11. August 2009 von Klartext

Selbstkontrolle statt Medienpolizei

nil./ „Das Bakom muss Privatsender überwachen und strafen“, forderte der „Tages-Anzeiger“ jüngst in einem Kommentar, weil offenbar etliche private Radio- und TV-Sender die Konzessionsbestimmungen nicht einhalten. So berechtigt diese Forderung im konkreten Fall erscheinen mag, so heikel ist sie für eine liberale Medienordnung – das geltende Radio- und Fernsehgesetz enthält immerhin noch ein paar Spurenelemente davon.

Überwachen und Strafen dürfen hier nur Ultima Ratio bleiben, vielmehr muss Selbstregulierung und Selbstkontrolle als oberste Maxime gelten. Danach verfährt das Bundesamt für Kommunikation (Bakom) denn auch bei der Überprüfung des Leistungsauftrags, den jene Privatsender erfüllen müssen, die eine UKW-Konzession und/oder Gebührengelder erhalten. Dass diese Selbstkontrolle funktioniert, zeigt gerade der „Tages-Anzeiger“-Kommentar, auch wenn er mit seiner Forderung über das Ziel hinausschiesst. Denn letztlich soll nicht ein Bundesamt bei den Sendern rumschnüffeln, sondern die Branche selbst auf Missstände aufmerksam machen. Und da man sich ja gar nichts gönnen mag, ist dafür gesorgt, dass alle einander sehr genau auf die Finger schauen.

Erfolgs-„Zeit“
bbü./ Die neuen Schweiz-Seiten der „Zeit“ (vgl. KLARTEXT Nr. 6/08 bzw. 1/09), die im Dezember letzten Jahres lanciert wurden, haben dem Wochenblatt aus Hamburg offenbar das gewünschte zusätzliche Publikum gebracht: Im Einzelverkauf legte die „Zeit“ in der Schweiz um mehr als 50 Prozent, bei den Abos um mehr als 20 Prozent zu; die Auflage in der Schweiz ist von 6000 auf rund 10’000 Exemplare gestiegen, wie „Zeit“-Chefredaktor Giovanni di Lorenzo in einem Interview mit der „Basler Zeitung“ sagte. Unter den Schweizer „Zeit“-LeserInnen ortet di Lorenzo „auffallend viele ehemalige Leser einer Wochenzeitung, die früher der ‚Zeit‘ nicht unähnlich war“, der „Weltwoche“ also.
Die gestiegene Zahl der in der Schweiz lebenden Deutschen, möglicherweise Teil des Erfolgs des Splits, wurde im Interview nicht erwähnt – vielleicht wollte man die unausweichlich daran anschliessenden Diskussionen vermeiden. Elegant auch die Antwort di Lorenzos auf die Frage, weshalb die Schweizer „Zeit“-Seiten „viel traditioneller, weniger kreativ“ daherkämen als die restliche Zeitung: „Dieses Urteil finde ich zu hart“, meinte er und führte die Differenz auf die „unterschiedliche Medienkultur“ in den beiden Ländern zurück. Der Mann weiss, wie mans macht. Das zeigen auch die allgemeinen „Zeit“-Zahlen: Laut di Lorenzo erreicht die „Zeit“ aktuell eine Rekordauflage und hat erst noch die vier besten Geschäftsjahre ihrer Geschichte hinter sich. So tot kann Print also noch nicht sein.

Laien ersetzen entlassene Profis
hb./ Die beiden Neuenburger Tageszeitungen „L’Express“ und „L’Impartial“ (beide im Besitz des Franzosen Philippe Hersant) suchen zwischen 20 und 25 neue Leute zum Aufbau eines Lokalkorrespondenten-Netzes. Doch nicht JournalistInnen sollen rekrutiert werden. Gesucht sind Laien, in ihren Orten gut verankerte AmateurschreiberInnen. Mit ihnen erhofft sich der Verlag, die Präsenz der Zeitungen in den Gemeinden zu verstärken und eine neue Leserschaft anzuziehen. Damit wollen die Regionalzeitungen den Aderlass vom letzten Herbst kompensieren – über ein Fünftel der RedaktorInnen wurde aus ökonomischen Gründen entlassen. Vor einem Jahr hat auch die Hersant-Lokalzeitung „La Côte“ am Genfersee damit begonnen, ein Laiennetz von rund 60 Personen aufzuziehen. Mit dieser Art von Mikro-Lokaljournalismus versuchen Hersants französische Blätter schon seit Langem, lokale Inserenten anzulocken.
Dass die „Journalisten von nebenan“ weder genügend ökonomische Sicherheit noch gesellschaftliche Unabhängigkeit haben, um im Bedarfsfall kritisch zu informieren oder sich dem Druck von Inserenten und politischen Stellen zu widersetzen, ist für Hersant-Stellvertreter Jacques Richard kein Problem: „Wenn der Lokalkorrespondent gut betreut wird, kann er die Rolle eines Bloggers der Printpresse spielen. Das ist meiner Meinung nach eine Tendenz, die sich noch verstärken wird“, so Richard gegenüber „Le Temps“. Und wie viel darf ein solcher „Printblogger“ bei „L’Express“ oder „L’Impartial“ denn für seine Beiträge erwarten? Zwanzig Franken für eine Information, die von der Redaktion bearbeitet werden muss. Fünfzig Franken für einen Artikel zwischen 1500 und 2000 Zeichen.

18. Juni 2009 von Klartext

NZZ: „Männerbund“ und Bistro-Posse

Bei der NZZ kann sich die Redaktion via internes Blog an der Diskussion um die NZZ-Neugestaltung beteiligen. Dieser Prozess läuft unter dem Titel „Sounding Board“, ein Wort, das alteingesessenen RedaktorInnen nicht zu ihrer Traditionszeitung zu passen scheint.

Wobei manche von ihnen nun nicht mehr mitdiskutieren: Mehr als zehn langjährige MitarbeiterInnen aus den Ressorts Wirtschaft und Ausland haben die Frühpension angetreten. Knapp dreissig Stellen wurden so gestrichen; der Abbau war Ende 2008 angekündigt worden. „Es wurde aber im Haus nie transparent gemacht, wo und wie die Stellen abgebaut wurden. Es hiess, das sei Sache der einzelnen Ressorts“, ist aus der NZZ zu hören. Zu hören ist auch, dass die neue NZZ – sie soll am 9. 9. 09 erstmals erscheinen – mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Dreibund-Zeitung sein wird. Bund eins soll Ausland, Inland und Zürich umfassen, Bund zwei – intern „Männerbund“ getauft – enthält Wirtschaft, Börse und Sport, Bund drei Feuilleton und Beilage-Themen. Möglicherweise wird das Layout fünfspaltig, und man will vermehrt Frauen und Junge ansprechen – dennoch soll die NZZ „ihr Gesicht bewahren“.
Ganz und gar nicht angesprochen gefühlt haben sich offenbar viele NZZ-JournalistInnen von der Idee der Unternehmensleitung, das NZZ-Bistro an der Falkenstrasse für das Publikum zu öffnen – und für die NZZ-Leute zu verteuern. Zwischenzeitlich mussten sie auch für ein Glas Leitungswasser bezahlen, 70 Rappen pro Glas. Das alles hat zu einer schlechteren Nutzung des Bistros geführt, zu regelrechten Boykott-Aktionen. Aus den Ressorts Wirtschaft und Inland etwa hört man, heute sei quasi niemand mehr im Bistro anzutreffen, obwohl die Redaktionsmitglieder ihr Wasser wieder gratis kriegen. Findige Köpfe überlegen sich nun, ob Bistro-Öffnung und Wasserverteuerung ganz gezielt erfolgt seien. Denn, so heisst es, die NZZ bezahle jedes Jahr 1,2 Millionen Franken für die beiden Bistros in Zürich und Schlieren. Dasjenige in Schlieren kann sie nicht schliessen, denn dort wird Schicht gearbeitet. Wird hingegen das Falkenstrasse-Bistro weiterhin so schlecht genutzt, geht es womöglich zu – und die NZZ spart.

Verblöden mit Roger
nil./ Wetten, dass auch Roger Federer dereinst – aber hoffentlich erst in sehr, sehr ferner Zukunft – das Racket abgeben und irgendwann sogar das Zeitliche segnen wird? Nun, mit dieser nicht besonders gewagten Prognose stehen wir in der Medienlandschaft derzeit allein auf weiter Flur. Nach Federers Sieg am French Open in Paris übten sich die euphorisierten Sportredaktorinnen und Blattmacher in kollektiver Esoterik und verklärten den Basler Tennisspieler flugs zum Unsterblichen. „Federer macht sich unsterblich“, titelte etwa der „Bund“. Schon Tage vor dem Sieg in Paris wusste der „Blick“, dass Federer nur noch wenige Schritte vor der Unsterblichkeit steht. Vor allem aber waren es die Online-Redaktionen, die vor lauter Roger, Roger fast überbeissen wollten. Egal, wo man hinklickt im deutschsprachigen Netz: unsterblich, unsterblich, unsterblich. Da war es nur noch ein kleiner Schritt zum Göttervergleich, der natürlich auch nicht fehlte. Vom Tennis-Gott schrieb bild.de, den Aufstieg in den Olymp wollte swissinfo.ch beobachtet haben. Während es auf den Redaktionen in Deutschland und der Schweiz kein Halten mehr gab, zeigte man im englisch- und französischsprachigen Raum schon mehr Zurückhaltung und sparte mit den dümmlichen Unsterblichkeitsmetaphern. Und wie gesagt: Wir behaupten weiterhin, Roger Federer sei ein sterblicher Mensch aus Fleisch und Blut. Die Wette gilt!

Ende von Swissinfo wird angedacht
nil./ Auch Swissinfo muss den Gürtel enger schnallen: Sieben Millionen Franken sollen weg, mehr als ein Viertel des aktuellen jährlichen Aufwands. Von diesem Sparpotenzial geht die SRG-Spitze aus. Bis Ende Jahr geht ein Gremium unter der Leitung der Direktoren von Swissinfo, Schweizer Radio DRS und Westschweizer Fernsehen TSR über die Bücher und will herausfinden, wie sich diese Vorgabe umsetzen lässt. Das teilte die SRG am 8. Juni mit.
Drei Varianten stehen dabei im Vordergrund: swissinfo.ch bleibt eigenständig, produziert aber wesentlich günstiger als heute. Oder aber das ehemalige Schweizer Radio International verschwindet und wird TSR oder SR DRS einverleibt. Nicht angetastet werden darf bei allen drei Varianten der Leistungsauftrag des Bundes, der die SRG verpflichtet, ein mehrsprachiges Informationsangebot bereitzustellen. SRG-Kader sehen das grösste Sparpotenzial bei den Angeboten von Swissinfo in den drei Landessprachen Deutsch, Französisch und Italienisch. Mit den Websites von Radio- und Fernsehen gebe es Doppelspurigkeiten. „Diese sind nicht einfach aufrechtzuerhalten, wenn man mehr Effizienz fordert“, kommentiert etwa der Westschweizer Radiodirektor Gérard Tschopp. „Swissinfo muss sich überlegen, ob sie ihre Angebote nicht anpassen, komplementär gestalten müsste“ (siehe Interview auf Seite 22). Was so viel heisst wie: Die Redaktionen mit „exotischen“ Sprachen, wie etwa Japanisch, Chinesisch oder Arabisch, blieben erhalten, das übrige Angebot würde in enger Zusammenarbeit mit den Online-Redaktionen von Radio und Fernsehen erstellt.
Unter publizistischen Gesichtspunkten würde eine solche Lösung nicht zwingend zu einem Verlust führen. Denn swissinfo.ch hat es in den zehn Jahren seit seiner Gründung nie recht geschafft, ein eigenständiges Profil zu entwickeln und sich als unverzichtbarer Teil der SRG-Familie zu positionieren.

(Un)dank für Treue
hb./ Bis vor Kurzem erhielten alle pensionierten Angestellten von Edipresse ein Gratis-Abo für einen Edipresse-Titel nach ihrer Wahl, sozusagen anstelle der Uhr, die Pensionierte anderer Betriebe nach Jahrzehnten treuer Dienste erhalten. Doch jetzt heisst es sparen. Kleinvieh macht auch Mist, muss sich ein Edipresse-Chef gedacht haben und liess seinen lieben ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine Abo-Rechnung schicken. Ein noch angestellter 63-jähriger Mitarbeiter befand sich zu seiner Überraschung auch unter den Adressaten. „Aha, man hat Sie noch nicht frühpensioniert?!“, war die Reaktion der zuständigen Stelle, als er sich nach dem Grund für die Rechnungsstellung erkundigte.

15. April 2009 von Klartext

Allmedia über alles

rw./ Publicitas, Tochter der Lausanner Publigroupe, des grössten Medienunternehmens der Schweiz, will sich von ihrem uralten und bewährten Geschäftsmodell verabschieden. Nach und nach will die P, wie sie seit jeher in der Branche genannt wird, ihre Pachtverträge nicht mehr erneuern, die sie immer noch mit rund 40 Schweizer Verlegern unterhält.

Flexibilität statt altgediente Exklusivrechte heisst die Devise. Das ist nötig, denn die Verleger springen reihenweise ab und nehmen das Inserategeschäft selber in die Hand. Jüngster Schlag war der Absprung von Edipresse, als der Westschweizer Verlag von Tamedia geschluckt wurde, die ihre Inserate selber vermarktet.
Künftig sollen die Medien neue Dienstleistungsverträge abschliessen, wobei sie nicht wie bisher bloss zwischen Vollregie und Inseratevermittlung, sondern aus über 100 verschiedenen Dienstleistungen wählen können. Doch ohne Vertrag gibt es keine Geschäftsbeziehungen mehr, denn die P verabschiedet sich damit von ihrer angestammten Rolle als Universalvermittlerin. Die „einschneidende Umwandlung des Geschäftsmodells“, so die Diktion, scheint auf den ersten Blick ein Verzicht auf einen gewinnträchtigen Mechanismus, als der sich die Inseratevermarktung vor allem in der Presse durch die P über Jahrzehnte eingespielt und bewährt hat. Der Mediengigant will sich so dem strukturellen Wandel in der Medienbranche stellen, in der sich die Konkurrenz unter anderem durch Google und Co. stark verschärft habe, hiess es Mitte März vor den Medien.
„Einschneidend“ ist der Strukturwandel jedoch auch P-intern. So kommt die Neupositionierung der Publicitas nicht wie geplant voran. „Es ist uns noch nicht gelungen, das verlorene Vertrauen überall wieder herzustellen“, räumt Konzernchef Hans-Peter Rohner auch noch über zwei Jahre nach der eingeleiteten Reform ein. Offenbar tut sich die Crew der Publicitas immer noch schwer mit der Allmediastrategie. Die Verkäufer finden sich noch nicht zurecht in der crossmedialen Angebotsvielfalt, welche die Publicitas ihren Kunden bieten will. Ausserdem wurde der Rücktritt von Thomas Bargetzi Ende Februar, der die Publicitas umbauen und auf Allmedia trimmen sollte, von der Branche als Scheitern der Strategie gelesen. „Wir haben uns vielleicht ein paar Illusionen gemacht über das Tempo, mit der sich die Allmediastrategie umsetzen lässt“, sagt Konzernchef Rohner. Doch das neue Modell könnte es auch unzufriedenen Verlegern leichter machen, mit dem Mediengiganten wenigstens in gewissen Teilbereichen wieder ins Geschäft zu kommen.
Gegenwärtig setzt die Wirtschaftskrise auch der Publigroupe massiv zu. Geht es im selben Tempo wie seit dem letzten Dezember weiter, sieht Rohner für das Kerngeschäft der Publicitas schwarz: „Dann ist das jetzige Pressesystem nicht mehr zu finanzieren.“

Richter als Dichter
nil./ Der wichtigste Satz steht kleingedruckt am Ende der Mitteilung: „In dieser Angelegenheit werden vom Kantonsgericht keine weiteren Informationen oder Kommentare abgegeben.“ Das ist wohl besser so. Denn wie sich das höchste Walliser Gericht auch aus der Affäre ziehen wollte, es würde nur noch peinlicher für die Richter. Schweigen scheint da durchaus angebracht. Denn Anfang März hat das Bundesgericht eine Beschwerde gegen die Walliser Justiz gutgeheissen und damit den Journalisten Kurt Marti, Redaktor des Oberwalliser Oppositionsblatts „Rote Anneliese“, vom Vorwurf der üblen Nachrede freigesprochen. Indem die Vorinstanz die Texte Martis überdehnt interpretierte, habe sie dem Journalisten Äusserungen angedichtet, die er nach dem Eindruck des unbefangenen Durchschnittslesers so gar nie getan habe. Mit seinem Urteil habe das Kantonsgericht Bundesrecht verletzt.
Angefangen hatte alles 2004: Marti berichtete in der „Roten Anneliese“, wie der Oberwalliser CSP-Politiker Benno Tscherrig in verschiedenen karitativen Organisationen durch problematische Personalpolitik aufgefallen war. Marti beschrieb dies in aller Deutlichkeit, auch mit Sätzen wie: „Tscherrig wütet weiter.“ Das wiederum liess der Politiker nicht auf sich sitzen und klagte wegen übler Nachrede. Bei den Walliser Instanzen kam er damit durch: Das Bezirks- und das Kantonsgericht verurteilten Marti. Erst in Lausanne war Schluss. Und zwar auf eine Art und Weise, die die Walliser Justiz alt aussehen lässt.
Für den nun freigesprochenen Marti ist die Sache klar: Bei seinen Verurteilungen durch die ersten beiden Instanzen handelte es sich um „einen krassen Fall von politischer Justiz“. Die Richter hätten einen Kritiker mundtot machen wollen, hatte doch Marti in der Vergangenheit verschiedentlich das Walliser Justizpersonal aufs Korn genommen.

Gefrässige Franzosen
hb./ Die Finanz- und Wirtschaftszeitung „L’Agefi“ ist bereits das fünfte Schweizer Medienunternehmen, das in französischen Besitz wechselt. Neuer Besitzer ist Alain Duménil. Der Millionär schreibt literarische Biografien und ist im Bereich Luxusgüter und Immobilien tätig sowie als Zulieferer für die französische Rüstungsindustrie, unter anderem für das Rüstungsimperium Dassault, das seinerseits mit „Le Figaro“ und rund siebzig weiteren Titeln im Mediensektor eine starke Position hat.
Duménil ist im Kanton Waadt domiziliert und zählt zu den 80 Reichsten Frankreichs. Er hat 51 Prozent des Kapitals von „L’Agefi“ übernommen, verbunden mit der Option, in zwei Jahren auch noch die restlichen Aktien kaufen zu können. Die zur Agefi-Gruppe gehörenden Magazine „Profil“ und „Evasion“ wechseln ebenfalls den Besitzer. Damit ist die Unsicherheit über die Zukunft der Titel beendet: Seit ihrem Aufkauf durch eine Privatspitalgruppe und dem Eintritt eines Heuschreckenfonds ins Aktienkapital der Agen Holding war über ihren möglichen Verkauf spekuliert worden.
„L’Agefi“ mit einer Auflage von 7500 Exemplaren ist die einzige rein auf Wirtschaftsfragen ausgerichtete Tageszeitung der Westschweiz und fährt einen streng wirtschaftsliberalen Kurs. Mit dem Aufkauf der Zeitung werden nun fünf mittelgrosse, für die Meinungsbildung in der Romandie bedeutende Medien von französischen Besitzern kontrolliert. Die andern vier sind die Zeitungen „La Côte“, „L’Express“ und „L’Impartial“ sowie das Genfer Lokalfernsehen Léman bleu; sie alle gehören Philippe Hersant.

Sack schlagen und Esel meinen
hb./ Das hätte sich TSR-Journalist Patrick Fischer nicht träumen lassen: Eine gestellte Filmsequenz über den hypothetischen Konkurs der UBS hat ihn in der Romandie zum Feind Nummer eins werden lassen. Reaktionen wie „Verbrechen“, „Skandal“, oder noch direkter „Leichenfledderer“ und „jämmerliche Flaschen“, Boykottdrohungen und Aufforderung zum Rücktritt Fischers oder das Verlangen nach einer Entschuldigung des Fernsehens überfluteten die Redaktion von Télévision Suisse Romande. Dabei war die gestellte Reportage als solche angekündigt und während der ganzen Dauer der Sequenz als Fiktion markiert worden.
Angesichts von mehr als zweihundert empörten Reaktionen kam Fischer eine Woche später auf das Ereignis zurück und befragte den Sozio-Anthropologen Jean-Dominique Michel, weshalb die Sendung einen solchen Sturm der Entrüstung ausgelöst habe. Der eminente Wissenschaftler befand, die UBS sei offenbar mehr als eine Bank und verkörpere kollektive Werte der Identität. Jetzt sind wir klüger! Vielleicht hätte der gescheite Mann besser die Frage beantwortet, weshalb nicht die Leute, die den Crash dieses identitätsstiftenden kollektiven Werts auf dem Gewissen haben, als jämmerliche Flaschen bezeichnet werden. Sondern der Journalist, der ein mögliches Katastrophenszenario zu Ende gedacht hat.

Zeichnen für den Frieden
hb./ In Genf ist Anfangs März die Stiftung „Dessins pour la paix“ gegründet worden. Die vom französischen Zeichner Plantu („Le Monde“) und vom Genfer Karikaturisten Chappatte („Le Temps“, „NZZ am Sonntag“) ins Leben gerufene Stiftung wird von der Uno und von der Eidgenossenschaft unterstützt. Ihr Ziel ist, bedrohten PressekarikaturistInnen finanzielle und juristische Hilfe zukommen zu lassen und die internationale Debatte um die Pressefreiheit zu fördern.
Am Anfang der Idee stand ein zweitägiges Treffen von PolitkarikaturistInnen in New York im Zusammenhang mit der Affäre um die Mohammed-Karikaturen. Die Stiftung dient auch als Plattform für den Austausch zwischen Cartoonisten, die meist nicht im Schutz einer Redaktion, sondern als Freie tätig sind. „Für einen Beruf, der im Dienst der Kommunikation steht, ist der Pressezeichner paradoxerweise sehr allein“, sagt Patrick Chappatte.

15. Februar 2009 von Helen Brügger

Sarkozy und…

… die Presse
Die Regierung Sarkozy will in Frankreich der notleidenden Presse mit Sofortmassnahmen unter die Arme greifen. So verdoppelt der Staat die Werbeausgaben in der Presse, erhöht seine Subventionen für die Vertriebskosten und schenkt allen Jugendlichen in ihrem 18. Jahr ein Gratisabonnement für eine Zeitung nach Wahl.

Der Plan kostet rund 600 Millionen Euro, verteilt auf drei Jahre. Mit dieser Ankündigung schloss Nicolas Sarkozy offiziell die „Generalstände der Presse“, die seit Oktober in Paris unter Führung der Regierung tagen und neben der Presseförderung eine Reihe von Massnahmen zur Liberalisierung der Medienlandschaft formuliert haben. In ihren Gegenvorschlägen fordert die JournalistInnengewerkschaft SNJ-CGT, dass die Unterstützung nur an Unternehmen gehen soll, die ihre Service-public-Aufgabe und ihre sozialen Verpflichtungen ernst nehmen.

… das Fernsehen
Anfangs Januar ist in Frankreich der erste Teil einer Gesetzesreform beim Fernsehen in Kraft getreten: Die öffentlichen Sender dürfen im Abendprogramm keine Werbung mehr senden. Zwar verspricht Sarkozy, den Ausfall der Werbeeinnahmen durch öffentliche Zuschüsse zu kompensieren, doch das Versprechen gilt nur bis 2011. Auch soll der Direktor der öffentlichen Sender in Zukunft direkt vom Staatspräsidenten ernannt werden. KritikerInnen bezeichnen die Reform als Angriff auf das öffentliche Fernsehen mit dem Ziel, es auszuhungern und vom Staat abhängig zu machen. Interessanterweise zeigen die ersten Erfahrungen mit dem Werbeverbot, dass die privaten Sender von der neuen Regelung nicht profitieren: Die Werbeeinnahmen von TF1 und M6 sind im Januar nicht wie erwartet explodiert, sondern abgestürzt. Davon profitiert haben hingegen neue digitale terrestrische Sender. Die öffentlichen Sender legen noch keine Zahlen vor, vermelden aber stabile Einschaltquoten.

… die Schweiz
Staatspräsident Nicolas Sarkozy zeigt sich offen für die Aufhebung eines Gesetzes zum Schutz der französischen Presse. Das Gesetz verbietet ausländischen Gruppen, mehr als zwanzig Prozent eines französischen Mediums zu erwerben. Die Schweizer Verlage Ringier und Edipresse waren an den „Generalständen der Presse“ vorstellig geworden, um die Aufhebung der Bestimmung zu verlangen. Laut Sarkozy könnte Frankreich dem Begehren im Rahmen einer bilateralen Übereinkuft stattgeben.

… die SVP
Die Zeitung „Le Matin“ befragte Westschweizer Politiker, was sie von den französischen Fernseh-Reformen hielten. Für den offensichtlich vom Sarkozy-Geist angesteckten Genfer SVP-Nationalrat Yves Nydegger die Gelegenheit, eine weitere originelle Idee an den Mann zu bringen: Er fordert die vollständige Liberalisierung der elektronischen Medien, und weil es doch noch ein bisschen Service public braucht, sollen die Sendungen, die als Service-public-Leistungen eingeschätzt werden, „an die Sender gehen, die das günstigste Angebot machen“. – An Tele Blocher zum Beispiel?

15. Februar 2009 von Klartext

Filetstücke im Newsnetz

bbü./ Freitag, 23. Januar: Beim Schmökern auf tagesanzeiger.ch/Newsnetz stösst man auf ein spannendes Interview mit dem israelischen Historiker Benny Morris. Samstag, 24. Januar: Grosses Staunen; das Morris-Interview ist die Titelgeschichte des gedruckten „Magazins“. Ist das nun online first à la Tamedia? Wie kommt das „Magazin“-Interview ins Newsnetz?

Auf jenen Webseitenverbund von „Tages-Anzeiger“, „Berner“ und „Basler Zeitung“ mit einem Hang zum Boulevard, wo die Texte manchmal so schnell geschrieben werden, dass etwa aus einer „Kinderkrippe“, in der Kinder getötet wurden, eine „Kindergrippe“ wird – und keiner merkts.
Was da los war, fragte KLARTEXT den „Magazin“-Chefredaktor Finn Canonica und erfuhr, dass solche Überraschungen auch künftig möglich sind: „Es gibt eine ganz neue Regelung: Das Newsnetz kann am Freitag die Kolumne von Michèle Roten und einen weiteren Text von uns übernehmen“, so Canonica. Für zwei weitere „Magazin“-Texte könne das Newsnetz einen Link auf die „Magazin“-Webseite setzen. „Wir leisten mit unseren guten Texten gerne journalistische Entwicklungshilfe beim Aufbau einer starken Tamedia-Online-Plattform“, sagt Canonica. „Aber ob wir das längerfristig tun sollen, müssen wir uns überlegen.“
Ebenfalls überlegen will er sich, ob die bisherige Online-first-Strategie des „Magazins“ so weitergeführt werden soll. Denn schon am Freitag werden alle Texte auf die „Magazin“-Webseite gestellt. Canonica: „Ich bin nicht mehr so überzeugt davon: Sollen wir wirklich alles gratis zur Verfügung stellen oder sollten wir nicht einige Filetstücke davon ausnehmen und nur unseren Leserinnen und Lesern, die ja dafür bezahlen, zur Verfügung stellen?“

Seltsame Synergien
hb./ Trotz Sparplan und Entlassungen hat die Philippe Hersant gehörende Société Neuchâteloise de Presse offenbar genügend Geld, um auf Einkaufstour zu gehen: Im Januar erwarb sie den Neuenburger Gratisanzeiger „Courrier Neuchâtelois“, der in einer Auflage von 90’000 Exemplaren im Kanton verteilt wird. Bereits von Hersant kontrolliert wird der Gratisanzeiger „Arc Hebdo“. Beide zusammen bringen es auf eine Auflage von 130’000 Exemplaren.
Doch weniger der Erwerb des Gratisanzeigers gibt zu reden als die Tatsache, dass der „Courrier Neuchâtelois“ dem Chefredaktor der Hersant-Tageszeitungen „L’Express“ und „L’Impartial“, Nicolas Willemin, unterstellt wird. In einer internen Mitteilung ist die Rede davon, „Verbindungen“ zwischen dem Gratisblatt und den Bezahlzeitungen herzustellen. Heisst das nun, dass im Hersant-Imperium die Grenzen zwischen abonnierten Zeitungen und Gratisanzeiger aufgehoben werden?
Chefredaktor Willemin beruhigt: „Es handelt sich um zwei verschiedene Produkte.“ Der „Courrier Neuchâtelois“, weniger urban und stärker mikrolokal ausgerichtet, sei eine Ergänzung zu den Tageszeitungen. Es könnte allerdings vorkommen, „dass die beiden Tageszeitungen eine Zusammenfassung der Infos aus dem Gratisanzeiger machen oder aber Themen übernehmen und mit weiteren Recherchen anreichern“. Willemin schliesst nicht aus, dass ein Netz von freien LokalkorrespondentInnen aufgebaut werde, das sowohl für den Gratisanzeiger wie auch für die Tageszeitungen nützlich sei.

Aktuelles Heft:

EDITO Ausgabe: 1 | 2017
  • Cannabis macht "Denver Post" froh
  • "L'Hebdo"-Einstellung schockt Romandie
  • Vertrauensfrage beschäftigt JournalistInnen
  • Project R wird Briefempfänger
  • "LandLiebe" präsentiert die schönste Schweiz
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