11. Juli 2007 von Klartext

Pas assez sexy?

hb./ Hat Martin Werfeli den Mund zu voll genommen? Die Zeitung “Le Temps” sei finanziell geschwächt, also müsse sie sich ändern, liess sich der Ringier-CEO in der Genfer “La Tribune” zitieren. Schwache Pressetitel würden vom Markt verschwinden – was eine allgemeine Regel sei und nicht bedeute, dass “Le Temps” bedroht sei.
Die Aussage aus dem mächtigen Zürcher Medienhaus, das soeben mit dem Segen der Wettbewerbskommission in das Aktienkapital von “Le Temps” eingestiegen ist, löste in der betroffenen Redaktion Bestürzung aus. Sie fürchtet, der Boulevardmagnat könnte dem für die Ringier-Palette allzu intellektuellen Blatt einen “sexy touch” geben wollen, um die Auflage zu steigern. Die Aufregung sei gross, kann man aus der Redaktion vernehmen. Verwaltungsratspräsident Stéphane Garelli und Chefredaktor Jean-Jacques Roth hätten die MitarbeiterInnen beruhigen müssen: Werfeli habe leichtfertig dahin gesprochen, an der redaktionellen Linie von “Le Temps” werde sich nichts ändern.
Auf die Insider-Aussagen angesprochen, bestätigt Garelli: Werfeli habe zwei allgemeine Kommentare gemacht, zum einen, dass “Le Temps” sich verändern müsse, zum andern, dass Zeitungen, die kein Geld bringen, vom Markt verschwinden. “Beide Aussagen sind korrekt, wir haben kein Problem mit ihnen”, unterstreicht Garelli. Er präzisiert allerdings: “Veränderungen bedeuten nicht unbedingt Änderungen der redaktionellen Linie oder beim Personal: Es geht vor allem um eine Steigerung der Effizienz der Zeitung.” Eine “drastische Profiländerung” stehe nicht auf der Tagesordnung, nur kontinuierliche Verbesserungen, an denen die Direktion arbeite.
Damit dürften die Sorgen der MitarbeiterInnen nicht vollends zerstreut sein. Denn bei “Le Temps” steht zwischen Frühling und Sommer 2004 die Umsetzung des “Plan Tapioca” an. Edipresse sei daran, – so die Aussagen von InsiderInnen – für seine Zeitungen ein neues Informatiksystem einzuführen, mit dem der Fluss der Informationen rationalisiert werden könne. Das beinhalte auch eine Neudefinierung der Arbeitsplätze, bis hin zum Bildschirmlayout für die RedaktorInnen. Man habe ihnen zwar versprochen, dass der Einstieg Ringiers bei “Le Temps” keine Auswirkungen auf die Stellenzahl habe, doch möglicherweise würden die Stellenkürzungen nach der technologischen Anpassung durchgezogen.
Seltsamerweise will Garelli nichts von einem “Plan Tapioca” wissen und versichert, es seien keine Entlassungen geplant, wenn das Budget 2004 – “ein im Bereich der Werbeeinnahmen sehr vorsichtiges Budget” – eingehalten werde.

11. Juli 2007 von Klartext

Übersetzerin

nl./ Es gibt Zitate von epochalem Gehalt, die einfach in einen Artikel müssen. Insbesondere dann, wenn das beschriebene Ereignis von welthistorischer Bedeutung ist. Wie etwa die Attentate auf das World Trade Center in New York. Es ist deshalb keiner Journalistin zu verübeln, wenn sie im Gleichklang mit unzähligen anderen Medienerzeugnissen Sätze wie den folgenden veröffentlicht haben will: “Wir müssen wissen, ob wir hier raus sollen, denn es hat eine Explosion gegeben.” Das Zitat entstammt den Ende August gerichtlich freigegebenen Abschriften von Notrufen aus den attackierten Türmen. In seiner deutschen Übersetzung hat der Satz in einen Artikel der US-Korrespondentin des Berner “Bund” Eingang gefunden. Interessant dabei ist, dass die Journalistin die gleiche Entscheidung trifft, wie die Zeitung “USA Today”. Beide eröffnen ihre Texte mit diesen dramatischen Worten. Offensichtlicher ist die Inspiration durch “USA Today” bei folgender Konklusion der “Bund”-Journalistin: “Der Fehlentscheid, den Südturm nicht augenblicklich zu evakuieren, ist eine der grossen Tragödien dieses Tages.” In seiner englischen Fassung steht der Satz noch heute auf der “USA Today”-Website zu lesen – und zwar nur dort. Hat sich die Korrespondentin etwa mehr als nur inspirieren lassen? Es ist nun beileibe nicht so, dass sie nicht ordentlich mit Zitaten umzugehen wüsste. Die renommierte “Washington Post” wird im “Bund”-Artikel als Quelle erwähnt.

11. Juli 2007 von Klartext

Einfach durchhören

bbü./ Alles wird gut – und wilder. Das jedenfalls hoffen DRS-3-HörerInnen, seit der Sender nicht mehr in erster Linie “durchhörbar” sein soll. Doch nix da. Das wurde klar, als unlängst in der Morgensendung angekündigt wurde, DRS 3 werde Ende Oktober fünf Tage lang die Wunschmusik seiner HörerInnen spielen: Quasi als Test durfte sich eine Anruferin ein Stück wünschen; sie wollte “One” von Metallica. Worauf Moderator Sven Epinay hörbar schluckte, etwas von “Metallica am heiligen Morgen” murmelte und schliesslich bekannt gab, “One” habe man nicht finden können. So spielte DRS 3 an diesem Dienstagmorgen nicht das düster-wilde “One”, in dem sich ein verstümmelter Soldat den Tod wünscht, sondern die Metallica-Liebesschnulze “Nothing else matters”. Wer noch im Bett lag, konnte sich umdrehen. Und einfach durchhören.

11. Juli 2007 von Klartext

Karrieren

hs./ “Plädoyer”, das Magazin für Recht und Politik, feierte vor kurzem sein 20-jähriges Bestehen und so ist es Zeit, eine eklatante Fehleinschätzung zu widerrufen. Nach der ersten Nummer hatte KLARTEXT nämlich über die Zeitschrift der Demokratischen Juristinnen und Juristen der Schweiz (DJS) geschrieben: “Mit billigem Composer-Satz, mit schräg in einzelne Bilder montierten Namenzeilen, mit einem wilden Durcheinander aus halbfetter, normaler und kursiver Schrift und merkwürdigen Rubrik-Titeln sind ausserhalb des linken Juristen-Verbands kaum Leser zu gewinnen.” (KLARTEXT 1/1983)
Es kam anders: “Plädoyer” hat heute eine Auflage, die grösser ist als die anderer juristischer Fachblätter, auch hat die Zeitschrift LeserInnen weit über den Kreis linker und grüner JuristInnen hinaus. In ihrer Jubiläumsnummer lüftet “Plädoyer” übrigens noch ein kleines Geheimnis: “Der im Impressum als Mitverantwortlicher für das Plädoyer-Layout aufgeführte ‚Hannes B.‘ hiess mit vollem Namen Hannes Britschgi.” Der damalige Berner Jus-Student hat inzwischen ebenfalls Karriere gemacht: Vom Mit-Layouter zum “Facts”-Chefredaktor – die unzimperliche KLARTEXT-Kritik hat also auch seiner Karriere keinen Anfangsknick beschert.

11. Juli 2007 von Klartext

Ringier gestoppt

kr./ Die ungarische Wettbewerbskommission (WEKO) hat Ringier Ende September untersagt, die absolute Mehrheit der bedeutendsten politischen Tageszeitung Ungarns, “Népszabadság”, zu erwerben. Sie begründete ihren Entscheid damit, dass Ringier mit dieser Übernahme eine marktbeherrschende Stellung im Printbereich einnehmen würde, was gemäss ungarischem Medienrecht unzulässig sei. Bei Ringier herrscht Konsternation.
Aber schön der Reihe nach: Im November 2001 erwarb der Ringier-Konzern 49,9 Prozent der Anteile der Népszabadság AG von der deutschen Bertelsmann-Gruppe. Bertelsmann hatte sich zum Verkauf entschlossen, da die WEKO damals der Bertelsmann-Gruppe vorwarf, mit “Népszabadság” und dem Besitz des Fernsehsenders RTL-Klub eine medienpolitisch marktbeherrschende Position in Ungarn einzunehmen. Im März dieses Jahres gab Ringier nun bekannt, weitere 17,7 Prozent der “Népszabadság”-Aktien von Gruner und Jahr erwerben zu wollen und somit die absolute Mehrheit über “Népszabadság” zu übernehmen. Dieser Entscheid löste bei der Belegschaft einige Besorgnis aus. Besuche aus der Schweiz konnten diese Besorgnis auch nicht zerstreuen. Insbesonders fürchten die ZeitungsmacherInnen eine “Boulevardisierung” ihres Blattes. Immerhin ist “Népszabadság” bereits ein neues Layout mit Farbdruck verpasst worden, und dies ist dem Blatt durchaus gut bekommen. Die Ankündigung Michael Ringiers dagegen, ein neues Mediengebäude, unter dessen Dach alle Ringier-Produkte in Ungarn untergebracht werden sollen, sowie ein neues Druckzentrum erstellen zu wollen, löste eher Kopfschütteln als Wohlwollen aus. “Das sind nicht die Investitionen, die wir benötigen”, erklärte der Betriebsratsvorsitzende gegenüber KLARTEXT. Durch den WEKO-Entscheid sind nun diese Pläne für Ringier wohl in weite Ferne gerückt. Ringier-Konzernsprecherin Eva Keller erklärte gegenüber KLARTEXT, man wolle alle rechtlichen Mittel ausschöpfen, um doch noch zu den begehrten Aktien zu kommen. Zur Frage, was geschieht, wenn der WEKO-Entscheid nicht gekippt werden sollte, mochte sie sich nicht äussern.

Aktuelles Heft:

EDITO Ausgabe: 4 | 2017
  • Native Advertising I: Wie und wo es getan wird und warum es ein IKEA-Problem gab
  • Native Advertising II: Dennis Bühler und Maurice Thiriet im Streitgespräch
  • Native Advertising III: Medienwissenschaft ist uneins
  • Bericht vom Gericht
  • Bericht aus Mossul
  • und anderes mehr