9. März 2011 von Klartext

Ab April: Edito & KLARTEXT

Die Schweizer Medienlandschaft hat sich in den letzten Monaten und Jahren stark verändert und sie verändert sich weiter. Um diesen Wandel zu beschreiben und verständlich zu machen, sind fundiert recherchierte Hintergründe und Analysen wichtiger denn je. Seit 30 Jahren begleitet KLARTEXT die Entwicklungen in der Branche professionell und gibt als ältestes Medienmagazin der Schweiz den Journalistinnen und Journalisten eine starke Stimme. Angesichts des beträchtlich gestiegenen Angebots an Publikationen, die sich an Medienschaffende richten, setzt KLARTEXT auf eine Partnerschaft, um weiterhin bestehen zu können.
weiterlesen »

23. Juni 2010 von Nick Lüthi

Editorial: Wo sind die Stiftungen?

Stiftungen verwalten Geld – viel Geld. Viele Stiftungen verfolgen zudem einen gemeinnützigen Zweck und vergeben entsprechend Mittel. Mit teils namhaften Summen werden notleidende Menschen, kranke Esel, musikalische Talente oder Strafentlassene unterstützt. Um nahezu jede menschliche und tierische Regung kümmert sich eine Stiftung mit dem passenden Zweck. Ausser um den kranken und notleidenden Journalismus. Sonderbar eigentlich. Denn es geht ihm wirklich nicht gut. Kein karitatives Herz scheint bisher entdeckt zu haben, dass auch hier Gutes zu tun und vor allem Geld zu stiften wäre. In Form von Preisen und Auszeichnungen fliesst zwar heute schon viel und bald noch mehr Stiftungsgeld in den Journalismus, allerdings erst nach getaner Arbeit. Dem strukturellen und inzwischen chronischen Finanzierungsproblem verschafft das jedoch keine Abhilfe.
Wieso aber Stiftungsalmosen, wenn es den Markt gibt? Journalismus ist ein Gewerbe wie jedes andere auch. Was nicht rentiert, verschwindet. Medien kommen, Medien gehen. Jedes Volk hat die Medien verdient, die es sich zu leisten bereit ist. – Ein Zyniker, der so argumentiert. Denn Journalismus muss nicht rentieren und kann nicht an den gleichen Massstäben gemessen werden wie die Schraubenproduktion. Nur weil ein Geschäftsmodell, das ein paar Jahrzehnte lang gut funktioniert hat, nun an seine Grenzen stösst, bedeutet das noch lange nicht, dass die damit finanzierte Aufgabe plötzlich obsolet ist. Journalismus erfüllt eine unverzichtbare gesellschaftliche Funktion, egal, wie es auf dem Markt läuft.
Genauso wenig wie man von Kunst und Kultur erwartet, dass sie sich alleine aus dem Markt finanzieren, sollte auch das Gedeihen des Journalismus nicht einzig von seiner kommerziellen Verwertbarkeit abhängen. Nur: Woher kommt das Geld? Womit wir wieder zurück sind bei den Stiftungen. Ganz unbekannt ist das Modell des stiftungsfinanzierten Journalismus nicht. Und man braucht dazu nicht einmal über den Atlantik zu schauen zum gerne zitierten Beispiel von Pro Publica und seiner pulitzerpreisgekrönten Redaktion. Zwar nicht gerade zehn Millionen Dollar, wie sie das Ehepaar Sandler dem unabhängigen Redaktionsbüro jährlich überweist, aber immerhin ein paar Hunderttausend Franken zahlen zwei Stiftungen dem Büro von Wissenschaftsjournalist Beat Glogger für die Produktion der wöchentlichen «Wissen»-Seiten in «20 Minuten». Den beiden Stiftungen Mercator und Gebert Rüf geht es aber nicht primär darum, dem Journalismus unter die Arme zu greifen, sondern – gemäss ihrem Zweck – Wissenschaftskommunikation zu fördern. Was in der Schweiz fehlt, sind Stiftungen, die sich uneigennützig der noblen Aufgabe verschreiben, journalistisches Schaffen zu fördern. Wer geht mit gutem Beispiel voran?


23. April 2010 von Nick Lüthi

Editorial: Die Technik solls richten

Bild: Manu Friederich

600 Gramm neue Technik, und eine ganze Branche schöpft wieder Mut; so gross ist die Verzweiflung bereits. Kaum hatte die Firma Apple angekündigt, eine elektronische Schiefertafel auf den Markt zu bringen, ging ein hörbares Aufatmen durch die gelichteten Reihen der Zeitungs- und Magazinverlage. Mit dem iPad wollen sie endlich den Sprung ins digitale Zeitalter schaffen und dem Fluch der Gratiskultur entkommen. Im Internet liessen sich ja keine Zeitungsartikel verkaufen. Aber als akkurat drapierte App­likationen dargereicht, soll es nun möglich sein, die LeserInnen dazu zu bringen, das Portemonnaie zu öffnen. Deshalb arbeiten etliche Medienhäuser mit Hochdruck daran, ihre Inhalte den Erfordernissen des Wundergeräts anzupassen. Ab Mai wird das iPad auch in der Schweiz erhältlich sein.Noch wissen wir nicht, was es mit der emsigen Betriebsamkeit auf sich hat. Sind es vitalisierende Bewegungen oder nur ein paar weitere Zuckungen vor dem Ableben? Kann ein neuer Gerätetyp, der Tablet-Computer, dem siechen Pressemarkt neues Leben einhauchen? Wohl kaum. Und erst recht nicht, wenn es so weitergeht wie bei den ersten Gehversuchen von Zeitungsverlagen, mit denen sie ihre Inhalte auf die elektronische Leseplatte bringen. So listet das Fachblog netzwertig.com ein regelrechtes Sündenregister auf. Es beginnt bei überrissenen Preisen und endet bei der verqueren Vorstellung, einfach die bisherigen Online-Inhalte in etwas aufgefrischter Form auf dem iPad anzubieten.
Die Verlage verhalten sich so, als wären sie die einzigen, die auf dem neuen Gerät ihre Applikationen zum Verkauf anbieten. Doch die Konkurrenz ist gross. Wenn Verlage punkten wollen, dann müssen sie den Journalismus als multimediales Erlebnis neu erfinden, um gegen die vielfältigen Möglichkeiten zum Zeitvertreib, die ein iPad nun mal bietet, bestehen zu können. Das ist an und für sich keine neue Aufgabe. Vor einer vergleichbaren Herausforderung standen die Papiermedien schon einmal, als sich das Internet als neuer Absatzkanal zu etablieren begann – und sind gescheitert. Weshalb es nun dank 600 Gramm neuer Technik funktionieren sollte, bleibt vorerst schleierhaft.

1. März 2010 von Nick Lüthi

Editorial: Tickerisierung des Journalismus

Bild: Manu Friederich

Je schneller, desto aktueller: Was Radio und Fernsehen mit der Möglichkeit zur Liveübertragung recht ist, kann dem Journalismus im Netz nur billig sein. Und billig ist er, dieser moderne­ Echtzeitjournalismus, der vorzugsweise­ als sogenannter Live-Ticker in Erscheinung tritt. Was bei der Berichterstattung über Sportveranstaltungen sinnvoll sein kann, nämlich nüchtern Abschnittszeiten, Zwischenresultate oder Spielzüge im Telegrammstil zu vermelden, ohne die Sportfans mit halbgaren Analysefragmenten zu langweilen, nimmt andernorts dadaistische Züge an: Live-Ticker zum Jungfernflug des Militärtransporters A400M, Live-Ticker von der Medienkonferenz des Bundesrats, Live-Ticker zu Sarkozys Rede am WEF, Live-Ticker hier, Live-Ticker dort. Kein Ereignis ist mehr sicher vor journalistischem Hilfspersonal, dessen Fähigkeiten sich darin erschöpfen, möglichst schnell runterzutippen, was es gerade hört und sieht, das Textschnippsel mit einer Zeitmarke zu versehen und raus in die weite Welt zu blasen – hier rein, dort raus, und meist nicht einmal fehlerfrei.
Nun ist der Ticker keine neue Erfindung, sondern gehört zur Grundausstattung einer Nachrichtenredaktion. Agenturen liefern seit jeher einen permanenten Newsfluss, doch käme es niemandem in den Sinn, diesen ungefiltert dem Publikum zuzumuten. Sogar journalistisch ambitionslose Gratiszeitungen leisten immerhin den Aufwand der Auswahl. Mit der Tickerisierung des Online-Journalismus wird nun gleichsam unverdautes Rohmaterial dem Publikum auf den Bildschirm «gekötzelt». – «13.56 Uhr: Das Flugzeug wird wieder kleiner. Es befindet sich auf einer letzten Schlaufe. 14.00 Uhr: Das Flugzeug befindet noch 11 nautische Meilen entfernt. Es ist bereits zu sehen.» – Vollends absurd erscheint das Tun dann, wenn das Ereignis gleichzeitig via Radio oder TV live übertragen und damit das Publikumsbedürfnis, direkt mitverfolgen zu können, was geschieht, ungleich besser befriedigt wird. Das Instantgeschreibsel bietet gegenüber den audiovisuellen Medien keinerlei Mehr-, sondern nur einen Minderwert.
Es bleibt zu hoffen, dass sich diese relative junge Darstellungsform von selbst überleben wird, sobald die naive Begeisterung für das technisch Machbare – schaut her, wir sind live dabei! – nachlässt und die dafür verschwendeten Ressourcen wieder in die Kernaufgaben des Journalismus investiert werden: weniger Reflexe, mehr Reflexion.

17. Dezember 2009 von Nick Lüthi

Editorial Nr. 6/2009

Der Umbau von Schweizer Radio und Fernsehen findet weitgehend unter Ausschluss des Publikums statt. Noch bleibt der SRG Zeit, das zu ändern.

Je näher der Termin rückte, desto grösser wurde die Unruhe. In den Tagen, bevor die SRG am 25. November den Segen zur Fusion von Radio und Fernsehen in der Westschweiz gab, meldeten sich plötzlich reihum PolitikerInnen mit ihren Bedenken zu Wort. Von links bis rechts, aus kantonalen und städtischen Exekutiven, Nationalräte und Ständeräte, alle sorgten sie sich um die publizistische Vielfalt der neuen Einheitsorganisation «RTS – Radio Télévision Suisse». So störten sich etwa Regierungsmitglieder aus der Waadt und Genf daran, dass künftig eine einzige Person die redaktionelle Linie von Radio und Fernsehen vorgeben soll. Zuvor hatte Ständeratspräsident Alain Berset bereits gefordert, den Fusionsprozess kurzerhand zu stoppen.
Wenn PolitikerInnen eine Einschränkung der Medienvielfalt fürchten, ist das immer eine zweischneidige Angelegenheit. Schliesslich wollen sie wiedergewählt werden und brauchen dazu die Medien als Werbeplattform. Ergo können sie kein Interesse an ihrem Verschwinden haben. Hinter den besorgten Voten ist deshalb ein gewisser Eigennutz zu vermuten.
Doch in diesem Fall war ein anderer Effekt der Wortmeldungen bedeutsamer: Mit ihrer Besorgnis schufen die PolitikerInnen Öffentlichkeit für ein Thema, das sonst unter dem Radar der Medien durchgesegelt wäre. «Konvergenz», so der Terminus technicus der Radio- und Fernsehfusion, klingt nicht gerade sexy, und ausserhalb interessierter Fachkreise kann sich kaum jemand vorstellen, dass damit ein Verlust an pub­lizistischer Vielfalt einhergehen könnte. Zu Recht bemerkte deshalb die Zeitung «24 Heures», die Frage, was die grossen Veränderungen bei der SRG denn für das Publikum bedeuteten, sei seltsamerweise kein Thema.
In der Deutschschweiz, wo der Umbau von SF und SR DRS hin zum Einheitsmedium «SFR – Schweizer Fernsehen und Radio» ebenfalls auf Hochtouren läuft, zeigte sich bisher das gleiche Bild: Die gebührenzahlenden Zuseherinnen und Zuhörer erfahren wenig bis gar nichts von den Chancen und Risiken des ambitiösen Konvergenzprojekts «ihrer» Sender, ausser, dass man sie möglicherweise stärker zur Kasse bitten will, wenn die SRG den jährlichen Fehlbetrag von 54 Millionen Franken nicht in den Griff kriegt.
Die SRG, die sich gerne (und in vielen Fällen auch zu Recht) ihrer hohen Qualitätsstandards rühmt, hat bei der Berichterstattung über die epochalen Umwälzungen im eigenen Haus bisher grandios versagt. Noch bleibt Zeit, das zu ändern und die falsche Zurückhaltung abzulegen.

Aktuelles Heft:

EDITO Ausgabe: 6 | 2016
  • Wer der Beste im Land ist
  • Wie das Darknet Journalist-
  • Innen hilft
  • Was das Gutachten zur "Sub-
  • sidiarität" sagt
  • Wo Staatsgeld in die Medien fliesst
  • Wann Roboter für uns schreiben
  • Warum wir die Blase fragen
  • und anderes mehr