11. Juli 2007 von Klartext

Turbulenzen bei “Le Courrier”

hb./ Ende April gaben Chefredaktor Manuel Grandjean und Direktor Marc Seinet gleichzeitig ihren Abschied vom “Courrier” bekannt. Das Zusammentreffen sei Zufall, nicht Ausdruck einer Krise, heisst es. Tatsächlich: Grandjean hat die Abozahl von 8000 auf knapp über 10’000 gesteigert. Die Erfolgsmeldung bestätigt den Trend zu profilierten Meinungsblättern mit scharfen Analysen, die sich von den üblichen Forumszeitungen unterscheiden. Doch sie ist nur ein Teil der Wahrheit. Der andere Teil lautet: “Le Courrier” sucht nach der eigenen Identität. Die höheren Abozahlen genügen nicht, um die steigenden Kosten zu decken. Und intern sind heftige Diskussionen um die Zukunft der einzigen linken Tageszeitung der Schweiz im Gang.
Nachdem Grandjeans Vorgänger Patrice Mugny die Zeitung aus der finanziellen Abhängigkeit der katholischen Kirche befreit hatte, konsolidierte Grandjean ein redaktionelles Projekt, das aus der Genfer Lokalzeitung ein alternatives Westschweizer Linksblatt machte. Ungelöst blieben Fragen der internen Organisation und der weiter bestehenden Abhängigkeit von der Freiburger “La Liberté”.
Redaktionsintern geht es um Fragen wie: Schliesst die Funktion eines Chefredaktors eine kollegiale Führung aus? Wie werden verschiedene Vorstellungen über die Zeitung unter einen Hut gebracht? Wird “Le Courrier” als alternatives Unternehmen eine engagierte Zeitung oder eine Pattform für Information und Debatte innerhalb der sozialen Bewegung?
Zur Autonomie der Zeitung lag ein Projekt von Manuel Grandjean auf dem Tisch. Bisher übernimmt das Blatt seine Schweizer- und Auslandseiten von “La Liberté”, die in manchen Punkten ähnliche Werte verteidigt wie “Le Courrier”. Als Regionalzeitung verfolgt “La Liberté” jedoch eine andere redaktionelle Linie und spricht auch nicht das gleiche Publikum an. Um die oft verwirrliche Mischung aus eigenen und übernommenen Seiten zu vereinheitlichen, schlug Grandjean vor, die Zeitung vollständig selbst zu produzieren. Das hätte neben dem Verzicht auf eine Ausgabe pro Woche auch eine Mehrbelastung der kleinen Redaktion und einen verstärkten Rückgriff auf Presseagenturen bedeutet. Das Projekt, das Grandjean zum Bleiben motiviert hätte, wurde von der Redaktion jedoch als zu gewagt abgelehnt.
Dabei sind sich die RedaktorInnen einig, dass die Entwicklung in diese Richtung gehen muss. Zurzeit diskutieren sie zusammen mit der “Nouvelle Association du Courrier” (NAC), die als Herausgeberin zeichnet, über Projekte und Personen. Selbstverwaltung als Organisationsform scheint sich nicht durchzusetzen, auch die NAC würde eine traditionellere Organisationsform (etwa mit Chefredaktor und Chefredaktor-Stellvertreter) vorziehen, wie NAC-Präsident Florio Togni bestätigt. Im Verein NAC sitzen neben Vertretern des Personals und der LeserInnen auch alternative und linke Organisationen sowie individuelle Mitglieder, insgesamt 45 Personen. Die Redaktion hat ein weitgehendes Mitbestimmungsrecht. Die Nachfolge wird spätestens Anfang September durch die Generalversammlung bestätigt.

11. Juli 2007 von Klartext

Geschäftsjahr 2003: Klagen und Kassieren

hs./ Bei den GAV-Verhandlungen klagen die Schweizer Verleger über die Krise, bei den Jahresmedienkonferenzen setzen sie das Jammern vorerst fort und verweisen auf die gesunkenen Inserateeinnahmen. Dann aber kommen sie zu den ausgewiesenen Gewinnen. Sei es Charles von Graffenrieds Espace Media Groupe, die Ringier-Gruppe, die Luzerner LZ Medien Holding, Peter Wanners AZ Medien Gruppe, Hanspeter Lebruments “Südostschweiz”-Gruppe oder Pierre Lamunières Edipresse: Alle wiesen sie im Geschäftsjahr 2003 in der Schweiz weniger Geschäftsumsatz aus und bauten Stellen ab, aber alle schrieben sie Gewinne, meist sogar höhere als im Vorjahr. Ringier und Edipresse konnten ihre Konzern-Ergebnisse im Ausland aufpolieren: Ringier beschäftigte Ende 2003 insgesamt mehr Leute und Edipresse erreichte eine Umsatzsteigerung nach Ankäufen in Spanien.
Nur die börsenkotierte Tamedia fährt diesmal einen Verlust von 18 Millionen ein, und diesmal gibt es auch keine Dividenden, weder für die GrossaktionärInnen aus dem Coninx-Clan, noch für die KleinaktionärInnen. Die 7 VerwaltungsrätInnen, Hans Heinrich Coninx, Robert Karrer, Pietro Supino, Ueli Maurer (nicht SVP), Ivan Rickenbacher, Karl Dietrich Seikel und Christina von Wackerbarth, hingegen kassieren auch dieses Jahr: rund 2,2 Millionen inklusive Spesen. Das sind in der Tat gut honorierte Teilzeitstellen. Aber die geplagten Verwaltungsratsseelen müssen ja auch für erlittenen Qualen bei den Stellenabbau-Entscheiden entschädigt werden.
Nur knapp an den roten Zahlen vorbei schrammte ein weiterer Zürcher Verlag, die AG für die Neue Zürcher Zeitung. Die NZZ, das publizistische Flaggschiff des Schweizer Kapitalismus, schrieb gar rote Zahlen, ebenso wie der Berner “Bund”, bei dem inzwischen die Espace Media Groupe federführend ist. Aus der Patsche halfen der NZZ-Gruppe das ertragsstarke “St. Galler Tagblatt” und ein Liegenschaftsverkauf, so dass schlussendlich doch noch ein Gewinn von knapp fünf Millionen herausschaute. Insgesamt senkte die Gruppe ihren Personalbestand im vergangenen Jahr um über hundert Stellen.
Damit ist die NZZ-Gruppe im Trend: Nach einer Aufstellung des “Media Trend Journal” haben die zwanzig grössten Schweizer Verlagshäuser von 2000 bis Ende 2003 insgesamt 3062 Stellen abgebaut, fast jede achte Stelle. Grund zur Klage hätten da wohl eher andere als die Verleger.

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