11. Juli 2007 von Klartext

Auflösungstendenzen

hs./ Er kam, sah und löst die Ressorts auf: Mit dem Antritt von Michael Hug als neuem Chefredaktor kommt Bewegung in die Redaktion der „Berner Zeitung“. Seine Schäfchen will Hug aus dem Schlaf in ihren Ressort-Gärtchen erwecken. Inland und Ausland sind bereits unter dem vielsagenden Rubriktitel „Heute“ zusammengeführt. Das ist natürlich Etikettenschwindel, denn korrekterweise müssten die Seiten – wenn schon – mit „Gestern“ übertitelt sein. Als nächste Abteilungen werden Wirtschaft und Kultur ihre angestammten Plätze im Blatt verlieren. Bislang nicht betroffen von dieser Umschichtung ist das Sportressort. Doch auch dort sind Auflösungstendenzen zu beobachten. Journalismus wird dort kreativ ergänzt mit purer PR-Schreibe aus der Feder der „Kommunikationsmanagerin“ des Männertennisverbandes ATP. Fabienne Benoit scheint nicht nur im Solde von ATP zu stehen, auch für den TV-Sender Eurosport legt sie sich gehörig ins Zeug. „Dank Eurosport haben Tennisfans fast rund um die Uhr die Möglichkeit, das Geschehen in Down under mitzuverfolgen.“ Was nichts anderes heisst als: Die ATP findet Eurosport toll, weil der Sender rund um die Uhr über die ATP berichtet. Das ist noch gehaltvoller Sportjournalismus.

11. Juli 2007 von Klartext

Lebrument sägt am Presserat

hs./ Verlegerpräsident Hanspeter Lebrument macht auf Abbruch. Den Gesamtarbeitsvertrag (GAV) hat er bereits geschleift, nun ist die Reihe offenbar am Presserat. Bereits beim letztjährigen Verlegerkongress hatte er diesen als „geschwätzige und beliebige Institution“ verhöhnt (KLARTEXT 5/2005). Presseratspräsident Peter Studer hatte damals gegenüber KLARTEXT noch die Hoffnung geäussert, dass er Lebrument von dessen „Missverständnissen befreien“ könne. Es ist ihm offensichtlich nicht gelungen.
Auch angestachelt durch einen Presseratsentscheid gegen seine „Südostschweiz“ (siehe Seite 27 in dieser Nummer), hat Lebrument nun unlängst in der Zeitschrift „Persönlich“ noch einen draufgegeben. Sowohl GAV wie Presserat, so meint Lebrument, seien beides Instrumente, „um den privatwirtschaftlichen und marktwirtschaftlichen Einfluss auf die Redaktionen zu verringern und den öffentlich-rechtlichen Charakter der Zeitungen zu stärken“. Ja, Presseratsentscheide würden den privaten Besitz der Verleger „mindern“. Er will deshalb in Zukunft ein Gremium, das Entscheide „diskret und praxisbezogen“ fällt.
Lebrument stört sich unter anderem daran, dass die Verleger noch immer nicht im Presserat-Stiftungsrat vertreten sind. Dies sind sie aber nicht nur, weil die JournalistInnenverbände erst nach GAV-Verhandlungen zu Gesprächen über die Presserat-Verlegerbeteiligung bereit sind, sondern auch, weil die Verleger bei den letzten einschlägigen Verhandlungen ihren Beitritt selbst torpediert haben (siehe KLARTEXT 5/2004): Die Westschweizer Verleger hatten damals in einem internen Papier gravierende Einschnitte in die „Erklärung der Pflichten und Rechte der JournalistInnen“ zur Bedingung einer eventuellen Beteiligung am Presserat gemacht.
Nach der einseitigen Proklamation von sozialen „Mindeststandards“ will Lebrument nun also eine eigene Selbstkontrolle aufbauen. Ob allerdings seine patriarchalen Vorstellungen umsetzbar sind, wird sich weisen. Presseratspräsident Peter Studer, selber ein Befürworter der Verlegeraufnahme in den Presserat, hat Lebrument in einem zentralen Punkt widersprochen: „Die Zeitung ist eben doch mehr als eine Drucksache, für deren Herstellung die Wirtschaftsfreiheit genügt.“

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