23. April 2010 von Klartext

«TV-Unterhaltung bestätigt tradierte Werte»


Unter der Leitung von Gabriela Amgarten hat sich das Unterhaltungs­programm des Schweizer Fernsehens vervolkstümlicht. Was «Swissness» mit Service public und Qualitätsfernsehen zu tun hat, erklärt die 48-Jährige im Interview. Gespräch: Bettina Büsser und Nick Lüthi

KLARTEXT: Zu Ihrem Beruf gehört es, immer wieder den Daumen hoch- oder runterzuhalten. Nun haben Sie jüngst die Sendung «Deal or No Deal» abgesetzt. Folgt als nächstes «Benissimo»? Auch da sinken die Zuschauerzahlen.
Gabriela Amgarten: In den letzten Jahren haben die Zuschauerzahlen auf SF 1 im Hauptabendprogramm insgesamt gelitten, weil das Publikum heute Zugang zu Hunderten von Sendern hat. Dennoch ist «Benissimo» nach wie vor eine der erfolgreichsten Samstagabendshows. Sie soll die grosse Masse ansprechen und steht auch für Kontinuität. Mit gewissen Sendungen wollen wir den Zuschauern Heimat, Vertrauen, Zuverlässigkeit bieten. Mit anderen riskieren wir mehr, sind innovativ, gehen auch mal eine Gratwanderung ein. Es braucht beides.

KT: Zuschauerzahlen und Marktanteile zeichnen nur ein beschränktes Bild. Wie wissen Sie, ob eine Sendung funktioniert?
Amgarten: Wir haben eine sehr genaue Marktforschung, es gibt Image-Umfragen, Online-Umfragen. Und wir können das Sehverhalten der Zuschauer minutengenau beobachten, merken zum Beispiel, wenn ein Showblock nicht gefällt. Dazu kommt das direkte Feedback vom Publikum, das anruft und mailt.

KT: Alle wissen besser als Sie, was Sie tun müssten. Ist das nicht anstrengend?
Amgarten: Es gab auch schon Momente, in denen ich gedacht habe: Ich möchte lieber Abteilungsleiterin einer Versicherung sein. Trotzdem – wir sind privilegiert, unsere Arbeit bewegt, wird diskutiert und erhält direkte Feedbacks. Das macht Freude.

KT: Hat die Unterhaltung innerhalb von SF eine Sonderstellung, weil sie als Aushängeschild wirkt, das breit wahrgenommen wird?
Amgarten: Wir sind ja mit der Abteilung Unterhaltung in der Geschäftsleitung vertreten, wie alle anderen Programmabteilungen auch. Ich erlebe die Zusammenarbeit und den Austausch mit meinen Kollegen als sehr gut, sehr spannend. Dabei fühle ich mich weder zu wenig noch zu viel wahrgenommen.

KT: Bei «SF bi de Lüt» und anderen Unterhaltungssendungen ist viel «Swissness» spürbar – eine Vervolkstümlichung des Unterhaltungsprogramms?
Amgarten: Die «Swissness» ist bestimmt eine Erfolgsgarantin bei unserer Arbeit. Wir wollen ein Fernsehen machen, bei dem unsere Zuschauer selbst Pro­tagonisten sind. Ein Fernsehen mit ihnen und für sie. Hier können wir uns auch abgrenzen gegenüber unseren Mitbewerbern aus dem Ausland, die über viel mehr Mittel verfügen, als wir sie haben.

KT: Mit den «Grössten Schweizer Hits», «SF bi de Lüt» oder «Swiss Awards» huldigt SF einem konservativen Schweiz-Bild.
Amgarten: Grundsätzlich glaube ich, dass das Wesen der Unterhaltung eher Wertebestätigung als Wertehinterfragung ist. Die tradierten Geschichten werden stärker betont, ja. Aber wir können auch gesellschaftlich relevante Themen in einer unterhaltsamen Art und Weise darstellen und damit Menschen eine Plattform geben, die sonst nur in einem sehr problematisierten Umfeld in den Medien vorkommen. Viele Teilnehmer der Castingshow «MusicStar» sind zum Beispiel Migranten, Secondos. Wir haben uns als wichtiges Ziel gesetzt, dass Unterhaltung auch im Bereich der gesellschaftlichen Relevanz spielen soll. Das Projekt «Badi», eine Doku-Soap, in der geistig Behinderte und Nichtbehinderte gemeinsam eine Badeanstalt betreiben, ist nicht zufällig entstanden.

KT: Ist «Swissness» automatisch Service public?
Amgarten: «Swissness» ist sicher ein Kriterium. Doch als alleiniges Merkmal genügt sie nicht. Mit Service public verbinden wir eben auch, dass wir anständig mit den Menschen umgehen und ihre Würde nicht antasten.

KT: Was ist eigentlich Service public an einer Sendung wie «Deal or No Deal»?
Amgarten: Unterhaltung gehört grundsätzlich zum Service public, und «Deal or No Deal» hat die Menschen nun sechs Jahre bestens unterhalten. Es ist ein in sich sehr gut funktionierendes Spiel, das über rund fünf Jahre entwickelt wurde, bis es diese raffinierte Einfachheit ausstrahlte. Die Entwicklung von Spielsendungen wird unterschätzt. Es ist mitunter etwas vom Kompliziertesten, was es gibt.

KT: Daher entwickelt die Abteilung Unterhaltung Spiele nicht selbst, sondern kauft sie ein. So ist es ja auch bei der Nachfolgeshow von «Deal or No Deal» .
Amgarten: Es macht auch wirtschaftlich betrachtet absolut Sinn, wenn wir uns, wie alle anderen übrigens, in diesem Bereich meist auf bereits entwickelte Formate stützen. Ein Erfolg ist dann wahrscheinlicher; wir wissen, dass die Dramaturgie stimmt. Wir nehmen jedoch immer nur ein Skelett, die Idee eines Spiels. Daraus bauen wir eine Sendung, die so ist, dass wir sie in der Schweiz gerne schauen. Das gilt auch für die Nachfolgeshow von «Deal or No Deal»: Wir haben das Konzept des Spiels eingekauft, jetzt bauen wir darum herum den schweizerischen Mantel.

KT: Kommen wir vom Mittwoch- auf den Sonntagabend. «Giacobbo/Müller» wirkt heute, gemessen an den letzten zwanzig Jahren Giacobbo, etwas müde – vielleicht eine gewisse Altersmüdigkeit?
Amgarten: Ein ganz klares Nein. «Giacobbo/Müller» hat innerhalb eines Jahres die ganze Comedy-Schiene am späteren Sonntagabend komplett saniert. Vor etwa vier, fünf Jahren erreichten wir dort mit unseren Sendungen wie «Punkt ch» oder «Comedy im Casino» rund 25 Prozent Marktanteil. Innerhalb eines Jahres hat «Giacobbo/Müller» den Gesamtschnitt dieses Sendeplatzes um rund zehn Prozent nach oben gehoben. Aber selbstverständlich gefällt nicht jede Sendung jedem gleich gut. Und selbst Vollprofis wie Mike Müller und Viktor Giacobbo haben neben Sternstunden auch mal einen Durchhänger.

KT: In der Unterhaltung sieht man seit Jahren die immer gleichen Köpfe: Viktor Giacobbo, Beni Thurnheer, Kurt Aeschbacher, Sven Epiney … Man möchte auch mal neue sehen.
Amgarten: Es entspricht unserer Strategie, mit wenigen möglichst lange und viel zu arbeiten. Die Zuschauer brauchen eine gewisse Verlässlichkeit der Moderatorenfamilie. Bekannte Gesichter vermitteln Heimat und Sicherheit. Wichtig ist, dass die Heterogenität der Gruppe gewahrt ist. Am Beispiel von Nik Hartmann sieht man, dass wir fähig sind, neue Leute aufzubauen. Man kann das Bildschirmpersonal aber nicht dauernd auswechseln, denn heute unterscheidet sich ein Sender auch durch seine Gesichter von einem andern Sender.

KT: Die Starmoderatoren von SF sind fast ausnahmslos Männer. Woran liegt das?
Amgarten: Für Frauen ist es tatsächlich schwieriger, in der Unterhaltung ihren Weg nach ganz oben zu machen. Frauenbilder sind zwar etwas vielfältiger geworden, aber bei Männern akzeptiert das Publikum offenbar weiterhin mehr Ecken und Kanten als bei Frauen.

KT: Weil Sie das wissen, setzen Sie vermehrt auf Männer?
Amgarten: Überhaupt nicht. Frauenförderung muss mir ein Anliegen sein. Frauen haben Aufstiegsmöglichkeiten. Denken Sie an Susanne Kunz, Sandra Studer oder Andrea Jansen. Jede Frau, die gut ist, kriegt eine Chance, falls es eine neue Sendung gibt und das Sendekonzept zu ihr passt.

KT: Können Sie sich vorstellen, selbst wieder vor der Kamera zu stehen?
Amgarten: Ich bin nun etwa acht Jahre weg vom Bildschirm und habe mich sehr gut an das Leben hinter den Kulissen gewöhnt.

KT: Hatten Sie damals genug von der Kamera?
Amgarten: Ich war etwas Quiz-müde und wollte generell eine Änderung meiner beruflichen Tätigkeit. Gleichzeitig wurde ich schwanger, was natürlich auch in meinem Leben viel verändert hat. Ich hatte schon immer hinter den Kulissen gearbeitet, etwa als Leiterin meiner eigenen Sendung, deshalb war der ­Wiedereinstieg in diesem Bereich für mich das Richtige.

KT: Die TV-Unterhaltung von SF wurde im Auftrag des Bakom wissenschaftlich unter die Lupe genommen. Was bringt Ihnen diese Studie?
Amgarten: Die Autoren haben viel Arbeit geleistet. Insgesamt wurde uns, aus meiner Sicht, ein gutes Zeugnis ausgestellt. Man attestierte uns, dass wir einen angemessenen Teil an vielfältigen in-house produzierten Unterhaltungssendungen, die einen Beitrag zur schweizerischen Identität leisten, ausstrahlen. Wir seien sehr darauf bedacht, dass wir mit Kandidaten, Gästen, Zuschauern und Produzenten gut umgehen würden, was mich freut. Im Bericht wurde auch festgehalten, dass wir unsere Mitarbeiter mit Seminaren zum Leitbild und mittels schriftlicher Dokumentation facettenreich einarbeiten. Kritisiert wurde unsere Qualitätsorientierung, die sich scheints zu stark über die Abgrenzung zu schlechten Beispielen aus dem Angebot der Kommerziellen definiere, was ich übrigens vehement bestreite.

KT: Wie definieren Sie sich dann?
Amgarten: Natürlich beobachten wir den Markt sehr genau und bilden uns eine Meinung, was wir gut finden und was nicht. Das gehört zu unseren Aufgaben. Aber wir begeben uns auch regelmässig in Klausur und besinnen uns, was für uns gut ist und was wir wollen mit der Unterhaltung bei SF. Wir hatten zum Beispiel einmal ein Defizit im Bereich Heimat, Landschaften festgestellt und deshalb «SF bi de Lüt» konzipiert. Nun wollen wir im Bereich der gesellschaftlichen Relevanz stärker werden und packen es an.

KT: Beim Kinderprogramm sollen ja – als erstem Bereich – im Rahmen der Medienkonvergenz Radio, TV und Online zusammenwachsen. Wie sind Ihre ersten Erfahrungen?
Amgarten: Es gibt Kulturunterschiede zwischen Radio und TV. Die Arbeitsweise ist ja unterschiedlich. Auf der anderen Seite sind wir uns inhaltlich nicht so fern. Zurzeit haben wir sehr viele Sitzungen in unterschiedlichen Arbeitsgruppen; ich leite das Teilprojekt Unterhaltung. Wir merken, wie stark wir in unseren jeweiligen Medien verhaftet sind und uns umgewöhnen müssen, trimedial zu denken. Dafür brauchen wir Zeit. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass uns die Konvergenz viele Chancen bietet und mehr Qualität schaffen kann.

KT: Ist die Konvergenz die richtige Antwort auf die veränderte Mediensituation?
Amgarten: Das trimediale und konvergente Arbeiten wird immer wichtiger. Das bedeutet aber nicht, dass jeder Mitarbeiter imstande sein muss, alle drei Vektoren gleichermassen zu beliefern; das Denken muss jedoch trimedial werden. Seit Januar machen wir ganz im Stillen auf SF zwei ein Experiment mit «MusicLab»: Unsere Leute arbeiten dort mit DRS Virus zusammen, sie haben den grösstmöglichen Spielraum und können experimentieren. Ich bin sehr erfreut darüber, wie es läuft.

KT: Unterhaltungsformate bieten sich ideal als Plattform für Promotion, Werbung oder gar Schleichwerbung an. Wer entscheidet zum Beispiel, welcher Chor in einer volkstümlichen Sendung auftreten kann?
Amgarten: Wir nehmen unsere Verantwortung ernst und schauen, dass wir eine möglichst nachvollziehbare Gästeliste haben. Aber es gilt die redaktionelle Freiheit. Schleichwerbung ist ein anderes Thema. Da gibt es klare Richtlinien. Sie ist verboten. Sobald etwas problematisch erscheint, konsultieren wir die Abteilung Kommunikation und Marketing und die Rechtsabteilung von SF.

KT: Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang «SF unterwegs»? Das ist ja nichts anderes als eine Werbesendung für eine Tourismusdestination.
Amgarten: Reisen hat einen redaktionellen Ansatz, wie jedes andere Thema auch. In der Unterhaltung legen wir den Schwerpunkt auch auf touristische Aspekte. Wir möchten mit «SF unterwegs» dem Zuschauer und der Zuschauerin mit Geschichten Land und Leute näherbringen.

KT: Wie gehen Sie mit dem Vorwurf um, bei solchen Sendungen unternehme das SF-Personal ein «Reisli» auf Kosten der Gebührenzahlenden?
Amgarten: Reisesendungen zu produzieren ist harte Arbeit. Die Dreharbeiten starten meist gleich bei Ankunft und enden erst wieder bei Abflug. Zudem gilt es, mit zahlreichen Unwägbarkeiten wie Papierkrieg oder Drehgenehmigungen umzugehen. Und man trifft oft Situationen an, die grosse Flexibilität und schnelles Handeln erfordern. Unterschätzen Sie den Arbeitsaufwand nicht. Mit Ferien hat das überhaupt nichts zu tun.

KT: Aber den Vorwurf des Gebührengeld-Verschleuderns kriegt die Abteilung Unterhaltung wohl öfter zu hören als etwa die Information.
Amgarten: Sobald einem Zuschauer eine Sendung nicht gefällt, egal aus welcher Abteilung sie stammt, kann der Vorwurf der Gebührengeld-Verschleuderung kommen. Doch wir können nicht zu jeder Zeit für jeden das Richtige anbieten. Hierzu sind die Menschen und ihre Bedürfnisse und Vorlieben zu unterschiedlich. Trotzdem ist es unsere Aufgabe, für ­möglichst Viele gutes Fernsehen zu machen: Darum spielt bei uns die Quote schon eine Rolle. Ich bin glücklich, wenn sich viele Leute über unsere Sendungen freuen.

Vom Spital ins Studio

Gabriela Amgarten, 48, arbeitet seit zwanzig Jahren beim Schweizer Fernsehen. Vor fünf Jahren übernahm die gebürtige Obwaldnerin die Leitung der Abteilung Unterhaltung bei SF. Angefangen hatte sie als Moderatorin des «Sonntagsmagazins». Einer breiteren Öffentlichkeit wurde Amgarten bekannt als Moderatorin der Quizshow «Risiko», die sie während acht Jahren präsentierte. Danach folgte der Wechsel hinter die Kulissen, wo sie die Redaktion «Spiele» (später: «Quiz und Spiele») leitete. Medienerfahrung sammelte die gelernte Krankenschwester vor ihrem Wechsel aus der Innerschweiz an den Leutschenbach als Journalistin bei Radio Pilatus und den «Luzerner Neusten Nachrichten». Amgarten ist geschieden und Mutter einer Tochter.

21. Januar 2010 von Nick Lüthi

RTV-Gebühren: weshalb alle zahlen sollen

Heute bezahlt in der Schweiz Radio- und Fernsehgebühren, wer über ein Empfangsgerät verfügt. Das soll sich ändern. In einem Bericht zuhanden des Parlaments schlägt der Bundesrat eine allgemeine, geräteunabhängige Gebührenpflicht vor. Wenn alle zahlen, würde auch das kostspielige Aufspüren von Schwarzsehern obsolet und dank dem eingesparten Geld liesse sich der Gebührenbetrag senken. Aus Kreisen der notorischen SRG- und Billag-Gegner erschallte trotz den Aussichten auf tiefere Gebühren empörter Widerspruch: «Selbst wenn Sie auf der Alp oben wohnen, weder einen Fernseher, Laptop noch ein Smartphone haben, müssen Sie bezahlen», lässt sich eine Exponentin der Kampagne «Bye Bye Billag» auf blick.ch zitieren. Fragt sich, wie viele Menschen tatsächlich kommunikativ totalisoliert auf Schweizer Alpen hausen. Ausserdem gibt es durchaus Gründe, die eine geräteunabhängige Gebührenpflicht sinnvoll erscheinen lassen – allerdings unter Voraussetzungen, die heute nur beschränkt erfüllt sind.

Auch wer die Programme von SRG und gebührenunterstützten Privatsendern nicht berücksichtige, profitiere von deren «Leistungen für die Demokratie», schreibt der Bundesrat. Überhaupt habe sich der Charakter der RTV-Gebühren gewandelt  «von einem Entgelt der Einzelnen für individuell in Anspruch genommene Leistungen zur Finanzierung einer öffentlichen Aufgabe (..) deren Erfüllung im Interesse der Allgemeinheit ist und auch denjenigen zugute kommt, die keine Radio- und Fernsehprogramme konsumieren.»  So plausibel die Begründung für die allgemeine Gebührenpflicht auf den ersten Blick erscheinen mag, so unklar bleiben die beschriebenen «Leistungen für die Demokratie». Der Leistungsauftrag, der die Programme von SRG und Privaten zu einem «Service Public» verpflichtet, ist das eine, die gesendete Realität das andere. Insbesondere bei den privaten Veranstaltern, die mit dem neuen Radio- und Fernsehgesetz verstärkt am Gebührentropf hängen, wäre es doch übertrieben zu behaupten, sie täten sich mit «Leistungen für die Demokratie» hervor.

16. November 2009 von Nick Lüthi

SF glaubte nicht an Erfolg der U17-Nati

Da wundert sich der Fussballfreund: Weshalb schafft es ausgerechnet das Schweizer Fernsehen nicht, einen Live-Kommentator ans Finalspiel der U17-Fussball-WM nach Nigeria zu entsenden? Zumal im Laufe der letzten Wochen absehbar war, dass dort helvetische Kicker Geschichte schreiben würden. So mutete es gestern Abend einigermassen bizarr an, sich Dani Wyler vorzustellen, wie er das Geschehen im Stadion in Abuja vom Studio aus in Zürich verfolgt und nur so tut als ob.

Der Grund für die Abwesenheit ist durchaus nachvollziehbar: Auch bei SF rechnete man nicht mit dem Finaleinzug der Schweizer und hatte sich deshalb nicht rechtzeitig um einen Kommentatorenplatz beim Hostbroadcaster bemüht. Nach Turnierbeginn habe man sich nicht mehr für die noch verbleibenden Spiele anmelden können, heisst es bei SF weiter. Shit happens. Und Dani Wylers Kommentar wäre kaum besser ausgefallen, nur weil er live aus Abuja berichtet hätte.

10. Juli 2007 von Klartext

Letztes Gefecht

Beim “Badener Tagblatt” werkelt man an einem Mittelland-TV. Wird das Lokalblatt bald zugunsten einer Fernsehstation aufgegeben?

Wenn’s ums eigene Geschäft geht, beschwört Hans Fahrländer, Chefredaktor des “Badener Tagblatts” (BT), altbewährte Feindbilder. “Wollen die Regionalfernsehstationen tatsächlich einen essentiellen Beitrag zum Schleifen des SRG-Monopols liefern”, tat er Ende Juni der BT-Leserschaft staatsmännisch kund, “müssen sie mittelfristig in der Lage sein, neben der Lokal-, Regional- und Kantonalberichterstattung auch gewisse Beiträge aus der eidgenössischen Innenpolitik zu senden; denn in keinem Gebiet ist das SRG-Monopol so augenfällig und bedrückend wie im Ressort Politik Schweiz’.”
Die Worte des BT-Redaktionsvorsitzenden waren publizistischer Begleitschutz für ein Projekt, das sich Fahrländers Verlegerchef Peter Wanner und dessen Adlatus und Göttiverwandter Hans Ruedi Hottiger ausgedacht hatten: Das Regionalfernsehen “Rüsler”, seit 15 Jahren im Kabelnetz der Region Baden, soll zum flächendeckenden Mittelland-TV ausgebaut werden – mit Unterhaltung, Talkshows und “gut recherchierten politischen Themen” (Peter Wanner).
Dereinst soll die Station – einen neuen Namen hat “Rüsler TV” noch nicht – eine halbe Million Zuschauerinnen und Zuschauer zwischen Schlieren und Olten televisionär beglücken. Das würde einer Ausdehnung des heutigen Sendegebiets um 300 Prozent entsprechen.
Noch haben die Badener die Sendebewilligung des “Bundesamts für Kommunikation” (“Bakom”) nicht bekommen. Projektleiter Rottiger freilich gibt sich optimistisch, dass der Mega-”Rüsler” im November dieses Jahres auf Sendung gehen kann. Wie wichtig den Aargauer TV-Machern die Sendebewilligung ist, zeigt die Tatsache, dass Peter Wanner einen Artikel von BT-Mitarbeiter Eduard Stäuble (ex-SRG-Abteilungsleiter) gegen die Medienpolitik von Bundesrat Ogi wieder aus dem Blatt kippte.
Doch selbst gutmeinende Aargauer und Aargauerinnen mögen – trotz Wanners Gutwetterpolitik – Hottigers Zuversicht nicht teilen. Denn “Rüsler TV” – der Name kommt von dem Hügelzug, auf dem die Badener Sendeanlage steht – ist noch immer ein hausbackenes Fernsehunternehmen. Und das vorgesehene Jahresbudget von 2,5 Millionen Franken scheint so bescheiden wie heute das Programm.
Zwar ist die Station technisch von der Bildschirmzeitung über eine Tonbildschau zu einem richtigen Fernsehen mutiert, das TV-Regionalmagazin aber präsentiert sich “meist bieder und brav” (“SonntagsZeitung”): Vereinsaktivitäten, die Vorzüge des einheimischen Gewerbes und gefällige Kunst bilden die Schwerpunkte des jeweilen übers Wochenende x-mal wiederholten Halbstunden-Magazins. Immerhin, so verspricht BT-Verleger Peter Wanner, sollen im Hinblick auf die Ausdehnung des Sendegebiets die Redaktion aufgestockt und ein “Teletext”-System aufgebaut werden.
Möglicherweise aber ist der angekündigte Ausbau ohnehin nur ein erster Schritt. Peter Wanner und seine Gefolgsleute sind zwar nicht die einzigen Medienunternehmer in der Schweiz, die auf lokale TV-Programme setzen. Beim “Badener Tagblatt” freilich hat das Vorprellen noch ganz andere Hintergründe.
Das Blatt gehört zu den letzten mittelgrossen Tageszeitungen der Schweiz, die noch selbständig erscheinen. Allerdings: Im Westen des Kantons Aargau haben sich im vergangenen Jahr “Aargauer Tagblatt”, “Zofinger Tagblatt” und “Oltner Tagblatt” zur “Mittelland-Zeitung” zusammengeschlossen. Im Osten will der Zürcher “Tages-Anzeiger” seine Präsenz im Aargau ausbauen. Zwischen diesen Blöcken könnte das BT dereinst aufgerieben werden – wenn es sich nicht doch noch an einen Block anlehnt.
Tatsächlich besteht heute mit der “Mittelland-Zeitung” bereits ein Inserate-Pool, und zeitweise werden auch gemeinsame redaktionellen Seiten produziert. Nun möchte Peter Wanner die an der “Mittelland-Zeitung” beteiligten Verlage auch für die Aktiengesellschaft des neuen Mittelland-Fernsehens gewinnen. Doch gegen eine definitive Einbindung des BT in den Verbund der “Mittelland-Zeitung” hat sich bisher BT-Alt-Verleger Otto Wanner, 84, vehement gewehrt. Ein letztes Gefecht des Patriarchen, der die Leitung des Unternehmens – de jure – an seinen Sohn Peter abgegeben hat? Oder gibt es ein Tauschgeschäft? Denkbar ist, dass sich das “Badener Tagblatt” eines Tages doch noch der “Mittelland-Zeitung” anschliesst, unter der Bedingung, dass das Haus Wanner dafür die Aargauer TV-Anstalt betreibt. O-Ton Fahrländer: “Wenn wir Aargauer es nicht machen, und zwar in einer lebensfähigen Grössenordnung, machen es andere. Da machen wir es doch lieber selber.” Liegt die Medienzukunft tatsächlich bei regionalen TV-Stationen, ist ein solcher Deal so ungeschickt nicht.
Bereits haben die rechtsgewickelten Badener auch ideologisch vorgespurt. Bei der neuen “Rüsler-Television AG” jedenfalls sitzt ein notorischer SRG-Rüffler im Verwaltungsrat: SVP-Nationalrat Maximilian Reimann.

10. Juli 2007 von Klartext

Unbefangene, voran!

Dank der Chefkür von Klaus Vieli hat TV Donnerfaust Peter Studer die “Rundschau”-Redaktion besser unter persönlicher Kontrolle. Barbara Bosshards Nichtwahl löste am Leutschenbach nur sanften Protest aus.

Die Faxgeräte hatten bereits in den Redaktionsstuben des Landes gezittert, die Schreiber schrieben die Story in die Bildschirme, da erst machten sich Peter Studer, Chefredaktor des Schweizer Fernsehens, und Klaus Vieh, neuer Chef des TV-Flaggschiffs “Rundschau”, auf, sich an einen Tisch zu setzen mit denen, die die Meldung eigentlich betraf. Es war Dienstag, der 7. Juni 1994, elf Uhr morgens. Man setzte sich also. Als erstes händigte die alte Redaktion dem Verkündungsduo ein Protest schreiben aus, das sich, unterschrieben von fast allen Redaktionsmitgliedern, gegen den neuen Chef wandte. Schliesslich hatte man selbst eine Kandidatin vorgeschlagen für diesen Sessel, auf dem nun der Kandidat aus der Führungsetage Platz nahm. Der Chefredaktor nahm das an ihn gerichtete Protestschreiben erst gar nicht zur Hand. Und der neue Chef fühlte sich nicht betroffen; er sei nicht der Adressat. Damit war das Traktandum Protest abgehakt. Barbara Bosshard, die Kandidatin der Redaktion, zeigt sich im nachhinein erstaunt über den mageren Protest: “Die Leute hatten schlichtweg Existenzangst.”
So liess sich die geschockte Redaktion mehr oder weniger widerstandslos den neuen Tarif erklären. Studer sprach von “griffigeren Recherchen und farbigeren Reportagen” und von der Inland- und Wirtschafts-Berichterstattung, die künftig “erste Priorität haben muss”. Und Vieli kündigte Einzelgespräche an. Da werde sich entscheiden, wie es für die Einzelnen weitergehe. Jetzt seien “neue Talente” gefragt. Es fiel auch das neue, unantastbare Wunderwort im Schweizer Fernsehen: “Job-Rotation”.
Die Geschichte der Nicht-Wahl von Barbara Bosshard hätte für einen anhaltenden Protest aber allen Grund gegeben. Nachdem “Rundschau”-Leiter Erich Gysling im Januar dieses Jahres seinen Rücktritt erklärt hatte, tat die Redaktion bei Studer einhellig ihren Willen kund, Bosshard als Nachfolgerin von Gysling einzusetzen. Bosshard, nicht faul, liess Studer anfangs April ein Konzept für eine neue “Rundschau” zukommen, das unter anderem eine klare Abgrenzung von “10 vor 10″, ein freches Studio-Interview, mehr Aktualität und auch einige personelle Änderungen beinhaltete. Anfangs Mai fand ein Gespräch mit dem Chefredaktor statt, wo er Bosshard erklärte, für ihre Kandidatur spräche ihre Teamfähigkeit und auch ihre Eintreten für sanfte personelle Änderungen. Aus den Ferien telefonierte Bosshard zweimal mit Studer, weil sie erfahren hatte, dass er fleissig Gespräche mit “Rundschau”-Redaktorinnen und -Redaktoren über ihre berufliche Zukunft führte. Studer aber versicherte ihr, es sei noch gar nichts entschieden. Trotz dieser Beteuerung war eines klar: Die Suche nach einer Alternativlösung zu Bosshard lief auf Hochtouren. Schon im April hatte Studer etliche potentielle “Rundschau”-Leiter wie Ueli Haldimann, Jürg Wildberger, Hans Räz zu sich ins Büro geholt. Die TV-Prominenz hatte ihm aber durchwegs abgesagt. Am 6. Juni war Bosshard aus den Ferien zurück – und erschien um halb neun Uhr morgens bei Studer im Büro. Sie erzählte von sich, weil sie den Eindruck hatte, Studer hätte sich mit ihrer Person an sich noch reichlich wenig befasst. Und Studer sagte den Satz, der nichts Gutes erahnen liess: “Ja, das ist gut. Aber wer garantiert mir die grösstmögliche Erneuerung?” Um sechs Uhr abends solle sie doch nochmals kommen, dann sei die Entscheidung gefallen. Aber schon gegen Mittag sickerte durch die kargen Gänge des Schweizer Fernsehens die Information, dass Klaus Vieli der neue Chef werden würde. Um sechs Uhr erklärte Studer der abgeblitzten Bosshard, dass dies seine schwierigste Entscheidung seit Jahren gewesen sei. Und er zählte das Palmares Vielis auf: Zürcher Journalistenpreis und Schweizer Preis für Wirtschaftsjournalismus. Den angebotenen Posten als Stellvertreterin Vielis lehnte Bosshard ohne Dank ab. “Ich glaube nicht, dass Studer mich überhaupt je wirklich ernst genommen hat”, sagt Bosshard im nachhinein. Das sieht der Chefredaktor anders: “Ich habe Frau Bosshard immer ernst genommen”, behauptet Studer gegenüber KLARTEXT. “Ich wollte sie verstehen. Ich glaube, ich habe sie mit ihren Absichten gespürt während unserer Gespräche.”
So ist Studer heute überzeugt, diese seine schwierigste Amtshandlung der letzten Jahre zum Wohl des Hauses ausgeführt zu haben. Nötig geworden war der Wechsel nach Ansicht des Chefredaktors”, weil die Rundschau im Laufe der Jahre an Schwung verloren hat und die Redaktion sich phasenweise nicht mehr sehr kreativ zeigte. In einer Aussprache haben mehrere Redaktionsmitglieder den Finger auf diesen Punkt gelegt.” So sei er, der Chefredaktor, zum Schluss gekommen, es gebe “innerhalb der Redaktion grosse gruppendynamische Probleme”. Wohl wichtiger für die Entscheidung, die Donnerfaust niedergehen zu lassen, war der markante Einbruch der Zuschauerzahlen von April bis Mitte Mai dieses Jahres und die zunehmende Überalterung des “Rundschau”-Publikums. Ein “Rundschau”-Redaktor habe ihm gar gesagt, der Sendung würden die Zuschauer wegsterben. Aber so wolle er denn als Chefredaktor Studer nicht zitiert werden.
Ein anderer, machtpolitischer Faktor könnte auch eine Rolle gespielt haben. Unter dem Fernseh-Star Erich Gysling genoss die “Rundschau” recht grosse Autonomie. Nun hat Studer gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Er hat die Redaktion durch den von seinen Gnaden eingesetzten Vieli wieder näher bei sich – und Gyslings starke Gewichtung von unpopulären Auslandthemen ist auch vom Tisch. Divide et impera.
Dass die Nicht-Wahl von Barbara Bosshard ein Affront gegen die Redaktion und gegen die deklarierte Frauenförderung gewesen sei, will sich Studer nicht gefallen lassen: “Es war ganz einfach eine sendungsbezogene Wahl. Ich musste mich der geschilderten Situation stellen. Für mich hat den Ausschlag gegeben, dass ich Klaus Vieli grössere Unbefangenheit beim ,Relaunch` und bei der personellen Umgestaltung zutraue.” Auf die Frage, was denn die von Studer mitentworfene Richtlinie des Schweizer Fernsehens, dass man bei gleicher Qualifikation die Frau wählen solle, überhaupt nütze, wird der Chefredaktor ungehalten. “Diese Richtlinien sind bewusst allgemein gehalten. Im konkreten Fall muss man aber konkret entscheiden. Gleiche Qualitäten` ist auf eine konkrete Situation zu beziehen”, sagt Studer konkret. Dann wird er wieder leiser, um aufschnaufend anzuhängen, diese Entscheidung sei ihm sehr schwer gefallen: “Am liebsten wäre mir natürlich gewesen, Vieli wäre eine Frau und Bosshard ein Mann.”
Nun ist dieser Vieli, der am besten eine Frau sein sollte, halt doch ein Mann. Und als solcher vergisst er schnell: “Dieses ganze Theater ist schon ziemlich weit weg für mich”. Es sei schon in Ordnung gewesen, dass die Redaktion aufbegehrt habe – denn wie heisse doch einer der Sätze, nach dem er als Alt-68iger immer gelebt habe: “Wer sich nicht wehrt, der lebt verkehrt”. Aber es sei nichts Aussergewöhnliches, dass es bei Neubesetzungen Unruhe gebe. “Natürlich sind Verletzungen da. Das ist ein Schock für die Redaktion; die dachten nämlich wirklich, sie würden eine gute Sendung machen. Das ist doch seltsam”, sagt Vieli. Und dann rät er, die positiven Seiten der Umgestaltung zu sehen: “Auf jeden Mutations-Verlierer kommt auch ein Mutations-Gewinner.”
Nun, der neue Chef will alles besser machen. Es müssten wieder Geschichten erzählt und keine Dossiers mehr verfilmt werden: “Ich will den Autoren, der eine Story machen kann – auch wenn es dazu Mut braucht. Ein Journalist soll kein zielloser Korken auf der Strömung sein.” Eine Aussage, die mehr oder weniger verbindlich ist. Nicht zu biegen ist aber ein erklärtes Ziel von Vieli, das er zu erreichen sucht mit einem oben angetönten Konzept, das erst in seinem Kopf existiert – in Ansätzen wenigstens. Das Ziel ist ein hochgestecktes: Vieli will die Differenz zwischen der durchschnittlichen Zuschauerzahl von “10 vor 10″ (ca. 520’000) und der “Rundschau” (ca. 380’000) halbieren. Das wären also im Schnitt etwa 70’000 Zuschauer, die Vieli neu für seine “Rundschau” gewinnen will. Ein Mittel dazu soll eine flexible Redaktion sein. So will der Chef nicht alle dreizehn Stellen der “Rundschau” besetzen, sondern nur etwa deren zehn. Die verbleibenden Stellenprozente sollen hauseigene und externe Autorinnen und Autoren abdecken, die je nach Bedarf zugezogen werden können.
Ob das dann die “neuen Talente” sein werden? Von denen ist nämlich nicht viel zu sehen. Zwei Neubesetzungen hat Vieli bis anhin vorgenommen: Roli Huber von “Schweiz aktuell” und Mario Aldrovandi von “10 vor 10″ – beides ziemlich alte Hasen.

Aktuelles Heft

Ausgabe: 4 | 2010 Die Themen:
  • Heller, der Heftlimacher
  • Service Zukunft mit SR DRS
  • Bilderstreit, nächste Runde