11. Juli 2007 von Peter Meier

„Zeit“-Geschichte

Ellenlange Artikel, wenig Unterhaltung, kaum Nutzwert, bis zu 100 Seiten Umfang, mässig aktuell – und in Zeiten des Tabloids mit einem Format, das das Umblättern der Zeitungsseiten ohne feste Unterlage zu einer mittelschweren Akrobatikübung macht. Und doch gibt es sie noch – sogar erfolgreicher denn je: „Die Zeit“, das liebste journalistische Kind des bürgerlich-liberalen Deutschland. Sie feiert in diesem Jahr ihren 60. Geburtstag, zu dem sie sich standesgemäss auch eine Festschrift* gönnt. Das Buch ist hausgemacht: Mit Karl-Heinz Janssen, Haug von Kuenheim und Theo Sommer zeichnen drei langjährige Mitarbeiter und verdiente Kämpen des Hauses den Werdegang der „Zeit“ zu einer nationalen Institution des unabhängig-kritischen Journalismus nach, der im Februar 1946 in den Trümmern des Zweiten Weltkrieges begann.
Wenn drei so ausgewiesene Journalisten die Geschichte ihrer eigenen Zeitung schreiben, dann bleibt das zwangsläufig nicht ohne Konsequenzen für die Qualität des Buches. Es ist denn auch brillant geschrieben und bietet daher eine unterhaltsame und kurzweilige Lektüre, es ist gut recherchiert und daher faktenreich und informativ und es ist sehr personalisiert, wodurch die Geschichte lebendig und anschaulich wird. Zugleich können Janssen, von Kuenheim und Sommer aber auch die Tücken eines solchen Vorhabens nicht verhehlen: Die drei Autoren gehen sehr rücksichtsvoll mit ihrem Blatt und den wichtigen Personen um, deren Weggefährten sie lange Zeit waren. Sie zelebrieren genüsslich die vielen Legenden, die sich fast zwangsläufig um eine Institution wie die „Zeit“ ranken, und sie ordnen die gesamte Geschichte dem Mythos der grossen unabhängigen und – im besten Sinne des Wortes – liberalen Wochenzeitung unter, der selbst der vehement nationalistisch gesinnte Protest der Anfangsjahre noch zum Ruhm gereiche. Dabei sparen die Verfasser zwar weniger rühmliche Aspekte und Charaktere nicht aus, aber sie präsentieren sie doch in leicht geglätteter Form.
Das gilt etwa für die Person des ersten Chefredaktors Ernst Samhaber. Dieser hatte vor dem Krieg Goebbels Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda angehört. Während des Krieges war er für diverse nationalsozialistische Blätter tätig, wobei die Bandbreite seiner journalistischen Arbeiten von linientreu bis ungeschminkt rassistisch reichte. Zuletzt verfasste Samhaber bis kurz vor Kriegsende Durchhalteparolen für „Das Reich“, das „gehobene“ Propagandablatt von Rolf Rienhardt, einem der Architekten der nationalsozialistischen Presse-Gleichschaltung. Samhaber wurde 1946 nach einem halben Jahr als „Zeit“-Chefredaktor von einem Entnazifizierungsausschuss zum NS-Anhänger erklärt und mit einem Berufsverbot belegt. In der Festschrift zur „Zeit“-Geschichte wird Samhabers braune Vergangenheit zwar erwähnt, aber nicht vollständig ausgeleuchtet. Im Vordergrund steht sein Nachkriegs-Image als vorsichtiger Widerständler. Dies gründete auf Samhabers Porträt des paraguayanischen Diktators Francisco Solano Lopez aus dem Jahr 1941, das nachträglich aufgrund augenfälliger Parallelen als verklausulierte Hitler-Kritik gedeutet wurde. Samhaber taucht im Buch vor allem als „Chefredakteur gegen die Besatzungsmacht“ auf, und die Darstellung seiner Absetzung leistet der Interpretation Vorschub, es habe sich dabei in erster Linie um eine Intrige der britischen Besatzungsmacht gegen einen unbequemen deutschen Journalisten gehandelt.
Solch pfleglicher Umgang mit dem „Zeit“-Personal ist eine Konstante des Buches. Die bestimmende Gestalt ist der „geniale Verleger“ Gerd Buccerius, einer der Gründerväter, der die republikanische Wochenzeitung bis zu seinem Tod 1995 erfolgreich durch alle Fährnisse der Zeitgeschichte steuerte. Nicht immer unbeirrt und selten frei von Existenzangst. Doch mit der ebenso Legende gewordenen Marion Gräfin Dönhoff stand ihm eine Persönlichkeit zur Seite, mit der ihn eine Hassliebe verband, weil sie so gegensätzlich war, ihn aber gerade deshalb so ideal ergänzte. Dass die beiden – und andere bestimmende Köpfe – so prominent im Buch erscheinen, ist kein Zufall. Es entspricht dem Konzept des Buches, das letztlich eben eine typische Festschrift ist: Es ist eine Geschichte der grossen Namen und Ereignisse. Es ist nur am Rande eine Geschichte der „Zeit“ und im Kern eine Geschichte der Zeit im Spiegel der „Zeit“.
Wer sich Einblicke in das Innenleben, in die Strukturen und das Funktionieren einer der wichtigsten journalistischen Institutionen Nachkriegsdeutschlands erhofft, wird weitgehend enttäuscht. Die Autoren stricken einerseits eifrig am Mythos der eingeschworenen Gemeinschaft – wie ein roter Faden durchzieht das Bild der „Zeit-Familie“ die dargestellte Historie. Andererseits wird es jedoch nirgends wirklich thematisiert oder gar analysiert, und so bleibt etwa verborgen, warum beispielsweise der bekannte Feuilletonchef Fritz Raddatz zwar lange dabei war, aber nie dazu gehörte. Wer sich hingegen auf einen abwechslungsreichen, kurzweiligen Ritt durch die jüngere Zeitgeschichte begeben will, der wird mit dem facetten- und anekdotenreichen Buch bestens bedient.

* Karl-Heinz Janssen, Haug von Kuenheim, Theo Sommer: „Die Zeit. Geschichte einer Wochenzeitung 1946 bis heute“. Siedler Verlag, Berlin 2006.

11. Juli 2007 von Klartext

Beschränkt seriös

hb./ Der „Schweizer Journalist“, herausgegeben vom Österreicher Verlag Oberauer, hat ein Problem. Denn der Berufsverband der JournalistInnen in der Schweiz, Impressum, nennt sich mit Zusatznamen „Die Schweizer JournalistInnen“. Diese Nähe der neuen Zeitschrift zum Verbandsnamen hat Impressum dazu veranlasst, beim Verleger vorstellig zu werden. Wie Impressum-Zentralsekretär Mathieu Fleury sagt, wolle man erfahren, welche Absichten und Ziele Oberauer in der Schweiz verfolge: „Das Ziel des ‚Schweizer Journalist‘ ist kommerziell, sein Inhalt nicht vollständig.“ Impressum wolle abklären, ob eventuelle Synergien mit dem eigenen Verbandsorgan möglich seien. Denn schliesslich sei die Präsenz von Sylvia Egli von Matt, Direktorin des Medienausbildungszentrums MAZ, Garantie für eine gewisse Seriosität des Produkts. Falls man jedoch nicht zusammenarbeiten könne, will Impressum eine Namensänderung des Produkts verlangen. Apropos Seriosität: Mit viel Aufwand verbreitete das Blatt in der ersten Nummer eine Bestenliste – „die 88 besten Journalistinnen und Journalisten“ der Schweiz. Gian Pozzy, bis vor kurzem stellvertretender Chefredaktor des Wirtschaftsblatts „L’Agefi“, wurde als Dritter in der Kategorie „Kolumne (Westschweiz)“ ausgezeichnet. Allerdings war er auch Mitglied der Jury. Die Vermeidung solcher Peinlichkeiten für den Betroffenen, die Jury und die Auserwählten war aber offensichtlich nicht das Ziel der Ranking-Organisatoren.

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