18. Januar 2010 von Helen Brügger

Edipresse: Das Ende einer Dynastie

Nach drei Generationen geben bei Edipresse die Lamunières das Zepter ab, Tamedia übernimmt. Als Abschiedsgeschenk entlässt der letzte Edipresse-Dynast hundert MitarbeiterInnen.

«Ich bin wie der Direktor des Zirkus Knie: Ich habe Dompteure, Löwen, Tiger, Elefanten, Clowns und Akrobaten», pflegte Marc Lamunière in launigen Ansprachen zum Jahresende zu scherzen. Marc, scharfzüngiger Kolumnist unter dem Namen Marc Lacaze, Krimi-Autor unter dem Pseudonym Ken Wood und Feierabend-Schlagzeuger, ist der kunstsinnige Vater des heutigen Edipresse-Besitzers Pierre Lamunière und der Sohn von Hugenottenabkömmling und Dynastiegründer Jaques Lamun­ière. Seit drei Generationen prägten die Lamunières die Westschweizer Medienwelt. Jetzt ist der Zirkus an Tamedia verkauft. Der letzte Alleinherrscher ist Pierre Lamunière, seine Nachfolger werden nur noch im Verwaltungsrat der künftigen «Tamipresse» etwas mitzureden haben.
Die Rolle des neuen Dompteurs in der Manege spielt CEO Serge Reymond, dem man aufs Wort glaubt, dass er alles andere lieber täte: «Entlassungen auszusprechen ist der schlimmste Moment für einen Manager», seufzt er gequält. Und dennoch hat er genau das getan. Hundert Stellen sind gestrichen worden. Edipresse hat alles daran gesetzt, die Solidarität unter den Entlassenen klein zu halten: Die Forderung nach gemeinsamen Verhandlungen für Druckpersonal, technische und journalistische Angestellte wurde mit Peitschenknallen abgelehnt. Dennoch kam es zu einer grossartigen Solidarisierung, die Zahl der Entlassungen wurde durch freiwillige Arbeitszeitreduktionen verringert.

Jede fünfte Stelle weg
Unter dem Strich bleibt: Bei Edipresse­ ist in den letzten sechzehn Monaten eine von fünf Stellen gestrichen worden. Und man kann fragen, wen man will: «Der Druck wird nicht kleiner.» Denn das will die Show auf dem hohen Seil: Je weniger Lohnkosten Edipresse zahlt, desto teurer wird die letzte Tranche, die Tamedia für das Restpaket von Edipresse aufwerfen muss. Resigniert erwarten die sanften Elefanten, mutigen AkrobatInnen und lustigen Clowns die dritte Welle von Entlassungen. Doch sie finden: Eigentlich müssten auch die Löwen und Tiger in den Chefetagen dran glauben. Doch die zeigen die Zähne, verordnen der Tageszeitung «24 Heures» mehr Boulevard, wollen, dass das Naturmagazin «Terre et Nature» mehr auf Tageszeitung macht, die Tageszeitung «Tribune de Genève» wiederum sich mehr in Richtung Magazin bewegt; und für «Le Matin» gibts die hundertste Repositionierung, damit sich die Zeitung unentbehrlich macht. Vorerst winken die neuen Besitzer aus Zürich nur mit den Samtpfoten: «Man sieht die Tamedia-Leute ab und zu durch die Gänge schlendern, doch ihre Präsenz ist diskret.» Die Angestellten sind überzeugt, dass die Zürcher noch nicht wirklich am Drücker sind: «Edipresse schlägt vor, Tamedia nimmt an.»
Ausser bei den PendlerInnenblättern. Die haben die Pranke aus Zürich bereits am eigenen Leib gespürt. «Matin bleu» und «20 Minutes» sind in einer­ waghalsigen Jongliernummer fusioniert worden. «Sie haben eine Consulting-Gruppe reingeholt, um die bestmögliche Zusammenlegung zu prüfen, da wurde stundenlang geplappert, es war eine groteske, teure, langwierige und belanglose Alibiübung. Mit dem einzigen Resultat, dass man schliesslich die beiden Redaktionen in einer Woche zusammengelegt und in ein scheussliches Büro in der Lausanner Industriezone zusammengepfercht hat. Gut so, nun wissen wir wenigstens, dass wir Journalisten für die da oben nicht mehr zählen als unsere Kollegen, die Arbeiter im Übergwändli!»

Eine Fusion wie eine Karikatur
Am Tag, als die Fusion angekündigt wurde, seien die Chefs aus Zürich im schicken Anzug anmarschiert, während Ex-CEO Theo Bouchat mit offe­nem Hemd dagesessen sei: «Es sah wirklich wie eine Karikatur über das Verhältnis Deutsch-Welsch aus.» Dann habe man als Erstes ein neues­ Redaktionssystem eingeführt, das aber viel komplizierter sei als das alte, ein Grafiker sei nach zwei Wochen mit Burn-out zusammengebrochen. «Statt über Inhalte hat man nur darüber diskutiert, wie viele Elemente vom weicheren ‹Bleu› für das strengere Erscheinungsbild von ‹20 Minutes› übernommen werden sollen.» Ansonsten habe man den Eindruck, «Zürich» wolle mit den exotischen Pflänzlein in der Romandie gar sorgfältig umgehen und sich ja nicht den Vorwurf einhandeln, in die «welsche Kultur» einzugreifen.
Wer aber anmerken möchte, dass man seit Dezember nun die gleiche Arbeit mit hundert Stellen weniger mache, könne auf kein Verständnis hoffen. «Es warten zweihundert Leute vor der Tür; wenn es euch nicht passt, könnt ihr gehen!», laute die Antwort. Todtraurig lachen die letzten Clowns vor dem Abgang: «Gefühlsmässig ist das schon ein tiefer Sturz.» n

18. Januar 2010 von Bettina Büsser

SRG: Konvergenz für Kinder

Eine Redaktion, drei Kanäle: «Kinderwelt» heisst das erste konvergente Programm der SRG Deutschschweiz.

Die erste trimediale Redaktion der SRG Deutschschweiz wird Realität: Unter dem Projektnamen «Kinderwelt» arbeiten MitarbeiterInnen von Radio, TV und Internet an einem Kinderprogramm, das Ende August 2010 starten soll – produziert von einer einzigen Redaktion. «Unser Projektauftrag ist relativ einfach», sagt Thomas Grond, seit November Projektleiter «Kinderwelt» und seit September Redaktionsleiter des SF-Kinderprogramms: «Wir dürfen für Kinder im Alter zwischen zirka sieben und elf Jahren ein trimediales Programm machen. Wir alle arbeiten in einer Redaktion zusammen und produzieren Programme für Radio, Fernsehen und Internet.»
Für die MitarbeiterInnen bedeutet die neue Struktur ein grundsätzliches Umdenken. Am Beispiel einer Bastelsendung erklärt Grond, was Konvergenz konkret bedeutet: Wird heute beim Fernsehen eine solche Sendung konzipiert, denkt man früh darüber nach, wie sie am Bildschirm umgesetzt werden kann. «Künftig müssen wir uns überlegen, was dabei für das Kind am interessantesten ist. Erst dann stellt sich die Frage, auf welchem Vektor es umgesetzt wird.» Radio, TV und Internet können sich dabei gegenseitig speisen – ein Medium nimmt Themen von einem anderen auf, kann sie weiterverfolgen, ergänzen oder vertiefen.
Nach wie vor wird das Fernsehen zeitmässig einen viel grösseren Anteil haben als das Radio: Bei DRS 1 bleibt es bei der täglichen Stunde Kinderprogramm von 19 bis 20 Uhr, beim Fernsehen wird die «Kinderwelt» täglich zwischen 16.30 und 18.30 Uhr stattfinden, mit Eigenleistungen, Live-Elementen und natürlich Serien. «Online», ergänzt Grond, «bildet die Klammer über das ganze Programm.»
Das Angebot für Kinder wird tendenziell ausgebaut, mehr Ressourcen stehen aber nicht zur Verfügung. «Wir behalten die bisherigen Budgets, es ist also keine Sparübung», sagt Grond. Ausserdem ergäben sich Synergien – bisher hatten etwa die Kinderprogramme «Pirando» (Radio) und «Tubii» (TV) je einen eigenen Online-Auftritt, künftig wird es einen «Kinderwelt»-Online-Auftritt geben. Die Zusammenlegung der Kräfte sieht Grond als einen der Vorteile des trimedialen Projekts – er räumt jedoch auch einen Nachteil ein: «Eine Zusammenlegung ist immer eine Kulturveränderung. Alles wird neu, das kann selbstverständlich Ängste auslösen. Wir arbeiten in Gesprächen intensiv daran, dass dieser Change gut verläuft und der Übergang vom Vektor-Denken zum Inhalts-Denken klappt. Das ist ein Prozess, der ja im gesamten Konzern geschieht.» n

Aktuelles Heft

Ausgabe: 4 | 2010 Die Themen:
  • Heller, der Heftlimacher
  • Service Zukunft mit SR DRS
  • Bilderstreit, nächste Runde