonzerne und ihre ManagerInnen sind also die obersten Hüter der publizistischen Qualität, der journalistischen Professionalität und Ethik, der föderalistischen Vielfalt. Immer mehr publizistische Macht wird aus immer weniger Büros heraus delegiert und kontrolliert. Und dabei fliesst – selbstverständlich – das strategische Interesse der Konzerne ein, das fallweise ein medien-, regional- oder (wirtschafts-)politisches sein kann. Die Medienkonzerne verlangen, wie jedes andere Unternehmen, von ihren Mitarbeitenden Loyalität.

Die politische Positionierung ist ein Versteckspiel. Als der Medienwissenschaftler Roger Blum vor einigen Jahren versuchte, die Schweizer Printtitel politisch einzuordnen, sorgte das für Unruhe: einzelne Aktionärsvertreter des „Bund“ wollten ihr Blatt nicht als linksliberal eingestuft sehen; in der Redaktion des „St. Galler Tagblatts“ schüttelte man den Kopf über das Etikett „rechtsliberal“. Zeitungen sind nicht leicht zu fassen: die Haltungen variieren von Ressort zu Ressort. Manch ein kommentierender Chefredaktor wirkt als Kontrapunkt zu seiner anders gestimmten Redaktion – was Farbe in den publizistischen Alltag bringen kann, wie das „St.Galler Tagblatt“ beweist.
Aktuell ist allerdings eher eine Tendenz zur Entpolitisierung und Skandalisierung sichtbar. Polemiken, Kampagnen und Attacken auf Personen treten an die Stelle von Debatten und Analysen. Im Zentrum standen in den letzten Jahren immer weniger die politischen Fragen, beispielsweise rund um Sinn, Kosten und Aufgabe der Armee oder um Nutzen, Moral und Risiken des Bankgeheimnisses, um die Strategie des Finanzplatzes, die Rolle der Schweiz in Europa, die Organisation der Regierung. Hauptthemen waren vermutete Schwächen und Fehler von BundesrätInnen, die Deutschen in der Schweiz, Abzocker und Kampfhunde. Boulevard und journalistischer Populismus führten die Politik häufig an der Leine. Ihre Aufgabe als Frühwarnsystem nahm die Publizistik hingegen viel zu wenig wahr; die schweizerischen Tabuzonen rund um Bankgeheimnis und EU-Mitgliedschaft mied sie, eher unterstrich sie „nach altem Brauch die vorherrschenden Ansichten“ (Churchill), hofierte die PopulistInnen, vergrösserte die Selbstzufriedenheit, lieferte praktische Sündenböcke und machte das Land und die politische Führungsschicht denkfaul und blind für eigene Strategiedefizite und globale Veränderungen.
Entsprechend konnten die Medienkonzerne als bloss noch opportunistisch agierende unpolitische Unternehmen wahrgenommen werden, die ihre Produkte so positionieren, wie es dem Publikum gefällt: etwas linksliberal für die rot-grüne urbane Leserschaft, xenophob und verwaltungsfeindlich für AgglobewohnerInnen; differenzierter staatskritisch für die Wirtschaftselite.

Auf künstliche Positionierungen – die nicht von einem politisch bewussten Verwaltungsrat, einem linken Kollektiv, einem Patron alter Schule innerlich gewollt, aktiv gestützt und toleriert werden, sondern aus Marketinggründen vorgenommen werden – ist wenig Verlass. Ohne Vielfalt von EigentümerInnen und HerausgeberInnen gibt es anscheinend keine aufrichtige Meinungsvielfalt, sondern bloss einen Hang zu Beliebigkeit und politischem Opportunismus. Hier hat die momentan im Lande herrschende Ratlosigkeit eine ihrer Wurzeln. ≠

15. Februar 2009 von Hanspeter Spörri

Lieben Manager ihre Medien?

Es gibt immer noch guten Journalismus: seriöse Berichterstattung, kluge Analysen, packende Reportagen, erhellende Interviews, witzige oder freche Kolumnen. Aber schätzen VerlegerInnen und die Chefs und Chefinnen von Medienhäuser das, was ihre JournalistInnen tun?

Bieten sie Arbeitsbedingungen, die es ermöglichen, qualitativ hochstehenden Journalismus zu schaffen? Der Schriftsteller und „Business-Class“-Kenner Martin Suter schilderte unlängst in einem Interview mit dem „Tages-Anzeiger“ den idealen Manager: „Er muss sein Produkt oder seine Dienstleistung kennen und lieben. Er muss seine Mitarbeiter kennen und respektieren. Er muss kreativ und innovativ sein. Er muss das Wohlergehen von Mitarbeitern und Unternehmen über dasjenige der Anteilseigner stellen. Er muss Gewinn machen und reinvestieren.“ Die SpitzenmanagerInnen der grossen Medienhäuser sind in der Regel selbstbewusste Leute. Sie glauben deshalb vermutlich, diesem Idealbild so weit als möglich zu entsprechen. Einschränkend – und entschuldigend – würden sie vielleicht anfügen, die Interessen der Anteilseigner entsprächen auch den langfristigen Interessen des Unternehmens, der Mitarbeitenden und des Publikums, denn nur ertragsstarke Medienhäuser könnten in Zeiten des Strukturwandels die Unabhängigkeit der Redaktion garantieren.

Doch es herrscht Unfrieden zwischen Unternehmensführungen und Redaktionen. VerlagsmanagerInnen misstrauen ihren JournalistInnen. Sie vermuten, Medienschaffende würden nicht begreifen oder könnten nicht akzeptieren, was sie selber zu wissen glauben: dass heute ein anderer Journalismus gefragt sei; einer, der knapper, boulevardesker, zugespitzt und personifiziert daherkommen müsse – oder jedenfalls billiger und rezyklierter.

Dass etwas nicht mehr stimmt in der Medienlandschaft, fällt auf. Viele LeserInnen werfen den Zeitungen vor, „dass sie alle gleich seien. Dass sie alle die gleiche Meinung vertreten und gleich aussehen würden“, so Eric Hoesli im Interview mit „Persönlich“; und der Vorwurf stimme, meint der ehemalige Chefredaktor von „Le Temps“, der seit Anfang Jahr publizistischer Direktor von Edipresse ist. Sind also unkritische, selbstverliebte und distanzlose JournalistInnen schuld an der gegenwärtigen Zeitungsmisere? Die Verlagshäuser organisieren ihre Redaktionen immer schlanker; arbeiteten diese einst wie Manufakturen, gleichen sie heute industriellen Produktionsstätten. Mehr und mehr ist eine neue Form von Professionalität gefragt: JournalistInnen müssen vielseitig einsetzbar sein, sich ohne Vorkenntnisse, allenfalls nach einem kurzen Blick ins Internet, in neue Themen stürzen und mit geringem Aufwand eine Geschichte erzählen. Dossierwissen geht so verloren. Der finanzielle und zeitliche Druck führt dazu, dass auch veröffentlicht wird, was noch nicht reif ist oder gar nie reif werden kann.

Die Veränderungen der letzten Jahre sind von wenigen Trends geprägt. „News“ und „Newsroom“ sind die Zauberworte; Gratiszeitungen und Online-News-Plattformen werden in der Branche als Innovation gefeiert. Die Pendlerblätter sind die Sturmgeschütze im Verdrängungskampf der Medienunternehmen. Der Trend zum Klein-Tabloid griff auch auf Kaufzeitungen über. Er hat beispielsweise mitgeholfen, den „Blick“ zu ruinieren, lässt ihn ebenfalls wie eine Gratiszeitung aussehen. Der neue Ringier-Chef Marc Walder hat nun – laut seinen Aussagen in der „NZZ am Sonntag“ – in der Druckerei in Adligenswil die Arbeiter gefragt, die seit Jahren den „Blick“ drucken: „Sie antworteten, dass sie einen eigenen Sportbund wollen und ein grösseres Blattformat.“ Es liest sich wie das Eingeständnis, dass Druckereiarbeiter besser als Verlagsmanager wissen, wie Zeitungen gemacht werden sollten.

Das Klein-Tabloid war eine vorübergehende Mode. Auch wenn Ressortgrenzen fallen und Medienhäuser alle ihren Newsroom aufbauen, ist das wahrscheinlich bloss eine Zeiterscheinung, welche die Gefahr erhöht, dass Medienprodukte sich mehr und mehr angleichen. Beim „Tages-Anzeiger“ sollen nach ersten Informationen über den geplanten Relaunch in Zukunft die Internet-Klickzahlen Hinweise für die Gewichtung von Themen in der Printausgabe geben; Berührungsängste mit dem Boulevard sollen abgebaut werden. Wieder einmal macht man die Rechnung ohne die LeserInnen. Je mehr ein Verlag glaubt, deren Neigungen mit vulgärsoziologischen Methoden erforschen zu können, desto mehr meint man sie zu kennen, vergisst aber ihre anspruchsvolle Individualität.

Gibt es einen Ausweg aus der zunehmenden Einöde und künstlichen Aufgeregtheit? Vielleicht sollten die Verantwortlichen in den Medienhäusern die JournalistInnen wieder mehr einbeziehen. Die Arbeitsgruppen, welche Sparprogramme entwerfen, Fusionen vorbereiten, Layouts entwickeln und Online-Strategien konzipieren, nicht mehr nur mit erschöpften Kaderleuten und selbstverliebten Zeitgeistsurfern bestücken, die um ihre Karriere besorgt sind und sich herrschenden Meinungen widerstandslos anschliessen, sondern mehr mit kontrovers diskutierenden RedaktorInnen und ReporterInnen jeglicher Couleur und jeden Alters. Es würde dann nicht mehr nur auf sinkende Auflagen, schwindende Werbung, boomende Gratiszeitungen und zunehmende Online-Nutzung gestarrt, sondern überlegt, auf welchen neuen Wegen Journalismus zum Publikum gebracht werden kann. Quersubventionierung würde nicht mehr partout abgelehnt, Redaktionen nicht mehr nur ausgedünnt. Es würde in Qualität und Vielfalt reinvestiert, es ginge nicht mehr nur um News und Service, People und Lifestyle, um Klicks und Quoten, sondern um Journalismus, Sprache, Eleganz und Relevanz, Gestaltung und Ausdruckskraft; um Politik und Gesellschaft, um den öffentlichen Diskurs. In den Medienhäusern würde man vielleicht wieder lernen, die eigenen Produkte zu kennen und zu lieben, die Mitarbeitenden zu respektieren. Es wäre ein Mittel gegen die Ratlosigkeit. ≠

11. Dezember 2008 von Miriam Meckel

Das Medien-Monopoly

„Ziel des Spiels ist es, ein Grundstücksimperium aufzubauen und alle anderen Mitspieler in die Insolvenz zu treiben.“ Die Beschreibung des weltweit bekannten Brettspiels Monopoly weckt aktuelle Assoziationen. So könnte auch eine Kurzdefinition der US-Immobilienkrise und ihrer Folgen lauten.

Bei Monopoly erwirbt man möglichst viele Strassenfelder, um von den MitspielerInnen Miete kassieren zu können, wenn sie durch den Würfelzufall auf den eigenen Feldern landen. So ähnlich war das auch mit den Immobilienkrediten in den USA. Das Problem ist nur: Im wirklichen Leben stehen auf diesen Feldern nicht nur kleine Spielfiguren, sondern echte Häuser und Unternehmen mit echten Menschen als BewohnerInnen und Angestellten. Nachdem zuerst nur die Banken in Bedrängnis zu geraten schienen und ohne Staatshilfe der Reihe nach in die Insolvenz gelaufen wären, trifft es inzwischen auch die Realwirtschaft. Die Prognosen für das kommende Jahr sind ernüchternd bis frustrierend. Und die Medienbranche muss sich auf einen besonders kalten Wind einstellen, der ihr aus allen Richtungen ins Gesicht weht. Die ersten Vorboten sind schon deutlich zu spüren.

Seit einigen Jahren stehen weltweit die Verlage unter Druck, weil die Auflagen der Zeitungen und Magazine schrumpfen. Nach Angaben des Weltverbands der Zeitungen ging die Auflage der Tageszeitungen in der Schweiz in den letzten fünf Jahren um mehr als zwölf Prozent zurück. Eine Ursache dafür ist natürlich das Wachstum der digitalen Medien. Die Anzeigen wandern aus den Print- in die Onlineangebote ab. Doch das enorme Wachstum im Internet kompensiert nicht die Verluste im traditionellen Verlagsgeschäft. Dazu kommt eine Besonderheit des Schweizer Markts mit seinen vielen Gratiszeitungen. Wenn das Geld knapp wird und die Konjunktur stottert, sparen die Menschen. Warum noch eine Zeitung kaufen, wenn doch vier davon kostenlos zur Verfügung stehen? „Bei den abonnierten Zeitungen wird die Sandwichposition zwischen Krise und Gratiszeitung schwierig“, meint Hanspeter Lebrument, Präsident des Verbands Schweizer Presse.

In einer solchen „Sandwichposition“ finden sich in dieser Krise schnell auch die Redaktionen. Auf der einen Seite erhöht der Markt den Druck zum Seichten, die Auflage bricht weg, das Anzeigengeschäft auch. Auf der anderen Seite hält der Verlag mit Sparmassnahmen dagegen. Damit gerät zwischen die Krisenfronten, was zum Verstehen und Beurteilen der Krise eigentlich dringend gebraucht würde – der vielfältige Qualitätsjournalismus.
Wie das aussieht, macht Deutschland gerade vor. Die Westdeutsche Allgemeine Zeitungsgruppe WAZ legt die Redaktionen ihrer vier Tageszeitungen aus Spargründen in einer Zentralredaktion zusammen. Für die vier bislang unabhängigen Wirtschaftstitel des Verlagshauses Gruner & Jahr hat sich das Management Ähnliches ausgedacht. Sie werden zu Beginn 2009 in einer einzigen Grossredaktion in Hamburg zusammengeführt. Eine Strategie, die ökonomisch richtig sein mag, journalistisch aber ist sie falsch. Oder gibt es irgendwo auf der Welt ein Beispiel dafür, dass mehr Vielfalt entsteht, wenn eine Redaktion plötzlich alles macht, wo früher mehrere Redaktionen Verschiedenes getan haben?

Interessanter noch ist, was Gruner & Jahr sich für die verbleibenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Wirtschaftspresse ausgedacht hat, die nicht sowieso entlassen werden. Sie dürfen sich aus einem bislang gesicherten Job neu für die Megaredaktion in Hamburg bewerben. Unternehmenskulturell ein aussergewöhnlicher Ansatz. Der eigene Job wird zum Monopolyspiel. Gehe zurück auf „Los“, heisst die Botschaft. Manch einer darf dann wieder auf die Hauptstrasse vorrücken (Park- und Schlossallee sind aus dem Spiel). Für die anderen bleibt, ja was eigentlich? Vielleicht das „Ereignisfeld“. Sie dürfen sich überraschen lassen, was nach dem Jobverlust so auf sie zukommt.

Man kann argumentieren, das gehöre zum Geschäft. Man kann argumentieren, das sei Alltag in Unternehmen. Man kann argumentieren, die Finanzkrise fordere eben auch im Journalismus und der Medienbranche ihre Opfer. Man könnte aber auch argumentieren, die Medienbranche spiele eine besondere Rolle in einer Gesellschaft, die in sich selbst zunehmend verunsichert ist. Dass wir gerade jetzt besonders guten Journalismus brauchen. Nicht jenen von JournalistInnen, die im Finanzmarktboom Börsenkurse und Derivate bejubeln und in der Krise den Staat herbeischreiben. Vielmehr denjenigen von Medienschaffenden, die mit Langfristexpertise und Erfahrung Einschätzung und Orientierung liefern können.

Was wäre denn, wenn ein grosser Schweizer Verlag vor dem Aus stünde? Gäbe es dann Staatshilfen? Die Presse ist privatwirtschaftlich organisiert und das ist gut so, denn das macht sie unabhängig von staatlicher Einflussnahme. Aber ihre Produkte braucht eine demokratische Gesellschaft ebenso, vielleicht genauso dringend wie Kredite, Häuser und Autos. Im allumfassenden Monopolyspiel unserer Zeit gehören die Medien deshalb auf das „Gemeinschaftsfeld“.

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