11. August 2009 von Klartext

Selbstkontrolle statt Medienpolizei

nil./ „Das Bakom muss Privatsender überwachen und strafen“, forderte der „Tages-Anzeiger“ jüngst in einem Kommentar, weil offenbar etliche private Radio- und TV-Sender die Konzessionsbestimmungen nicht einhalten. So berechtigt diese Forderung im konkreten Fall erscheinen mag, so heikel ist sie für eine liberale Medienordnung – das geltende Radio- und Fernsehgesetz enthält immerhin noch ein paar Spurenelemente davon.

Überwachen und Strafen dürfen hier nur Ultima Ratio bleiben, vielmehr muss Selbstregulierung und Selbstkontrolle als oberste Maxime gelten. Danach verfährt das Bundesamt für Kommunikation (Bakom) denn auch bei der Überprüfung des Leistungsauftrags, den jene Privatsender erfüllen müssen, die eine UKW-Konzession und/oder Gebührengelder erhalten. Dass diese Selbstkontrolle funktioniert, zeigt gerade der „Tages-Anzeiger“-Kommentar, auch wenn er mit seiner Forderung über das Ziel hinausschiesst. Denn letztlich soll nicht ein Bundesamt bei den Sendern rumschnüffeln, sondern die Branche selbst auf Missstände aufmerksam machen. Und da man sich ja gar nichts gönnen mag, ist dafür gesorgt, dass alle einander sehr genau auf die Finger schauen.

Erfolgs-„Zeit“
bbü./ Die neuen Schweiz-Seiten der „Zeit“ (vgl. KLARTEXT Nr. 6/08 bzw. 1/09), die im Dezember letzten Jahres lanciert wurden, haben dem Wochenblatt aus Hamburg offenbar das gewünschte zusätzliche Publikum gebracht: Im Einzelverkauf legte die „Zeit“ in der Schweiz um mehr als 50 Prozent, bei den Abos um mehr als 20 Prozent zu; die Auflage in der Schweiz ist von 6000 auf rund 10’000 Exemplare gestiegen, wie „Zeit“-Chefredaktor Giovanni di Lorenzo in einem Interview mit der „Basler Zeitung“ sagte. Unter den Schweizer „Zeit“-LeserInnen ortet di Lorenzo „auffallend viele ehemalige Leser einer Wochenzeitung, die früher der ‚Zeit‘ nicht unähnlich war“, der „Weltwoche“ also.
Die gestiegene Zahl der in der Schweiz lebenden Deutschen, möglicherweise Teil des Erfolgs des Splits, wurde im Interview nicht erwähnt – vielleicht wollte man die unausweichlich daran anschliessenden Diskussionen vermeiden. Elegant auch die Antwort di Lorenzos auf die Frage, weshalb die Schweizer „Zeit“-Seiten „viel traditioneller, weniger kreativ“ daherkämen als die restliche Zeitung: „Dieses Urteil finde ich zu hart“, meinte er und führte die Differenz auf die „unterschiedliche Medienkultur“ in den beiden Ländern zurück. Der Mann weiss, wie mans macht. Das zeigen auch die allgemeinen „Zeit“-Zahlen: Laut di Lorenzo erreicht die „Zeit“ aktuell eine Rekordauflage und hat erst noch die vier besten Geschäftsjahre ihrer Geschichte hinter sich. So tot kann Print also noch nicht sein.

Laien ersetzen entlassene Profis
hb./ Die beiden Neuenburger Tageszeitungen „L’Express“ und „L’Impartial“ (beide im Besitz des Franzosen Philippe Hersant) suchen zwischen 20 und 25 neue Leute zum Aufbau eines Lokalkorrespondenten-Netzes. Doch nicht JournalistInnen sollen rekrutiert werden. Gesucht sind Laien, in ihren Orten gut verankerte AmateurschreiberInnen. Mit ihnen erhofft sich der Verlag, die Präsenz der Zeitungen in den Gemeinden zu verstärken und eine neue Leserschaft anzuziehen. Damit wollen die Regionalzeitungen den Aderlass vom letzten Herbst kompensieren – über ein Fünftel der RedaktorInnen wurde aus ökonomischen Gründen entlassen. Vor einem Jahr hat auch die Hersant-Lokalzeitung „La Côte“ am Genfersee damit begonnen, ein Laiennetz von rund 60 Personen aufzuziehen. Mit dieser Art von Mikro-Lokaljournalismus versuchen Hersants französische Blätter schon seit Langem, lokale Inserenten anzulocken.
Dass die „Journalisten von nebenan“ weder genügend ökonomische Sicherheit noch gesellschaftliche Unabhängigkeit haben, um im Bedarfsfall kritisch zu informieren oder sich dem Druck von Inserenten und politischen Stellen zu widersetzen, ist für Hersant-Stellvertreter Jacques Richard kein Problem: „Wenn der Lokalkorrespondent gut betreut wird, kann er die Rolle eines Bloggers der Printpresse spielen. Das ist meiner Meinung nach eine Tendenz, die sich noch verstärken wird“, so Richard gegenüber „Le Temps“. Und wie viel darf ein solcher „Printblogger“ bei „L’Express“ oder „L’Impartial“ denn für seine Beiträge erwarten? Zwanzig Franken für eine Information, die von der Redaktion bearbeitet werden muss. Fünfzig Franken für einen Artikel zwischen 1500 und 2000 Zeichen.

18. Juni 2009 von Klartext

NZZ: „Männerbund“ und Bistro-Posse

Bei der NZZ kann sich die Redaktion via internes Blog an der Diskussion um die NZZ-Neugestaltung beteiligen. Dieser Prozess läuft unter dem Titel „Sounding Board“, ein Wort, das alteingesessenen RedaktorInnen nicht zu ihrer Traditionszeitung zu passen scheint.

Wobei manche von ihnen nun nicht mehr mitdiskutieren: Mehr als zehn langjährige MitarbeiterInnen aus den Ressorts Wirtschaft und Ausland haben die Frühpension angetreten. Knapp dreissig Stellen wurden so gestrichen; der Abbau war Ende 2008 angekündigt worden. „Es wurde aber im Haus nie transparent gemacht, wo und wie die Stellen abgebaut wurden. Es hiess, das sei Sache der einzelnen Ressorts“, ist aus der NZZ zu hören. Zu hören ist auch, dass die neue NZZ – sie soll am 9. 9. 09 erstmals erscheinen – mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Dreibund-Zeitung sein wird. Bund eins soll Ausland, Inland und Zürich umfassen, Bund zwei – intern „Männerbund“ getauft – enthält Wirtschaft, Börse und Sport, Bund drei Feuilleton und Beilage-Themen. Möglicherweise wird das Layout fünfspaltig, und man will vermehrt Frauen und Junge ansprechen – dennoch soll die NZZ „ihr Gesicht bewahren“.
Ganz und gar nicht angesprochen gefühlt haben sich offenbar viele NZZ-JournalistInnen von der Idee der Unternehmensleitung, das NZZ-Bistro an der Falkenstrasse für das Publikum zu öffnen – und für die NZZ-Leute zu verteuern. Zwischenzeitlich mussten sie auch für ein Glas Leitungswasser bezahlen, 70 Rappen pro Glas. Das alles hat zu einer schlechteren Nutzung des Bistros geführt, zu regelrechten Boykott-Aktionen. Aus den Ressorts Wirtschaft und Inland etwa hört man, heute sei quasi niemand mehr im Bistro anzutreffen, obwohl die Redaktionsmitglieder ihr Wasser wieder gratis kriegen. Findige Köpfe überlegen sich nun, ob Bistro-Öffnung und Wasserverteuerung ganz gezielt erfolgt seien. Denn, so heisst es, die NZZ bezahle jedes Jahr 1,2 Millionen Franken für die beiden Bistros in Zürich und Schlieren. Dasjenige in Schlieren kann sie nicht schliessen, denn dort wird Schicht gearbeitet. Wird hingegen das Falkenstrasse-Bistro weiterhin so schlecht genutzt, geht es womöglich zu – und die NZZ spart.

Verblöden mit Roger
nil./ Wetten, dass auch Roger Federer dereinst – aber hoffentlich erst in sehr, sehr ferner Zukunft – das Racket abgeben und irgendwann sogar das Zeitliche segnen wird? Nun, mit dieser nicht besonders gewagten Prognose stehen wir in der Medienlandschaft derzeit allein auf weiter Flur. Nach Federers Sieg am French Open in Paris übten sich die euphorisierten Sportredaktorinnen und Blattmacher in kollektiver Esoterik und verklärten den Basler Tennisspieler flugs zum Unsterblichen. „Federer macht sich unsterblich“, titelte etwa der „Bund“. Schon Tage vor dem Sieg in Paris wusste der „Blick“, dass Federer nur noch wenige Schritte vor der Unsterblichkeit steht. Vor allem aber waren es die Online-Redaktionen, die vor lauter Roger, Roger fast überbeissen wollten. Egal, wo man hinklickt im deutschsprachigen Netz: unsterblich, unsterblich, unsterblich. Da war es nur noch ein kleiner Schritt zum Göttervergleich, der natürlich auch nicht fehlte. Vom Tennis-Gott schrieb bild.de, den Aufstieg in den Olymp wollte swissinfo.ch beobachtet haben. Während es auf den Redaktionen in Deutschland und der Schweiz kein Halten mehr gab, zeigte man im englisch- und französischsprachigen Raum schon mehr Zurückhaltung und sparte mit den dümmlichen Unsterblichkeitsmetaphern. Und wie gesagt: Wir behaupten weiterhin, Roger Federer sei ein sterblicher Mensch aus Fleisch und Blut. Die Wette gilt!

Ende von Swissinfo wird angedacht
nil./ Auch Swissinfo muss den Gürtel enger schnallen: Sieben Millionen Franken sollen weg, mehr als ein Viertel des aktuellen jährlichen Aufwands. Von diesem Sparpotenzial geht die SRG-Spitze aus. Bis Ende Jahr geht ein Gremium unter der Leitung der Direktoren von Swissinfo, Schweizer Radio DRS und Westschweizer Fernsehen TSR über die Bücher und will herausfinden, wie sich diese Vorgabe umsetzen lässt. Das teilte die SRG am 8. Juni mit.
Drei Varianten stehen dabei im Vordergrund: swissinfo.ch bleibt eigenständig, produziert aber wesentlich günstiger als heute. Oder aber das ehemalige Schweizer Radio International verschwindet und wird TSR oder SR DRS einverleibt. Nicht angetastet werden darf bei allen drei Varianten der Leistungsauftrag des Bundes, der die SRG verpflichtet, ein mehrsprachiges Informationsangebot bereitzustellen. SRG-Kader sehen das grösste Sparpotenzial bei den Angeboten von Swissinfo in den drei Landessprachen Deutsch, Französisch und Italienisch. Mit den Websites von Radio- und Fernsehen gebe es Doppelspurigkeiten. „Diese sind nicht einfach aufrechtzuerhalten, wenn man mehr Effizienz fordert“, kommentiert etwa der Westschweizer Radiodirektor Gérard Tschopp. „Swissinfo muss sich überlegen, ob sie ihre Angebote nicht anpassen, komplementär gestalten müsste“ (siehe Interview auf Seite 22). Was so viel heisst wie: Die Redaktionen mit „exotischen“ Sprachen, wie etwa Japanisch, Chinesisch oder Arabisch, blieben erhalten, das übrige Angebot würde in enger Zusammenarbeit mit den Online-Redaktionen von Radio und Fernsehen erstellt.
Unter publizistischen Gesichtspunkten würde eine solche Lösung nicht zwingend zu einem Verlust führen. Denn swissinfo.ch hat es in den zehn Jahren seit seiner Gründung nie recht geschafft, ein eigenständiges Profil zu entwickeln und sich als unverzichtbarer Teil der SRG-Familie zu positionieren.

(Un)dank für Treue
hb./ Bis vor Kurzem erhielten alle pensionierten Angestellten von Edipresse ein Gratis-Abo für einen Edipresse-Titel nach ihrer Wahl, sozusagen anstelle der Uhr, die Pensionierte anderer Betriebe nach Jahrzehnten treuer Dienste erhalten. Doch jetzt heisst es sparen. Kleinvieh macht auch Mist, muss sich ein Edipresse-Chef gedacht haben und liess seinen lieben ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine Abo-Rechnung schicken. Ein noch angestellter 63-jähriger Mitarbeiter befand sich zu seiner Überraschung auch unter den Adressaten. „Aha, man hat Sie noch nicht frühpensioniert?!“, war die Reaktion der zuständigen Stelle, als er sich nach dem Grund für die Rechnungsstellung erkundigte.

Aktuelles Heft:

EDITO Ausgabe: 4 | 2017
  • Wie Gesetze investigativen Journalismus ausbremsen
  • Wie Staatsangestellte investigativen Journalismus ausbremsen
  • Warum das Parlament nicht journalismusfreundlicher entscheidet
  • Aber Hallo SRF
  • Bilder von Pascal Mora
  • und anderes mehr